Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 145. Mittwoch, den 27. Juli. 1898 (Nachdruck verboten) 411 Um die Fveiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichel. Die schöne Gabriele nahm an der laxen Moral des un genannten Dichters keinen Anstoß, obgleich sie das Blatt mit einer fast heftigen Geberde weg warf. Es erinnerte sie an Max Eberhard, den sie trotz ihrer verführerischen Reize nicht bezwungen hatte. Die Wunde brannte noch immer. Sie lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen, jedoch nicht, um von ihrer Liebe zu träumen. Was nutzte ihr in dem kleinen Rothenburg, wo ihr alles fehlschlug und sie verletzte, ihre Schönheit, die sie für einen großen Scham Platz zu bestimmen schien? Sie sehnte sich fort aus den engen Verhältnissen der Vaterstadt, die ihr feuriges Temperament nur noch mit Ungeduld ertrug. Hier mußte sie apathisch werden, wie es Sabine war, die es ohne Widerspruch über sich ergehen ließ, daß sie mit dem Stadthauptmann von Adelsheim vermählt wurde, obgleich sie nicht die geringste Neigung für ihn empfand. Hier mußte sie zu einem solchen Fettklumpen von Gewöhnlichkeit und Willenlosigkcit werden, wie es Frau von Muslor war. Sie haßte diese beiden Wesen jetzt beinahe um der Zuneigung und Liebe willen, die ihr von ihnen erwiesen wurden. Es war eine Fessel. „Da kommt der Vater und Herr Eberhard mit ihm," verkündete endlich Sabine und verließ das Zimmer, um für den Tischgast ein Gedeck auflegen zu lassen. Es war nichts Ungewöhnliches, daß Erasmus von Muslor aus der Raths- sitzung einen Gast zu Tische mitbrachte. Die Speisestunde war die einzige Erholung des vielbeschäftigten Mannes. Seine Gäste mußten fürlieb nehmen; denn er war kein Feinschmecker und Schlemmer wie Stephan von Menzingen. Die beiden Bürgernieister kamen in keiner heiteren Stimmung vom Rath- hause. Die schmale hohe Stirn des Herrn Erasmus war be- wölkt und Bitterkeit krümmte seine feinen Lippen abwärts. Die scharfgeschnittenen Züge und stählernen Augen des Herrn Konrad hatten einen noch härteren Ausdruck als sonst und er milderte sich auch nicht wie sonst, wann er seine schöne Mündel begrüßte. Gabriele selbst verhielt sich kühler gegen ihn, seitdem es ihr mißlungen war, ihn zum Wstand von der Klage gegen Zeisolf von Rosenberg zu bewegen. „Es hat wieder Verdruß gegeben?" wagte Frau von Muslor ihren Gatten schüchtern zu fragen. „Nun, Du magst es wissen, es ist kein Geheimniß," ver- setzte er, die Brauen zusammenziehend.„Der Aeußere Rath hat sich aufgelöst, und der Ausschuß tritt an seine Stelle." „Das wolle Gott nicht," rief die Hausfrau erschrocken. „Gott vielleicht nicht, aber dieser Teufel von Menzingen hat es verlangt und dem Ausschuß eingeblasen," knirschte Konrad Eberhard:„Wenn in dem Aeußeren Rath Männer säßen!— Der Innere Rath sollte ihn seiner Verpflichtungen entbinden, bat er flehentlich." „Und der Innere Rath hat nachgegeben?" fragte Gabriele, indem sich ihre wollüssigen Lippen verächtlich kräuselten. Der Vornumd warf ihr einen unwilligen Blick zu und sprach mit nachdrücklicher Betonung: „Von der Gemeinde und ihrem Ausschuß in der Stadt versperrt, gefangen, schwerlich und hoch bedrängt, mußte der Innere Rath Wohl, wenn auch mit bekümmertem, traurigem Gemüthe, thun, was die Gemeinde wollte, gleichviel, ob es gut oder böse war, ob es wohl oder übel gerieth." „Und so werden wir denn," fügte der Hausherr hinzu, der inzwischen jedem am Tische vorgelegt hatte,„das Ver- gnügen haben, Bäcker, Hafner, Metzler, Tuchscheerer, Gerber demnächst als unsere liebwerthen Rathskollegen zu begrüßen. Nun, ich bin nur froh und Ihr werdet es auch sein, verehrter Freund, daß unsere Amtsdauer in vier Wochen abläuft." „Und es wird ein Gaudium sein, den ehrenfesten Ritter Stephan von Menzingen als Bürgermeister unserer guten Stadt zu sehen," äußerte Konrad Eberhard mit grimmigem Hohn. „Aber es darf dahin nicht kommen," rief die schöne Gabriele mit flammendem Antlitz. „Wohin es immer kommen mag, mein liebes Kind, es wird arg genug sein," antwortete Herr Erasmus mit einem Lächeln über ihren Eifer.„Wir können es nicht hindern. Der Schwäbische Bund ist nicht gerüstet und die Fürsten und freien Städte haben alle selbst vollauf mit ihren aufrührerischen Unterthanen zu thun, als daß sie uns helfen könnten. Wir werden alle darunter zu leiden haben, auch ihr Mädchen, und meine arme Sabine wird sich in den Aufschub ihres Glückes schicken müssen; das ist keine Zeit, um Hochzeit zu machen." „Armes Binchen," seufzte Frau von MuSlor und streichelte zärtlich den Rücken von ihrer Tochter Hand. „O, ich kann warten," versetzte Sabine mit großer Gemüthsruhe, und Gabriele bemerkte sarkastisch:„Auf ein solches Glück kann man nie lang genug warten." „Du thust übel daran, zu spotten, schönes Fräulein." rügte der Vormund.„Der Aufruhr wird auch Deiner nicht schonen." „Spüre ich ihn denn nicht schon?" erwiderte Gabriele spitz.