MnlerhaltungMatt des Horivärts Nr. 148. Sonntag, den 31. Juli. 1898 (Nachdruck verlöten.) 441 Am die Fverheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert S ch w e i ch e l. Der junge Pfarrer lehnte die Aufforderung lächelnd ab. „Ich fechte mit der Waffe, die ich zu führen verstehe, und bin hier nöthiger als im Feld," sagte er. „Roth thät's, datz wir alle daheim die Felder bestellten; aber itzt gilt es, ein ander Feld zu bestellen," wandte Lien- hart ein.„Schau, ich weiß erst jetzt wieder, wozu ich auf der Welt bin. Ueber ein Kleines und ich war' halt ganz verkrümmt hinter dem Pflug." Er trank, drehte den Schnauz- bart in die Höhe und begann mit seinem tiefen Baß zu singen: „Was soll ich aber heben an Aufs best so ichs gelernet hau? Ein neues Lied zu singen. Faladeridum." Hans Stöcklein hielt sich vor den gräulichen Mißtönen, die aus des Sängers Kehle drangen, die Ohren zu, sprang auf und lief aus der Stube. Der lange Lienhart ließ sich da- durch nicht stören. Unverdrossen sang er alle dreizehn Strophen, aus denen das Lanzknechtslied bestand, herunter. Dann lachte er und setzte, anstatt sich den Becher zu füllen, den Krug an den Mund. „Itzt, Lienhart," fragte Kaspar mit gedämpfter Stimme, denn die Thür zum Studium des Pfarrers war offen ge- blieben,„Du kennst den Pfarrer wohl schon längere Zeit; weißt Du, weshalb er hat geistlich werden müssen?" „Ob er hat müffen, ist mir nit bewußt," antwortete jener, nachdem er einen Blick auf die offene Thür geworfen, eben- falls leise.„Ich Hab' ehedem blos von ihm gehört. Es wird aber wohl seine Richtigkeit damit haben, daß er in das Pfaffenkleid ist gezwungen worden. Darin läßt sich manches ersticken, was nit an das Licht der Sonnen kommen soll. Nämlich die Leut' erzählen, daß er der Bankert einer Edelfrau im Würzburgischen ist. Da hat ihn der Bischof dann hierher gethan, wo er weit weg ist." Der Pfarrer kam wieder zu ihnen.„Sind die Fenster noch ganz?" scherzte er. Die erhöhte Theilnahme, mit der Kaspar ihn betrachtete, bemerkte er nicht. Nach einer kleinen Weile be- dankte sich Kaspar bei ihm für die Bewirthung, und der lange Lienhart ging mit ihm durch das Dorf.„Und Du meinst, daß die Käthe ganz sicher in Ohrenbach ist?" fragte er. „Denn daß ihr Bnider Simon nicht mehr in Rcichardtsrode ist, weiß ich von meinem Vater, der im Ausschuß sitzt." „Ach ja, das Käthelein," neckte der Lange den Besorgten. „Der auf Endsee wird sich hüten, jetzt noch in die Kohlen zu blasen. Es ivird ihm ohnedies bald auf seinem Schloß zu heiß werden, wie allen in ihren Schlössern und Burgen. Und was die Neurcuterin ist, so wird all ihre Pracht und Herrlich- keit vergehen wie Schnee in der Märzsonne, wann jetzt die Bauern von den Gilten und Leibrenten, die auf ihren Höfen stehen, die Zinsen nit mehr zahlen. Haben sich lange genug darum schinden müssen. Kannst ruhig sein, Bruder." Damit schieden sie. Kurz vor der Stadt traf Kasper auf Lorenz Knobloch, der einen auffallend rothen Kopf hatte. Sein Athem roch nach Wein. „Wohin denn?" hielt Kasper ihn auf und jener erwiderte mit einem starken Schnaufen:„Zu den Bauern! Es will drinnen nicht vom Fleck. Das halt' der Teufel aus, mir wird's zu langweilig. Die Bauern sind doch noch ganze Kerle. Sie wollen sich nicht länger an der Ras' herumziehen lassen. Gleich auf der Stell' sollten ihre Beschwerden abgethan werden, und als der Rath erklärte, das könnte er nicht, was antwortet ihm der Denner mit der rothen Feder? Sie würden Gefälle, Frohnden, Zehnten und was sonst wider die heilige Schrift sei, von Stund' ab nit mehr leisten, und dabei schlug er an sein Schwert und die andern thatcn's ihm nach. Hätte nit viel gefehlt und etliche von ihnen wären mit dem Hassel und dem Winterbach handgemein gc- worden. Der Ehrenfried Kumps brachte sie auseinander. Auch der Menzingen kriegte was zu hören— von dem Mölkner. Wenn der Ausschuß mit ihnen gemeinsam ihre Angelegen» Helten erledigen wolle, so sei es gut; einen Vormund brauchten sie nicht. Auch was die Handwerker und Weingärtner der Stadt für Beschwerden hätten, die sollten ihnen mit- getheilt und von dem Ausschuß und ihnen gemeinsam geschlichtet werden. Auch die Rechnungen des Raths wollten sie einsehen. Feurio! Jetzt halten sie auf der Stadt Kosten einen gemeinsamen Trunk im Rothen Hahnen. Ist nicht mehr pläsirlich drinnen, hol's der Teufel!" Er nahm den Weg wieder zwischen die Füße; drehte sich aber noch einmal um und rief:„Als Hauptmann siehst mich wieder." „Solche Kerle wie Dich können sie just brauchen," spottete Kaspar dem leichtfertigen Menschen nach. Sechstes Kapitel. Stephan von Menzingen hatte dem lateinischen Schul- meister, wie Valentin Jckelsamer in der Stadt häufiger als bei seinem Namen genannt wurde, die Bewirthung der bäuerlichen Gesandten im Rothen Hahnen