Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 130. Mittwoch, deir 6. Juli. 1398 (Nachdruck verboten.) L61 Mm die Fvvihvik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schwcichel. Nur noch wenige Schritte, und sie waren auf dem Platze bei der Steineiche, den er ihr als Stelldichein der Jagd gesellschaft vorgespiegelt hatte. Es war niemand dort als sein Knecht mit den beiden Pferden und noch ein in einen Mantel gehüllter Reiter, der eine schwarze Maske vor dem Gesicht trug. Dieser sprengte gegen den Junker an, der ihm zurief:„Geschwind Deinen Mantel, damit ich der wilden Katze den Mund verstopfe." Während jener dem Junker den Mantel zuwarf, riefen zwei Stimmen zugleich:„Halt! Halt I" und Hans und Kaspar, welche durch die fortivährenden Rufe um Hilfe von ihrem Wege abgelenkt worden, brachen aus dem Gebüsch hervor und stürzten sich, ihre Schwerter ziehend, auf die Mädchenräuber. Es war dem Junker Zeisols noch nicht geglückt, Gabriele den Mantel über den Kopf zu werfen und er hatte nur noch so viel Zeit, sie seinem Spießgesell hin- zureichen, damit er sie auf das Pferd nehme, als er schon von Hans, der ihn auf den ersten Blick erkannt hatte, mit einem Wuth schrei angefallen wurde. Während der Junker von Rosenberg sein kurzes Jagdschwert aus der Scheide riß, schrie Gabnele vor Schmerz gellend auf. Sie hatte sich den Armen des maskirten Reiters entwunden und dieser griff ihr in das Haar. Der Federhut war ihr schon im Ringen mit dem Junker Zeisols entfallen. Kaspar stürzte sich auf den Reiter und dieser mußte seine schöne Beute wohl fahren lassen, wenn er nicht wehrlos niedergestochen werden wollte. Die schöne Gabriele entfloh mit lautem Geschrei in den Wald; die beiden Freunde kämpften mit stummer Erbitterung, Hans wie ein Rasender gegen den Junker Zeisolf. Plötzlich erscholl der Ruf:„Auf siel Auf die Junker!" Fünf bis sechs unheimlich wüste Gestalten, die mit Aexten, Schwertern, Büchsen und Spießen unterschiedlich bewaffnet waren, tauchten unter den Bäumen hervor und warfen sich auf den Junker von Rosenberg und seinen Helfershelfer Der Kampf währte nicht viel länger als eine Minute. Es gelang dem wilden Zeisolf in den Sattel zu springen und gefolgt von seinem Spießgesellen und dem Reitknecht, stoben alle drei westwärts. Die Banditen, wie man die Heimath- losen nannte, stürmten ihnen nach. Kaspar hatte in ihrem Anführer den aus Ohrenbach vertriebenen Leibeignen Konz Hart erkannt und er starrte den unerwarteten Helfern noch einen Augenblick nach, ehe er sich nach seinen: Freunde umsah. Hilf Himmel l Hans Lautner lag am Boden und sein Blut färbte das welke Laub roth. Zeisolf von Rosenberg hatte seine lange Klinge unterlaufen und ihm sein Jagdschwert in die Brust gestoßen. Kaspar warf sich neben ihm nieder und hob mit stummem Jammer fein Haupt auf seine Kniee. Er war ebenso bleich wie Hans, dessen Blut fort und fort rann. Kaspar sah sich allein mit dem sterbenden Freunde, aus dessen Mienen allmälig der wilde Kampfzorn wich. Ueber ihnen breitete die alte Steineiche ihre mächtigen, noch kahlen Acste aus und un- weit von ihnen graste friedlich Gabriele's Rappe. Hans richtete seine Augen mit einem unbeschreiblichen Blick auf den Freund und bewegte die bleichen Lippen. Kaspar neigte sein Ohr dicht zu dessen Mund. „Die Ahne," flüsterte er nach einer Weile.„Sag' ihr—" „Ja, Hans, ich weiß, was ich ihr sagen soll," rief Kaspar mit einem kläglichen Gesicht.„Um Gottes willen, stirb nicht! Ich höre Geräusch. Es kommt Hilfe. Hans, lieber Hans?" Ein Lächeln glitt über das Gesicht des jungen Goldschmied- gesellen.„Käthe I" hauchte er kaum vernehmlich, und in diesem Hauch erlosch sein Leben. „Hans I Hans I Hans I" ächzte Kaspar und starrte auf das bleiche Gesicht, dem der Tod sein Gepräge aufzudrücken begann. Das Haupt desselben auf seinem Schooße, saß er un- beweglich. Wie lange, wußte er nicht. Und es war ihm an- fangs wie ein Traum, als es dann unter den Bäumen lebendig wurde. Die Waidgesellschaft. Herren und Damen. Jäger-! knechte, Treiber, Hundejungen, welche die Meute führten, tauchten bei der Eiche auf. Der Hirsch war erlegt und die Jäger hatten sich fröhlich zum Imbiß begeben wollen, der ihrer freilich an einer ganz anderen Stelle als unter der Steineiche harrte, als das Hilferufen Gabriele's von einigen vernommen und sie aufgesucht worden war. Wäre die alte Steineiche nicht dent Schultheiß und dem Waldvogt bekannt gewesen, Gabriele hätte sie nicht wiederzufinden ver- mocht. Mit weitgeöffneten Augen starrte sie auf die Leiche des armen Hans. Ihr Haar war zerzaust, ihr Jagdkleid von dem Ringen niit dem Junker in Unordnung und von den: Gesträuch, an dem es auf ihrer Flucht hängen geblieben, zer- rissen, die Schleppe hing in Fetzen. Während ein paar Jagdknechtc ihren Rappen einsingen und mit Schnüren, die sie wegen der Hunde im Nothfall bei sich führten, den zerplatzten Sattelgurt wieder haltbar machten, stieg Wernizer. dessen Miene noch finsterer war als gewöhnlich, vom Pferde und trat an die Leiche Hans Lautners. Seine Untersuchung überzeugte ihn, daß für Hans jede Hilfe zu spät kam.