„Verdank' ich's ja ihm. daß die Dirne, die mich erstechen wollte, der Justiz eine lange Nase macht und die Handwerks- knechte, die sie befreiten, unbehelligt bleiben." „O, Gabriele, möchtest Du so dem eigentlichen Retter Deiner Ehre lohnen?" fragte ihre Freundin vorwurfsvoll. „Denn das war doch der Tuchergeselle. nicht der junge Gold- schmied." „Und sein Vater sitzet im Ausschuß. Vielleicht erlangst Du es von ihm, daß er den jungen Burschen, diesen Plebejer, der Deinen Dank damals verschmähte, uns. den Patriziern, zur Bestrafung für seinen Frevel ausliefert?" So äußerte Herr Erasmus ironisch und fügte dann ernst hinzu:„Ist die Rechnung auch noch unbeglichen, so ist sie doch nicht zerrissen. Auch nicht die des Mädchens." „Sie ist eben verrückt," bemerkte Herr Konrad mit einem Achselzucken und Frau von Muslor meinte, daß man sie iu diesem Falle nach Dettwang ins Narrenhaus thun müßte. Gabriele schwieg zu dem allen. Ihr Stolz hatte nicht das Geständniß gelitten, daß Eifersucht das Motiv von Käthe'S That gewesen. Unerträglich war es ihr. daß ein so tief unter ihr stehendes Geschöpf wie HanS Lautner die Augen zu ihr zu erheben gewagt hatte. Sie empfand seine Liebe wie einen Schimpf, die Erinnerung daran tauchte ihre Wangen in eine tiefe Gluth. Sie wollte sich emporschwingen wie ein Adler und alles zog sie in die Tiefe. Die Ungeduld, mit der sie innerlich an ihren Banden zerrte, flammte jetzt in den Worten auf:„O, wie das alles so halb ist l Ein Belauern hüben und drüben und keine ganze That l" Frau von Muslor und ihre Tochter schauten sie betroffen an, Herr Erasmus strich sich lächelnd den Schnurrbart von den Lippen und sein Amtsgenosse setzte mit trockener Schärfe ein:„Unten im Tauberthal und in St. Jakob ist es ja schon zu Thaten gekommen. Mich will es fast bedünken. Du sähest es gern, wenn der Bundschuh Glauben, Wiffen, Bildung, kurz die ganze Kultur, deren Segnungen wir uns erfreuen, in ein wüstes Chaos stampfte. Das wäre wohl eine That nach Deinem Sinn?" „Aber das Chaos wird kommen, wenn nicht ein Mann der That aufsteht," rief Gabriele mit blitzenden Augen,„ein Held, ein Ritter Georg oder ein Siegfried, wie er in den Volks- büchcrn steht, und den Drachen überwältigt und ihm das Haupt abschlägt." „Es geschehen heute keine Wunder mehr," versetzte der Vormund geringschätzig und der Hausherr scherzte:„Einen solchen Helden hätten wir ja gleich zur Hand, wenn es uns gleichgiltig wäre, ob wir in der Pfanne oder am Spieße gebraten würden. Ich meine den Markgrafen Kasimir." Damit neigte er sich leicht gegen den Gast, der den dünn- lippigen Mund zu einem unhörbaren grimmen Lachen in die Breite zog, warf sein Handtüchlein auf den Tisch und er- hob sich. Fast schien es, als ob der Wächter auf dem Rathhaus- thurm nur auf das Ende der Mahlzeit gewartet hätte. Denn kaum war man vom Tische aufgestanden, so stieß er auf dem Steinkranze droben mehrere Male rasch hintereinander in fem Horn. Dumps und unheimlich, wie der Stier von Uri, heulten die Töne über die Stadt hin. Die beiden Männer rissen die Fenster auf und blickten nach dem Thurms. Eine Feuers- drunst war nicht, wie sie befürchteten, in der Stadt aus- gebrochen, denn es war droben keine Fahne ausgesteckt, wie es in solchen Unglücksfällen der Brauch war. Schon begannen in der Herrengasse die Leute aus den Häusern zu laufen. Herr Erasmus, der sie fragend anrief, erhielt nur verneinende Zeichen zur Antwort. Sie wußten nicht, welche Gefahr die Stadt bedrohte.„Ob der Lärmruf nicht den Wolf in der Fabel ankündigt?" meinte der Haus- Herr, das Fenster schließend.„Nun, wir werden es ja gleich erfahren." „Den Markgrafen läßt der Wenzingen nicht ein." bemerkte Konrad Eberhard.„Mußte doch dessen Bote vorgestern Abend außerhalb der Stadt nächtigen, nachdem er ihm am Thor des Markgrafen Schreiben abgenommen—" —„Und ehe er es dem Rathe übergab, gelesen hatte," ergänzte der erste Bürgermeister.„Wir können einem solch strengen Zensor nur dankbar sein, überhebt er uns doch jeder Verantwortung, und Kasimir wird es verstehen, warum»vir sein freundliches Angebot, zwischen Rath, Ausschuß und Bauern zu vernritteln, abgelehnt haben." Hier wurde von dem Diener der zweite Thurmwächter angemeldet; denn es hielten deren zwei abwechselnd Tag und Nacht droben die Wacht. „Nun, was giebt's?" wandte sich Herr Erasmus lebhaft zu dem Eintretenden. „Euer Gnaden, die Bauern kommen antwortete der Mann mit rauher Kehle.