Hlnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 136. Donnerstag, den 14. Juli. 1898 (Nachdruck verboten.) 32] Um die Freiheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichel. Die Greisin lachte bitter.„Freilich, mit dem Geschlecht fing's an; aber das ist blos eines. Sie müssen alle aus- genichtct werden, die Sporen und die Glatzen. Gott will es und er hat mich ausgeschickt, seine Rache zu vollziehen. Ver- schlungen sollen sie werden von der Erde und gefressen von dem Feuer des Herrn, wie die Rotte Korah." Ihre hagere Gestalt reckte sich in die Höhe, drohend ballte sich ihre knöcherne Faust, während ihre Augen fanatisch glühten. Ein Grauen überkam die Männer. Zweites Kapitel. Gegenüber der durch Karlstadt's Grabrede gesteigerten Aufregung der Bürgerschaft hatte der Innere Rath nicht ge- wagt, dem Interdikt des Bischofs Nachdruck zu geben, und der Kommenthur Christan und Dr. Deutschlin predigten unbe- helligt weiter. Um so unzugänglicher waren Erasmus von Muslor und Konrad Eberhard den Vorstellungen der schönen Gabriele geblieben. Die Anklage wider Zeisolf von Roscuberg, von dem Stadtschreiber Thomas Zweifel abgefaßt, war an das Reichs- Kammergericht abgc- saudt. In ihrer Unruhe darüber entschloß sie sich, der Schwester Lamperta einen Besuch abzustatten. Viel- leicht erfuhr sie von ihr, wie ihr Neffe über den Handel dachte; vielleicht konnte sie durch dieselbe auf ihn einlvirken. Es war Samstag vor Mittfasten und Wochenmarkt in der Stadt, als sie ihren Vorsatz ausführte. Bei ihrem Gange über den Marktplatz wurde von den Weibern und Töchtern der Bauern, die dort ihre ländlichen Erzeugnisse seilboten, manche Aeußerung, die keineswegs schmeichelhaft war, über ihren reichen Anzug und ihre stolzen Mienen ganz laut gc- than. Sie achtete derselben nicht, bezog sie auch kaum ans sich. Denn wie sollten die sonst so dcniüthigcn und unter- thänigcn Weiber es wagen, ihre Erscheinung zu bekritteln, ja zu verspotten? Schwester Lamperta empfing den ehemaligen Kloster- zögling in ihrer Zelle, wenn man ein Helles, freundliches Zimmer, das aus zwei Fenstern auf den Garten schaute, so nennen will. Die nach dem damaligen Zeitgeschmack eleganten Möbel, die vielen Stickereien, Arbeiten und Geschenke ihrer Schülerinnen, die frommen Nippes ans zierlichen Wand- brettern, der von künstlichen iveißcn Rosen umkränzte schwärmerisch schöne Christuskopf über dem Betschemcl durften auch nicht gerade klösterlich genannt werden. Schwester Lamperta ruhte in einem hohen weichen Lehnstuhle, ein ge- fticktes Polster unter den Füßen, von den Anstrengungen ihrer froninien Pflichten aus. Sie empfing ihren Besuch mit einer sauer-süßen Miene, und streckte ihni die fette weiße Hand nachlässig herablassend zum Kusse hin. Ihr„süßes Kind" war ersichtlich bei ihr in Ungnade gefallen. Allerdings war es ihres?!cffen Schuld, daß ihr Plan, ihm den Reichthum Gabriclc's zuzuwenden, gescheitert war: aber diese kam ihr gelegen, um ihren Verdruß darüber an ihr aus- zulassen. Und nicht nur hierüber, sondern auch, daß sie des persön- lichcn Verkehrs mit ihrem Neffen beraubt war. Denn sein brutaler Zynismus war fiir ihr frommes Gemüth stets ein köstlicher Leckerbissen gelvesen. Da der Rath die Gartenpforte nach dein Taubcrthale hatte vermauern lasscii, so konnte der Junker Zeisolf selbst nicht mehr heimlich das Kloster besuchen. Die fromme Frau ließ das alles durch ihren kühlen Ton und manch' eingestreute Bemerkung die schöne Gabriele entgelten. Eines war jedoch mächtiger in ihr als ihr heiiillicher Verdruß: die Neugierde, von Gabriele selbst alles über die von ihrem Neffen beabsichtigte Entführung zu erfahren. Junker Zeisolf hatte ihr nichts darüber geschrieben, und der Klatsch, der in das Kloster gedrungen war, nicht wie ein mit Gold beladener Esel in eine Festung, sondern durch weit geöffnete Pforten, befriedigte Schwester Lamperta nicht. Gabriele konnte ihr nicht ausführlich genug sein, und sie ge- noß mit allen Sinnen. Ganz nahe beugte sie sich zu dem schönen Mädchen hin, das auf einem niedrigen Schemel vor ihr saß: ihre Arrgen, ihre Lippen schlürften nnt ihren Ohren, und ihr weiß und rosig glänzendes Gesicht verklärte sich. Eine Entführung, welche Näscherei! Die fromme Schwester lehnte sich in ihrem Polsterstuhl zurück und schloß die Augen.„Aber die Geschichte hat noch ein Nachspiel," störte Gabriele sie auf. „Ach, Du meinst die Anklage? Ich habe davon gehört," antwortete die Nonne mit großer Seelenruhe. „Ich habe bisher niemand davon erzählt, daß ich dem Junker zuvor hier begegnet bin," äußerte Gabriele und fuhr erregt fort:„Jetzt wird es an das Licht kommen und man wird Schlüsse daraus ziehen, die dem Kloster ebenso nachtheilig sein werden, wie meinem Rufe. Und ist es nicht schon schreck- lich genug, daß mein Namen durch diesen Prozeß in aller Leute Mund kommt? Daß er alle Lästerzungen wider mich in Bewegung setzt?" „Rege Dich nicht unnöthig auf, Liebste," beschwichtigte sie Schwester Laniperta.