Mnterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 138. Sonntag, den 17. Juli. 1898 (Nachdruck verboten.) � Mm die Freihvtt. Geschichtlicher Noman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Sch weiche!. Vater Martin, der vorausgegangen war, berichtete beiden, was er von Kaspar vernommen hatte, als dieser nachkam. Sic reichten ihm stumm die Hand, um den Alten nicht zu unterbrechen. Simon machte ein ungewöhnlich ernstes Gesicht. Die um viele Jahre jüngere Schwester war ihm in der letzten Zeit besonders lieb geworden. Sie bestärkte ihn in seiner revolutionären Gesinnung, sie feuerte ihn an und er konnte mit ihr sein Vorhaben besprechen. Seine Frau besaß freilich auch sein volles Vertrauen, allein in ihrer Sorge um die Zukunft ihrer Kinder suchte sie ihn zurückzuhalten, seine Entschlossenheit zu dämpfen, und er verbarg ihr daher manches, oder schwächte es ab, um die Bürde ihrer schweren Gedanken, die sie sich über alles machte, nicht zu vergrößern.„Und Du weißt nicht, wie die beiden und»vorüber sie auf dem Kirchhof aneinander gcrathen sind?" fragte er Kaspar, als der Vater geendigt hatte. Kaspar verneinte. Mit Entschiedenheit setzte er hinzu: „Aber wir dürfen die Käthe nicht sterben lassen, und der Donner soll mich erschlagen, wenn ich sie nicht heraushole." Simon warf Paul Jckelsamer einen Blick zu und fragte: „Ja, wie willst Du denn das anstellen?" Er wußte es noch nicht; aber er hätte viele Freunde unter den Tuchergesellen und sie würden mit dem Wächter des Weiberthurms»vohl fertig werden.„Und hier im Dorf hat's doch auch entschlossene Bursche genug." wandte er sich an Jckelsamer,„welche die Hand dazu bieten würden, um die anne Käthe frei zu machen. Es kommt blos auf eine günstige Gelegenheit an." „Ja, solche Bursche hat's schon," meinte der junge Ge- meindeschrciber mit einem eigcnthümlichen Lächeln. „Gewalt und immer Gewalt," seufzte die Bäuerin, welche inzwischen in die Stube gekommen war. Der alte Neuster, der auf der Ofenbank saß und die Unterarme auf die Schenkel stützte, hob den gesenkten Kopf und sagte:„Sei Du ganz still, Ursel, es hilft uns armen Leuten halt nix anderes mehr. Schau, so lang' ich mich zu erinnern weiß, hat's kein so frühes Frühjahr gegeben wie Heuer. Was will unser Herrgott damit, als daß er uns be- deutet, daß für uns, die wir die Erde bauen, heuer endlich die Saat der Befreiung aufgehen wird." „Es wird halt kommen, wie es kommen muß, ist's doch auch zwischen der Käthe und der Neurcutcrin gekommen, wie es kommen mußte," äußerte die Bäuerin mit ihrer singend klagenden Stimme ilnd ging zu ihrer unterbrochenen Arbeit zurück. „Wir werden einen guten Advokaten für die Käthe finden," rief Simon ihr nach. „Ich>vüßt' Wohl einen, aber der beste ist's Eisen," sagteKaspar. Paul Jckelsamer schlug ihm lachend auf die Schulter und sein Vetter, der hinter dem Tische saß, auf dem seine Unter- arme mit gefalteten Händen ruhten, äußerte:„Ich sprach just mit dem Jckelsamer von der Sach'. Rühr' Du den Kohl nit weiter an. Mittwoch haben wir Mitfasten. Im Bären wcrd' ich Dir nachher mehr sagen können." Das Gespräch wandte sich von Käthe auf die Zustände und Stimmungen in Rothenburg. Kaspar kehrte minder schweren Herzens, als er gekommen war, dorthin zurück. Simon begab sich nach dem frühen Nachtessen auf den Dorf- platz, der belebter als gewöhnlich war, weil es nicht nur der Vorabend des Sonntags war.fsondeni auch das Schicksal Käthe's allgemeine Theilnahme erregte. Während Paul Jckelsamer mit den jungen Burschen angelegentlich sprach, nahm Simon den Dorfmeister Wendel Haim bei Seite.„Nu," fragte er ihn, „hast Du Dich enstchieden, ob Du zu unserer Sach' stehen willst oder nst? Du hast Furcht gehabt, daß sie vcrrathen werden könnte. Jetzt steht's so, daß,»venu es einer auch dem Rath steckte, es nichts mehr ändern und uns nit aufhalten wird l Setzen wir uns daher, und lose l" Er führte ihn zu der Bank unter der Linde, wo niemand saß, und vertraute ihm, während an dem blassen Frühlingshimmel ein Stern nach dem anderen auftauchte, die in Ballenberg getroffene Verabredung an. Er, Leonhard Metzler und der lange Lienhart hätten sie bereits in vielen Dörfern des Rothenburger Gebiets bekannt gegeben. Bis zu der allgemeinen Erhebung am Sonntag Judika seien es kaum noch zwei Wochen hin, und Buchwalder im Atsch- gründe hätte ihn wissen lassen, daß im Ansbachischen bereits etliche Gemeinden unter dem Vorwande eines allgemeinen Wurstessens aus seien. Wendel Haim, der ihm mit geschlossenen Augen zugehört hatte, that sie jetzt auf und sagte leise, indem er ihm die Rechte gab, die so rauh wie ein Reibeisen»var:„Ist abgemacht." „Ich Hab' halt innner gewußt, daß Du uns nit ausstehen würdest," versicherte Simon, den Händedruck erwidernd.