Anterhattimgsvlatt des Horwärts Nr. 124. Dienstag, den 28. Juni. 1898 (Nachdruck verboten.) MI Mm die Frethr». Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichs l. „Ich widerspreche Herrn Hipler mit nichten," versicherte Max.„Das römische Recht ist der Schwamm in unserem Hause. Wie die Faust aufs Auge, so paßt es auf unsere deutschen Verhältnisse. Das römische Recht hat unsere Dorf gemeinden um ihr Eigenthumsrecht cm Grund und Boden und um ihre Freiheit gebracht. Es hat den Freien zum Hörigen und den Hörigen zum Sklaven heruntergedrückt. Wenn Junker und Landesherren, gleichviel ob weltlich oder geistlich, sich jeden Uebergriff, jede Unterdrückung erlauben, worauf stützen sie sich, als auf das römische Recht? Es hat den Eigennutz und die Selbstsucht großgezogen und heiligt sie, denn sie sind sein Grundgesetz: auf ihnen baut es sich auf." „Mag sein, werther Doktor," sprach der Ritter gleich müthig.„Allein wie die Welt nun einmal ist, so sind es nicht die schönen und großen Ideen, sondern der Eigennutz, der sie regiert. Frei ist nur, wer Macht hat, denn er hat Recht. Darum sage ich: Macht I Macht! Macht I Das ist die Wünschelruthe, die alle Schätze hebt." Seiue Gattin betrachtete ihn mit bangen Blicken. Sie war nicht die Vertraute seines Kopfes. Er aber war in rosiger Laune und ließ Wein bringen, um auf das Wohl Wendel Hiplcr's und Florian Geyer's zu trinken. Er ersuchte Max, ihn dem letzteren bestens zu empfehlen, wann er wieder nach Giebclstadt schriebe. Dann sagte er, die Becher nochmals füllend:„Ich würde meine Behauptung von vorhin Lügen strafen, lieber Doktor, so ich über dem Wohle jener vortreff- lichen Männer unser eigenes vergäße. Ich bin auch ein wenig Zeichendeuter und so bringe ich diesen Trunk Euch, lieber Doktor, mit dem Wunsche zu, daß die glücklichen Aspekten, welche ich für unsere Sache in den Sternen lese, sich, und zwar bald, erfüllen mögen!" Jedenfalls hatte er, seitdem er in Rothenburg war, keine Zeit verloren, um seine Sache zu fördern. Er war sogleich mit den Männern, die an der Spitze der reformatorischen Bewegung standen, in Verbindung getreten, indem er sich durch den Alt- bürgermeister bei dem Fräulein vonBadell hatte einführen lassen, deren Haus am Burgthor ihnen zum Stelldichein diente. War dieser Verkehr schwerlich dazu angethan, ihn bei Rath und Ge- schlechtern in guten Geruch zu bringen, desto mehr gereichte er ihm bei der Bürgerschaft zur Empfehlung. Auch benahm er sich gegen diese in leutseliger Weise, und die stolze Haltung, die er dem Patriziat gegenüber behauptete, galt ihr als ein Beweis, daß er sich in seinem Gewissen von den An- schuldigungen, die auf ihm ruhten, rein wußte. Es war ihm keiner zu gering, und wann ihn sein Weg über den Haupt- markt führte, so blieb er bei den Krambuden am Rathhause stehen und unterhielt sich mit den Händlern und den Leuten. die sich dort zusammenfanden. Es fehlte hier gewöhnlich nicht an Müßiggängern; denn man erfuhr hier immer das Neueste aus der Stadt. Auch sorgten die Meister, mit denen er nächtens im Hause Kilian Etschlich's über die öffentlichen Angelegenheiten berieth, dafür, daß sein Ansehen in der Stadt wuchs. Eines Tages beschenkte er Else mit einem kostbaren Gewandstoff aus venetianischer Seide. Es stand ein Ge- schlechter-Tanz bevor und er wollte bei dieser Gelegenheit die Tochter in die Welt einführen. Es dünkte ihn an der Zeit, aus der bisherigen Zurückhaltung herauszutreten, sollte diese nicht von den Patriziern falsch gedeutet werden. Die Kost- spieligkeit des Stoffes machte Frau von Wenzingen betroffen. Denn sie wußte nur zu gut, daß die Vermögenslage ihres Gatten eine so große Ausgabe nicht gestattete, und legte sich und den Kindern manche Einschränkung auf, um sein Ver- langen nach einer feineu Tafel befriedigen zu können. Er ge- hörte zu den Männern, die für ihre eigene Person sich jeden Wunsch erfüllen, und seine Gattin war geneigt, seinen Hang zum Luxus mit den Entbehrungen zu entschuldigen, die er im Dienste des Herzogs Ulrich nach dessen Sturz hatte ertragen müssen. Da nachträgliche Vorstellungen die Sache nicht mehr zu ändern vermocht hätten, so schwieg sie über die großen Kosten, in die er sich um Else's willen gestürzt hatte; auch wollte sie derTochter die Mädchenfreude nicht verderben, mit der diese den prächtigen Stoff in der vollen Tagesbeleuchtung flimmern ließ. Else selbst aber faltete ihn bald wieder zusannnen und legte ihn mit den Worten bei Seite:„Das ist viel zu kostbar für mich. Darin könnte eine Grafentochter zu Hofe gehen." „Und warum Du nicht?" fragte der Vater mit einem Stirnrunzeln.„Die Menzingen sind ein tournierfähiges Ge- schlecht und wer weiß, ob der Tag nicht näher zur Hand ist als Du ahnst, der Dich an einen Fürstenhof führt." Else sah ihn mit weit geöffneten Augen an, schüttelte im stummen Widerspruch die Locken und trug den Gewandstoff hinweg. „Ihr solltet nicht versuchen, das Kind ehrgeizig zu machen," stellte die Mutter dem Ritter vor.