Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 142. Freitag, den 22. Juli. 1898 (Nachdruck verboteil.) Mm die Freiheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichel. Käthe erwiderte mit einem vorwurfsvollen Blick:„Red' nit so ungefcheidt. Was Du wegen mir gethan und gewagt Haft, das vergess' ich Dir in meinem ganzen Leben nicht." Sie reichte ihm die Hand, die er beschämt festhielt.„Muh ich noch warten, bis es dunkelt. Kaspar, daß ich aus der Stadt komme? Ich möcht' gar zu gern heim!" „Ja. Käthelein, Du mußt Dich noch gedulden, vielleicht gar bis morgen," versetzte er, ihre Hand immer noch in der seinigen haltend.„Der Menzingen hat die Thorc schließen lassen, so daß keiner aus noch ein kann. Der Ansbacher soll draußen lauern, um in die Stadt zu brechen. Wir müssen warten, bis der Vater vom Rathhaus kommt; der wird wissen, wie's steht. Einstweilen sitzen wir wie zwei Mäuslein in der Falle. Nu, es soll uns an Speck nicht fehlen, bis daß die Thür sich aufthut. Sitz daher in dem Großvaterstuhl, ich hol' was zum Knuspern." Sie fügte sich mit einem kleinen Seufzer. Er dachte, daß ihr die Neugierde der alten Gundel lästig fallen müßte und bediente sie daher selbst. Sie sah ihm mit Grübchen in den braunen Wangen zu, wie er einen Schinkenknochen, Brot, Messer, Teller und einen irdenen Krug mit Wein nacheinander mlftrug. Ein geschickter Truchseß war er eben nicht und er selbst spottete über sein Ungeschick.„Nu, ich bin im Gefängnitz halt nit ver- wöhnt worden," tröstete sie ihn, und wie sie hinzusügte, wäre die Kost so schlecht und unsauber gewesen, daß sie sich die ganze Zeit über vor Ekel nicht habe sattessen mögen. Um so besser schmeckte es ihr jetzt, und Kaspar, der ihr mit Ver- gnügen zusah, fand darüber seinen Humor wieder. Seine Bemerkungen riefen mehr als einmal das Lächeln auf ihre kerkerblassen Lippen, das von ihnen seit Lautner's Tod ver- schwunden war. Beide vergaßen die Gefahr, in der sie schwebten, und über Käthe kam nach all den Aufregungen der letzten Zeit etwas Weiches, wohlig Abgespanntes, das ihren Vetter wie ein Frühlingshauch anwehte. Ein Pochen an der Hausthür, die Kaspar vorsichtig ver- schlössen hatte, schreckte sie in die drohende Gefahr zurück. Schon war die Abenddämmerung hereingebrochen. Kaspar schlich zum Fenster.„Es ist mein Alter," beruhigte er Käthe, die aufgesprungen war und jetzt das Messer, nach dem sie gegriffen hatte, wieder auf den Tisch fallen ließ. „Dacht' ich's doch, daß ich den Vogel hier finden würde." rief Kilian Etschlich, als er seiner Nichte ansichtig wurde, mit einem so heiteren Tone, wie ihn der Sohn noch nie von seinem Vater gehört hatte. „Schließ' die Läden, Kaspar, und laß' uns in die Hinter- stub' gehen und Licht machen! Sab da einen Kerl an unserem Haus vorüberschleichen, der mir gar übel gefiel. In der Nacht laß' ich Dich nit aus, Mädel; ist keines Menschen Freund, wenn auch der Markgraf nit draußen lauerte." Er nahm den Weintrug voni Tische und that einen tüchtigen Zug daraus.„Dem Rath geschäh' übrigens kein Gefallen, wenn Dich die Knechte griffen," fuhr er fort, indem sie in die Hinter- stube gingen, wo die Lampe angezündet wurde.„Der Rath will ja in Güte mit den Bauern handeln." Er ließ sich mit einem leisen Lachen hinter dem Tische nieder. Kaspar betrachtete ihn mit einer stillen Verwunderung. Das Griesgrämliche war aus seinen Mienen verschwunden.„Ja, guck mich nur recht an," sagte der Alte, es bemerkend.„So schaut einer aus, der im Ausschuß sitzt. Der Krätzer, der Leupold, der Schad, der Knobloch, Kern der Buchdrucker, der lateinische Schulmeister und der alte Rektor Bessenmayer sind auch darin und der Menzingen ist unser Obmann. Nu, was sagst Du? Ja, und der Ausschuß hat den Rath gezwungen, daß beide gemeinsam morgen früh eine Gesandtschast an die Bauern nach Brettheim schicken. Nichts Gewaltsames, hat'mal der Herr Ehrenfried hier in meinem Haus zu mir gesagt. Ne, nichts Gewaltsames. Hab' ich ihm geantwortet, aber Recht muß Recht bleiben! Und jetzt krieg' ich mein Recht." „Nun, es wird der Baum wohl rechtschaffen geschüttelt werden müssen, bis daß die Pflaunien runterfallen," meinte Kaspar trocken. Der Vater aber fragte in fast übermüthiger Laune, indem er ihm seine Fäuste entgegenstreckte:„Was meinst, ob wir Rothenburg«! Meister den Baum ordentlich zu schütteln im stand sind?" Viertes Kapitel. Käthe verließ am frühen Morgen in Begleitung Kaspar's und des Ohms das gastliche Dach. Um sich einigermaßen un- kenntlich zu machen, hatte sie von Gundel ein großes Tuch entliehen, das Kopf und Oberkörper verhüllte. Kaspar hatte erst auf der Gasse Umschau gehalten, bevor sie das Haus