„Wie die Sach' beschaffen ist, thut's auch nix, wenn wir Ohrenbacher ein paar Täg früher uns erheben als die anderen Gemeinden. Es ist von wegen meiner Schwester. Wir können nit nach Schönthal ziehen und das arme Maidelin hier in ihrer Roth stecken lassen." „Aber!" wandte Haim ein; Simon legte ihm jedoch die Hand fest auf den Oberschenkel und fuhr mit gedämpfter Stimme fort:„Es ist nit einmal ein Wag'stück! So wie wir nach Rothenburg kommen, fallen uns die Zünfte zu. Sie »vollen die jetzigen Räthe wegstoßen, was sie ohne uns nit fertig bringen, und soll in jden neuen keiner von den Ge- schlechtem mehr sitzen. Das weiß ich nit blos von meinem Ohm und dem Kaspar, sondem auch von dem langen Lien- hart, dem es sein Schwager, Hans Krätzer, vertraut hat. Sie wollen»nit der alten Schweinerei ein End' mache»:, und für uns war' kein Verlaß auf die Stadt nit, wenn in dem neuen Rath Junker und Fettbürger beisammen sitzen." „Das kann ein Blinder mit dem Stock fühlen." pflichtete ihm der zweite Dorfmeister bei. „Also von wegen meiner Schwester?" „Morgen nach der Kirch' sag' ich Dir Bescheid." Drittes Kapitel. Max Eberhard erfuhr erst nach dem vollständigen Bruch mit seinem Vater,»velchen Schatz er in dem Herzen Else's besaß. Erst jetzt offenbarte sich ihm der ganze Reichthum ihrer Liebe. Der süße Rausch der ersten Zeit wich einem mehr und»nehr sich vertiefenden Gefühl, das allen Kümmer, alle Schmerzen in sich verschloß, um den Muth, dessen der Ge- liebte im Kampfe gegen das feindliche Leben bedurfte, zu stählen. Der Augenblick war gekomnien, den das Bild auf dem Steine seines Ringes darstellte. Freilich galt es nicht, wie sie es sich einst ausgemalt, dem Geliebten mit lächelnder Miene das Schwert zum blutigen Streit für die Freiheit zu reichen, sondern nur gegen die täglich sich er- neuernden Widerwärtigkeiten des Daseins, die mit ihren Dornen täglich frische Wunden ritzen. Es ist dieses aber für den Mann ein Kampf, der mehr Energie und Ausdauer der- langt, als der einer Feldschlacht. Der Bruch mit dem Vater hatte nicht geheim bleiben können, nachdem Max dessen Haus verlassen und auf der Würzburger Gasse ein bescheidenes Quartier bezogen hatte. Ueber die Ursachen war freilich nichts Zuverlässiges in die Oeffentlichkeit gedrungen; immerhin erfüllte es die Ge- schlechter mit Mißtrauen gegen ihn, so daß er auf ihre Klientel nicht rechnen durfte. Er sah sich daher haupffächlich auf die Praxis unter den Bauern angewiesen. Gemäß seiner Gesinnung, die von Else getheilt wurde, dünkte es ihn die edelste Aufgabe, den armen Leuten ein treuer Anwalt zu sein und durch sein Thun eine bittere Wahrheit über seinen Stand zu entkräften, die Theodor Murner in seiner„Schelmenzunft" in die Verse gekleidet hat: „Es ist ein Volk, das seyendt Juristen, »vie seyndt mir das so bösliche Christen! Sie thun das Recht so spitzig bügen und können's wo man»vill hinfiigcn— Darnach wird Recht fälschlich Unrecht; das macht manchen armen Knecht!" Leider fand Max nur spärlich Gelegenheit, seine Gmi»dsätze in Aiiivcndung zu bringen. Die Winter- und Frühlingstürme schienen den Bauern die Streit- und Prozeßsucht aus den Köpfen gefegt zu haben. Ihr Verlangen war auf ein Höheres gerichtet, das all' ihr Sinnen und Trachteir umspannte. Unter solchen Umständen sah Max die Aussicht, die Geliebte Hein»- zuführen, weiter und weiter zurückweichen. Es trat noch ein anderes dazu, das freilich nur erst nebelartig am Horizont sich ankündigte. Else's Vater wurde durch das Mißgeschick des Herzogs Ulrich um so kräftiger vorwärts auf der Bahn ge- drängt, die er betreten hatte, als dannt die Quelle verschüttet war, aus der ihm bisher reiche Mittel zugeflossen waren, und sein Stolz es nicht vertragen konnte, sich den Be- dingungcn zu unterwerfen, von denen der Rath ein Vergessen des alten Streites und seine Wiederaufnahme in das Bürgerrecht der Stadt abhängig machen wollte. Max hatte sie ihni angedeutet, da ihm nicht Verschwiegenheit auf- erlegt worden war. Ritter Stephan hatte sie mit einem Hohn- lachen beantwortet. Er, ein Ritterbürtiger und Vertrauter von Fürsten, vor diesem städtischen Scheinadel sich beugen? Und vollends jetzt, wo das Bedenken des Innern Rathcs, gegen Dr. Deutschlin und den Kommenthnr entschieden zu handeln, die Segel seiner und seiner Partei Hoffnungen mächtig schwellte? Niemals! Sein ungemessener Adelsstolz, seine Ueberhebung traten bei dieser Veranlassung so unver- hüllt hervor, daß Max sich bis in das Innerste erkältet siihlte. Es drängte sich ihm mit Nothwendigkeit die Frage auf, wenn dieses die wahre Herzensmeinung des Ritters war, wie mußte er dann über die Kleinbiirger und Bauern denken? Es kam vor, daß er scherzhaft Max einen unpraktischen Träumer nannte, wann sich das Gespräch auf deren Forde- rungen lenkte. Max verstimmte und verdroß es, Else jedoch, die ihren Vater besser kannte, als er, sah mit weiblichem Scharfblick einen Konflikt voraus, der ihrem Herzensbunde verderblich werden mußte. Sie verschloß ihre Befürchtungen in ihrer Brust und