„Er ist todt," sagte er, und die Worte fielen klanglos in die Stille, in welcher die Umhcrstehenden seine Entscheidung erwartet hatten. Aus Kaspar's Kehle rang sich ein Laut wie ein unterdrücktes Ausschluchzen. Der Schult- heiß von Wernizer winkte seinen Waldvogt und sprach mit ihm. Sabine lenkte ihren milchweißen Zelter zu Gabriele heran und sagte leise:„Das ist der arme hübsche Mensch, der Dir Dein goldenes Kränzlein brachte." Die feinen Brauen Gabriele's zogen sich finster zusammen. Was kümmerte sie der arme Geselle, der für sie gestorben war? Oder dachte sie an denjenigen, welchen sie kurz zuvor dem Stahle des Rosenbergers überantwortet hatte? Ein Jagdknecht brachte ihren Hut, den er aufgelesen, ein anderer führte ihren Rappen heran. „Ich danke Euch für Euren Beistand, guter Freund. Meldet Euch in der Stadt bei mir um eine Belohnung." So sprach sie zu Kaspar, der unterdessen deni Freunde die ver- glasten Augen geschloffen und die Leiche sanft auf den Boden gelegt hatte. „Belohnung?" fuhr er zornig auf.„Kann Euer Geld den da wieder lebendig machen, der für Euch gestorben ist?" Sie wandte sich ab. machte sich zurecht und der herbeigeeilte Junker Hermann von Hornburg durfte sie auf den Rappen heben „Die Jagd ist für heute zu Ende, meine Herrschaften� kehren wir nach Endsee zurück," sprach der Schultheiß laut. Der bunte Schwärm verzog sich. Nur der Waldvogt blieb mit zwei Jägerknechten und einigen Treibern zurück. Während diese junges Stangenholz abhieben und eine Bahre herstellten, ließ er sich von Kaspar über sich und seinen Freund und den Hergang bei der Eiche genaue Auskunft geben.„Aber das ist eine unerhörte Frechheit von dem Junker!" rief der schon graubärtige Waldvogt.„Er muß sich besser wie ich in diesen Wäldern auskennen, wenn er hoffte, mit dem Fräulein ungefährdet die Tauber zu erreichen. Das geht ihm an den Hals, der Jungsernraub." „Ne, sie henken blos die kleinen Diebe," gab Kaspar bitter zurück. Der Todic wurde aus die Bahre gelegt, und Kaspar breitete den Mantel über ihn, den der verlarvte Reiter auf dem Platze zurückgelassen hatte. Wer derselbe gewesen, ver- mochte er nicht anzugeben: er schloß aber aus dessen gelbem Haar und seiner Beleibtheit, daß es Philipp von Finsterlohr gewesen sei. Bon dem Erscheinen der Heimathlosen schwieg er um Konz Hart's willen gegen den Waldvogt ganz. Der traurige Zug ging nach Gumpelsdors, welches das nächste Dorf an der Landstraße war. Dort wurde ein Ackerwagen mit einer Strohschütte in Anspruch genommen und Hans dar- auf gebettet. Die Dörfler kamen zu Hauf. Die Weiber weinten bei seinem Anblick und beklagten ihn, daß er so jung hätte sterben müssen.„Was gilt das Leben von unsereinem den Herren?" rief Kaspar mit chneidender Bitterkeit. Die Männer schwiegen mit finsteren Blicken; sie scheuten den Waldvogt des Zentamts, der von hier aus mit seinen Leuten nach Endsee zurückkehrte. Nur der älteste Jagdknecht sollte die Leiche nach Rothenburg be- gleiten, um den Stadtrichter vorläufig zu berichten. Der Zug hatte nur eben das Dorf verlassen, als Kaspar die tiefe Stimme des langen Lienhart vernahm, welcher rief: „Himmlischer Herrgott, der Lautncr!" Kaspar ließ den Wagen halten, und der ehemalige Kriegs- knccht klagte:„O weh, o weh, Du junges Blut! Und ich hatte vermeint, daß er uns noch zum Tanz aufspielen würde." Er schüttelte den Kopf, und zwei Thränen rollten ihm aus den großen rrmdcn Augen in den Bart. „Wider den Rosenberger ist er gefallen," sprach Kaspar dunipf. Die Riesengestalt des anderen streckte sich jäh und die Faust gen Westen schüttelnd, rief er zornig:„Und hat ihn der Rothbart erschlagen, so soll er sich lösen mit seinem eignen Leben. Die Sonne droben, die hört mich. O, Du armer Bub'!" Kaspar fragte ihn, wohin sein Weg ginge? Er wollte �ach Ohrenbach. ,, Ist's was' Wichtiges öder kann ich's bestellen?" fragte Kaspar, und mit einem bedeutungsvollen Blick auf die Leiche fügte er hinzu:„Wenn Ihr ihm das Geleit geben wolltet? Ich niuß halt nach Ohrenbach." „So mach' fort! Ich neid' Dir nicht d i e Botschaft. Wenn Du vor Zwielicht zurück bist, so find'st mich noch bei meinem Schwager im Rothen Hahnen. Den Snnon sprcch' ich ein andermal." Damit wandte er sich und ging mit seinen großen Schritten dem langsam vorangefahrenen Wagen nach, während Kaspar in der entgegengesetzten Richtung davon- eilte. Je