Anlerhaltungsblatt des Horwärls Nr. 132. Freitng, den 8. Juli. 1898 Wi Ltur die Iieeihcit. Geschichtlicher Noman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert©chlo eiche I. Der Meister Ellwanger war ein konservativer Mann und auf seine Anordnung vollzog ein Priester des alten Glaubens die vorgeschriebenen Zeremonien nach katholischem Brauche. Aber unter den Hunderten von Theilnehmern auf dem Kirchhofe fehlten nicht die Führer der reforniatorischen Bewegung, Doktor Deutschlin, der Deutschordenshcrr Melchior, der blinde Mönch, der Altbürgermeister, der Rektor der Lateinschule, Valentin Jckelsamer, aber auch Stephan von Menzingen und Dr. Max Eberhard wohnten dem Bcgräbnitz bei. Die arme Käthe trug ein schwarzes Mieder und einen schwarzen Rock und hatte ein schtvarzes Tuch über den Kopf geworfen. Das junge Blut schimmerte wie sonst durch ihre bräunlichen nmden Wangen, aber aus deren Grübchen war der Schalk entflohen, der sonst wohl aus ihnen lachte. Ihre Augen hatten ihren Perlen- glänz eingebüßt und auf ihren zusammenfließenden Brauen wohnte der Schmerz. Er übermannte sie und sie begann heftig zu weinen, als der Leichnam in die Gruft hinunter- gelassen wurde. Jetzt erst ward es ihr zur kalt grausamen Gewißheit, daß für sie jede Hoffnung dahin war, seine Liebe zu gewinnen. Diese Hoffnung hatte sie nie verlassen, obwohl sie stets mit Schmerzen gefühlt, daß seine Zärtlichkeit nur ein Almosen war, das er seiner blinden Leidenschaft für die Andere abgewann. Und nun war er gar für diese gestorben I Kaspar faßte mit einem starken Drucke ihre Linke, die neben ihm schlaff herabhing. Da ermannte sie sich und wischte mit dem Rücken der freien Hand die Thränen aus ihren Augen. Der lange Licnhart sah auf sie hinunter und zupfte und zerrte grimmig an seinem Schnauzbart. Der Priester betete das Vaterunser, und die Anwesenden sprachen es mit entblößten Köpfen laut nach. Da rief auf sein Amen eine Stimme:„Nicht also lasset uns von dieser Gruft scheiden. lieben Freunde, nicht ohne ein Abschiedswort I" Ein Mänillein in bäuerlicher Tracht nahm die Stelle des Geistlichen ein und die Morgensonne beschien ein hageres, stark gebräuntes Gesicht.„Der Bruder Andres," rief Kaspar verwundert, und:„Dr. Karlstadt 1" hallte es nicht minder erstaunt von den Lippen aller, die ihn kannten. Er war es wirklich. Sein Abcndmahlsbüchlein war nicht nur fertig, sondern bereits durch die Vermittelung Ehrenfricd Kumpf's heimlich in Rothenburg gedruckt und versendet, aller- dings nicht unter dem wahren Namen des Druckers und Druckortes. Nun hatte die jüngste That des Dr. Deutschlin ihn nicht länger in seiner Verborgenheit geduldet und er erschien auf dem Kampfplätze. „Füllet nur die Gruft," rief er den Todtengräbern zu. „Deil Leib könnt Ihr mit Erde bedecken, aber die That, so ihn sällte, schreit gen Himmel! Sie schreit um so lauter, als der Thäter ein Mächtiger dieser Welt ist und derjenige, welcher sie erlitt, ein Niedriggeborener war. Ein Niedrig- geborener, aber darum nicht minder unser Bnider, die wir uns zu Christo bekennen. Und darum stehen wir alle an seinen: Grabe, auf daß wir Protestiren gegen die Gewalt, die ihn erschlug. Zügellos wie ein wildes Roß stürmt sie daher und achtet nicht, wen ihre Hufe zertreten. Es war ein Edeles, wofür dieses Kind aus dem Volke unbedenklich sein Leben dahingab. Ich aber sage Euch, wenn ein ganzes Volk das schwerste leidet und es wird ihm kein Ersatz dafür, dann mag es sich selbst verfluchen. „Morgen ist Aschermittivoch. Damit beginnt die Zeit, in der wir uns auf den leiblichen Tod Christt und seine Auferstehung zum ewigen Leben vorbereiten. Ach, meine theuren Freunde, wie gar so lange Jahre schon fastet das Volk und muß für die Sünden anderer Buße thun in Sack und Asche! Soll es denn ver- gebens harren auf seine Auferstehung? Ewig währen die Nacht seines Elends? Und doch ist die frohe Verheißung an alle Christenheit ergangen, er sei Herr oder Knecht. Nicht nur aus dem blinden Heidenthum wollte Christus die Welt er- lösen, nein, er rief alle zu sich, die mühselig und beladen sind, er rief das Volk zu sich, auf daß es frei werde von Roth und Elend. Also verstanden es auch die ersten christ- lichen Gemeinden und darumgab es unter ihnen keine Reichen und keine Armen. Wer zwei Röcke hatte, gab einen davon demjenigen, der keinen hatte; wer Aecker und Weinberge be- saß, verkaufte sie und that das Geld in die gemeinsame Kasse, auf daß niemand friere oder hungere. Alle Güter waren gemeinsam, denn sie waren Brüder und Schwestern. Eine Kirche hat Jesus von Nazarcth nicht gekannt. Die Kirche hat wieder zerstört, was er auferbaut hat. Der Sohn Gottes hatte nicht, wohin er sein Haupt legen konnte; aber die Kirche hat sich der Güter dieser Erde bemächtigt und dem Volke nichts gelassen, als den Himmel droben, zu dem es verzweifelt