Mnterhaltimgsblatt des Horwäris Nr. 147. Freitag, den 29. Juli. 1898 (Nachdruck mbolen) 43] Mm die �reilzeik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schtveichel. Eine Wagenburg deckte das Dorf von der Landstrabe her. die außerdem von starken Posten beobachtet wurde. Die Bauern lagen theils in den zur Zeit leeren Scheuern, theils unter Schutzdächern, die sie sich von Reisig und Brettern er- richtet hatten. Kaspar wurde von der Vorwacht angehalten und ein junger Bursche von etwa sechzehn Jahren, der mit einer rostigen Hellebarde bewaffnet war, führte ihn nach dem Pfarrhaus, wo der lange Lienhart und Leonhard Metzler im Quartier lagen. Jener stand eben vor der Hausthür.„Gott's Tod, der Kaspar," dröhnte sein Baß und er schüttelte ihm mit seiner mächtigen Faust fast den Arm aus dem Gelenk; seine runden, schwarzen Augen leuchteten vor Vergnügen. „Ist das aber gcscheidt, daß Du kommst, und nun setz' Dich daher und erzähl'." fuhr er fort und zog Kaspar nach einem Bänklein, das vor dem Hause stand.' Für seine langen Beine war es viel zu niedrig und er mußte sie lang von sich strecken. Zu ihren Füßen senkte sich das Dorf, dessen Stroh- und Schindeldächer aus dem jungen Grün der Hollunder- und Obstbäume hervorlugtcn, zur Landstraße abwärts. In der uiilden Luft sangen die Bienen aus den Stöcken des Pfarrers. In der Ferne, etwas zur Linken, ragten der schlanke Rathhaus- thurm von Rothenburg und die zierlichen Steinpyramiden der beiden Thünnc von St. Jakob in dieLuft. Noch mehr links glitzerte der Schlangcnleib der Tauber, gegen welche voni Sandhofe. der dem Spital gehörte, bewaffnete Bauern Rinder und Schweine herantricben, während andere an ihren Spießen Hühner, Enten und Gänse trugen. Die reichen Vorräthe des Hofes ließen das Bauernheer nicht darben. Auf den sanft geneigten Wiesen zur Rechten des Dorfes brannten bereits die Mittagsfeuer und Männer und Weiber waren bei ihnen beschäftigt. Spieße, Sensen, Hellebarden waren dort in Pyramiden zusammengestellt, und die Mannschaften ruhten daneben ini Grase oder trieben allerlei Kurzweil. An Pflöcken befestigte Pferde zcmnalmten bedächtig das ihnen vorgeworfene Heu oder Gras. Ein Fähnlein übte sich unter Georg Teufel aus Schonach in den Waffen. „Gelt, die werden die Junker das Tanzen lehren, in- sondcrhcit den Zeisolf von Rosenbcrg," sprach der lange Lienhart mit einein lautlosen Lachen.„Er hat sich noch einen Schnitt ins Kerbholz gemacht, und der geht tief, seinen Bauern bis auf die Knochen. Bist Du dessen denn nicht wissend, daß er ihnen, wie sie uns nach Reichardtsrode zugezogen sind, ins Dorf gefallen ist und ihre Häuser und Höfe verbrannt und ihr Vieh erschlagen hat?" Der erschrockene Blick, mit dem Kaspar ihn anstarrte, vcrrieth ihni, daß er von dieser Heldenthat des wilden Zeisolf noch nichts wußte.„Ja," fuhr der lange Lienhart fort und wies auf die Exerzierenden,„die werden den armen Buben, den Hans, besser rächen, als ich es könnte, und wenn Du in einigen Tagen etwan nach Ohrenbach machst, nachher kannst Du"der Käthe sagen, daß es geschehen ist. Schau, Kaspar, ich Hab' an dem Buben so eine Freud' gehabt, daß es nit zu sagen ist." Er schüttelte sinnend den Kopf. Kaspar nickte stumm. Nach einer Weile sagte er:„Er war mir ein so rechter Hcrzensbruder.— Aber wie ist es mit der Küthe? Von wegen ihrer bin ich gekommen. Ich trau' dem Schultheißen dort nit, und seit Ihr von Reichardtsrode fort seid—" „Kannst ruhig sein, Bruderherz," versicherte der Riese und schüttelte die Wehmuth von sich ab.„Der Andres von Tauberzell, was Dein Vetter ist. hält dort Wacht. und der Pfarrer in Ohrenbach, der Bockel, wird's dem Schultheißen jetzt wohl schon bewiesen haben, daß wir nit spaßen." „Wie soll ich denn das verstehen?" fragte Kaspar der- wundert. Der lange Lienhart lachte in seinen Bart.„Ja, schau, das ist halt eine verwundersame Geschichte. Kennst Du den Konz Hart? Den Hörigen, der aus Ohrenbach ist worden ausgetrieben?" „Freilich kenn' ich ihn," erwiderte Kaspar und erzählte, wie derselbe mit anderen Flüchtlingen und Heimathloscn ihm und Hans gegen den Rosenberger zu Hilfe gekommen wäre. Der lange Lienhart ließ einen leisen Pfiff hören, dann sprach er: „Wenn einer sich Tags über bald hier bald dort in den Wäldern verhalten muß— die Waldvögte merken's wohl am Abgang ihrer Hirsche, Hasen und Rehe— und zur Nacht in unterschiedlichen Dörfern bei diesem oder jenem Bauern unterschlüpft, da sieht und hört er mehr als unsereiner. Es heißt auch— ob's wahr ist, weiß ich nit—, daß der Hart dem Konz Wirth auf der Halden, dem Freibeuter, zu- gehalten und Briefe und Botschaften zwischen den Wissenden hin und her getragen hat. Nu. er ist auch nach Reichardts- rode gekommen. Da ist ein Ehepaar, zwei hörige Leut', die einen kleinen Buben haben. Ist aber nit der