„Sie ziehen in großer Zahl von den Lindachseen her." Die Frauen erschraken. Der Hausherr füllte einen Becher mit Wein, reichte ihn dem Boten und sprach:„Es ist gut, ich dank' Euch." Herr Konrad suchte unterdessen Frau von Muslor und die Mädchen zu beruhigen. Es hätten sich an den Mauern von Rothenburg schon ganz andere als Bauernschädel ein- gerannt. Erasmus von Muslor machte sich zum Ausgehen bereit, und auch der zweite Bürgermeister steckte sich sein Schwert an, warf die Schaube über und griff zum Barett. Darüber sandte der oberste Stadthauptmann Albrecht von Adelsheim Boffchaft, daß er für alle Fälle auf dem Faul- thurm zu finden sein werde. In den: geräumigen Hausflur des Erdgeschosses begegnete ihm der Stadtrichter Georg Hörner und vor dem Hausflur warteten vier Stadtknechtc in voller Rüstung. Verwundert fragte der erste Bürgermeister, was es mit ihnen solle?„Als Euer Gestrengen Leibwache," erklärte Hörner. Das bureaukratisch-aristokratische Gesicht des Herrn Erasmus wurde dunkelroth.„Schicket die Leute fort," befahl er und fügte, den nächsten Weg nach dem Faulthunn einschlagend, gegen seinen Amtsgenossen bitter hinzu:„So weit ist es also schon gekommen, daß die Oberhäupter der Stadt in deren Gassen einer Schutzwehr bedürfen?" „Nicht doch, es ist nur der Uebereifer des Mannes." er- widerte der zweite Bürgermeister mit finsterer Miene. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) DivrleKkvifktzeSkÄdtbedfniuVrrlin. i. Der Verkehr auf den Straßen Berlins hat in den letzten Jahren an den Konzentrationspunkten des hauptstädtischen Geschäftslebens und an den Kreuzrmgspunktcn der bedeutendsten Verkehrsadern so große Steigerungen aufzuweisen, daß die bisher vorhandenen Mittel und Wege für die Bewältigung und Aufrcchterhaltung des Verkehrs nicht mehr ausreichen. Die Verbreiterung wichtiger Verkehrswege und die Durchlegung neuer. Straßen durch große Häuscrviertel haben immer nur auf kurze Zeit Ver- kehrserleichterungen gebracht. Dem Bedürfniß, möglichst schnell von einem Theile der Stadt entfernt liegende Stadtviertel zu erreichen, konnte schon vor Dezennien nicht mehr durch neue Belastungen der Straßen mit den Mitteln des Wagenverkehrs entsprochen werden; die Nothwendigkeit, schnelle Fahrverbindungen zu schaffen und, wenn möglich, noch den Straßenverkehr zu entlasten, führte zum Bau der Stadt- und Ringbahn und zu deren Ausbau. Der Nothwendigkeit vermehrter Fahrgelegenheiten mußte sich manches Vorurthcil und der Widerstand wichtiger Faktoren fügen, selbst die Straße Unter den Linden wurde schön vor Jahren nach jahrelangen hartnäckigen Kämpfen dem Verkehr in größerem Maße durch die Durchführung des Pserdebahn-Geleises erschlossen. Dem Bedürfniß nach schneller Beförderung verdankt die Einführung der elektrischen Straßenbahnen die Wcgräumung der Bedenken und der kleinstädtischen Vornrtheile. Trotz all dieser Forffchritte wurden aber die Bedürfnisse des Verkehrslebens nicht befriedigt; die große Zahl der Unglücksfälle «ms den Straßen zeigten zur geniige, daß neue Verkchrsmöglichkeiten ohne Belastung des Straßenverkehrs geschaffen werden mußten. Für neue große Fahrgelegenheiten konnten daher nur Hochbahnen und Untergrundbahnen in betracht kommen. Als Betricbskraft bot die Elektrizität auch hier so große und bedeutende Vortheile, daß schon früher für neue Stadtbähnaulagcn nur eleftrischer Betrieb in Aussicht genommen war. Das erste Projekt einer elektrischen Hochbahn in Berlin wurde bereits im Jahre 1879 von Werner von Siemens, nachdem während der damaligen Gewerbc-Ausstellung die Versuche mit der ersten elektrischen Bahn ziemlich gute Resultate geliefert hatten, den Be- Hörden zur Genehmigung eingereicht. Siemens plante eine elektrische Pfeilerbahn, welche den Wedding mit dem Belle-Alliance-Platz durch die Friedrichstraße verbinden sollte. An der Bordkante beider Bürgersteigc sollte eine Säulenreihe eiserner Blechträgcr als Fahrbahn mit 1 Meter Spur- Iveite ausgebildet werden. Die Hausbesitzer der Friedrichstraße befürchteten durch die Ausführung eines solchen Projektes wohl weniger eine Verunzierung des Straßenbildcs, als vielmehr eine Entwcrthung ihrer Grundstücke, und so wurde denn das Konzessionsgesuch der Finna Siemens u. Halskc abgelehnt. Das gleiche Schicksal hatte der Entwurf dieser Finna, der ein elektrisches Hochbahnnetz, welches die Stationen der Berliner Fern- bahnhöfc als Ringbahn verbinden und strahlenfönnig von den Stationen der Stadtbahn zu den Stationen der Berliner Ringbahn führen sollte, vom Polizeipräsidium genehmigt haben wollte. Die Polizei stellte der Firma anHeim, die geplante Probestrccke einer elektrischen Hochbahn in der Gitschiner- öder in der Skalitzerstraße zur Ausführung zu bringen. Wenngleich diese Straßen ihrer großen Breite wegen für die Ausführung einer Hochbahn- Anlage sehr geeignet waren, so mußte doch' damals mit Rücksicht auf den verhältnißmäßig geringen Verkehr dieser Straßen von der Ausführung der Probcstreckc Abstand genommen tverden. Mittlcrtveile war auch der Bau der elektrischen Straßen- bahn von Lichterfcldc nach dem dortigen Anhalter Bahnhofe genehmigt worden, sodaß diese Versuchsstrecke zur Ausführung gelangen konnte. Wenngleich diese Lichterfeldcr Bahn als Straßenbahn ausgeführt wurdes so sollten die Betriebsverhältnissc doch haupffächlich