„Fürstengunst, was hat sie Euch eingetragen, mein Gemahl? Der eine hat es still- schweigend geschehen lassen, daß Ihr ihm Euren guten Leu- mund opfertet, der andere hat Euch mit in seinen Untergang gerissen. Der Sinn unseres Kindes ist schlicht und ernst, Glanz würde es nicht glücklich machen." „Laß' Else ihn nur erst kennen lernen," versetzte Herr Stephan.„Ihre Geburt weist sie in höhere Kreise als der- jenige ist, welchen dieser Adel von Elle, Scheffel und Kelter bildet. Adelig wollen Sie sein, es ist zum Lachen." „Und dennoch wähltet Ihr aus diesem Kreise Eure eigene Gattin," betonte sie. „Wohl, wohl l" rief er verdrießlich.„Der Mann hebt die Frau zu sich empor, oder er zieht sie zu sich herunter. Doch sorge Dich nicht um die Zukunft, sondern nur, daß Else ihreni Stande gemäß auf dem Tanzhause erscheint." Frau von Menzingen schwieg bekimimert. Während sie und Else in dem stillen Frauengemach mit den Vorbereitungen zum Feste sich beschäftigten, erhielt die schöne Gabriele aus dem Kloster, in dem sie erzogen worden, von der ehrwürdigen Schwester Lamperta ein Brieflem, worin sie um ihren Besuch gebeten wurde. Schwester Lamperta unterwies die Klosterschülerinnen in den weiblichen Handarbeiten, unter denen für die vornehmen Fräulew die Kunst des Stickens obenan stand. Damit der Geist dabei nicht müßig blieb, so ließ sie unterdessen die Schülerinnen ab- wechselnd aus dem„Leben der Heiligen" vorlesen, oder sie öffnete das Schätzkästlein ihrer eigenen Erfahrungen und er- zählte von dem Leben des Adels, von Tournieren und Hof- festlichkeiten und lehrte, wie edle Fräulein sich dabei zu be- nehmen hätten. Sie war auch die Lehrmeisterin Gabriele'S und Sabine's gewesen, und die Kissen, Decken und Deckchen, mit denen in dem gemeinsamen Zimmer der beiden Mädchen alle Sessel, Betpult, Tische und Tischchen belegt waren, legten rühmliches Zeugniß von dex dort erworbenen Kunstfertigkeit ab, aus goldenen, silbernen oder farbigen Fäden auf Tuch, Seide und Sammet zierliche Gebilde herzustellen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, so rührte jedoch die Mehrzahl dieser Arbeiten von der fleißigen Nadel Sabine's her. Ihre Freundin versiigte nicht über die dazu erforderliche Geduld, wie ihr Handarbeiten überhaupt zuwider waren. Sie zog es vor, in einem der geschnitzten, weichen Sessel zu liegen und träumerisch die Gestalten und Muster der Teppiche, welche die Wände verhängten, oder die goldenen, silbernen und krystallenen Gefäße und die Majoliken, welche die Gesimse schmückten, zu betrachten. Wovon träumte sie? Trotzdem und obgleich sie weder ein fleißiges, noch artiges Kind, war sie der Liebling der frommen Schwester Lamperta gewesen und war es noch. Vielleicht weil sie in Gabriele's Wesen wie in ihrer verheißenden Schönheit den Stoff erkannt hatte, aus dem sich das Muster einer Edeldame formen ließ. Sie hatte deshalb auch nicht die Bemühungen ihrer fromme» Mitschwestern unterstützt. welche nach dem Tode von Gabriele's Eltern den Goldfisch für den Klostcrteich zu gewinnen trachteten, während der da- malige Rath darauf bestanden, das Permögen der Stadt und den Geschlechtern zu erhalten. Warum Schwester Lamperta ihren ehemaligen Zögling am folgenden Tage zwischen 10 und 11 Uhr zu sprechen wünschte, war in dem Brieflein nicht angegeben. Es war nicht das erste Mal, daß Gabriele einen solchen Zettel er- hielt, denn die fromme Schwester hörte sie gern von d« Welt draußen erzählen. Die Pförtnerin des Klosters wies Gabriele nach dem Garten, welcher auf drei Seiten von einer gewölbten Halle umschlossen war, die vierte Seite nach dem Thslle bildete die Stadtmauer. Schwester Lamperta lust- wtmdette nicht einsam in dem Kreuzgange. Ein Mann in dunklm Mantel und schmucklosem Barett ging ihr zur Seite. Beide b-hrt� Gabriele den Rücken. Die Dominikanerin ver- nahm das Rascheln der weiblichen Gewänder auf den Stein- fliesen zuerst.„Ach. da bist Du ja endlich, mein süßes Kind," rief sie erfreut, indem sie sich umsah, imi watschelte dem Mädchen entgegen. Denn wie den Frommen alles, so war der ehr- würdigen Schwester Lamperta das Klosterleben zum besten ge- diehen. Sie war vortrefflich genährt und das runde Gesicht, das dem Besuch aus den Weißen Binden unter schwarzem Schleier entgeaenglänzte, strafte die reichlich vierzig Jahre ihres Daseins Lügen. Es war noch ganz glatt und schimmerte so weiß und rosig, als ob es nur eben mit Wachsfarben angestrichen wäre. Die Hand, die sie schon von ferne aus dem weiten Aermel ihrer weißen Kutte dem Mädchen entgegen- streckte und von dieser pflichtschuldigst geküßt wurde, hatte an stelle der Knöchel lauter Grübchen.