ihrige, sondern ein Pfaffensohn. Der Konz Hart hat's ge- wüßt und auch, daß seine Mutter niemand anders war'. als dem Ohrenbacher Pfarrer seine Köchin. die Jungfer Apollonia." Kaspar niußte bei dieser Enthüllung laut auslachen. Auch der oberste Hauptmann der Bauern lachte, strich sich seinen martialischen Vollbart und fuhr darauf fort:„Jtzt lose, wie der Teufel sein Spiel hat! Kommt die Jungfer just nach Reichardtsrode, wie wir dort lagern, und geht die Ziehmutter nächsten Nachmittag nach Ohrenbach und nachher die Apollonia nach Endsee. Der Konz Hart wittert Unrath, spürt's aus und steckt es dem Simon. Der nimmt sich sachte das Ehe- paar her: es soll gestehen, was es der Apollonia alles be- richt't hat. wenn nicht, vors Kriegsgericht und hängen. Nu. da haben denn die zwei Leut' mit klappernden Zähnen ge- standen, daß sie der Jungfer alles, was sie hatten erspähen können, hinterbracht hätten und diese dem Schultheißen von Endsec. Haben sich auch hoch und thcuer verschworen, daß es nit wieder geschehen sollte. Nu, der Simon hat Gnade für Recht ergchen lassen, ist aber mit uns der Meinung gewesen: besser ist besser. Und so sind wir denn nach Ohrenbach gezogen und haben den Pfarrer in den Bann gethan und ihm das Haus verpsählt. Haben ihn auch nicht im Finstern gelassen, warum, auch ihm erklärt, daß die Gemcind' ihn nicht länger als Pfarrer dulden ivolltc. Da ist denn dem Simon sein Bruder in Ohrcnbach geblieben, um die Pfarre zu versehen und ein Auge zu haben, daß den Scinigen und denen seines Bruders nix Uebclcs geschieht." Kaspar athmete erleichtert aus, warf seine Kappe in die Luft, sing sie wieder aus und rief:„Juchl" Der lange Lienhart machte eine satirische Miene, die jedoch seinem Raubvogel- gesicht eher den Ausdruck des Grimms gab, und sagte:„He, Bruder Tuchscheerer, stehts so mit Dir? Na, dann wollen wir der Käthe zu Ehren einen Trunk thun, Hab' Dir ohnehin noch keinen Tropfen angeboten." Er erhob sich, indem er sich dabei mit beiden Händen auf die Kreuzstange seines breiten Schtvertes stützte, das er die ganze Zeit über ztvische» den Beinen gehalten hatte.„Sixt, da kommt der Neujitzer Pfarrer," rief er und deutete mit einer Kopfbewegung nach einem Geistlichen, der die Dorsgasse heraufschritt. „Er kommt von einem Kranken. Wie der, so stell' ich mir vor, daß die Apostel gewesen sein müssen. Er red't mit Fcuerzungen, sein Evangelium ist die Freiheit, und die werkthätige Liebe soll sie zur Wahrheit machen. Nu. ich denk' halt, unsere Schwerter werden ein Vissel nachhelfen müssen." Der Pfarrer näherte sich gemächlich, so daß Kaspar Zeit hatte, ihn zu betrachten. Hans Stöcklein war ein junger. kaum dreißigjähriger Mann von schlanker Gestalt, mit einem runden Gesicht, dem Lust und Gesundheit frische, ins bräun- liche spielende Farben verliehen. AuS blauen Augen schaute er den seiner Harrenden mit einem milden Ernst entgegen. Aschblondes Haar quoll unter seinem Hute hervor. Schon aus der Ferne winkte er einen Gruß mir der Hand und herantretend sagte er:„Es ist eine verkehrte Welt, daß die Gäste den Hausherrn vor seiner Thür erwarten." Seine Stimme hatte einen vollen Tenorklang. Als der lange Lien- hart ihm den jungen Gesellen nannte, versetzte er:„Was bedarf's des Namens, ist er nicht ein Mensch? So kommt denn herein!" Ein Schuß auf dem äußersten rechten Flügel hielt sie jedoch vor dem Hause fest. Die Lärmtrommel rasselte und der lange Lienhart eilte mit Niesenschritten davon. Die Bauern liefen mit ihren Wehren allerwärts zu ihren Sammel- Plätzen. Auf der Höhe der Landstraße erschien ein Trupp Panzcrreiter mit einem Trompeter an der Spitze. Die Kürassire hielten und nur der Trompeter ritt noch eine kleine Strecke weiter vor. Kaum eine Minute später warf er sein Pferd hernni, der ganze Trupp machte Kehrt und verschwand in den Staubwolken, welche die Hufe erregten. „Das Wetter ist unschädlich vorübergegangen," sprach Hans Stöcklein und lud Kaspar in das Haus. Er führte ihn in eine geräumige Stube mit weiß getünchten Wänden und niedriger Balkendecke. Außer einem Tische und einigen Stühlen von altersbraunem Nußholz standen zwei ärmliche Bettstellen darin für den langen Lienhart und Metzler. Der letztere war am frühen Morgen nach Brettheim geritten, um einen Blick auf seine Wirthschaft zu werfen. Der einzige Schmuck der Stube bestand aus einem plumpen Kruzifix an der langen Wand zwischen den beiden Betten. Dieser gegenüber leitete eine Thür zu dem Studium des Pfarrers. Eine sauber ge- kleidete Bäuerin, deren Haar bereits ergraut war, brachte Milch und Wein in irdenen Krügen, Becher von Bnchsbaum, Brot und Honig.