von dem Gesichtspunkte betrachtet werden, daß man diese elektrische Bahn nach dem Wunsche Werner von Siemens nur als eine auf das Straßenniveau gesetzte Hochbahn auffassen sollte. Im Jahre 1892 trat dann die Firma Siemens und Halskc mit einem neuen Projekt an die Oefsentlichkeit. Die nun geplante elektrische Hochbahn sollte die Stadtbahnstation Warschauerstraße mit dem Zoologisckcn Garten verbinden und Abzweigungen nach dem Grunewald und nach Charlottenburg erhalten. Für diese Hochbahn waren in Aussicht genommen: die Skalitzerstraße bis zum Luisen- städtischen Kanal, das Elisabeth-Ufcr vom Wasserthorbecke» bis zun» Landtvehrkanal und dann dieser auf seinem rechte» Ufer bis zur Alexaudrinenstraßc, von da ab das linke Ufer bis zur Lichtcnstcin- Brücke; von hier ab sollte die Linie in westlicher Richtung ab- schwenken und gegenüber der Stadtbahnstation Zoologischer Garten ihren Abschluß finden. Bedenken mannigfacher Art wurden gegen diesen Plan geltend gemacht und führten dann zur Auf- stellung einer neuen Linie für die Erbauung einer elektrischen Hoch- bahn. Neue Hindernisse erwuchsen dem Unternehmen durch die Einwendungen zlveier Kirchengemeinden, die eine Beeinträchtigung dcS ästhetischen Eindruckes der Kirchen und Störungen des Gottes- dienstes durch das Geräuch des Eisenbahnbetriebes befürchteten. Der Einspruch des Gemeinde- Kirchcnrathes der Kaiser- Wilhelm- Gc« dächwißkirche, führte zu langivierigen Verhandlungen, dagegen wurden die Bedenken bezüglich der Lutherkirche am Dennewitzplatz dadurch beseitigt, daß man— soivcit dieses im Interesse des Ver- kchrs möglich war— die Linie der Hochbahn in der Büloivstraße schon in erheblicher Entfernung vor der Kirche von der Mittclpromcnade auf den nördlichen Bürgersteig hinüberschwenken ließ und der Firma Siemens u. Halskc die Verpflichtung auferlegte, alle Einrichtungen zu eincni möglichst geräuschlosen Betriebe der Hochbahn zu treffen. Nunmehr tvurdc(am 22. Mai 1893j„die Her- stellung einer elektrischen Hochbahn in Berlin von der Warschauer- straße über die Obcrbaumbrücke durch die Skalitzer- und Gitschiner- straße, durch die Straße Halle'sches Ufer, durch die Luckenwalder- straße, über das Terrainjdcs Potsdamer Bahnhofes bis zur Denncwitz- straße, über den Dennewitzplatz und durch die Bülowstratzc bis zum Nollendorfplatz mit zwei Abzweigungen nach dem Potsdamer Bahnhof" genehmigt. Bei der Konzessionserthcilung auf die Dauer von 90 Jahren schrieb die Polizei der obengenannten Untemehmerin vor, daß sie geeignete Vorkehrungen zum Schutze der Telegraphen- und Telephon- leitungen der Postverwaltung zu treffen habe, daß der Viadukt über den Straßenkreuzungen mindestens 4,55 Meter lichte Höhe und un- durchlässige Abdeckungen erhalten soll, daß die Wagen während der kalten Jahreszeit heizbar sein müssen, daß an keiner Stelle der Bahn die Fahrgeschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde überschritten werden darf, und"daß sie eine Bürgschaftssumme von SO 000 M. zu hinterlegen habe. Diese Sunime ist verfallen, wenn die Erbauerin nicht binnen zwei Jahren nach der Genehmigung der Einzelentwürfe die Bahn vollendet und dem Betriebe übergeben hat, wenn sie nicht spätestens 1-/- Jahr nach der Genehmigung vom 15. März 1896 die Einzelentwürfe einreicht, und wenn sie nach der Fertigstellung der Hochbahn den Betrieb derselben ohne Grund unterbricht. Die Stadt Berlin genehmigte im Jnni 1685 die Benutzung der öffentlichen Strahenanlagen:c. für die Herstellung der Hochbahn; die Unternehmerin muß" dafür vier Jahre nach der staatlichen Ge- nchmigung jährlich an die Stadt eine Entschädigung zahlen, die sich nach der Höhe der Roheiimahhme der elektrischen Stadtbahn richtet; die Entschädigung muß aber mindestens 20 000 M. pro Jahr betragen. Weiter muß sich die Erbauerin verpflichten, die Züge nach beiden Fahrrichtungen von 5l/2 Uhr früh in Zivischen- räumen von h v ch st c n s 5 Minuten einander folgen zu lassen und zwar in den Monaten Mai bis Oktober bis 1lil Uhr nachts und von Noveniber bis April nur bis 12 Uhr nachts. Nach 30 Jahren kann die Stadt die elektrische Hochbahn gegen Zahlung des llöfachcn Be- träges der Simime, die sich als durchschnittliches Einkommen der letzten 5 Geschäftsjahre ergicbt, käuflich erwerben. Macht sie von diesem Rechte nicht Gebrauch, so kann sie von 10 zu 10 Jahren nach vorheriger Verständigung, die aber mindestens 2 Jahre vorher gc- schehen muß, die Bahnanlagen zu den erwähnten Bedingungen in ihren Besitz bringen. Nach Ablauf der KonzessionSdauer von 00 Jahren wird die Stadt Berlin ohne jede Entschädigung Eigen- thümerin der elektrischen Stadtbahn. Als Bürgschaft für die Erfüllung der Verpflichtungen gegen den Magistrat von Berlin hat die Erbauerin der Bahn eine Kaution von 50 000 M. zu hinterlegen. Um die Herstellung der elektrischen Hochbahn zu sichern, war es noch nothwendig. der ausführenden