„Nein, wie reizend Du wieder aussiehst," fuhr sie fort und überflog mit kleinen ent- zückten Augen den schönen Besuch. (Fortsetzung folgt.) Die Nusltellung vre Wiunchenev Sezefiron. München, Mitte Juni. I. Wer aufmerksamen Blicks die Säle des KunstausstcllungS- aebäudes am hiesigen Königsplatze durchwandert, in denen dieses Jahr die Mitglieder der sogenannten Sezession ihre Ausstellung ver- anstaltet haben, der hat sofort das behagliche Gefühl, dast jetzt der hastende Kamps um das Neue vorüber und an seine Stelle ein stilles, ruhiges Werden und Wachsen getreten ist. Nur vereinzelt beobachten wir noch an den ausgestellten Werken jenes iiiiruhige Tasten und Tappen, das stüher so häufig die Beschauer störte und verwirrte; fast überall dagegen ein sicheres Fortschreiten auf den einmal ein- geschlagenen neuen Bahnen, ein langsames Ausreifen der neuen Licht- und Farbenprobleme. Natürlich haftet der Blick zuerst an den leider ziemlich spärlich gesäten Bildern der großen deutschen Meister, die heute schon überall als die Bahnbrecher der modernen Kunst gefeiert werden. Der größte unter ihnen, Böcklin, ist nur durch ein kleines Gemälde vertreten, den„Hüter des Geheimnisses", eine düstere nackte Männergestalt, die, ein seltsames Geschmeide uni die Lenden gegürtet, in der gesenkten Rechten den Hannner, die Linke abwehrend erhoben, in einem dunkeln Gewölbe steht, in dessen Tiefe es geheimnißvoll aufleuchtet, wie rothglühendes Gold— zu Füßen des Riesen die hingestreckten Leichen zweier Gewapp- neten— das Ganze nur Stimmung, zu der sich jeder Beschauer seine eigene Geschichte hinzudichten kann. Den schroffsten Gegen- satz zu dieser berückenden Phantastik bildet U h d e' s ganz der Wirklichkeit abgelauschte Porträtstudie— ein alter Mann mit vollem grauen Lockenhaar, den energischen Kopf»nit der röthlich gesunden Gesichtsfarbe keck zurückgeworfen, in zwangloser Morgentoilette, das Hemd am Halse offen, im langen grauen Rock, die Hofen unten auf- gekrempelt— in der scharfeil Charakteristik und der Einfachheit der aufgewendeten Mittel an die besten Arbeite» des berühmten Spaniers Velasquez erinnernd. Neben diesem den vollcnZauber des wirklichcnLcbens athmendcn Meisterwerke macht„Der Abschied des jungen Tobias", eine schlichte Berkörperung der bekannten biblischen Legende, die derselbe Künstler in einem andere» Saale ausgestellt hat, einen nur schwachen Eindruck. Und doch mochte ich diesem kleinen Gcnrebilde vor Franz S t u ck' s„Kreuzigung", die sich schon äußerlich viel anspruchsvoller darstellt, den Vorzug geben. Offenbar verführte Dürcr's Vorbild den modernen Künstler zu dem Wagniß, uns von der vor dem Kreuze zusammenbrechenden Maria und von ihren beiden Begleitern nur die Rückseite mit halb zugewendetem Profil zu zeigen. Aber man fragt bei Stuck auch jetzt noch, da er das Bild(es ist ein Jugendwerk des Künstlers) nur übermalt hat, w o bei der liegenden Haltung der Unterkörper der Maria hingekommen ist. Zudenr ist der Gekreuzigte selbst, im Gegensatz zu den prächtigen Charakter- köpfen der Schacher, allzu konventionell gehalten. Abgesehen aber von diesen kleinen Mängeln, verräth der große Wurf des Ganzen, vor allem auch die Hintcrgrundstimniung, das Meer schaulustiger Köpfe/ die aus der Tiefe zum Kreuz emporgrinsen, schon deutlich den werdenden Meister. Ganz er ielbst tritt uns aber Stuck erst in seiner„Pallas Athene" entgegen, einem antiken Kultusbilde, dem der Künstler die Züge seiner eigenen Eirau geliehen hat. Starr und unnahbar, wie die Trägerin er Aegis, schaut das todtblasse, fahle Gesicht mit den strengen Augen und dem schwarzgrünen Helm dem Beschauer entgegen. Der goldene Hintergrund. die dunkle Rüstung. das wachs- bleiche Geficht geben der steif stilisirten Figur, die mit der Linken den Lanzenschast umspannt und auf der Reihten eine Viktoria trägt, den monumentalen Charakter einet ankiken Prozessionsstatue. Eine ähnlich überraschende koloristische Wirkung, nur daß sie sich nicht aus so schroffen Gegensätzen zusammen» setzt, erzielt Stuck mit seinem Harfen spielenden„Meerweib", dessen goldbrauner Leib mit dem tvildschnsüchtigen Gesicht ganz von den tiefblauen Tinten des Meeres umspült ivird. Das Bedürfniß, zu stilisiren, das heißt die Natur wieder zu bestimmten künstlerischen Zwecken zu meistern und zurechtzustutzen, eine bestimmte Auswahl von Linien und Farben zu treffen, um durch sie eine besondere Stimmung möglichst rein und klar zu veranschaulichen, macht sich überhaupt in der modernen Kunst mehr und mehr geltend, und diesem Neuidealismus, wie man zu sagen pflegt, huldigen gerade die sinnigsten Naturschwärmer. Man betrachte nur einmal Hans Thoma's„Frühling in der Campagna", eine von strah- lcndem Sonnenschein überfluthcte, blumige Wiese, auf der sich allerlei mythologisches Menschen- und Viehzeug mit einer treuherzig steifen Grazie herumtunimelt— eine antike Staffagelandschast, die in ihrer naiven Naturauffassung vielfach an unsere alten deutschen Meister gemahnt. Und nun gar desselbenKünstlers„Adam und Eva", das unssast wie ein mittelalterliches Altarbild anmuthet und doch durch und durch modern empfunden ist: ein goldener Abcndhimmel als Hintergrund, von dem sich die nackten Leiber des ersten Menschcnpaares prächtig abheben— die rothhaarige Eva die Hand lüstern nach dem goldenen Apfel