aufschreit aus seinem Hunger und Elend, seiner Knechtung und Leibeigenschaft. So lange diese Kirche, so lange Rom herrscht, so lange kann sich die Erneuerung der Welt nicht iin Geiste Christi vollenden. Darum nieder mit Rom. damit die Erlösung zur Wahrheit werde und das Volk auferstehe zur christlichen Freiheit. Gott will es!" Immer heftiger, immer leidenschaftlicher waren ihm die Worte entsttömt, so daß seine schwächliche Gestalt wie ein Blatt im Winde erzitterte. Die Wirkung seiner Rede auf die Zuhörer war überwältigend. Allerdings gab es unter den Bürgern manchen, dem der Kommunismus Karlstadt's wenig behagen mochte. Aber thcils wagten sie nicht zu wider- sprechen, theils riß sie die Begeffterung mit fort, sodaß auch sie einstimmten in den donnernden Ruf, mit dem die Versammlung sich löste:„Nieder mit Rom!" Sogleich umringten den kleinen Doktor seine Freunde. Fritz Dalk, Lorenz Diem, Jos Schad, Melchior Mader und andere Bürger fanden sich zu ihnen und bildeten gleichsam eine Leibwache. Während sie Karlstadt nach seiner Wohnung begleiteten, stürmte ein Haufen erhitzter Köpfe durch die Gassen, den Ruf wiederholend:„Nieder mit Rom l" Von diesem Tage an mußten Mönche und Nonnen, wenn sie über die Straße gingen, manch scheltenden Zuruf hören, insbeson- dere die Dominikanerinnen, denen der Rath in der Fastenzeit das Pförtchen in der Stadtmauer, das zu ihrem Garten. führte, vermauern ließ. Simon Neuster mit den Seinigen, der lange Lienhart und Kaspar verließen unter den letzten den Kirchhof. Der lange Lienhart forderte sie auf, sich durch einen Trunk im Rothen Hahnen zu stärken, bevor sie sich auf den Heimweg machten. Simon war aber von dem Ohm zu einem Imbiß eingeladen worden. Sie nahmen däher von einander Ab- schied. Zu Käthe sagte der lange Lienhart, indem er ihre kleine harte Hand in seiner großen Faust begrub:„Lass' den Kopf nit hangen, Maidelin! Bist halt noch zu jung dazu. Dem Junker zahl' ich's heim, darauf kannst Du Dich verlassen." Käthe schüttelte trübe den Kopf. „Er hat Recht, Du darfft Dein junges Leben nicht ver- trauern," redete Kaspar ihr zu, während sie nach der Hofstatt weiter gingen.„Glaub' mir's, Käthelein, für Dein Herz kommt auch noch ein Ostcrtag. Zum Henker, daß mein Spaß ein Loch gekriegt hat, sonst solltest Du wohl lachen." „Ich weiß selbst einen Spaß," erwiderte sie mit einer Bitterkeit, die ihm durch die Seele schnitt.„Für die Freiheit von uns armen Leuten hat er sein Leben einsetzen wollen und jetzt hat er für das vornehme Weibsbild sein Herzblut ver- gössen. So lach' doch, Kaspar!" „Ich lach' ja," rief er rauh.„Und nachher kauf ich mir auch eine Narrenkappe und lauf' Schembart. Ist ja heut' allerwclts Narrentag, hcio I Aber Geduld, Geduld!" „Geduld?" fragte Käthe geringschätzig.„Ihr Mannsleute habet allzuviel davon." Derselben Meinung war Dr. Kallstadt, dem seine Freunde Vorwürfe machten, daß er sein Versteck verlassen hatte. Auf seine persönliche Sicherheit käme es nicht an, meinte er. Er hatte seine Begleiter in das Haus geladen, und Meister Etschlich seine große Stube im Mittclgeschoß geöffnet. Hans Schmid, der blinde Mönch, pflichtete Karlstadt mit der Bemerkung bei, daß jetzt oder nie der Augenblick gekommen sei, um die Reformation in Rothenburg durchzusetzen. Woran Valcnttn Jckelsamer den Vorschlag knüpfte, daß die Bürger- schaft zu diesem Zwecke eine Abordnung an den Rath schicken* sollte. „Und daß wir unser Recht kriegen," fügte Kilian Etschlich hinzu. „Und Sitz und Stimme im äußeren Rath wie vordem," ergänzte Melchior Madcr.„Denn das ist unser Verbriestes Recht.".J „Davon kein Mäuslein roas abbeißt," erscholl die schwere Stimme des Metzlers Talk. Der Magister Bessermayer warnte vor Ueberstürzungen und Dr. Deutschlin rief:„Zunächst handelt es sich um den Gewinn dessen, was uns allen zuhöchst steht: um den ge- läuterten Glauben. Warten wir ab, ob ein Rath den Hand- schuh aufhebt! Sollte der mich aus meinem Amte weisen, aus der Stadt weiche ich nicht, und darf ich nicht mehr in St. Jakob predigen, so thue ich es unter Gottes freiem Himmel." „Und wir schützen Euch," rief der Gerber, Jos Schad, unter dem Beifalle der anwesenden Meister. „Wohl, Ihr Herren," sagte Stephan von Monzingen mit scharfer Betonung,„aber die Sache stehet also, daß wir die Reformation nicht erlangen mögen, so lange der Bürgerschaft ihr Recht entstehet." „Nein, nein, nein, wir dürfen die Religion nicht mit der Politik verquicken," widersprach Ehrcnfried Kumps lebhaft. „Dann möcht' ich aber mit Verlaub der günstigen Herrn fragen, was aus uns, den armen Leuten wird?" Es war der Dorfmeister von Ohrenbach, der, unbeachtet in die Stube ge- kommen, diese Frage stellte. Aller Augen richteten sich auf ihn. „Der Glaube wird sie befreien wie den Bürger," rief Andreas Karlstadt.