Firma das E n t e i g n u n g s- recht zu verleihen, damit sie die zum Bau der Bahn bcnöthigten Grundstücke erwerben konnte, ohne die ganz außerordentlich hohen Preise, ivelche die Besitzer der in Frage kommenden Ländereien forderten, zahlen zu müssen, und damit sie auch das Grundcigenthum kaufen konnte, deren Besitzer jede Verhandlung bezüglich der Vcr- äußerung ihrer Gnmdstücke ablehnten. Nachdem am 29. September das voll Simens u. Halske er- richtete hölzerne Modell des Uebergangs über den Kurfürftcndamm, der in einer Entfernung von 70 Metern an der Gcdächtuitzkirche vorbeiführt, von den verschiedenen Interessenten besichtigt war, gab auch endlich die Bauverwaltung dieser Kirche die Zustimmung zur Herstellung des Bahnviaduktes an diesem Platze, stellte aber noch die Bedingung, daß das Eckhaus des Kurfürstendammes und der Taucnzicn- straßc neu mit einer dem Kirchengcbäude entsprechenden Architektur zu erbauen sei. Damit war die Fortsetzung der elektrischen Hochbahn vom Nollendorfplatz bis zum Zoologischen Garten gesichert!— _ P. M. G r e m p e. Vleines JfcutHefmi. — Ans der Themse. Wer die Themse nur in ihrer Schönhei sehen will, der muß sich hiiten, die Reise dntch das östliche London zu unternehmen, wenn man auch gerade auf dieser Strecke die imposantesten Eindrücke, soweit sich dieselben auf den englischen Handel beziehen, gewinnt. Der Schiffsverkehr ist hier ein ungemein reger; man sieht allerlei Schisie, die aus den verschiedensten Theileu der Welt stammen. Große Dreimaster, Dampf- boote, Frachtkähne, Segelschiffe jeglicher Art und Ruderboote. Einen besonders interessanten Anblick bietet die Fischerflotte, die sich zum größten Thcil aus holländischen Heringsbooten zusammensetzt. Die Einrichtung dieser Boote ist in manchen Fällen kehr eigenartig. Da man i'eit den letzten Jahren große Mengen lebender Fische vom Kontinent einführt, die meist an die Einwohner des Ostendes verkauft iverden, so sind diese Schiffe schwimmende Bassins, in denen die kaltblütigen Geschöpfe lustig herumschwimmen, um in einem Kochtopfe später ihr kurzes Leben in Gesellschaft von Zwiebeln und anderen Zuthaten abzuschließen. Es ist merkwürdig, wie viele Sorten von Fischen man in diesen schwimmenden Bassins zu sehen bekommt, Aale, Schleie, Barsche, Dorsche, Karpfen, Hechte und feit einiger Zeit sogar Forellen. Die letzteren iverden sogar in besonderen, mit Luft- pumpen versehenen Behältern in-portirt und dann natürlich als eng- lischc verkauft, denn das Markenschutzgesetz erstreckt sich bis dato noch nicht auf diese Nahrung gebenden Bewohner der kühlen Fluthen. In den East Jndia Docks sieht man die riesigen Auswandererschiffe vor Anker liegen. So geräumig, wie die Boote sind, so unkomfortabel sind sie auch. Das Hauptgewicht scheint man darauf gelegt zu haben, so viel Leute wie möglich hineiirpacken zu können. Vom hygienischen Standpunkt aus sind die meisten zu verdammen. Die Auswanderer werden in diese Schiffe zusammengepfercht, und wenn sie frische Lust genießen wollen, so müssen sie schon auf das Deck steigen. Daher ist eine Reise auf einem solchen Schiffe alles andere, nur nicht angenehm. Da die meisten Passagiere jedoch den unteren Klassen angehören, so kümmert sich die sonst in Schiffssachen so fürsorgliche englische Regierung um diese Zustände nicht, und die Kompagnien verdienen viel Geld, ohne sehr sonderliches dafür zu leisten. Die Themse hat ihre eigene Strompolizei, deren Amt durchaus keine Sinekure ,st und die häufig auch eigenthiimliche Dinge|gu verrichten hat, so z. B. das Auffischen und Suchen nach Ertrunkenen. In den letzten Jahren haben sich die Selbstmorde auf der Themse stark vermehrt. Daß die Polizei nicht mir die Ordnung aufrecht zu erhalten, sondern auch nach Spitzbuben zu fahnden hat, ist selbstverständlich. In früheren Jahren geschahen auf der Themse die unglaublichsten Dieb- stähle und ein allein gelassenes Boot ist ebensowenig sicher auf dem Flusse wie ein allein gelassenes Fahrrad in den Londoner Straßen. <,Hamb. Korr.") — Liebe als Faktor der Eutlvickelnng. So ist ein Arsikel im„Monist" betitelt, der gewissermaßen als eine Widerlegung der Huxlch'schcn Behauptung anzusehen ist, daß Liebe und Selbstlosigkeit im Widerspruch zu den kosmischen Gesetzen stehen. Der Verfasser des Artikels, Dr. Hutchinson, meint im Gegentheil, die Liebe sei ebenso ein ursprüngliches Element des Fortschrittes und der Eni- Wickelung, wie sonst eine Naturkraft; er hält die Liebe und das Mitleid sogar für den mächtigsten Trieb, abgesehen vom Hunger, und für ebenso unzertrennlich vom menschlichen und thierischen Dasein. Die erste Forni der Bethätigung ist natürlich der Geschlechtstrieb, und dieser hat unmittelbar die höhere, reinere Form der Liebe, die Elternliebe, im Gefolge. Nächst der Anhänglichkeit an die eigene Brut entwickelt sich überdies durch die Vennehrung der Gattung auch ein gewisser Altruismus, eine Art erweitertes Familiengefühl, das sich von den nächsten Angehörigen ans die Wesen gleicher Art bei den Thieren, gleichen Stammes bei den Menschen erstreckt. Je stärker diese Nächstenliebe, dieser Gemeinsinn ist, desto rascher gelangt die betreffende Gruppe ans eine Höhere Stufe der Zivilisation. Wo z. B.