näher er aber Ohrenbach kam, desto langsamer wurde sein Gang. Der Gedanke an die arme Käthe wurde ihm zu Blei und er grübelte, wie er ihr die traurige Bot- schaft mittheilcn könnte, damit sie nicht zu sehr erschrecke. Die Mittagsstunde war längst vorüber, als er Ohrenbach er- reichte. Simon Neuster saß mit den Seinigen in der Stube um den großen Eichcntisch und las laut aus der Bibel vor, die ein Geschenk seines Bruders Andreas war. Er las das achte Kapitel aus dem Buche Samuclis, wo erzählt wird, wie Israel von dem Hohenpriester begehrt, daß er ihm einen König mache, und Gott ihm befiehlt, dem Volke zu willfahren, aber auch es zu warnen und ihm vorzustellen, wie schwer die Könige es belasten und bedrücken würden.„Wenn Ihr dann schreien werdet zu der Zeit über Euren König, den Ihr Euch erwählt habt. so wird Euch der Herr zu derselben Zeit nicht erhören." So las Simon eben, als Kaspar in die Stube trat. Die Kinder hüpften diesem fröhlich entgegen; denn er gab sich bei seinen Besuchen viel niit ihnen ab, und sie hatten ihn lieber, als seinen schwermüthigen Freund. Er herzte sie und begann sogleich, sie zu necken und hcrumzujagen, wobei er dann beiläufig crlvähute, daß er dem langen Lienhart begegnet wäre. „Und Dein Freund?" fragte Käthe. „O, der Hans läßt grüßen," erwiderte er und bückte sich zu dem Bübchen, dmnit er sie nicht anzusehen brauchte.„Er kaNn halt nit kommen," fügte er so gleichmüthig. als er ver- mochte, hinzu.„Er hat ein Stück Arbeit vor. das er fertig schaffen muß.— Es ist eilig; denn— hops, Martin, hops!" Damit ergriff er das Bübchen und schwang es in die Luft. „Was denn?" fragte Simon.„Red' erst!" „O, weil er doch bald»vieder auf die Wanderschaft will." antwortete Kaspar, indem er den Buben auf den Fuß- boden stellte. „Mehr! mehr!" bettelte der Kleine. Käthe aber, die kein Auge von ihrem Vetter gelassen hatte, wiederholte betroffen:„Auf die Wanderschaft? Aber das ist nit wahr, ansonst müßt' ich's wissen." „Doch, doch l" versicherte Kaspar und wollte es durch seine Blicke bekräftigen. Käthe aber sah ihn so fest an, daß er die Augen wegwenden mußte. „Du lügst, Kaspar," rief sie und sprang von der Bank hinter dem Tische hervor. Sie faßte ihn kräftig am Arm und rief:„Was ist's? Schau mich au, ich will's wissen!" „Nu ja," erwiderte er in der größten Verlegenheit.„Ich erzähl' schon. Erschreck' Dich nur nit. Es ist halt ein Unglück geschehen." „Was?" fragten die anderen außer Käthe lvic mit einer Stimme. Kaspar suchte nach Worten. Käthc's Augen öffneten sich weit.„Todt!" kam es stockend über ihre Lippen, und kreide- bleicki fiel sie auf die Bank zurück. Kaspar nickte mit einein kläglichen Blicke. Ihm und allen versagte die Sprache. Die arme Käthe starrte mit entsetzten Augen und halb geöffnetem Munde. Sie war wie gelähmt. Vater Martin wiegte mit einem jammervollen Gesicht den Kopf hin und her. Seine Schwiegertochter schlug die Hände über dem Kopf zusanimen und dann ächzte sie:„Heilige Mutter Gottes, wie hat denn das geschehen können?" Simon strich sich einige Male mit der Hand schwer über Stirn und Gesicht und forderte mit einer Stimme, die aus einer ver- trockneten Kehle zu kommen schien, Kaspar zu erzählen auf. Bevor er noch begann, griff Mthe mit beiden Händen an ihre Schläfen und taumelte aus der Stube. Gleich darauf ertönte in der Küche ein so entsetzlicher Aufschrei, daß den Erwachsenen das Herz gestor, und die Kinder sich erschreckt und weinend an die Mutter drängten. Diese aber ermannte sich rasch: sie schob die Kinder mit zitternder Hand zurück und eilte der Unglücklichen nach. (Fortsetzung folgt.) Ei« Sktvvgvfechk. Nach dem Dänischen des I. V. I e n s e n. (Schluß) Die Spannung im Publikum läßt etwas nach. Inzwischen ist der Stier zur Thür geschritten, durch die er hereingekommen ist. Er neigt den Kops zur Seite und schaut die Riegel an, wie auf einer Zeichnung von Oberländer.— Sollte die Thür nicht aufgemacht werde» rönnen? Rein I Das ist nicht die Meinung. 5tcineswegs. Die Matadore jage» ihn wieder hinaus auf den Sand. 9tun sucht ihnen der Stier durch eiinu Sprung über die Barriere zu entgehen, ein unerwarteter, herrlicher Spnmg für einen Wiederkäuer, un- willkürlich geht eine leichte Bewegung durch die Menge. Aber der Stier gelangt Hur in eincit schmalen Gang, auS dem er gleich wieder herausgejagt wird. Bor der Loge des Präsidenten steht der ESpada Enrique VargaS mit entblößtem Haupt, das glatte Pricstergesicht uacki oben gewandt. Er bittet um Erlaubniß, das Spiel beenden zu dürfen. Er braucht nicht darum zu bitten, das Ganze ist nur eine Formsache. Wollte er dagegen im» Schonung für den Stier bitten... Rein, darum bittet Enrique Bargas nicht. Dann betritt er mit Kaiumerdieiier-Schrittcn den Sand: in der Linken hält er ein brandrothcs Tuch, und die Reckte beschreibt mit dem Degen delikate, gewundene Linien. Erst entkräftet und verwirrt er den Stier mit dem Tuch, danach sticht er viennal verkehrt. Hat man je dergleichen gesehen! Zweimal bleibt die Klinge im Rücken des Thieres sitzen, 'wird aber unter den Spritzigen des Stieres wieder herausgezerrt. Der Stich soll ganz genau eine bestimmte Stelle treffen, und der Espada soll vor dem Stier in einer bestimmten Stellmig stehen. Er hypnotisirt das Thier, nit dem rotheu Tuch und wenn es gelähmt von Zweifel und Rathlosigkeit still' steht, muß er eilends den Stich anbringen. Es gelingt.ihm schlecht, und das Publikum ruft ihm höhnende Worte zu.' Ich finde auch, daß es unsmibere Arbeit ist und rufe von oben: Elender! auf ihn herab. Daß der fünfte'Stich gelingt, das dank ihm der.Kuckuck— er tritt zurück ohue Applaus, sehr verlegen und Sckämröthe im Gesicht. Der Griff des Degens und einige Zoll der Klinge ragen aus dem Rücken des Stieres hervor, der Rest sitzt tief in seinem Innern. Jetzt werden wir sehen, ob es ein vollendeter Stoß war: wie lange wird es der Stier noch macheu können? Er windet sich, steht still und krümmt den Rücken. Das Blut strömt ihm aus dem Maule infolge der inneren Bcrblntung. Der Stier steht vcrständmßlos mit gaffendem Maul da? er wirft den Hals weit zurück, um sich um die schmerzende Stelle zu konzentriren. und da dieie Stellung sich gerade dazu eignet, brüllt er dazu einmal Muh l Durch mein Bewußtsein fliegt ein lofcS Fädchen Sommer- srimmnug. grüne Wiesen, ein rieselnder Bach und das ferne Mich eines Rindes. Bald darauf beginnt der Stier zu schwanken. Die Matadore lassen ihm auch jetzt nock keine Ruhe, getreulich umkreisen sie ihn mit ihren Mänteln und er stößt mit seinem viereckigen Haupt nach ihnen und bewegt sich so gut er kann. Plötzlich fällt ihm wieder die Stallthiir ein. das Gefühl erwacht in ihm. nach HauS zu wollen, und er schreitet dahin wie ein Manu, der seinen Affen zwar etwas unsicher, aber doch einer bestimmten Richtung zuträgt. Dem Stier ist es nicht erlaubt, irgend welche Richtung einzn- schlagen: er wird in den Kreis gejagt und macht in seiner Ver- zweiflung einen letzten Versuch, einem der Menschen die Knochen entzwei zu schlagen. Da er etwas schwindlig und betäubt ist. achtet er nicht auf seine Augen, so daß die Zipfel der Mäntel direkt hinein- fliegen. Ja, ja. nur Geduld... Der Stier fährt in die Höhe und rast darauf loS, jagt alle miteinander über die Barriere. Einen Augenblick steht er dann und glotzt zu ihnen hinauf und— ja, darnach legt er sich nieder, legt sich platt nieder. In diesem Augenblick, da er zur Ruhe gekommen ist, fühlt er sich etwas erleichtert. Ein paar Mal steckt er die Zunge in jedes Nasenkoch und macht eine schluckende Bewegung, viellcichr daß er das Bedürfniß hat. sein letztes Futter wiederzukäuen. Aber jetzt springen sie alle miteinander zu ihm hinunter und ichlagen ihm die Mäntel in die Augen. Der Stier dreht den Li ups hin und her und zittert mit den Augenlidern. Dann erhebt er sich, da es nun einmal gewünscht wird, und steht und schwankt, wird von Todesschaucrn geschüttelt, hustet Blutllumpcn aus, fegt und stößt mit den ohnmächtigen Hörnem nach den Matadoren. Und der klobige 5iopf senkt sich, er wird so matt. Erst als der Stter jäh auf die Seite fällt, lassen ihn die Ma- tadoren in Ruhe. Leider müssen die Stallknechte noch herbei— es ist eine schlechte Estokade. Zwei-, dreimal stecken sie dem Thier das Messer ins Rückgrat, bis es nach minutenlangen Ä rümpfen stirbt. Jetzt erscheinen die Stallknechte mit einem Gespann, und die tobten Thiere werden im Galopp durch die Arena geschleift. Huh l hei! welch' trinmphircnder Anblick! Das war Gefecht Nummer l. Es fiel nicht besonders günstig aus, war nicht spannend und nur mittelmäßig tapser: sieben An- griffe, viermaliger Sturz und zwei Pferde. Banderillen gut. Estokade sehr schlecht. Nummer tl, 3 und 4 hatten ebenfalls nur ein mageres Resultat. Z-umnicr 5 dagegen lvar recht vcrlvcgcn und brachte hübsche Momente. Drei Pferde." Antonio Fuentes stieß fünf mal niederträchtig, aber gut das sechste Mal. Antonio Fuentes mutz sich zusammennehmen. Der sechste und letzte Stier war gut. heftig gereizt, geplagt biö zu ichäuniendem Wahnsinn. Er riß acht Pferde auf. Aber„El Nacional" berichtet mit einer gewisse» Bitterkeit, daß drei freilich schon von den vorhergehenden Stieren so gut wie getödtet waren. Was soll eine derarttge Ungehörigkcit? Wir bitten gefälligst um unversehrte Felle zum Aufschlitzen! Ist das etwa die Meinung, daß wir hier in Spanien todte Pferde umbringen sollen! Hört einmal, auf welche Weise die acht Pferde getödtet wurden. EinS ward tief in die fleischige Vordcrbrust gestochen und umgeworfen: beim zweiten Anprall ward ihm der Hals derartig gespalten, daß es auf der Stelle verendete. Der Pikador ergriff in- zwischen die Gelegenheit, den Stier gleich mit der Lanze zu stechen, und als er später ächzend und voller Beulen aufgefmnmclt wurde, hinkte er unter Beifallsbezeugungcn davon. Ein Pferd ward von» Pikadar so gewendet, daß es dein Stter, der mit dem Angriff zögerte, die Äehrseite zuwandte.