ver- ließen. Auf den Rath des Vaters richteten sie ihre Schritte nicht nach dem Galgenthor, wo möglicherweise Häscher auf Käthe lauerten; sondern auf Umwegen nach der unteren Schmiedergasse und durch den Siebersthurm nach den: Spittcl- thor, durch welches die Gesandtschast an die Bauern aus- reiten mußte. Der alte Etschlich rechnete darauf, daß es an dem letzteren nicht an Neugierigen fehlen würde, so daß Käthe und Kaspar weniger bemerkt hinauskommen könnten. Seine Voraussetzung traf auch zu, und während die Aufmerksamkeit der Leute wie die der Wache durch Huffchlag nach dem Siebersthurm gelenkt wurde, schlenderten Käthe und ihr Vetter über die bereits herab- gelassene Zugbrücke. Jenseits derselben wandten sie sich sogleich links und schritten nun rasch auf Fuß- und Feld- wegen weiter. Käthe warf ihrem Vetter nur einen Blick zu, aus dem ihr ganzes Frohgefühl leuchtete, daß sie frei war. Mit einem inneren Jauchzen flog ihr Auge über Wiesen und Felder, die sich wie eine grüne Woge vor ihnen gegen Nordosten erhoben. Es hatte in der Nacht geregnet, der Märzstaub, der für den Bauern Goldstaub ist, war nieder- geschlagen, frischer grünten die Halme von Gras und Saat, an denen die Nässe noch wie Edelgestein funkelte. Dick ge- schwellt waren die Knospen der Bäume, und die Hecken hatten bereits kleine grüne Blätter. Während das Herz Käthe's mit den Lerchen um die Wette jubilirte, ritten über den Kappenzipfel die Männer, welche versuchen sollten, den Bauern in Güte die ergriffenen Waffen aus der Hand zu winden. Unter dem Spittel- thor stürzte auf dem noch nassen Pflaster das Roß des Georg Bermeter, der mit Hieronymus Hassel vom Rathe in die Gesandtschaft gewählt worden. Der Sturz des Pferdes galt für ein übles Anzeichen, Franz Knobloch aber. dessen bleiches Gesicht es deutlich verrieth, daß er die Nacht verschwärnn hatte, rief ganz laut:„Hochmuth kommt vor dem Fall!" Valenttn Jckelsamer, der gleich ihm mit dem Hasner Martin Hufnagel und Jos Schad den Ausschuß vertrat, ver- wies es ihm mit einein unwilligen Blicke. Knobloch lachte höhnisch, so daß der Rathsherr Hassel Lust verspürte, ihm mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Der Wirth zum Rothen Hahnen, welcher wegen seiner Verschwägerung mit dem langen Lienhart der Boffchast beigegeben war, um ihr bei den Bauern freies Geleit zu verschaffen, hob, nicht just wohl- klingend, zu singen an: „Ducke Dich, Hensel, Duck Dich, laß fürüber gan! DaS Wetter will sein Willen hau. Ducke Dich, gut Gsell, Duck Dich, laß fürüber gan! Das Unglück will sein Willen hau. Ducke Dich, Simon. Duck Dich, laß fürüber gan! Die Frau will ihren Willen hau." Der weite Weg nach Brettheim wurde der Gesandtschast erspart. Denn schon bei dem hochgelegenen Dorfe Gebsattel stießen sie aus die Bauen:, die dort eben ihr Lager schlugen. Es waren ihrer nicht viel über hundert Mann und Leonhard Metzler führte sie als ihr Hauptmann. Ihre geringe Zahl mochte dazu beitragen, daß der Rathsherr Hieronymus Hassel es nicht für nöthig erachtete, seinem brutalen Hochmuth einen Zügel anzulegen. Er sprach sie bei seiner Ankunft in einer Weise an, die nicht übler gewählt sein konnte. Es düntte ihn kein Wort hart genug, um die Empörung der Bauern, welche in ihren Wehren die Abgesandten umschlossen, zu strafen. Wenn sie sogleich ruhig zu ihren Hütten heimgingen, fuhr cv fort, ohne ihres Murrens zu achten, dann wollte der Rath ihnen gnädigst verzeihen, andernfallcs würde er sie an Leib und Leben strafen. Hätten sie Beschwerden, so sollten sie dieselben vor das kaiserliche Kammergericht bringen. Wie es um die Gerechtigkeit dieses Gerichtes bestellt war, das hatten die Bauern seit Generationen zur genüge erfahren. Ein zorniges Hohnlachen war daher ihre Anüvort auf dessen Erwähnung. Leonhard Metzler aber fragte mit finster drohenden Blicken:„Wie, ist das die Meinung der ganzen Gemein von Rothenburg?" „Ja," erwiderte Hieronymus Hassel. „So redet ein Fuchs," rief Metzler ihm zu, und die Bauern schrien, mit ihren Waffen klirrend, er solle niachcn, daß er fortkäme. Valentin Jckelsamer und den anderen Mitgliedern vom Ausschüsse, die sich unter die Bauern mischten und auf sie einredeten, gelang es, die Aufregung zu stillen.„Nein," rief Valentin Jckelsamer,„der Rathsherr hat Euch blas seine eigene Meinung gesagt; die Gemeinde will in Güte und Brüderlichkeit mit Euch über Euer Begehren verhandeln." „Nu, wenn es so stehet, das ist ein anderes." antwortete darauf Leonhard Metzler.