Unterhaltuttgsblatt des Horwärts Nr. 150. Mittwoch, den 3. August. 1898 (Nachdruck verboten.) 461 IXm die Fveiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichel. Das breite Gesicht des Junkers, das bereits der Wein gcröthet hatte, wurde vor Zorn Purpurroth und er dröhnte: „Daß Dich, ist denn der Teufel überall ledig? Die Brücke auf, das Thor zu! Ihr alle zu Euren Spießen und Armbrüsten! Fort!" Der Unecht enteilte. Die beiden Freunde griffen nach ihren Schwertern und Baretts und begaben sich in den nächsten Eckthurnr, der in das Thal hinunter schaute. Das Burgthor lag auf der entgegen- gesetzten Seite. Der steinige Weg, der sich dorthin nni die Burg heraufschwang, war schwarz von Menschen. Nicht nur bewaffnete Männer, sondern auch Frauen zeigten sich unter den Bäumen. Der lange Lienhart ging voran; er hatte sein Pferd im Dorfe zurückgelassen. Die beiden Junker erkannten in ihm denjenigen wieder, dessen Ulingc ihnen am Dreikönigs- tage in Rothenburg nicht wenig zu schaffen gemacht hatte. Wie Windes- oder Wellenrauschen tönte es zu den Junkem herauf. Zeisolf von Rosenberg fand die Meldung seines Knechtes bestätigt. Es waren seine früheren Hörigen. Aber auch sein Freund erkannte seine eigenen Leute.„So können wir denn allen beiden gleich einen Denkzettel geben," meinte er. Sie eilten in das Haus zurück, um sich mit Gewehren, Pulver und Blei zu verschen. Drei Knechte und ein Jägerbursche waren die ganze Besatzung, die sie mustern konnten, und die sie nun auf dem Wehrgang zu beiden Seiten des Thores ausstellten. Sie hatten kaum ihre Plätze eingenommen, so drangen schon die Bauern mit Geschrei aus dm Walde vor. Die aufgezogene Brücke, die sonst eine Fels- spalte vor der Burg überspannte, machte sie stutzig. Der lange Lienhart trat hervor und schrie den Junkern zu, daß sie sich geben möchten: ihr Widerstand würde ihnen nichts nützen, denn sie wären nur die Vorhut des Rothenburger Haufens, welcher ihnen auf dem Fuße folge. Die Antwort war ein von denr Jägcrburschen gesandter Bolzen, der den langen Lienhart so kräftig vor die Brust traf, daß er schwankte. Seinen Krebs von gut gehärtetem Eisen vermochte das Geschoß aber nicht zu durchdringen: es fiel ihm platt vor die Füße. Mit Geschrei lief ein Theil der Bauern bis an den Abgrund vor. Ein Spieß flog hinüber und traf den Knecht, der neben dem Junker von Rosenbcrg stand, in den Kopf. Er stürzte rücklings hinab. Die Sehnen der Annbrüste schwirrten; aber die Schützen hatten es zu eilig und die Bolzen gingen zu hoch. Die Junker sparten ihre Schüsse für den langen Lienhart, der sich jedoch vor ihnen durch den dicken Stamm einer Buche deckte. Mit dröhnender Stimme rief er die Unsinnigen zurück. Unterdessen hatten die anderen Steine vom Wege aufgelesen, liefen nun ebenfalls vor und bewarfen mit ihnen die Be- satzung. Darüber verloren die Junker ihre Selbstbeherrschung und ließen ihre Büchsen in den Hansen gehen. Mit wclchcnr Erfolg war nicht sogleich zu ersehen. Der lange Lienhart aber sprang jetzt hinter der Buche hervor und trieb die Leute mit Flüchen und flachen Schwerthiebcn unter die schützenden Bäume. Es gab ein paar Verwundete. Plötzlich verschwanden die Junker mit ihren noch lebenden drei Leuten von der Mauer. Ein Geschrei ließ sich aus der Burg vernehmen, Schüsse, Eisenklirren. Die Brücke rasselte nieder, das Thor stand offen. Lienhart drang mit den Seinigen ein. Hätten Junker und Knechte, als sie die Bauern herauf- ziehen sahen, besser Acht gegeben, so Ivürde es ihnen vielleicht nicht entgangen sein, daß ein Theil des Hanfens sich von diesem getrennt und, durch den Wald geborgen, der Burg von der linken Seite sich näherten. Es waren Haltenberg- stetter, die seit ihrer Kindheit mit der Oertlichkeit wohl ver- traut waren, und die entschlossensten Burschen. Sie führten Leitern mit sich. Auf ihnen hatten sie an einer geeigneten Stelle die Mauern überstiegen. Der Kanipf mit den im Rücken angefallenen Junkern war nur ein kurzer, die Ueber- macht, trotz verzweifelter Gegenwehr, zu groß gewesen. Als der lange Lienhart mit seinen Leuten in den Burghof kam, waren sie entwaffnet und gebunden. Es kostete ihm Mühe, das Leben der Junker, die mit finster trotzenden Mienen da- standen, vor der Wuth ihrer jetzt hereindrängenden Bauern zu beschützen. Er selbst konnte sich nicht enthalten, sie mit einem grimmigen Triuniph zu betrachten, indem er sich seinen dicken Schnurrbart aufwärts drehte. Die Knechte befahl er frei zu lassen. „Und jetzt zum Gericht, Ihr Herren," rief er und befahl die Trommel, die einzige, die der Haufen besaß, zu rühren, um die Leute, die sich schon zum Plündern in der Burg zer- streuten, zum Abzug zu sammeln. Wie sie auf den Weg kamen, sahen