Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 139. Dienstag, den 19. Juli. 1898 (Nachdruck verboten.) Mm die Fveitzezt. Geschichtlicher Noman aus dem deutschen Bauernkriege 1325. Von Robert Schweichs l. Kaspar betrachtete ihn mit großen Augen. Denn ein Advokat, der den Armen in ihrer Roth umsonst beistand, erschien ihm wie ein Wunder. So weihte er denn Dr. Max in die Herzcnsgeschichte seines tobten Freundes und Käthe's ein. Nur über das, was zwischen dieser und der schönen Gabriele aus dem Kirchhose geschehen war, um der erstcren das Messer in die Hand zu drücken, vermochte er keinen Auf schluß zu geben. Erleichterten Herzens durch die Aussprache und voll Hoffnung verließ er Max. Jetzt müßte doch der Teufel sein Spiel haben, dachte er, wenn Käthe nicht auf die eine oder andere Weise freikommt. Max war am Morgen eben beschäftigt, dem Stadtrichter zu schreiben, daß er die Vcrtheidigung Käthe's übernähme und deshalb um freien Zutritt zu der Gefangenen bäte, als vom Galgcnthore her ein lustig Pfeifen und Trommeln herauf- kam. Den Spielleuten voraus tanzte ein Pickelhering mit einer kurzstieligen Fahne, die er über seinem Haupte schwenkte, in die Lust warf und wieder auffing, oder jetzt unter dem linken, jetzt unter dem rechten Beine hindurchwirbeln, hinter seinem Rücken aufflattern ließ und mit einer Drehung seines Körpers geschickt wieder auf- fing. Sein Fahnenspiel und seine Sprünge fanden lauten Beifall bei den Leuten, welche Trommler und Pfeifer herbei- lockten. Diesen folgten in ihrem besten Zeuge, das Schwert an der Seite, einige dreißig Bauern. von deren beiden Führern, Simon Neuffer und Wendel Haim, nur der erstere Max bekannt war. Hinter ihnen tmg Paul Jckelsamer ein in den Farben der Stadt roth und weiß gestreiftes Banner, das schon auf mancher Kirchweih lustig in der Lust gerauscht haben mochte. Unter Trommel- und Pfeifenklang, mit Fahnenspiel und schallenden Jauchzern schritt der Zug, von einer immer größeren Menschenmenge begleitet, durch den Thorbogen des Weißen Thurmes in die innere Stadt und über den Hauptmarkt hinunter zum Bären des Gabriel Langenberger. Bei dem un- erwarteten Zuspruch, der rasch den geräumigen Flur und die weite niedrige Trinkstube füllte, wurde das käsige Gesicht Langenberger's noch etwas fahler. Die Gäste schrien gar zu ungestüm nach Wein, und Mittfasten war doch nicht Kirmeß, daß die Ohrenbacher mit ihren Wehren daherkamen. Zu den Ohrenbachern hatten sich Bauern aus anderen Dörfern, die gerade in der Stadt waren, darunter etliche aus Brettheim, gesellt. Von der Bürgerschaft hatten sich nur einige ein- gesunden, unter ihnen Hans Krätzer und ein gewisser Lorenz Knobloch, der im Dienste des Johanniterhofes stand. Er hatte Mönch werden sollen.war aberaus dcrKlosterschule entlaufen und hatte sich etliche Jahre als Lanzknecht nmhergetrieben. Jetzt war er vcrhcirathet, lebte jedoch lustig wie ein Junggeselle. Er drängte sich an Simon Neuffer, der in dem Schreien, Singen, Lachen und Bechergestainpf eine ernste Haltung bewahrte. Kaspar Etschlich ward von einer fieberhaften Unruhe unigetrieben und rief ein über das andere Mal:„Drauf! drauf!" Plötzlich hieß es:„Der Stadtrichter!" und Georg Hörner's gedrungene Gestalt zeigte sich in der Thür der Schankstube. Simon Neuffer hob sich ihm gelaffcn entgegen.