„Wir denken gar nicht daran, die Gemein zu beschädigen. Ihr seid des wohl wissend, daß wir etliche Beschwer wider den Rath haben. Die wollen wir für- tragen, so uns die Gemein freies Geleit auf einen Tag ge- währt. Ansonst müssen wir uns freilich in eine festere Stellung ziehen." Georg Bermeter verbürgte ihnen das freie Geleit und darauf schieden beide Theile in Frieden von einander. Als die Gesandten aber nach Eckardsdorf kamen, ritten die Mit- glieder vom Ausschusse wieder zu den Bauern zurück und ließen die Rathsherren in dem dortigen Wirthshause fünf Stunden lang auf sie warten. Die Bauern zu Gebsattel waren kein vorgeschobener Posten, sondern die Nachhut des großen Haufens, der in Brettheim die zwölf Artikel beschworen hatte. Simon Neuffer war mit den Seinigen noch in derselben Nacht nach Ohren- dach zurückgegangen und der lange Lienhart ihm in der folgenden mit den übrigen dorthin gefolgt, während eilende Boren die noch säumigen Gemeinden zum schleunigen Zuzuge aufmahntcn. Zum Sanimelplatz wurde Rcichardtsrodc be- stimmt, das. etwa eine halbe Stunde nördlich von Ohrenbach gelegen, eine vortheühafterc Stellung als dieses bot. Fortwährend langten dort neue kriegsgcrüstete Schaaren an, darunter die Bauern aus dem Aischgrunde, welche der grauköpfige Müller Jos Buchwaldcr von Ottenhofen heran- führte. An der Spitze mancher Gemeinde zogen deren Pfarrer, die nicht nur im Lager predigten, sondern auch ihren Rath und ihre Feder in die Dienste der Bauern stellten. So aus Leuzenbrunn der Pfarrverweser Lienhart Denner und der Frühmeßner. Selbst höhergestellte, kriegskundige Leute, wie Georg Teufel aus Schonach und Fritz Nagel, der Anit- mann des nahen Scheckenbach, stellten sich in Reicharts- rode ein und lehrten die Bauern exerzieren und fechten. Es zogen ihnen aber auch die Hintersassen mancher benach- barten Herrschaft mit fliegenden Fähnlein zu und wurden in die Bruderschaft aufgenommen; dazu aus den Wäldern und Verstecken manch flüchtiger Höriger und geächteter Mann. Mit ihnen kam der unglückliche Konz Hart, den das Elend arg verwildert hatte. Sein Stiefsohn begleitete ihn nicht; er hatte den Knaben einem blinden Dudelsackpfeifer als Führer vermiethct. Der Blinde war Spielmann und Sänger zugleich, und dasjenige Lied, mit dem er überall auf den Dörfern die Herzen der Weiber erschütterte und die der Männer zum Zorn entflammte, schilderte das tragische Geschick Konz Hart's und den Tod von dessen Weib und Kindern. Ein fahrender Schüler, der zu Hcidingsfcld im Wirthshaus gesessen, als der Hausirer Crispin Wölffl auf seiner Reise gen Würzburg dort die Leidensgeschichte erzählt, hatte sie in Verse gebracht und der Blinde sich selbst die Weise dazu erfunden. Eine andere Weise sangen jetzt die Hämmer, die in Reichardtsrode und in den Dörfern ringsum für die.armen Leute Sperreisen schmiedeten, ihre Sensen aufrichteten und eiserne Schlägel und stachligte Kolben für ihre Dreschflegel herrichteten. Auch in Ohrenbach, wo Wendel Haim zurückgeblieben war, um seines Amtes als Dorftneister" zu Ivalten, klangen Hammer und Ambos, und Kaspar und feine Muhme ver- nahmen das Klingen schon vor dem Dorfe. Er scherzte, daß zu ihrem Einzüge die Glocke geläutet würde. Die wahre Bedeutung davon erfuhr das Paar dann auf Simon's Gehöft, wo Käthe sich kaum die Zeit nahm, ihren Vater, die Schwägerin und die Kinder zu herzen. Es ihrem Vetter überlassend, die Geschichte ihrer Befreiung zu erzählen, lief sie auf ihre Kammer, um sich gründlich zu waschen und die Kleider zu wechseln, die sie seit ihrer Verhaftung nicht hatte ablegen können. Als sie dann wiederkam, in ihrem besten Zeug und das lichtbraune Haar sauber geglättet und gezöpft. glich sie dem jungen frischen Morgen. Kaspar erschien sie so. über dessen bewundernde Blicke sie lächelte und ein wenig erröthete. Sie setzte sich zu dem Vater, nahm dessen knorrige Rechte in ihre beiden Hände und hörte füll an. was er und seine Schnur von den Vorgängen im Dorfe seit ihrer Gefangenschaft erzählten. Viel- leicht hörte sie auch nicht; denn il.e Augen wanderten langsam in der- großen Stube von einem Gegenstand zum andern, und es schimmerte in ihnen das Wohlgefühl, wieder zu Hause zu sein. Als Fricdl, der Knecht, zum Mittagsesscn hereinkam, sagte er, ihr die Hand schüttelnd:„Gott sei Dank, daß Du wieder da bist. Seitdem daß der Bauer in Rcichardtsrodc ist. bist Du uns nöthig wie das liebe Brot. Jetzt kann er ruhig dort bleiben." