Wnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 143. Sonntag, den 24. Juli. 1898 (Nachdruck verboten.) 89I Am die Feeiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichel. Kaspar's gute Laune machte die Mahlzeit so heiter, wie seit langes Zeit keine auf dem Hofe gehalten worden. Erst sein Abschied mahnte wieder an die stürmische Zeit, in der man lebte. Er wollte nach Rothenburg zurück, trotz der Gefahr, die ihm drohte, und ließ sich davon auch durch Käthe's Vorstellungen, die ihm das Herz warm machten, nicht abhalten. „Wür's Dir leid, wenn sie mich griffen?" fragte er sie schlau. „Nu, sie werden nicht, sie haben wichtigeres auf den Armen. Aber heim mutz ich halt, von wegen des Geschäfts. Mein Alter hat jetzt kein' Zeit, sich darum zu kümmern, er muß ja im Ausschuß regieren helfen." Lachend sprach er die letzten Worte. Er faßte 5iäthe um die Hüften und sie küßte ihn rasch auf den Mund, ließ sich aber von ihm nicht festhalten.„Das ist mein Dank," sagte sie und entwand sich seinem Arm.„Ein Dank wie Gottes Lohn," rief er halb ärgerlich, halb lachend. Eine kleine Weile nach ihm verließ die Jungser Apollonia ebenfalls das Dorf. Sie schlug aber nicht den Weg zur Heer- straße ein wie er, sondern beschritt den Fußpfad, der linker Hand durchs Holz nach Endsee führte. Kaspar kam unaufgehalten in die Stadt, in der es gar unruhig herging. In der Nacht waren auf dem Kirchhof zur reinen Maria, zu dm Dr. Deutschlin einst den Judenkirchhof geweiht hatte, dem großen Marterbilde Kopf und Arme ab geschlagen worden. Am Morgen hatten die Müller im Taubertyal das zierlich gothische Wallfahrtskirchlein Unserer lieben Frau zu Kobolzcll verwüstet, die schönen gemalten Fenster eingeschlagen, die Altäre und Heiligenbilder zer- trümmert und zersetzt und in die Tauber geworfen. Am Nachmittage war in der Stadt selbst Tumult entstanden. Bürger waren in die Häuser der Geistlichen gefallen, hatten sie mißhandelt, etlichen auch den Wein ausgetrunken. Dann kam die Nachricht, daß zu Mergentheim die Bürger- schaft unter Fritz Büttner sich erhoben hätte und den Hoch- meister des Deutschen Ordens in seinem Schlosse belagere, daß das Schloß trotz seiner Festigkeit nicht zu halten sei, wenn Rothenburg nicht Hilfe schicke. Erasmus von Muslor reichte das Schreiben mit einem bitteren Lachen dem zweiten Bürgermeister. Hilfe! Woher sollte er Hilfe nehmen? Und während sie noch beriethen— es dunkelte schon—, traf ein Bote des Schultheißen von Endsee ein. Er sandte einen ausführlichen Be- rächt über das Bauernlager zu Reichardtsrode ein. So genau zeigte er sich über die dortigen Vorgänge unterrichtet, daß die Vcrmuthung nahe lag, er habe seine Spione unter den Bauern. Eben seien ihnen, so schrieb er, die Hintersassen der Junker von Rosenberg und Finsterlohr mit fliegenden Fahnen zugezogen, so daß sie schlecht gezählt 4000 Mann stark seien. Bauern, die sich weigerten, zu ihnen zu treten, zwängen sie dazu, indem sie ihre Häuser plünderten und den Pfarrern die Weinfuhren abfingen. Auch das feste Haus des Ritters Kaspar von Stein hätten sie rein ausgeplündert. Bcutemeister, die sie eingesetzt, nähmen aber alle Beute an sich und verkauften sie, und der Erlös käme in eine Kriegskasse, daraus sie Wirthe, Boten. Lebensmittel und alle Bedürfnisse zahlten. An Leib und Leben sei bisher niemand von ihnen geschädigt worden. In einer kurzen Nachschrift bemerkte der Schultheiß Wernizer, daß, wie er eben erfahre, die aus Rothenburg flüchtige Käthe Neuster sich zu Ohrcnbach im Hause ihres Bruders aufhalte. „Wenn er das weiß, warum nimmt er sie nicht gefäng- lich an?" rief Konrad Eberhard.„Von dem Verbrechen ab- gesehen, das die Dirne begangen hat, war sie uns eine Geißel für das Wohlverhalten ihres Bruders. Wir müssen daher trachten, sie wieder in unsere Gewalt zu bekommen." „Um dadurch die Bauern noch mehr wider uns aufzu- reizen. Der Wernizer würde in ein Wespennest greifen, fürcht' ich. Morgen ist auch noch ein Tag, lautet das Sprichwort; sorgen wir nur, daß wir heut' den Kops oben behalten." So entgegnete Erasmus von Muslor. Der folgende Tag brachte neuen Sturm. Von ihm er- griffen kam am Morgen Ehrcnfried Kumps mit einigen Freunden in die Pfarrkirche von St. Jakob, stieß den Priester vom Pulte hinweg, warf das Meßbuch auf den Boden und jagte die Chorknaben aus der Kirche. Er, der stets vor Ge- waltthätigkeiten gewarnt hatte, war um des Glaubens willen selbst gewaltthätig geworden, vielleicht ohne sich dessen voll- kommen bewußt zu sein. Andächtig lauschte er der Orgel, die von dem hohen Chor das protestantische Kampflied durch die Wölbungen brausen ließ: „Ein' feste Burg ist unser Gott." Auf katholische Weise wurde derselbe fortan nicht mehr in St. Jakob verehrt, und einige Tage später ward die Marien-Kapelle auf dem Judenkirchhofe dem Boden gleich gemacht. Die Frommen, die in der Kirche anwesend waren, und seine Freunde gaben Herrn Ehrenfried das Geleit zum Rath- hause. Von dem Inneren