„Lasset's Euch gut schmecken," wünschte sie freundlich, und Kaspar suchte nach Kräften ihren Wunsch zu erfüllen. Der Pfarrer schänkte sich Milch ein. Er trank nie Wein. Seine Lebensweise war überhaupt die allereinsachste. Er war aber kein Asket, sondern schränkte sich nur aufs äußerste ein. um den Bedürftigen desto mehr geben zu können. „Auf den Sieg des Volkes," sagte er und stieß mit Kaspar an.„Rebell wird der arme Mann gescholten, wenn er in seiner Verzweiflung zur Wehr greift, weil sein Geschrei nach Gerechtigkeit überall und allerwärts taube Ohren findet." „Mein Vater hat's erfahren," bemerkte Kaspar. „Wer nicht, dessen Wiege in einer Hütte stand?" seufzte ans Stöcklein und strich sich über die stark vorgewölbte tirn. Seinen Hut hatte er abgelegt und Kaspar gewahrte, daß er seine Tonsur hatte überwachsen lassen.„Ich sollte geistlich werden, um für die Sünden anderer zu büßen. Das ist eine leichte Art, sein Unrecht zu sühnen. Da Hab' ich zu denken angefangen, zu denken, daß die Kirche nicht das Christenthum ist; keine Kirche ist's. Darum erziehe ich meine Gemeinde zur evangelischen Freiheit." Kaspar scheute'sich, nach den Schicksalen des Pfarrers weiter zu forschen. Dieser lobte das ordentliche Betragen der Bauern, denen der Gedanke, für ihre Freiheit zu kämpfen, einen höheren Schwung gebe. Dariiber kam der lange Lienhart zurück. Die Stubenthür war für ihn viel zu niedrig, vollends mit dem Eisenhut aus dem Kopfe. Jenen warf er sogleich auf das nächste Bett; den Brustharnisch legte er nicht ab, sondern setzte sich in ihm an den Tisch und ergriff den Weinkrug.„Ansbachische waren's, an die fünfzig Mann," berichtete er, nachdem er einen Becher hiuuntergestürzt hatte.„Wie sie sahen, was Dornen das Röslcin hat, so sie zu pflücken vermeinten, machten sie Kehrt. Rief ihnen einen schönen Gruß an den Markgrafen Fettwanst nach und wir würden beisammen bleiben, bis der Rath unsere Forderungen erfüllt hätte. Bin be- gierig, was der Denncr für Antwort bringen wird. Ist ein tapferer und geschickter Fechter." „Der Muslor aber auch, Hab' ich meinen Alten sagen hören," schaltete Kaspar ein. Dem langen Lienhart ging etwas anderes durch den Sinn und er rief, sich zu dem Geistlichen wendend:„Pfarrer, Du solltest auch wie der Denner Deine Lenden mit dem Schwert—. Wie heißt's in der heiligen Schrift?" „Das Schwert Gideon's," half Stöcklein ein. „Also gürte Deine Lenden mit dem Schwert Gideon's. Du sollst sehen, Pfarrer, daß Du ein ganz anderer Kerl bist, wenn Du eüi Eisen in der Faust hast." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die eteKkeisdteSkLtdtlmhn inVerlin. iil (Untergrundbahn Potsdamer Platz bis Schloß-Brllcke.) Nach Fertigstellung der im Vau begriffenen elektrischen Hochbahn Zoologischer Garten— Warschauerstraße und der Abzweigung nach dem Potsdamer Platze soll ein Projekt zur Ausführung kommen. welches eine Fahrverbindung vom Potsdamer Platz nach der Schloß- brücke durch die Erbauung einer Unterpflasterbahn her- stellen soll. Daß der Betrieb von Untergrundbahnen ohne Schwierigkeiten möglich ist, beweisen die langjährigen Erfahrungen mir derartigen unterirdischen Verkchrsanlagen in London und in Budapest. Die Unterpflasterbahn in Budapest, die von Siemens u. Halske erbaut wurde, befindet sich seit dem t. Mai 1896 in ununterbrochenem Betriebe und hat sich in jeder Hinsicht bewährt. Die Untergrundbahn für Berlin soll nach dem Entwurf von der elektrischen Hochbahn- Station Potsdamer Platz die Züge weiter- führen, indem sie von dem Droschkenplatz am Potsdamer Bahnhof aus unter dem Pflaster sich durch die Äöniggrätzerstraße am Platz vor dem Brandenburger Thor vorbei und an den Fundamenten des Rcichstags-Gebäudes entlang bis zum Reichstags-User hinzieht. Am Reichstags- Ufer wird diese unterirdische Bahn in Form einer nach der Spree hin offenen Gallcrie dicht an dem Mauerwerk des Ufers zur Ausführung gelangen. Neben der vorhandenen Unterführung des Reichstags- Ufers wird sodann die Untergrundbahn unter der westlichsten Bogcnöffnung den Bahnhof Friedrichstraße durchfahren, um nunmehr unter den Straßen„Am Weidcndamm" und„Am Kupfergraben" an der Spree entlang unter der Straße„Am Zeughause" die Endstation Schloß-Brückc zu er- reichen. Nach Ausführung dieser Unterpflasterbahn von etwa dreitausend Metern Länge wären diese zwei folgenden Verkehrsgelegeuheiten her- gestellt: 1. Zoologischer Garten— Potsdamer Bahnhof— Bahnhof Fricdrich- straßc— Schloßbrücke und umgekehrt, und 2. Warschauerbrücke— Potsdamer Bahnhof— Bahnhof Fricdrich- straße— Schloßbrücke und umgekehrt. Wie auf der elektrischen Hochbahn so werden auch bei der elektrischen Untergrundbahn die Stationen so gestaltet sein, daß auf beiden Seiten der Geleise von drei Meter breiten Außenbahnsteigen aus die Wagen betreten werden. Die Haltestelle Potsdamer Platz wird an der Ankunftsscite des Potsdamer Bahnhofes dicht an der Königgrätzcrstraßc erbaut werden. Die unter der Einmündung der Sommefftraße auf dem Platz