„Man wird es gar nicht wagen, gegen ein Mitglied der reichsunmittclbaren Ritterschaft zu handeln." Die schöne Gabriele schnellte von ihrem Sitze auf.„Also durfte der Junker es wagen, meine weibliche Ehre ungeahndet zu beschimpfen?" rief sie zornig. „Nicht doch, nicht doch!" suchte die fromme Schwester sie zu beruhigen.„Wenn man eine Schönheit ist wie Du, inein süßes Kind, dann ist es wohl verzeihlich, daß ein Mann durch sie zu Thorheiten verführt wird. So heißes Blut Zeisolf auch haben mag, er ist ein Edelniann und wird Deine Ehre nicht bloßstellen. Er hat aus großer Leidenschaft für Dich gefehlt. und Du zürnst ihm darob natürlich. Er soll Dich um Ver- zeihung bitten. Laß mich nur machen." Während Schwester Lamperta ihre glatte Zunge brauchte. erwiesen sich die der Marktweiber voller Stacheln. Sie thaten Aeußerungen von einem Freimuth, die, wenn ein Mann sie so laut und offen ausgesprochen hätte, ihm sicher den Straf- thurm erschlossen haben würden. Sie hänselten den Stadt- dicner, der die Marktgroschen von ihnen einzog und sich schlagfertig durch Grobheit rächte. Sie riefen einander anzüg- liche Bemerkungen über die Patrizierfrauen zu, welche Ein- käufe machen wollten, waren kurz angebunden und grob. und zwei ältere Bäuerinnen unterhielten sich laut darüber. welches vou den Geschlechtcrhäusern am Markte sie sich künftig als Wohnung nehmen sollten. Ein Dämon schien mit dem ungewöhnlich frühen Lenz in die Weiber gefahren zu sein. Käthe, die mit Butter und Eiern zu Markt gekommen war, kannte diesen Dämon gar wohl, hielt sich aber still an ihr Geschäft. Seit dem Tode Lautner's war eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Ihre kirschrothen Lippen hatten einen herben Zug erhalten, den Kaspar Effchlich vergebens weg- zuscherzeu versuchte, wann er nach Ohrenbach kam. Sein Humor brachte Käthe nicht zum Lachen, nicht einmal zu einem flüchtigen Lächeln. Wenn er das Gespräch auf Hans leiten lvollte, bat sie ihn, davon still zu sein. Sie redete überhaupt nur das Nothwendige, selbst mit den Hausgenossen. Dagegen schaffte sie mit einer Rastlosigkeit, als lvollte sie sich zu Tode arbeiten. Die geschlossene Ruhe ihres Wesens wurde nur einmal durchbrochen. Das geschah, als Simon nach seiner Rückkehr von Ballen- berg ihr von der schwarzen Hofmännin erzählte. Ihr rund- liches Gesicht wurde fenerroth, ihre nußbraunen Augen blitzten und ihre breite Brust athmcte, als ob es ihr an Lust gebräche. Sie wurde ihre Vorräthe schneller los als sonst. Denn das Benehmen der meisten Verkäuferinnen trieb ihr die Kunden zu, die für ihr gutes Geld nicht Grobheiten oder Stachclreden mit in den Kauf nehmen wollten. Bevor sie die Stadt verließ, besuchte sie das Grab ihres Freundes. Noch stand sie mir Thränen an dem jungen Hügel, als das Knistern und Rascheln schwerer Gewänder sie den 5kopf zu wenden veranlaßte. Die schöne Gabriele kam von ihrem Be- such in dem Doniinikanerinncn- Kloster. Sie wollte an Käthe vorüberrauschen, ohne ihrer zu achte». Kaunte sie doch auch die anne Dirne nicht. Diese vertrat ihr den Weg.„Du? Du kommst just recht," rief sie.„Schau hei� ist das dem Hans Lautner sein Grab, den Du erschlagen hast." Gabriele glaubte mit einer Irrsinnigen zu thun zu haben und versuchte ihr auszuweichen. Käthe jedoch ergriff sie am Arm und hielt sie so fest, daß sie sich nicht loszureißen vermochte.„Du bist eine Teufelin." rief Käthe mit heißem Athem und funkelnden Augen.„Du hast ihn verhext, daß er nicht von Dir lassen konnte, ob er schon wollte." „Sei vernünftig," zwang sich Gabriele trotz ihres Schreckens zur Ruhe.„Laff' nüt Dir reden! Ich kenne Dich nicht und that Dir nichts. Wenn Du den Todten rächen willst, von dem ich nur weiß, daß er mir helfen wollte, so geh nach Haltenbergstedten. Der Junker Zeisolf that's." „Weißt nichts weiter von ihm und hast doch sein Kränzlein getragen?" entgegnete Käthe heftig.„Du hast ihm als eine Nachtmahr das Herzblut ausgesogen. Was gilt Euch vor- nehmen und verbuhlten Weibern auch so ein armer Bub! Mir aber war er mein Alles, mein Höchstes, nieine Seeligkeit; die hast Du mir gestohlen, zerbrochen, zertreten. Knie nieder an seinem Grab und bitt ihn, daß er Dir vergiebt! Knie nieder, anders kommst Du nicht los." Gabriele zerrte mit aller Kraft, um ihren Arm aus Käthe's brauner Faust, die ihn>vie in einem Schraubstock hielt, zu befreien. Es gelang nicht, und sie schrie laut um Hilfe. Käthe achtete dessen nicht.