Rathe ward er mit nianch grimmigem Blicke empfangen. Sie prallten von ihm ab, so siegesftoh und mit jugendlich strahlenden Augen schaute er sich um. Selbst Konrad Eberhard fühlte sich nicht geneigt, ihn anzugreifen, zumal man den Abgesandten der Bauern zu Gebsattel erwartete. Ihr Führer, Leonhard Metzler, selbst überbrachte, im Vertrauen auf das freie Geleit die Beschwerden der Bauern, und Stephan von Mcnzingen trat damit als Obmann des Ausschusses vor den Rath. Das Siegel der Schrift wies eine Pflugschar, über der sich Dreschflegel und Mistgabel kreuzten, darunter einen Bundschuh mit der Jahreszahl 1523. Ritter Stephan von Monzingen ließ seine großen schweren Augen über die Rathsmitglieder hin- rollen und verlas selbst die Beschwerdcschrift. Darin hieß es. Beschwernisse, die Wider Gott und sein Wort und die Nächsten- liebe seien, haben sie, die Bauern, als Brüder vereinigt. Sie seien beladen mit Hauptrecht und Handlohn, mit Steuern und neuerdings mit Klauengeld, Tranksteuer und anderem; sei es doch ein jämmerlich Ding, daß keiller in der ganzen Landwehr eine eigene Kuh haben solle. Und nachdem sie doch alle an einen ewigen, wahren, einigen Gott glauben, mit einer Taufe getauft seien und ein einiges ewiges zukünfttges Leben hoffen, habe der Teufel durch seine tausendfältige List einen großen Greuel in die Christenhett eingeführt, also daß einer des anderen eigen sein solle. Seien doch alle ein Körper, eine geistliche Gemeinde, deren Haupt Christus der Erlöser sei. Nicht minder beschwert seien sie durch den großen und kleinen Zehnten, und doch seien gar viele Pfarrherrcn von ihren Pfründen abwesend und thun garnichts, als daß sie ihre Kapläne verursachen, das Volk täglich zu schinden und zu schaben mit ihren Lügen und mit ihrem Menschentod. Die, welche bei ihm die Mühe tragen, wollen sie belohnen; wer aber nicht arbeite, solle auch nicht genießen. Weitere und kleinere Beschwerden, wie unbillige Zölle, wollten sie sich vorbehalten. „Ehrbare und günstige Herren," sprach darauf Stephan von Menzingen, das Schriftstück auf dem Rathstische nieder- legend,„Ihr habet vernommeri, wessen sich die armen Leute beschwert fühlen, und zwar, wie ich hinzufiigen muß, leider mit vollwichtigem Rechte. Der Ausschuß lebet der Hoffnung, daß Ihr ein Einsehen haben werdet und er hat mich be- auftragt. Euch in anbetracht der schweren Zeitläufte seine Ver- Mittelung anzubieten, daß es zu einem friedlichen Vergleich komme. Unsere Brüder, denn als solche bettachten wir die uns durch den evangelischen Glauben verknüpften Bauern, haben unsere Vermittclung angenommen." Eine Todtenstille folgte diesen Worten. Während besten griff der Rathsherr Leonhard Denner nach dem Schriftstücke; sobald er aber einen Blick hineingethan, warf er es wieder hin, als ob er in Nesseln gegriffen hätte. Er kannte die Hand- schrift nur zu gut: eS war die seines Sohnes Leonhard, des Pfarrverwcsers in Leuzenbronn. Nun erhob sich der Bürgermeister Erasmus von Muslor mit Würde uud sprach dem Ausschusse den Dank für die angebotene Vermittelung aus. Es sei der Rath jedoch des Meinens, daß er derselben nicht bedürfen werde, um sich mit seinen Unterthanen in Güte zu verständigen. Die Zornader auf der spitz zulaufenden Stirn des Ritters schwoll dick am Herr Erasmus hatte dessen jedoch nicht Acht, sondern wandte sich zu Leonhard Metzler. Der Rath wolle der Empörung der Bauern und ihres Meineids nicht im --5 Argen gedenken, wenn sie ruhig nach Hause zögen, sagte er. Er werde ihre Beschwerden überlegen und mit ihnen gütlich rechten vor kaiserlichem Regiment und Reichskammergericht. Das war, wenn auch in milderer Form, dieselbe Antwort, die bereits Hieronymus Hassel den Bauern zu Gebsattel ertheilt hatte. Finster schauten die Augen Metzler's unter seinen überhängenden Brauen auf den Bürgenneister.„Wir sind nicht meineidig," zischte er, bezwang sich jedoch auf einen Wink Stephan's von Menzingen so weit, daß er gehaltener hinzufügte, wenn auch ohue jede Denmth, in der sich die Bauern bislang vor den Herren gekrümmt hatten:„Wir wollen alles halten, ehrsame Herren, was nit wider Gott und die Liebe des Nächsten ist, mehr nit I" Damit entfernte er sich und der Ritter sprach in stolzer drohender Haltung, bevor er ihm folgte:„Der Ausschuß wird des Raths Antwort erwägen, Ihr Herren!" „Da haben wir den Brei!" schnob der beleibte Herr von Winterbach.