sie unten im Thale schon den hellen Haufen heranziehen. Der lange Lienhart hielt sich in der Nähe der beiden Gefangenen, um über ihre Sicherheit zu wachen, nicht um sich an ihrer Demiithigung zu weiden. Ihr Stolz beugte sich auch nicht unter den heftigen Ausbrüchen des langgenährten Hasses ihrer ehemaligen Leibeigenen, den Schimpfworten und Verwünschungen, Stößen und Faustschlägen selbst von den Weibern. Unter den Menschen, die am Eingang des Dorfes sich gesammelt hatten, stand ein Greis mit"schneeweißem Haar. Als er der Gefangenen ansichtig wurde, hob er die Hände gen Himniel und rief:„Herr Gott, ich dank' Dir, daß Du mich diesen Tag noch hast erleben lassen!" Jenseits der Brücke traf der lange Lienhart mit den Haupt- leuten, denen der helle Haufen langsam nachrückte, und den Sendboten des Ausschuffes zusammen. Der Anblick des ver- wüsteten Dorfes erregte auch sie nicht wenig und der Brett- heimer Metzler rief Lienhart entgegen:„Was schleppst Du den Mordbrenner und seinen Spießgesellen daher, �anstatt sie auf der Stelle zu henken?" „Um Gottes willen, ivas habet Ihr vor?" rief Valentin Jckclsamer erschrocken.„Taucht Eure Hände nicht in Blut!" „Nein, sie sollen nach Recht und Urtel den Tod erleiden," antwortete der lange Lienhart und ließ seinen Haufen einen Ring bilden, in dem das Gericht gehalten werden sollte. Das aufgedunsene Gesicht des Junkers Philipp war bleich, ohne daß es Furcht verrathen hätte. Sein Freund bewahrte seinen finsteren Trotz. „Das wäre Rache, nicht Recht," rief der lateinische Schul- meister. „Gerechtigkeit wär's," entgegnete Lienhart rauh und forderte die Hauptleute auf, in den Ring zu treten. Valentin Jckelsamcr wandte sich zu seinen beiden Be- gleiteru von den Geschlechtern, den ehemaligen Rathsherren Hieronymus Offner und Christian Heinz und besprach sich eifrig niit ihnen. Sie zogen den Pfarrer Denner bei Seite. Als nun die Hauptleute im Ringe zum Gericht schreiten wollten, erbat Jckclsamer sich das Wort und sprach:„Lieben Freunde, es will sich nicht also ziemen, daß der Richter seiner Leidenschaft Gehör gebe. Wohl heißet es in der heiligen Schrift:, Ueber Nattern und Vipern will ich Deinen Schritt führen', und das ist auch Euer Weg. Eine Viper ist auch dieser Junker von Rosenberg—" „Hölle und Teufel!" brauste dieser auf und zerrte an deni Strick, der seine Hände auf dem Rücken band. „Ist auch dieser Rosenberg," ftihr Jckelsanier fort,„der den armen Leuten, die seiner väterlichen Fürsorge anvertraut sind, heimtückisch in die Ferse sticht. Aber ich bitte und be- schwöre Euch, Ihr lieben Freunde, beflecket Eure reine Sache, welche die Sache aller Unterdrückten ist, nicht mit seinem Blute, nicht mit dem des Junkers von Finsterlohr, der wie er seine Hintersassen als ein Unmensch geschunden hat." Diesen Beschuldigungen stimmten die Haltenbergstetter lind Landeilbacher mit Geschrei zu. Der lange Lienhart, Mctzler und andere aber riefen einhellig:„Und darum müssen sie sterben!" „Nein, nein," protcstirte der lateinische Schullchrer. „Wolltet Ihr alle Nattern und Vipern austilgen mit Feuer und Schwert, wo gäb's ein Ende? Der Tod läßt keine Besserung zu. Sie sollen leben, um ihre Verbrechen gut zu machen und zu sühnen an den Geschädigten." „Nein, wir müssen so zu sagen ein Beispiel statuiren," rief Leonhard Metzler,„damit daß die ganze Junkcrschaft weiß, was die Glocke geschlagen hat." „Gericht, Gericht! Sie müssen sterben," riefen die Bauern durcheinander. Da trat die lange hagere Gestalt des Pfarrers Denner vor und er sprach:„Auf allen Burgen und Schlössern und in allen Klöstern und Palästen werden sie wissen, was es an der Zeit ist: aber dazu braucht's des Blutes dieser beiden Schacher nicht, deren Uebelthaten zum Himmel stinken. Im zweiten Buch Moses stehet geschrieben:.Ich will einen Schrecken vor Dir hersenden und alles Volk verzagt machen, damit Du kommst; und will Dir geben alle Deine Feinde in die Flucht!' Sorget Euch also nicht, lieben Brüder. Ihr Mannen aber aus Laudenbach und Haltenbergstetten, wann Ihr Eure Rache gestillt habet an dem Blute dieser beiden da, was nachher? Bauen sich Eure Häuser von selbst wieder auf und füllen sie sich von selbst wieder mit dem eingeäscherten Hausgeräth und lebet Euer erschlagenes Vieh von selbst wieder auf und füllet die Ställe wie vordem? Wohlan, sie sollen ihre Schuld büßen, aber auch Euch voll den Schaden ersetzen, den sie Ench verursacht haben. Weigern sie sich dessen, so komme ihr Blut über sie. Seid Ihr damit einverstanden?" Es blieb still. Einer sah den anderen an; keiner mochte sich zuerst äußern. Der lange Lienhart nahm das Wort: „Das ist in den Wind geredet. Mann Gottes. Ninun's nit übel. Was sollen die Leut' Dir