„Du willst nicht? Dann soll sein Grab Dein Herzblut trinken," rief sie wie außer sich und ihre Linke griff nach dem Messer, das m der Scheide an ihrem Gürtel hing. Bei dieser Bewegung gelang es der schönen Gabriele, sich loszureißen und sie entfloh mit kreischendem Hilferuf. Käthe stürzte ihr nüt gezücktem Messer nach. Schon waren jedoch Leute, welche ihren Weg über den Kirchhof nahmen oder auf der Gasse vorübergingen, aufmerksam geworden. Jetzt liefen sie herbei und es gelang ihnen, Käthe aufzuhalten, zu ent- waffnen und zu überwältigen. Leicht wurde es ihnen nicht; denn es war kein eitles Rühmen von Käthe gewesen, daß sie es an Stärke mit den Buben Wohl aufnehmen könnte. Während ihre schöne Feindin mit flatterndem Haar davon eilte, ohne sich umzusehen, wurde sie von den Menschen, die sich um sie gesammelt hatten, als ob sie plötzlich aus dem Boden gewachsen wären, nach dem Hause des Stadtrichters gezerrt. (Fortsetzung folgt.) Spaziergange eines Naturfreundes. Juli. Am Fuße eines bewaldeten Hügels lag ein kleiner seichter Wassertünipel. An der Kälte des Wassers, an der spärlichen Vegetation und an der Versandung des Grundes sah Herr Tanz- männ, daß er sich an einer Quelle befand. Er freute sich, daß er hier eine solche intereffante Naturerscheinung in unverfälschter Echt- heit sehen konnte. Es wundert mich, sagte er zu sich, daß dieses Stück Erde bisher dem schändlichen Treiben der Verschönerungsvereine entgangen ist, die sonst Quellen zum Hauptwmmclplatze ihrer ruchlosen Künste ersehen. Es ist wirklich bejammernswerth, wie diese Vereine ander- wärts die Wasserader bloßlegen, mit Steinen einmauern und das Wasser durch ein Rohr fließen lassen, wie beim Ausguß in einer Berliner Küche. Und er dachte weiter daran, wie sie am Ende des Rohres eine eiserne Schlange oder einen Hundekopf anbringen, der das Wasser höchst geschmäckvoll ausspeit. Daran befindet sich dann entweder ein verrosteter Becher, der angekettet ist, damit er nicht davonläuft, oder ein armer Invalide wird dazu verdammt. an der Quelle Wache zu halten und gegen Trinkgeld deit Naturtrank in Gläsern zu kredenzen wie in einer Selterwasscrbude. Kurzum, dieser Schmerz blieb Herrn Tanzmann hier erspart. Keine Ucberschrist, kein Gedicht vcrrieth hier, daß der Wassertümpel eine Quelle darstellte. Der Wanderer mußte sich daher Punkt für Punkt das Vcrständniß dieses kleinen ErdenflcckeS zu verschaffen suchen. Zunächst schritt er die Grenzen des Tümpels ab. Da stellte sich heraus, daß das Terrain weiter bergabwärts naß und sumpfig blieb, bergaufwärts dagegen schloß der Tümpel mit einer kleinen, etwa meterhohen Erdwand ab, an der der rohe frische Boden zu tage trat. Am Fuße dieser Wand bemerkte Herr Tanzmann an vcr- fchiedcnen Stellen im Wasser kleine Strudel, offenbar drang hier die Flüssigkeit aus der Erde in mehreren Adern hervor. Das heraus- fließende Wasser untcrnünirtc den Boden, so daß dieser nachstürzte und die Erdivand bildete Das Wasser breitete sich dann zunächst planlos aus, so das; es thcils den Tümpel bildete, thcils das um- liegende Land versumpfte. Woher aber kam das Wasser überhaupt? Der ganze Hügel mit seinem Laub- und Nadelwald und seiner immerwährend dichten Bodendecke stellte ohne Zweifel ein großes Reservoir dar, in dem sich alle Feuchtigkeit der Luft, besonders der Regen sammelte, ohne den Berg hinab- zufließen. An einem alten Fuchsbau aber, dessen Eingang unter eine»» Haselbüsche in der Nähe lag, konnte Herr Tanzmann beob- achten, daß unter der vorwiegend sandigen Oberfläche des Wald- bodens eine feste Thonschicht sich befand, die keinen Tropfen Wasser durchließ. Der Regen mußte also bei seinem Einsickern in den Boden schließlich über der Thonschicht Halt machen, die sich wahr- scheinlich wie ein Sammelbecken unter der ganzen Fläche des be- ivaldetcn Hügels hinzog. Dieses Becken war nun jedenfalls nach der Seite, wo jetzt die Quelle lag, geneigt und trat hier mit seinem niedersten Rande an die Oberfläche. So fand denn alles Wasser, das der Waldboden des Berges ausnahm und da? dann bis auf die Thonschicht niedcrsickerte, hier seinen Ausweg. Hier trat das Wasser zu tage, hier überschwemmte und versumpfte es den Boden, der eilten niederen dnnkclgrüne>i Graswuchs zeigte. Im Bereich des Sumpfbodens stand kein Baum und kein Strauch. Das kalte Wasser ließ ohne Zweifel das Aufkommen einer anspruchsvolleren Pflanzenwelt nicht zu. Herr Tanzmann schritt längs des sumpfigen Landstreifens hin bis zu der Stelle, wo sich das Waffer in einem kleinen Bache sammelte und nun schneller, traulich pläffchernd, dahinfloß. Zunächst zog sich der Bach unter dem dichten grünen Dache von Buchen hin, die feine Ufer so beschatteten, daß keine Vegetation an ihnen aufkommen konnte. Späterhin, als der Bach durch Aufnahme der Waldesfeuchtigkcit mehr gewachsen und breiter geworden war, waren seine Ränder mit einem üppigen Grün bedeckt. Zwischen den spieß- förmigen Blättern der Wafferschwcrtlilie, den Rispen des Süßgrases und den mächtigen Blättern des Wasserampfers schauten die Himmel- blauen Blütben des Sumpfvergißmeinuichts und die weißen Quirl- trauben des Froschlöffelkrautes hervor. Langftißige Teichläuser hüpften über daS Wasser dahin und glänzend schwarze Taumelkäfer spielten auf der Oberfläche ihr unermüdliches, drehendes