„Wer anders hat ihn uns eingerührt, als diese gottverdammte Reformation. Das ist der stinkende Pfuhl aller Pest." Ehrenfried Kumps schnellte kampflustig empor, jedoch Georg Bermeter legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm, und so begnügte er sich, jenem die Aeußcrung hin- zuschleudern:„Die Eiche ist's, an der die Schweine ihre Hauer wetzen." „Und ich frage," rief Hassel und schlug mit der Faust auf die grüne Tischdecke,„warum, zum Teufel, haben wir das An- gebot des Markgrafen nicht angenommen?" Erasmus von Muslor ließ Groll und Aerger eine Weile sich Luft machen. Dann stellte er die Ruhe mit den Worten wieder her:„Als die wilden Barbaren das alte Rom stürmten, da erwarteten die Senatoren sie schweigend auf ihren kurulischen Sesseln. Sie ließen sich tödten, aber sie unterwarfen sich nicht. Wohlan, liebe Herren und Freunde und werthe Kollegen, wir dürfen der Gewalt nicht Weichen, und wenn wir gezwungen werden, jetzt den Bauern etwas nachzulassen, so ist's mit Gewalt erpreßt, und wir sind darum nicht verbunden, es zu halten." Das gefiel den Herren vom Innern Rathe. Nur Georg Bermeter schüttelte bedenklich den Kopf und Ehrenfried Kumps erhob sich unmuthig, um die Rathsswbe zu verlassen. Ein tiefer summender Ton bannte seinen Fuß. Alle lauschten. Kein Zweifel, die große Rathsglocke wurde geläutet, und die Herren schauten einander betroffen an. Sie rief die Bürgerschaft zur Versammlung auf dem ehemaligen Judenkirchhof. Ehren- fried Kumps sprach bekümmert:„Ich habe den Innern Rath gewarnt, als es noch Zeit war. Aber da sei Gott für, daß ich mich von ihm trenne in der Stunde der Gefahr!" Und er nahm wieder seinen hochlehnigen Stuhl am Tische ein. (Fortsetzung folgt.) Sonnkstgsplandevei. Es ist die Zeit der Ferien und der Abstürze in den Alpen. Gleich vier Unglücksfälle auf einmal wurden neulich aus Innsbruck gemeldet, und täglich erfährt diese Liste ihre Bereicherung. Diesen Umstand machte sich ein Witzblatt zu nutze, um die Verhält- nisse in den Berliner Straßen zu kennzeichnen. Trotz der Hochsaison, das sah man auf einem Bilde, duldete es einen bcrühmteit Alpen- kraxler zu Haus in Berlin. Denn Gelegenheit zu Kletterfahrten und Aussicht auf gefährliche Abstürze hatte er in der Potsdamerstraßc reichlich. Wie oft mag wohl im letzten Jahr jede einzelne Stelle der Straße vom Potsdamer Platz bis zur Lützowstraße umgewühlt worden sein! Bequemer und praktischer läßt sich.so etwas bei der Berliner Bau- behörde absolut nicht machen, und unter einem Jahre thut sie es auch nicht. Jetzt klärt sith die Situation endlich, und es ist Aussicht vorhanden, daß die Arbeit einmal ganz zu Ende gehen wird. Man ahnt schon die neuen Herrlichkeiten, und die Pferde der Straßen- bahnen wissen ganz genau, daß hier ein zweiter Kreuzberg ent- standen ist. Es scheint, daß man durch die Erfahrungen bei der Oberbaumbrücke gewitzigt ist. Das ist eine Glanznummer der Berliner städtischen Baukunst. Kaum war die Brücke fertig, da sah man,■ daß ihre Durchfahrten zu niedrig sind. Hochgehende Schiffe können nur mit großer Vorsicht und nur durch das Mitteljoch passiren. Wie immer wußte die Polizei auch hier weisen Rath. Sie klebte einfach„Be- kanntmachungen" vorn und hinten an die Brücke, daß für hochgehende Fährzeuge nach beiden Richtungen die mittlere Durchfahrt rescrvirt bleibt. Nun ist die Frage gelöst. Aber die beiden Zettel prangen da als schlagende Beweise für die Unfähigkeit der Brückenbauer. Es ist, wie wenn ein Arzt versehentlich ein falsches Bein abnimmt und dann ein Pflästerchen auf die' Wunde klebt. Und auch das ist■ sehr gescheit bei dieser Brücke eingerichtet, daß Schiffe, die sie passiren, etwa entgegenkommende Schiffe erst im letzten Moment er- blicken können. Sie gestattet nach keiner Richtung hin eine Aus- '0— ficht. Einen ganzen Signalapparat hat eine Dampfcrgesellfchaft ein- richten lassen, um den Verkehr zu regeln und die Gefahren, die sonst ihren Dampfern drohen würden, abzuwenden. Bei unserer Baubehörde ist es eben ein noch unbekannter Ge- sichtspuntt, daß eine Brücke auch die Bedürfnisse der Schifffahrt zu berücksichttgen hat. Sie setzt in Konsttuktton und Ausstattung ein- fach die Straßen fort und denkt nicht daran, daß der Bau einer Brücke besondere Probleme birgt. Andere„Gesichtspunkte" und Rücksichten kennt sie dagegen aus dem„ff". In ent- legeneu Gegenden sind die Brücken in puritanischer Einfachheit gehalten. In gewissen Theilen des Zentrums aber, etwa da, wo man die Brücke vom Schloß aus sehen kann, geht man gleich ordentlich„ran". Um den schmälsten Spreearnt zu über- brücken, werden mächtige granitne Pfeiler iit den Fluß gesenkt, so daß den Schiffen nur Löcher zur Durchfahrt bleiben. Man möchte jedesmal, wenn man ein Schiff einfahren ficht, auf der anderen Seite nachsehen, ob es auch wirklich durchkommt. Der massiven Konstruktion entsprechend ist die Ausstattung, die kolossale Einfassung zu beiden Seiten. Es geniert garnicht.weun diese graniwen Blöcke gleich amUfer in ein viel leichteres Eisengittcr übergeführt werden. Damit aber nicht genug. Die Sache mutz durchaus einen monumentalen Anstrich haben. Auf den vier Ecken sind mächtige Pfeiler errichtet— um die leichten Gas- latenten zu tragen. Auf der einen Brücke, die dem Schloß zunächst ist, wird freilich diese Hauptsache nur so nebenbei an Schiffsschnäbeln, die zur Seite eingefügt sind, aufgehängt, damit Platz genug zu den Arrangements von Rüstungen und Waffen bleibe,_ die den Aufbau krönen. Noch ungefüger sind die entsprechenden Pfeiler aus Sandstein, die sich' ein Stück weiter auf der Fnedrichsbrücke erheben. Ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln_— jeden Moment könnte er herunterfliegen— sitzt darauf, und dieses anne Thier ist dazu ausersehen, die Laterne an einem Strick im Schnabel zu tragen. Etwas Groteskeres hätte sich nicht ausdenken lassen, auch wenn man einen Wettbewerb in diesem Sinne aus- geschrieben hätte. Recht sinngemäß ist auch die Dekoration der Moltkebrücke. Das nahe Kriegsministcrium nöthigte zu einer Ver- herrlichung des Waffcnhandwerks. In den kleinen Buben, die mit Waffen und Trommeln ausgerüstet sind, glaubte man diesem Er« fordernitz gerecht zu werden. Aber auch hier gab es eine Extra- leistung. Die Laternen selbst mußten Schivertcr haben; diese ragen nun über die Seitenlinien in die Lust hinein. Wie Töpfe mit Fliegen- stöcken sehen sie aus... Man könnte dieses Kapitel über Berliner Brücken noch weit ausspinnen. Die Sucht zu prunken liegt freilich im Charakter der Zeit. Erst jetzt erhebt sich ja eine Bewegung dagegen. Aber es ist darum nicht weniger kennzeichnend, daß die städttschc Verwaltung hier auf diese Art einging, thut sie es doch nur an solchen Stellen. Es ist der- selbe Geist, der sich an dem Denkmalsbau am Schlosse erfreut, der hier gewaltet hat. Von einem„selbstbewußten Bürgerfinn" ist nichts zu spüren. Der fteisinnige Magistrat, der auf der einen Seite den Märzgefallenen die bescheidenste Ehrung versagt. ist eilferttg dabei, jeden leisesten Wunsch, der auf der anderen Seite entstehen köimte, schon vorher zu erfüllen. Im Thiergarten will er jetzt gerade einen neuen Beweis dafür liefern. Noch stehen in der Sieges-Allce erst vier von den Denkmälern, und schon denkt die städttschc Gasdeputatton an nichts Wichtigeres als an eine„sachgemäße Beleuchtting der dortigen Standbilder". Gaslicht genügt nicht, elektrisches Bogenlicht muß es sein, und dies zu einer Zeit, wo, wichttge Verkehrs- gegenden noch ganz ungenügend beleuchtet sind und die Hauptstraßen im Innern der Stadt durchaus kein elektrisches Licht haben. Dem Thiergarten ist mit dieser Ueberfülle an iveißem Marmor noch nicht genug gcthan, wenn sie nur am Tage zu sehen ist. Uebrigens giebt ein Vergleich mit diesen„Denkmälent" ohne weiteres die Erklärung für die sonst nicht recht zu begreifende That- fache, daß die Stattten von Helmholtz und Siemens auf der Pots- damcr Brücke zwar deren Gesichtszüge und Erscheinung, aber nicht die Namen tragen. Sehr einfach. Die Nauien und Verdienste der beiden Gelehrten kennt eben jeder, und wer einmal ihre markanten Züge gesehen hat, vergißt sie nicht wieder. Es brauchte also keine Bezeichimng. Bei den Statuen der Siegesallee aber ist es anders i beim die Helden, die da konterfeit sind, kennt nie- mand, und den Jungen, die durch eine'„moderne" Volksschule gelaufen sind, konnten die Lehrer beim besten Willen auch nicht mehr beibringen als ihre Namen und Daten— mehr war von ihnen wichtiges nicht zu vermelden. Und ntan weiß, wie schnell sich so etivas vergißt. Schlver auseinander zu halten sind sie auch; denn sie sehen einander so ähnlich wie ein Schauspieler dem anderen— ihre Namen und Daten mußten also durchaus darunter stehett. Vor langer Zeit hießen die Deutschen das„Volk der Dichter und Denker". Die deutsche Bescheidenheit ist sprichwörtlich gewesen. Jetzt ist das längst vorüber, und das Schlimme ist, daß die Deutschen nach'keiner Seite hin Maß halten können. Ihre„Bescheidenheit" hat früher Formen angenommen, s die über jedes Maß hinausgingen, ihr crwa chendesSelbstbewußtscin äußert sich inTölpelhaftigleit und ivüster Renommisterei. Das nennt man dann Stärkung des Nattonal- gefühls. Als ob wir nicht auch darin schon an Ueberproduttion, -litten, sucht man nach, neuen Mitteln, es zu heben. Die„deutschen Nationalfeste" sind das Neueste auf diesem Gebiete. Es gab noch nicht Sänger-, Krieger-, Turner-, Schützen- u..s. w. Feste genug. Seit etwa drei Jahren geht die' Idee um-, jetzt nimmt sie greifbare Gestalt an. Man denke: ein deutsches Olympia I Was die alten Griechen konnten, können wir uns doch schon lange leisten! Acht Städte stritten um die Ehre, die Festplatzstätte hergeben zu dürfen. Unter diesen war besonders für Kassel ein streitbarer Barde erstanden. Eine ganze Broschüre setzte er ein— eine ulkige Schrift. Kassel mutz es sein; denn hier stehen wir auf dem„urdeutschen, kerndeutschesten, ja man möchte sagen: adelig- deutschen Boden." Die Hessen sind die Nachfahren der alten Kalten, der einzige Volksstamm in deutschen Landen, der sich von Anbeginn an unverrückt und unvcrwischt auf demselben Boden erhalten hat— Grimm und Tacitus sind Zeugen für ihre gute Art. Der„Silberblick der Historie" zeigt uns die ivehrhaften Hessen im reinsten Glorienschein; ein paar„dunlle Punkte"kann man ja leicht übersehen. Die Hessen sprechen das reinste„A"— was brauchen wir weiter Zeugnitz? O doch, eins ist noch zu erwähnen: Der Verfasser war beim' ersten deutschen Schützenfest