„Wir wollen nicht zu Messern und Spießen laufen, vielmehr soll man wider seine Feinde gewaffnct sein mit dem Harnisch des Glaubens. Der neue Glaube wird wie die Kirche so die Gesellschaft reformiren. Eine neue Gesell- schaft tritt mit ihm in die Welt, eine neue Gesellschaft, die das Band der Brüderlichkeit umschließt." „Brüder im Glauben, in Christo, gut; aber—" Die Worte kamen aus dem Munde eines wohlhabenden Eisen- Händlers mit einem Doppelkinn. Er hielt es für besser, seine Bedenken unausgesprochen zu lassen, zumal Simon's klare Augen sich durchdringend auf ihn hefteten. „Aber jeder Bruder wird arbeiten," ergänzte der blinde Mönch anstatt seiner.„Die Arbeit wird die Grundlage der neuen Gesellschaft sein." „An Arbeit sind wir Bauern wahrlich gewöhnt," äußerte Simon.„Aber wie gedenken die Herren das Ding ins Werk zu richten? Der Bär ist halt noch nicht erlegt, und die Herren streiten schon über das Fell. Im Guten erreichen die Herren vom Rath nix, rein gar nix. Und dieweilen uns alle der Schuh drückt, die einen hier, die anderen dort, so bin ich des Meinens, daß Städter und Bauern zusammen die Schultern an das Ding legen müssen, um es vorwärts zu schieben." Die Handwerksmeister, der blinde Mönch, der lateinische Schulmeister stimmten ihm bei; die anderen widersprachen, während Max gespannt auf den Ausgang harrte und der Ritter von Menzingen, an seinem Schnurrbart drehend, den ruhig dastehenden Simon aufmerksam betrachtete. Die Stimme des Herrn Ehrcnfried gewann in dem lebhaften Streite die Oberhand.„Ich bitte und beschwöre Euch, meine Freunde, keine Gewalt!" rief er, beide Hände erhebend. Meister Kilian lachte kurz und scharf auf. Der Altbürgermeister aber fuhr, ohne es zu beachten, fort:„Wie die Sachen stehen, so bin ich überzeugt, daß es keiner Gewalt bedürfen, sondern der Rath dem moralischen Druck nachgeben wird." Simon Ncuffcr ließ seine klugen braunen Augen langsam über die Versammelten gleiten: dann zuckte er leicht die Achseln und ging in die Stube hinunter, wo Frau und Schwester in Gesellschaft Kaspar's auf ihn warteten. Kund- licher, der wackere Eisenhändler, athmcte erleichtert auf. Max Eberhard schied aus der Stube des Tnchschcerers mit schweren Gedanken. Nach seiner Ansicht lag in der sitt- lichen Zersetzung und Auflösung der Welt, in der Abgestorbenheit des alten Glaubens, in der erbarmungslosen Ausbeutung der armen Leute die Ursache, weshalb sich die verzweifelte Menschheit mit solcher Inbrunst und Begeisterung dem neuen Glauben in die Anne warf. Er sollte ihr ein Stab sein, an dem sie sich aufrichten konnte; er sollte sie retten. Und nun hatte er einen Blick gethan in die Spaltung zwischen der rein religiösen und der zugleich politischen Partei. Nur dem Ansehen des Altbürgermeisters war es gelungen, einen offenen Bruch zwischen ihnen zu vermeiden. Aber würde er nicht dennoch eines Tages sich vollziehen, und war dann nicht alles verloren, da doch nur durch die innigste Verbindung beider das Ziel erreicht werben konnte? Als er, von dem Hause des Tuchscheerers kommend, zu seiner Wohnung hinaufstieg, erschien sein Vater aus der Schwelle seiner Arbeitsstube und rief ihn herein. Seit Wochen hatten beide nur noch das unvermeidlichste mit ein- ander geredet. Der ältere Eberhard begann in der Stube, die im Gegensatz zu dem Arbeitszimmer des ersten Bürger- Meisters äußerst einfach eingerichtet war, hin und her zu gehen, und Max harrte schweigend der Ansprache. Er kannte seinen Vater zu gut, um es ihm trotz der Starrheit seiner Minen nicht anzumerken, daß er zur Ruhe sich zu zwingen bestrebt war, und er sollte über die Ursache seiner inneren Erregung nicht lange im Zweifel bleiben. Endlich fragte Herr Konrad, indem er mit einer kurzen Wendung einige Schritte vor ihm stehen blieb:„Du hast der Beerdigung des fremden Gesellen beigewohnt?" Seine Stimme klang rauh, und er räusperte sich. lFortsctzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Vemohnee des Arheenfeldes. (Schluß.) Die kleine Feldgrille begnügt sich mit kurzen Röhren, nicht viel umfangreicher als ihr eigener zierlicher Körper, während die erheblich größere, wunderlich geformte Maulwnrfs-Grillc(auch Werre oder Erd- wols genannt) ein eiförmiges Nest mit schneckenförmig gewundenen Gängen anlegt, dessen Wände mit Speichel befeuchtet und dann ge- glättet werden. Nicht nur durch das fortwährende Unterwühlen und Auflockern der Wurzclerde der Halme macht sich daher die Maulswurfs- grille unnütz, sondern auch durch Verzehren und Abbeißen der Pflanzen- und Wurzelthcilc. so daß sie bei Masscnauftreten zu einer äußerst gefürchtetcn Feindin des Feldbaues wird. Als harmloser ist der Regenwurm anzusehen, der gleichfalls wie überall so auch hier seine engen Röhren wühlt, wogegen die Engerlinge, die bekannten Larven unseres Maikäfers, hinsichtlich der Schädlichkeit mit den Wcrren, deren Vorliebe für