„Was ist dies? Was heißt das? Was wollet Ihr?" fragte der Stadtrichter mit einer den Lärm beherrschenden Stimme, und es ward stille. „Wir halten den Frcitrunk, Herr, der uns von Alters her zusteht aus den Strafgeldern unseres Rügegcrichts," gab der Dorfnieister ruhig zur Antwort. „Und dazu habt Ihr Eure Schiverter umgeschnallt, als ob eS Kirchweih' oder sonst ein Fest wäre?" rief der Stadtrichter. „Das darf nicht sein; das ist ein Unfug, den ich nicht dulde!" „Halten zu Gnaden, gestrenger Herr Stadtrichtcr," mischte Wendel Haim sich demüthig ein. indem er dazu die treu- herzigsten Augen machte.„Wir sind der Herrschaft allzeit willig und gehorsam, aber Ihr werdet doch nit die alten Bräuch' abschaffen wollen?" „So beweiset Euren Gehorsam, indem Ihr unverweilt die Stadt räumt." herrschte Geora Hörner ihn an. „Nu aber," erscholl es aus der Menge.„Was, wir sollen unseren Freitrunk nicht halten dürfen, wo es uns gefallet?" —„Die Stadt will er uns verbieten, die wir mit unserem saueren Schweiß ernähren?"—„Die alten Bräuch' will er abschaffen?" „Ruhe," donnerte der Stadtrichter.„Und Ihr, Dorf- meister, thut Eure Pflicht als Obrigkeit und führet die Leute hinweg." „Mit Gunst, Herr, das Herkomm ist auch ein Recht und es ist älter als Euer Befehl," erwiderte Simon mit gerunzelter Stirn.„Unfug treiben wir halt nit. Wir sind nit daher- gelaufen, wir sind seßhafte Bauern und zahlen unsere Steuern bei Heller und Pfennig, ob sie uns auch dermaßen beschweren, daß wir kaum das Leben haben." „Ihr weigert Euch, zu gehorchen? Wollt Ihr mich zwingen, Gewalt anzuwenden?" drohte Hörner. Ein wildes Geschrei erhob sich.„Drohen will er uns?"— „Was soll das Schwatzen?"—„Stoß ihm Dein Messer in den Wanst, Simon!"—„Dran, dran!" So tobte es durch- einander, und manche Faust fuhr an den Schwcrtgriff. ,Auch der Stadtrichtcr legte die Hand an seine Wehr. Es wäre jetzt zum Losschlagen gekommen, wenn Simon nicht ab- wehrend seine Hand erhoben hätte. Er hatte mit raschem Blick die Anwesenden überflogen. Die Bürger, die, wie Krätzer und Knobloch nur eben abermals versichert hatten, ihnen zufallen würden, sobald sie nach Rothenburg kämen, waren ausgeblieben. Den Rath zu stürzen, daran war unter diesen Umständen nicht zu denken. „An meinem Leben liegt nichts." sprach der Stadtrichter untcrdcffen mit einer Entschloffenheit, die Eindruck machte. „Aber mein Blut kommt über Euch. Denket an Eure Weiber und Kinder." „Wir begehren Euer Blut nicht, wie gar leicht Ihr auch mit unserem Leben umspringet," erwiderte Simon Neuffer. „Wir wollen unser gutes altes Recht nit daran geben, weil's Euch nit gefallen thut." Er wollte noch weiter reden, der Stadtrichter unterbrach ihn jedoch:„Ziehet heim, sag' ich, ziehet heim i" „Gut," entschied Simon,„aber nit anders, als daß Ihr mir meine Schwester herausgebet, die Ihr in den Thurm gesteckt habt." „Ja. ohne die Käthe verlassen wir die Stadt nicht." trotzten die Ohrenbacher. „Aber so nehmt doch Vernunft an. Leute, das hängt ja nicht von mir ab. das ist des Raths Sache," entgegnete Georg Hörner.„So er es befiehlt, laß' ich die Dirne frei." „So schaffet den Befehl des Rathes herbei," rief Paul Jckelsamer, und die übrigen Ohrenbacher riefen:„Wir gehen nit eher fort." „Lasset Euch doch von ihm nicht narren," hetzte Lorenz Knobloch, der weit im Hintergründe stand, und Wendel Haim sagte mit einer kläglichen Stimme:„Ach es thut nimnier gut, Ew. Gnaden, daß Ihr so hart mit uns armen Leuten seid. Wir sind's freilich nit anders gewöhnt von der Oberkeit, aber gut thut's halt nimmer." „Und jetzt ist's genug." rief Kaspar Etschlich.„Mit gutem kriegen wir die Käthe nit frei. Auf, nach dem Weiber- thnrm!" „Nach dem Weiberthurm k Nach dem Weiberthunu!" wiederholten alle den Ruf. Es entstand ein Drängen, Schieben, Stoßen. Georg Horner wurde bei Seite gedrückt, und die Ohrenbachcr stürzten auf die Gasse. „Haltet sie zurück, Dorfmeister." schrie Hörner mit hoch- rothem Gesichte Simon zu.