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) ZVettn Thiers reden. Aus dem Dänischen. Zwei Naben, Mutter und Sohn, kamen über unsere Stadt daher- geflogen und setzten sich auf das Dach der Schloßkirche. Der junge Rabe hüpfte bis an den äußersten Rand der Dachrinne, legte den Kopf auf die Seite und blickte hinunter; denn er war zum ersten Mal in der Stadt. Die Alte dagegen kannte alles; sie hatte sich viel umgesehen in der Welt, war weit gereist und hatte viel nachgedacht. „Wie heißen die Thicre, die dort unten gehen?" fragte der junge Rabe. „Menschen, mein Kind." „Was tragen sie da am Körper? Es schlenkert hin und her, wenn sie sich rühren." „Das sind Kleider, die sie anziehen, um sich vor der Kälte zu schützen." „Haben sie denn keine Federn?" „Nein." „Wie machen sie es denn, wenn sie fliegen wollen?" „Sie können nicht fliegen; sie haben kerne Flügel." Der junge Rabe schielte verächtlich auf die Straße hinunter und sagte: „Dann möchte ich kein Mensch sein." „Sehr richtig bemerkt, mein Kind," sagte die Mutter.„Ich sehe daraus, daß Dein Verstand sich zu entwickeln beginnt." „Aber warum." meinte der Junge, geschmeichelt durch das Lob der Mutter,„warum tragen einige solch häßliche, zerlumpte Kleider, während die der anderen so schön sind?" „Weil die einen arm, die anderen reich sind." „Arm? Reich? DaS versteh' ich nicht." Die Me dachte nach, um— eine dem Jungen verständliche Erklärung zu finden. Endlich sagte sie:„Nimm einmal au, daß Du weder Frösche noch Schnecken, noch Feldmäuse finden kannst, daß aber ein Rabe neben Dir sie in Hülle und Fülle hat; dann bist Du arm und er ist reich." „Ja, aber das kann nicht lange dauern; denn ich eile natürlich zu ihm hin, und wenn er sich satt gesiessen hat, wird er mich auch fressen lassen." „Ganz richtig, so würde es bei uns zugehen," antwortete die Alte,„aber bei den Menschen ist das ganz anders; derjenige, der etwas hat, behält es für sich." „Selbst, wenn er bis oben an mit Futter vollgepsiopst ist?" „Ja, selbst wenn er bis oben an vollgepsioft ist." „Aber das ist doch ganz unvernünftig." „Verminst, mein Kind, ward nur uns Raben gegeben." Nach einer Weile fragte der Junge wieder:„Was essen die Menslhen denn eigentlich?" „Korn, Gemüse, Schafe und Kühe und Hasen..." „Aber ich habe ja selber gesehen, daß es überall Korn und Gemüse und Schafe und Kühe und Hasen giebt?" „Allerdings, doch einige Menschen ziehen Gräben um ihre Feldes machen Zäune um ihre Wälder und verbieten den anderen, da hinein zu kommen." „Und das lassen die andern sich gefallen?" „Ja, mein Kind." „Wie dumm sie sind! Doch wundert mich das übrigens nicht bei Thieren, die nicht fliegen können. Wir kümmern uns den Kuckuck um Gräben und Hecken." lind selbstbewußt zupfte der junge Rabe mit dem Schnabel seine schwarzen, glänzenden Federn zurecht. Bald darauf wurde in der Sprache der Raben drüben vom Dache des Museums her gerufen. Die Alte schaute hinüber und flüsterte dem Sohne zu:„Das ist eine Krähe, wir sind etwas ver- wandt; ein Vetter von mir. Benimm Dich nun hübsch anständig, dann fliegen wir hinüber, da sie unZ einlädt," Und da? thaten sie, Die Krähe hatte einige Leckerbissen gesammelt, die sie ihnen sofort anbot, und die Mte stellte ihren Sohn vor, wonach alle drei sich satt aßen. „Hat er schon etwas von der Stadt gesehen?" fragte die Krähe. „Ja," antwortete die Alte,„er hat die Menschen dort unten gesehen. Man mutz ja Sorge tragen, datz die Kinder etwas lernen." „Sah er auch schon Soldaten?" fragte die Krähe,„Hort Ihr die Musik, dort kommen sie vorbei marichirt," Und alle drei hüpften hin und blickten hinunter. Der junge Rabe wunderte sich batz über die bunten Uniformen. „Die sehen ja aus, wie die Fasanen daheim im Königswalde," sagte er. „Aber weshalb gehen sie so in Reih und Glied, wie die Gänse?" „Weil sie es lernen sollen, so zu gehen, Sic sollen sich viel- leicht schlagen, und sie schlagen sich nicht gut einzeln." „Mit wem, schlagen sie sich denn?" „Mt anderen Soldaten," „Und iveShalb schlagen sie sich?" „Ja, das wissen sie in cht." Dem jungen Raben schien daS etwas vom sonderbarsten zu sein, was er je gehört hatte. „Mutter" fragte er.„schlagen sich denn die Raben aus dem Königswalde mit den Raben aus dem Friedrichsbcrgcr Garten?" „Rein, mein Kind." „Aber die Menschen haben ja nicht einmal ganz gewöhnlichen Hllhncrverstand", räsonnirte der Junge, Ueber diese treffende Bemerkung begann die Krähe herzlich zu lachen und sagte zur Mutter:„Ihr Sohn ist ein guter Kopf; gebt acht, der bringt es noch zu etwas. Er hat schon recht viel gesehen und denkt darüber nach. Doch eins gicbt eS, datz Ihr ihm absolut zeigen müßt, bevor Ihr die Stadt verlatzt." „Und das ist?" fragte die Mutter. „Das ist das städtische Kriminalgericht— gleich drüben Übec'm Kanal, auf der anderen Seite des Marktes, Oft sitze ich dort auf der Dachrinne und beschaue mir die Assessoren und die ganze Sitt- lichkeit," „Die ganze Beschccrung," sagte die Alte streng:„die kann ich dem Kinde nicht zeigen, das ist nichts für ihn. Leicht könnte er dadurch verdorben werden, und autzcrdem— haben Sie denn nicht daran gedacht?