des ihre Häupter überschattenden Baumastes ausstreckend, Adam, wie immer bei Thoma, mit hilflos blödem Gesichts- ausdruck danebenstchend— hinter beiden, zwischen den seitlich gespreizten Knochcnarmen das Leichentuch spannend, so daß es fast in Schulterhöhe wie eine spanische Wand die ganze Breite des Hintergrundes abschließt, der Tod— vorn, das übliche Feigenblatt ersetzend, ein steis stilisirter Strauch, dessen hell- grüne Zweige die Lendenparticn der Nackten unispielen— ein Ge- mälde, das ebenso durch die klare und scharfe Ausprägung des ein- fachen Grundgedankens, wie durch den streng architektonischen Aufbau und die feinabgetönte Farbenharmonie den Beschauer, der sich seiner herben Schönheit ruhig überläßt, auch nachhaltig zu fesseln vermag. Den eigentlichen Brennpunkt der Ausstellung, um den sich für den unbefangenen Beobachter alles übrige gruppirt, bildet die reichhaltige Sammlung russischer und finnischer Ge- mälde, die beide, bei sehr verschiedenartiger Technik und großer Mannigfaltigkeit der malerischen Motive, doch ihren ganz besonderen nationalen Stempel an der Stirnc tragen. Welch' melancholischer Reiz, den schwermüthigcn Klängen des russischen Volksliedes vergleichbar, zittert über den düsteren Landschaften von Isaak L e v i t a n und S e r o f f! Die„Sümpfe" des Engländers Peppcrcorn sind mit ihren stunipsen Bäumen, ihrem grauen Himmel und graubraunem Wasser gewiß ein Bild trostloser Ver- lasscnheit. Aber Ivos hier gleichsam nur wie verhaltener Schmerz um die zuckenden Lippen spielt, das beginnt auf Jsaak's Levi- tan's„Ewiger Ruhe" zu klingen, ticfrraurig und doch tröstlich wie das Lied vom Allerlöser Tod. Dies verwitterte Kirchlein auf der Felshöhe über dem Meer, umgeben von den verwahrlosten Gräbern, hinausschauend auf das endlose Wasser, das bis zum umnebelten Horizonte seine bleigrauen Wellen treibt, der ganze Himmel ein qualmendes graues Gewölk— ist das nicht ein rührendes Sinnbild der grauen Unendlichkeit, in der alles Leben mit all seine» bunten Farben untertauchen muß? Achnliche Klagctöne hat S c r o f f in seinem„verwachsenen Teich" in Farben übersetzt, und auch Levitan's„letzter Schnee" ist ein solches Stück slavischer Lyrik, nur daß hier das Grau der Gesammtstimmung durch helle, röthliche, gelbe und weiße Lichter sanft belebt wird. Eine weiche, wchmüthige Frühlingslust umspielt N c st o r o w's beide„Mönche", die sich, ein baumlanger und ein kurzer Asket, unter den knospenden Bönnien auf dem Kiesweg des Gartens spazierend der stumpfsinnigen Andacht des Brevirlescns hingeben. Die beiden scharscharaktcrisirten Gestalten rühren wenigstens den Beschauer durch ihre warme Menschlichkeit, während die am Grabe knicende, enthauptete„heilige Barbara" desselben Künstlers, der vom Boden der eigene Kopf cntgcgengrinst, während vom Himmel her sich eine strahlende Märtyrerkrone dem kopflosen Halsstumpf nähert, durch die aller Malkunst spottende Geschmacklosigkeit der kirchlichen Legende jeden Unbefangenen einfach anwidert. Fast ebenso fremdartig berühren uns Westeuropäer, des un- bekannten Sagenstoffs ivegcu, die sehr keck entworfenen und streng archaistisch stiiisirten, in den Farben bisweilen geradezu entzückenden Aquarcllillustrationcn Malioutines; dagegen ruht unser Auge gern aus den weißen, rothcn und mattblauen, von der Mitternachtssonne" be- schienenen Schnecfläche C z i o g I i n s k y's, die ein liebevolles Versinken in die eigenthümlichcn Schönheiten der Polarzone verrathcn. Auch K o r o v i n e's„Winter" und„Hafen von Marseille" sind von warmer Empfindung durchtränkte Wiedergaben kleiner landschaft- licher Ausschnitte, ohne alle willkürliche Zuthat. Dagegen lieben eS Somoff und A. B e n o i s, ihre zart hin- gehauchten Aquarelle, deren Mottve meistens der Umgebung von Paris entlehnt sind, mit sehr humoristisch aufgefaßten Rokoko- figürchen zu beleben. Vom landschaftlichen Genrebild bis zum Stilllebcn ist scheinbar nur ein Neiner Schritt. Marie Jakountschikow darf auf diesem Gebiete. wenn man ihre beseelten Abbilder des tobten Kleinkrams schon so nennen darf, als Meisterin gelten. Ihre.Glocken", unter deren Schwingungen man die Sparren des Glockenstuhls gleichsam beben sieht, und ihre lodernde»Flamme" sind allerdings etwas anderes, als das ge- wöhnliche Küchengemüse der in Wasserfarben sündigenden Blau- strümpfe, und aus ihrem„Hof" mit seinem winkeligen Gemäuer und dem durcheinander gewürfelten Gerümpel ließe sich die wunder- lichste Großftadtgeschichte zusammendichten. Dagegen erinnern Theodore Botkine's weibliche„Silhouetten", denen jedes Nationalkolorit fehlt, uns nur zu deutlich daran, daß man trotz aller Handfertigkeit auch in Paris kein Meister wird, wenn einem das innere Auge fehlt. Der russischen Melancholie, wie wir sie bei Levitan und Nestorow ausgeprägt finden, huldigt auch Lager st ram von Helsingfors in feinen beiden Landschaften. Sonst aber erquickt uns an den Werken der Finnen oder, besser gesagt, der in Finnland lebenden