in Frankfurt dabei, da hingen in der Fcsthalle grotze Plakate, woraus Warnungen vor den Spielhöllen, den„Schand- pfählen unseres Vaterlandes", geschrieben standen. Hat es was ge- nützt? Nicht im geringsten! die ganze Korona um die Roulette herum, erzählt er, ivar„selbstredend grau von den Schützenjoppen, die sich Stund' um Stunde ihre Fortiinc(er spricht französisch, um etwas so Gemeines zu bezeichnen!) versuchend um sie drängten." Diese Erfahrungen haben den biederen Hessen ! gewitzigt. Auf keinen Fall darf eine„Grotzstadt" als Fest- tätte gewählt werden; denn dann mützten wieder Warnungs- tafeln vor den„Tingeltangeln und verwandten schlimmeren Lokalen" errichtet werden, und er fürchtet, solche Plakate würden bei den deutschen Jünglingen nicht viel bessere Wirkung haben, als jene Frankfurter. Kassel aber, das liebe gute Kassel kennt so etwas nicht. Der gute Mann! Selbst wenn's so wäre und Kassel beglückt wordeil wäre, die traurige Erfahrung mützte er nun auch noch mächen, datz derlei Institute und Damen das mit dem MohammetZ gemein haben, datz sie zum Berge kommen, wenn der Berg nicht zum Propheten geht---- Es kommt nicht so weit. Das hoffnungsvolle Kassel ist unter- legen. Nicht einmal in die engere Wahl ist es mit seinen ganzen drei Stimmen gelangt. Die Argumente haben nicht gezogen, nicht einmal das letzte. Der Niederwald, eine Stätte bei Nüdesheim, war glücklicher. Nun kann's losgehen. Die Preisausschreiben für die gesammtcn Anlagen sind soeben erlassen. Anno 1900 werden wir den ersten Streich erleben. Eine ganze Reorganisation des deutschen Volkes, nicht zuletzt„die Förderung sozialen Ausgleichs", soll davon ausgehen. Das alles steht in, Programm.— OUrinrs Fouilleton — w—. Der beste Lehrmeister. Er schob einen Kinderwagen. Es ging recht langsam durch den weichen Sand.' lind er konnte nur mit der einen Hand schieben, weil er an der anderen den kleinen Jungen halten muhte. Mit einer heftigen Anstrengung brachte er das Gefährt einen kleinen Abhang hinauf! unter der dürren Akazie lagerte er sich mit den Kindern. Dem Jungen gab er ein Brötchen und das Kleine nahm er auf den Arm. lieber die braungrüne Heide sah er, hinter dem glatten Bahndanun der schwarze, schweigende Wald, darüber graue Wolkenfetzen. So stand er lange. Da ging ein anderer Mann an ihm vorbei. Sie starrten ein- ander in die Augen. Dann sagte er zu dem Vorübergehenden: „Nun, Herr Arnold?" Arnold trat auf ihn zu:„Guten Abend, Herr Steiner! Sind Sie's wirtlich?" Beide sahen verwundert und verlegen aus. Keiner kam dem Andern so recht herzlich nnd offen entgegen. Da nahm Arnold den Jungen hoch und fragte ihn:„Wo ist denn Deine Mama?"- „Die kommt gleich."..„Ja. sie mutz nur zu Hause noch ein bischen sauber machen... abwaschen," fügte Steiner hinzu.„Ja, ja, sie mutz jetzt alles selber machen. Es ist nicht mehr so mit uns wie früher. Ich habe das Geschäft vor drei Monaten aufgeben müssen. Plötzliche Verluste... na, Sie können sich das ja denken." „Aber das Sie so..." „Ach... mit den Kindern... das macht mir gerade Spatz. Nun habe ich sie doch erst. Früher hatte sie mal die Amme, dann das Kindern, ädchen, und so ging's in lauter fremden Händen umher." Ein Zug kam auf dem Bahndamm vorbei.- „Nun, ist es Ihnen nicht sonderbar, hier, auf dem dürren Boden stehe», zu müssen, während diese dort an das frische Meer fahren?" „Ach, Sie meinen, ob ich noch so denke wie früher?... Ja, da hatte ich immer den grotzen Mund:„Wem's nicht gut geht, der hat selber schuld."„Wer nicht verreisen kann, mag- sorgen, datz er das nöthige Geld dazu schafft."... Es ist schon richtig... man mutz selber äm Bahndamm stehen bleiben müssen, wenn die Andern hinauscilcn." Steiner zeigte auf die kleiner und kleiner werdenden rothen Schlutzlaternen:.„'Was, Junge, das ist von heute ab unsere Earbe.... Das Unglück öffnet so manchem erst die Augen."— n sei» überarbeitetes,' abgemagertes Gesicht zogen sich tiefe Schatten: Müdigkeit, Schmernuith. Nur langsam ward es Heller. Und da war eine Falte mehr: Kampflust und Zorn.— — Schiffs-Gerippe. Den Anblick, den die Wracks des Gc- schwadcrs Cervera's I vier Tage nach seiner Vernichtung darboten, schildert ein amerikanischer Bericht folgendermatzen: An. der kuba- nischen Küste- liegen die zertrümmerten Schiffskolosse des spanischen Geschwaders; die Ueberbleibsel des vor kurzem noch so stolzen Ccrvera'schen Geschwaders. An der Einfahrt zum Hafen von Santiago liegt die„Reina Mercedes", die am Abend des 3. Juli zum letzten Male ihren Schiffsrumpf über dem Wasser erhoben hat. Weiter westlich, fünf Meilen vom Hafen, liegt ein Torpedoboot- Zerstörer, auf den Klippen nahe am Ufer festsitzend, eine Beute der gegen den Rumpf anstürmenden Brau- dung. Von dem Schiffsrnmpfe telbst ist fast nichts zusehen. Die vor dem Schiff aus dem Wasser ragenden Klippen verdecken es fast ganz, und nur die Mastspitzen zeigen an, datz dort ein Kricgsfahrzeug als hilfloses Wrack auf dem Strande liegt. Von