— er könnte dadurch eine allzu schlechte Meinung von den Menschen bekommen!"— TUrmes FenMekon — Die Wclt-Kaffec-Ernte. Vom Staatsdepartement in Washington ist eine Veröffentlichung über diesen Gegenstand er- gangen, die mittheilcnsiverthe Angaben enthält. Danach ist als Regel anzunehmen, datz, wenn in einem Kaffeelande eine Zeit lang eine reiche Kaffee-Ernte erzielt worden ist, sich jedesmal daran eine Periode abnehmender Produktion schlietzt, bis der Ertrag nahezu ganz aufhört. So stieg der.«affec-CxPort Ceylons auf 892 454 Sack in den Jahren 1809—70, um darauf von Jahr zu Jahr geringer zu werden, bis heute nur noch 50 000 Sack jährlich von dorr zur Aussuhr gelangen. In Java, Padaug, Macassar zc„ Ivo die Produktion 1883 mit 1 787342 Sack ihren Höhepunkt erreichte, ist dieselbe gegenwärtig nur noch halb so umfangreich. In Zentralamcrika macht sich seit den letzten drei Jahren eine merkwürdige Produktionsabnahnle fühlbar. Das gleiche ist bezüglich der brasilianischen Staaten Rio de Janeiro, Minas Geraes und Espirito Santo der Fall, wo die Produktionsabnahme infolge Aufgabe aller Kaffecbäumc stete Fortschritte macht. Ihren Höhepunkt erreichte die Kaffec-Ausfuhr von Rio de Janeiro 1884-85 mit 4 209 200 Sack, seitdem hat in der dortigen Produktion ein Niedergang stattgefunden, bis gegenwärtig die Jahrcsziffer, nach bester Schätzung mit 2 750 000 Sack, ziemliche Stabilität er- langt hat. Dagegen hat in Bahia und Ccara in den letzten Jahren eine wenn auch nicht bedeutende Zunahme der Produktion stattgefunden. Dafür sind gewaltige. weiter abgelegene und kommerziell bisher unzugängliche Gebiete Brasiliens durch Er- Weiterung des BahnnetzeS des Landes sowie durch Zuwanderung in den letzten Jahren in den Wettbewerb in der Kaffccproduttion mit eingetreten,'Während 1870 der Transport eines Sackes Kaffee nach Rio de Janeiro oder Santos 5— 7 Doll, kostete, beträgt heute die Durchschnitts-Frachtrate für de» Kaffee-Sack von 132 Pfund von Jnlandpunkten nach der Kiifte Brasiliens nur noch 5 Milreis, Infolge dessen hat auch die Kaffee-Ausfuhr über Rio de Janeiro und Santös im letzten Jahre bedeutend zugenommen, und gelangte u. a, 1397 zum ersten Male von Rio de Janeiro Kaffee' auch aus San Paolo, und zwar in Quantität von 300000 Sack, zur Ausfuhr, Mit der Zunahme des Angebots hat auch der jtaffeekonsum der Welt sich entsprechend gesteigert,' denn der Jahresverbrauch von Kaffee in Europa und den Vereinigten Staaten wird heute auf 12 Mill. Sack geschätzt, gegen 10 Mill. im Jahre 1880 und nur 0 Mill. Sack im Jahre 1870, New-Zork, Hamburg, Amsterdam und London sind die Haupt- Kaffecmärkte der Welt, nach welchen Kaffee vom Ursprungs- orte versandt wird. Etwa ein Viertel der Santos- Ausfuhr geht nach New- Dork, und Rio de Janeiro versorgt diesen Markt noch zu weit gröherem Matzstabe, denn wenn auch Santos bedeutend mehr .tiaffee erportirt, als Rio de Janeiro, so ist letzter Hafen doch die hauptsächliche Bezugsquelle für die Vereinigten Staaten,— f. Tie grötzten Handelsflotten der Welt. Nach einer auf- gestellten Statistik hat die Flotte der Hamburg- Amerika- Linie (Hamburg) mit 286 945 bezw. 174 990 den grötzten Tonnen- geholt. Nach dieser folgt eine englische Gesellschaft, die P. und O, Steam Navig. Co,(London) mit 283 140 bezw, 164 836 Tonnen. Die grötzte französische Dampfcrgesellschaft ist die„Messageries- Maritimes(Marseille), die mit 229 837 Brutto und 114000 Netto Tonnengehalt noch weit hinter dem Norddeutschen Lloyd(Bremen) zurücksteht, der 263 613— 152 126 Brutto resp. Netto aufzuweisen hat, Italiens grötzte Gesellschaft ist die Navigazione Generale Jtaliana mit 171 041(105 598) Tonnengehalt, Der Oester- reich-Ungarische Lloyd(Trieft) hat 146 560— 87 800, die Campannia Transatlantica(Barcelona) 121 161— 78 702 Tonnengehalt. Einer autzereuropäischen Gesellschaft sei noch Erwähnung gethan. Die Nipon Düsen Kabuhiki Kwaisha in Tokio berechnet ihren Flotten- tonnengehalt auf 161 690 Brutto und 101 383 Tonnen Netto. Dem- nach steht also die Hamburg-Amerika-Linie an der Spitze aller Schifffahrts-Gesellschaften.