Spiel. Der Bach verließ schließlich den Wald und zog sich min in un- zähligen Windungen durch die Fluren dahin. Sein Lauf war auf weite Entfernung hin durch ein dichtes Gebüsch gekennzeichnet, das seine Ufer einfaßte. Es waren besonders Erlen, die als kleine Bäume oder mächtige Sttäucher dicht aus dem Rande des Baches hcrvorsticgen und sich gewissermaßen an ihn anklammerten, ihn be- gleiteten und festhielten, um von seinem Wasser mit immer durstiger Kehle zu trinken, und in seinem Schutze vor der Ausrottung durch die Holzaxt gesichert zu sein. Auch Weiden folgten dem Laufe des Baches, als kleines Gebüsch aber füllten der Kreuzdorn und der Faulbaum die Lücken aus, die Erlen und Weiden übrig ließen. In das Wasser hinein breiteten sich die dünnen braunen Acste des schwarzen Johannisbeerstrauches aus und die Ranken des Bittersüß schlangen sich mit ihren violett und gelb gefärbten Blüthen hoch in das Geäst der Erlen. Herr Tanzmann konnte das fließende Wasser nur von Zeit zu Zeit sehen, obwohl er dicht am Bache entlang ging, denn Bäume und Sttänchcr waren so dicht von großblättrigem Hopfen um- schlungen, daß der Bach streckenlang wie mit undurchdringlichen Wänden eingefaßt und von einer dichten Decke überhangen war. Wo er aber dicht an den Rand herantreten konnte, sei es, daß hier ein zu hoch gewordener Baum der Holzaxt anheimgefallen war, sei es, daß das Wasser selbst das Gebüsch weggespült hatte, da hatte er prächtige Durchblicke über das in einer Laubhalle dahinfließende Wasser. An diesen offenen Stellen hatte sich eine üppige Stauden- Vegetation entwickelt. Rothblühcnde Weidennithen, blaue Veronika und lilafarbene Wasserminzc bildeten im Verein mit weißen Dolden- blüthlcrn einen meterhohen dichten Ufersaum. So oft Herr Tanzniann an das Wasser herantrat, schreckte er einige Frösche auf, die im feuchten Grase sitzend Insekten auflauerten. Sie fühlten sich außerordentlich behaglich, lagen auf ihrem dicke» Bauche und wenn sie eine Fliege gewahrten, sprangen sie auf und Schnappten das Thierchen sehr geschickt im Sprunge weg. Alsdann lagen sie wieder ruhig auf dem Bauche und sahen mit ihren Glotz- äugen in die Welt. Wenn aber Herrn Tanzmanns Fuß nahe daran war, auf sie zu treten, bekamen sie einen Schrecken, sprangen auf und plumpsten, eine helle Flüssigkeit hinter sich spritzend, in das Wasser und Herr Tanzmann sah ihnen nach, wie sie mir ihren langen Beinen das Wasser durchschnitten und eilig davonschwammen. Es war ein schöner, heiterer Tag. Da? helle Sonnenlicht gab dem wolkenlosen blauen Himmel einen weißlich flimmernden Schein. Es war sehr heiß, aber das Ufergebüsch gewährte Herni Tanzmann genügenden Schatten. Und obwohl über den Stoppelfeldern, auf dem die Roggcngarben mandelwcisc aufgeschichtet standen, eine Siede- Hitze lagerte, so kühlte doch das Wasser und der üppige Pflanzen- wuchs die Luft bedeutend ab. Herr Tanzniann folgte denn auch unverdrossen den unzähligen Windungen des Baches, dessen Ufer bisweilen sehr abschüssig waren und dessen Gebüsch so unregel- mäßige Linien bildete, daß der Wanderer nur im Zickzack gehen konnte. Dazu stießen von Zeit zu Zeit auch Kartoffelfelder an den Bach, und die bereits sehr hohen Pflanzen drängten sich so an das Ufcrgcbüsch heran, daß Herr Tanzniann die Zweige des letzteren öfter zur Seite drängen mußte, um die Kartoffeln nicht zu zertreten. Das Mißlichste aber waren die stachligen Ranken der Brombeeren, denen man vorsichtig ausweichen mußte, damit man nicht au ihnen hängen blieb und sich Kleider und Haut zerriß. Trotz dieser Schwierigkeiten blieb Herr Tanzmann guter Laune. Denn obwohl er über die Gebilde der Menschen leicht in Aufregung gerathcn konnte und schnell und unbedacht ein böses Wort hinwart, so konnte ihn die Nadir nie außer Fassung bringen. Sic war für ihn die Meisterin, der er willig folate. das Gesetz, dem er sich blind unterwarf. Ms Herr Tanzmann den vielen Windungen des Baches folgte, sah er, daß in dieser Bildung von Schlangenlinien ein gewisses System lag. Selbst wenn das Wasser zunächst in gerader Linie ge- Posten wäre, so hätte doch leicht ein in den Bach wachsender Erlcnbusch oder ein Stück eingestürzten Ufers sofort eine andere Strömung hervor- gebracht. Das Wasser hätte einen Widerstand gefunden, wäre hier abgeprallt und zum entgegengesetzten Ufer hinüber gelenkt worden, von hier wiederum nach der anderen Seite und so fort. So wäre die Strömung dann in einer Zickzacklinie verlaufen. An allen den Punkten aber, wo das Wasser anstieß, mußte sich der Boden ab- bröckeln, hier riß das Wasser stetig Erdreich hinweg. An allen Stellen des Ufers hingegen, die von der Strömung nicht berührt wurden, mußte sich der losgerissene Boden, überhaupt alles Gespüle ablagern. So war denn das Ufer an den Strömungsstellen steil, vom Wasser unterspült, während an den tobten Rändern sich Land- zungen von flachem schwarzem Boden in den