antworten, ehe denn sie nit wissen, ob die Junker zur Büß' willig sind? Und wenn sie willig sind, ich nehme sie von dem Roscnberg nit an. Ich Hab' eine andere Rechnung nnt ihm. Meinen liebsten Fremid hat er mir erschlagen, als er die Gabriele Neureuterin hat rauben wollen. Davon kann er sich blos durch sein Blut lösen." Valentin Jckelsamcr kam zu ihm und wollte ihn beiseite ziehen. Er wollte hören, was Denner meinte. Dieser aber sah die Junker nur fragend an. Philipp von Finsterlohr, welcher der Verhandlung mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt war, während sein Freund eine geringschätzige Miene zeigte, er- klärte sich einverstanden. Der wilde Zeisolf niurrte nach einem wie erstaunten Blick auf den langen Lienhart:«Mit gebundenen Händen unterhandle ich nicht." Der lange Lienhart ließ beiden die Stricke lösen. Es hatte keine Gefahr, daß sie entfliehen könnten: denn der Ring war inzwischai von den Rothenburgern eng umschlossen worden. Auch dje Bewohnerschaft des zerstörten Dorfes hatte sich dazu gedrängt. Die Hauptleute und Botschafter des Ausschusses traten in Berathung. Es gab heftigen Streit. Der lange Lienhart wollte von keinen Bedingungen hören, bis ihn Leonhard Metzler mit einem bedeutungsvollen Blick anstieß und sprach:„Eines vergesset Ihr! So die Junker jetzt in der Gefahr auch Eure Bedingungen annehmen, lasset Ihr sie nicht Urfehde schwören, nachher werden sie's ihre Bauern doppelt und dreifach entgelten lassen. Wir Bauern von Rothenburg sind in der nämlichen Lage dem Rath gegenüber. Wir»vollen unsere Sach' gern dem Ausschuß anheimstellen, wie er es wünscht, und es eidlich geloben. Aber von wegen der beiden Junker lassen wir uns auf nix ein, wenn uns die Herren vom Ausschuß nicht in dessen Namen und der Gemeind' schwören, daß sie uns Bauern beistehen wollen, so weit Leib und Gut reichen, wann jemand etwas gegen uns unternehmen würde." Die Gesandten sahen einander betroffen an. Der lange Lienhart kraute sich im Bart.„Ich will's annehmen, wenn Ihr damit einverstanden seid," wandte er sich an die Häupt- leutc.„Ja," riefen diese einstimmig.„Nur eine Bedingung Hab' ich noch zu stellen," rief der lange Lienhart,„nämlich, daß der Junker von Nosenberg dem ganzen Haufen einen auskömmlichen Abschiedstrunk kredenzt". Die Hauptleute fielen ihm lachend bei. Valentin Jckelsamer, der unterdessen mit seinen Begleitern geflüstert hatte, erklärte jetzt, daß sie zu dem verlangten Eide bereit seien. Die Mienen der Bauern- führer verriethen ihren Triumph, nur der lange Lienhart konnte sich nicht darein finden, daß seine Beute ihm enffchlüpfte und er machte ein verdrießliches Gesicht. Pfarrer Denner verkündete den beiden Junkern die gefaßteil Beschlüsse, indenl er vorausschickte:„Ihr möget sie annehmen oder ver- werfen, auf einen Kuhhandel lassen wir uns nicht ein." Zeisolf von Rosenberg sollte auf seine Kosten die ein- geäscherten Baulichkeiten wieder herstellen und den Bauern das zu Grunde gegangene Vieh nach Billigkeit ersetzen. Er und Philipp von Finsterlohr sollten jeder 1000 Gulden oder 500 Pfund Heller an die Künegskasse der Bauern zahlen und einen feierlichen Eid leisten, zu keiner Zeit und unter keinen Umständen an ihren Hintersassen Rache zu nehmen, sondern daß hiermit alles vergeben und vergessen sein sollte. Endlich vergaß der Pfarrer auch nicht den Abschiedstrunk, den der Junker Zeisolf dem gesammten Haufen verabreichen sollte. Es schien als ob diese letzte Bedingung die Laudenbacher und Haltenbergstetter mit den anderen einigermaßen aussöhnte. Denn sie waren keineswegs zufrieden und es gab viel des Lärmens, bis sie sich auf das Zureden Deuner's, Jckelsamer's und Metzler's fügten. Der wilde Zeisolf hatte, scue flammenden Barte mit den Fingern durchpflügend, finsteren Angesichts die Bedingungen an- gehört.„Also auf Tod und Leben?" sagte er jetzt und sah seinen Freund an, der die Achseln zuckte. Dann wandte er sich zu den Hauptlcutcn und sprach, gleichfalls mit einem Achselzucken:„Wir nehnien an!" Darauf schwuren sie den Friedenseid, wie der Pfarrer ihnen denselben vorsagte. Sie waren frei. Der lange Lienhart aber gab ihnen eine Wache mit zum Schutze Mölkner's, der das Strafgeld von ihnen einziehen sollte, und damit der Wein nicht aus- bliebe. Dann erhob er seine weithin schallende Stimme und sprach:„Brüder, so Ihr der Meinung seid, daß wir es dem Ausschuß übertragen, unsere Sache vor dem Inneren Raths zu führen, falls er uns einen gestabten Eid schwöret, uns mit Gut und Blut beizustehen in etwaigen Fährlichkeiten, so hebet die Hand auf." Da reckten sich alle Hände in die Höhe und der lange Lienhart fuhr zu den Gesandten fort:„So schwöret denn!" Sieschivuren mit entblößtemHaupte,wie es vorher verab- redet worden war.