— — Kaisergräber in China. Die Mansoleen der gegenwartigen Tfin-Dynastie befinden sich in einer im Norden von Peking ge- Icgcnen Hügelkette und nehmen zwei abgesonderte Landstriche ein, die nach Osten und Westen hin in einer Entfernung vs« etwa 25 deutschen Meilen zu jeder Seite der Hauptstadt liegen. Was jedes Grab charatterisirt, ist eine Sttatze mit koloffalen Steinfiguren zu jeder Seite. Die impofauteste im Stil und auch die am besten erhaltene Bcgräbnitzstätte ist die des Kaisers Dong-Loh auS der Ming-Dynaftie. der im Jahre 1424 nach Christo starb. Zu den Seiten der zu diesem Grabe fiihrenden, etwa deutsche Meile langen Strahe, sind zweiunddreihig Figuren aufgestellt, von denen zwanzig Thiere und zwölf Männer vorstellen. Diese Stein- Figuren stehen in Paaren sich gegenüber, mit der Vorderseite nach der Straße zu. Zuerst kommen ein Paar liegende Löwen, dann ein Paar stehende Löwen, hierauf zwei ruhende und wiederum zwei stehende Kameele; sodann folgen ein Paar Elcphanten, die 13 Futz hoch, 7 Futz breit und 14 Futz lang sind; außerdem sind Pferde, Esel und Einhörner in derselben Weise gnippirt. Jede Figur ist ein Monolith, und sie sind ziemlich rohe Erzeugnisse der Bildhauerkunst, Nach den Thierffguren kommen die Männer: sie stellen militärische und bürgerliche Mandarine vor. Das Material für diese ungeheuren Steinbildnisse(Kallstein) wird von Steinbrüchen, die über 12' deutsche Meilen von Peking entfernt sind, zum Begrädnitzorte geschafft, wo- selbst es behauen wird. Manche dieier kolossalen Felsblöcke müssen über sechs Tonnen gewogen haben. Interessant ist die Methode, wie dieselben nach ihrem Bestimmungsorte geschafft werden. Die Blöcke werden so gebrochen, datz sie, wenn sie vom Mutter- felsen sich ttennen, auf zwei Hebebäumen zu ruhen kommen, die darauf so weit erhöht werden, datz man ein paar aus soliden runden Holzblöcken gefertigte Räder darunter schieben kann, die dann mittels Achsen mit einander verbunden werden. Von den letzteren gehen eine große Anzahl von starken Seilen aus, an die mitunter 150 Pferde oder Maulesel gespannt werden. Eigene Wege sind zu bahnen, um diese viereckigen Monolithe nach ihren Bestimmungs- orten zu schaffen. Ilcbrigeus sind diese Steinsiguren, die das Ge- folge des Verstorbenen während seiner Lebenszeit vorstellen sollen, nicht das alleinige Vorrecht der Kaiser oder ihrer nächsten Vor- wandten; auch die Grabstätten von hohen Staatsbeamten oder be- rühmten Generälen werden nicht selten mit denselben ausgeschmückt. Nachdem der Sarg beigesetzt ist, wird die aus Granitsteiuen her- gestellte Thür für ewige Zeiten geschlossen, so weit wie möglich un- zerstörbar vermauert. Die Gruft umwölbt ein hoher Erdhügel, der in der Regel mit Pinien und Cyprcssen bewachsen ist; auch das Mausoleum wird mit diesen Bäumen un, pflanzt. Diese Sitte, die übrigens in China allgemein verbreitet ist, soll ihren Ursprung in dem Volksglauben haben, datz die Bäume die Verstorbenen gegen die Anfälle von Kobolden und ähnlichen dämonischen Ungeheuern beschützen, welche die irdischen Ueberrcste der Verstorbeneu' zu zer- stören suchen. Aus demselben Grunde werden auch aus Stein ge- hauene Tiger in der unmittelbaren Nähe der Gräber aufgestellt. Psychologisches. n. Doppelwahnsinn. Vereinzelt kommen merkwürdige Fälle von Wahnsinn vor, die nach einer fraiizösischeii Redensart als„Folie ä deux"(Narrheit zu zweien) benannt wird. Man ver- steht darunter eine geistige Erkrankung, die zwei Personen in ähn- sicher Weise ergreift und auch bei beiden ähnliche Erscheinungen hervorruft. Es hängt dies natürlich mit der Frage zu- sammelt, ob Irrsinn ansteckend ist. Im allgemeinen geht die Anschauung über diese Frage dahin, datz Per- sonen, die lange mit Irrsinnigen verkehren, allerdings die irren Vorstellungen derselben mehr oder weniger annehmen, vorausgesetzt datz eine erbliche Prädisposition dazu vorhanden ist. Es ist dann natürlich besonders naheliegend, datz sich eine Geistes- krankhcit von einer Person auf Mitglieder derselben Familie oder auf nahe Verwandte überträgt, und es sind Fälle in der Geschichts- schreibung&er_ Jrrcnheilkunde verzeichnet worden, wo sogar mehr als zwei Personen an denselben Wahnvorstellungen erkrankten. Ein englischer Arzt theilte dem„Edinburgh Medical-Journal" kürzlich einen interessanten derartigen Fall init. Es handelte sich um ein Ehepaar, bei dem der Mann scheinbar den Anlaß zur geistigen Erkrankung beider Thcile gegeben hatte. Derselbe war vor geraumer Zeit nach Kauada ausgewandert, lietz. als es ihm dort Stahl, den die Inder heute noch nach den alten Methoden herstellen, wie zur Zeit, als der besiegte indische König Poros einen bcträcht- lichen Theil seines Tributes an den Sieger Alexander den Grossen in Stahl zahlte. Der Stahl wird in einem Schmelztiegel über einem primitiven Thonherd gewonnen. Auf die Essen werden Thon- röhre gesetzt. Der Gebläsewind wird durch einen Blasebalg aus Bockshäut erzeugt. Als Brennmaterial wird nur reinste Holzkohle benutzt. In den Tiegel legt man nach dem alten wunderlichen über- lieferten Rezepte einige Stückchen Holz von einer Casfia und grüne Blätter einer Windenart und des Oschcrstrauches. Der Tradition nach ist dieser Zusatz zur Erzeugung des unter dem Namen„Wootz" bekannten vortrefflichen Produkts erforderlich.