trachtete um so mehr danach, Max mit sanfter Hand die Dornen auszuziehen, mit denen ihr Vater ihn verletzte, ihn gegen diesen milde und versöhnlich zu er- halten. Und er vergaß, wann er bei ihr war, was ihn in der Einsamkeit zuweilen wie eine Ahnung keimenden Un- glücke beängstigte, las er doch auf ihrer kleinen Weißen Stirn, in ihren dunkelblauen Augen nichts von ihren geheimen Sorgen, sondern nur das Glück der vollsten, hingebendsten Liebe. Da zückte Käthe das Messer auf die schöne Gabriele. err Stephan ließ es gelten, daß Max die That als ein ymptom des übcrbrausenden Hasses auffaßte, den die Unter- drücker in der ländlichen Bevölkerung unablässig aufgehäuft hatten. Er leitete aber die Nothwendigkeit daraus ab, daß man dem Volke nicht die Zügel lassen dürfe, wenn es nicht unberechenbaren Schaden anrichten sollte. „Das heißt, um es nach Anderer Willen zu lenken," be- merkte Max nicht ohne Bitterkeit.„Nur den Reiter soll es tauschen." „Geht, geht, Ihr seid ein Schwarzseher, Doktor!" lachte Stephan von Monzingen. Es schwebte Max eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, allein ein Blick Else's ließ sie ihn unterdrücken. Nur natürlich war es, daß ihm seine Beziehungen zu den an dem Ereigniß Betheiligten eine tiefere Theilnahme einflößten. Welch ein unheilvolles Verhängniß ging von diesem schönen Weibe aus/ dem die ersten Regungen seines erwachenden Herzens gehört hatten! Uni Gabriele's Willen war er von seineni Vater verstoßen worden, hatte den jungen talentvollen Goldschmied ein frühzeitiger Tod ereilt, war jetzt das Mädchen, das er an dessen Grabe hatte stehen sehen, zur Verbrecherin geworden! Und er erinnerte sich, mit welch zorniger Verachtung Gabriele an dem Drcikönigstage gegen ihn über das Volk sich geäußert hatte. Nun hatte gerade sie der Stachel dieses Volkes, dessen Schweiß sie ihren Reichthllm verdankte, bedroht! Zufall konnte es nicht sein. Es erhöhte aber seine Theilnahme sür Käthe, da ihm das Auftreten ihres Bruders in der Versammlung bei dem Tuch- scheerer nach Lautner's Begräbniß Achtung eingeflößt hatte. Da kam ani Tage vor Mittsasten zu ihm Kaspar Etsch- lich, der nichts unversucht lassen Ivollte, um Käthe zu Helsen. Nach seiner Ueberzeugnng zog selbst der Enkel von des Teufels Großmutter den Kürzeren, wenn er sich mit eineni Advokaten in Streit einließ. Von Max hatte ihm sein Freund Lautner erzählt, und er bot ihm alle seine Ersparnisse an und war überzeugt, daß Simon Neuffer ein Stück Geld hinzufügen würde, wenn er Käthe aus der Schlinge zöge.„Behaltet Eure Ersparnisse nur im Sack," erwiderte Max;„es war bereits beschlossen, daß ich mich des Mädchens annehmen wollte, ehe Ihr kämet. Aber damit ich das kann, müsset Ihr mir alles erzählen, was Ihr etwa in bezng auf die beabsich- tigte That des Mädchens wisset." lFortsetzung folgt.) SmmkngspltmVevei. Eins jener Hestchcn wurde mir jüngst in die Hand gesteckt, die als ersles einer schier unendlichen Reihe durch ihren schaurigen Jnbalt den Leser auf den Leim locken wollen. Mso Papierkorb I Da fällt mir etwas an dem Heft auf: In die Mitte hinein ist ein Brief geklebt, ein richtiger Brief auf graurothem Papier, mit geschriebenen Buchstaben. Riebt jeder wird gleich gesehen haben, daß er litho- graphirt war. Ein ganz neuer Trik und eine feine Spekulation> Wenn solch ein Dokument jede Möglichkeit des Zweifels an der Wahrheit der Geschichte benimmt, das muß ja ziehen. Der lluge Erfinder hatte sein System auch gleich weiter ausgebaut. Eine Annonce, die eine große Rolle in der Geschichte spielte, war als verkleinertes Abbild des Originals gegeben. So sah ich mir denn das Ding, das irgendwo im Südosten von Berlin ans Licht ge- kommen ist, etwas näher an.„Ein Roman aus dein modcrneir Leben", stand groß darauf. Auch. das' noch, dachte ich; das Gesindel begnügt sich also nicht mehr, das Andenken geivaltthätig-edel- niüthiger Räuberhauptntänncr heraufzubeschwören, es folgt sogar dem i!atnralistischen Zuge der Zeit. Zivar der Titel war noch ver- wegen genug. Aber dann kam es: keine Arbeit, kein Brot— ein sozialdemokratischer Werkftihrcr, der leichtsinnig einen Streik an- gefacht hat. während er es doch vorher so gut gehabt, der all sein Geld versäuft, Weib und Kind hungern läßt und schließlich noch einen Bürgermeister ermordet— auf der anderen Seite ein Polizei- Inspektor, der von Edclmuth trieft, die Tochter des Arbeiters nicht nur liebt, sondern auch hcirathen will, der allein um dessen Ver- brechen weiß, sich aber von seiner Braut überreden läßt, nichts zu verrathen und lieber sofort sei» Amt niederlegt, um sein Gewisien nicht zu kränken— und schließlich als dritte Hauptperson das engclreine Weib des Elenden, die sich und ihre Kinder durcki Kohlcndunst zu ersticken beschließt und vorher noch einen rührenden Brief schreibt; iin letzten Moment wird durch die Thürspalte besagtes Plakat geschoben, daS 2000 Mark