„Amen!" rief Lienhart.„Und somit erkläret der helle Haufen Rothenburgs dem Ausschusse, daß er sich den Entscheidungen desselben in seiner Sache unterwerfen wird." Ein Jubelgeschrei schlug zum Himmel auf und dann be- gannen die Büchsen zu krachen. Wenn die Botschafter des Ausschusses sich etwa noch nicht völlig klar waren über die Tragweite ihres geleisteten Eides, so öffneten ihnen sicher die zweihundert Freudenschüsse, welche die Bauern ab- gaben, die Augen. Mittlerweile begannen auch die Weinfässer aus dem Burg- keller herabzugelangen und sie sorgten dafür, daß die Fröhlich- keit nicht versiegte. Nicht weniger als sechs Fuder Wein leerten die Bauern, ehe sie auf Weikersheim weiterzogen. Der lange Lienhart blieb in der Lustigkeit verstimmt, ob ihm auch die Freunde fleißig zutranken. Sein Gelübde, Hans Lautner zu rächen, war nicht eingelöst worden. Plötzlich entstand Ge- chrei und Tumult. Lienhart und seine Freunde eilten dem Menschcnknäuel zu, der sich unter den Bäumen am Berg- abhang bildete. Eine hübsche Dirne aus dem Dorfe hatte das Geschrei erhoben und sie beschuldigte Lorenz Knobloch, daß er ihr habe Gewalt anthun wollen. Die Bauern schimpften auf ihn ein und bedrohten ihn mit ihren Fäusten. Lienhart durch- drang den Knäuel.„O, Du elender Tropf," fuhr er Knobloch an,„bist Du deshalb uns Bauern zugelaufen, um unter uns Dein städtisches Luder- und Lasterleben fortzusetzen? Ein Bauernführer willst Du sein, hast ein ehelich Weib und schändest unsere' Dirnen? Ein räudiger Hund bist Du!" „Schlagt ihn tobt!" schrien die wüthigen Bauern. Da blitzten auch schon die Schwerter. Ihr oberster Hauptmann wehrte ihnen nicht, sondern wandte sich schweigend hinweg. Zerstückelt und zerfleischt lag der Elende am Boden. Die Trommeln schlugen zuin Aufbruch. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Fteischfconfievttett. Die Zahl der Konservirungsmethoden des Fleisches ist eine sehr große: bis zun» Jahre 1875 sind allein schon weit über dreihundert Patente und Publilationcn darüber gezählt ivorden. In den letzten zwanzig Jahre» hat sich eine umfangreiche Industrie entwickelt, die sich ausschließlich mit der Konservirung des Fleisches beschäftigt. Bei allen handelt es sich darum, die Zersetzung des Fleisches durch Erniedrigung der Temperatur, durch Entziehung der Feuchtigkeit und durch Anwendung von Schutzmitteln gegen die Bakterien zu beseitigen. Die Entziehung des Wassers wird durch Trocknen. Räuchern, Einpökeln und Salzen erreicht. Durch Anwendung dieser Methode werden die wichtigsten Bestandtheile des Fleisches so wenig ver- ändert, daß diese Äonservirungsart als die zweckmäßigste angesehen werden könnte, wäre nicht die Herstellung großer Mengen ge- trockneten Fleisches im Fabrikbetriebe mit allzu großen Schwierig- leiten verknüpft. In den Hochebenen Ainerika's aber, wo scharfe trockene Luft das schnelle Verdunsten des Wassers bewirkt, werden große Fleischquantitäten auf natürlichstem Wege für die Auf- bcwahrung bereitet. Es ist ein besonderer Vorzug des so behandelten leisches, daß es drei Viertel seines Gewichtes verliert, wodurch der ransport erleichtert und weniger kostspielig wird. Das Austrocknen oder Boucaniren ist übrigens eine schon bei den Naturvölkern, den Indianern Nord- und Sudamerika's gebräuchliche Art der Konser- oirung. Das Fleisch wird in breite Streifen von etwa zwanzig Zentimetern Stärke geschnitten, in Salzlake gewaschen, eingesalzen und in Haufen zur Trocknung aufgeschichtet, bisweilen auch über offenem Herdfcucr gedörrt. Derartig behandeltes Fleisch, Haupt- sächlich vom Bison, wird im Norden Anierika'S„Pemmikan", im Süden„Tassajo" und in Südafrika„Viltongue" genannt. Weite Verbreitung fand der Tassajo, der in Quantitäten von etwa 12t) OOO Zentnern jährlich nach Brasilien und jtuba ausgeführt wird. Der Preis beträgt nicht viel mehr als zwanzig Pfennige für das Kilogramm, und wenn es die Zollgesetze und der Einfluß ge- wisser Interessentenkreise gestattete, so könnte dieses Fleisch zum Preise von etwa fünfzehn Pfennigen für das Pfund in Europa importirt werden. In größeren Quantitäten wurde getrocknetes Fleisch im Krim- kriege 1854 und 1855 konsumirt, findet jedoch heute zur Verprovian- tirung der Armeen nur noch in Amerika Verwendung, wo es pulverisirt und in Formen zu Fleischzwicback gepreßt wird. Mit der Herstellung von Flcischmehl, das durch Dörren des zerkleinerten Fleisches auf Drahtrosten und Pulverisircn des so erzeugten harten und spröden Produktes gewonnen wurde, beschäftigte sich unter anderen die Larno-xura-Gesellschaft, die vor einigen Jahren, da sich das Unternehmen nicht als genügend rentabel erwies, ihre Thätig- keit einstellte. Durch