vor dem Brandenburger Thor liegende Station gleichen Namens wird auf der einen Seite von dem zwischen den Pfcrdebahn-Gelcisen liegenden Bürgersteig zugänglicki sein, während der West- liche Bahnsteig von der Seite des Thiergartens aus einen Zugang erhält, der auf dem Bürgersteige der Sommerstraße zwischen dem Promeuadenwege und denr Fahrdamm zu liegen kommt. Unter der Straße am Weidendamm neben der Brücke ist die Haltestelle Weiden- dammcr Brücke vorgesehen, und zwar soll der Bau derselben gleich so eingerichtet werden, daß man später ohne große Mühe von der Untergrundbahn aus auf den Babnhof Friedrichstraße durch eine Treppenanlage gelangen kann. An dieser Stelle soll sich in Zukunft eine mehrgeschossige Ucbergangsstation erheben, wenn cimnal die geplante weitere Hochbahnanlage, die an der Pauke entlang nach dem Stadttheil Gesundbrunnen und dann vielleicht noch weiter in Form eines nördlichen Hochbahnringes durch die Fricdensallce zur Station Warschauerstraße führen würde, zur Ausführung kommt. Für die Endstation Schloßbrücke wird nahe der Brücke eine breite Treppe erbaut werden, so daß der Zu- und Abgang der Fahr- gäste auch bei starkem Verkehr ohne Gefahr erfolgen kann. Auch die elektrische Untergrundbahn Ivird, wie die Hochbahn, zwei Hauptgcleisc erhalten und in ihren Stationen ebenfalls so ein- gerichtet sein, daß der Reisende stets rechts aus- und ein- steigen muß. Entsprechend der Geleisentfcrnung auf der Hochbahn wird auch auf der Untergrundbahn zwischen den Schienenmitten der Abstand 3 Meter betragen. Zur Erreichung einer möglichst großen Betriebs- ficherheit wird der Bahnlunnel in den geraden Strecken eine Breite von 7 Metern und in Kurven eine solche von 8 Metern erhalten. Die Höhe des Tunnels ist auf 3,36 Meter über der Schicnenoberkante festgelegt. Damit dürfte den weitgehendsten Ansprüchen Rechnung getragen sein, wenn man bedenkt, daß z. B. der Tunnel der Unter- pflasterbahn in Budapest bei einer Breite von 6 Metern nur 2,76 Meter hoch ist. Die Wände des Vahntunnels sollen nach dem Vorbilde der Untergrundbahn in Budapest aus Stampfbeton 1 Meter stark her- gestellt werden und in Entfernungen von 1 Meter die Träger der Tunneldecke tragen. Diese wird 86 Zentimeter stark sein und aus Betongewölbe mit einer Zcmentschicht und einer wasserdichten Ab- dcckung unter Verwendung von ASphalt- Filzplatten hergestellt werden. Von der Deckenunterkante bis zur Oberkante des Straßen- Pflasters wird demnach die Entfernung nur 6,86 Meter betragen; selbstverständlich aber wird die Decke in der erwähnten Bau- ausführung so sicher und tragfähig hergestellt sein, daß man die schwersten Lasten auf der Straße— trotz der darunter liegenden Tunnelanlagen— ohne jede Gefahr wird transportiren können. Die Decke soll die Lcitungsschienen für den elektrischen Strom tragen, damit die des Nachts vorzunehmenden Reparaturen nach Möglichkeit ohne Gefahr für die Arbeiter ausgeführt werden können, da durch diese Anordnung Unfälle, die durch unbeabsichtigtes Berühren der elektrischen Leitungen verursacht würden, vermieden werden. Der Boden des Bahntunnels wird besonders sorgfältig her- gestellt werden müssen, weil unser Grundwasscrstand ein ziemlich hoher ist und die Höhe der Schieneuoberkante fast überall tiefer als das Niveau de? Grundwassers liegt. Die größte Tiefe erreicht die zukünftige Untergrundbahn am Potsdamer Platz; hier liegt der Grundwasserspiegel 1,36 Meter über der Oberkante der Schienen. Die Sohle des Tunnels wird über der Betonschicht ei« mit einem durchlausenden Entwässerungskanal versehenes Ziegelgewölbe er- halten und wasserdicht durch Asphaltfilz abgedichtet werden. Trotzdem sollen mehrere Pumpen mit elektrischem Betriebe vorgesehen werden, damit auch für außergewöhnliche Fälle die Möglichkeit ge- geben ist, plötzlich auftretende große Wassermengen sofort in die Kanalisationsan.lagen zu drücken. Die Thatsache, daß die Hauptsammel- kanäle der städtische« Kanalisation— trotzdem sie hin und wieder in einer Breitenabmessung von 4,60 Metern ausgeführt sind— in den verflossenen Betriebsjahren sich in jeder Hinsicht bewährt haben, dürfte der beste Beweis dafür sein, daß auch bei den Verhältnissen des Berliner Straßenlandes die Ausführung und Erhaltung von Tunnelbauten möglich ist. Der Bau des Tunnels für die elektrische Untergrundbahn wird eine Verlegung der in den Straßen liegenden Leitungen nothwcndig machen; doch dürften auch diese Arbeiten keine außergewöhnlichen Schwierigkeiten bereiten. In der Sommerstraße und am Branden- burger Thor ivcrden Rohre von 610 Millimeter Durchmesser in ihrer Lage etwas verändert werden, und das Gasrohr von 916 Millimeter Durchmesser an der Eisernen Brücke braucht nur etwas gehoben zu werden, um die Ausführung dcS Tunnels zu ennöglichen. Während die Leitungen