der See aus sichtbar, ein paar Meilen hinauf, liegen in einer von Klippen gebildeten Einbuchtung die Trümmer der Zwillingskreuzer„Jnfanta Maria Teresa" und „Almirante Oquendo", früher der Stolz der spanischen Marine. Weiter hinauf fällt das Wrack der„Viscaya" ins Auge, und 42 Meilen von Santiago entfernt liegt die„Cristobal Colon" hilfloS auf der Seite, mit ihren Schornsteinen gänzlich unter Wasser. Die „Jnfanta Maria Teresa" und die„Almirante Oquendo" haben sich auf den Klippen festgelegt! die Schiffsrümpfe steigen fast senkrecht in die Luft. alles, was von ihnen übrig geblieben ist. ist der Schiffsrumpf, nicht mehr als altes Eisen. Die Panzer- platten sind vollständig abgerissen und verbogen. Von innen nimmt sich das Zerstörungswerk noch grausiger aus. Kessel, Maschinen Magazine sind in eine unkenntliche Masse verbogenen und ge- schmolzenen Eisens und Stahls verwandelt. Exp'lodirte Bomben, durch die Feuersgluth vollständig verbogene Gewehre und Revolver, Stücke von Messing, Gold- und Silbermünzen, alles durch die Gluth- Hitze geschmolzen und verbogen. eine fast unkenntliche Masse bildend, liegen im Schiffsraum umher, ein grausiges Bild der Zer- störung. Erhöht wird das schrcckeusvolle Bild noch durch die in dem Wasser innerhalb der Schiffsriimpfe auf- und niedertanzenden zerstückelten und verbrannten Leichen Hunderter Soldaten. Das Innere des Schiffsrumpfes nimmt sich wie ein lebendig gewordener Kirchhof aus. Aasvögel warten begierig darauf, datz die See ihre Opfer auswirft. Mitunter werden Theile menschlicher Körper ans Land gespült. Ueber der ganzen Szene lagert es wie Tod und Zer- störung.— Literarisches. n. Hans Roeder:„Frei Licht". Heitere und ernste Geschichten. Berlin 1898. Concordia, Deutsche Verlags-Anstalt.— Die dritte der sechs kurzen Erzählungen„Das Gasthaus zum hungrigen Lamm", ist vor längerer Zeit im Untcrhaltungsblatt des „Vorwärts" abgedruckt worden. Der Verfasser hat für menschliche Schwächen ein scharfes Auge. Mit Vorliebe zeichnet er jene schlau berechnenden Biedermänner, die unter der Maske der Treu- Herzigkeit und Harmlosigkeit die Dummheit oder Gut- müthigkeit ihrer lieben Nächsten ausbeuten. Ganz ohne Uebertreibungen geht das allerdings nicht ab; im allgemeinen aber scheinen die Personen gut portraitirt zu sein. Die beiden kürzesten Geschichten haben einen tragischen Inhalt. Gegen die anderen vier, in denen Humor und Ironie den Grundton bilden, fallen sie indessen ab. Der Verfasser besitzt auch eine zu leichte Hand, er schreibt einen flotten, beinahe zu flotten Stil auf Kosten der Disposition. Aus diesem Grunde steht der Schluß gewöhnlich gegen den Anfang der Erzählungen zurück.— Medizinisches. — ss.— D i e Kupfernase und ihre Behandlung. Die Aerzte sind heute nicht mehr so grausam wie jener Witzbold, der einem Manne auf seine Erkundigung nach einem Mittel gegen eine rothe Nase antwortete:„Trinken Sic, bis sie blau wird I" Zumal eine rothe Nase nicht immer als gerechte Strafe begangener Sünden betrachtet werden kann, ist es wohl anzuerkennen, tvenn die ärztliche Kunst der Neuzeit den so jammervoll Entstellten wieder zu einem normalen Gesichte verhilft. Ueber ein« neue Be- Handlung der Kupfcrnase veröffentlicht Dr. Blöbaum aus Köln in der„Deutschen Medizinal-Zeitung" einen bemcrkenS- werthen Aufsatz. Die Aerzte des Altcrthums wußten zivar noch keinen Rath gegen dieses Uebel, aber den alten Dichtern war dasselbe schon wohlbekannt und wurde als eine Strafe von Bacchus oder Venus auf übermäßige Huldigungen der von ihnen dem Menschen gewährten Freuden bespöttelt. Unser Volksmund geht mit diesen bedauerlichen Mißgestalten nicht zarter um, die Bezeichnungen Schnapsnase, Weinnase, Pulver- und Kartoffelnase sind an der Tagesordnung, und Namen wie Kupfernase, Burgundernasc und Pfundnasc haben sich sogar in den Wortschatz der Medizin eingebürgert. Im vorigen Jahrhundert hielt man diese Krankhcir für eine Ent- zündung der Talgdrüsen, bis Hebra 1849 darauf hinwies, daß die rothe Nase in einer Wucherung der Gefäße und Zellcngewcbe bc- stünde. Man kann drei Grade der Krankheit unterscheiden: zunächst verbreitet sich eine gleichmäßige Röthe über die Nasenspitze, sodaß die Kranken und andere wohlmeinende Leute glauben können, die Nase wäre erfroren. Anhaltende Verdauungsstörungen scheinen bei vielen Personen beiderlei Geschlechts die Entstehung rother Rasen zu begünstigen, ebenso das Tragen unzweckmäßiger Brillen oder Zwicker. Bei denen, die dem Genüsse geistiger Getränke im Uebermatzc fröhnen, nimmt die Nase bald weitere Dimensionen an und dehnt sich in die Form einer Birne aus. In dieser Ver- fassung bleibt die Nase oft monate- und jahrelang, dann kehrt entweder die normale Form zurück oder die Entstellung. entwickelt sich weiter. Im zweiten Stadium entstehen auf der Nass noch Knoten von lebhaft rother Farbe, und ihren Höhepunkt erreicht die Krankheit durch die Entwickdmig lappiger Geschwülste, durcb die die Nase gelegentlich