überlassen. Es verdroß seinen Hochmuth nicht wenig, daß die Bauern sich mit dem Ausschuffe auf gleichem Fuß stellten und gemeinsam mit diesem nicht nur ihre eigenen Angelegenheiten, sondern auch die der Stadt ordnen wollten. Auch entging es ihm nicht, daß die oberen Zünfte, welche die wohlhabende Bürgerschaft um- faßten, wie entschieden sie auch zur kirchlichen Reform- Partei unter Führung des Altbürgermeisters, Dcutsch- lin's und Christan's standen, durch das entschiedene Auftreten der Bauern und deren Bündniß mit den Handwerkern, seinen Gegnern zugedrängt wurden. Und er mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn er das ~undament seiner Macht nicht zerstören wollte! Als schärfften »plitter an dem Fleisch seines Stolzes empfand er es aber. obgleich er es sich nicht gestehen mochte, daß die Bauernführer Denner und Mölkner bei den Verhandlungen auf dem Rath- hause eine geistige Begabung an den Tag gelegt hatten, die der seinigen mindestens gleich war, während sie aus ihrer Herzenswärme für die Sache der Bauern und ihrer ehrlichen Ucberzeugung eine Beredsamkeit schöpften, an welche die seinige nicht heranreichte. In dieser Stimmung ward ihm zu Hause ein Anblick, der ihn vollends aus allem Gleichgewicht warf. Else und Max saßen dicht neben einander, als er in die Wohnstube trat. Seine Tochter hatte sich an den Geliebten geschmiegt, ihm die Hand auf die rechte Schulter gelegt und schaute, den kleinen. reich und zierlich umlockten Kopf an seinen linken Arm drückend, in einen Brief hinein, den er laut vorlas. Die Mutter saß an einem der Fenster; eine Handarbeit, mit der sie beschäftigt gewesen, hatte sie in den Schooß sinken laffen, um ungestört zuzuhören. Max hatte den Brief am Morgen erhalten. Er war von Florian Geyer, der ihm schon seit Wochen eine Antwort schuldig geblieben. Florian Geyer schrieb ihm, im Begriff, wie er sich ausdrückte, zu Pferde zu steigen. Denn der Augenblick sei nun da, das Schwert zu entblößen und die Scheide wegzuwerfen.„Ich lade Euch nicht ein, an meiner Seite in den Kampf zu ziehen," hieß es im Briefe weiter,„denn mich dünkt, daß Ihr kein Schwertmann seid. Aber Eure Kenntniß des Rechts ist auch eine Waffe, die wir gar sehr gebrauchen, zumal ich aus Euren Briefen entnommen habe, daß Ihr wisset, was noth thut. Es ist daher an Euch, mitzuschaffcw an der neuen Verfassung des Reiches, damit sie in kraft tritt, alsbald das Schwert die Fcudalwirthschaft des Adels und der Kirche gestürzt hat. Wendel Hipler wird Euch berufen, wann es Zeit ist." Der Eintritt Stephans von Menzingen unterbrach den Vorleser. Else fuhr mit einem leisen Schrei in die Höhe und ihr feines Gesicht ward von Purpur übcrflammt. Die Mutter war einen Augenblick wie gelähmt auf ihrem Sitze. Verlegen erhob sich Max.„Ich störe, wie ich sehe," sagte Herr Stephan mit schneidender Ironie. „Es ist ein Brief von Florian Geyer, den ich vorlas," erklärte Max, sich fassend, und hielt■ denselben dem Ritter hin, der ihn mit einer kurzen Handbewegung ab- wies, während seine Augen in aufbrennendem Zorn auf die Tochter sahen, welche den Kopf senkte. Auch Frau von Menzingen hatte sich inzwischen gefaßt, sie erhob sich und sagte, indem sie mit der Hand den Arm ihres Gatten berührte:„Ich bitte Dich. Stephan, lasse die Kinder nicht entgelten, was allein meine Schuld ist. Komm, ich will es Dir erklären!" Er sah sie mit einem bösen Blick an, indem er ihre Hand von sich schüttelte.„Ich bedarf keiner Erklärung, ich sehe," grollte er. Max aber rief:„Nein, ich allein bin zu tadeln, Herr Stephan, daß ich nicht sogleich vor Euch hintrat und, so ungünstig auch die Umstände für mich lagen, Euch um die Hand der Geliebten bat. Verzeiht es!" „In der That," begann jener, brach ab und strich sich über die spitz zulaufende Stirn, auf der die Zornader ange- schwollen war. „Vater!" flehte Else ängstlich. Er beachtete es nicht, sondern fnhr zu Max Eberhard fort:„Es ist wahr, Herr Doktor, ich bin Euch zu großem Dank verpflichtet; darau aber war ich nicht vorbereitet, daß Ihr Euch hinter meinem Rücken bezahlt machen würdet." „Herr von Menzingcn," fnhr Max auf. Else faßte jedoch seine Hand und ihr bittender Blick dämpfte seine Hitze.'