Bach hineinschoben. Und dieses Abnagen auf der einen und das Anschlvemmen ans der anderen Seite trug nur dazu bei, die Richtung dcS Wasscrstoßes stets zu verändern und die Wendungen des Baches komplizirter zu machen. So schlängelte sich der Bach durch die Fluren dahin. Bisweilen zog er sich auch an einem Felde gelbblühender Lupinen hin, von denen ein schwerer, süßer Geruch ausging. Zuweilen streifte er ein Hafcrfeld, dessen Rispeir auch der Reife entgegengingen. Dabei nahm der Bach bald von rechts, bald von links einen kleinen Zufluß aus den Gräben der Fluren auf, die fteilich jetzt, im Hochsommer, nicht viel Wasser zuführten. Im Frühling und Herbst mochie das anders seil?, und Herr Tanzmann konnte an der Höhe der Bachrinne erkennen, daß der Wasserstand zuweilen bedeutend höher sein mußte. Erst späterhin gelangte der Wanderer an eine Stelle, wo die Ufer des Baches sehr flach waren, und wo sich das ganze Backlerrain zu einer langgestreckten feuchten Wiese ausdehnte. Die Wiese, die sich jetzt vom Grasschnitt in? Juni wieder erholt hatte und schön grün aussah, mochte zu Zeiten hohen Wasserstandes völlig überschwemmt sein und dann ein großes, breites Flußbett bilden. Die anliegenden Aeckcr wurden dabei vom Wasser verschont, da sie stch in steiler Böschung einige Meter hoch über die Wiese erhoben. Ter Bach selbst wurde immer breiter, er war wohl selbst vom besten Tunicr nicht mehr zu überspringen und Herr Tanzmann mußte, wenn er von einem Ufer zum anderen wollte, die primitiven Brücken der üandleute benutzen: zlvei morsche Erlenstämmc, die neben einander über den Bach gelegt waren. So wanderte Herr Taiizmann noch lange an dem freundlichen Bache hin, bis dieser sich schließlich in einen Fluß ergoß. Noch eine Weile konnte man das frische Bachwasser in dem trübe dahin- schleichenden Flusse sehen, dann vertheilte es sich und vereinte sich mit ihm.— Curt Grottewitz. kleines Fettillekon. — Eine Wette. Dem Pariser Feuilletonisten Gustave Mirbeau erzählte einmal der Kapitän D e l o n c l e, der die untergegangene .Bourgogne" führte, folgende Episode ans seinem Seemannsleven: .Seit drei Tagen hatten wir Havre verlassen: mit einem Mal be- merkte ich beim Machen der Runde, daß in den Kohlenkammer- räumen des Schiffes Feuer ist. Die Gefahr ist ernsthaft; doch beim echten Blick stelle ich fest, daß man ihr beikommen kann. Man be- giebt sich eifrig an die Arbeit.... Dabei frischte der Wind auf, und das Meer wurde stürmisch. Sie wiffen, ivie imprcssionabel die Passagiere sind. Bei dem kleinsten Unfall halten sie alles für ver- loren. Jeder allein ist muthig, sind sie zusammen, regen sie sich gegenseitig auf. Ich habe immer bemerkt, daß die Furcht ansteckend ist. Seien Sie überzeugt, man wird ihren Bazill entdecken. Ich hatte der Mannschaft das tiefste Schweigen über den Fall an- besohlen, ich wollte jene wackeren Leute nicht beunruhigen. Und dann kenne ich sie, sie hätten die Ausführung der Befehle nur ge- hindert. Ich hatte übrigens Zeit genug, um sie zu warnen, wenn die Gefahr zu unmittelbar gelvorden wäre. Doch auf so kleinem Raum ist es unmöglich, ein Geheimniß längere Zeit zu bewahren. Sie glauben nicht, wie viel Schnüffler und Hcrumhorcher in der Bevölkerung eines Packetbootes sich befinden. Eines Morgens höre ich von der Kommandobrücke aus ein Geschrei:„Feuer an Bord! Ist es nicht so?" Ich versuche zu leugnen, aber endlich muß ich es zugeben. Ich erklärte den Fragern, daß es ganz ungefährlich sei, ganiichts bedeute, sehr oft vorkäme, nicht das Geringste zu befürchten! Und ich bat sie, ohne Furcht weiter zu essen, zu schlafen, Poker zu spielen. Es gab alle Nationen auf dem Schiffe: Franzosen, Italiener, Deutsche und vor allem Amerikaner. Ich habe eine gewisse Ucbcrzcugungskraft. Ich hatte keine Mühe, den Franzosen, Deutschen und Italienern beizubringen, daß sie ihre bisherige Existenz wieder aufnehmen könnten. Aber die Amerikaner! Unmöglich, sie auf- zurichten. Sie werden weiß, grün, gelb, sie schreien und verzweifeln. Sie verlangen im offenen Meer ausgeschifft zu werden. Alle meine Versicherungen und Mahnungen helfen nichts. Ich fürchte, daß sie zum zweiten Mal die Panik unter die Reisenden tragen, und ich schicke mich an, scharfe Maßregeln zu ergreifen. Da habe ich plötzlich einen großartigen Einfall.„Hören Sie", schrei' ich ihnen zu, „ich wette 20 000 Dollars, hören Sie, 20000 Dollars, daß wirDicnstaq früh gesund und heil im Hafen von Nelv-Dork eintreffen. Wer hält die Wette Der Eindruck war plötzlich und zauberhaft. Die Gesichter erheiterten sich, das Vertrauen erwachte bei den Verzweifeltsten. Sie waren jetzt sicherer als ich selbst. Da ich soviel Dollars wettete, mußte ich meine Sache sicher sein.„Hip, Hip, Hurrah!" Sie ließen mich hoch- leben. DaS Leben auf dem Schiff nahm seinen gewohnten Lauf. Und am Dienstag, wie ich eS unklugerweise versprochen, fuhren wir in den Hafen von New-Iork ein."