(Bravo.) In diesem Augenblick griff der Stier an und begrub.sein eines Horn unter den Schwanz des Pferdes, hob es einige Minuten mit den Hinterbeinen von der Erde empor und rollte cS schließlich der Länge nach zusammen. lind als daS Pferd wieder zum Stehen kam. floß der rothc Saft in Mengen aus ihm heraus. Stürmische Heiterkeit durchbrauste die Menge. Aber mitten durch den Lärni hindurch hörte ich das Pferd schreien, wild und gellend wie eine Lokomotive in einer Bergkluft. Im übrigen schwiegen die Pferde während der Martern. Dem einen loard das Manl aufgerissen, eS schwieg aber, und da die Zähne hervorschimmerten, sah es aus. als lächle es wohlwollend. Tann ivurde ihm der Schenkel gespalten, cS schwieg noch immer und ging zum dritten Male vorwärts. Dies Mal ivard ihm"der Bauch aufgeschlitzt, der herausquellende Tann hinderte es am Gehen, aber noch immer machte eS von diesen jtlcinigkeitcii kein Aufhebens. Erst bei einem vierten Znsammcnstoß ward das Pferd gegen.die Barriörc gedrückt und zerrissen.. Ein Pferd vcrthcidigtc sich«nd/schltig hinten aus', aber nicht lange. Eins vrustete uoch— Puhl.— als schön unter ihm die Eingeweide darupsten. Ein anderes schüttelte den Kops, bevor es sein Leben aushauchte und verblutete. Ein drittes ward durch einen rasendeii Wuthanfall des Stieres total zerquetscht und bekanr nicht Zeit, seine Meinung in irgend einer Weise zu äußern. Eins' drückte seinen Eckmerz durch die Beine ans. als es genug bekommen hatte, die ganze eine Seite klaffte, Lunge und Leber waren entblößt, es ging über den Sand, als ginge es auf Feuer. Gleich darnach fiel es um, ward geschlagen und zertreten, bis es den Gnadenstoß bekommen. Und der Stier ward allmälig umgebracht. Er raste umher in seinem bitteren Schmerz, ohne Rache nehmen zu können. Ack nein! Und schließlich legte er sich hin. wie auch die anderen sich hingelegt hatten, durfte einige Male lllhcm holen, mußte sich dann von neuem vertheidigcu und stoßen, mit schon unklarem Bewußtsein, bis er endlich tödt hinfiel. Damit war ei cormla beendet. Sie hatten nichts getaugt diese Sticrgcfcchte, sagten am anderen Tage die Zeitungen: stein rechter Schwung, keine Bornchmhcit beim Blutvergießen... Vileines — Ratffschläge eines Redakteurs. Der Redakteur eines englischen Blattes hat in einem Anfluge von„Galgenhumor" seinen Mitarbeitern folgende Rathschläge ertheilt: So lange Sie zum Schreiben ettvas anderes als Feder und Tinte gebrauchen können, hüten Sie sich, sie zu verlvenden. Die Schrift könnte leicht zu beut- lich sein und würde dann die Aufmerksamkeit des Redakteurs und des Setzers nicht genügend fesseln. Sind Sie aber durch den Zufall gcnöthigt, mit Tinte und Feder zu schreiben, so hüten Sie sich wenig- jtenS, bei dem Wenden des Papiers Löschpapier zu benutzen: dies ist schon längst ans der Mode. Wenn Sie einen Klecks machen. mögen Sie sich Ihrer Zunge bedienen.>nn ihn zu entfernen. Derart wird es Ihnen mich gelingen, ihn auf einen größern Raum uud in gleichmäßiger Weise auszubreiten. Ein intelligenter Setzer fühlt sich nie inehr geschmeichelt, als wenn es gilt, einige zwanzig Wörter, die durch dieses Verfahren unleserlich gemacht wurden, zu entziffern. Wir selbst sahen deren mehrere eine halbe Stunde damit zubringen, solch eine Stelle zu lesen: während dieser Zeit fluchten sie wie die Matrosen, was bei ihnen darauf deutet, daß sie höchst guter Laune sind. Wenden Sic nie Satzzeichen an: uns ist es sehr angenehm, wenn wir errathen müssen, ivas Sie eigentlich sagen wollten. Große Anfangsbuchstaben zu gebrauche»,' ist ebenfalls überflüssig, so können wir wenigstens die Zeichen nach eigenem Gut- dünken anwenden. Es ist vollkommen unnöthig, sich eine leserliche Handschrift anzueignen, sie vcrräth immer eine plebejische Abstam« nnmg und berechtigt überdies zu der Annahme, daß Sie in einer öffentlichen Schule Ihre Ausbildung erhalten haben. Eine schlechte Schrift deutet auf Genie hin. Viele Schriftsteller machen sich über- Haupt auf diese Weise bemerkbar. Schließen Sie daher bei dem Schreiben die Augen und schreiben Sie so unleserlich wie möglich. Auf Eigennamen ist nicht besonders zu achten, denn jeder Setzer kennt tum Vor- und Zunamen eines jeden Mannes, WeibeS und Kindes auf der ganzen Welt, und wenn wir nur den Anfangsbuchstaben