bis zur Größe einer Mannesfaust aufschwillt und dann als Pfundnase bezeichnet wird. Zuweilen bekommt sie auch das Aussehen der Fleischwarze des Truthahns und wird dann in westfälischer Mundart als.Schnndderprückel� bezeichnet. Uebermäßiger Alkoholgenuß ist die bekannteste Ursache der Kupfer- nasen, und deren Aussehen ist noch nach der Art der bevorzugten Ge- tränke verschieden. Weintrinker werden meist mit einem lebhast gerötheten Knoten bestrast. Branntwein beschenkt seine Liebhaber vorwiegend mit dunkelblauen und glatten Nasen, die richtige Pfundnase ist aber den Biersäufern vorbehalten. Durchaus nicht immer jedoch ist die rothe Nase ein Zeichen von Alkoholmißbrauch, sie kann auch aus anderen sehr verschiedenen Ursachen entstehen; infolge von Bleichsucht, auch nach Kaltwasierkuren, nach Behandlmigen mir Jodkali, infolge von Krankheiten im inneren der Nase, auch wird die Kupfernase bei besonders begeisterten Kneippianern gefunden. Früher wurden zur Beseitigung der Krankheit Blutegel an die Nasenlöcher gesetzt, Brech- mittel und Arsenik gegeben u. s. w., aber ohne großen Erfolg. Dr. Blöbaum benutzt dagegen die galvanokaustifche Glühnadel, die er möglichst weit am Knochen entlang in die Nase sticht und noch glühend wieder zurückzieht. Er hat auf diese Weise eine echte ktupfernase in drei Monaten geheilt.— Aus der Pflanzenwelt. — Ein gefährliches Unkraut ist die zypressenähnliche oder zhpressendlätterige Wolfsmilch. Nach meinen Bcob- achtungen, schreM Daukler im„Praktischen Rathgeber im Obst- und Gartenbau", ist dieselbe der Zwischenträger des Erbsenrostes. Dieser häßliche Pilz hatte mehrere Jahre meine Erbsenbeete zum frühen Absterben gebracht, als ich verzog und nun einige Jahre davon be- freit blieb. Die Wolfsmilch ist hier selten vertreien. Durch Blumen, die ich aus meiner früheren Heimath bezog, aber nistete sie sich vor 2 Jahren im Garten ein, und im letzten Jahre hatte ich wieder Ervscnrost. Dadurch aufmerksam geworden, habe ich wohl 30 Gärten besucht und gefunden:„Wo Wolfsmilch, da mehr oder weniger Rost, wo keine Wolfsmilch, auch kein Erbsenrost". Natürlich ist die An- Wesenheit in benachbarten Gärten genügend, auch Gärten anzustecken, die an sich von der Pflanze frei sind. Ja, noch mehr! Auch der Runkelrübenrost scheiM dieselbe Wolfsmilch als Zwischenträger zu benutzen. Der Verlauf der Uebertragung(Winter- und Sommer- sporen) scheint in ähnlicher Weise, wie die Uebertragung des Gitter- rostes auf Birnen durch den Sadebaum zu erfolgen.— Physikalisches. — Das Leuchten der Glüh st rümpfe. Ueber die Ur- fache des Leuchtens der Glübkörper sind von Physikern und Technikern schon verschiedene Ansichten geäußert worden, aber sichergestellt ist sie bis heute nicht. Bcmcrkenswcrth ist, daß die Lichtwirkung dann am größten ist, wenn auf einem an sich nicht besonders leuchtenden Strumpf gewisse Oxyde in geringer Menge sein verthcilt find, z. B. auf Thoncrdestrümpfen etwa 1 pCt. Ceroxyd. Droßbach erklärt diese Thatsache damit, daß zur Erzielung des höchsten Lichteffektes die Wärmeschwingungen der Flamme und des Glühkörpers in einer gewissen UebereinstimmUng stehen müssen. Er vergleicht diese Be- ziehung mit der von zwei Stimmgabeln, von denen die eine die andere nur dann zum Mittönen bringt, toenn die Schwingungen beider gleich sind oder doch in einem einfachen Zahleiwerhältnisse stehen. Wenn man von einer Stimmgabel nur eine ganz geringe Menge abfeilt, wird die Uebereinstimmung aufgehoben, aber durch Ankleben eines Wachsklümpchens wieder hergestellt. Das Ceroxyd entspricht gewissermaßen dem Wachsklürnpchen, indem es bewirkt, daß der Gliihstrumpf die gleichen Schwingungen ausführt wie die Flamme und dadurch m das stärkste Leuchten' versetzt wird.— Meteorologisches. — Ein St. Elmsfeuer konnten am Abend des 19. Juli die Bewohner von Schivelbein beobachten. Nach voran- gegangene» Regengüffen lagerte eine mächtige dunkle Wolke bei völliger Windstille regungslos in geringer Höhe über der Stadt. Plötzlich blitzte von der' unteren Seite des Knaufes des Schloß- thurmes ein Helles Licht auf, ein eben solches zeigte sich auch an der den Knaus noch überragenden Wettersahne. Es waren nicht kleine Fünkchen, sondern Lichter in der Form und Größe mäßiger Stichflammen, dabei. vollkommen ruhig. Abweichend von dem hläulich-weißen Glänze des elektrischen Lichtes herrschte bei dieser elektrischen Ausstrahlung eine gelbliche Färbung vor. Diese Färbung fand aber ihre Erklärung in der intensiven Beleuchtung durch ein selten schönes Abendroth, welches tief am westlichen Himmel unter- halb der dunklen Wolke und durch diese in seiner Wirkung verstärkt flammte. Keine elektrische Entladung durch ein Gewitter war voran- gegangen, und das war wahrscheinlich der Grund des Phänomens. Die Wolke war mit Elektrizität von hoher Spannung geladen, dabei erleichterten keine niederfallende Regentropfen den momentanen Aus- gleich der Elektrizitäten von Wolke zur Erde durch den Blitz, deshalb erfolgte die langsame und stille Entladung. Die seltene Erscheinung dauerte etwa 20 Minuten.