„Noch- mals vergebt mir. Konnte ich Euch einen Dienst leisten, bei meiner Ehre, ich dachte an keinen Lohn. Und welcher Dienst wäre auch groß genug, um ein Kleinod aufzuwiegen, wie das Herz Eurer Tochter? Nun ist es mein, mir geschenkt in freier Zuneigung, und ich bitte Euch inständig, gebet uns des Vaters Segen zu dem der Mutter." Diese trat wieder zu dem Gatten, während Else mit flehenden Augen und gefalteten Händen zu ihm ausschaute und sprach bewegt:„Erhalte Dir die treue und feste Stütze, die Du an ihm hast. Du weißt es selbst am besten, Stephan, was ein solcher Mann in dieser schrecklichen Zeit Werth ist. Du kannst ihn nicht von Dir stoßen, nicht Nein sagen wollen." „O, Vater! Vater!" rief Else mit Thränen in den seelen- vollen Augen. „Dennoch muß ich Nein sagen," erwiderte der Ritter. „Wir leben nicht in der Zeit der Idyllen und bukolischen Gedichte. Diese Liebe ist eine Thorheit. Je unruhiger die Zeit ist, je fester müssen die Grundmauern sein, auf die ich das Glück meines Kindes stelle. Ihr wie ich, Herr Doktor, wir sind beide ohne Verniögen. Es wäre unverantwortlich von mir, wenn ich zulassen wollte, daß meine Tochter in ver- geblichen Hoffnungen welkte. Nein, Herr Doktor, dazu ward meine Tochter nicht geboren." „Aber ich will ja gern warten, liebster, bester Vater," bat Else mit ihrer Weichesten Stimme. Max aber rief mit wogender Brust:„Ihr höret es, Herr von Monzingen, Else liebt mich. Ihr dürfet ihrem und meinem Glücke nicht entgegenstehen. Ihr setzet Eure ganze Kraft, ja vielleicht selbst das Leben ein, um die Unterdrückten zu befreien, wie könntet Ihr da Eurem eigenen Kinde zum Tyrannen werden, es dem Manne ver- weigern wollen, den ihr Herz gewählt hat?" Das Weiße in den Augen des Ritters wurde von Blut unterlaufen.„Wenn ich ein Träumer wäre wie Ihr," rief er, von den Worten des jungen Eberhard getroffen, mit mühsamer Selbstbeherrschung.„Der verdicut die Freiheit nicht, der nicht zu gehorchen versteht. Was Ihr Freiheit nennt, ist das Nach- geben den Gelüsten der Willkür, ist Schwäche eines verzärtelten Herzens. Ich muß bei meiner Weigerung bleiben und Else wird ihre Pflichten gegen ihren Vater erfüllen. Schicket mir Eure Sportelrechnung, Herr Doktor, ich werde sie begleichen." Max zuckte empor. Frau von Menzingen taumelte fast auf den nächsten Stuhl. Else aber schrie auf und umschlang den Hals des Geliebten mit beiden Armen:„Nein, ich lasse ihn nicht! Ich lasse nicht von Dir, Geliebter!" Max preßte die zarte Gestalt an sich.„Nein, mein holdes Leben," rief er von Schmerz durchschüttert.„Mein Herz ist Dein für alle Zeit. Die Grausamkeit Deines Vaters kann uns trennen, aber nicht die Liebe aus meiner Brust reißen. Gehen muß ich jetzt wohl!" Herr Stephan war an ein Fenster getreten, hatte die Arme über der Brust verschlungen und sah finster auf den Marktplatz hinunter. Max bedeckte den Mund der Geliebten mit unzähligen Küssen, nahm ihren Lockcnkopf zwischen seine Hände und küßte sie auf die in Thräncn schwimmenden Augen, auf die reine, weiße Stirn. Mit Gewalt riß er sich los, ergriff und küßte die Hand der weinenden Mutter und eilte fort.„Lebe wohl, Geliebte!" Er rief es noch unter der Thür. „Max!" schrie Else verzweifelt auf.„Mutter I" und sie stürzte bor dieser nieder und barg, leidenschaftlich weinend, ihr Gesicht in deren Schooß. Ritter Stephan schaute noch eine Minute lang zum Fenster hinaus, dann strich er seinen Schnurrbart in die Höhe und wandte sich. Er wollte etwas sagen, wie seine Augen jedoch denen der Gattin begegneten, schwieg er, so traurig Vorwurfs- voll waren sie auf ihn gerichtet. Er ging. Dr. Max Eberhard schickte seine Kostenrechnung nicht. Statt deffen gelangte aus Neusitz ein Schreiben an den Aus- schuß, worin die Bauern erklärten, daß sie ihre ganze Sache diesem anheimstellten. Er möchte es sich nicht befremden lassen, daß sie einstweilen weiter rückten. Denn ihre Brüder in den benachbarten Herrschaften bedürften ihres Rathes und ihrer Vermittelung. Abweisen könnten sie dieselben nicht, hofften aber die Angelegenheiten in wenigen Tagen zu endigen. Schon waren sie von Neusitz aufgebrochen und auf das linke User der Tauber übergegangen. Hätte Kaspar sie ziehen sehen, dann würde er unter den Bauern der Junker von Roscnberg und Finsterlohr den Lorenz Knobloch als einen ihrer Hauptleute haben stolziren sehen. Durch Thaten hatte er sich ihnen nicht empfehlen können, es sei denn durch seine erstaunliche Trinkhaftigkeit. Sein Mund- werk hatte ihm das Vertrauen der junkerlichen Hinter- fasten gewonnen, deren dürftige Bekleidung und ausgemergelte Gestalten noch von den Leiden ihrer Leibeigenschaft zeugten. Wie ein Mühlrad das Wasser zu Schaum schlägt und umher- spritzt, so wußte Knobloch zu reden, zu Prahlen, zu schmeicheln, aufzuregen, den Durst nach Rache an den Junkern zu reizen. Diese Unglücklichen, in denen die Edelleute das Menschthum frech geschändet hatten, drängten ungeduldig nach dem Vor- bach, der sich bei dem Frauenkloster Schüftersheim, unterhalb dem weingesegneten Städtchen Weikersheini, in die Tauber er- gießt. An den Bergen, zwischen denen der Vorbach sich hin- windet, klebten die Burgställe von Haltenbergstetten und Laudenbach.