der Post, der Polizei und der Rohrpost ohne erwähnenswerthe Hindernisse verlegt werden können, müssen die Kanäle der Kanalisation an einigen Stellen größeren Abänderungen unterworfen werden. Unter der Sommer- straße befindet sich ein Heizkanal, der vom Maschincnhause zum Reichstagsgebäude führt und infolge des Tunnelbaues nur etwas tiefer gelegt werden müßte. Der unterirdische Zugang zur Martt- Halle iu der Dorotheenstraße von der Spree aus war nur kurze Zeit benutzt worden und kann daher um die Breite des Tunnels leicht verkürzt werden. Der Bau der Unterpflasterbahn soll von der Spree aus erfolgen und nach dem Potsdamer Platz vorgetrieben werden; dadurch können die ausgchobencn Erdmassen unterirdisch durch die hergestellten Tunnelstraßen cyif Geleisen zur Spree befördert werden und die von den Kähnen gebrachten Baumaterialien gegen die Schuttinassen austauschen. Bei der Bauausführung soll möglichst jede Beschränkung des Straßenverkehrs vermieden werden. Die Ausführung der Strecken am Thiergarten und in den Uferstraßen ist bei der großen Breite dieser Straßen sehr leicht möglich; dagegen würde mair in den engen Straßen und am Platz vor dem Brandenburger Thor den Tunncl- bau so ausführen, daß die beiden Tunnelwände nacheinander im Tagebau errichtet lverden, während der Einbau der Decken des Nachts erfolgt und am Tage durch geeignete Abdeckung geschützt wird. Der vorstehend bezeichnete Plan einer elektrischen Unterpflasier- bahn hat schon im April 1897 der Regierung vorgelegen und seine Ausfühmug dürfte sofort nach Fertigstellung der Hochbahn in Angriff genommen werden.—_ P. M. G r e m p e. Mleittrs Fettillekon. —6. Ei» Uugliilk.„O, ist das schrecklich I"—„?lber was ist denn geschehen V Was hast Du denn nur— Aengstlich strich die Mutter ihrer Tochter über die Anne. Zitternd drängte sich das junge Mädchen an sie. Sie achtete nicht darauf, daß sich ihre Haare zerzausten und ihre Zöpfe sich lösten. Die neue Bluse wurde zer- knittert und die weiße Tüllschleife zusammengepreßt. Von dem lautlosen Schmerz ihrer Tochter wurde die alte Dame im ftischen Wasch- kleid unruhig. Sie stellte in ihrer ganzen Erscheinung, den lächelnden, zufriedenen Gesichtszügen und den abgerundeten Linien, die behäbige Ruhe des wohlhabenden Sommerfrischlers vor. Jetzt aber stieg i>k ihren gcrötheten, fetten Backen eine brennende Angst auf. Ihre kleinen Augen verloren ihre Ausdruckslosigkcit. Sie riß die Lider ivcit auf, fast so weit wie ihren Mund. Hier draußen, zwischen Wedding und Tegel, war alles möglich... Wenn ihrer Tochter nur nicht das schlimmste zugestoßen ivar... „Sag' mir mal sofort, was Du hast!" sagte sie streng. „Oh, denk Dir nur, ein kleiner Junge todt, verunglückt." Und wieder drängte sich das Mädchen au die Mutter. Deren schreckvollcr Ausdruck einer zuftiedcnen, abweisenden Miene wich:„Weiter nichts? Und damit jagst Du mir solchen Schreck ein?" „Oh Gott! Es war furchtbar l" Jetzt hatte das Mädchen end- lich soviel Macht über sich, daß es erzähle» konnte:„Ja, ich gehe wie immer nach der Haide. Weil es so windig ist. nehme ich den kürzesten Weg am Zimmererplatz vorbei. Sonst gehe ich nicht dort, weil das Holz nach dem Regen so furchtbar riecht. Heute arbeiteten keine Männer drüben. Sie stellen gewiß das Gerippe, das sie zusammengesetzt haben, auf einem Bau auf. Dafür trieben sich große Schaaren Kinder zwischen den aufgestapelten Balken umher. Und auf einmal kracht und poltert es, die Kinder sind still, dann rennen sie schnell davon. Rur einige schreien; die Jungen springen zu und ziehen ein Kind heraus. Der Kopf war ganz breit." Schaudernd verbirgt das Mädchen sein Gesicht. Die Mutter steht hilflos, verständnißlos bei ihm. Endlich fragt sie:„Wessen Kind war denn das?" „Ach, drüben, der Waschftau gehörte es. Die sagte keinen Ton, als wir es ihr brachten. Sie stand blos einen Augenblick still, mit den Händen im Waschfaß. Dann trocknete sie sich die Hände ab und legte das Kind auf ihr Bett... Denk Dir nur. Mamachen, nicht ein Wort sagt sie!... Und als sich darüber zu ihren Nach- barinnen sprach, sagten die:„Ach, für den Kleinen ist es das Beste. Er hatte die englische Krankheit." Als ich meinte, dann hätte das Kind ordentlich gepflegt werden müssen, fragten sie ganz dreist:„Ja, wovon denn? Die Frau hat so schon sechs Mäuler zu stopfen. Deshalb schmerzt sie der plötzliche Tod des Kindes nicht weniger. „Aber wir haben keine Zeit zum Heulen..." Diese rohen Menschen! O, wie kann man so roh sein!" „Aber warum wirst Du Dich denn darüber so aufregen! Mögen sie doch ihre Kinder besser beaufsichttgen. Aber da lassest sie die Würmer gerade jetzt, in den Ferien, den ganzen Tag herum- tollen. Kein Mensch kümmert sich um sie... Aber nun komm nur zu Tisch. Es giebt heute Schnitzel. Die ißt Du ja, so gern"; fügte die Mutter begütigend hinzu. „Ach, ich kann heute nicht essen, das tobte Kind, und diese Rohheit!" „Aber deshalb wirst Du Dir doch nicht den Appetit verderben lassen?!"