Zlnterhaltungsblatt des Jorwärls Nr. 144. Dienstag, den 26. Juli. 1898 (Nachdruck verboten.) 401 Mm die Fveitzett. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichs l. „Man muß es dem Menzingen lassen, er ist rasch zur Schot," äußerte der erste Bürgermeister mit einem cigenthümlichen Lächeln. Es war das letzte laute Wort, das in der Rathsstube gesprochen wurde. Des Kommenden harrend, Msterten die Herren nur dann und wann miteinander. Sie niußten lange warten. Endlich stieß, ein Rathsdiener die Thür auf und meldete:„Gesandte vom Ausschuß bitten um geneigtes Gehör." Herr Erasmus neigte sein Haupt. Die Rathsherren, die bisher auf und ab gegangen waren oder in den Fenster- nischen beieinander gestanden, nahmen ihre Sitze wieder ein. Hcreintratcu Ritter Stephan, Valentin Jckclsamer, der Rektor der Lateinschule und etliche bürgerliche Mitglieder des Aus- schusses. Ihre Mienen waren noch erhitzt von den Reden und Debatten aus dem Juden-Kirchhofe. Stephan von Men- gingen ergriff als Obmann des Ausschusses das Wort und sprach mit laut schallender Stimme:„Ehrsame, günstige und liebe Herren I Die von dem Ausschuß berufene Gemeinde der Stadt hat beschlossen und thut Euch kund und zu wiffen durch seine Abgesandten: In Erwägung, daß der Aeußere Rath die Gemeinde vertreten soll, so muß er nunmehro aufgehen im Ausschusse und mit ihm sitzen, rathen und bestem. Diesen Schluß auszuführen, gewährt die Gemeinde den beiden Rüthen eine Frist von 2i Stunden." Die Rathsherren sprangen zornig von ihren Stühlen auf. Der erste Bürgermeister aber winkte ihnen mit der Hand zur Stille. Seine Mienen zeigten unerschütterte Ruhe.„Die Räthe werden erwägen und beschließen," erwiderte er trocken. „Fahret fort!" „Weiter begehret die Gemeinde von dem Innern Rathe, daß er die Beschwerden der Bauern ohne Verzug vornehme und durch Zugeständnisse sie beschwichte, ehe sie der Stadt zu stark werden. Mit ihnen einen Vergleich zu schließen, dazu, so ist der Gemeinde Begehr, soll der Innere Rath uns, dem Ausschuß, allsogleich Vollmacht ertheilen." „Das wird nimmer geschehen," rief Konrad Eberhard mit kalt schneidender Stimme, und die Mehrzahl der Raths- Herren rief es ihm nach. „Haben's die Herren so hitzig, ei, so sperret die Fenster auf," drohte Jos Schab, der Gerber, der hinter dem Ritter stand. „Auf dieses Verlangen, Herr Ritter, kann der Rath nicht eingehen," sagte von Muslor fest.„Es ist unmöglich." „Dem Willen ist nichts Menschliches unmöglich," äußerte der alte Rektor Bestenmayer. „Es handelt sich hier nicht um unseren Willen, nicht um Rothenburg allein," nahm der erste Bürgermeister wieder das Wort.„Es wäre ein böses Beispiel, das wir mit unserer Nachgiebigkeit den Bauern der benach- borten Herrschaften gäben. Es würde unserer Stadt gar übel gerathen, wann die fremden Hintersassen sich auf das Beispiel Rothenburgs bemfen könnten, und ihre Herren würden uns darob feindlich ansehen." „Umgekehrt wird ein Schuh d'raus," mischte sich Lorenz Knobloch vorwitzig ein.„Brot können die Herren essen, aber kcins backen." „Donnerwetter," fuhr ihn der Rathsherr Hassel mit kirsch- rothem Gesicht an.„es thäte noth, daß dem Kerl einer über das ungewaschene Maul führe!" „Wahret den eigenen Mund, Herr, daß Euch der Aus- schuß nicht wegen Beleidigung zur Rechenschaft zieht," donnerte Stephan von Menzingen ihn an.„Recht aber hat er; denn schon brennt es ringsum, und darum ist es noth- wendig, daß die Stadt mit ihren Bauern rasch sich vergleicht, ansonst bei uns eine Wuth senffteht, die uns alle verzehrt." Mit einem Anflug von Pathos erwiderte aber Herr Erasmus:„Der Himmel behüte, daß der Rath von den Rechten der Stadt, die von den Altvordern her sind, ein Tüpfelchen vergiebt, es sei denn, daß der Schiedsspruch des kaiserlichen Gerichts es ihm aberkennt." „Quoa Deus perdere vult, demewat priua,"*) murmelte Valentin Jckelsamer, und Kilian Etschlich rief:„Gott's Tod, ich Hab' ein Urtel des Kammergerichts erstritten, und mein Recht ist mir zur Stund' nit worden vom Rath." „Ja, das ist's," ließ sich der Ritter wieder vernehmen und straffte seine ansehnliche Gestalt.