einesNamens errathen zu kynilen. glauben, so genügt dies vollkommen: wohl ist eS wahr, daß wir jüngst Samuel Marisgon statt Lcmucl Mcssenger gedruckt haben, doch wird dadurch gewiß kein gebildeter Leser irre- geführt Wörden sein. Also nochmals, achten Sic nicht auf den Eigen- Namen. Sehr vortheilhäft ist es, beide Seiten des Papiers zu ve- schreiben, und wenn sie vollgeschrieben sind, und man einige hundert Zeilen beifügen muß. empfiehlt es sich, über die Quere zu schreiben, denn noch ein Blatt deshalb zu opfern, wäre wahrscheinlich des Guten zu viel gethan. Wir sind im siebenten Himmel, »venu wir solch ein Manuskript in Händen haben: am liebsten wäre es uns, wenn ivir auch den Schreiber in einem stillen Winkel unter unseren Händen hätten. Wie wäre die Rache süß! Das braune Packpapier ist zum Schreiben besonders ver- wendbar: wenn Sic aber eben keins haben, so kann man auf der Straße wohl im Vorbeigehen von einem Plakate das nöthige Papier abreißen. Fall? man sich ei»cs solchen Papiers bedient, ist es rath- sam, auf jene Seite zu schreiben, die bekleistert ist. Wenn ein Artikel beendet ist, so trage man ihn, ehe er der Redaktion zugesandt wird. einige Tage in der Tasche mit sich herum. Wurde der Artikel mit Bleistift geschrieben, so sind die Bortheilc des Systems unschätzbar. Suchen Sie ein oder das andere Blatt zu verlieren; die Zusammen- füg, mg loser, nicht nvmerirtcr Blätter macht uns stets besondere Freude.— Kunst. — Der Bildhauer Professor Ludwig Manzek zu Berlin ist zum ordentlichen Lehrer an der Unternchtsanstalt des Kunst- ge werbe- Museums ernannt worden. Manzel ist der Schöpfer des MonumcntalbrunnenS für Stettin, der im Herbst dieses Jahres enthüllt werden soll.— Die nächste. Nummer der„Neuen Welt" bringt eine Abbildung dieses bedeutenden Werkes.— Archäologisches. — n. Wie daS Zifferblatt unserer Uhr entstand Wenn wir' den Dingen, mit denen wir dauernd von Kindheit an zu thun haben, dieselbe unvoreingenommene Aufmerksamkeit zu schenken vermöchten wie den entfernteren und mehr fremden Verhältnissen. so müßten wir uns immer von neuem darüber wundern, wie wir dazu gekommen sind, die Tageszeit nach zweimal 12 Stunden zu rechnen und nicht. wie.eS ja neuerdings freilich mit. vielem Eifer an- gestrebt wird und wie es die Astronomen schon lange thün. von 1 bis 24. Daß uns diese Eigenthümlichleit so wenig auffällt, liegt daran, daß der Ursprung derselben in das fernste Altcrthum zurückr'eickt. Man weiß längst, daß die eigenthümliche Bevorzugung der Zahlen 6, 12 und 60 eine Erbschaft von den alten Babhloniern her ist. Ueber die Eni- stehung dieser Zcitcinthcilung lag noch manches im Dunkeln, das jetzt durch Untersuchungen des Oricntforschers Hugo Winckler stellenweise überraschend erhellt wird. Dieser stieß in altmcsopotamischen Inschriften verschiedcnttich auf das bisher unerklärte Wort Chamuschtu, das jedenfalls die Be- Zeichnung eines Zeitabschnittes von geringerer Länge als der Monat gewesen sein mutzte. Winckler hat nun scsrgcstellt. daß derselbe ein Zeitraum von 5 Tagen war. und dieser Abschnitt steht wiederum in Zusammenhang mit der Tageseinthcilung. die wir noch heute bc- sitzen. Freilich wurde der Tag niemals wie jetzt in 12 TagcS- und 12 Nachtstunden cingctheilt, sondern in 12 Doppelstunden. Diese Eintheilung hatte folgenden Grund: Der Sonnen- Durchmesser bc- deckt etwa die Länge eines halben Grades am Himmelsgewölbe, also den 360. Theil des Halbkreises(von 180 Gradenl, den die Sonne in ihrem Tagcslaufc beschreibt. Nach unserer Zeittechnung durch- läuft also die Sonne den Längcnabschnitt ihres eigenen Durchmessers in dem 360. Theil der 12 Tagesstunde», also in zwei Biinutcn. Da die alten Babylonier diesen Zeitabschnitt, in dem die Bewegung der Sonne ihren eigenen Durchmesser durchschreitet, als Zeiteinheit wählten, so kamen sie demnach nicht auf unsere heutige Minute. sondern das Doppelte derselben, also auf die Doppclminute. Demnach wurde auch der Tag in 12 Doppelstunden cingctheilt, da die12ncbeu der 5 die heilige Zahl dieses Volkes war(die Multiplikation dieser beiden Zahlen' ergab die dritte hervorragende Zahl ihres Systems. nämlich 60). 60 dieser Doppelstunden ergaben dann die erst jetzt erklärte Einheit von 5 Tagen, die Chamuschtu. In der folgerichtige» Dtrchsiihrung.dieser Rechnung hätte nun der nächsthöhere Zeit- abschnitt 12 Chamuschtu, also 5 mal 12 Tage umfassen sollen, was einem Doppclmonal von 60 Tagen entsprochen häne. Dem stand mm aber der gewöhnliche Monat, dessen Länge von etwa 30 Tagen die in Himmelsbeobachtungen gut geschulten Babylonier natürlich frühzeitig aus der Bewegung des Mondes erkannten, gegenüber. Man muß sich nun vorstellen, dag man diese Unterscheidung eines Doppel- monats und eines einfachen Monats rücischlicßcnd auch auf die Tageseintheilung übertrug und demnach neben der Doppclstunde eine einfache� Stunde und neben der Doppclminute eine einfache Minute unterschied, so daß damit die Einheiten unserer heutigen Uhr bereits gegeben waren. Da min ferner die Theilung des Tages in Tag und Nacht ebenso wie des Jahrcö in Sommer und Winter(vergl. 