„Wenn jetzt Blut fließet, so ist's Eure Schuld." Aber Simon hörte nicht und er eilte hinter ihm auf die Straße. Hier stutzten die Ohrenbacher. Denn die schmale Gasse war abwärts nach der Burggasse von einer Abtheilung Stadtkncchte besetzt, die ihnen die gefällten Hellebarden cnt- gegenstreckte. Diese stachelige Eisenheckc mit den Schwertern zu durchbrechen wäre eine ebenso vergebene wie blutige Mühe gewesen. Das erkannten auch die waffcnkundigen Ohrenbacher und der krausköpfige Jckelsamer rief:„Ucber den Markt!" Sie stürmten nach diesem hinauf. Neuffer und Haim an der Spitze, während der Stadtrichter, der auf alle Fälle seine Maß- regeln getroffen hotte, bevor er sich in den Bären begab, zurück blieb und den Stadtknechten befahl, den Bauern lang- sam nachzurücken. Aber auch die Hafen- und Schmiedgasse waren durch eine bedeutende Zahl von Stadtknechtcn ab- gesperrt, so daß den Bauern, wenn sie nicht im Rücken angegriffen werden wollten, während sie sich auf den Feind warfen, nur der Weg über den Markt offen blieb. Sie schlugen diese Richtung ein, die einen unter Schreien und Toben, die anderen mit stiller Wuth. Jedoch auch die Stadtknechte in ihrer rechten Flanke setzten sich in Bewegung, indessen die zweite Abtheilung ihnen stetig im Rücken blieb, und so wurden sie in die Georgengasse und nach dem Weißen Thurm gedrängt. Das Spiel war ver- loren und unter Schelten, Drohen und Fluchen räumten die Ohrenbacher durch das Galgenthor die Stadt. Kaspar, der sich draußen von ihnen trennte und durch das Röder Thor nach Hause zurückkehrte, wollte sich vor Verzweiflung schier das Haar ausraufen. Die Ohreubacher waren durch den Fehlschlag keineswegs entmuthigt. Im Gegentheil, ihre Erbitterung war aufs höchste gestiegen, und so wie sie im Dorfe wieder angelangt waren, ließen die Dorfmeister durch Trommelschlag die Ge- meinde berufen. Simon Neuffer stieg auf die Bank unter der Linde.„Jetzt ist's an der Zeit, Ihr Mannen, daß wir das Joch der Knechtschaft von uns thun," rief er.„Wer dafür ist, daß wir uns selber zur Freiheit helfen, der heb' eine Hand auf!" Da war keiner, der die Hand nicht erhoben hätte.„Wir alle," riefen sie und:„Bundschuh! Bundschuh!" Sogleich wurden Boten in die benachbarten Dörfer geschickt und die Dorfmcister aufgemahnt, mitihren Gemeinden in Harnisch und Wehr schleunigst Ohrcnbach zuzuziehen. Schon gegen Abend trafen die nächsten ein und am folgenden Morgen waren die wehrhaften Männer aus achtzehn Gemeinden versammelt, alle wohlgerüstet mit Sturmhaube und Brustharuisch, mit Schwert und Spieß oder Handrohr. Viele waren beritten. Aus jedem Dorfe wurden zwei Räthe und von diesen Simon Neuster und Paul Jckelsamer zu Hauptleuten über alle erwählt. Dann brachen sie nach Brettheim auf, wie es Simon mit den Bauern von dort Tags zuvor im Bären verabredet hatte. Der Wächter auf dem Rathhausthurm von Rothenburg sah die bewaffneten Schaaren, von Staubwolken eingehüllt, im Felde daherziehen und machte Lärm. Der Wchrgang, der sich hinter der östlichen Stadtmauer von Thurm zu Thurm zog, füllte sich mit Neugierigen Kopf an Kopf. Albrecht von Adclsheim, der oberste Stadthauptnrann, schickte den Wein- schreier zu den Thoren, um diese schließen und die Zugbrücken aufziehen zu lassen. Er selbst warf sich aufs Pferd und ritt den Bauern entgegen. Wohin sie in Wehr und Waffen zögen? begehrte er zu wissen. Sie wären nach Brettheim auf eine große Hochzeit geladen, erklärten sie. Unglaublich klang der Vorwand nicht, zumal die Bauern fröhlich und guter Dinge waren, scherzten und