Pflanzcnwurzeln sie theilen, auf einer Stufe stehen. Wahrlich, so ein Getreidefeld ist die reine Micthskasenic! Nur gemach, wir sind noch lange nicht zu Ende. Die Klasse der Insekten ist noch durch eine ganze Reihe Exemplare vertreten, die sämmtlich mehr oder weniger den Fleiß des Landmanncs bestehlen, indem sie zum Dank für das gewährte Unterkommen seine Ernte dezimiren oder doch die Früchte auf andere Weise schädigen. So finden ivir in den blühenden oder auch mit weichen Körnern versehenen Achren oft eine Anzahl winzige orangegelbe Thierchcn, die Larven des nur 2 Millimeter langen Gctreibcblascnsiifecs(Thrips cerealinm), welche die Aehrcn und Körner zerstören. In den sogenannten„Gicht- köniern" des Weizens, die sich durch ihre Mißgestalt und Mißfarbc kennzeichnen, lebt ein Rundivurm von nur 5 resp. 2 Millimeter Länge(das Weibchen wird 4 Millimeter lang), das Weizenälchcn. In den Gichtkvriicru befindet sich die Brut des Würmchens, welche, so- bald das Korn in die Erde gepflanzt wird, durch den Einfluß der Feuchtigkeit zum Leben erwacht, an den Pflanzen empor- klettert und sich in die Fruchtknoten einbohrt, Ivo die Thiere wachsen und sich ihrerseits wieder fortpflanzen. Wie alles derartige Ungeziefer, sind diese Würmer mit äußerster Zähigkeit ausgerüstet, und ihre Brut erhält sich in den trockenen Körnern jahrelang, bis sie durch Versenkung in das feuchte Erdreich wieder in den für ihr Gedeihen erforderlichen Zustand versetzt wird. Ebenso verderblich wird dem Weizen(und auch dem Roggen) der Getreide- verwüster oder die Hcsscnfliegc, eine winzige Gallmücke, die zwei Brüten im Jahre erzeugt. Das Weibchen legt seine zirka 800 Eier zwischen zlvci Längsnerven eines Blattes ab, die nach wenigen Tagen auskriechenden Larven gleiten am Blatte hinab und setzen sich hinter dessen Scheide fest. Die erste Brut beschädigt in der Regel nur die Halme, so daß diese vom Winde leicht geknickt werden, die zweite, erst Ende August oder September erscheinende, richtet dagegen die Pflanzen der jungen Wintersaat, auf denen sie schmarotzt, völlig zu gründe. Die Gctreidchalm- Wespe(Cephas pygmaeus) entwickelt eine ähnliche verderbliche Thätigkeit, da das Weibchen die Eier in einem zu diesem Zlvccke angebohrten Knoten des Weizen- oder Roggcnhalmcs unterbringt, worauf sich die nach wenigen Tagen ausschlüpfenden Larven unteNvär'ts durchfrcsscn und dadurch eine mit vorzeitigem Absterben des Halms verbundene Nothreife des Getreides bewirken. Die höchst gefräßige und schäd- lichc Raupe der Wintcrsaat-Eulc treffen wir nicht im entwickelten Getreidefeld, sondern in der Wintersaat, deren zarte Pflänzchcn das über 3 Zentimeter lange, gänsekiclstarke Ungeziefer mit Behagen verzehrt. Sie geht aber nickit am Tage. sondern nur des Nachts ihrer Nahrung nach, während sie sicki am Tage verbirgt, so daß wir ihrer nicht ohne weiteres habhast zu werden vermögen. Die Raupen der Ackercule und des Ausrufezeichens leisten ihr treulichen Beistand. Ein weiterer Bewohner aus der Ordnung der Schmetterlinge, der Getreidezünsler(Lotyo frumentalis), erweist sich hingegen als ein Freund unserer Brotgewächfe. indem sich seine Raupe nicht das Getreide selbst, sondern lediglich verschiedene zwischen den Pflanzen wuchernde Unkräuter schmecken läßt. Auch die Erntemilben,' die als kleine rothe Pünktchen oft in Massen an den Halmen hängen, machen ihrem nicht gerade Gutes versprechenden Namen zum Glück keine Ehre� Sie werden nur den Arbeitern oder auch Thieren gefährlich, die mit dem Getreide in Berührung kommen und in deren Körper sie sich ein- beißen. Ihre Anwesenheit verräth sich durch peinigendes Jucken, das unter Umständen einen sehr hohen Grad erreichen, ja sogar von Fieber begleitet sein kann. Die Eindringlinge sind jedoch durch Ein- reibungen mit Steinöl leicht zu vertreiben. Der wogende Getreidcwald selbst verbirgt noch manchen Gast anderer Art. So die schängefärbten Fcldwanzen, deren abscheulicher Geruch allerdings die schöne Farbe Lügen straft, die allerliebsten Maricnkäferchcn, die wie überall so auch hier eifrig der Blattlausjagd obliegen, die grünen Feldhcuschrecken, die bisweilen zu ungeheuren Schwärmen anwachsen und in heißen Ländern ganze Ernten vernichten. Zu den Einmicthern, denen der Landmann alle Teufel an den Hals wünscht, gehören noch der Saatschncllkäfer(der unter dem Namen Schmied bekannte, gelblichgraue, schlicht ausschauende Gesell, sowie der Gctrcidclanfkäfcr und der Gctrcidelaubkäfer, jener von schwarz- brauner, dieser von grüner Färbung. Der genannte Laufkäfer wird durch Benagen der Körner höchst schädlich, ebenso seine Larve, welche die zarten Keiine der jungen Saat verzehrt. In gleicher Weise schaden die Larven der beiden anderen Käferarten. Ein harmloser Bursche ist dagegen der Fcldsandkäser(Eicindsla campcstris), der an schönen Sommertagen durch