— — Ei» Idyll aus dem Schwarzwald. Aus Offenburg wird der„Franks. Ztg." geschrieben: Wenn ich in den Schwarzwald ziehe, mit Stock und Rucksack, dann meide ich die großen geräusch- vollen Kurplätze. Würziger Tannendust und das Läuten weidender Hecrden, das ucrvenbernhigcnde Rauschen des Wildbaches und die Orgelsinfonien des durch den Hochwald ziehenden Bcrgwindes, das alles sind Genüsse, die ohne Zugaben moderner Kultur zu kosten nur noch wenigen Schwnrzwaldfahrcrn vergönnt ist. Auch dieses Jahr stieg ich wieder aufs Gerathewohl auf die Berge, und schon drei Tage laug war ich, abseits von den großen Straßen, gewandert, ohne zu finden, was ich wollte, nämlich ein stilles Dorf mit einem recht- schaffenen Wirthshans drinnen, das einem für zwei bis drei Wochen eine saubere kleine Stube und was sonst der Mensch braucht, wenn er nicht zu anspruchsvoll ist, bieten kann. Am Morgen des vierten Tages sah ich nach einem Marsch von F li r t w a ii g e n her ein Dorf entzückend schön in der Thalschlucht liegen. Ich stieg hinab und fand bei einer kleinen Brücke vor dem Dorf eine Warnüngs- tafel mit folgendem Inhalt: Diese Brücke ist wegen vorzunemetcr Reperetur sschathafter Gedcckflöckling) für Fuhriverke nicht passierbar. Zuwiderhndelte sind haftbar und falen bei Unglicksfällen such selbst anHeim unter- ligen auser dem einer Ordnung strafe. das Bürgermeisteramt. G ü t e n b a ch. i. Nov. 1806. Diese Warnungstafel muthete mich an. Ich sagte mir, daß in einem Dorf, wo bald zwei Jahre lang ein für schadhaft befundener „Gedcckflöckling" eines 2 Meter langen Brückchens trotz der bürgermeisteramtlich angeschlagenen Warnung nicht durch einen neuen „Gedcckflöckling" ersetzt wurde, echte Schwarzwälder Gemüthlichkeit nicht ausgestorben seiu könne.— — DaS Referendum. In der„Arena" schildert Flower die Segnungen des„Referendum", des verfassungsmäßigen Rechts der Bevölkerung, über alle öffentlichen Angelegenheiten und Ein- richtungen auf dem Wege der Abstinimung zu entscheiden. Die Er- folge dieser Einrichtug, die der Verfasser die Verkörperung der wahr- Haft republikanischen Idee nennt, versucht er an dem Beispiel der kleinen Stadt Brookline, in der Nähe von Boston, zu beweisen Obwohl diese Stadt nur 17 000 Einwohner hat, ist sie in in» tellekweller, sanitärer und technischer Beziehung den meisten große» Zentren voraus. Ihre Volksbibliotheken umfassen 50 000 Bände; sie hat freie Bäder und Turnhallen, mustergilttge„Krippen" für die Kinder der Armen, zahlreiche volksthümliche unentgeltliche Kurse zur Ausbildung in Kunst und Wissenschaft, sowie in praktischen Fächern wie Kinder- und Krankenpflege. Nicht minder vortrefflich sind die kommunalen Einriwtnngen: Kanalisation, Wasserleitnilg u. s. w. Alle diese Segnungen führt der Verfasser auf das„Referendum" zurück. Trotz der verhältnißmäßig großen Zahl der Bevölkerung machen die Behörden von Brooklin es möglich, jeden Vorschlag oder Antrag ein bis zwei Wochen vor der Durckiführung in die Hände der Bürger gelangen zu lassen und jedem einzelnen ist Gelegenheit geboten, seine Sttmme darüber abzugeben. Die Organisation ist eine so vortreff- lickie, daß sie bei einer Zahl von 17 000 Einwohnern ebenso prompt und genau fuilktionirt, wie seinerzeit, wo es sich um ein paar hunderte von Stiinmeuden handelte.— Kulturhistorisches. — Automobilen im Jahre 1650. Bereits in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, also vor 250 Jahren, sah man in Holland einen sich ohne Hilfe von Pferden fortbewegenden Wagen: er gehörte dem Prinzen von Oranien. Dieser Wagen besaß ein Gestell aus viereckigen Segeln und wurde wie ein Schiff dirigirt: der Kutscher, also in diesem Fall der Steuermann, saß vorn, um mit einem Lcittade dem Wagen die Richtung zu geben. Nach einer An- gäbe aus der damaligen Zeit konnte dieses Automobile mit 28 Personen belastet werden und in zwei Stunden die Strecke von Scheveningcn bis Putten, 14 Meilen, durchfahren. Die nämlichen Angaben besagen auch, daß die Gesandten von Deutschland, Frank- reich, England und Dänemark mit diesem geflügelten Wagen gereist wären, der allgemein Bewunderung erregte. Da indeß der Wind auf den Fahrwegen ein zu unzuverlässiger Leiter war, so wurde dies Automobile bald aufgegeben und später als Wagen für Pferde umgebaut.