-- ,• Archäologisches. — Das Reichspostmuseum hat neuerdings drei�werthvolle Er- Werbungen zur Geschichte des Schrift Wesens gemacht. Sie stammen sämmtlich aus Theben in Ober-Egypten und wurden dort in alten Gräbern aufgefunden. Das älteste der Fundstücke stainmt aus der Zeit des neuen Reichs, ungefähr der Zeit der XVIII. oder XIX. egypttschen Dynastie, also etwa 1690 v. Chr. Es ist dies eine Sch reibe rpa leite aus Holz. An dem oberen Ende sind zwei Löcher für die üblichen beiden Tinten, roth und schwarz, angebracht. Die Tinte oder vielmehr Tusche ist noch erhalten, in den 3400 Jahren natürlich eingetrocknet. Die untere Hälfte der Palette, welche vertieft und durch einen Schieber verschlossen ist, dient zur Aufbewahrung der Rohrfedern. Von diesen sind drei erhalten. Wohl für einen Schüler bestimmt war ein zweites Schreibzeug aus Holz in einfacherer Ausführung. Dies hct vier Löcher für Tinte. Es entstammt der Spätzeit, etlva aus dem Jahre 1400 vor Chr. Griechisch-Alerandrinischen Ursprungs ist eine äußerst interessante S ch r c i b t a f e l für Schüler, ebenfalls aus Holz mit schwarzer Schrcibfläche. Das griechische Alphabet ist an dem oberen Rande vorgeschrieben. Die Tafel stammt aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.— Geographisches. — Schwankungen des Wasserspiegels in Binnenmeeren und-Seen als Folgen des Windes und des Luftdruckes. Bekannt sind die Sturmfluthen der Ostsee, bei denen das Wasser durch den längere Zeit aus einer bestimmten Richtung, besonders aus Osten wehenden Wind gegen den Strand getrieben wird, so daß sich das Wasser in dem Theile der See, nach dem der Wind Iveht, staut und um 3 Meter und mehr steigt. Aehnlichc Erscheinungen sind auch in anderen geschlossenen Meeren beobachtet worden, wo Ebbe und Fluth ohne oder von nur ganz geringem Einfluß auf das Seeniveau sind. Im Kaspischen Meere z. B. vermag der Sturm den Wasserspiegel auf der Secseite, aus der er kommt, um 1,80 Meter herabzudrücken und auf der cntgegeugcsetztcn Seite um ebenso viel zu erhöhen. Auf dem Ericsee sind bei konstant wehenden Winden Schwankungen des Wasser- spiegels um 0,60 bis 1,60 Meter häufig beobachtet worden. Unter dem Einfluß von Orkanen wächst die Niveauverschiebung auf mehr als 4,50 Meter. Auf diesem See ist ein charakteristischer Gegensatz zwischen den Aeguinoktialstürmen des Frühjahrs und denen des Herbstes bekannt. Im Frühjahr blasen die Stürme nach dem Westen, drücken infolge dessen das Wasser im westlichen Scetheil um 1,26 bis 1,80 Meter empor, während sie es im östlichen Theile um ebenso viel niederdrücken. Im Herbst ist es umgekehrt. Die Stürme gehen dann nach dem Osten, und es sinkt infolge dessen der Wasserspiegel im Westen und steigt im Osten des Sees. Neben diesen großen Schwankungen der Wasseroberfläche giebt es ferner auch kleine, bei denen die Periode des Steigens nicht über eine halbe Stunde hinausgeht und das Niveau sich nur um 0,08 bis 0,10 Meter hebt. Diese Schwankungen sind bereits um die Mitte unseres Jahrhunderts von Duiller für die Schweizer Seen nachgewiesen. Jüngst hatte Napier Dcnsion Gelegen- heit, sie auf dem Oberen See zu beobachten. Die dabei gewonnenen Ergebnisse legte er dem„Canadian Institute" vor und zeigte darin, daß die großen Seen die Stürme zuverlässiger verkünden als es die Barometer thun. Er nimmt an, daß diche Niveauschwankungen des Sees eine Wirkung der Luftwellen sind, die über die See-Ober- fläche gehen und kleine Wasserspiegel-Schwankungcn verursachen, deren Höhen sich an Engen oder weniger tiefen Stellen verstärken.— („Prometheus".) Physiologisches. b. Neber Gefühlstäuschungcn bei Amputirten bringt Dr. Borek in der„Wiener Klinischen Rundschau" neue That- fachen bei. Wohl jeder hat schon davon gehört, daß ein Mensch, dem eines seiner Gliedmaßen abgenommen lverden nmßte, noch später ganz deutliche Einpfindungen in dem fehlenden Körpertheil zu spüren glaubt. Man verstand diese Thatsache erst, als Johannes Müller die Thätigkeit des Nervensystems durch seine grundlegenden Arbeiten auf- getlärsi hatte undgcwann die Ansicht, daß es sich bei solchen Empfindungen um eine Reizung der Nervenenden in dem übrig gebliebenen Glied- stumpfe handelte, deren Sitz von dem Gehirn des Betreffenden fälschlich in den abgenommenen Körpertheil hinein verlegt würde. Man hat aber neuerdings auch Fälle beobachtet, in denen ein solcher Nervenreiz an dem Gliedstumpfe gar nie statt- gefunden hatte und doch derartige Wahnvorstellungen entstanden. Die Operirten hatten z. B. die deutliche Empfindung, das; das fehlende Glied nicht nur noch vorhanden wäre, sondern auch gewisse Be- wegungen