seinen sprungartigcn Flug oft unser Interesse erregt, uns ciuch häufig zu Jagdv'crsuchcn reizt, die aber erst nach langer Anstrengung von Erfolg begleitet sind, da das äußerst gewandte Thicrchen uns immer wieder entschlüpft. Schließlich wolle» wir das bandfüßige Griinaugc, eine kleine gelbe Fliege, nicht vergessen, deren Maden durch ihr Saugen an Gersten- und Weisen- Halmen die sogenannte Wcizcngicht erzeugen, bestehend in einer Verunstaltung der Halme, welche deren Entwicklung verhindert. Die erwachsene Larve verpuppt sich an der Pflanze, Ivorauf das vollendete Insekt im August erscheint, das wiederum seine Eier an die Winter- saat ablegt, deren kleinen Pflänzchcn nun ihrerseits die ansschlüpfendc Wintcrbrut den Garaus macht. So hatten wir also von den Bewohnern unseres Getreidefeldes im ganzen nicht viel Gutes zu berichten: mit Ausnahme der Lerche und Wachtel, sowie des zierlichen Marienläfcrchcns, der Entcmilbc und des Gctrcidezünslcrs zahlen sie sämmtlich ihren Zins durch Zerstörung ihres schützenden Heims.— Hermann Greiling. Mleinrs Fonillekon d. Wie sie Natur genießen. Der Wind fuhr mit seinen derben Fäusten durch die Büschclkroucn der Kiefern. Sie rieben sich an einander, die hohen Stämme ächzten, dann purzelten die grünen und braunen Samcnzapscn auf den dürren Waldbodcn, daß die vertrockneten Nadeln aufsprangen. Hü.. i.. ü! zog es durch die Wipfel. In wenigen Minuten war das letzte Blau verschwunden, das Gran der Regenwolken drückte auf das Grün der Kiefern. Auf dem Wege, den ich hinabmar-schiertc. wurde es lebendig. Aus einem Seitenweg bog ein Break ein, auf dessen Vordersitz sich drei dicke Männer drängten, wahrend hinten niehrerc Frauen mitKinderu zusammen gepackt waren. Hinter einem Wachholderbusch tauchte ein Schwann junger Leute auf, alle in dem glücklichen Aller zwischen Kind und Mann, in dem alle noch reine, ungebrochene Hoffiiungen haben. Hinter mir kam ein Mann mil seinen vier Kindern angelaufen. Alle strebten hastig vorwärts. Im niedrigen Saal des WirthShanscS fand ich sie wieder. Der Mann mit den Kindern hatte ein GlaS Milch und eine Tasse Kakao vor sich. Die Kinder saßen still und steif. Der Vater schnürte ein Packetchcn auf und reichte jedem Kinde eine Buttcrscmmcl. Und still kauten sie daran herum, die armen blassen Opfer der Vornehmheit des kleinen Bcamtenthums, die ihren gcmißhandcllcn Magen unter der„anständigen" Kleidung verbargen. Die jungen Leute holten ihre Stullen aus den Taschen, bissen herzhaft hinein und ließen sich das Bier gut schmecken. Sie räkelten sich auf ihren Stühlen— nicht vornehm, aber so, wie cS dem Körper nach einem derben Marsch woblthut. Die Wohlgenährte» voni Break aber hatten schon weiße Tücher vorgebunden und schmausten: Gänsebraten. Spargel in Butter, ge- bratciicn Hecht, Rchriicken u. s.>v. Der Kellner hatte schwer zu tragen an den bepackten Platten. Und als der kleine Beamte zu seinem kleinen Mädchen sagte:„Sich niemand auf den Teller! Das ist nicht vornehm!" da meinte die eine der Frauen in greller Seide zu ihrem dicken Jungen:„Iß kecn Brot»ich: dct iS nich fein, »ich vornehm!" Nun gingen die Sticheleien los. Der Beamte, wohl in seinem Bureau an Geduld und Unterordnung gewöhnt, hielt alles ruhig aus. Der Regen, der bis dahin an die Fenster geklatscht hatte, ließ nach. Die Kinder drängten nach der Thür. Doch nur der Kleinste des Beamten durfte vom Tische fort. Aber die Kinder vom Neben- tisch, wo die Leute aus dem Break saßen, liefen alle hinaus. Ihre Eltern. Herrscher der Halle, stopften immer noch Rehrücken und Gänsebraten in sich hinein. Plötzlich kam der Kleine des Beamten zurück. Seine weiße Hose war hinten grün und schwarz gefärbt.. Der Vater schimpfte:„Nimm Dich doch in Acht!" Der Junge heulte. Alle lachten... Als der Regen immer noch nicht ganz aufhören wollte, setzten sich die Männer vom Break zum Kartenspiel. Die Frauen be- wunderten gegenseitig ihre Kleider und die großen, schlechten Brillanten in den Ohrringen. Der Beamte saß noch still und steif bei seinen Kindern. Nur die jungen Leute zogen singend weiter. Ich schloß mich ihnen an. Was machte uns das bischen Ge- tropfe?!