„Zu viel des Unheils hat der Rath schon durch seine ungerechten und falschen Maß- regeln über die Stadt gebracht. Der Ausschuß kann und darf ihn deshalb in jetzigen gefährlichen Läufen nicht handeln lasten." Bei dieser unverhohlenen Drohung, welche einen all- gemeinen Sturm erzeugte, in dem alle gegen einander schrien, erhob sich der Altbürgermeister. Es trieb Ehrenfried Kumps, dem bedrängten Rathe beizustehen. Er wüßte wohl einen Mann, der geeignet wäre, zwischen der Stadt und den Bauern Frieden zu stiften. Er verhalte sich in seinem Hause; ihn solle man zu den Bauern schicken. „Und wer ist dieser Wundermann?" fragte Konrad Eberhard. „Der Dr. Karlstadt ist's," antwortete Herr Ehrenfried unerschrocken. Da geschah es, daß bei dem Namen, der die allgemeine Verwunderung der Rathsherren erregte und dem zweiten Bürgermeister ein grimmes Hohnlachen entlockte, Erasmus von Muslor zum ersten Male seine Selbstbeherrschung verlor. Er schnellte wie eine Feder von seinem Stuhle auf und rief mit gerötheter Stirn:„Wie, das böse ABC ist in der Stadt und in Eurem Hause verborgen, trotzdem er bei strenger Strafe ausgewiesen wurde? Wie wollet Ihr, ein Rathsherr, diese gröbliche Verletzung der Gesetze und Eurer beschworenen Pflichten rechtfertigen? Wie sollen andere die Gebote des Ruthes achten, wenn Ihr, der einst die höchste Würde unserer Stadt bekleidet hat, sie mit Füßen tritt? Bein» Himmel, das ist stark!" Herr Ehrenfried erwiderte uneingeschüchtert:„Ich hab's gewagt, im Dienste Gottes und für Gottes Sache ihn zu schützen und zu Herbergen. Karlstadt ist ein frommer und unglücklicher Mann und vorzüglich geschickt und vom Himmel begabt, um die Irrungen zwischen einem Rath, der Gemeinde und den Bauern zu schlichten. Ich kenne meine Pflichten gegen den Rath, ich erachte mich aber nicht gebunden, wo es gegen Gottes Wort und daL Evangelium geht. Denn ich bin ein Christ und werde diesem allein gehorchen, so weit Leib und Gut reicht." „Höllenelement, wir flnd so gute Christen wie Ihr," schnaufte der dicke Herr von Winterbach, und Konrad Eberhard setzte spitz hinzu:„Aber wir treiben keinen Priester aus dem Tempel und schänden ihn nicht durch Bilderstürmerei." Damit erhoben sich die Herren vom Rathe und schickten sich an, die Stube zu verlosten. Der Altbürgermeister vertrat ihnen jedoch den Weg.„Ich laste Euch mit Nichten, es sei denn, daß Ihr die Ausweisung aufhebet," rief er.„Das möget Ihr von einem Rath am jüngsten Tage erwarten," beschicd ihn Herr Erasmus.„Muthet uns nicht zu, daß wir über unsere gute Stadt die Ungnade und Strafe des Kaffers, der Fürsten und Reichsstände bringen, noch soll er den ge- meinen Mann vollends zum Ausruhr anstiften, wie er es allerwärts gethan, wo er gewohnt und gepredigt hat. Wendet Euch an den Ausschuß, der hat ja jetzt die Gewalt." „Ist das Eure Meinung, Herr Bürgermeister?" rief Stephan von Menzingen und entfaltete seine Arme, die er bisher über der Brust gekreuzt hatte.„Wohl, wohl! Ich bürge Euch dafür, Herr Ehrenfried, daß der Ausschuß den Dr. Karlstadt in der Stadt umgehen und sein Abenteuer be- stehen lassen werde, so er sich zu Recht erbietet." „Wir aber, der Rath, waschen unsere Hände in Unschuld," erklärte Erasmus von Muslor und eilte mit seinen Kollegen aus der Rathsstube. Fünftes Kapitel. Frau von Muslor wartete mit dem Mittagessen schon länger als eine Stunde auf ihren Gemahl. Während sie, zuweilen seufzend, die Daumen ihrer fleischigen Hände umein- ander drehte, schaute ihre Tochter vom Fenster des Speise- zimmers nach dem Vater aus. Vor dem Rathhause stand ein •) Denjenigen, welche Gott verderben will, verwirrt er vorher den Verstand. — 5i Haufen Neugieriger, welche auf das Ergebnis der gemein- samcn Sitzung der beiden Räthe harrten. Schon seit dem frühen Morgen waren sie versammelt. Von den Leuten auf der sonst so stillen Herreugasse— es waren vorwiegend Hand- werker in ihren Arbeitsanzügen— wanderten die mattblauen Augen Sabine's zum Himmel, an dem leichte, weiße Wölkchen schwebten, und blieben zuletzt an dem Storchncst auf der Thnrmspitzc des Rathhauscs hängen. Es war ein uraltes Nest, dessen Bewohner Heuer früher als in anderen Jahren zurückgekehrt waren. Einer von den Frühlingsboten, die von der städtischen Jugend stets mit Jubel begrüßt wurden, stand in dem Neste und die Be- wegung seines Kopfes deutete darauf hin, daß er die alte Heimstatt, welche von den Winterstürmcn übel zugerichtet sein mochte, auszubessern beschäftigt war. Eben kam sein Genosse aus weit gespannten Schwingen daher, umkreiste das Nest und ließ sich auf dessen Rand nieder. Vielleicht brachte er Bau- Material oder Nahrung und erzählte dann von dem, was er draußen erfahren. Denn er bewegte lebhaft den langen rothen Schnabel. Wie Sabine ihnen zuschaute, stieg in ihren sonst so gleich- giltigen, ja gclangweilten Augen etwas Träumcrisch-sehn- süchtiges auf. Ihre Freundin lehnte mit gekreuzten Füßen in einem Sessel und las in einem fliegenden Blatte. Die breitgcrundeten Spitzen ihrer über den Zehen gepufften Schuhe lauschten unter dem Saum des dunkelblauen, mit Silber ge- gürteten Wollenkleides hervor. Das aufgeflochtene Haar krönte wie ein Diadem ihr Vorderhaupt. Das zu Nürnberg ge- -druckte Blatt erzählte von einer jungen, römischen Kaiserin, die mit einem Ritter ihrem alten Gemahl die Ehe bricht, wovon diesem ein Horn auf der Stirn wuchs, und wie es die Ehebrecherin durch die List, daß sie sich vor den Augen des Betrogenen von ihrem Liebsten mit Gewalt umarmen läßt, es möglich macht, sich