Pökeln oder Einsalzen wird dem Fleische gleichfalls eine gewisse Wasscrmcnge entzogen. Infolge dieser Ausscheidung von Flcischsaft, der mir dem Salze die Lake bildet, entsteht ein Verlust an Nährwerth, der jedoch nach neueren Untersuchungen von Rubner und Voit nicht so erheblich ist, wie früher angenommen wurde. Um das Austreten des Flcischsaftes möglichst zu verhindern, hat man das Schnellpökeln eingeführt, ein Verfahren, das ein schnelleres Eindringen der Salzlösung bewirkt. Man bringt das Fleisch in einen hermetisch verschlossenen Behälter, aus dem man die Luft auspumpt; dadurch wird auch die Luft den Hohlräumen des Zellgewebes entzogen, so daß die darauf in den Behälter eingeführte Salzlösung in das Fleisch einzudringen vermag, ohne daß Flcischsaft hierbei verloren geht. Eine eigcnthiimliche Art der Einsalzung wendet man m Südamerika an. Nachdem das Blut aus der Herzkammer des getödteten Thicrcs ausgeflossen, wird in die große Pulsader mit Hilfe einer durch die linke Herzkanuner eingeführten Röhre eine Salzlösung ge- pumpt, die durch aufgewendeten Druck aus allen Körperthcilen das Blut verdrängt, au dessen Stelle in die Blutgefäße eindringt und schließlich nach der rechten Herzkammer wieder ausfließen würde, wenn die Austrittsöffnung nicht rechtzeitig geschlossen würde. Das Fleisch bleibt einige Tage lang liegen, so daß es vollkommen von Salz durchsättigt und gleichzeitig getrocknet wird. Antiseptisch wirksamer als das Einsalzen ist das Räuchern des Fleisches: unter gleichzeitiger Anstrocknnng nimmt"das Fleisch dadurch die im Rauch enthaltenen autiscptischcn Stoffe, Essigsäure und Kreosot, auf. Am besten für diese Zwecke geeignet ist der Rauch der Laubhölzer. Die Schnellräucherung wird durch wiederholtes Be- streichen der Fleischstückc mit Holzessig und Trocknen derselben am heißen Ofen bewirkt. Der Holzessig enthält dieselben Stoffe wie der Holzrauch, nur in konzcntrirtcr Form. An seiner Stelle verwendet man nicht selten eine mit Salzen versetzte Abkochung des in den Kaminen von Holzfeuerungen abgelagerten Glauzrusses. Die Groß- Händler geben der Schnellräuchenuig den Vorzug, da diese den Flcischwaaren weniger Wasser entzieht, so daß sie auch weniger an Gewicht verlieren als gewöhnliche Räuchcrwaarcu. Obwohl durch Räuchern die Verdaulichkeit des Fleisches beein- trächtigt wird, hat diese Konservirungsmcthode doch die weiteste Ver- brcitung gefunden. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, daß nicht allein die Erhaltung des Fleisches, sondern auch der Geschmack des- selben eine wesentliche Rolle spielt. Am längsten und völlig unverdorben ließe sich das Fleisch in gefrorenem Zustande aufbewahren. wenn diese Methode sich praktisch leicht genug durchführen ließe. In Nordsibirien fanden Reisende gefrorene Mammuthleichen, deren Fleisch sich nach dem Austhauen als genießbar erwies, obwohl seit dem Tode des Thiercs nachweisbar Jahrtausende verflossen ivaren. Die Versendung von Fleisch in gefrorenem Zustande ist jedoch wegen der erforderlichen Eisverpackung nnt großen Schwierigkeiten und Kosten verknüpft. Größere Fleischmengen hat man, in Eis gebettet, aus Australien nach Europa gebracht. Man erkannte schließlich, daß schon eine Temperatur von ein bis zwei Grad unter Null genüge, um das Fleisch vor Fäulniß zu schützen: aber erst durch Einführung der Eis- maschmen wurde man in den Stand gesetzt, zu jeder Zeit einen für die Konscrvirung erforderlichen konstanten Kältegrad zu erzeugen. So ermöglichte mau es, das billige Rohflcisch Amerika's und Australiens aus den europäischen Markt zu bringen. Das Fleisch wird zu diesem Zweck in eisernen Kästen von hundert bis hundert- sechzig Kubikmetern Inhalt verpackt, in denen durch Eismaschinen beständig ein kalter Luftstrom erzeugt wird.(Schluß folgt.) Vleinos Feuillrton. — Das Findlingswesen in London. Die vielen Kinder- morde in England, welche in der Mitte des 17. Jahrhunderts vor- kamen, bestimmten einen alten Seekapitän, Mr. Thomas Coram, für die Gründung eines Findelhauses eine Lanze zu brechen. Er sowohl wie auch andere philanthropische Männer begriffen, daß sich die Verbrechen vermindern würden, lvenn eben den unglücklichen Müttern Gelegenheit geboten würde, ihre Kinder in einer Anstalt unterbringen zn können. Coranüs Plan wurde enthusiastisch aufgenommen, und so erschien denn im Jahre 1741 in den öffentlichen Blättern eine Anzeige, daß an einem bestimmten Tage zwanzig Kinder in dem Findclhause aufgenommen würden. Die Mutter solle die Klingel ziehen. das Kind abliefern, aber erst dann fortgehen, nachdem sie sich überzeugt habe, daß es im Findelhause verbleiben könne, da solche, die an ansteckenden Krankheiten litten, unter keinen