-- — Chinesische Sklavenhändler in den Vereinigten Staaten. Es muß cigenthümlich berühren, wenn man hört, daß in Amerika noch förmlicher Sklavenhandel besteht, wie dies in Kalifornien, dem Dorado der chinesischen Auswanderer, der Fall ist. San Francisco ist von Chinesen überschwemmt, die ihre sonderbaren Sitten und un- heimlichen Laster mit in diese große Stadt gebracht haben, ins- besondere bestand aber unter den in Kalifornien ansässigen Chinesen schon von Anbeginn an der Sklavenhandel, und dieser Handel mit Kindern und Frauen hat in unseren Tagen noch bedeutend zugenommen und wirft einen großen Gewinn ab. Der Menschenhandel wird von zwei Gesellschaften betrieben, die einen förmlichen Markt mit einer Masse von Kunden organisirt haben. In San Francisco giebt es augenblicklich etwa 3000 Personen, die mittelbar oder unmittelbar von Kauf oder Unterbringung weiblicher Sklaven leben. Man be- rechnet in San Francisco ungefähr 20 000 Chinesen, von denen 5000 in Fabriken beschäftigt sind, 5000 sollen Kaufleute sein, 4000 dienen als Gesinde, und 3000 leben, wie gesagt, vom Sklavenhandel. Die Zahl der vcrhcirathcten Chinesinnen schätzt man auf etwa 1000, während die übrigen 1500 Sklaven im wahrsten Sinne des Wortes sind. Sic wurden in China durch List oder Betrügerei gestohlen und unter irgend einem falschen Vorwand nach Amerika geführt. Dort angelangt, waren sie ihrem Schicksal überliefert; sie wurden wie Thicrc an den Meistbietenden verkauft. Vor einigen Monaten wurde eine solche unglückliche Sklavin verhandelt, nnd da sie glaubte, ihr Verkauf stände mit den Landcsgcsctzcu in Einklang, ließ sie ge- duldig alles über sich ergehen. Als indessen ihr Besitzer ihr sechs- jähriges Kind wegnehmen und unter dem Vorwand, daß es die Mutter beim Arbeiten bindere, verkaufen wollte, entlief sie und suchte Zuflucht in cincni Missionshausc. Erst dort erfuhr sie, daß amerila« nische Gesetze nichts von Sklaven wüßten, und daß sie völlig frei wäre. Aber der chinesische Konsul erschien bei den Missionaren und verlangte die Auslieferung der Flüchtigen,„zur Ehre China's und der Chinesen", wie er sich ausdrückte. Natürlich wies man ihm die Thür, der Vertreter des himmlischen Reichs gab indessen seinem Freund, dem Sklavenhändler, den Rath, das Gericht in Anspruch zu nehmen, und das unglückliche Wesen mußte auch hier erscheinen. Ter Prozeß, der sich einige Zeit hinzog, endete zwar endlich mit Abweisung des Sklavenhändlers, doch"ist es bezeichnend, daß die Chinesen die Sklaverei als eine Einrichtung auffassen, wegen der sie den Schutz der Gerichte anrufen können. In San Francisco gilt eine kleine Chinesin von 0—10 Jahren 750—2500 Fr., und ein Mädchen von 12—10 Fahren kann, wenn sie hübsch ist, einen Preis von 2500—7000 Fr. bedingen. Für Frauen über dies Alter geht der Preis sehr in die Höhe, bis zu 20000 Fr., und das Kapital, das in dieser Weise placirt wird, giebt trotzdem eine Verzinsung von 20 bis 30 pCt.— Völkerkunde. k. AnS einem japanischen Sittengesetze, das im vorigen Jahrhundert für die Stadt Tokio erlaffen worden und in der Zeitschrift„Ostasicn" in einer Ucbersctzung von Kisak Tamai veröffentlicht ist, sind folgende Bestimmungen über das Vcrhältniß der Ehegatten und Verliebten wegen ihrer drakonischen Strenge von charakteristischer Bedeutung für die Anschauung, die in Japan vor der Einführung europäischer Kultur herrschten. Es heißt da: Eine Frau, die die Ehe bricht, und der Mann, mit dem sie Ehebnich be- gangen, sind des Todes schuldig. Der Ehemann, der seine Frau beim Ehebruch ertappt und sie und ihren Geliebten tödtct, soll ungestraft bleiben. Trifft ein Ehemann seine Frau in Gesellschaft eines Mannes, der ihm verdächtig erscheint, so darf er denselben ungestraft tödtcn, auch wenn der betreffende un- schuldig ist. Wenn eine Ehefrau ihren Mann ums Leben bringt. soll sie öffentlich auf einem Pferde durch die ganze Stadt geführt, dann an ein Kreuz gebunden und mit Lanzen abwechselnd an beiden Seite» durchstochen werden, bis sie stirbt. lDicsc allcrschwerste Strafe heißt Harizukc.) Wenn ein Mann einer Ehefrau Gewalt an- thut, wird er gelüpft. Wird jemand wegen Ehebruchs gctödtet, so bleiben seine Frau und Ncbcnfrnucn ungestraft.(Das war bei politischen Vergehen nicht der Fall.) Wer hcirathet, ehe er seiner bisherigen Frau den Schcidebricf gegeben, wird verbannt. Wer es aus Gewinnsucht thut, verliert sein ganzes Vermögen an die Stadt und wird ausgewiesen. Wenn eine Ehefrau hcirathet, che sie von ihrem Ehemann den Scheidebrief er- halten hat, so wird sie mit glattrasirtem Kopf ihren Eltern über- geben. Wenn jemand eine vcrwittwetc oder geschiedene Frau liebt und mit ihr zusammen heimlich entflicht, so wird bei der Verhaf- lung die Frau zu ihrer Familie gesandt und dem Mann werden beide Hände mit einem Schloß gefesselt. Wenn jemand mit einer verhcirathetcn Frau cincn Liebesbriefwechsel unterhält, ohne daß cS zu einem wirklichen Ehebruch kommt, so werden beide Theile mit Verbannung bestraft.— Anatomisches. t. Kinderblut.