� der Werth des Individuums und sein Wohl und Wehe hoch angeschlagen werden, da entwickelt sich die Heilkunde, die, wie sich in der Kulturgeschichte deutlich nachweisen läßt, allüberall der Ausgangspunkt für die Naturwiffenschasten war. Fehlt dagegen der Antrieb der Nächstenliebe und hat das Leben des Individuums wenig Bedeutung, so verharren die Stänrme auf der primitiven Stufe der Wilden und bleiben kraftlos und unkultivirt, trotz der relativen Intelligenz und Tüchtigkeit des einzelnen Jndividuunis.— Kunst. — Mnsiker-Silho netten. Seit Paul K o n e w k a sein Leben beschloß, also seit mehr als einem Vierteljahrhundert, ist ans dem Gebiete der feinen Knnst. in Schattenrissen zu porträtiren und zu charakterisircn, nichts geleistet worden, was allgemeine Auftncrk- samkcit auf sich gelenkt hätte. Die einst so viel"betriebene Fertig- keit brachten nur vereinzelte fahrende Künstler noch in Erinnerung, wenn sie mit Schcere und schwarzem Papier in den Restaurants herumzogen und gegen geringes Entgelt die Profile der Gäste mehr oder minder getreu ausschnitten,— die K u n st des Silhoucttirens schien verschollen. Seit einigen Jahren jedoch ist sie von dem in der Steiermark lebenden Otto B ö h l e r wieder aufgenommen und zu einer bemerkensiverthen Vollendung gebracht worden. Gegenwärtig ist, wie wir einem Bericht der„Frankfurter Zeitung" entnehmen, eine Reihe von Originalen der Böhler'schcn Schattenrisse in einer Frankfurter Ausstellung zu sehen, zum theil große, figurcnreiche Kompositionen auf mcterbreiten Kartons, auf denen man Dutzende von porträttreucn Profilen, alle mit der Schecre geschnitten und aufgeklebt, erblicken kann. Ein solches großes Blatt stellt z.B. den ersten Akt der„Götterdämmerung" in der Wiener Hof- oper dar. Eine andere Tafel zeigt das erste Austreten des jungen Geigenvirtuosen Hubermann, wiederum mit zahlreichen bekannten Portrütköpfen im Auditorium; dann fesselt wieder eine Serie prächtiger Kapellmeistcrstudien. Sehr bemerkcnswcrth ist auch die technische Herstellung dieser Bilder. Böhler begnügte sich nicht damit, nur die Porträts mit der Scheere auszuschneiden; er betreibt die Ausschneidekunst mit voller Konsequenz und schneidet auch das Nebensächliche, das zur Lokalität Gehörige gewissenhast aus, wobei er sich verschiedenartig getönter Papiere bedient und nur selten mit Stift, Pinsel und solchen Werkzeugen nachhilft. Das mag in gewissen Fällen nur als Spielerei erscheinen; auf einigen Kartons springt aus dieser originellen Technik mehr heraus: eine Wirkung, die an die Kunstübung ganz inoderner Maler erinnert. So giebt Böhler z. B. einem ganz vorzüglich profilirten L i s z t- Kopfe einen stimmungsvollen Hintergrund durch mehrere übereinandergelegte verschiedenfarbige Ausschnitte von Bergzügen und durch einen auf nachthimmclblaucn Grund gelegten Mondausschnitt. Die schivarze Silhouette des Meisters ragl über diese» Hintergrund empor wre der Kopf der eghptischen Sphinx in die umgebende monderhellte Landschaft. Aehnluh verhält es sich mit einem Beethoven, dessen Schattenriß auf dem Hintergrund einer Landschaft erscheint, in der es stürmisch wettert. Baumwipsel neigen sich im Wind: Gewitter- wölken ballen sich: Vögel schießen über die erhellten Partien des Grundes.— Aus dem Thierleben. — lieber Seevögel als Sturm ivarner hat Walter Sachse auf verschiedenen Seereisen eine Reihe von Beobachtungen gemacht, deren Ergebnisse er soeben in den„Ornithologischen Monats- berichten" veröffentlicht. In erster Linie ist allerdings das Barometer der Wetterprophet des Seemanns, indeß Beobachtung und Erfahrung haben ihn auch Erscheinungen in der Natur als gute Wetter- verkünder kennen gelehrt. Neben der Wolkcnbildung, neben den Eigenheiten der See sind es namentlich die geflügelten Belvohner der Lust, die dem Seemann wichtige und werthvolle Vorzeichen eines herannahenden Unwetters geben. Die Vögel sind die Wetter- Propheten der Hochsee, namentlich die Albatrosse, die Kaptauben, die Sturmvögel, die im Gefieder unseren Schwalben nicht unähnlich sind. Die>e Sturmvögel, schwache zierliche Thiere, erscheinen Tausende von Meilen vom Land entfernt plötzlich beim segelnden Schiff, um ebenso schnell wieder zu verschwinden. Wagen sich sonst scheue See- vögel an ein Schiff heran, so bedeutet das schlechtes Wetter. Heiß- hungrig bemächtigen sie sich jedes über Bord geworfenen Gegen- standes; eine auffallende Erregtheit scheint unter' ihnen zu herrschen und sie in fieberhafter'Thätigkeit zu erhalten. Während die- selben Vögel unter getvöhnlichcn Umständen serglos