Umständen Einlaß finden könnten. Auch hieß es, es wäre gut, wenn ein jedes Kind ein Erkennungszeichen, eine Münze, einen Zettel, oder was es auch sein möchte, mit sich brächte. Die Annonce verfehlte ihre Wirkung nicht, denn bereits am Eröffnungstage kämen anstatt der 20 über 1000 Mütter mit ihren Kindern an, die sich am Thore drängten und schlugen, so daß die Behörden einschreiten mußten, unl Recht zu schaffen. Bald darauf stellte sich noch ei» anderer Uebelstand ein. Die Vorsitzenden einiger der Kirchensprengel benutzten die Anstalt dazu, um die ihnen lästig gewordenen Waisenkinder, für deren Er- Haltung sie aus der Armensteuer zu sorgen hatten, auf diesem be- guemen Wege als uneheliche � Kinder loszuwerden.— Die Mütter mußten sich infolge dessen mit den armen Würmern in einem Saale versammeln, woselbst eine Ballotage stattfand. Füns schwarze 5iugeln bedeuteten die Nichtaufnahme. Von Jahr zu Jahr wurden die Mittel größer, so daß von 1741 bis 1756 im Durchschnitt 92 Kinder aufgenommen werden konnten. aber es liefen noch viel mehr Bitten um Aufnahme ein, als die immer noch sehr geringen Mittel gestatten wollten; und so erklärte sich das Parlament unter der Regierung Georg's II. bereit, jährlich eine größere Summe beizusteuern, um die Aufnahme der Kinder aller Applikantcn zu bewerkstelligen. Jetzt befestigte mau einen Trag- korb an der Außeupforte, in, welchen die Mütter die Kinder in der Dämmerungsstunde legten, worauf sie sich von bannen schlichen. Diese Neuerung paßte den Armenpflcgern noch weit besser, denn jetzt war es noch schwieriger, zu entdecken, wessen Kind man vor sich hatte. In drei Jahren wurden nicht weniger als 14 934 Säuglinge in dieser Weise dem Findelhause einverleibt, von denen ein großer Theil legitimer Ehen entsprossen. Aus allen Theilen des Landes wurden nämlich die hilflosen Kinder nackt London gesandt, mitunter durch Personen, die, um sich die Reisekosten in die Tasche zu stecken, vor Mord und Verbrechen nicht zurückschreckten. In Highgate wurde ein Reiter angehalten, der in zivei Sattclkörben vier Kinder mit sich führte und ruhig erklärte, daß er für die Ueberlieferung ins Findclhaus wöchentlich 8 Pfund Sterling verdiene. Er gestand dann noch, daß er den armen Würmern stets die Kleider raube und sie splitternackt in den Empfangskorb hineinlege. Nachdem solche Greuel allgemeines Stadt- gespräch geworden, nachdem von den 14 934 Kindern nur 4400 ihr dreizehntes Lebensjahr erreicht hatten, entschied das llnterhaus endlich, daß die Ausnahme in anderer Weise zu geschehen habe. Heute müssen, wie der„Hamb. Korrespondent" mittheilt, die Mütter eine schriftliche Eingabe niachcn, ihre„Respcktabilität" nachweisen und endlich erklären, daß ihnen der Aufenthalt des Vaters un- bekannt ist. Fallen die Erkundigungen günstig aus, dann steht der Aufnahme nichts mehr im Wege und die Mutter ist ihrer Sorge für immer enthoben. Die Säuglinge werden zu Ammen auf das Land gegeben, die sie nach dem siebenten Jahre wieder in die Anstalt zurückliefer»; diese zahlt 3—4 Schilling für die Woche für die Verpflegung. Später erhalten die Kinder eine mäßige Erziehung im Findelhause. Die Mädchen werden für den Dienstbotenstand und die Knaben für irgend ein Handwerk erzogen.— Theater. — r. Das Ostend-Theater benutzt die sommerliche Schwüle zur Veranstaltung eines„Zyklus beliebter Volksschauspiele". Unter diesem Zeichen passirt jetzt ein buntes Gemisch von dramatischen Werken sehr verschiedenen Werthes; am Montag wurde„Hero und Leander" von Grillparzer gegeben, am Dienstag Dumas'„Kean." Für die Aufführung des französischen Skandalstückes mag die Be- fähigung des Ostend-Theaters reichen; die Darstellung von„Hero und Leander" war einfach nicht zum Aushalten. Die Schauspieler und Schauspielerinnen werden es uns zum besten deuten, wenn wir sie heute nicht einzeln mit Namen nennen; bei der Aufführung der nächsten Possen-Novität werden ihre in diesem Fache unbestrittenen Verdienste mit um so größerer Hingabe gewürdigt werden.— Musik. — er—. Oper im Theater des Westens. Librettisten ohne den nöthigen Vorrath an theatralischer Phantasie, ohne lehhafte Leichtigkeit einer fruchtbaren Einbildungskraft nehmen gerne zur Gattung„lyrisches Drama" Zuflucht. Eine überfließende Scntimcn- talität, die in wortreichen Monologen und slltzgalantcn Duetten aus- tönt, soll die Lebhaftigkeit, die Sprache und Situationen eines ernst zu nehmenden Musikdramas ersetzen. Das Resultat dieser Monotonie in der Tonklangfarbe und ganz äußerlichen Bewegtheit ist eine unerträgliche Langeweile. Unter'diesem Uebelstande leidet in schwerster Weise das neue„lyrische Drama" von Eugenia C h e c ch i„P e r g o l e s i", welches Herr Pierantouio TaSca in