„Blut ist ein ganz besonderer Sast"— namentlich aber das Blut von Kindern, das in vieler Hinsicht von der Zusamniensetznng des Blutes Erwachsener abweicht. Ein ge- lehrtcr Arzt sagie neulich in dem Journal der„American Medical Association", eine der letzten Lehren, die ein Arzt in sich aufzu- nehmen hätte. wäre die, dag ein Kind nicht ein kleiner Mensch wäre. Das klingt gewist sehr merkwürdig, hat aber insofern seine Berechtigung, als das Kind bei der Geburt thatsächlich nur in sehr unvollkommenem Sinne der Beschassenheit eines nonnalen Menschen entspricht. Besonders das Blut kleiner Kinder be- findet sich in einem Zustande, den man bei einem Erwachsenen Menschen ohne Zögern als krankhast bezeichnen würde. Die wechselnde Farbe der Haut kleiner Kinder ist ja oft die Sorge der Mütter, denn diese Farbe kann in kurzer Zeit von einem blühenden Roth in ein Lcichcnblatz übergehen. Das liegt daran, dah die Kinder in den ersten Monaten so austerordcjitlich schnell wachsen, dast die Widerstandskraft des ganzen Organismus gegen Einflüsse aller Art geschwächt wird. Ein Erwachsener hat in einem Kubikmillimcter seines Blutes annähernd 5 Millionen rothe und 5000— 7500 wcistc Blutkörperchen. Die rothcn Blutkörpcr haben sämmtlich etwa gleiche Gröste und Gestalt und besitzen in der Regel keinen Kern. Die Weißen Blutkörperchen, deren lleberhand- nähme die sogenannte Bleichsucht hervorruft, sind einander durchaus nicht sämmtlich gleich, sondern je nach ihrem Alter ver- schieden, und zwar besitzt der erwachsene Mensch unter 100 weistcn Blutkörperchen etlva 25— 40 junge, 60— 70 ansgewachse und 1—4 alte Zellen. Sehr verschieden davon ist die Zusaimnensetzung des Blutes von kleinen Kindern. Zunächst zeigt dasselbe eine Neigung zu einem llcberschust an rothcn Blutkörperchen von Ve bis l'/a Millionen ans das Kubikmillimcter, so daß das Blut eine ungewöhnlich rothe Färbung besitzt. Nun aber ist gerade in den ersten Tagen nach der Geburt der Eintritt einer„Bleich- sucht" des Blutes ein außerordentlich gewöhnliches Ereiguist. ES sind Fälle davon berichtet worden, in denen an einem Tage die Zahl der weißen Blutkörper auf nahezu 20 000 und nach der nächsten Mahlzeit sogar auf 25 000 stieg, also auf das vier- bis fünffache der Zahl im normalen Blute, und dann während der nächstell Tage allmälia auf die gewöhnliche Zahl wieder zurückging. Auch bei Erwachsenen tritt nach einer Mahlzeit eine Vermehrung der weißen Blutkörper ein, aber niemals in solchem Maße, was beweist, wie leicht das Blut von Kindern durch geringe Anlässe beeinflußt wird. Im Kinderblnte find auch die rothcn Körpcrchen in Gestalt und Größe unter einander beträchtlich verschieden und besitzen auch zuweilen einen Kern, Zustände, die nran im Blute Er- wachsener als krankhaft bezeichnen würde. Unter den weißen Blut- körpcrchen sind gerade die jugendlichen Zellen außerordentlich häufig. während die erwachsenen und alten Zellen sehr zurücktreten. Das ist von größerer Bedeutung, als es zunächst scheinen mag. Während der rothe Blutfarbstoff gar nicht von so großer gesundheitlicher Bc- deutung ist, als gewöhnlich angenommen wird, wird der Thätigkeit der weißen Blutkörper eine Fähigkeit zur Vernichtung krankheit- erregender Keime zugeschrieben, die etwa ins Blut gelangen. Da nun das Kinderblut hauptsächlich jugendliche Zellen unter diesen Blutkörperchen aufweist, die diese Fähigkeit noch nicht genügend cnt- wickelt haben, so würde sich daraus die größere Anfälligkeit kleiner Kinder gegen allerhand ansteckende Krankheiten erklären.— Ans dem Pflanzenleben. g. Wundfieber bei Pflanzen. Vor kurzem wurden recht interessante Beobachmngen über das Verhalten verletzter Pflanzen gemacht. Die Athmung— bekanntlich athmen Pflanzen wie Thiere, nur daß erstere Kohlensäure ein- und Sauerstosf aus- athmen, sich also in dieser Beziehung umgekehrt den Thicren verhalten— gewinnt, nachdem die Pflanze eine Verletzung erlitten hat, eine viel beträchtlichere Stärke als gewöhnlich, und diese vermehrte Athmung erreicht nach 24 Stunden ihren Gipfel. Zur gleichen Zeit steigt aber auch die Temperatur der verletzten Pflanze. Diese Wärmesteigerung wurde mit ein ein thermoelektrischcn Apparate gc- messen, der noch'/*oo Grad angiebt. Bei der Kartofiel zeigte sich 24 Stunden nach der zugefügten Verletzung eine Erhöhung der Temperatur— man kann also sagen, eine Ficbcrtcmpcrntur— von 2/io Grad über der normalen, die dann, allmälig abnehmend, bis zum fünften Tage bemerkt wurde; bei einer Zwiebel wurde sogar eine Wännesteigcrung von beinahe 3Vz Grad beobachtet, und während im erstereii Falle die Temperatursteiqcruiig eine mehr lokale ivar, erstreckte sie sich bei der Zivicbel auf den ganzen Organismus, ent- sprechend dem Stoffwechsel, der ja bei Zwiebelgewächsen ein viel stärkerer ist, als bei Kiiollcngelvächsen. Jedenfalls muß die ganze Erscheinniig als ein Wundfieber der Pflanzen angesehen werden.