ausführte, die von ihrem Willen unabhängig wären. Unter anderem treten derartige Täuschungen ein, wenn die be- treffende Person durch ein unerwartetes Hundegebell in umnittel- barer Nähe oder durch eine Gruppe schreiender Leute erschreckt wird, also in eine Lage kommt, in der sie das fehlende Glied, sei es nun Fust oder Hand, wenn es noch vorhanden wäre, wahrschein- lich sofort benutzt hätte. Auch eine Empfindung von Kälte in dem gesunden Gliede kann dieselbe Täuschung hervorrufen, indem der Amputirte wahrscheinlich von dem Wahne beherrscht ist, das entsprechende andere Glied müßte ihn cbensall frieren. Die Täuschung kann soweit gehen, daß der Operirte sich mit Bestimmt- heit einbildet, das fehlende Glied sei vorhanden, und zwar ver- schwindet dieser Druck angeblich in der Weise, daß das vermeintliche Glied immer mehr zusammenschrumpft, bis sein Besitzer nur noch den wirklich vorhandenen Stumpf fühlt. Manche Aniputirte geben an, das fehlende Glied wirklich neben sich in ihrem Bette zu fühlen, sie spüren, wie das Glied beim Herumgehen mit den Bewegungen des Körpers hin und her schaukelt und behaupten sogar, sowohl mit demselben alle möglichen Bewegungen ausführen, als die freiwilligen Bewegungen desselben willkürlich verhindern zu können. Personen, denen eine Hand fehlt, meinen z. B. den Fingern der- selben eine Stellung geben zu können, wie sie etwa zum Schreiben nothwendig ist. Schmerzen in dem fehlenden Gliede werden mit genauen Einzelheiten beschrieben, so wird ausdrücklich die Stelle an- gegeben, an der eine Wunde oder ein Geschwür sitzen soll. Manchmal ist diese Wahnvorstellung so stark, daß das nicht vorhandene Glied deutlicher empfunden wird, als das gesunde. Ein Mann, dem eine Hand fehlte, setzte sich auf ein Pferd, behielt die Peitsche in der ge- sunden Hand und griff mit dem Armstumpf nach dem Zügel, er fiel herunter, als er ihn nicht fassen konnte. Ein anderer griff bei Tisch wiederholt mit dem Armstumpfe vergeblich nach' der Gabel, um sie zu fassen. Häufig sieht man, wie Krüppel sich gerade auf die fehlende Hand oder den fehlenden Fuß stützen wollen, dann natürlich das Gleichgewicht verlieren und zu Boden stürzen. Diese Erscheinungen treten auch bei Menschen auf, deren Geisteszustand im übrigen völlig normal ist. Wirkliche Geistes- störungcn kommen bei Personen, die zu solchen nicht durch erbliche Belastung, Nervenschwäche oder Ausschtveifungen veranlagt sind, nur dann vor, wenn die Wahnvorstellung lange Zeit fortgesetzt au- gedauert hat und zu einer fixen Idee geworden ist, von der sich das Gehirn des betreffenden nicht mehr losmachen kann.— Medizinisches. — Auf dem gegenwärtig in Berlin tagenden Blindenlehrer- Kongreß sprach Prof. Grceff über Ursachen und Verhütung der Blindheit. Die Augenärzte seien bemüht, eine Verhütung der Augenkrankheiten zu bewirken und durch Heilung von Augen- krankheiten die Erblindung unmöglich zu machen. Man sollte an- nehmen, deß durch die Fortschritte der Therapie in der Augcnhcil- kuude die Zahl der Blinden sich im gleichen Maße vermindere. Allein die Statistik crgiebt leider, daß die Zahl der Blinden noch sehr groß ist und daß bei einiger Aufmerksamkeit die Erblindung bieler hätte'ver- hindert werden können. Die größte Zahl der Erblindungen entsteht durch die Augenentzündung der Neugeborenen. In den meisten Fällen könnte der Blindheit vorgebeugt werden, wenn sofort ein tüchtiger Arzt zu Nathe gezogen würde. Nothwendig sei eine staatliche Verordnung, die es den Hebammen zur Pflicht macht, auf die Augen- entzündung der Neugeborenen die größte Aufmerksamkeit zu richten. Die Hebammen müssen unter Strafandrohung verpflichtet werden, dafür zu sorgen, daß, sobald sie bei einem Neugeborenen Augen- entzündung entdecken, ein Arzt herbeigeholt werdet Viel tragen stach zur Erblindung der Neugeborenen die sogenannten weisen Frauen und die Kurpfuscher bei. Nothwendig sei es. daß gegen dieses Unwesen der Staat einschreite. Eine iveitcre Ursache der Erblindung sei die bei Kindern, Insbesondere bei Kindern der ärmeren Klassen viel- fach auftretende skrophulöse Hornhautentzündung. Eine dritte Ursache der Erblindung sei die Pockenkrankheit,' gegen die das beste Mittel die Impfung sei. Weitere Ursachen der Erblindung seien angeborene Mißbildungen und innere Ursachen, die vielfach durch Vererbung entstehen. Die Fortschritte der Augenheilkunde und Schutzmaßregcln haben bereits in erheblichem Maße zur Vcrmiude- rung der Erblindungen beigetragen. Bei der letzten Volkszählung kamen in Preußen auf IW 000 Menschen 65 Blinde, in Berlin wurden bei derselben Volkszählung 544 Blinde vorgefunden. Wenn es auch niemals möglich sein werde, die Erblindung vollständig zu verhüten, so werde es doch den Fortschritten der Wissenschaft nnd Kultur zweifellos gelingen, die Zahl der Erblindungen inrmer mehr zu verringern.