Musik gesetzt hat. Die abgethanenen Requisiten des romantischen Künstlerdramas reichen ftir die vier Akte, zu denen dieser Pergolesi auSeinandcrgczcrrt ist, absolut nicht aus; es giebt darin keine Höhen und Tiefen, keine Lichter und leine Schatten. Es ist räthsel- Haft, wie sich Tasca von dem Buche musikalische Inspirationen versprechen konnte. In der von Bellincioni hier eingeführten Oper„A santa Lucia' hatte der junge Italiener eine Musik mit leidenschaftlichem Athcm, melodische Gedanken in präziser Fassung und eine theatralisch wirkungsvolle Gegen- ständlichkeit aufzuweisen. Im„Pergolest" sind wohl duftige melodische Blüthen vorhanden, aber ihrem Reize schadet eine gemachte Feinheit, eine vornehme Sprödigkeit, die ängstlich aller nachsingbaren Popularität auszuweichen scheint. Gelegen- heit zur Jndividualisirung gab dem Komponisten weder die Melancholie des Liebespaares, noch die Theaterboshcit des Verräthers, noch der protzige Starrsinn des fürstlichen Uebennenschen; es sind Puppen, in denen kein Leben ist, weder das ihrer eigenen noch irgend einer anderen Zeit. Die Jnstrunientation zeugt nicht von Virtuosität, aber sie hält sich wie die ganze Partitur, die von einer vornehm empfindenden und ehrlich schaffenden Musiker-Jndividualität herrührt, von beleidigenden Brutalitäten fern. Die Aufnahme der Oper, um die sich das Ensemble des Herrn Marwitz recht verdient machte, traf den psychologischen Nerv des Werkes: Man applaudirte mit rührender Leidenschaftlichkeit.— Kunst. — In der Großen Berliner Kun st aus st eilung wird demnächst die Ausstellung der Wandgemälde eröffnet werden, die Hermann Prell für die deutsche Botschaft in Rom gemalt hat. Die sehr großen Gemälde behandeln den Jahreszeiten- Mythos der Edda.— Aus dem Thierleben. — Eins der Werth vollsten Pelzthicrc Nordamerika's, der See- otter(Latax oder Enhydris lutris), wird in kurzer Zeit aus- gerottet sein, weim für seine Erhaltung nicht rasch die schärfsten Maßregeln getroffen werden. Früher kam dieses Thier fast an der ganzen pazifischen Küste Nordamerika's von den Pribilowinscln und den Bleuten bis nach Nordkaliforinen niehr oder weniger reickilich vor; jetzt sind die Sccottern dort auf geringe Ileberreste zusammen- geschmolzen, und auch in ihrer letzten Feste, ans den Bleuten, ist ihre Zahl dermaßen zurückgegangen, daß nicht nur zu ihrem Schutze, sondern auch mit Rücksicht auf die Eingeborenen� der Alenten, die für ihre Lebensbedürfnisse fast ganz von dem Seeotter abhängig sind, ernstere Maßnahmen getroffen werden müssen. Nach einem Bericht, den Kapitän Hooper kürzlich dem Schatzainte der Vereinigten Staaten abgestattet hat, sind auf den Bleuten in den 24 Jahren von 1873— 1896 von den Eingeborenen etwa 58 000 Seeottern getödtet worden, die höchste Ziffer wurde mit 4152 im Jahre 1885, die niedrigste mit 598 im Jahre 1894 erreicht. Hierzu müssen auch die zahlreichen Thier? hinzugerechnet werden, die von weißen Jägern alljährlich getödtet worden sind. Unter der beständigen Ver- folgung haben die'Ottern nicht nur an Zahl abgenommen, sondern auch ihre Lebensgewohnheiten geändert. Sie kommen jetzt nicht mehr ans Land, um zu meiden und zu ruhen; schwimmende Tang- flöße sind nach Hooper ihre einzigen Ruheplätze, und Bänke von dreißig Faden Tiefe bilden ihre Weidcgründe. Und selbst dort werden sie von, März bis August von Jagdschoonern gejagt und be- unruhigt, während die Insulaner ihres hauptsächlichen Unter- Haltungsmittels verlustig gehen.— Aus dem Gebiet der Chemie. — Das Problem der Gährung. Auf dem Chennker- kongreß in Wien hielt Professor Büchner einen Bortrag über Gährung ohne Hesenzelle, der allgemein große Beachtung findet. Einem Bericht der„Neuen Freien Presse' entnehmen tvir darüber folgendes: Die verschiedenen Zuckerarten(Rohrzucker, Traubenzucker, Fruchtzucker, Milchzucker, Maftase u. s. w.) werden, wenn sie im Wasser gelöst sind, theils direkt durch den Lebcnsprozetz der in die Zuckerlösung gebrachten Hesezellen in Alkohol und Kohlensäure gespalten, theils müssen sie vorher erst der Einwirkung gewisser ledloser Stoffe— sogenannter ui, geformter Fermente oder Enzyme, wie z. B. Maltase, Lactase— unterworfen werden, bevor das lebende geformte Ferment in der Hefe die Alkoholbildung aus Zucker einzu- leiten im stände ist. Da die auf die Wirkung der leblosen Fennente beruhende Umwandlung der nicht direkt gahrungsfähigen in direkt gährungsfähige Zuckerarten darin besteht, daß die ersteren durch die Fermentwirkung in chemisch einfachere, das heißt weniger Atome ent- haltende Zuckermolekule zerspalten werden, und da die Alkohol- bildung aus Zucker aller Art immer nur noch eine weitere Zer- spaltung eines relativ einfach gebauten