rein zu schwören, ohne daß ihr das Bild der Wahrheit die Finger abbeißt, die sie dabei in dessen Mund legen muß, worauf dann das Horn von der Stirn des alten Kaisers abfällt. Der derbe Poet war ein wunderlicher Fraucnlob, den er zu Anfang seines Gedichtes anruft; denn zum Schlüsse 'legt er es dem alten Kaiser selbst in den Mund, daß man die Frauen nicht schmälen dürfe, wenn sie manchen weisen Mann zum Thoren machten. Er würde dadurch nicht weiser. Durch Frauenliebe hätte sich Adam schwer versündigt, sei Troja zerstört, Holofernes getödtet und der starke Simson ge- blendet worden. Auch Aristoteles hätte sich aus Liebe der- gangen, sowie der große Alexander, Absalon, König David und der weise König Salomon. lFortsetzung folgt.) Ein Defucs; bei von.»sschfiflhvn Papageien**- Von Werner Groß(Görlitz).') An einem herrlichen warmen Juninachmittag kam ich endlich dazu, in Ausführung eines längst gehegten Planes, der Erlaubnis des Herrn von Prosch auf Ober-Sohland, seine freifliegenden Papageien zu besichtigen, sfolge zu leisten. In Begleitung zweier älteren, gleichfalls für die aus der„Gefiederten Welt" be- kannten Versuche des genannten Herrn sich lebhaft interessirenden Vogelfreunde legte ich die kurze Bahnstrecke von hier(Görlitz) nach Reichcnbach und den schönen Weg durch üppige Wiesen. Feld, Busch und das lang im baumrcichen Thal sich hinziehende stattliche Dorf Sohland zurück, bis wir in dem romantisch dicht am Fuß des Rohstein gelegenen Schlößchen des Herrn von Prosch anlangten. Schon unmittelbar vor dem Gutshof begrüßten uns kreischend von einem Apfelbaum herab zwei Mönchs- s i t t i ch e, ein trotz unserer darauf gerichteten Erwartung so eigen- artiger Anblick, daß wir einen Augenblick lang die fremden Vögel garnicht erkannten. Bald bot sich uns ein noch interessanterer Anblick. AuS dem schattigen Gebiisch trat vorsichtig eine stattliche Truthenne. gefolgt von sechs flinken Jungen, welche eifrig nach Nahrung suchten, mitunter auch in hohen Luftsprüngen irgend ein fliegendes Insekt zu erhaschen strebten. Zuletzt erschien auch ein prächtig schillernder Truthahn, das Haupt der Familie. Aber bei jedem stärkeren Geräusch suchte die ganze Schaar scheu das schützende Gebüsch. Es Ivarcn wilde, amerikanische Truthühner, das Weibchen das Geschenk eines Freundes von Herrn von Prosch. das Männchen *) AuS der von Karl Ruß herausgegebenen Wochenschrift für Vogelliebhaber,-Züchter und-Händler„Die gefiederte Welt"(Magdeburg. Ereutz'fche Verlagsbuchhandlung). 4— hinzugekaust. Unter einer Fichte hatte die Henne über ein Dutzend Eier gelegt und sorgsam bebrütet, und eines Tages hatte sich äuch der Hahn, durch ihren Eifer zu gleichem Thun angeregt, neben ihr seßhaft niedergelassen. Damit nun sein Beginnen nicht fruchtlos bleibe, trieb ihn sein Besitzer eines Abends mit größter Vorsicht in ein vorbereitetes dunkles Stallgcmach und setzte den über seine rasche Ergreifung nach Art dieser Vögel vollständig Verdutzten zunächst auf eine Wage(er wog 42 Pfund) und dann schnell auf ein Nest mit Hühnereiern. Diese hat denn der so Vergewaltigte in seiner Abgeschlossenheit auch getreulich bebrütet; aber die Freuden der Vaterschaft waren ihm trotz dreiwöchentlichen„heißen" Be- mühens nicht als Lohn bcschieden, da sämmtliche Hühnchen noch im Ei nach fast vollendeter Entwickelung, wohl infolge der allzu großen Hitze, gestorben waren. Das merkwürdigste dabei ist aber, daß der Truthahn in den vollen drei Wochen nicht einmal gefressen ?iat, wie Herr von Prosch mit untrüglicher Sicherheit beobachten onnte; er begnügte sich alle zwei Tage mit einem Trunk Wasser.— Aus den dreizehn Eiern der Henne im Freien kamen leider nur sechs Hühnchen ans, da die am weitesten rings nach außen liegenden Eier, welche die Henne nicht genügend vor Nässe und Kälte schützen konnte, in der letzten Nacht vor dem Ausschlüpfen einem gewaltigen Gewitterstrirm und Platzregen zum Opfer fielen. Um so besser qc- dcihcn nun die sechs glücklich ausgekommenen Jungen, und zwar fast ohne jede menschliche Pflege, während bekanntlich die Jungen der zahmen Truthühner für außerordentlich zart und weichlich gelten. Schon jetzt im Alter von vierzehn Tagen pflegen sie dcS Äbends auf das wohl fünf bis sechs Meter hohe Verandadach aufzubäumen. Unter so interessanten Wahrnehmungen und Erzählungen aus unseren Lieblings- und anderen naturwissenschaftlichen Gebieten war die zur Abkühlung von des Marsches Hitze nöthige Zeit ver- flössen; nun ging's zum eigentlichen Ziel unseres Ausfluges, zu den Mönchssittichen. Ucber den Gutshof mit seinem schönen Sportgeflügel führte uns der Hausherr in ein Nebengebäude. Vor der Thür der V o g e l st u b e wurde Halt gemacht, um durch ein darin angebrachtes Beobachtungsloch die Papageien am Nest zu belauschen, wie sie aus- und einschlupstcn. Ein