1. Mose 8., VerS 22 und Psalm 74, Bers 16—17) von frühesten Zeiten an angenomnien war, so lag es nahe, die zweimal 12 Stunden auf Tag und Nacht zu dertheilcn, zumal so die alte Einheit 12 beibehalten werden konnte. Noch eine sehr merkwürdige Entdeckung hat Winckler auf gruud feiner Erklärung des Wortes Chamuschtu gemacht, nämlich eine einwurfs- freie Erklärung der sagenhaften Entstehung der Septua- ginta, der griechischen Bibelübersetzung, die in der katholischen Kirche noch jetzt die maßgebende ist. Bekanntlich soll dieselbe dadurch entstanden sein, daß auf Veranlassung von Ptolcmäus 72 Gelehrte sür sich die Bibel in das Griechische übersetzten und wunderbarerweise alle in demselben Wortlaute. Diese Sage ist nunmehr als ein alter Jahresmythus aufzufassen, da das Jahr aus 72 mal ö Tagen. nämlich aus 72 Chamuschtu, besteht. Es würden also nicht 72 lieber- setzer gewesen sein, sondern S. die in 72 Tagen ihr Werk voll- endeten, ebenso wie das Jahr durch 72 Chamuschtu vollendet wird. Und in der That giebt es eine jüdische lleberlicferung. nach der die Bibelübersetzung durch S Aelteste ausgeführt worden sein soll.— Aus dem Gebiet der Chemie. t. Gefährliche Gerüche. Es giebt Stoffe, die einen solchen Geruch ausströmen, daß er die Geruchsnerven für längere Zeit vollkommen zu lähmen im stände ist. Berzelius, der berühmte schwedische Chemiker, der das Element Selen entdeckte, experimculirte einst mit diesem Elemente, wobei etwas reines Selenwasserstoffgas in seine Rase gelangte. Die Geruchsnerven waren dadurch derart angegriffen, daß es ihm noch tagelang unmöglich war, den für ge- sunde Nasen unerträglich starken Geruch einer konzetitririen Ammoniaklösung wahrzunehmn. Auch der Qualität nach ist der Geruch von Selenwafferstoff höchst unangenehm, l>enn er besitzt eine nahe Verwandtschaft mit dem von faulem Meerrettig. Noch schlimmer aber ist der Tellurwasserstoff. Man erzählt, daß ein Arzt einmal eine merkwürdige Anwendung von demselben machte. Eine von ihm dehandelte Kranke weigerte sich durchaus, sich die nöthige Ruhe zu gönne«, weil sie angeblich die Gesellschaft nicht entbehren konnte. Der Arzt gab ihr mm eine Pille, die eine ganz geringe Menge Tellur enthielt; dadurch bekam der Athem der Dame ein derartiges Aroma, daß sie es einen Monat lang nicht wagen konnte, nnt Menschen zusammenzukommen. Die Ursache blieb ihr natürlich ver- heimlicht. Von dem sonst so angenehmen Duft der Rosen sagt man dielfach, daß er Schnupfen erzeuge, mid es giebt nervöse Personen. die so fest davon überzeugt sind, daß sie sich sogar von papierenen Rosen einen Schnupfen holen. Diese Wirkung müßte in dem flüchtigen aromatischen Oel der Roseublüthe ihre Veranlassung foröcn» Technisches. k. Eine elektrische R o h r p o st soll demnächst in B u d a- Pest in Betrieb gesetzt tvcrden. Die bis jetzt in anderen Städten befindlichen Rohrpost-Anlagen bestehen bekanntlich aus einem dickt schließenden Rohr, in das eine Metallkapsel genau eingepaßt wird, so daß es, wenn eine solche Kapsel in dasselbe' eingesetzt ist, vollständig verschlossen und ausgefüllt ist. Das Rohrnetz ist ge- wöhnlich über die ganze Stadt vcrtheilt, und verbindet die einzelnen Postämter unter einander. Zur Beförderung der Kapseln, die zu öffnen sind und die Briese enthalten, wird von einer Zentrale aus stark zusammengepreßte Luft in das Rohrnetz geleitet, die die einzelne» Kapseln vor sich hertreibt. Diese Art der Einrichtung ist gegenüber dem elektrischen Betrieb schon dadurch im Nachtheil, weil dabei das Gewicht und die Große der Briefe sehr beschränkt ist, während bei der neuen elektrischen Budapester Anlage nicht nur Briefe, sondern auch Packele befördert werden sollen. Auch die Sicherheit des Betriebes ist viel größer als bei dem Lustdruckbetrieb, weil kleine, durch Elektromotoren getriebene Wagen verwendet werden, die natürlich viel geräumiger sind als die Kapseln. Wahrscheinlich wird der elektrische Betrieb auch bedeutend billiger sein als der alte mit Lustdruck, wodurch jedenfalls auch eine niedrigere Portotaxe eingeführt werden dürste.