Skandinavier, die dieses Jahr den Russen in der Landschaftsmalerei schier den Rang ablaufen, gerade die sonnige Freude an den blauen Seen, den sanftgeschwungenen Hügeln und grünen Wäldern der Heimath. A. Gallen schwelgt förmlich in den leuchtenden Farben, die„nach dem Regen" oder um„Sonuenuntcr- gang" das Auge entzücken, und auch die„helle Sommernacht" mit ihrem Mondstrahlenspiel hat es ihm angethan. Und Järnefelt läßt alle Regenbogenfarben auf seine„grünen Inseln" niederstrahlen, daß Himmel, Meer und Wald magisch leuchten. Die echte Liebe zur Natur zeigt sich aber gerade im Kleinen und Allerkleinstcn; das lehren uns desselben Meisters zahlreiche Aquarelle. Eine Föhre auf ein- samcm Fels, einige Tannen an schneeigem Hang, oft nur ein knapper Ausschnitt des Baumes mit entsprechendem landschaftlichen Hinter- grund genügt dem Maler, um ein stimmungsvolles Aquarell daraus zu gestalten, und gerade hier zeigt sich, welch packende Wirkungen sich mit den früher verpönten und verhöhnten abgehackten Bäumen, deren Stamm oder Krone von der Umrißlinie des BildcS mitte» durchschnitten wird, von einem wirklichen Stimmungskünstlcr erzielen lassen. Auch B l o m st e d' s Naturauffassung zeigt dasselbe ftöhliche Gesicht. Die spielenden Schncelichter der„Wintcrlandschaft", zwischen deren kahlen, hochgewachsenen Baumstämmen sich der vereiste Bach in vielen Windungen hinschlängelt, haben es ihm angethan, und sein Auge labt sich an den„Sonnenstrahlen", die die grünen Hügel mit Goldglanz überschütten. Dagegen weht uns ans Magnus E« ck e l r s Pastellbild„Der Tod" thatsächlich ein Hauch der Verwesung entgegen: über eine öde, endlose Schnecflächc schreitet, in einen grauen Mantel gehüllt, eine hagere, etwas gebückte Gestalt. Der Kopf steckt ganz in der Kapuze. Sieht man aber näher zu. so grinst einem aus dem grauen Tuch ein Todtcnkopf, ein Gerippe ent- gegen. Ich habe schon oben, da ich von den Landschaftsbildcrn sprach, den scharf ausgeprägten Nationalcharaktcr der aus- gestellten russischen und finnischen Werke hervorgehoben. Aber sind es nur die slavische Melancholie, die schwcrmiithiM Lyrik und die helle Naturfreude, die dem Fühlen und Denken dieser Halbasiatcn die eigcnthiimliche Färbung geben? Nein, schon Malioutines' Aquarelle zum„Czar Saltan", die ich bereits kurz erwähnte, befremden uns vielfach durch schreiende Farben- kontraste und durch gewisse Uebertrcibungcn in der Zeichnung. Dieser barbarische Zug aber, der uns zugleich anlockt und abstößt, tritt nirgends schärfer und deutlicher zu tage als in G a l l e n' s grellfarbigem Gobclingcmälde„Die Verthcidignng des Schatzes Sampo". lind doch wird keiner, der das Tcppichbild länger betrachtet, etwas daran auszusetzen haben! denn der wilde Sagenftosf, dies grüßliche geflügelte Ungeheuer, das auf stürmischem Meer auf das Schiff hcrniedcrsaust, kann gar nicht anders als in diesen schreienden Farben dargestellt werden, und diese schreienden Farben entsprechen andererseits wieder so vortrefflich dem technischen Zlveck, dem das Ganze dienen soll. Aber vor lauter Landschaften und Tcppichbildcrn hätten wir fast das Beste vergessen, was uns diese russische Ausstellung geschenkt hat: S c r o f f' s meisterhafte Portraits. Ich bin gewiß kein Verehrer gemalter Majestäten und Hoheiten: aber wenn dabei der ganze Charakter des Menschen so klar zum Ausdruck kommt, Ivie auf dem Siroff'schen Bilde des Grohsürsten Paul, der mit blöd hochmiithigem Gesicht neben seinem Gaule steht, so läßt man sich die Sache schon gefallen: höchstens bedauert man den genialen Künstler, daß er keinen würdigeren Gegenstand geftmden hat. Da war Fräulein Momontow doch ein ganz anderes Modell. Man merkt aber auch dem Porträt des jungen Mädchens die stille Schaffensfreude dcS Künstlers an, der sich nicht genug thun konnte, bis er dies Menschenbild mitsammt seiner ganzen Seele in zarten Farben wicdergcspiegclt hatte. Die weiße Tapete des Zimmers, das weiße Tischtuch, das hohe Fenster im Hintergrund, durch das man einige flimmergrüne Baumzlveige des Gartens sieht,— das alles ist ein einziger Lichtstrom. Und in diesem Lichtstrom, an dem weißen Tisch, auf dem einige rothc Blumen stehen, sitzt das nußbraune Mädchen mit den großen dunkeln Augen, vollen rotheu Lippen, in einer rosa Blouse. mit einer lnallrothen Nelke im dunkeln Shlips — eine liebliche Symphonie in Weiß, Rosa, Roth, Braun! Aber es ist mehr als eine bloße Farbcnstudie; denn jeder Zug in diesem Gesicht ist Leben und Wahrheit, und all die fein abgetönten Lichter der Umgebung dienen nur dazu, den seelischen Ausdruck dieser halb- reifen Mädchenzüge zu verstärk-n. Darum aber ist dieses Siroffffche Porträt, dem sich das mehr in grauen, schwarzen und gelben Tönen gehaltene Bild einer älteren Dame cbenbürttg anreiht, wohl das Meisterstück der ganzen diesjährigen Ausstellung, Die Porträtmalerei ist überhaupt neben der Landschaft durch das Ausland wie durch die Deutschen wohl am besten vertreten. Die beiden geger-fätzlichen