sangen. Hauptmann von Adels- heim mußte sich mit der Antwort zufrieden geben, zu deren Bekräftigung gleichsam mancher sein Handfeuerrohr in die Luft abschoß. Das Getöse lockte Käthe an das starkvergitterte schmale Fenster ihrer Zelle im Weiberthurm. Die östliche Lage der- selben gestattete der Morgensonne, eine Weile herein- zuschlüpfen und die Arme auf ihrem Strohlager zu langen öden Tagen wachzuküssen. Der sonst unermüdlich Thätigen war es schrecklich, die unendlichen Stunden müssig hinbringen zu müssen, immer nur brütend über den Tobten und ihren vergeblichen Versuch. ihn zu rächen. Ihr Schicksal kümmerte sie nicht. Die gras- und saatengrünen Gefilde, die sie durch das Kerkergitter wahrnehmen konnte, und der blaue Frühlingshimmel erfüllten sie mit keiner Sehnsucht nach Freiheit; der Tod, der ihr wahrscheinlich bevorstand, schreckte sie nicht, wenn sie überhaupt einmal an ihn dachte. Die Erde war für sie leer: was sollte sie noch auf ihr? Das Waffenblinken aus der Staubwolke, der Trommelschlag und Pfeifcnklang riefen Leben in. ihren Blick und jetzt erkannte ihr scharfes Auge unter den Reitern, welche dem Stadthauptmann gegenüber hielten, während der große Haufe weiter zog, ihren Bruder und Jckel- samer. Wie stattlich sie in dem blanken Schmuck sich aus- nahmen! Sie brauchte nicht nach dem Zwecke dieses Aus- zugcs zu fragen; sie lvußte, daß der Kampf für die Freiheit anhob. Ihr Herz schlug hoch auf und von ihren Lippen zitterte ein Gebet für den Sieg der Ihrigen. Ihre Gedanken folgten ihnen, gleichviel, wohin sie zogen. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verVoten.) Die Nenukwiefen des Ozeans. Es war am 16. September 1482, als Christoph Kolumbus mit seinen drei kleinen Schiffen einen Thcil des Atlantischen Ozeans erreichte, wo die Seefahrer das ganze Meer, soweit nur ihre Augen reichten, mit grünem Kraute bedeckt, erblickten, so daß es, wie ein älterer Geschichtsschreiber berichtet, daS Ansehen hatte, als wenn sie über eine nilennetzliche Wiese hinsegelten. An einigen Stellen lag das Kraut so dick, daß sogar der Lauf der Schiffe dadurch gehemmt wurde. Man kennt die Hindernisse, welche der große Genuese auf dieser seiner ersten Fahrt zu überwinden hatte. Seine zag- haften Leute wollten ihm nicht mehr folgen, denn noch niemals hatte sich ein Schiffsbefehlshaber soweit in das offene Meer hinausgclvagt. Durch List und Versprechungen gelang es Kolumbus. die Furchtsamen hinzuhalten; als sie indessen die ungeheuren Krautwiesen erblickten, brach ihr Muh vollends zusammen. Sie wähnten, nunnrehr an das Ende des schiffbaren Weltmeers gekommen zu sein. Unter dem Kraute vermulhetcn sie Klippen und Untiefen verborgen, welche die Schiffe mit völliger Zertrünimcning bedrohten. Ihr Führer fand auch hier wieder das rechte Mittel, seine Mannschaft zn beschwichtigen, indem er ihr vorstellte, daß diese Krautwiesen keineswegs Gegenstände des Entsetzens seien, vielmehr als sichere Anzeichen des nahen Landes begrüßt werden müßten. Die vermeintlichen Krautwiesen, welche Kolumbus und seine Leute erblickten, kannten die auf der See damals bereits erprobten Portugiesen schon längst, und auch von den Schriftstellern des Alter- thuins, wie Theophrast und Aristoteles, werden sie bereits erwähnt. Man bezeichnet dieselben in neuerer Zeit mit dem Namen des Sargassomecres, da sie fast ausschließlich aus einer Algenspezics ge- bildet werden, dem schwimmenden Beerentang, auch Sargassotang oder Golfkraut genannt(S-ma�ssum baccifenirn). Möglich, daß auch andere Algenarten, wie z. B. die Gattung Fucus, ihren Thcil zu den Kraut- wiesen beitragen