— Humoristisches. — Moder. Du brukst de Farken nich to verköpen! Die Pastorenfamilie saß gerade beim Mittagessen, Der Pastor legte seine Serviette weg und jagte seufzend:.Liebe Katinka, wir müffen doch wohl die beiden Ferkel verkaufen. Sonst kommen wir nicht aus, bis das nächste Gehalt eintrifft. Aber sorge Dich deshalb nicht, der Herr vergißt die Seinen nicht,"—»Ja, lieber Papa," antwortete die Pastorin,«Du bist mir wirklich eine rechte Stütze mit Deinem unerschütterlichen Glauben, Ich werde morgen mit Jochen sprechen, daß er die Ferkel mit auf den Markt nimmi." Während eines von den Kindern das Tischgebet sprach, klingelte es plötzlich an der Hausthür. Der älteste Junge lief hinaus:„Vater, es ist ein Bauer, der Dich sprechen will." Der Pastor ging hinaus. „Nun, was wollen Sie denn, mein lieber Mann?" „Jo, Herr Paster, Se hebbt jo wull hürt, dat min Dochter krank wer. un letzt' Nacht is se sturwen— un nu wull ick man fragen wegen de Liek," „Heute ist Montag— also Mittwoch könnte die Beerdigung stattfinden." „Jo, Herr Paster, dat wer mi schon recht— äwer ick wull man fragen— ick wull ehr gierir recht schön begrawen laten— un ick wull Se man fragen, woveel dat köst." „Ja." meinte der GeisUicke,„für eine.stille Leiche', das heißt also, wenn die Leiche nur am Grabe eingesegnet wird, betragen die Gebühren acht Mark, wenn aber—" „Nee, Herr Paster, ick wull äwer en Red—" „Ja, mein lieber Mann, da haben wir also noch die sogenannte Kollektenleiche mit einer kleinen Ansprache für die Kirche, worauf fiir die Armen gesammelt wird und dann—* „Aewer, Herr Paster, ick wull jo en richtige lange Red in de Kerk." „Sie meinen also eine„große Leiche", erst Traucrgottesdienst in der Kirche und noch die Rede am Grab?" „Jo, Herr Paster, dat wull ick." „In diesem Fall würden die Gebühren etwa dreißig Mark be- tragen. Kommen Sie mit in mein Ziiumer, damit wir alles nähere festsetzen." Die Kinder des PastorS hatten im Hintergrund gestanden und aufmerksam zugehört. Als der Bater in seinem Studierzimmer verschwunden war. stürzte» sie zur Mutter hinein und schrieen im Chor:„Moder, Moder, Du brukst de Farken nich to verköpen, Vadder hett en grote Liek for Mittwoch."— („Simplicissimus.") Vermischtes vom Tage. — An der egyptischen A u g e n k r a n k h e�i t ist in P ö ß- neck ein Drittel der Schulkinder erkrankt. Die Schule» sind von den Behörden geschlossen worden.— — Einem Gutsbesitzer in R o g e h n e n bei Elbing gingen bei einer Ausfahrt die Pserde durch. Die Insassen stürzten aus dem Wagen. Er selbst wurde schwer verletzt, seine Frau gclödtet. Eine Verwandte erlitt ebenfalls schwere Verletzungen.— — Die Pockenerkrankungen nehmen in Bruch(West- falen) in erschreckendem Maße zu.' Alle Vcr'annnlungcn und Feste sind polizeilich bis auf loeiteres verboten worden.— — Am 1. Juli wurde in Müncken eine internationale Aus- stellung i l l u st r i r t e r Postkarten eröffnet.— — In der Bildergallerie zu K a r l s b a d wurde ein Oelbild auf Kuvferblech von David Teniers(16. Jahrhundert) aus dem Rahmen gebrochen und gestohlen.— — 42 leichte Erdstöße am Sonnabend und ein stärkerer Erd- stoß am Sonntag früh wurden in S i g» und Umgebung(Dalmatien) verspürt. Die Örisckasten sind beschädigt. Fast alle Gebäude sind arg milgenommcu oder eingestürzt. Dte obdachlos geivordcue Be- völkeruug lagert im Freien.— — Auf der Warsckau-Petcrsburger Bahn wurde zwischen den Stationen Bialvstot und Lavy ein bei un- vencklosieuer Barri re über das Geleise fahrender Bauernwagen mit zwölf Hochzeilsgästen vom heraubrauseuden Schnellzuge ersaßt und zermalmt. Neun Personen waren sofort rodt, eine ist schwer verletzt. Nur zwei Insassen sind mit dem Leven davongekommen.— — Ein Lustschiffer und zwei französische Offiziere wollen die Sahara in einem Luftballon durchqueren, Sie beabsichtigen am Golfe von Gabes auszusteigen und im Nigerwiniel- gebiet zu landen.— c. e. In London ist jüngst ein alter Junggeselle ge- starben, der sein Vermögen acht Frauen hinterließ, die nacheinander seine sormellenHeirathsainräge zurückgewiesen hatten. Diese Generosität erklärte er in seinem Testament folgendermaßen:„Dadurch, daß sie meine Anträge zurückloicsen. gestatteten nur diese Damen, ein ruhiges Lebe» zu führen, frei von den Verdrießlichkeiten deS Familienlebens; sie verdienen daher die Dankbarkeit, die ich ihnen beweise."— — Barbarei in England. Dem englischen Parlament ist ein Ausweis über die von' englischen Richtern in ihrem Urtheil verhängte körperliche Züchtigung vorgelegt morden. Es verhängte Richter Day 3766 Hiebe über 137 Verbrecher, Richter Grantham 633 Hiebe über 31 Verbrecher, Rickrer Lawrence ISS Hiebe über S Verbrecher, Richter Bruce 509 Hiebe über 23 Verbrecher, Richter Collins 2öS Hiebe über IS Verbrecher. Richter Wills 128 Hiebe über 7 Verbrecher. Richter Hall 829 Hiebe über 44 Verbrecher und Richter Fulton S57 Hiebe über SS Verbrecher.—_ Lteraniivortlicher Redakteur: Zlugust Jacoben in Berlin Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.