— Archäologisches. — Ueber die berühmte Venus von Milo ist unter den Archäologen eine Streitfrage aufgeworfen. Der Kustos des Museums von Saint-Germain, Salomon Reinach, hat in der „Chronique des Arts" die Hypothese aufgestellt, die Statue stelle nicht die Venns, sondern die Meergöttin Amvbitrite. die Gemahlin deS Poseidon. dar. Das Hauptargument bietet dem französischen Archäologen folgendes: In Milo winde nicht nur die vermeintliche Benno gefunden, sondern auch eine ebenso große Statue eines Mannes ohne Kopf, die nach einer Inschrift einen Poseidon darstellt. Nun herrscht aber in der Stellung und in der Gcwänderdrapirnng dieser Statue und der der vermeintlichen Venns von Milo eine unbestreitbare Analogie: Die linke Hand Poseidons hält die Gclvandfaltcn über die Hüften; dieses Gewand uingicbt den llntcrrand des Torsos, wie die Hüfte» selbst. Die Rechte ist oberhalb des Scheitels auf das lange Szepter gestützt. Poseidon hat eine Linksstellung. Die Statue der milonischen Venus hat eine Rechtsstellung und zeigt in der Haltung ihrer rechten Hand, mit der sie das Ge- wand hält und in dem GesichtSauSdrucke eine überraschende llebereinstimniung mit dem des Poseidon und nichts hindert daran. zu glauben, dag ihre erhobene linke Hand ein Spcktron hielt. Es drängt sich daher die Vernmthung ans, daß, wenn urspriinglich die beiden Stanicn auch nicht eine Gruppe bildeten, sie dennoch in einer gewissen Entfernung von einander aufgestellt waren und gemeinsam einen Tempel schmückten. Die Statuen des Poseidon und der Amphitrite fanden sich auch an anderen Orten zusammen aufgestellt. Der Ansicht Rcinach's nach wurde die Poscidon-Statue um das Jahr 370 v. Chr. geschaffen, zu einer Zeit, Ivo die Schule des Phidias Skopas und Praxiteles Platz machte. Man müßte also daran-? schließen, daß die Schöplnng der Venns oder Amphitrite von Milo in diese Epolbe fällt und dies um so mehr, als die Archäologen bis jetzt mit einander nicht übereinstimmen, wann das Kunstwerk geschaffen wurde. Die einen nennen das Jahr 400, die anderen 150 v. Chr.— Aus dem Thierreiche. — ss—. Eilte neue S e e s ch l a n g e ist in dem Meere an der Küste von Nord-Borneo entdeckt worden. Es giebt eine recht große Zahl von Sccschlangcn, die sich auf vier verschiedene Gruppen und auf nicht weniger als neun verschiedene Gattungen ver- theilen. Freilich sind es nicht fabelhafte Ungcthüme von der nn- endlichen Länge, in der die Sccschlangcn sich von Zeit zu Zeit durch die Zeitungen ivanden, sondern Thicre von mäßiger Größe, die sehr selten über einen Meter lang ivcrdcn und Längen von über drei Metern nur in vereinzelten Ausnahmefällen erreichen. Die neu- gefundene Sccschlange, die in den Berichten der Londoner Zoologi- scheu Gesellschaft beschrieben lvird und den Namen„Hydropnis Flowert" erhalten hat. ist von dunkelgrüner bis schwärz- lichcr Farbe. Ein gelber Streifen zieht sich von Äuge zu Auge über die Schnanzc, und äbnlichc gelbe Streifen sind hinter jedem Auge zu sehcii, ferner befinden sich kleine gelbe Zeichnnngen auf der Krone, am Halse und am Leibe, aber nicht auf dessen ganzer Ausdehnung. Im Ganzen zählt inan 6V gelbe Bänder auf dem Körper der Sccschlange und auf ihrem Schwänze. Die Schlange ist 90 Zentimeter lang, lvovon 8 Zentimeter auf den Ruder- schwänz fallen. Der Kopf ist sehr klein und der vordere Thcil des Körpers überaus dünn, nur ctiva ein Drittel so stark wie der Hinter- leib. Die Schuppen des Leibes liegen ivie Dachziegel übereinander. sind am Halse glatt und an, übrigen Körper mit einen, kurzen höckerigen Kiel'geschmückt. Am nächsten verwandt ist diese See- schlänge, von der im Oktober vorigen Jahres zwei Exemplare ge- fangen wurden, mit der bekannten Art Hydrophis niammillaris, von der sie sich nur durch eine andere Kopfvildnng unterscheidet.— Aus dem Pflanzenleben. t. P fla nz e n g esch ü tz e. In der unter dem Namen S p h a g n u in bekannten Gattung der Torfmoose besitzen fast alle dieser kleinen Pflänzchcn die merkwürdige Fähigkeit, ihre Samen gleichsam niit Kanoiienschüssen nach außen fortzuschleudern. Die Samenkapseln springen, wie schon vor geraumer Zeit beobachtet wurde, mit hörbaren, Geräusche auf nnd streuen durch diese Explosion ihren Inhalt weithin aus. lieber die Ursache dieser merkwürdigen Erscheinung hat zuerst der russische Botaniker Sergius Nawaschin genaue Uniersuchnngcn gemacht. Beim Betreten eines Torfmoores hörte er ein Geräusch wie vom Platze» zahlreicher Luftbläschen nnd sah zu gleicher Zeit röthlichgclbe Staubivölkchen vom Boden auf- steigen. Bei näherem Zusehen fand er, daß diese Wölkchen voii den aufspringenden Saincnkapscln des Torfmoores her- rührten, welche dem sich bückenden Beobachter ihren staubigen Inhalt ins Gesicht schlenderten. ES glich dieser Borgang also durchaus dem Abfeuern eines Geschützes mit einem Knall und einer Rauchlvolke. Diese Eigenthümlichkeit ist nicht nur den unter natürlichen Verhältnissen lebenden Pflanzen eigen, son- dern auch noch den aus dem Boden heransgciiommcncn, für daS Herbarium vorbereiteten Pflanzen. Genaue Versuche des genannten Forschers stellten fest, daß das Zersprengen der Samenkapseln durch zusainmcngepretzic Luft erfolgt, und zwar kann der lleberdruck, der innerhalb einer solchen Samenkapsel vor dem Zersprengen derselben herrsdst,„ach sorgfältiger Berechnung nicht weniger als drei Atmo- sphärcn betragen. Die Spannung innerhalb der geschlossenen Kapseln ist nicht in allen Theilen derselben gleick, und wirk, derart. daß mir der eigentliche Deckel der Kapsel gesprengt und fort- geschleudert wird. Diese wunderbare Ausrüstung mit Lnftgeschützen SJeranlwortlicber Redakteur.' Slugnst Jacobe» i» B besitzt in dem ganzen Pflanzenreiche nur die genannte Gattung Sphagnum, nnd cS ist klar, daß die Pflanzen dieser Gattung da« durch ein hervorragendes Mittel besitzen, ihren Samenftaub in ver« hältnißmäßig großer lk,„gebung mlszustreucn.