Voraussetzungen aller modernen Kunst, das liebevolle Sidpcrfznken in den darzustellenden Gegenstand oder, wenn ich so sagen darf, das Sichverlieren an die Natur und das starke Hervorkehren der künstlerischen Persönlichkeit oder die besondere, ureigene Art des Schauens und Empfindens— wo könnten sie sich so durchdringen und so innig verschmelzen, wie hier, wo es die Naturtteue des Menschenbildes eben durch die besondere künstlerische Auffassung des Rohstoffes zu verwirklichen gilt? Natürlich kann ich mich hier auf eine nur einigermaßen vollständige Aufzählung der wirkich guten Bilder nicht einlassen, sondern muß nothgedrungen wieder mit mehr oder weniger Willkür einige besonders hervorstechende Beispiele herausgreifen. Da hat uns der Engländer M e l v i l I e auf grauem Grund mit wenigen braunen und Iveißen Tönen' einen„Mann in Kniehosen" hingemalt, der die Hände in den Hosentaschen, so sicher und selbstbewußt dasteht, daß wir fühlen, hier wirkte jeder koloristische Effekt und jede malerische guthat, und wäre es nur eine Tapete, ein Stuhl oder ein Fenster, nur störend und verwirrend. Ganz anders bei dem Belgier K h n o p p f, dessen entzückendes Kind, das aus dem braunen Kleidchen so klug erstaunt hervorlugt, gerade durch die weißgrüne Glasthür im Hintergrund erst die rechte Folie bekommt. Oder gar bei dem Schweden L a r s s o n. bei dessen zimmerhohcm Gemälde„Die Meinen" sogar der Rahmen die Barriere darstellt, an der die jüngsten Knirpse der dem Beschauer entgegenkommenden Familie ihre Turnkünste üben— ein Freilichtbild voll Sonne und Leben, gegen das Viggo Johansen's„Frau und Kinder", sonst eine tüchtige Arbeit, ziemlich verblassen. Doch hat der letztgenannte Künstler uns dafür seine„Freunde", wie sie sich abends ungezwungen bei ihm um die Lampe flegeln, in prächtigen Charakterköpfcn ver- ewigt. Ein Malerintcricur, ivie es stimmungsvoller zurCharakterisirung des dargestellten Menschen nicht gedacht werden kann, hat der Italiener S e g a n t i n i hingepinselt, um uns seinen Freund Viktore Grnbicy mitten auf dem Trümmerfeld seiner Thätigkeit vorzuführen. Dagegen war es dem Engländer Steven du Moni offenbar hauptsächlich um ein interessantes Farbenproblem zu thun, als er auf grauem Hintergrund die graugekleidete Dame mit dem leb- haften rosigen Gesichtchen den weißgefütterten Kragen anziehen ließ und in diese lichtgraue Sttmmung nur durch das zarte Rosa der Blume auf dem Schrank, auf dem Hut und im Gürtel des Mädchens einige Abwechselung brachte. Judessen wäre es ungerecht, über den Ausländem die jungen Deutschen, insbesondere die Münchencr Porttätisten zu vergessen. Da hat namentlich Samberg er, der nach Lenbach's Muster, aber dock, ganz selbständig in der Auffassung seine hcllbeleuchteten Köpfe auf die dunkeln, verschwimmenden Umrisse des sonstigen Körpers setzt, diesmal ein Damcnporträt von packendem AuSdmck geschaffen. Auch der Herr Baron AnetSbcrgcrs, der schlicht nach der Manier altdeutscher Meister gemalt ist, schaut mit seiner röthlichcn Nase, deren Färbung durch dcn'knallrothen Shlips geschickt gemildert wird, gar klug hinter der Brille hervor den Beschauer an. Fritz Erlcr hat den Komponisten des Zarathustra, Richard Strauß, sehr charatteristisch erfaßt; nur schade, daß Kopf sich nicht Plastisch genug von dem rothcn Hintergründe abhebt.- Aber sie alle, neben denen ich wohl noch ein halbes Dutzend Namen nennen könnte sich erinnere nur noch an S l e v o g t's Mann mit Pfeife und Buch bei der Lampe), verschwinden neben H a b e r m a n n, der diesmal mit seiner blonden, lachenden Dame, die uns in zwei verschiedenen Farbenakkorden— braunes Kleid auf grauem Grund und rothes Kleid auf rothem Grund— und außerdem noch einige Male als Studie und endlich als Bacchantin gleichsam von allen Wänden ankichert, alle Deutschen in Schatten stellt. Man denke sich ein mageres, häßliches, wüstsinnliches Gesicht, zur Schönheit verklärt durch ein verführerisches Lachen, das gleichsam den ganzen Körper bis in die Fingerspitzen durchrieselt. Man kann sich über das Frauenzimmer noch so ärgern, ihr Lachen steckt an und zivingt einen, sie immer wieder anzuschauen. Dabei ist das malerische Detail bis auf die Farbe des Handschuhs auf dem einen und den blitzenden Ring auf dem andern und den, warmen Fleisch- ton auf dem dritten Bilde sBacchantin) so raffinirt geschickt behandelt, daß dadurch der Zauber dieser vergeistigten Sinnlichkeit noch ver- stärkt wird._— r. Vleinos Fouillvkon — Ick. Der gute To». Sie sitzen auf der Veranda. Kein Sonnenstrahl kommt in den überdachten Raum. Die Jalousien sind tief herabgelassen, so daß eine matte Dämmerung herrscht. Trotzdem die Sonncngluth abgewehrt wird, ist die Luft in der Veranda doch heiß. Sic ist so stickig und dumpf, wie sie immer in abgeschlossenen Räumen ist. Die Menschen auf der Veranda sind der Gluth erlegen. Papa und Mama sind eingenickt. Er schläft hintenüber auf seinem Korbstuhl. Sie drusselt über ihrem Häkclzeug. Die