■ (Fortsetzung folgt.) Sottttkngsplttndvvei. Am 1. September wird in den Straßen Berlins ein mittels eines Petrol-Naphtha-Motors betriebenes Post-Kariol zu sehen sein. Und das neue Vehikel wird ganz einem der bekannten gelben Einspänner- Wagen gleichen, nur oberhalb der Vorderräder wird ein Kasten sein, in dem der Motor steckt. Thatsächlich ist es auch ein alter Post- wagen, nur der Motor ist neu eingebaut. Der neue Selbstläufer wird in den Berliner Straßen manchem älteren und größeren Kameraden begegnen. Schon seit einiger Zeit lassen einige größere Geschäfte,' auch eine Brauerei ist darunter, Motorwagen laufen; wenn erst eine Staatsanstalt das Gleiche thut, wird die Zahl dieser Wagen schnell sich mehren. DaS wird ein Fortschritt sein, ohne Zweifel. Aber in der kapitalistischen Gesellschaft schlägt jeder technische Fortschritt zum Nachthcil jener Gruppen ans, die aus wirthschastlichen Gründen sich die neue Errungenschaft nicht dienstbar machen können; sie kommen ins Hintertreffen, werden ruinirt, gehen wirthschastlich zu gründe. Das Berliner Droschkcngcwerbe ist am Niedergehen. Die Zahl der kleinen, selbständigen Betriebe mindert sich mehr und mehr. Besonders zeigt sich das bei den Droschken Tl. Klasse. Hier brauchte Einer nur ein ticrhältnißmäßig kleines Kapital, um sich selbständig zu machen. Einen Wagen und zwei Pferde oder zwei Wagen und drei Pferde, das war so das Gewöhn- liche. Den zweiten Wagen fuhr in diesen, Falle oft der Sohn, lind man theilte das so ein. daß der Vater als Nachtkuffchcr, der Sohn bei Tage fuhr. Die Nacht deckt alles zu; da konnte der eine Wagen schon etwas klapprig sein, wenn die„Liese" ab und zu stolperte, wen ging das was an, und so jung ivar man auch nicht mehr, daß man mit einem schönen neuen Mantel Eroberungen niachen wollte. Kam kein Unglücksfall dazwischen, dann ging's wohl so la-la. Aber dann wuchsen die Pfcrdebahnlinien, eine nach der andern, tausende und abertausende Fahrräder tauchten auf, die„Milchtöpfe" erschienen. Jetzt kommt„die Elektrische", und die Motorwagen stehen in Aus- sicht Und eine Klage seufzt und gellt auf allen Halteplätzen:„Es wird nichts mehr verdient!" Und alle Tage wird es schlechter. Einer nach dem andern von den„Selbständigen", den„Fuhrherren" geht als Kutscher. Er hat es satt, Tag für Tag vor dem Pferdehändler, dem Fourage-Fritzen, dem Stellmacher und Schmied zu zittern und noch als schlechter Kerl angesehen zu werden. Aber auch als Kutscher verdient er nichts. Todtfroh ist er, wenn er seinem „Herrn" jeden Tag, an dem er gefahren, 2,5O M. abliefern kann, mit dem, ivas übrig bleibt, getraut er sich kaum vor seine Frau. Der weltbekannte Witz und Humor der Berliner Droschkenkutscher, wo ist er noch zu spüren? Reporter erzählen ja noch von ihm. Aber die haben allweil eine Knhhaut statt eines Trommelfells gehabt. Wohl, eine Sorte Humor macht sich aus den Halteplätzen und in. den kleinen Kutscherkneipen schon noch benicrkbar; aber es ist der ätzende Galgen- Humor, der sich über sich selbst lustig macht, weil ja doch alles gleich ist. Wenn einer fünf, sechs und mehr Stunden„stehen" inuß und bekommt dann eine Geschäftsfuhre zu sechzig Pfennigen, und muß dann wieder stundenlang warten, dem steigt die Gall', und wäre er der Gleichmüthigste. Als die Taxameter kamen, wurde den kleinen Fuhrherren der Rath gegeben, sie sollten sich Uhren in ihre Wagen einbauen lassen, dann würden sie auch mehr verdienen. Wenn fich jetzt der Petrol- Naphtha- Motor, der, wie man sagt, an jedem Wagen anzubringen ist, bewähren sollte, dürste ein ähn- licher Rath abermals gegeben werden. Aber die Droschkenkutscher werden, wie das vorige Mal, mir ein einziges Wort zurücksagen: .Womit?" Aus nichts wird nichts. Das; es so nicht weiter gehen kann, darüber sind die Verständigen sich längst klar. Es bleibt nichts übrig, als sich zu organisiren, um das Uebel gemeinsam zu tragen, die Ohren steif zu halten und dem Kommenden ins Auge zu sehen. „Vater Plötz" hatte den Vornamen Bcrthold, aber das Pulver hatte er nicht erfunden. Das war jedem sofort klar, der ihn bei Busch einmal reden hörte. In verschiedenen Zeitungen war in den letzten Tagen die Rede davon, welch' großen Einfluß der eben Verstorbene im Bunde der Landwirthe besessen hatte, wie es ihm zu danken sei, daß der Bund der Landwirthe sich nicht von den Konservativen ge- trennt, wie er die verschiedenen Richtungen der agrarischen Ver- einigung zusammengehalten und nach einem Ziele gelenkt habe. In dem Beamtenheer des Bundes wird so manches Lächeln über diese Meinungen aufgeflogen sein. Nein, der tobte„Bauernvater" avar kein Führer. Schon beim Bauernbund war er mir das Schaustück, der ehemalige Offizier und Landjunker, der gar nichts vom Schliff des Wcltinaiines an sich hatte. Im Bund der. Landwirthe hatte er nur die Mission, die Meinungen und Ansichten der Landmagnaten und agrarischen Schristgelchrten in die Bauernsprachc zu über- tragen. Man ließ ihni gen» die äußeren Ehren, weil er das Ver- trauen