— Humoristisches. — Umgeschlagen. Hausfrau:„Leugnen Sie nicht, Sie haben sich von meinem Maim küssen lasten!" Dienstmädchen:„Lächerlich; von dem alten, häßlichen Kerl.. Hausfrau(erbost):„Oho; seien Sie froh, wenn Sie von dem alten, hätzlichen Mann geküßt werden, verstanden!"— — Aus Sachsen: Herr(in der Menagerie zum Wärter, der den Arm in der Binde trägt):„Sic Aermster sind wohl gar von so einer Bestie gebissen worden?" Wärter:„Ja, ja, mein Gutester, das is nu äben„W ä r d c r s ch Leiden"!—(Meggend. Humor. Bl.") — Warum ist der Hahn so stolz? wurde unlängst zu Koblenz in einer höheren Mädchenschule gefragt. Sofort stand eine Tochter auf und sagte:„Weil er keine Eier zu legen braucht."— gut ging, die Erwählte seines Herzens nachkommen und verheirathete sich dort mit ihr. So lebten sie jahrelang in Zufriedenheit, bis der Mann einmal in Geschäften verreffte; es wurde ihm an einem Orte mitgetheilt, daß es in seinem Wohnorte allmälig un- ficher geworden sein müßte. da dort so viele Morde vorkämen. Run erzählte der Mann seine Geschickte dem Arzte später selbst weiter:„Dies beunruhigte mich, und ich kehrte nach Hause zurück mit dem Entschluß, meiner Frau das Gehörte nicht mitzutheilen, aber ein wachsames Auge zu haben. Mein Argwohn wurde bald gerechtfertigt. Im Nachbarhaus wohnte eine alte Dame allein, hinler diesem und unserem Hause war eine Halle, in der zuweilen Bersamnilungen von Forstleuten stattfanden. Das erste auffäll, ge, was ich bemerkte, war das Berschwmdcn eines Geistlichen der Kirche, in der ich meine Andacht zu verrichten pflegte, derselbe hatte eine Ein- ladung von der alten Dame erhalten und angenonnnen, ich sah ihn am Abende in das Haus gehen, aber er kam nie wieder heraus. Während der Nacht hörte ich selff'amen Lärm im Rachbarhause, wie wenn jemand fiele, ich öffnete sofort das Fenster, sah in den Hof und bemerkte zwei Schutzleute, die auf meine Frage erwiderten, der Priester wäre ermordet und man könnte seinen Leichnam nicht finden. Räch der Ermordung des Geistlichen kamen junge Leute zu einer Ver- sammlung in die Forsthalle, und keiner derselben wurde je wieder gesehen. Ich erfuhr in einem Traume, daß sie von der alten Dame und ihren Helfen, sämmtlich umgebracht worden waren, ihre Leichen wurden durch ein besonderes Verfahren in Säure aufgelöst und die Flüssigkeit in die Wasserleitung gegossen. Die Köpfe ließen sich nicht auflösen, fie wurden in Kisten verpackt und während einer stürmischen Nacht mit einem Wagen wcggefahren. Unterdessen war auch meine Frau argwöhnisch geworden, und in einer der folgenden Nächte hörten wir, als wir im Bette lagen, Stimmen von unserem Flure her. Wir lauschten aufmerksam und vernahmen, daß Leute beabsichtigten, uns zu ermorden. Am folgenden Morgen verließ das Ehepaar sein Haus und die Stadt ganz im geheimen, reiste nach New-Dovk und ging dort in ein Hotel. Hier schmiedeten wieder die Bedienten des Gasthofes einen schwarzen Plan, indem fie den Kaffee vergifteten. Das Ehepaar entdeckte den Anschlag aber und floh wieder davon. Dann gingen sie an Bord eines Dampfers, wohin ihnen aber ihre Verfolger wiederum gefolgt waren, so daß fie sich in ihrer Kabine verbarrikadiren mußte». Auch nach der An- kunft in Glasgow wurde die Sache, ficht besser, der Mann wandte sich schließlich an die Polizei, und hier wurde im endlich der richtige Rath gegeben, mit seiner Frau eine Anstalt auf- zusuchen, wo sie sicher sein würden. Die Frau erzählte dieselbe Ge- schichte wie ihr Mann und fast mit denselben Worten, litt auch an ganz den nämlichen Wahnvorstellungen. Auch in der Anstalt glaubten fie fich zunächst von lauter Mördern umgeben und wollten sich nicht trennen lassen, so daß die durchaus nöthige Trennung erzwungen werden mutzte. Der Mann war entschieden seit längerer Zeit und vielleicht von Geburt an schwachsinnig und bot auch kaum eine Hoff- nung auf Heilung, während die Frau in der Anstalt allmälig wieder zur Vernunft kam.— Meteorologisches. — Eine Wasserhose ist am Donnerstag vor acht Tagen im Jnsterthal beobachtet worden. Am Nachmittage zog eine mächfige, gelbgraue Wolke mit starkem Sturmwind auf. Während dieses Vorganges fing plötzlich das im Jnsterthal sehr hoch stehende lleberfluthungSwasfer bei Sprindt an, sich auf der Stelle des Fluß- lmffes in rötirende Bewegung zu setzen und einen sich nichr und mehr erhebenden Kegel zu bilden, während die Wolke sich in um- gekehrter Kcgelform herabzusenken begann. Der heftige Sturmwind trieb aber die Bildung auf flacheren Wasserstand dem Ufer zu, wo das Phänomen schließlich unter sausendem Geräusch zusammenstürzte. Bisher find mir zwei ähnliche Fälle auf den masurischcn Seen be- kannt geworden.