beiden ältlichen Töchter haben sich auf Iben Bänken ausgestteckt. Die Bücher, in denen sie gelesen hatten, liegen auf der Erde. Die Sommer- nachmittags-Gluth dörrt das Hirn. Da liegt man lieber und starrt vor sich hin. Die Mädchen springen empor. Das Gartentbyr hgt gekreischt, Fetzt kommt über den Ktesweg ein Mann heran. Papa und Mama ermuntern sich bei den leisen Zurufen der Töchter. Der hoch- gewachsene hagere Mann, in dem verarbeiteten und vergrübelten Ge- ficht die platte Unterwürfigkeit und den Fanatismus des Strebers, wird von ihnen mit grotzcr Freude empfangen..Nun, wie steht's?" fragt Papa. Die Töchter, die sich dem Mann genähert haben, werden nur flüchtig von ihm begrützt, so dag sie sich verletzt zurückziehen und sich mit ihren Büchern wieder auf die Bänke setzen. Der Mann ist noch so erregt, daß er erst auf die zweite Frage antwortet:„Nun, der Gastwirth ist gewühlt! Unser lieber, verehrter Superintendent ist durchgefallen." Der Papa fährt mit seiner fleischigen Hand zwischen Hals und Kragen herum:„Das ist ja aber schändlich I.. Was soll denn nur daraus werden, wenn lauter solche Leute, die nicht einmal das Gymnasium besucht haben. in den Reichstag kommen? Die geben das Beispiel— na, und da wird den» wohl der gute Toii des öffentlichen Lebens und dann der des Familienlebens verdorben." „Ja, ich weiß auch gar nicht, wie kann man nur solche un- gebildete Menschen wählen. Die dürsten überhaupt gar nicht in den Reichstag," meivrt die Mama. Die Töchter machen verwunderte Augen. Wie kann man sich nur über den Reichstag, über die Wahlen so austcgen! Der einen fällt plötzlich ein, daff die Romanbackfische, die recht vorlaut sind, immer am ehesten von einem Mann„erwählt" werden. Nasch sagt sie:„Aber, Papa, ich habe ein Fugblatt unseres Herrn Super- intcndeMen gelesen, da-Z war alles, nur nicht vornehm und gebildet. Ja, da waren ganz ordinäre, abscheuliche Stellen drin." Sie hat nicht auf die heimlichen Winke der Mama geachtet. Als sie Wetter reden will, schreit der Papa, vor Aerger zitternd: „Halt's Dlatil! Was versteht so'n blödsinniges Frauenzimmer von Politik?! Hast Dich überhaupt nich um Politik zu kümmern. Du übergeschnapptes Ding! Steck Deine Fratze in's Buch!" Auf einen flehenden Blick der Mama schweigt er. Der junge Mann sagt aber zustimmend zu ihm:„Ja, ja, Frauen haben nichts in der Politik zu thun.... Jetzt wollen sie ja auch die Frauen zum Studium zulassen. Schließlich haben wir auf dem Gymnasium noch Kollegen in Röcken." „Jadoch! Die Gänse... die... die Schafe.. „Aber Mann!" ermahnt die Mama. .Na... ja!" Es wird still. Der junge Mann sieht imn doch etwas beschämt vor sich nieder. Ihn scheint das eingetretene Schweigen der Vcr- legenheit zu drücken. Er denkt wahrscheinlich über de» guten Ton nach.... Physiologisches. lo. Einen Einfluß von Tönen auf die Hand- schrift hat nach einem neulichen Vortrage vor der Gesellschaft der Aerzte in Wien Urbantschitsch nachgewiesen. Nach den Versuchen an einer großen Zahl von Personen veranlassen tiefe Töne den Schreibenden unwillkürlich dazu, die Buchstaben größer zu machen, besonders gegen das Ende der Sätze mid der einzelnen Worte, ebenso fallen auch die Schnörkel größer aus; die Ursache ist ein Nachlassen der Mnskelspannung infolge der Tonempfindung. Bei hohen Tönen werden umgekehrt die Muskeln mehr angespannt, die Buchstaben und Schnörkel werden kleiner, viele Personen fühlten einen solchen Widerstand beim Schreiben, daß sie plötzlich damit innehielten, auch die Punkte auf den Umlauten und über dem i wurden häufig weggelassen. Bei tiefen Tönen besteht die Neigung, unter die Wagerechte herunterzugehen, während bei hohen Tönen die Zeilenlinie ansteigt.— Aus dem Pslanzenlcben. u. Europäische Pflanzen in Amerika. Alle in Amerika wohnenden Weißen sind bekanntlich europäischen Ursprungs, und es kann nicht verwunderlich scheinen, daß die nach Amerika aus- cwanderten Europäer— und diese Auswanderung findet ja noch is auf den heutigen Tag in ganz gewaltigem Umfang statt— auch europäische Pflanzen nach Amerika brachten: aber daß dies in so ausgedehntem Maße stattfand, wie es wirklich der Fall ist. sollte man kaum erwartet haben. In einem kürzlich erschienenen botanischen Lehrbuch, welches sämmtliche in Nordamerika vor- kommende Phanerogamen— d. h. die Pflanzen mit deutlich erkennbaren Blüthen— aufzählt, enthält unter 761 Gattungen mit 266(1 Arten 128 aus Europa stammende Gattungen mit 404 Arten: also 16pCt. aller dieser amerikanischen Pflanzen sind europäi- schen Ursprungs! Die meisten dieser Einwanderer sind der Kategorie des Unkrauts zuzurechnen, so daß wir uns dadurch nicht gerade den Dank Amerika's verdient haben. Auf der andern Seite ist es recht merkwürdig, daß trotz des großen Imports von amerikanischen vegetabilischen Produkten, z. B. Tabak, Getreide, Baumwolle, mit diesen Pflanzenifjeilen nur ein amerikanisches Unkraut zu uns ge- kommen ist; dieses eine macht sich allerdings auch in der unan- genehmsten Weife auf unfern Wasserläufen bemerklich. Es ist die berüchtigte Wasserpest.