der wohlhabenden Großbauern und Gutspächtcr genoß, denen er in seinem Gehaben und Gebähten völlig glich. Wenn man ihn jetzt preist, so will man auch jene ehren, deren_ Fahnenflucht den Zusammenbruch der ganzen Bewegung herbeiführen müßte. In der agrarischen Bewegung der letzten Jahre gab es nur einmal einen Mann, der alle Fäden in seiner Hand zusammenfaßte: Knauer-Gröbers. Aus nichts war er durch seine Skrupellosigkeit zum Grotzgrund- und Bergwcrkbesitzer, zun; Zucker- industriellen und Großhändler in Rübensamcn geworden, heute noch steht sein Name in den Katalogen der Erfurter Samcuhändlcr. Dieser wenig gebildete aber willens- und thatkrästigc Emporkömmling und Streber wußte, was er mit seinem„Deutschen Bauernbund" wollte; die Junker ahnten es, und deshalb trauten sie ihm auch nicht über den Weg. Bei„Vater Plötz" konnten sie ruhig sein. Dem war schon das bischen Tollen des„Kräh-Hahncs" zu viel. Und so kann man sich gar nicht wundern, daß die Nachnife so günstig aus- gefallen. Wenn der Haus- Hof- Meister einer Durchlaucht' stirbt, klingt's ähnlich. Zu zwei Idealen sah das deutsche Bürgerthum bisher unentwegt auf. Den deutschen Offizier betet heute noch jede höhere Tochter an, der Nimbus des deutschen Studenten aber erscheint bedenklich im Verbleichen. Der„deutsche Student", das ist das mit Bändern und Mützen geschmückte lebendige Karbonadl. Vor ihm wird selbst den „Alten" jetzt unheimlich. Er sauft zu viel, der Kerl. Und da fürchtet man, er könnte später, wenn er in Amt und Würden ist, nicht mehr das bischen Gehirn haben, das zum Leiten und Lenken des Volkes nolhwcndig ist. Das ist der Jamnier. Er machte sich wieder un- längst in Heidelberg Lust, bei der Vorstandssitzung des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränte. Herr v. Lcixner gab auch einen seiner„Sprüche" dazu. Gratis! Ein anderer nannte als Heilmittel das„Frauenauge". Das sieht der„deutsche Student" schon heute nicht ungern: So gegen Mitternacht, auf der Friedrichstraßc. Dem deutschen BürgcNhum geht es wie der seeligcn Gallmayer mit ihren Bekannten: Nichts dauert elvig, selbst das schönste Ideal wird schäbig. Wenn sie's erlebt hätte, die närrische Peppi, sie würde aufgejauchzt haben. Der Laust, der Kanonen-Laust. ist zum Drmnattirgen und Jntcudanturrath des Wiesbadener Hoslheatcrs ernannt worden. Wenn nun noch alle 41 Dichter, die dramatische Dichtungen über die Beste Coburg ein- geliefert haben, zu Hausdichtcrn besagten Theaters gemacht werden, dann braucht man um die Zukunft einer idealen, echt vaterländischen Bühne keine Bange zu haben.— ZUemos Iscttillckott Schwammfischcr anf den griechische» Inseln. Auf Aegina sieht man, wie der„Köln. Ztg." von dort geichrieben wird, viele ganz und halb gelähmte, meist noch junge Leute an Stöcken und Krücken umhergehen. Es sind Schwnmnifischer, die zu lange unter Wasser geblieben sind. Infolge dessen traten bei ihnen Lähmungs- erscheinungcn in verschiedenem Grade ein. Hat ein so Gelähmter nicht mehr die Kraft, das Zeichen zum Aufziehen zu geben, so ist er verloren. Solcher Opfer zählt die jährliche Fangpcriode immer eine ganze- Anzahl; so verunglückten in diesem Jahre in den ersten drei Monaten vom Februar bis Mai hundert junge kräftige Menschen! Die Schwammfischcr tauchen alle mit Maschinen und Taucher- anzug, aber sie bleiben so lange wie möglich unter Wasser; denn der Wettbewerb ist groß, und mit seinem Wachsen sind die Preise nicht gestiegen. Früher brauchten sich die armen Leute nicht so anzustrengen und verdienten doch genug, um in Ruhe den Winter zubringen zu können. Aber heute ist es auch bei der einfachsten Lebensweise, wenn nicht auch die Fra< zu Hause während der Ab- Wesenheit des Mannes irgend etwas arbeitet, unmöglich, daß eine solche Familie zu Wohlstand kommt und daß für Wittwen und Kinder ein Nothpfennig für den Fall erübrigt ist, daß ein tückisches Geschick den Familienvater arbeitsunfähig machen oder ganz hinweg- nehmen sollte. Die Arbeit der Schwammfischer ist voller Mühen und Gefahren. Daher besteigen sie ihre kleinen Segelschiffe nach Abhaltung von Messen und Litaneien und unter den Segens- wünschen des ganzen Ottes— nicht alle werden so gesund und frisch zurückkehren. Zu einem Freudenfest wird ihre glückliche Rück- kehr. Mit Musik werden sie ernpfangen, und der ganze Ort feiert sie wie eine einzige Familie. Die Rückkehr fällt in die letzten Tage der guten Jahreszeit, dann sitzen alle am Strande, Männer und Frauen, und sortiren die Ernte. Mit Schwämmen wird nämlich das Geld an den Unternehmer zurückgezahlt, das er vor der Abfahrt den einzelnen vorgestreckt hat. Wie alle Menschen, die ihr Brot auf gefahrvolle Weise verdienen, sind die meisten Schlvamm- fischer Augenblicksmenschen; ist der Fang sorttrt, die Schuld zurück- gezahlt und der mehr