kräftiger Ruck an der Thürklinke brachte dann die ganze in der Niststube befindliche. ziemlich scheue Gesellschaft unter lautem Kreischen zum Ab- und Ausfliegen durch die enge Flugöffnung des Fensters. In der Nist- stube stellten sich uns die Nester zunächst als scheinbar regellos in Wipfeln von gegen die Wände gestemmten Birkcnstämmen an- gehäufte mächtige Reisigklumpen dar: bald aber zeigte sich auch hier eine höchst sinnreiche und kluge Anordnung. Die Nester sind erbaut aus unzähligen, bis>/» Meter langen bis fingerstarken Reisern, mit Vorliebe gewählt von den dornigen, zu diesem Zweck im Garte» geduldeten Akäzicnbüschen(Robinia). Diese Reiser werden nicht etwa am Boden zusammengesucht, sondern vom Strauch abgebissen, entblättert und dann mit dem Schnabel an einem Ende gepackt und so in senkrechter Richttmg im Flug in die Nistkammer befördert, während doch andere bauende Vögel ihre Nist- Halme und Zweige in der Mitte zu fassen Pflegen. Uni nun mit so ungefügem Material durch den engen Zugang zur Nistkammer ge- langen zu können, setzten sich die klugen Vögel beim Anflug jedes- mal zuerst auf den unteren Rand der Oeffnung, fassen den Zweig mit der Pfote und fädeln denselben dann allmählich mit Schnabel und Pfote nach innen hinein. Am schlagendsten beweisen die Vögel ihre Klugheit dadurch, daß sie jeden Abend eine von Mäusen ge- fressen« Öefsnung an der unteren Thürecke mit Dornreisig verbauen, um den Nagern den Zugang zu den Nestern und zum Futtertisch abzuschneiden. Fünf bis sechs Nester waren mit je sechs Jungen in allen Stadien besetzt, so daß Herr von Prosch mit einem Bestand von einigen vierzig Sittichen in den Winter zu gehen hofft. Eine Art Rückschlag in die allgemeine Papageien-Höhlenbrüter- Natur ließen wohl zwei Paar erkennen, welche an der Wand be- festigte Nistkasten benutzt hatten, freilich auch diese nicht ohne Reisig-Auspolsterung. Im Vorjahre hatte ein Paar sein Nest außen an einer Hausccke erbaut, mit Benutzung des etwas vorspringenden Daches und einer Dachrinnenbiegung. Dies Nest, welches später durch seine eigene Schwere(18 Pfund) seinen Untergang fand, hatte natürlich in seinen vielen Höhlungen mehreren Sperlings- paaren willkommene und billige Wohnungsgelegenheit verschafft. Infolge der bekanuten, lüderlichen Nestbaüart derselben sah man nun aus dem Reisiggcwirr mehrfach Heu- und Strohbüschel hervor- ragen, und es ist nicht unwahrfcheinlich, wie Herr von Prosch aus- eiiiandersetzte, daß die Berichte der Reisenden über Auspolfterung der Mönchsittichncster mit weichem Material auf ähnliche Vor- gänge und nicht ganz genaue Beobachtung zurückzuführen sind. Jedenfalls haben die Papageien in S o h l and trotz reichlicher Gelegenheit nie andere Nislstoffe verwerthet als Reisig. Im Früh- jähr' finden stets zwischen den Männchen ernste Streitigkeiten um den Besitz der Weibchen statt, welche oft mit dem Tod des einen Kämpfers enden. Während unserer Beobachtungen an den Nestern hatten sich draußen am Fenstervorbau die rechtmäßigen Insassen der Stube größtentheils versammelt und gaben ihrem gerechten Unwillen über die Störung durch lautes Kreischen deutlichen AuS- druck. Ein durch Drahtnetz abgetrennter Theil der Stube dient nebst einer anstoßenden Kammer Herrn v. Prosch zu seinen K a» a r i e n- Zuchtwahl- Versuchen. Auch hier waren zahlreiche Nester mit Eier» und Jungen besetzt. Diese schon seit zwölf Jahren betriebenen Ver- suche haben unter anderem den Erfolg, daß der Garten des Herrn v. Prosch jetzt jährlich eine große Zahl Nester von vollkommen ein- gebürgerten, der Stammform ganz ähnlich gewordenen Kanarien aufweist, welche von weitem den Weibchen der Buch- und Grün- fhiien sehr ähnlich sehen uud eigentlich nur noch an Gesang und Lockton als Kanarienvögel zu erkennen sind. Ganz besonders reizend soll sich der trotz alledem schön gebliebene Gesang der Männchen zur Wintcrzcit anhören. In hohem Grade interessant ist auch die Wahr- nehmung des Herrn v. Prosch, daß allherbstlich ein Theil der freien Kanaricit sich unter die schweifenden Schwärme der wilden Finkenarten(Stieglitze. Zeisige u. a. mischt) und mit ihnen wohl die große Wanderung antritt. Früher hatte Herr von Prosch auch Kardinäle im Freien gezüchtet. Durch ihre unleidliche Zanksucht und Unverträglichkeit aber machten sie sich allmälig so unangenehm, daß sie abgegeben werden mußten. Das gleiche Loos ereilte, aber aus fast entgegen- gesetztem Grund, nämlich allzu große, auch im Freien bleibende Zahmheit, fast Zudringlichkeit, die B l u m e n a u s i t t i ch e, trotzdenr sie schon erfolgreich in einem hohlen Birnbaumstamm ge- nistet hatten. Sie waren durch kein Mittel davon zurückzuhalten, in jedes offene Fenster einzudringen und dann im Zimmer Unordnung zu schaffen. Endlich räumten wir den Papageien wieder das Feld und