der unerschrockenen Frau verspricht, die sich in einen Löwenkäfig wagt: sie will es im Namen des himinlischen Baters ivagen, öffnet schnell noch das Fenster, eilt fort, hin zum Zirkus, stürzt in den Käfig; der Löwe brüllt furchtbar, blutlechzend, den geifernden Rachen weit aufgerissen, duckt sich zum Sprunge— Fortsetzung folgt. Man sieht, es ist die alte bewährte Methode. Auch im einzelnen zeigen sich viele Berührungspunkte: es gicbt kaunr einen schlimmen pjnstinkt im Menschen, auf den nicht spekulirt würde. Gegen diese neue„soziale" Art aber waren die älteren Schauerromane, die die Phantasie auf verfallenen Schlössern und unter Räubern hemm- führten, harmlos. Eine unglaubliche Nohhcit der Gesinnung spricht aus diesen Erzeugnissen; nicht einmal das Leben und Kämpfen der. Armen ist vor ihren schmierigen Fingern sicher. Schließlich thnn die Kerle die so etwas produziren, noch so, als ob sie verdienstliches leisten. Sie wischen ja der Arbeiterbewegung eins aus, und was dem Pastor Hülle recht ist, muß ihnen doch billig sein. Darüber wäre auch nicht weiter Aufhebens zu machen, wenn nicht ein anderes zu bcdenleit wäre: Es sind gute Geschäfts- lcute, die auf Gewinn halten. Sie müssen ivohl gewußt haben, daß sie mit solchen Machwerken auch Erfolg haben lverden. Sie sind ja auch„Kenner der Volksseele", sie kennen sich in allen deren dunklen Tiefen aus und wissen sie anzupacken. So geht es dann weiter in Wechselwirkung. Weil sie auf solche Emfindungsgcbiete stoßen, finden sie Absatz, und weil die Sachen gelesen lverden, stärken sie diese Empfindungen. Die Folge ist eine Vergiftung der Phantasie, eine böse Verdrehung der natürlichen Anschauung der Dinge. Vielleicht muß man ähnliche AuLknnftsmittel mit heranzichcn. wenn man das Treiben des französischen Volkes, wenigstens eines großen Theils von ihm, verstehen lvill. Für den, der den klaren Blick nicht verloren, dürste kein Zweifel seilt, daß Drchfus— gleichviel, ob er des Vcrraths schuldig ist oder nicht— nicht gesetzmäßig vernrtheilt ist. Das NcchtSbewußtfein des Volkes müßte gebieterisch eine Revision fordern. Aber es denkt garnicht daran, daß hier ein Irrthum vorliegen könnte. Es ist felsenfest von der Schuld des VcrräthcrS auf der Teufclsinscl über- zeugt, nicht aus breit angelegten Beweisgründen, sondern lvcil die ganze Sache in seinen VorstellungSkrcis paßt. Für den niederen Mittelstand, auf den die antisemitische Agitation Einfluß gewönnen, stellt sich die Sache in sehr materieller Form dar; die ganze Campagne für Drchfus erscheint ihm als ein Manöver der inter- nationalen Vörsenkligue, gegen die ihn ein grimmiger Haß beseelt. Für die vielen Anderen, bei denen der soziale Stachel nicht so un- mtttelbar wirkt, hat sie einen mehr romantischen Anstrich. Methodisch ist, nach dem letzten unglücklichen Kriege mehr noch als zuvor, chauvinistisches Empfinden ini Volke großgezogen worden. ES war nicht allzu schwer bei einem so temperainentvollen Volke, dessen Stolz die schwere Niederlage furchtbar bedrückt. Man kann sich nach den Beispielen bei uns so gut denken, wie es gegangen ist, wie die Sorte literarischer Ausbeuter, die wir oben gekennzeichnet, sich diese Stimmung zu nutze gemacht. Was in unserem Falle der Begriff„sozial" ist,' ein gutes Zugmittel, das ist im französischen in viel höherem Grade mehr als bei uns der Begriff„patriotisch". Diese Art Literatur ist international. Mit allerhand dunklen Vor- stelluiigcn wurde das Bewußtsein des Volkes vergiftet. Von Ver- räthcrn, deren unheilvoller Thätigkcit das ganze Unglück zuzuschreiben war. mag es in diesen Machwerken gewimmelt haben, und wie sie ihre gerechte Strafe gefunden. Und nun ereignet sich der Fall oder etwas, was so aussieht, in Wirklichkeit. Ein Hauptmann Dreyfus soll ertappt sein. Sofort bemächtigt sich die erregte Phantasie dieses Falles. Man empfindet die Vestrafung, das grohe Schauspiel der Degradation, mit vieler Genugthuung. Die Schrecken der Teufels- insel können nicht furchtbar genug ausgemalt werden. Dann werden Stimmen laut, die da zweifeln, ganz natürlich— mächtige Bundes- genossen des Verräthers, die ihren Komplizen los haben wollen. Die Finsterlinge um Dreyfus auf der einen, die strahlenden Kriegs- Helden, die das Vaterland retten, auf der anderen Seite, das Sen- sationsstück ist fertig. Wie unverschämt solche Dinge literarisch aus- genutzt werden, beweist, daß sich ein solches Anfidreyfus-Stiick in Paris sogar an das helle Licht der Rampen wagen durfte. Die so grosi gezogene Stimnnmg eines großen Theils des Volkes, die Thatsache, daß ein ritterlich veranlagtes Volk sich durch chauvinistische Verhetzung zu einer solchen Blindheit treiben ließ, ist das schwerwiegende Phänomen an dem ganzen Handel. Die deutschen Zeitungen beschäftigen sich fast durchgehend in großer Ausführlichkeit mit dein Fall Dreyfus. Der Ton, in dem sie die Nachrichten wiedergeben, und die