oder minder bedeutende Rest an den Aufkäufer gut abgegeben, so führt der Fischer für kurze Zeit ein gutes Leben. In allen Weinschenken ertönen dann in dem kleinen Strandorte Aegina die lustigen Lieder, begleitet von Guitarre und Maudoline. Hier beim Wein finden sich auch die Unternehmer ein, verabreden alles für die nächste Faugperiode, micthen schon zu Anfang des Winters die sämmtlichen Mannschaften für ihre Schiffe und lassen vor allem etwas dranfgehen, um willige Leute zu finden oder einem anderen Unternehmer einen guten Taucher lvegzukapern; da kommt es dann oft zu Schlägereien, wenn die Genossen der letzten Periode ihn nicht den andern über- lassen wollen. Die Untornehmer schießen auch Geld vor, wenn das Verdiente verjubelt ist oder wenn widrige Verhältnisse einen armen Familienvater zu großen Ausgabcn�gczwungcn haben. Wenn er dann aber nicht mit der äußersten Sparsamkeit lebt, wird er in Jahren nicht ans seiner Schuld beim Unternehmer herauskommen und auf lange Zeit sein Sklave bleiben. Wer haushälterisch lebt, als guter Taucher bekannt und fleißig ist, der erhält von dem Unter- nehiner auch gute Bedingungen und hat sein Auskommen. Die ineisten bringen es zu nichts weiter als zum dürfttgen täglichen Brot; die Schänke mit dem Gesang und der Musik ist nach den monatelangen Entbehrungen zu verlockend. Hart ist die Arbeit und unheimlich muß dem Taucher sein Geschäft tverdcn, wenn er beim Tauchen auf ein gescheitertes Schwammfichcr-Fahrzeug stößt, das vielleicht Genossen früherer Perioden als Sarg dient. Der Schwammfischer fährt fast immer nach denselben Stellen an der afnkanischcn Küste entlang. Auf diese Küste sind die griechischen Schwammfischer beschränkt, nachdem die Türkei die Fischerei an der syrisch-kleinasiatischcn Küste verboten hat. Die alten Sammelorte an der uordafrikanischen Küste sind aber nicht mehr ergiebig genug, und so sind sie gezwungen, immer weiter nach Westen zu gehen. So wird wahrscheinlich die Zahl der Opfer wachsen, ohne daß die Bedingungen des Handwerks und der Verdienst in die Höhe gehen. Dafür aber werden die Unternehmer und Aufkäufer, die im Besitz der Kapitalien sind, fast alle reiche Leute und ziehen sich nach zehn bis zwölf Jahren als Rentiers zurück.— Völkerkunde. — Wie auf Island, so gicbt es auch auf Grönland keine Gefängnisse. Es giebt dort überhaupt nicht viel Gelegenheit zur Bc- sttafuiig. Meist sind es nur kleine Spitzbübereien, deren sich die Eingeborenen schuldig machen. In den Jahren 1882 bis 1892 kamen in allen Kolonien insgesammt nur 156 Straffachen vor, bei etwa 1t) 000 Eingeborenen. Die Rechtspflege liegt in den tänden der Vorsteherschasten der zwölf Kolonien, in die das dänische rönland an der Westküste gethcilt ist. Jede solche Vorsteherschaft besteht aus dem Leiter, dem Geistlichen, Arzt u. f. w. und einem Eingeborenen, der von der Bevölkerung des betreffenden Distritts gewählt wird. Die Vorsteherschast besitzt eine Kasse, die sogenannte Koloniekasse, aus der Armcnunterstützungen g»» wahrt werden. Was übrig bleibt, wird nach bestimmten Regeln unter den Eingeborenen vcrthcilt. Eins der Straf- mittel bildet der Verlust des Rechtes, an dieser„Rcpartition" theil zu nehmen, eine Maßregel, welche die Eingeborenen empfindlich berührt. Eine andere Strafe ist die Ausschließung vom„Traktament zu Weih- nachten und Köiiigs-Gcburtstac;". Schon seit langem wird in Grön- land jedes Mal bei diesen Anlässen an alle eingeborenen Grönländer ohne Unterschied des Alters eine Gabe verthcilt, die in Grütze, Erbsen, Schiffsbrot, Kaffee und Zucker besteht und die von den Grön- ländern(Eskimos) sehr geschätzt wird. Hiervon ausgeschlossen zu werden, wird als eine große Schande betrachtet. Eine nicht minder harte Sttafc für die Grönländer ist es, wenn sie vom Betreten der dänischen Gebäude ausgeschlossen werden. Aller Handel in Grön- land ist Monopol des dänischen Staates. Da es nun für die Grönländer und besonders die Grönländerinnen eine Lieblings- beschästigung ist, den Laden ihres Bezirks zu besuchen, die dort befindlichen Herrlichkeiten zu bewundern und die Neuigkeiten des Tages auszutauschen, so leuchtet eich daß die Ausschließung von den Handclsgebäuden gleichfalls als große Strafe und Schande em« pffludcn wird. Originell ist auch das Strafmittel, das darin besteht. daß die Handlung eines Missethäters durch Anschlag in den Läden zu allgemeiner Kenntniß gebracht wird. Unter vier Augen können einem Grönländer die größten Grobheiten gesagt werden, ohne daß ihn das rührt; anders stellt sich die Sache aber, wenn Ze,MN zugegen sind, und das schrecklichste für ihn vollends ist die Bekanntmachung seines Verhaltens durch Anschlag im Laden. Die Grönländer können lesen, es giebt jetzt im dänischen Grönland kaum einen einzigen Eingeborenen, der nicht lesen und schreiben könnte, wie ja auch eiue Zeitung in Eskimo-Sprache erscheint, die von Grönländern redigirt, gesetzt und gedruckt wird. Für die grön- ländischcn Schönen empfindlich ist eine Strafe, die im Abschneiden des Haarzopfes besteht. Der Haarzopf wird oben auf dem Kopfe zu einem hohen Wulst zusamniengebunden und bildet den größten Stolz der Grönländerin. An jedem Wohnplatz pflegt unter den Schönen ein Wettbewerb darüber stattzufinden, wer den höchsten Wulst hat. und es ist daher für eine Grönländerin die größte Schande, wenn sie den Zopf verliert. Diese Strafe kommt aber nur wenig zur Anwendung.