— Meteorologisches. u. Das Südlicht. Wie im nördlichen Polargcbiet das Nord- licht, so tritt auch im südlichen Polargebiet ein ebenso merkwürdiges Lichtphänomcn auf, dessen Ursache ebenso wenig wie die des Nord- lichts bisher genügend klar gelegt ist. W. Boller, der sich mit diesem Gegenstande beschäftigt hat, tonnte 1100 Nachrichten über mehr als 600 beobachtete Südlichter zusammenstellen. Nach dieser Statistik nimmt, wie beim Nordlicht und übrigens auch bei den Sonnen- flecken, auch beim Südlicht die Häufigkeit der Erscheinung zu, um nacki Erreichung eines Maximums wieder abzunehmen: die Zeit zwischen einem Maximum und dem nächsten beträgt 11 Jahre. Die östliche Halbkugel der Erde ist vom Südlicht ebenso frei, wie die westliche voni Nordlicht: nur westlich der Kordilleren und deren südlichen Verlängerungslinie erscheint das Südlicht. Die Ursache dieser ungleichmäßigen Vertheilung muß in der Lage des magnetischen Südpols gesucht werden, aber auch lokale Einflüsse machen sich geltend. Schon Wrangel vermuthetc, daß durch das Gefrieren des Eismeeres die Bildung von Nordlichtern begünstigt werde, während umgekehrt eine Abnahme derselben mit dem Abschmelzen des Eises Hand iil Hand gehe: vom Südlicht gilt offenbar das Gleiche, lieber die Höhe des Südlichtes liegen bisher nur wenige Beobachtungen vor.— Bergbau. — Für die Deckung des Bedarfes an Nickel, welches Metall in der Gegenwart eine immer ausgedehntere Verwendung erfährt, kommen heutigen Tages wesentlich nur zwei Ursprungsländer in betracht, nämlich Neukaledonien und Kanada. Norwegens Lager an Siickelerzen, welche bis 1894 eine jährliche Ausbeute von 90'bis 100 Tonnen ergaben, gelten für so ziemlich erschöpft. In Neukaledonien wurden in den Jahren 1893 und 1894 69 000 bczw. 61 000 Tonnen Nickelerz gefördert, welche zwischen 7 bis 10 pCt. des reinen Metalls enthielten. Seitdenr hat sich die neukaledonischc Für- dernng ans dem erwähnten Durchfchnittsniveau gehalten. Aus dem nach Frankreich verschifften Erzen wurden in den Jahren 1892 bis 1893 beztv. 1244, 2045 und 1545 Tonnen Rciiimckcl dargestellt. Die kanadische Förderung von Nickelerz ist relativ gering, dafür sind die dortigen Erze aber weil auSgirbigcr. bis zu 40 pEt. Ueberdics ist die kanadische Rickelerzgewiiimmg noch sehr entwickclungsfähig.— Humoristisches. — Replik. Er sin» Zorn)„Ich sag' Dir, Weib, Du bist mir Luft!" Sie:„Siehst also doch ein, daß Du ohne mich nicht lebe» kannst."— — Das einzige Vergnügen. Mann:„Sage mir doch einmal, wann» Du mir immer widersprichst?" Frau:„Mein Gott, man muß doch in der Ehe auch ein Vergnügen habe n."— — I e ii n ch d c in. Der Hntfabrikaiit Mayer macht mit seinem Schwager Müller einen Spaziergang und kommt unter anderem auf den Privatier Hnbcr zu sprechen. „Ein recht netter Herr" meint Mayer, und in demselben Momente biegt— ein altes Sprüchwort bekräftigend— der rundliche Rentier um die Ecke. Dieser grüßt höflichst, und dabei zeigt es sich, daß er einen neuen H n i anderer Firma trägt, was dem Fachmann Mayer natürlich nicht entgeht, weshalb dieser seinem vorigen Unheil über Huber sofort hinzusetzt:----„aber in letzrcrZeit hat sich der Kerl zu seinem N a ch t h e i l verändert."— s.Mcggend. hum. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Bon drei Wölfen wurde ein Kanonier im S ch i r p i tz er F o r st bei T h o r n angefallen und verfolgt. Es gelang ihm, die Thiere abzuwehren.— — Ein starker Schneefall ist am Mittwoch in den Kärntner Bergen eingetreten.— — Ein Bauer in der Temeser Gemeinde U t v i n tödtete seinen Schwiegervater, der ihn wegen seiner Lüderlichkeit enterben wollte. Er begab sich in das Zimmer seines schlafenden Schwiegervaters, feuerte auf diesen drei Revolverschüsse ab, schnitt ihm den Hals auf und schändete noch den leblosen Körper, indem er den Unterleib bis zur Brust hinauf anffchlitzte.— — Ein Bergmann in La Grande E o m b e �Frankreich) legte eine D y n a m i t p a t r o n e in sein Bett, legte sick selbst hinein und entzündete die Patrone. Der Körper wurde vollkommen aus- einander gesprengt.— — Ein japanisches H a« S aus Porzellan soll auf die Pariser W e l t a n s st e l l n n g geschickt werden. Es mißt mehrere Ellen im Umfange und wieg: erwa 1400 Zentner. Küiist- lcrisch soll eS eine hervorragende Leistung sein. Die Anfertigung wird 40 000 M. kosten.— — In der Gegend von Grottammare fProvinz Ascoli in Italien) wüthetc ein heftiger Orkan. Drei Landleute wurden ge- tödtet. Weite Strecken sind durch Hagel verwüstet.— — An Bord eines in London im Dock liegenden Dampfers explodirte eine Kiste Sicherheitspatroncn. 6 Mann wurden getödtet, 15 schwer verletzt.— c. e. In E a st o n(Pennsylvania) zündete ein ehemaliger Professor der Sittenlehre und Logik, um sich für seine Entlassung von der borkigen Universität zu r ä ch e n, ein der Universität qchvriges, mit einem Kostenaufwand von 250 000 Dollars errichtetes Gebäude an, ruinirte die Orgel, die Kanzel, den Teppich und die Polstcrstühle in der Universitäts-5iapelle durch Thceransirich, stahl alle Hymncnbllcher und warf sie in einen riefen Brunnen.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn» tag, den 10. Juli.______ Peranlivortlicher Redakteur: August Jarobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.