Kommentare dazu zeigen, daß die nationale Verblendung in bürgerlichen Kreisen stetig Fortschritte macht. Wie oft ftihlt man ein gewisses Behagen über die schlechten Zustände beim Nachbar und die pharisäische Empfindung durch, daß bei uns, im hehren Deutschland, so etwas natürlich unmöglich ist! Sehr richtig; aber das ist schlimm genug. Bei uns wäre es allerdings in bürgerlichen Kreisen ganz unmöglich, daß sich für einen Dreyftis eine starke Bewegung, die auf die Dauer nicht niederzuhalten ist, erhöbe. Und wenn auch das französische Offizierkorps sich ebenso gut wie bei uns immer stärker zum Fremd- körper im Volke entwickelt, es ist undenkbar, daß bei uns die Sache eines abgenrthcilten Offiziers derartige Diskussionen in der breiten Oeffentlichkeit hervorrufen könnte; der Prozeß ist in Deutschland eben schon viel weiter gediehen. In derselben Weise wie den Fall Dreyftis behandeln deutsche Zeitungen die Nachrichten über den Untergang der„Bourgogne". Die französischen Matrosen sollen sich arge Nohhciten gegen die Passagiere haben zu schulden kommen lassen. Sie sollen zunächst auf ihre eigene Rettung bedacht getvesen sein, andere mit Gewalt zurückgehalicn haben. Von französischer Seite wird dies energisch m Abrede gestellt. Die Nachrichten vom Untergang lauten so lvidcr- sprechend, daß über keinen einzelnen Punkt ein klares Bild zu ge- Winnen ist. Und trotzdem ist es sofort für deutsche Zeitungen aus- gemachte Thatsache, daß die französischen Matrosen rohe Kerle sind und sich an den deutschen ein Beispiel nehmen könnten. Derartige Klagen werden von den Passagieren doch nach jedem größeren Schisssungljick erhoben. Sie haben bezahlt und glauben damit den Anspruch erworben zu haben, daß ihre Rettung jeder anderen vorangehe. und zwar je nach der Höhe der Einzahlung. Mit dcni Schicksal der Passagiere der ersten Klasse beschäftigte sich eine ganze Reihe von Telegrammen besonders. Erst hieß es, sie wären alle gerettet; dann stellte sich heraus, daß keiner von diesen gerettet lvar, weil ihre Kabinen in der Gegend des Schiffes lagen, in welcher der Zusammenstoß erfolgte. Es scheint ja in der That, daß ans dem Schiffe nicht alles in Ordnung gewesen und daß bei größerer Umsicht der Bemannung noch mehr Leute hätten gerettet werden können. Aber man braucht sich nur vorzustellen, unter welchen Umständen sich das Unglück er- eignete, daß nicht alle Boote klargemacht werden konnten, daß daher wohl einige von den Booten zurückgestoßen fein können, weil sie sonst übervoll geworden wären, man braucht nur daran zu denken, daß die um das Leben kämpfenden Passagiere in ihrer Angst kanni scharfe Beobachter gewesen sind, und nwn wird wissen, wäS'män von solchen Anschuldigungen zu halten hat. Es charnktcrisirt nur die deutschen Veurthcilcr, wenn sie den Fall in solcher Weise ausnutzen. Wie man, auch angenommen, es wäre alles Genieldete wahr, gleich von den französischen Matrosen im allge- meinen sprechen konnte, ist überhaupt unerfindlich. Vor kurzem erst wurde von der Heldenthat französischer Matrosen berichtet, die unter furchtbaren Mühen im Sturme zweihundert Insassen eines in Roth gcrathenen holländischen Schiffes retteten. Was hat man nicht ge- spöttelt, gehöhnt, geschimpft über die Franzosen, die durchaus als „grancko nation" etwas vor allen anderen voraus haben wollten! Es scheint, als ob die deutschen Philister ihnen in dieser wider- wärtigcn Arroganz zuni nnndcstcn gleich kämen.— Vloinrs Ilourllrkon h— ck. Ferienzeit. Es ist siill auf dem kleinen Vorhof der Fabrik, die zwischen vcrränchcrteii und verwitterten Hinterhäusern liegt. Die jungen Damen und den Herrn, die eben vor dem Gitter aus der Equipage gestiegen find, berührt die Ruhe peinlich. Große Kessel liegen breit, schwärz in der heißen Sonne. Aus den Fenstern der Fabrik ertönt nicht wie sonst das Brummen und Schnarren der Maschinen. Nur dort, aus dem Kesselhaus scheint das Feuer.„Da ist ja Onkel!"— Sie gehen alle in das Kesselhaus. Der Onkel, ein großer graubärtigcr Mann, dessen Gesicht den Kaufmann zeigt, kommt ihnen lächelnd entgegen. Er hat eben mit einem alten Schmied gesprochen. Der steht noch vor seiner Esse mit einer Welle in der Hand. Sein Draufschlägcr und die anderen Arbeiter sitzen auf alten Maschinentheilcn herum und frühstücken. Also darum die, Ruhe! Nur der Heizer schaufelt Kohlen in das flackernde Feuer unter dem Kessel. „Nun, Onkelchen! Jetzt soll es losgehen!" sagen die Damen in der hellen Reisetoilette. „Wollt Ihr denn nun wirklich nach Bergen?" „Ja gewiß I Wenn's geht, sogar nach den Lofoten und nach Hammerfcst!" Nein, Kinder, das geht aber doch nicht, daß Ihr Euren Papa wieder wie im vergangenen Jahre zu längerer Bummelei ver- anlaßt." „Aber Papa hat es doch wirklich nöthig!" „Ich auch!