begaben uns noch einmal in den Garten. Auf einer Fichte nahe am Einflugfenster hatte die Papageienschaar im obersten Wipfel einen Wächter zurückgelassen, um, wie Herr von Prosch sagte, die Kameraden von unserem Gehen und Kommen zu benach- richtigen. Die Nichtigkeit dieser Bemerkung bestätigte sich sofort; denn kaum entfernten wir uns. als der Sittichposten seinen Genossen auf papageiisch ein Signal gab, worauf sie sämmtlich angeschwärmt kamen, um die etwaigen Folgen unseres Besuches in der Nistkammer zu besichtigen. Im Garten waren wieder einzelne Mönchssittige be- Ichäftigt, sich aus dem knrzgeschorencn Rasen Habichtskräuter zu suchen, welche sie sehr zu lieben scheinen. Im übrigen sollen die Vögel an Obst oder Pflanzen kaum einen nennenswerthen Schaden verursachen. Wie weite Ausflüge sie bisweilen unternehmen, zeigt der Umstand, daß einzelne schon bei Pen zig(Luftlinie etwa 24 Kilo- meter) gesehen wurden. Heute erzählt mir der Kustos der hiesigen Naturforschenden Gesellschasr(Görlitz), Herr Dr. von Rabenau, daß auch in unserer nächsten Umgebung(Luftlinie etwa 14 Kilometer) die„sächsischen Papageien", wie sie im Volksmund schon heißen, gc- sehen wurden.— Nleines Fenillekon ss. Ueber die soziale Rolle des Propheten Jesaiaö giebt Carl Niebuhr in der„Orientalischen Literatur-Zeitung" eine Unter- suchung wieder, die auf die Stellung dieses Propheten und auf die Deutung der von ihm erhaltenen Ucberlieferungen ein ganz neues Licht wirft. In seinen Mahnreden an das Volk Israel betont der Prophet verschiedentlich, daß der„Mund Jehovah's" durch ihn spreche. Dies soll nach Niebuhr eine ganz bestimmte Bedeutung gehabt haben im Gegensatz zu dem„Munde des Königs", als den sich die mächtigen jüdischen Adeligen und Priester betrachteten. Der Prophet Jesains befand sich zu diesen in einem scharfen Gegensätze der sozialen Anschauungen und Bestrebungen. Damals wurden die beiden jüdischen Königreiche, sowohl Juda als Israel, von den Assyriern unter ihrem Könige Tiglat Pileser III. von Syrien ans ernstlich be- droht, so daß der König Ahas von Juda bereits an eine freiwillige Huldigung vor dem assyrischen Könige darbte; die Adels- und Priestergeschlechter aber widerstrebten dieser Neigung des Königs ebenso entschieden, wie Jcsaias dieselbe unterstützte. Dabei kam nun noch eine ganz besondere Rücksicht in bctracht. Der assyrische Eroberer Tiglat Pileser war nämlich durch eine Art von Bauern- aufstand auf den Thron gelangt, und seine Herrschaft benihte dem- nach auf der Einziehung des Großgrundbesitzes und auf der Nieder- hallung des Adels und der Priester. Jesaias als Volksmaun war für eine ähnliche Ordnung der Dinge begeistert und rieth dem Könige Ahas, in Inda ebenso zu verfahren und sick damit zugleich die Gunst des assyrischen Königs zu sichern. So verführerisch dieser Vorschlag für den König in feiner damaligen Bedrängniß gewesen sein mag, so war der Widerstand des Adels und der Priester doch noch mächtiger. Es sind sogar Anzeichen dafür gegeben, daß sich der Prophet Jelaias einen assyrischen Agitator für die Sache der Bauern und des assyrischen Königs zum einflußreichen Vorbilde genommen haben mag. Nach den biblischen Schriften machte diese Politik sozialer Umlvälzung, an deren Spitze Jesaias stand, bis 722 v. Chr. Fort- schritte, dann aber erreichte sie zugleich nnt dem Sturze Tiglat Pilesers durch die assyrische Reaktion ihr Ende. Von dieser Zeit au kamen Adel und Priester in Juda wieder zur Herrschaft, und seit dem werden auch die Reden Jesaias' düster und hoffnungslos: „Deine Fürsten find Abtrünnige und DiebcSgcscllen, sie nehmen alle gern Geschenke, und trachten nach Gaben, dem Waisen schaffen sie nicht Recht, und der Wittwen Sache konmit nicht vor sie."— — Ueber de» Umgang mit Kiiheu. Aus Kopenhagen be- richtet die„Allgemeine Zeitung": Herr Jorgen Petersen, Vorsteher der landwirthschaftlichcn Schute in Dalinn, hat eine Schrift heraus- gegeben, in der er mittheilt, daß Dänemark zur Zeit zirka eine Million Milchkühe besitzt, die sich folgendermaßen auf die ver- schiedenen Bestände vertheilcn: 130 000 Bestände haben 1—9 Kühe, 50 000 Bestände zwischen 10 und 99 Kühen und 050 Bestände haben mehr als 100 Milchkühe. Diese Million Kühe produzirt jährtich 4000 Millionen Pfund Milch, und mit dem Melken der Kühe sind 200 000 Personen ganz oder'zum theil beschäfttgt Welches Stadtkind denkt Ivohl daran, daß das Melken eine Kunst ist, die gelernt sein will, wenn dem Landmann nicht ganz ungeheuerer Schaden erwachsen soll. Es gilt, die Kuh ganz auszumelkeii, da die letzten Strahlen die fetteste Milch geben, sodaß z. B. 172 Pfund Milch der ersten Strahlen ein Pfund Butter geben, während von den letzten Tropfen nur 12 Pffmd zu einem Pfund Butter nöthig sind. Und Herr Petersen giebt dementsprechend eingehende An- Weisungen. Vor dem Melken, sagt er, muß die Kuh zunächst„freund- lich gestimmt" werden, durch liebevolles Zureden, Streicheln u. f. w. Während des Prozesses„will sie Ruhe haben", lautes Sprechen und Lärm ist zu vermeiden,„ein gutes, ermunterndes Lied dagegen ist Ivohl angebracht", und nach Beendigung der Arbeit„muß die Kuh wieder ein paar freundliche Worte und Liebkosungen als Dank für die Milch erhalten", denn„sie quittirt für alle Unbehaglichkeiten, in« dem sie weniger Milch giebt.