— Medizinisches. t. Der Krankheitserreger des Kropfes ist nach einer an die Pariser Akademie der Wiflenschaften ergangenen Mit- theiluug von Dr. Grasset entdeckt worden. Diese Nachrichr wird den meisten überraschend kommen, da es bisher durchaus nicht allgemein bekannt war, daß der Kropf überhaupt als eine ansteckende Krankheit anzusehen wäre. Der Kropf ist in manchen Gebieten Enropa's feit langem einheimisch, man denke an das häufige Borkommen von Kropf- kranken in Steiermark, in Schweizer Thälcrn(Ober-Walliss und in Mittel-Frankreich. Hier und vorzugswciseiinDepartementPuydeDöme machte Grasset seine wichtigen lluterfuchungen. In dieser Gegend muffen alljährlich viele Rekruten wegen Kropfes vom Heeresdienst zurückgewiesen werden, auch werden häufig Fremde bald nach ihrer Ankunft von der Krankheit ergriffen. Die Erkrankung erfolgt nach Entbindungen, nach hcftiher Erregung, nach Erkältung, aber auch einige Tage nach einem leichten Fieber, nach großer Erschöpfung oder einer gastrischen Störung. Aus der Beobachtung all dieser Thatsachen folgerte Grasset, daß der Kropf gar nicht, wie es den Anschein hat und bisher angenommen wurde, eine örtliche Er- krankung, sondern eine solche des ganzen Organismus wäre, bei der die Vergrößerung der Schilddrüse nur eine besondere äußere Begleiterscheinung wäre, wie z. B. das Anschwellen der Milz beim Siimpfficber. Auch sonst besteht übrigens eine ausfallende Vergleichbarkcit zwischen Kropf und Sumpffieber: beide haben ihre besondere geographische Verbreitung, bei beiden spielt ein inneres Lusscheidungsorgan eine Rolle, beide endigen in einen Zustand der geistigen Erschlaffung. Grasset untersuchte nun, der Ueberzeugung folgend, daß der Kröpf eine ansteckende Krankheit sein müsse, das Blut von Kropfkrauken. Bei Leuten, die seit langen Jahren das Leiden hatten, war nichts Auffälliges zu entdecken, da- gegen wurde in den: Blute von acht Personen, die erst von 10— 14 Tagen eine Kropfbildung hatten, schmarotzerähnliche Bestandtheile gefunden. Es waren Körper von unregelmäßigen Umrissen, etwa viermal größer als die rothcn Blutkörperchen, ohne Kern, von rothen Punkten in ungleichmäßiger Verthcilung durchsetzt, dazu war jede dieser Zellen mit einem Geißelfaden versehen, dessen schlagende Be- wegungcn die umgebenden Blutkörperchen in unruhiger Bewegung erhielten. Das zu untersuchende Blut war nicht etiva aus der Nähe des Kropfes,. sondern aus der Fingerspitze ent- iiomnicn. Diese eigenartigen Schmarotzer- Zellen erinnerten an diejenigen, ivclche von Laveran im Blute von Sumpffieberkrankcn entdeckt wurden und unterscheiden sich von diesen »ur durch die ziegelrothcn Farbpünktchen, die sich bei weiterem Wachs- thum verlieren. Eine Verwechselung war ausgeschlossen, da keiner der untersuchten Kranken am Sunipffieber litt. Aehnliche Schnia- rotzer sind übrigens verschiedentlich im Blute von Vögeln, Schild- kröten und anderen Thieren, die äußerlich ganz gesund erschienen, gefunden worden.— Aus dem Thierlebcn. � Von einem Kanarienvogel erzählt das„N. Wiener Tgbl.' folgenden bcnrerkenswcrthen Vorgang: Eine Katze, die sich ganz un- bemerkt ins Zimnier geschlichen hatte, überfiel einen Kanarienvogel, indem sie im Nu den Käfig von der Wand herunterriß. Bevor sie jedoch den erschreckten Vogel anzugreifen Zeit hatte, wurde man durch den Fall des herabstürzenden Käfigs aufmerksam. Die Katze lief davon, ohne den Vogel verletzt oder nur berührt zu haben. Den Vogel fand man am Boden des Käfigs todtenstarr liegend und nach wiederholtem Bespritzen mit kaltem Wasser gelang es, ihn ins Leben zurückzurufen. Er wurde munter, aß gern und zeigte in seinem sonstigen Verhalten keine ncnnenswerthe Abweichung von der Nonn. Eine schwere Schädigung blieb jedoch in der Bewegungssphäre: totale Stummheit(Aphonie) bei dem sonst meisterhaft singendenKanarienvogel. Dieselbe hielt über sechseinhalb Wochen ummrerbrochen an. um dann ganz unerwartet zu verschwinden und dem gewohnten Trillern Platz zu machen.— ,- Technisches. k. Die Calciumcarbid- Industrie. Anläßlich einer Ausstellung von Acethlcn-Erzeugern in London giebt ein englisches Blatt eine Uebcrsicht über die Verwendungen des Calciumcarbids, der wir folgende Angaben entnehmen: In 22 Werken wird es in Europa und Amerika erzeugt: an der Spitze stehen die Elektro- chemischen Werke in Bitterfeld. 