spielend in weiten Unikreisen das Schiff umflogen und oft im Kielwasser längere Zeit zuriickbliebem hatten sie jetzt ihr Verhalten auffällig geändert: sie suchten in wilder Hast dicht über der Wasserfläche hillstreichend so viel Nahrung wie möglich im voraus zu sammeln und waren dabei wenig wählerisch. Selbst dem Laien würde sich der Eindruck aufdrängen, dah die Vögel jetzt etwas Absonder- liches in ihrem Gebahren haben— die Schiere wissen, dasi irgend ein Unwetter im Anzüge ist, welches sie vielleicht mehrere Tage verhindert, ihre gewohnte Futtermenge zu finden, Weder Barometer noch Wolkenbildung zeigt irgend welche Ver- änderung an, aber trotzdem bewahrheitet sich bei solchem Verhalten der Vögel das Seemannssprichwort: Die Vögel schießen dicht über das Wasser hin; sie haben Wind im Kopfe, In solchen Fällen steigert sich die Gier nach Futter so sehr, daß sogar die scheucsten Arten dicht au das Schiff herankommen. Selbst die kleinen Sturmvögel stellen ihr rastloses Spielen ein und suchen in eifrigem Hin- und Herirren die Meeresfläche ab. Der Trieb der Thiere, der sie veranlaßt, bei Zeiten, so lange die Gelegen- heit noch günstig ist, ihren Hunger zu stillen, um aus einen Sturm vorbereitet zu sein, ist dem Seemann eine nicht zu uuterschätzende Sturniwarnung. Bewegen sich aber die Seevögcl auffallend hoch in der Lust, dann bleibt es gutes Wetter. In Meeres- gegenden, wo Eisberge umhertrcibcn, warnt die Anwesenheit gewisser Vögel den Seemann, vor den Eisbergen auf der Hut zu sein. Größere Eisberge werden nämlich von Schaaren von Eisvögeln be- gleitet, die sich von de» Meeresthieren nähren, die mit einqestoren waren und durch das Aufthauen stei werden. Manches Schifs haben, wenn im dichtesten Nebel keine hundert Meter voraus zu sehen war, herrunfliegende Eisvögel vor einem Zusammenstoß mit einem Eis- berg bewahrt.— Aus dem Thierreiche. t. Neber das Licht des Glühwürmchens, das den Naturforschern schon manches Näthsel aufgegeben hat, kommt wieder eine Nachricht, und zwar von feiten des bekanntcu amerikanischen Physikers Langley. Dieser hat nämlich festgestellt, daß das Glühen am Unterleibe des Johanniskäfers, das mit einer ausgesonderten Flüssigkeit in Verbindung steht, eine Erscheinung ist, die gar nicht als eine Lebens funktion zu betrachten ist. Das Licht leuchtet auch noch nach dem Tode des Insekts, eine Thatsache, die merkwürdigerweise allen Beobachtern bisher entgangen zu sein scheint. Läßt man Sauerstoff auf dieses Flämn'.chcn einwirken, so wird es stärker, während es in luftleerem Raunie und in Kohlensäure erlischt. Da- nach muß also der Glanz die Folge einer langsamen Verbrennung gewöhnlicher Art sein, die ebenso wie jede andere Flamme des Sauerstoffs der Luft zu ihrer Unterhaltung bedarf, und es scheint dem nichts im Wege zu stehen, daß ein entsprechendes Licht, nur in viel größerer Leuchtkraft, künstlich erzeugt werde. Das würde in- sofern von Bedeutung sein, als das Licht des Glühwürmchens außer- ordentlich wenig Wärme entwickelt, nur etwa den 400stcii Theil der Wärme, die eine Gasflamme von gleicher Stärke erzeugen würde. Die Wärme des Lichtes eines Johanniswürntchcns würde nicht im stände sein, den Quecksilbcrfadeu eines Thermometers auch nur um ein Millionstel Grad steigen zu inachen.— Technisches. f. Neuere Richtungen im Pumpenbau. Das ver- breitetste Pumpensystem ist die Kolbenpumpe mit Saug- und Druck- Ventilen. Schon vor Jahrzehnten gab, wie auf vielen Gebieten des Maschinenbaues. auch hier das Bestreben nach raschen, Gang, nach schneller Arbeit Anlaß zu wesent- lichen Fortschritten. Dem modernen Ingenieur sind die alten Maschinen, deren Riescnorgane in'majestätischer Ruhe 10— AI Umdrehungen in der Minute machten, eine„Sehenswürdigkeit aus vergangener Zeit. Heute ist es gelungen, Pumpen zu bauen, die selbst bei 100 Umdrehungen in der Minute tadellos laufen, ohne daß die Ventile ihren Dienst versagen. Neue Aufgaben stellte mich hier, wie auf so vielen Gebieten der Industrie, die Anwendung des elektrischen Antriebes. Bisher setzte man die hohe Geschwindigkeit des Elektromotors durch Rieinen, Seile oder Zahnräder auf die ver- hältnißmäßig geringe der Pumpe herab. Umständlichkeit und großer Raumbedarf der Anlage, vereint mit geringer Be- triebssicherheit, besonders bei Zahnrädern, stellen die Auwendung eines solchen Betriebes für untertags in Bergwerken auf- gestellte Wasscrhaltungsnraschinen in Frage. Hier aber wäre elektrischer Antrieb vielfach sehr wünschenswcrth; denn schon jetzt geht man im Bergbau auf Teufen bis an 1000 Meter; da stellen sich aber dem bisher üblichen Antrieb durch direkt gekuppelte Dampfmaschinen fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Neben den Kolbenpumpen sind seit alter Zeit, außer manchen anderen Systemen, besonders die sogenannten rotirenden Pumpen und die Zentrifugalpumpen bekannt, aber bei weitem nicht ebenso