— Technisches. K. Holz wird heute zu den verschiedenarttgsten Zwecken ver- ivendet. Alle möglichen Papiere, Leder, Seide, Segel, Gasröhren, Bannllvolle werden daraus fabrizirt, ja sogar Kanonenrohre. Die hiermit angestellten Versuche, die natürlich wieder in Amerika gemacht werden, haben ganz gute Erfolge erzielt. Die Herstellung von Papier aus Holzstoff wie aus Cellulose ist schon alt. Ebenso bekannt dürfte auch die Herstellung von Seide aus Holzeellulose sein. Eine neuere Erfindung sind Holzstoffziegel, die sich durch besondere Leichtigkeit nnd Elastizität bei einem sehr billigen Preis auszeichnen. Ebenso wird jetzt ein dem natürlichen Lcder täuschend ähnliches Celluloscledcr hergestellt, das wasserdicht und dauerhaft ist. Schließlich stellte der Amerikaner M i t ch c l ans Holz auch Baumwolle dar. Das Verfahren ist zwar ein ziemlich koinplizirtes! man hat aber recht befriedigende Resultate erzielt. Den aus künstlichen Baumwollcnfädcn gefertigten Stoffen sagt man eine fast ebenso große Dauerhaftigkeit wie wirklichem Baunnvollstoff nach. Da der Stoff aber viel billiger ist. ist zu er- Watten, daß er der Baumwolle erhebliche Konkurrenz machen wird.— Humoristisches. — E r läßt mit sich reden. Unteroffizier(zu einem Rekruten, Schlächtcrsohn. der gerade eine Kiste von zu Hause erhalten):„Rekrut Müller, ich warf Ihnen da heut' Morgen bei der Uebung so etwas wie'n Rindvieh an den Kopf. Ganz kann ich es nicht zurücknehmen, aber das Filet können Sie gleich hergeben!"—(„Lust. Bl.") — Glänzendes Resultat. Nach der jüngsten Ver- theidiguugsrcde des Rechtsanwalts Pfiffig hat sogar der Staats- auwalr den Angeklagten— mit„Herr" angeredet!— — Sie kennt ihn. Frau:„Siehst Du. diesen blauen Hut muß ich haben."— Mann:„Aber Schatz, ich denke..."— Frau:„Du denkst? Was ist denn das wieder für eine Gewohn- hcit."— t*Mcgg. Hu»,. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Durch B i e n e i, st i ch e g e t ö d t e t wurden in R u d o lv bei Kyritz vier junge Störche. Ausschwärniendc Bienen ge- riethcu über die Flugübungcn der Thicre in Wuth, fielen über die Störche her und richteten diese derart zu, daß sie nach) kurzer Zeit todt im Neste lagen.— — Dic'K renzottern treten in diesem Sommer in Mecklen- bürg stark auf. Im Hornwalde bei Eck de na wurden zwei Kinder beim Heidelbeerpflücken von Kreuzotter,, gebissen. Das eine starb, das andere liegt schwer darnieder.— y. Ein fciiigckleidctes, dreizehnjähriges Mädchen sprang in H a m b u r g in die Alfter. Sie wurde gerettet. Nach dem Grunde ihrer LebenSmüdigkeit gcftagt, gab sie an: Liebes- g r a n,!— — DaS 30 Jahre alte Haus eines Kaufmanns in Königs- zeit sSchlesien) ist eingestürzt. Mehrere Personen sind schwer ver- letzt worden.— — Beim KönigSschicßen in I u l i u s b u r g(O.- Schl.) wurde der Zieler erschossen.— — In Franke n holz brach, wie aus Kaiserslautern be- richtet wird, die e g y p t i s ch e Augenkrankheit unter den Grube!, arbeiten, und Schulkindern aus. Die Schulen sind ge- schlössen.— — In P r e ß b u r g erschoß ein Polizeiwach-.Korporal seine Ge- liebte, eine Wittwe, und dann sich selbst in deren Wohnung. Er war verhcirathet und hatte Familic.— — In B r ü s s e l ivurde wieder ein neuer Bar geschlossen. Es kommen bei der Untersuchung skandalöse Vorfälle ans Licht. Eine hochgestellte Persönlichkeit war in dieser Kneipe Stamnigast.— — 1521 Personen wurden im Jahre 1897 in den, Pasteuttschen Institut zu Paris der Jnipftmg gegen die H u n d s w n t h unter- zogen. Von diesen starben nur acht. Bei 461 Personen bestand allerdings nur der Verdacht aufTollwuth, bei den übrigen wurde die Erkrankung festgestellt.— k. In England werden bereits in nichrcren Städten kleine elektrische SU o t o r e i, bis zn 6 Pferdekräften ausgeliehen. Die Micthc beträgt 10—30 Schilling pro Jahr, die Kosten der In- stallativi, dcS Motors hat der Micther zu tragen,— c. e. Auf der r u s s i s ch e n S ü d w e st b a h n wurde ein Zug von einer Uniuciige von 3i a u p e», die die Eisenbahnschienen in einer dicken Schicht bedeckten, aufgehalten. Die Lokomotive zcrgnclschte einen Theil der Raupen, wodurch das Geleise so schlüpfrig wurde, daß es zur Unmöglichkeit wurde, den Zug vorwärts zu be- wegen i das Geleise mußte erst gründlich gesäubett werden, bevor der Zug weiterfahren konnte.— — Die kanadische Piegienuig hat dem bekannten Jukonfluß. der daS Klondykegebiet in nördlicher Richtung durchströmt, den Ramm St o r d e n s k i ö l d- F l u ß gegeben.— rliu Druck und Verlag von Max Badiua i» Berlin.