— Nun, Benno, Du wirst ja wissen, was Du zx thun hast." „Selbstverständlich; die dummen Dinger haben garnichts zu bestellen." „Und sieh' mal. Eure Villa in Westend ist ja auch nicht übel. Der schöne Garten und— wenn ich das hätte, möchte ich garnicht verreisen." „Aber Onkelchen, Du wirst uns doch nicht zumuthen, ewig in der Villa zu hocken! Man muß doch seinen Nerven ein bischen Ab- wechselung bieten— sonst wird man ja krank. Nein, im Sommer muß man sich auch auffrischen!" Sic kehren plaudernd nach der mit Hutschachteln, Körben und Koffern bepackten Equipage zurück. Der alte Schmied, ein kleiner Mann, der mit eingeknickten Knien und tiefgebogenem Rücken da- steht, nimmt den Schürhakcn zur Hand und stochert in der Gluth. Die Arbeiter springen aus,— es läutet. Sofort brummen die Ma- schineu wieder und die Hammerschlüge klingen. Und der Alte legt ein glühendes Eisenstück auf den Amboß, er sieht auf die sprühende Esse und das flackernde Kesselfeuer, zwischen denen er steht, und brummt:„Ja, ja, im Sommer muß man sich aufftischen I"— Theater. — Das neue Theater in Christiania, das unter dem Namen„Norwegisches National-Theater" ain l. Januar 1839 eröffnet werden soll, ist theils mit bedeutenden Zuschüssen von feiten des Storthings, theils dank reichlicher Subskriptionen von Privatleuten aufgeführr worden. Es ist ein Bauwerk von imponircndem Aeutzern und in seinem Innern mit einen, für skandinavische Verhältnisse einzig dastehenden Luxus ausgestattet worden. Zu beiden Seiten des Haupteingangs werden die Kolossalstatuen von Henrik Ibsen und Björstjenie Björnson aufgestellt. Ein Sohn des letzteren, der bei den Meiningcrn in die Schule gegangen ist und vor kurzen, das Drama„Johanne" geschrieben hat, ist zum Direktor des National- Theaters ernannt worden. Physiologisches. — Eigengeruch der Menschen. Vorurtheilslose Physio- logen haben immer zugegeben, daß die Beobachtungen des Woll- Apostels Jäger nicht aüs der Luft gegriffen sind, wenn sie auch mit dessen übertriebenen Folgerungen nicht einverstanden waren. A. B»the theilt im„Archiv der gesammten Physiologie" Beobachtungen nnt, welche Jäger's Ansichten bestätigen und theilweise sogar erweitern. Nach Bcthe hat jedes Individuum seinen eigenen Geruch, an dem es nicht nur von Hunden, sondern auch von Menschen mit empfindlichem GeruchSorgan erlannt werden kann. So kennt Bcthe einen Herrn, der in einer Gesellschaft von zwanzig und mehr Personen jede einzelne mit verbundenen Augen sicher erkennt, der riecht, wenn jemand in seiner Abwesenheit im Zimmer oder bei Be- kannten war. Der Eigengeruch ist nicht angeboren, sondern ent- wickelt sich allmälig, scheint in der Zeit der Pubertät seine volle Ausbildung zu erreichen und von da an gleich z» bleiben. Alle Mit- glicder einer Fanülie haben im Gerüche etwas gemeinsam Charakteristisches, was ihnen erhalten bleibt, wenn sie auch an ver- schieden«! Orten leben, was also nicht von der übereinstimmenden Ernährung und Lebensweise bedingt sein kann. Vermuthlich beruht die Verschicdenartigkeit der Eigcngerüche auf einer veränderlichen, aber für jedes Individuum beständigen Zusammensetzung der Stoff- wechscl-Produkte, besonders der Fettsäuren, und diese Untersckiicde in, Stoffwechsel können nur durch Keimvariation entstehen, geradeso wie die verschiedenen Gesichtszüge.— Aus dem Pflanz enleben. ie. Ein B o h n e n k r e b S. Eine gefährliche Krankheit der Bohnen Ivird von dem Engländer Massee in„Gardcners Chroniclc" beschrieben und als Bohnenkrcbs bezeichnet. Diese 5lrankheit, die seit einigen Jahren in den englischen Gemüsegärten bedenkliche Fort- schrirtc macht, tritt an den Blättern. Stengeln und jungen Trieben der Pflanze auf. Besonders auffällig zeigt sie sich an den jungen Trieben in Form dunkler Flecken von geringer Größe, die einzeln von einen, rothen Kreise umgeben sind. Die Flecken, die»on einem Pilze herrühren, nehmen allmälig an Größe zu, verschmelzen, wenn sie einander sehr nahe rücken, ineinander, so daß größere unregel- mäßige Flecken entstehen, die Vertiefungen in dem gesunden Gewebe bilden. Auch die Schote einer erkrankten Pflanze bekonnnt ein ganz besonderes Aussehen, sie ist gewöhnlich verbogen und miß- gestaltet.. Befällt das Nebel die Blätter, so nehmen zu- nächst die Adern eine schwarze Färbung an, dann_ bilden sich Flecken, die immer größer werden und das darunter befindliche Gewebe derart angreifen, daß vollständige Löcher in dem Blatte ent- stehen. Wirft sich der Schmarotzer auf die Stengel, so bekommen dieselben ähnliche Verletzungen, oberhalb deren die Organe welken und aus Mangel an Nahrungsznfuhr absterben. Sogar die Frucht in den Schoten zeigt die eingesunkenen Flecken; tvird sie in die Erde gesetzt, so zeigt auch die junge Pflanze sofort nach dem Aufgehen dieselben Äraukheitserscheiuungeu und geht ein. Kurz nachdem die schwarzen Flecken sich gebildet haben, bemerkt man auf ihrer Oberfläche kleine rothe Körnelungen, das sind die Samen des PilzeS, die durch einen klebrigen Stoff miteinander ver- Kunden