—' r Technisches. — Neuartige Verwendung von Glasabfällen. Die aroßeu Mengen von Glasabfällen und Glasbruch, die sich in manchen Fabriken anhäufen, verwendet der französische Techniker M. Garcheh nach einem von ihm entdeckten Verfahren in einer höchst sinnreichen Weise. Er mahlt die Glasrückstände und bringt das Pulver in eine Mctallform, welche succcssive in Oefen von ver« schiedenen Hitzegraden eingeführt wird, Ivodurch ein vollständiges Entglasen der Masse verursacht wird/ Die Form bleibt ungefähr eine Stunde in dem Ofen, während dieser Zett haben sich die Glas- moleküle zu einer plastischen Maffe vereinigt: die Forin wird dann aus dem Ofcit herausgenommen und noch einige Minuten hindurch der großen Hitze eines dritten Ofens ausgesetzt, wodurch völlige Ent- glasung emtritt. Hiernach ist die Masse im Zustande völliger Plastizität, so daß sie sich in beliebige Formen zu Ornamenten pressen oder sonst als Zierstcin verwenden läßt.— Humoristisches. — Kathederblüthc. Professor:„Müller, Sie haben mein Verttauen schnöde getäuscht, ich werde Sie nie mehr mischen — aber im Auge behalten werde ich Sie von jetzt ab".— — Wort gehalten. Wittwc(schluchzend):„Herr Doktor, Sie wollten meinen Mann von allen seinen Schmerzen herstellen, und jetzt ist er todt." Arzt:„Nun, und hat er etwa noch Schmerzen?"— — Warum der Bauer so sauer dreinschaut, wird in einem niedersächsischen Gedichtchen enthüllt, das die Zeiffchrift„Nicdersachsen" enthält:.Uns' Bur! Uns' Aur!— De beste Melk, de beste Melk uns' Bur,— Und doch süht he darto so für— Uns' Bur.— Worum süht he so sur ut,— So sur ut.— So sur?— So süht he von Natur ut,— Natur ut.— Uns' Bur. — Uns' Bur!— Dagdäglich ärgert sick de Mann,— Dat he keen — Bodder melken kamt.— Dorum süht he so sur ut.— So sur ut. — So sur.— Vermischtes vom Tage. — Im Mansfelder GebirgSkreise legte ein. Wähler in Molmeck einen Stimmzettel mit folgendem Verschen in die Urne: „Ich wähle keinen aus Berlin Und auch keinen aus Stettin. Int Reichstag ist noch kein Nachtwächter drin Druin gab ich meine Stimme Ferdinand Riedel ans Molmeck hin."— — Sonntag früh ist in Essen a. d. Ruhr das Mälzerei- g c b ä u d e der Aktienbrauerci mit sämmtliche« Malz- und Hopfen- vorräthen niedergebrannt. Der Schaden bettägt mehrere hunderttausend Mark.— — In Prag kam es am Sonnabend zu Schlägereien zwischen Militär- und Zivilpersonen. Di« einschreitenden Gendarmen ivurden angegriffeit. Militär wurde aufgeboten. 15 Personen sind ver- hastet.— — Der Hauptkassirer der„Ungarischen Bank für Industrie und Handel" in Budapest hat sich erschossen. Es wurde in der Kaffe ein Fehlbetrag von 20 000 Gulden festgestellt.— — Die Lombardei und Venetien wurde» von sehr schweren Gewittern heimgesucht, welche namentlich in den Pro- vinzcn Brescia, Padua und Treviso bedeutenden Schaden an Häusern, Brücken und Feldern anrichteten. Eine Windhose zerstörte 40 Häuser in M c st r i n v und in R u b a n o bei Padua.— — In N i s ch n i-N o w g o r o d äscherte eine Feuersbrunst gegen 100 Häuser ein. Die Stadt Bohatirew wurde durch einen Brand heimgesucht, durch den mehrere hundert Wohnhäuser und zwei Kirchen zerstört wurden. 10 Personen kamen in den Flammen um. Viele andere erlitten schwere Brandlvunden.— Auch aus Ungarn werden mehrere große Schadenfeuer gemeldet. Bei einem Brande in Otztro. der 131 Gebäude vernichtete, verbrannte ein Greis und seine zwei Enkel.— — In Paris spielen die W a h l p l a k a t e in sZeiten all- gemeiner Wahlen eine große Rolle. Alle Mauern, mit Vorliebe die der öffentlichen Gebäude sind mit ganzen Schichten bunten Papiers bedeckt. Auch Denkmäler bekommen oft etwas ab. Dabei gehen die Klcisterer geflissentlich darauf aus, die noch frischen Wahlaustufe der Gegner zu überkleben. Gelegentlich giebt's dann auch Schlachten mit Pinsel und Kleister. Der Gemeinderath beschäftigt sich jetzt ernstlich mit der Frage, Ivie dem zu steuern sei. Man hat vor- geschlagen, überall Riesentafeln aufzustellen, die allein den Plakaten dienen sollen.— t. Ein neues Geschoß für das französische Jnfanterie-Gewehr befindet sich in Vorbereitung. Das Ge- schoß besteht aus Messing und ist länger und spitzer als das gegenwärtig gebrauchte Geschoß. Die„Vorzüge" desselben sollen in einem geringeren Gewicht, einer größeren Tragweite und einer stärkeren Durchschlagskraft bestehen, indem dasselbe ohne Schwierig« keit eine Stahlplatte von 13 om Dicke durchbohrt.— — In einem Dorfe bei Charleville(Frankreich) wurden fünf Arbeiter vom Blitze getroffen. Einer lourde ge« tödtet, die anderen erlitten furchtbare Brandlvunden.— — Die von dem Botaniker Linden geleitete Orchideenzucht in M o o r t e b e e k unweit Brüssel hat dieser Tage vier Orchideen nach London verkauft: eine dieser Pflanzen brachte 12 000 Fr., die drei anderen Orchideen je 10000 Fr.— �Zerantwortlicher Redakieur: Anqnst Jacobet» i» Berlin. Druck und Verlag von Vtax Bading in Berlin.