—' Ans dem Thicrlebcn. n. Riesenschlangen im Kanipf mit Wildschweinen. Man hält, im großen und ganzen mit Recht, die Riesenschlangen für Feinde, gegen die selbst größere Säugethiere wehrlos sind. Kürzlich aber wußte ein englischer Reisender aus Borneo. eine Szene zu schildern, in der eine Riesenschlange, ein Python, mit einem Angriff stark den Kürzeren gezogen hatte. Die un- geheure Schlange hatte ein junges Wildschwein als Beute ausersehen und es bereits gepackt. Auf das klägliche Geschrei des jungen Thieres liefen etwa 20 große Wildschweine aus der Heerde herbei und stürzten sich, sobald sie die Situation begriffen hatten, auf die Schlange. Diese wurde von den Hauern der Schlveine derart be- arbeitet, daß sie. an vielen Stellen ihres langen Leibes verletzt, ihre Beute fahren lassen mußte. Sie wäre freilich mit dem Leben davon gekommen, wenn nicht der Beobachter das Rachewerk der wüthenden Thiere vollendet und die Schlange getödtet hätte.— Technisches. — Der größte Pflug der Welt. Amerika läuft auch in bezug auf die Erfindung von Ackergcräthschaften den Erzeugnissen der alten Welt den Rang ab. In Kalifornien existirr ein Pflug von so ungeheuren Dimensionen, daß man ihn mit Recht den größten Pflug der Welt nennen kann. Dieser kolossale Erdanfwühler, der sich in San Bernardino Counth befindet, ist 43 Fuß hoch und wiegt die Kleinigkeit von 16 000 Kilogramm. Der Ricseapflug wird durch Dampf in Bewegung gesetzt und ivcist 12 Pflugscharen auf, von denen jede 12 Zoll lang ist. Mit Hilfe dieser Maschine, die mit einer Schnelligkeit von vier Meilen in der Stunde arbeitet, können täglich 50 Acker Land umgepflügt werden; zur Heizung verbraucht man pro Tag nur ein bis' anderthalb Tonnen Kohlen.— Humoristisches. — Durchschaut. Sonntagsjäger:„Frauchen, diesen Hasen habe ich selbst geschossen!" Frau:„Mein Gott, Du hast doch dabei kein Unglück im Laden angerichtet?"— — Boshaft. Junger Autor:..... Einige Exemplare meines neuesten Werkes wurden auch für die Gefängmß- Bibliothek angekauft." Herr:„Als Strafvcrschärfungsmittel?"— — Eine Verleumdung. A.:„Hast Du's auch gehört, Berlussou soll mich einen alten Narren geheißen haben?" B.:„Das ist allerdings eine Verleumdung. Du bist ja noch nicht mal fünfunddreißig!"— Vermischtes vom Tage. — Der Roman„D i e Waffen niederl" von Bertha von Suttner wird soeben zum 29. Male neu aufgelegt.— — Folgendes In s e r a t ffndet sich in einem Berliner Wochen- blatte:„Ein Student der Medizin wünscht ein gut erhaltenes Skelett gegen ein Fahrrad neueren Systems zu ver- tauschen."— — Dachpappe soll nach neueren Erfahrungen durch Zusatz von zur Hälfre gelöschtem Kalk zum Theer dauerhaft ivcrden.— — Beim Ausdreschen von Rübsen wurde ein Arbeiter auf dem Gute W e s s e I s h ö f e n bei Hciligenbeil von den Dreschflügeln er- faßt, in die Dreschtrommel gezogen und zermalmt.— — Im B l u d a u e r Forst lOstprcußcuj ist das E l ch>v i l d, das bisher nur als Wechselwild auftrat, jetzt zum Standwild ge- worden. Der Bestand beträgt gegenwärtig etwa acht bis zehn Stück.— — Zwei Knaben im Alter von 12 und 13 Jahren, die im Vor- ort D o n n e r s ch w e r e bei Oldenburg in einer Sandgrube spielten, wurden von einstürzendem Erdreich verschüttet und er- stickten.— u. An mehreren Orten Hollands und Schottlands ist man neuerdings dazu übergegangen, auch Wind m üblen zur Erzeugung von Eleltrizirät zu verwenden. Für die Zeiten der Windstille wird die Kraft in Akkumulatoren aufgespeichert.— — Untergegangen ist bei C a p V i l I a n o der d e u t s ch e Dampfer„Barcelona", von Hamburg mit 1500 Tons Stuck- giiter nach Malaga untertvegs. Alle Personen an Bord sind gerettet.— — Am 21. Juli des Jahres 1898, uachmittags 4 Uhr, hat, wie der„Nordd. Allg. Ztg." in einem S p e z i a l t e l c g r a m m ge- meldet wird, in Haifa, der Hasenstadt in der Bucht von Atta lSyrien), in Gegenwart der Spezialgesnndten des Sultans, der Zivil- und Militärbehörden der Stadl und der dort anwesenden konsularischen Vertreter die Grundst einlegung zu de m „L a n d u n g s p f e i l e r" für den Kaiser stattgefunden.— — Infolge anhaltender Hitze und Trockenheil haben in der Ilm- gegend von'E h a b a r o w s st sSüd-Sibirieii) gewaltige M o o r- u li d Waldbrände gewülhet. Tausende von Quadratwerst standen in Flanimen. Eine Reihe von Dörfern fielen dem Feuer zum Opfer.— — In der Pulverfabrik von P i n o l e sKalifornien) fand eine Ex p l o s i o n statt. Während der Aufräumungsarbeitcn er- eignete sich eine zweite Explosion. Bei dieser wurden 5 Personen getödtet und 12 schivcr verletz:.—___ Die nächste Nummer des Uuterhalt�igSblattes erscheint Sonntag, den 31. Jnlst_ Verantwortlicher Redakteur: Zluguft Jacobetz in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiiig in Berlin.