durchgebildet und oft angewandt. Erst durch den elektrischen Antrieb wurde die Aufmerksamkeit in bedeutenderen, Maße auf sie gelenkt. Hierfür liegt ihr augenfälliger Vorzug darin, daß sie eine rasche Drehbewegung ausführen; sie können also direkt auf der Welle des Motors sitzen. Außer dem umständlichen und theuren Kurbelberrieb kommen hier aber noch die empfindlichen Ventile in Fortfall. Die rotirenden Pumpen sind durch zwei von den Konstrukteuren sehr verschieben gestaltete Körper charakterisirt, die sich in einem luftdicht ab- geschlossenen Gehäuse drehen; sie sind stets so geformt, daß das Wasser durch den Luftdruck in Hohlräume, die fortwährend zwischen den Körpern und dem Gehäuse entstehen, hineingepreßt und dann in die Druckleitung geschafft wird, während das Zurück- fließen natürlich verhindert sein muß. Ausgedehnte Anwendung finden diese Pumpen nicht; abgesehen von anderem müssen zwei Wellen angetrieben werden. Das charakteristische einer solchen Zentrisugalpnmpe ist ein Rad, ähnlich dem einer Turbine mit Schaufeln versehen, auch in einem dicht abgeschlossenen Gehäuse rotirend. Die Schaufeln pressen und schleudern das Wasser stetig nach dem äußeren Umfang hin. Auf vielen Gebieten sind Kolbenpumpen allein verwendbar; vor allem für große Förderhöhen. Dagegen dürste bei niedrigem Druck, d. h. geringer Förderhöhe, besonders in Verbindung mit elektrischem Antrieb, die Zentrifugalpumpe noch mehr Beachtung verdienen, als sie bisher gefunden hat. Dieser Pumpenart wird oft ein geringer Wirkungsgrad, also große Energieverluste, zum Vorwurf gemacht. Dieser Uebelstand ließe sich aber bei sorgfältiger Durchbildung der Konstrnktionstheile wohl zur Genüge beseitigen.— Humoristisches. — Die Hauptsach'. Metzgermeister:„So, da wär'n die fünftausend Mark fürs Fenster in uns'rer neu n Kirch' und gel'ns meine Bedingungen."— Pfarrer:„O, da soll es nicht fehlen, Herr Supperl, der Gegenstand des Gemäldes ist das Martyrium des Patrons der Metzger, unten Ihre Porträts als Medaillons, eine Gedenktafel und zwei Ehrenstühle in der Kirche I"— Metzger- meister:„Ja, und was d' Hauptsach' is, d'Fleischlieferung für'n PfarrhofI"— — Ein Feind der Halbheit. Braut:„Papa sagte heute, daß er die Hälfte unseres Unterhalts bestreiten werde."— Bräutigam:„Ja, und die andere Hälfte— wer bezahlt die?" („Simplicissimus.") Vermischtes vom Tnge. — Ein neues Telegraphenkabel wird zwischen Deuts chland und Schweden gelegt werden. Mit der Legung des neuen Kabels wird bereits in, Herbst begonnen. Die Kosten werden von Schweden und Deutschland gemeinschaftlich getragen. Mit dem bisherigen Kabel waren Fernsprechversuche angestellt worden, die sehr zufriedenstellend ausfielen, und mit Rücksicht hierauf vermuthet das„Stockh. Dagbl.", daß nach Legung des neuen Kabels vielleicht in kurzer Zeit eine direkte Fernsprechverbindung zwischen Stockholm und Berlin errichtet wird.— — In B euth en(O.-S.) versuchte ein Mann, der mit seiner Frau in Unfrieden gelebt hatte und von dieser vor einigen Tagen verlaffen war, seine vier- kleinen Kinder durch Ersticken zu tödten. Er schraubte, als die Kinder schliefen, die Lampe stark in die Höhe und verließ die Wohnung. Durch den starken Geruch des Rauches wurden die Hausbewohner aufmerksam, und die Kinder, die zum theil schon ohne Besinnung waren, wurden gerettet.— — In der Nähe des K ü ch wa l d e s bei Chemnitz beschäftigte Bahnarbeiter wurden von herabfallenden Erdstücken getroffen. Drei Mann erlitten leichte, einer schwere Verletzungen.— — In Dieuze erschoß sich am Montag, Ivie aus Augsburg gemeldet wird, der Kommandeur der 6. bayerischen Kavallcrie-Brigade, der General« Major Frhr. v. Pechmann.— — Ein fünfzehnjähriger Junge in S i e d I i n g e n im Maingau erhängte sich auf dem Speicher des elterlichen Hauses, weil ihm von seinem Vater ein nach seiner Anficht unzureichendes Taschengeld verabfolgt worden war.— — In den letzten Tagen sind in Sinj und Trilj täglich theils leichte, theils stärkere Erdstöße verspürt worden.— — Ein serbischer Militärflüchtling hat im Ge- fängniß von U s ch i tz zwei Gefangenenwärter, die mit ihm in einer Zelle waren, um ihn zu überwachen, mit deren eigenen Waffen im Schlafe getödtet. Er entfloh, um sich einer Haidickenbande an« zuschließen.— — Eine internationale Gartenbau-Aus st ellung soll im Mai 1899 in Petersburg stattfinden.— c. e. Die Beamten des Provinzial-LandtagcS von T a r r a« g o n a wollen, wie ein Madrider Blatt mittheilt, den Landtags- Präsidenten um die Erlaulmiß bitten, in ihren Schreibstuben Täfelchen mit der Auffchrift:„Hier werden Almosen a n g e- nommenl" anbringen zu dürfen. Man schuldet ihnen bereits für neun Monate Gehalt!— — Die Stadt Pugwash an der Northumberland- Straße (Nord-Amerika) ist fast ganz durch Feuer zerstört morden.— Verantwortlicher Redakteur: August Jaevbey in Berlin.- Druck und Verlag von Max Babing m Berlin.