— Technisches. f. D t e älteste im Betrieb befindliche Dampf- Maschine. Eine Dampfmaschine, die allgemeines Interesse ver- Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe» in Ber dient, befindet sich im Besitz der Birmingham-KanalschifffahrtS- Gesellschaft.— Sie ist 1777 von Watt und Bolton geliefert und lief bis 1897, also 120 Jahre, in ununterbrochenen! Betrieb an derselben Stelle. Im laufenden Jahre ist sie für einen anderen Betrieb als Reservemaschine an anderer Stelle aufgestellt.— Es ist eine einfach wirkende Balancierinaschine von 32 Zoll Cylinderdurchmesser und 3 Fuß Hub. An jedem Ende des hölzernen Balanciers greift ein Kolben mit einer Kette an, die sich auf ein Kreissegment auf- und abwickelt.— Humoristisches. — Schnell geholfen. Gemeindevorstand:..Ja, Leut'l, da Hilst nix! Die Fremden kommen nimmer— die Bad- quelle ist und bleibt versiegt!" Bauer:.Dös macht nix! Da thun wir einfach uns're Misthauf'n fort— nacha san ma' a' klimatischer Kur- ort!"— — An sich selber irr. Professor(nachdem er wieder einmal im Streite mit seiner Gattin den Kürzeren gezogen):„Jetzt möcht' ich doch wissen, wozu ich eigentlich seit siebenundzwanzig Jahren das E h e r e ch t vorttage?"— Variante.' Mei' Schatz is a' Radler, A' Radler muaß's sein! S' Rad g'hört den Gläub'gern, Doch der Radler g'hört mein I(„Flieg. Bl.*) Vermischtes vom Tage. — Aus Scheu vor dem Arbeitshause sucht ein Mann, der in Forst als Bettler aufgegriffen wurde, den Hunger- t o d. Seit acht Tagen verweigert er beharrlich die Annahme jeg- licher Speise, nur zuweilen netzt er die Lippen niit einem Trünke. Er wurde in das städtische Krankenhaus gebracht. Er ist viel in der Welt hcrumgeirrt, diente auch in der Fremdenlegion in Algier.— y. Ein Doppelfernrohr für die H a nr b u r g e r Sternwarte wird gegenwärtig in einer Maschinenfabrik in Wetter a./d. Ruhr angefertigt, wie es bisher noch nie in Europa gebaut wurde. Er hat eine Länge von 11 Metern. Die Gefanunt- tosten sollen auf über eine Million veranschlagt sein.— — In den Waldungen bei A l t e n- G r a b o>v fand ein Zu- sammenstoß zwischen zwei Förstern und mehreren Wilderern statt. Ein Förster blieb todt am Platze, der andere wurde schwer ver- mundet. Einige von den Wilderern wurden nur leicht verletzt, sodaß sie sämmtlich entkamen.— — In der lithauisch- polnischen Grenzbevölkerung in Ost- Preußen wird immer noch am Johannistage die sogenannte „Sterbeblume" gesammelt. Für jedes Familicnglicd wird ein Pflänzchen unter die Balken des Hauses gesteckt: demjenigen, dessen Blume zuerst verwelkt, steht noch in demselben Jahre der Tod bevor. In der Familie eines Besitzers zu B. nahm sich die 19jährige ver- lobte Tochter den Orakelspruch der Pflanze so sehr zu Herzen, daß sich ihr Geist plötzlich umnachtete, sodaß sie in eine Heilanstalt für Geisteskranke gebracht werden mußte.— — Bei K I o st e r n e u b u r g, in der Nähe von Wien, wurden die Leichen zweier Mädchen aus der Donau gezogen, die init Taschen- tüchern aneinander gebunden waren. Die beiden Freundinnen hatten sich von einer Kartenlegerin wahrsagen lassen. Diese hatte ihnen erklärt, sie ivürdcn vereint den Tod in den Wellen suchen. Unter dem Eindruck dieser Prophezeiung scheinen dw Mädchen den Selbstmord verübt zil haben.— — Im Fünfkirchen er Komitat hauste ein schweres Un- Wetter. In S z a m p a schlug der Blitz in das Wohnhaus eines Fleischhauers, tödtete den Besitzer und seine Frau und verwundete inehrere Personen.— — Eine Reihe von'Kirgisendörfern wurden durch Wolken bräche weggespült. Vierzehn erwachsene Kirgisen und zahlreiche Kinder sind ertrunken. Ganze Viehherden kamen um.— — Deutsche Glasbläser werden auf Einladung des Emirs von Afghanistan nach Kabul reisen und dort eine Glashütte ein- richten:— — Der Peterspfennig hat im Monat Juni um 300000 Franks abgenommen, da aus Spanien und Zentralamerika keine Spenden einliefen.— — Ein chinesischer Mörder flüchtete in San Franzisco vor den Polizisten in das Lager einer Sprengstofffabrik, verschanzte sich zwischen Pulverfässern und drohte den verfolgenden Polizisten, er werde, falls sie sich ihm näherten, durch einen' Revolverschuß einen Vorrath von inehrcrcn Tonnen Pulver in die Luft sprengen. Eine größc Anzahl Polizcimannschaften hielt die ganze Nacht Wache, bis sie glaubten, der Chinese sei eingenickt. In dem Augenblick jedoch, da sie Hand an ihn legten, knallte ein Schuß, das Magazin flog in die Luft und sämmtlichc Gebäulichkciten auf eine englische Viertel- mcile in der Runde wurden zerstört. Der Chinese und sechs Polizisten fanden ihren Tod. Vier andere Männer und zwei Frauen wurden verletzt, zwei darunter schwer.— — Bei K a n o w n a in W e st a u st r a I i e n ist ein 1636 Unzen wiegender Goldklumpen aufgefunden worden. Der Werth des- selben wird auf 130 000 M. geschätzt.—_ in. Druck und Lerlaa von Max Bading in Berlin.