werden. Vom Regen oder Thau werden sie herunter- gespült, um andere Theile der Pflanze oder eine noch ganz gcsimdc Pflanze anzustecken. Dadurch ist es bedingt, daß sich das Nebel sehr rasch verbreitet, wenn keine Vorsichtsmasiregeln dagegen ergriffen werden. Maffce glaubt, das; dieser Pilz keiner unbekannten Gattung zugehört. Freilich unterscheidet er sich nur in einem Punkte von einem Pilze, der in den Vereinigten Staaten als Schmarotzer auf Gurken, Kürbis und Melonen gefürchtet ist; der Bohnenkrcbs nämlich zeigt, wenn man das kranke Gewebe durchschneidet, zahl- reiche Fäden, die an ihrem Ende je eine Spore tragen, außerdem schwärzliche, längliche, dornarlige Ansätze, die man bei dem amcri- kanischcn Pilze nicht kennt. Als Mittel gegen den Bohnenkrebs dient Bordelaiser Brühe, die so früh als möglich, oder auch überhaupt vor Ausbruch der Krankheit anzuwenden ist, wenn die Pflanzen drei Wochen alt sind. Sind erst wenige Pflanzen erkrankt, so sollte inan dieselben ausreißen und verbrennen.— Geologisches. ss. Ueb er d i e Geschlvindi gleit von Erdbeben- st ö tz e n hat der Leiter der griechischen Erdbebcnforschung Agamcmnone wichtige Berechnungen veröffentlicht, die sich auf das große vorjährige Erdbeben von Caleutw(12. Juni 1897) beziehen. Agamcmnone legt seinen Berechmingen die Annahme zu gründe, daß dieses starke Erdbeben in der Gegend 25 Grad nördlicher Breite und 91 Grad östlicher Länge in Assam seinen Ausgang nahm. In Calcntta, welche Stadt-100 Kilometer von jenem Gebiete entfernt ist, traf das Erdbeben nach einer Beobachtung um 11 Uhr 4 Minuten 6 Sekunden, nach einer anderen Angabe des Leiters der indischen Landesuntersuchung um 11 Uhr 7 Minuten ein. Dieser Unterschied erscheint klein, ist aber für die Bemessung der Geschwindigkeit schon sehr bedeutend. Im crsteren Falle wäre der Erdstoß mit einer Geschwindigkeit von 9. im letzteren von 11 Kilometern in der Sekunde von Assam bis Kalkutta geeilt. Das Erdbeben begann mit schnell aufeinanderfolgenden Erd- bewcgungen, die etwa 23"Minuten dauerten, dann folgten Erdbeben- Wellen mit größeren Pausen, deren Geschwindigkeit etwa 2,6 bis 2,8 Kilometer in der Sekunde war. Die Ausbreitung dieses Erd- bebens war eine ungeheure, dasselbe wurde an 19 Warten in Europa verzeichnet, von denen die entfernteste, nämlich Edinburg, 7979 Kilo- merer von dem Ausgangsorte des Erdbebens entfernt lag. Zur Zurücklegung dieser ungeheuren Entfernung brauchten die erflen Erdstöße nur eine Zeit von 13 Minuten.— Technisches. — Vor einiger Zeit berichteten nur über dieLichttelegraphie auf amerikanischen Kriegsschiffen. Eine ausgedehnte Anwendung findet, nach dem„Arch. für Post u. Tel.', der optische Telegraph zur Ucbermittelung von Nachrichten in dem Kriege auf Kuba und den Philippinen auch seitens der spanischen Truppen. Bes on- ders auf Kuba, wo es an Wegen, Eisenbahnen und Telegraphen mangelt und die wenigen vorhandenen Telcgraphenlinicn von den Aufständischen fast immer unterbrochen sind, würde es den Spaniern nicht möglich sein, die Verbindung unter ihren Truppen ohne das Hilfsmittel des opttschen Telegraphen aufrecht zu erhalten. Zur Anwendung kommt bei Tage der Heliograph, bei Nacht ein von dem französischen Oberst Mangin erfundener Apparat, eine Art Scheinwerfer, bei dem eine Petroleum- lampe als Lichtquelle dient. Die Lampe steht in einem Kasten, in dessen einer Wand sich ein Schieber befindet. Durch Hin- und Her- bewegen des Schiebers werden kurze oder längere Lichtzeichen ficht- bar, die wie die Punkte und Striche des Morse-Alphabets zur tele- graphischen Verständigung benutzt werden. An Ncgcutagen und auf geringere Entfernungen verwendet man ausnahmsweise auch bei Tage' den Apparat Mangin; in einem Falle, in dem dieser Apparat auf der betreffenden Stätton nicht vorhanden war, bediente man sich nachts mit Erfolg des Heliographen unter Benutzung des Mond- lichts. Im allgemeinen vermitteln die opttschen Telegraphen die Verständigung zwischen zwei festen Stattoncn; indeß kann auch eine telcgraphische Verbindung zivischen einer festen Statton und einer auf dem Marsche befindlichen Kolonne hergestellt werden, wenn letztere die vorher erforderlichen Aufrufzeichen giebt. Als Stationspunkte dienen Kirchthürme, hochgelegene Forts und Gebäude oder besonders errichtete Observatoric». Solche Observatorien sind theils leichte Holzgcrüste oder vertheidigmigsfähige Zchiirme, die in der Regel auf einem. Blockhause ruhen und eine kleine Besatzung haben.' Die Entfernung zweier festen Stationen richtet sich nach dem Gelände, sie geht aber, obschon eine Ver- ständigung soioohl mittels des Heliographen als auch mittels des Apparates Mangin auf 50 bis 60 Kilometer möglich ist. nicht über 45 Kilometer hinaus. Die Ausrüstung einer Telcgraphentruppe an Feldmaterial besteht aus einem Heliographen und einem Fernrohr für den Gebrauch bei Tage, und aus einem Apparat Maugin, der mit einer Linse von 14 Zenttmetern Durchmesser, einem Fernrohr und Spiegel versehen ist, für die Benutzung bei Nachtzeit. Außerdem Peranlwortlicher Redakteur: Antust Jacobey i» Bl führt die Truppe ein Zelt und einiges Handwerkszeug mit, das, mit dem übrigen Material in zwei Kasten verpackt, von einem Maulthier ge- tragen wird.