— Archäologisches. — Voriges Jahr wurden in A i n, in der Nähe von Coligny in Frankreich zahlreiche Reste einer umfangreichen Bronzetafel gefunden. Daß diese Stücke aus römischer Zeit(etwa aus dem 2. bis 3. Jahrhundert) stammten, ging aus der Schrift und aus den Zahlen hervor, die Worte waren dunkel. Doch wurde schon so viel bei der ersten Ausgabe festgestellt, daß es sich um einen keltischen Kalender handele. Nun hat Seymour de Ricci die Inschrift einer erneuten Prüfung uitterzogen und ge- langt durch geschickte Aneinanderfügung der Trümmer zu Ergebnissen, die das bis jetzt unbekannte Gebiet der keltischen Zeitrechnung ein wenig aufhellen. Die 12 Monate spalten sich in zwei Theile, der erste hat 15, der zweite 14 bis 15 Tage. Am Beginn der ersten Reihe steht der betreffende Monatsname, über der zweiten steht regelmäßig atenoux, worin de Ricci wohl richtig die Bollmondsnacht sieht(ncrnx---- nox= vjq). Ohne große Mühe ließ sich die Reihenfolge der Monate ausfindig machen, und so kam fiir das Jahr eine Zahl von 355 Tagen heraus. Da nun der Kalender sich auf eine Reihe von mindestens fünf Jahren erstreckte, so mußte man, weil die gewöhnliche Jahreslänge zu kurz ist, irgendwo einen Schaltmonat vermuthen; es hat sich herausgestellt, daß ein solcher(ciallos genannt) alle 21/2 Jahre eingeschoben wurde. Merkwürdig ist, daß links neben jedem Tage ein Loch durchgeschlagen ist; dieses diente, wie soforr richtig erkannt wurde, zur Auffiahme eines Stäbchens, das den je- wcili'geu Tag anzeigen sollte. Auch finden sich bei vielen Tagen rechts keltische, oft wiederkehrende Worte eingetragen, die wahrschein- lich auf Feste und andere religiöse Handlungen hindeuten. Diese Bcischriften, sowie auch die Monatsnamen werden wohl noch lange der Deuttmg harren; eher ließe sich herausfinden, welchen Jahres- zciten die einzelnen Monatsnamen entsprechen und inwieweit die vor- liegende Zeitrechnung von der römischen abweichend ist.— Medizinisches. — Die egyptisdje Augenkrankheit. Prof. Greeff hat kürzlich in der Berliner medizinischen Gesellschaft einen Vortrag über akute Augenepidemien gehalten, dessen wesentliche Pnnkte Werth sind, allgemein bekannt zu werden. Mit ziemlicher Regelmäßigkeit ver- breitet sich von Zeit zu Zeit die erschreckende Nachricht, in diesem oder jenem Bezirke sei die cgyptischc Augenkrankheit ausgebrochen. Glück- licherweise liegt jedoch m der That die Sache nie so schlimm. Schon die Kunde, daß die Krankheit Plötzlich ausgebrochen sei und mit unheimlicher Geschwindigkeit um sich greife, läßt mit Sicherheit darauf schließen, daß es sich nicht um die mit Recht so gefürchtcte Seuche handelt. Diese wird nicht so leicht von Person zu Person übertragen; ihr Ansteckungsstoff haftet viel- mehr an ganz bestimmten Orten und Bezirken, in denen sie seit Jahrhmidertcn, ja vielleicht seit Jahrtausenden, bald eine größere, bald eine kleinere Anzahl von Individuen befällt. Sie tritt also nicht epidemisch, sondeni endemisch auf. Im einzelnen Falle macht sie sich sehr allmälig geltend, so daß die befallenen Personen oft lange nichts von der Krankheit merken. Bald stellen sich indeß größere Beschwerden ein, und wenn nicht im Verlauf von Monaten die gänzliche Heilung einttitt, so können die Kranken zeitlebens an den üblen Folgen, die sich bis zur totalen Blindheit steigern können, zu leiden haben. Die akuten Augenepidemien verhallen sich in jeder Hinsicht anders und sind daher leicht von der cgyptischcn Augenkrankheit zu unterscheiden. Sie sind in hohem Maße ansteckend. und verbreiten sich daher oft in wenigen Tagen über eine ganze Schule oder dgl. Sie sind es, die oft zur Verbreitung des Gerüchts vom Ausbruch der ersteren Krankheit Veraulassuiig geben. Ihr Verlauf ist jedoch stets gutartig. so unangenchm die Symptome auch sein können. Diese bestehen in reichlichem Thräncnfluß, lebhafter Entzündung derBindehaut, Schmerz- haftigkcit, Lichtscheu der Lider u. s. w. Diese Erscheinungen stellen sich meistens sehr plötzlich ein, kommen häufig über Nacht, so daß die Patienten am Morgen die Augen wegen starker Lidanschwellung nicht öffnen können. Das erregt dann natürlich große Vcsorgniß, die aber gänzlich unnöthig ist, da' die Krankheit mit all ihren Beschwerde» in zwei bis drei Wochen vorüber zu sein pflegt.