1837 wurden in Amerika 1S25 Tonnen hergestellt. In der Hauptsache dient es zur Erzeugung von Ace- Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Be thlen. Dieses Gas findet in den Vereinigten Staaten ausgedehntere Anwendung als bei uns. Fast jede Gasanstalt drüben fügt ihrem Leuchtgas Acethlen bei. Auch zur Beleuchtung von Schiffen wird es verwendet. Doch dürste man in dieses Gas in mancher Hinsichr zu große Hoffnungen gesetzt haben. Die Bildung giftiger Gase und das Rußen der Flamme find Schwierigkeiten, die bisher noch nicht beseitigt find. Auch die billigste Lichtquelle ist das Acethlen nicht; diesen Ruhm darf das Petroleum« glühlicht für sich in Anspruch nehmen; dagegen kann das Acethlen als Kraftgas für Gasmotoren erfolgreich angewandt werden. Das Calciumcarbid findet außerdem noch manche andere Verwendung. In deutschen Stahlwerken wird es zur Desoxydation und Kohlung des Stahles benutzt. Weniger wichtig ist die Herstellung von Lampenschwarz und die Reinigung des Rohzuckers. Vielversprechend ist dagegen die Verwendung jdes Calciumcarbids als vorzügliches kcimtödtendes Mittel, sodaß es zur Verhüttmg der Fäulniß dienen kann. Daher eignet es sich auch zur Bekämpfung der Reblaus» des gefährlichsten Feindes der Weinrebe.— Humoristisches. — Eheglück..Erna, ich bitte Dich, sag' mir nur das eine: Wanim haben wir uns eigentlich geheirathet?— („Simplicissimus.") — Eine empfindsame Seele. Junge Frau(zur Köchin, die sehr heftige Zahnschmerzen hat):.Sie Aermste l Es greift mich wirklich an. Sie so leiden zu sehen I Lasten Sie lieber Ihre Arbeit in der Küche stehen und machen Sie anstatt besten im Keller Holz klein— damit ich das Jammern nimmer höre!"— — Verplappert. Junger Ehemann:.... Weißt Du noch, Emilie, in dieser Laube überraschte uns Mama, wie ich Dir den ersten Kuß gab? 1" Gattin:.Ach ja— die Aermste hatte schon drei Stunden gewartet 1"— l,,Flieg. Bl.') Vermischtes vom Tage. — Heinrich Kiepert, der sich als Geograph und Karto« graph seit einer Reihe von Jahrzehnten eines Weltrufs erfreut, vollendet heute sein 30. Lebensjahr.— — Schon wieder eine.historische Stelle�. Im L u t a u e r Forst ist ein 1,S Meter hoher Sandsteinblock mit Marmortafel errichtet worden. Mit eingemeißelten und ver« goldeten Lettern ist allda verkündet, daß es die Stelle ist, wo der Generalpostmeister von Stephan am 2S. Mai 1896— seinen letzten Bock geschossen hat!— — Die Fäulniß der Zwiebeln, die sich durch Gelb- und Welkwerden der Blätter ankündigt, ist das Werk der Zwiebel- Fliege bezw. ihrer Made. Etwa im April verläßt diese Fliege ihre in der Erde überwinterte Puppe und das Weibchen legt seine Eier an die dicht über der Erde befindlichen Zwiebelblätter. Bald entschlüpft dem Ei eine Larve(Made) und diese bohrt sich bis ins Innere der Zwiebel hinein. Ihre Gänge verursachen die Fäulniß der Zwiebel. Im Laufe des Sommers entwickeln sich mehrere Gene« rattonen. Bekämpft werden sie am besten, indem man die befallenen Zwiebeln auszieht und verbrennt.— — Zum dritten Male in diesem Jahre blüht in W r i e z e n ein Birnbaum. Zu gleicher Zeit trägt er die Früchte von der ersten Blüthe.— y. In Sonderburg ist eine Guanofabrik völlig nieder- gebrannt.— — Ein dreizehnjähriger Bursche in Oberlahn st ein miß« handelte einen etwa gleichaltrigen durch Würgen und durch Schläge, die er mit einem Stein gegen dessen Kopf führte, so schwer, daß dieser den Verletzungen erlag. Er wollte sich rächen, weil dieser ihn wegen Stachelbecrdiebstahls' angezeigt hatte.— — Ein internationaler Historikcrtag, der erste dieser Art, findet vom 1. bis 4. September in Haag statt. Auch eine deutsche Sektton wird gebildet.— — In Teng ö d(Ungarn) wurden wieder zwei Engel- macherinnen verhaftet. In ihren Wohnungen fand man noch zahlreiche Leichen von Säuglingen vor.— c. e. Das Opium rauchen wird jetzt von den Chinesen in Rußland eingeführt. In Chaborousk geht diese verderbliche Gewohnheit auck auf russische Arbeiter über. Die Behörde hat Maßregeln getroffen, sie aus die Chinesen zu beschränken.— c. e. Für 8 bis 10 Rubel verkaufen jetzt oft Korcaneriimen und Chinesinnen auf den Straßen der Stadt Wladiwostock ihre Kinder, die sie in ihrer Mittellosigkeit nicht ernähren können.— — Die kanadische Kommission, die die Untersuchung über den Untergang der„B ourgogne" führte, hat erklärt, daß die Katastrophe durch'zu schnelles Fahren,' Abweichen von dem gewönlichen Dampfer- Wege und Nichtbeachttmg des Nebelhorns seitens des franz ö- fischen Schiffes verursacht worden ist. Der Kapitän des Segel- schiffcs.Croinartyshire" wurde vollständig entlastet.—_ [in. Druck und Verlag von Aiax Babing in Berlin.