— — Das erste S ch i f f, das unter Zuhilfenahme von Dampf den atlantischen Ozean kreuzte, war die„Savannah', ein kleines Schiff von 359 Tonnen, welches im Jahre 1819 von Sa« vannah am 22. Mai absegelte und am 29. Juni, also nach einer Reise von 28 Tagen, in Liverpool ankam. Dieses Schiffchen machte auf der Reise mir während 89 Stunden vom Dampf Gebrauch und ging die übrige Zeit unter Segel. Es war in New-Aork ursprüng« lich als Segelschiff gebaut und erhielt Maschine und Räder erst später eingesetzt, wodurch aber seine Segelfläche wenig verändert wurde. Die Räder waren so konstruirt, daß sie bei stürmischer See auf Deck genommen werden konnten. Erst vierzehn Jahre später legte der erste Dampfer den ganzen Weg unter Dampf zurück. Es war dies der gleichfalls in Amerika, und zwar in Kauada gebaute „Royal William", Ivelcher im Jahre 1833 seine erste Reife von Quebeck nach London machte.— Humoristisches. — Gemüthlich. Münckner(sich von seinem an einer Nordpol- Expedition theilnehmenden Sohn verabschiedend): „Und balst moanst, es geht nimmer weiter aufi, nacha— trinkst D' einfach Dein Bier auS und fahrst wieder heim!"— — Der Richtige. Buchhalter:„Herr Chef, morgen werden es fünfundzwanzig Jahre, daß ich in Ihr Geschäft ein- getreten..." Chef:„Na, hoffentlich werden Sie doch ein Jubiläumsmahl geben und mich dazu einladen?"— — Ein fleißiger Dichter. A.: Ihr Herr Gemahl dichtet wohl sehr viel?" Frau des Dichters:„O ja! Einen Bleistift verdichtet er durchschinttlich jeden Tag!"—(„Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — In einer Folge theilt die„Voss. Ztg." als neu erschienene Bücher folgende mit:„Kaiser Wilhelm II." Ein Lebensbild von A. Wolter.„Kaiser Friedrich im eigenen Wort." Von E. Schröder.„Karl Alexander, Groß Herzog von Sachsen." Von W. Zincke.„Prinz Louis Ferdinand von Preußen." Von F. Hemke.„Zur Erinnerung an den Generalsuperintendenten Esdras Heinrich Mutzenbccher in Oldenburg".— — Die Fleischeinfuhr nach Deutschland nimmt seit Beginn des vorigen Jahres von Monat zu Monat zu. 1896 wurden im ganzen eingeführt 266 969 Doppelzentner, 1897: 489 858 und in den ersten vier Monaten d. I. bereits 261 986 Doppelzentner Fleisch. Die Hauptantheile davon liefern die Vereinigten Staaten, Holland und Dänemark, alle drei zusammen fast 99 pCt. der gc- sammten Einsiihr.— y. In Hamburg wurde eine Tischlerfrau ivcgen Verdachts der Engelmacherei verhaftet. Von 49 Kindern, die sie in Pflege ge- nommen, sind 25 verstorben.— y. Bei Harburg tritt in diesem Jahre der Meer« rettig-Käfer mit verheerender Wirkung auf.— — Auf dem Schießplätze in Lamsdorf bei Neisse(Schlesien) sind ein Hauptmann und sechs Soldaten schwer verwundet worden.— — Ein dreizehnjähriger Knabe wurde in Dransdorf (Rheinland) verhaftet, weil er in zwei Fällen Steine auf die S ch i e n e n der Vorgebirgsbahn gelegt hat. Er ivollte sehen, ob der Zug auch wirklich umschlüge, und hielt sich dazu in der Nähe versteckt.— — Das„kleinste Buch der Welt" Ivurde in Padua hergestellt. Das typographische Kleinod ist ein Bändchen von 19:6 Millimeter mit je 19 Linien auf 298 Seiten, enthaltend einen bisher ungedruckten Brief Galilefls an Christina von Lothnngen aus dem Jahre 1628.— Eine Garnitur Chemisettknöpfe, drei an der Zahl, in deren mittelstem eine zierliche Uhr eingesetzt ist, ist das neueste für die Pariser Herren, die nicht wissen, was sie mit ihrem vielen Gelde anfangen sollen. Das Zifferblatt dieses winzigen, aber vor- züglichen Chronometers mißt Zoll im Durchmeffer. Die drei Knöpfe sind durch einen unter dem Vorhemd verborgenen, schmalen silbernen Streifen verbunden. Um nun die kleine Uhr aufzuziehen, dreht man den obersten, und um die Stellung der Zeiger zu rc- guliren, den untersten Knopf. Diese Spielerei repräs entirt oft einen Werth von mehreren tausend Franks.— — Die Einwohnerzahl Schwedens beziffert sich nach den letzten Erhebungen auf über 5 Millionen. Im Jahre 1763 wurde die zweite, 67 Jahre später, im Jahre 1335 die dritte und 28 Jahre nachher(1863) die vierte Million erreicht. Daß es 34 Jahre ge- dauert hat, bevor die Bevölkerungszahl wiederum um eine Million vermehrt wurde, ist auf die überhandnehmende Auswanderung zurückzuführen.— — Ein lohnendes Geschäft fiir die Unternehmer ist der Kupfererz- Bergbau in Michigan(Vereinigte Staaten). Die dortige Calumet-Hekla-Miuc. deren Altienkapiral nur 2V, Millionen Dollars beträgt, hat bisher ihren Akttonären nicht weniger als 52,85 Mill. Dollars an Dividenden abgeworfen.—_ ritt», Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.