— Ans dem Thierlebe»». is. SB t c schnell die Fische wachsen, ist bisher durch Besbachtiliigen nicht ganz genau ermittelt worden. Es ist daher von Werth, daj; A. Penpron in einen: kürzlich veröffentlichten Ährbuch der Fischzucht einige Beobachtungen über das mittlere Wachsthum einzelner für die Fischzucht in Frage kommender Arten mittheilt. Leider erstrecken sich diese Beobachtungen nur aus das Wachsthum des Gewichts innerhalb der ersten ö— 7 Jahre, in welcher Zeit das Wachs- thum gewiß nicht etwa abgeschlossen ist. Der Karpfen hat im Alter von einem Jahre ein Durchschnitisgelvicht von 18 Gramm, das im zweiten Jahre bis 80, im dritten auf 500, im vierten auf 750— 800 u. s. tu. steigt, bis er im siebenten Jahre ein Gewicht von 4,(5— 5,2 Kilogramm erreicht hat. Eine einjährige Karausche wiegt 12—15 Gramm, im zweiten Jahre wiegt der Fisch 50—55, im drittelt 380— 400 Gramm, im fünften Jahre 000—050. Der Giebel oder die Goldkarausche er- reicht schon im vierten Jahre ein Gewicht von 000— 720 Gramm. Der Goldkarpfen, der gewöhnliche Goldfisch, ist in seinem ersten Jahre bedeutend schwerer als seine bereits genannten Berlvandten i37 Gramm), erreicht aber erst im sechsten Jahre ein Gewicht von 650— 070 Gramm. Eine Schleie wiegt einjährig 10—14 Gramm, zweijährig 00, dreijährig schon 285 Gramm, in vier Jahren 410 Gramm. Der Hecht hat von den hier auf- geführten Fischen von der frühesten Jugend an das größte Gewicht und wächst auch am schnellsten. Ein junger Hecht von einem Jahre wiegt bereits 50—150 Gramm, ein zweijähriger 000 bis 850 Gramm. ein dreijähriger bereits 2000—3000 Gramm, während der Hecht im vierten Lebensjahre 4—6 und int fünften 0—7 Kilogramm erreicht. Besonders auffallend ist das schnelle Wachsthum der Hechte in den ersten drei Jahren. Der Aal wächst bedeutend langsamer, nur wenig schneller als die Karausche, die er erst im vierten Jahre an" Gewicht überholt. Die Forelle hat fast dieselben Gewichtszahlen in ihrem ersten Lebens- jähre wie die Schleie. Eine Brasse wiegt im ersten Jahre soviel wie ein Aal oder eine Karausche desselben Alters, bleibt dann aber im Wachsthum etivas zurück und wiegt im vierten Jahre 450 bis 500 Gr. Die Flußbarbe hat ein schnelles Wachsthum, das das- jenige des Karpfen übertrifft und nur vom Hecht bedeutend über- holt wird: dieser Fisch wiegt schon im Alter von 5 Jahren gegen 2 Kilogramm. Im allgemeinen scheint die Gewichtszunahme lvährend der ersten beiden Jahre am geringsten zu sein, während sie vom zweiten bis dritten Jahre am schnellsten wächst.— Aus dem Pflanzeuleben. t. Eine Krankheit des Oelbaumes bedroht seit einigen Jahren die Olivenernte in manchen Theilen Italiens; der Ertrag ,st bereits bedeutend zurückgegangen, so daß man sich auf eine Bertheuerung des echten Olivenöls allmälig gefaßt machen kann, falls nicht die Oelbäume in Südftankrcich, in Tunis und Spanien den Ausfall zu decken vermögen. Die Krankheit offenbart sich zunächst darin, daß schon im Frühjahr zahlreiche Blätter von den Oelbäumen zu fallen beginnen, und diese Entlaubung schreitet im Sommer und Herbst noch weiter vor. Die Blüthe der Bäume wird dadurch nicht beeinträchttgt, wohl aber die Reise der Früchte, von denen viele vorzeitig abfallen. Die Oliven, die am Baume bleiben, sind, abgesehen von der Verminderung der Zahl, von sehr unterwcrthiger Güte und liefern ein mittelmäßiges Oel. Die Krankheit greift immer weiter um sich. Die wissenschaftlichen Untersuchungen' haben auf den abfallenden Blättern das Vorhandensein eines Pilzes(Ez?KIo- coniurn oleagiurn) festgestellt, der runde Flecke darauf erzeugt, im Bolksmunde als Pfauenaugen bezeichnet. Das erste Auftreten des Pilzes in Italien wurde 1389 beobachtet, in Frankreich seit 1891, in letzteren: Lande scheint er aber noch nicht so verbreitet zu sein. Der Pilz ist die einzige Ursache der Krankheit, die sich auch auf die Früchte wirft. Man benutzt dagegen mit Erfolg Bordelaiscrbrühe.— Technisches. -» Fässer auS Stahl. Nachdem es gelungen ist, die Her- stellung von Fässern aus Stahl nach der Seite hin zu vervoll- kommnen, daß man denselben nunmehr jede gewünschte Ausbauchung verleihen kann, während sie bisher nur die rein zylinderische Form hatten, verdrängt das Eisen das Holz auch aus der Böttcherei! Stahlfäffer werden bereits in Gebinden von 90 bis 900 Liter und mehr Inhalt angefertigt. Als besondern Vorzug derselben rühmt man die Art der Verspundung. Die Verstärkung für das Spundloch ist im Innen» angeschweißt; ein äußerer Vorsprung wird dadurch vermieden. Der Spund läßt sich benutzen oder herausziehen oder unmittelbar durch einen eben so dicht wie der Spund schließenden Hahn ersetzen. Die Spundlöcher sind, wenn einmal verschlossen, für Oel, Flüssigkeiten, Dampf undurchdringlich, sogar bei unvorsichtiger Behandlung, wie sie ja bei der Beförderung bekanntlich nicht selten ist. Ereignen sich