— Technisches. n. Elektrische K o h l e n b e r e i t u n g aus Torf. Schon oft versuchte man die Torfmoore zu verwerthen, meistens aber ver- geblich. Jetzt hat man eine solche Verwerthung dadurch gefunden, daß man den Torf in ein gut brauchbares Brennmaterial um- wandelt, und zwar bedient man fich dabei der Elektrizität. Schon ftühcr hat man in Schweden versucht, durch einfaches Erhitzen den Torf in brennbare Kohle zu verwandeln, aber dies Verfahren er- forderte zu umständliche Manipulationen, um praktisch zu sein, und hatte namentlich den Nachtheil, daß in der Mitte des Torfes sich ein noch ungenügend verkohltes Produkt vorfand. Jetzt füllt man den Torf in eiserne Retorten, durch welche man einen elektrischen Strom so leitet, daß er sowohl die Außenfläche, als auch die Mitte des Torfes trifft. Die Operation geht schnell von statten. Eine Retottc mit 1300 Litern Inhalt ist in etwa 15 Minuten in Kohle um- gewandelt; diese stellt eine poröse schwarze, noch das Gcfüge des Torfes zeigende Maffe dar. Sie enthält„ach der chemischen Analyse 70 pCt. Kohlenstoff, der an Heizwetth guter Steinkohle gleich steht. Diese Torfkohle brennt mit langgestreckler Flanime, entzündet sich rasch und entwickelt schnell eine starke Hitze. Die Kosten der Her- stellung ergeben, daß der Zentner Kohle zu 40 Pfennigen verkauft werden kann.— — Indischer Stahl. Ein Blatt aus Dehli machte, wie „La Nawre" erzahlt, einige nähere Angaben über den berühmten Vermischtes vom Tage. — Wie gemeldet wird, hat der Zoologe Dr. H ö f e r in einem Bazillus den Erreger der Krebspest gefunden. Auch Fische, die mit diesem Baeillus infizirt wurden, starben bald. Dr. Höfer will die Resultate seiner Forschungen im August auf dem Fischerei- tag in Schwenn vorlegen.— y. Beim Aufziehen eines Seiles, das Dachdeckern einen Korb mit Matenal auf das Kirchendach bringen sollte, wurde in Jena der unten thänge Arbeiter von dem Haken erfaßt und statt des Korbes hinausgewunden. Es gelang, ihn durch eine Dachluke herein- zuholen.— — In Przemyslhat ein Offizier- Stellvertreter einen Wucherer erschossen. Er schuldete ihm 27 Gulden, ivar öfter von ihm gemahnt und dann beim Regimentskomnumdo an- gezeigt worden.— — Bei Stanislaus(Galizien) entgleiste ein Personenzug durch Anstreifen an einen Lastzug. Fünf Reisende wurden schiver verletzt.— — Zwei Stunden von Hermann st adt in Siebenbürgen wurde ein gewalttger Ringelbär erlegt. Das Thier war 2'/? Meter läng und 1,45 Meter hoch. Sein Alter wurde auf 22 bis 25 Jahre geschätzt.— — Dem Walliser Dorf Bagne im Dransethale droht eine Katasttophe, wie fie vor einigen Jahren das Savoy'sche Bad St. Gervais zerstötte. Hoch oben auf dem Gletscher Cretc-Sechc hat sich ein umfangreicher See gebildet, der in diesem Sommer bereits eine bisher noch nie beobachtere Höhe erreicht hat und den Beivohnern der Thalschaft nicht geringe Furcht einflößt. Es wurden bereits vor einem Jahre umfangreiche Ableittingsarbeitcn unter- »ommen, aber dem gewalttgcn Andränge dieses Jahres vermögen fie nicht zu genügen, fodaß ein Durckbruck der großen Wasicrmcnge durch die vorgeftauten Eismassen sehr bedrohlich ett'Äcint. Das Dorf Bagne wurde bereits dreimal durch ähnlick entstandene Wasser- fluthen zerstött, 1595, 1818 und vor wenigen Jahre. Viele Menschen kamen dabei ums Leben.— — Von B u d a p e st ging ein Pilgerzug nach Lourdes ab. Dort wurden die Wallfahrer, die man für Deutsche hielt, angegriffen und geschmäht. Zwei schwäbische Bauern aus der Umgebung Ofens wurden getödtet. Ein Theil der Wallfahrer mußte sich auf Wagen retten.— — Der Eiffelthurm soll zur Weltausstellung 1900 von oben bis unten silbcrgrau angestrichen werden, und zwar zweimal in einem Zwischenraum von einem Jahre. 50 Arbeiter werden damit je zwei Monate lang zu thun haben, und jedes Mal werden 50000 Kilo Farbe nöthig sein.— — Ein Postdampser aus Calais stieß, wie aus B o u l o g n e gemeldet wird, mit einem Fischdampfer zusammen und erlitt so schwere Havatte, daß er in den Hafen geschleppt werden mußte.— — Im Kapuzinerklo st er zu C a t a n i a erschlug ein Mönch seinen Provinzial-Pater im Verlauf eines Stteites mit einer Eisenstange.— c. e. Das Dörfchen Lincoln im Staate Rcw-Jersey(Nord- amettka) hat seit einem Jahre drei weibliche Gemeindcräthe und nur einen männlichen. Seit dieser Zeit hat es ein Schul- Haus, einen Bahnhof, Waffcrwcrke, Abzugskanälc, eine Kirche und ein Lincoln-Denkmal erhalten.— ÄZerantwortlichcr Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.