bei der Beförderung etwa Unfälle, so werden die Spunde dadurch nicht verrückt; sie lassen aber leicht sich versiegeln und bieten eine Gewähr gegen Verlust aller Art, sowie gegen Defraudattonen. Ganz besonders aber eignen sich stählerne Fäffer fiir Alkohol, Oele, Petroleum und Schmiermittel. Die stählernen Pcttoleumfässer haben die gleiche Größe und Form, sowie das nämliche Gewicht, w:e hölzerne, bieten aber den Vortheil, je 225 Liter zu fassen, gegen 180 Liter des hölzernen. Um 90 HcUolilct Petroleum zu befördern, vraucht man also nur 40 Stahlfäffer, aber 50 Holzfässer. Auch braucht mau»ichl auf jeder Nieder laffung eine Böttcherei zur Instandhaltung der Fässer, wenn man stählerne verwendet. Dazu kounnt noch, daß Form. Größe und Gcivicht des«tahlfasses stets unverändert bleiben, die Tara gill also ein für alle Mal, wogegen das hölzerne Faß diircö Aufsaugung des Inhalts immer schwerer wird und infolge voi: größere» Ausbesserungen, wie Wechsel der Dauben, Erneuerung des Bodens w, feinen Inhalt verändert.— Humoristisches. — Eine Künstler in. Jack:„We geht es Ihrer Schwester n:it ihren Singüvungen?" Eitti:„Besser, heute konnte Papa zum ersten Mal die Watte aus seinen Ohren herausnehmen."— — Der eifrige Geschäftsmann. Karl:„Nun, Emil, bist Du denn glücklich mit Deiner jungen Frau?" Emil:„Eine reizende Frau! Kann ich jedem empfehlen.— — Beim Morgenkaffee. Gelehrter fdie Frühstücks- tasse in der Hand):„Ein herrlicher Trank! Weißt Du, Lenche». nun sind es gerade 230 Jahre, daß der Kaffee zu uns nach Deutfchland gekommen 1"— Frau(nachdenklich):„Nein, wie doch die Zeil vcr- geht!"— Vermischtes vom Tage. — Auf dem Wege von T u r n o>v nach D r a ch h a n s c>: bc- findet sich folgende Bekanntmachung, die der„Kottb. Anz." genau nach der Schreibart wiedcrgiebt: Polizciverordnung. das befahren dieser Leh- mbahn bei naser Wiettern- ng, ist bei gesetzlicher Str- afc verboten. Die Polizeiverwaltung.— — Eine große Dampfmahlmühle in A r n s w a l d e ist vollständig niedergebrannt. Große Vorräthe von Getreide und Mehl wurden ein Raub der Flamen.— — Wie blödes Zeug in den deuffchen Korps getrieben wird, dafür lieferten die„B a v a r e n" in Karlsruhe ein neues Bei- spiel. Die Polizei beschlagnahmte dieser Tage eine Sammlung, die sie sich im Abort ihres Korpshauses angelegt hatten. In bunter Mannigfalttgleir prangten an den Wänden des inttmen Gemaches Firmenschilder, Verbots- und Warnungstafeln, ja selbst Latenten, insgesannnt 05 Stück— die Trophäen nächtlichen „UlkS". Schon seit langem fahndete die Behörde nach den Urhebern des groben Unfugs, von dem der Polizeibericht fast täglich zu melden wußte.— — Vor zwei Monate:: wurden in Nürnberg bei Buch- Händlern„unsittliche" Bilder und Anfichtspostkattei: b e s ch l a g- nahmt, in einer Buchhandlung allein 20 000 � Ansichtspostkarten. Strafmandate folgjen. Jetzt wurde dieses Vcr- fahren in zahlreichen Geschäften wiederholt, auch Zigarrenhändlcr, Großhändler, Lichtdruckanstaltcn w. wurden beglückt. Dabei ging die Polizei noch viel strenger vor wie beim ersten Mal. Beschlagnahmt wurden u. a. auch B ö ck l i n' s Susanne im Bade, M a k a r t s Jagdzug der Diana, Rautendclein von Prof. Exter, Tizian's schlafende Venus, ferner die bereits zweimal freigegebenen Chimaybilder. Die Durchsuchung der Geschäfte besorgten zwei Polizeilommissare. Gegen sämmtliche Firmeninhabcr wird ein Verfahren wegen Sittlichkeitsvergehen ein- geleitet.— — Ein österreichischer Militärballon verunglückte bei Bise n z (Mähren). Er wurde 7 Kilometer durch den Wald geschleift, bis die Gondel abriß. Die Insassen wurden gerettet.— — Ein Hauptmann der Garnison in Hermann st adt(Sieben- bürgen) erstach einen Dragoner-Oberlieutenant, den er bei einem Rendezvous mit seiner Ehefrau überraschte.— — Eine furchtbare Feuersbrun st äscherte die Stadt T w e r y im Gouvernement Kowno(Polen)«in. Das Feuer war an vier Ecken der Stadt zugleich angelegt.— — Am 20. Juli dieses Jahres ist auf den dänisch- westindischen Inseln die Prügelstrafe und das K r u m m s ch l i e ß e n für die Soldaten— auf dem Papiere wenigstens— abgeschafft worden.— c. e. In den Vereinigten Staaten giebt es 4000 Schau- spielcrinnen, 35 000 Musiklehrerinnen und Virtuosinnen, 11000 Malerinnen. 2800 Schriftstellerinnen, 600 Theaterunternehmerinnen und 890 Journalistinnen.— — In Valparaiso fand Sommbend Nacht«in heftiges, eine Minute währendes Erdbeben statt.$Ju Concepcion und Talcahuano stürzten viele Häuser em, andere wurden be- schädigt. Die Einwohner verbrachten die Nacht auf den Straßen und Plätzen. Telegraphendrähte und Drähte anderer elektrischen Leitungen wurden abgerissen. Am Sonntag Rachmittag trat ein weiterer, heftiger Erdstoß ein.—_____ Verantwortlicher Redakteur: Augnft Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Boving in Berlin.