Zucker-Riolekules ist, so lag der Gedanke nicht fem, daß auch dieser letztere Prozeß, die Alkohol- gährung, durch ein lebloses, un geformtes Ferment, das sich aus der lebenden, gesonnten Hefe möglicherweise gewinnen lassen würde, eingeleitet werden könnte. Dieser Idee stehen jedoch die Resultate so hervorragender Forscher, wie Pastenr, Hclmholtz und Dumas entgegen, welche als Axiom den in unserer Zeit auch nicht mehr bestrittenen Satz hinstellten und durch zahlreiche anscheinend unwiderlegliche Experimente bewiesen zu haben vermeinten, daß Alkohol aus in Wasser gelöstem Zucker nur unter Mitwirkung der lebenden Hefezelle— des geformten Fermentes— entstehen könne, und daß zu Tode verwundete Hefezellen nicht mehr im stände seien, den Prozeß der Alkoholbildung aus Zucker einzuleiten.— Buchner stellte jedoch diesen Behauptungen gegenüber folgendes einfache Ixperiment an: Er zerrieb frische Münchencr Bierhefe mit scharfem Quarzsande, wodurch die schützenden Deckmembranen der mikroskopisch kleinen Hefekügelchen zerrissen und deren flüssiger Zellinhalt freigelegt wurde. Alsdann preßte er den aus Sand, Zellhäuten und Zellsaft bestehenden Brei in einer hydraulischen Presse bei einem Drucke von 500 Atmosphären aus und erhielt so aus einem Kilogramm Hefe etwa ein halbes Älo» gramm Zellsaft. Dieser wurde klar filtrirt, so daß er keine einzige lebende unzerrissene Hefezelle mehr enthalten konnte, und trotzdem verwandelte sich in diesem Preßsafte aufgelöster Zucker vollständig in Alkohol und Kohlensäure! Der Vortragende füllte vor den Äugen der Versammlung einen kleinen Glaszylinder halb» voll mit Preßsaft und Zucker an; nach einigen Minuten bildeten sich auf der Oberfläche der Flüssigkeit die für die alkoholische Gährung charakteristische S ch a u m h a n b e, die am Schlüsse des Vortrages hoch über den Rand des Glasröhrchens emporgestiegen war. Dieses ebenso einfache wie bedeutungsvolle Experiment Buchner's hat die modernen als unwiderruflich angesehenen Gährungstheorien in ihren Grundfesten erschüttert und verHilst den vor bald fünfzig Jahren ausgesprochenen, jedoch damals experimentell unerwiesen gebliebenen Anschauungen Liebig's und Berthelot's über das Wesen der alkoholischen Gährung zu einem späten glänzenden Siege.— Technisches. k. Ein Straßenbahnwagen mit Dampfbetrieb nach einem neuen System der Dampfversorgung ist von der Detroit- und St. Clair-Bahn(Amerika) in Betrieb genommen worden. Der Grundgedanke dieses Systems ist die Zentralisation der Dampfanlage. Die Verwandlung des Waffers in Dampf geschieht nicht auf dem Wagen selbst, sondern in einer Zentralstation; der Kessel des Wagens wird nämlich durch eine besondere Leitung auf der Endstation mit heißem Waffer gefüllt, das eine Tempe- rawr von 195 Grad Celsius besitzt, was einen! Druck von etwa 13,5 Atmosphären cutspricht. Es ist nun nur noch nothwendig, die geringen Wänncvcrluste während der Fahrt auszu- gleichen, mn den Wagen fortgesetzt betriebsfähig zu erhalten. Des- halb besitzt derselbe auch keine eigentliche Feuerungsanlage und führt auch keine Kohlen mit sich, sondern es wird lediglich ein unter dem mit dem heißen Waffer gefüllten Kessel befindlicher Behälter mit glühender Antbracitkohle gefüllt. Eine solche Füllung reicht für eine Fahrt von 56 Km aus. Da der Wagen 13,7 m lang ist, 14 000 kg wiegt und 60 Personen fassen kann, so ist dies eine recht gute Leistung.— Hmnoristisches. — Recht schmeichelhaft. Der Landrath M. bemerkt auf einer RevifionSreise in dem Dorfe Niedcrdunkel'.vitz auffallend viele Landstreicher und beauftragt den Ortsvorstchcr, ihm nach Ablauf eines Monats darüber zu berichten, ivelche Maßregeln er gegen das Bettlcrnnwesen ergriffen habe, und ob der Uebelstand nunmehr ge- hoben sei. Genau vier Wochen später geht bei dem Landrathsamt folgender Bericht ein: „Seit der Herr Landrath hier war, hat sich weiter kein Ge- siudel mehr sehen lassen. Gehorsamst Schulze, Ortsvorstchcr.' — Druckfehler. Der Inspektor ist uns plötzlich durch den Tod entriffc». Wir verlieren in ihm einen sehr gespickten Beamten.— — Berechtigte Frage. Präsident: Es ist geradezu schrecklich, was Sie uns durch Ihr Leugnen für Arbeit machen!" Angeklagter:„Herr Präsident arbeiten wohl auch nicht gern— Vermischtes vom Tage. y. 59 Schiffe sind im Monat Juni verloren ge- gangen. Darunter sind 43 Segler mit 18 105 Tonnen und 16 Dampfer mit 14137 Tonnen Gehalt. Fünf Schiffe gehörten deutschen Rhedereicn. Außerdem erlitten 337 Schiffe Be- schädigungen.— y. Der 16 Jahre alte Maurer-Lehrling Walz ist in Rostock in seinem Bette verbrannt. Er hatte sich zum Lesen ein Licht angezündet und war dann eingeschlafen.— — Die 200 Jahre alte Wandsbeker Kirche brannte in der Nacht zum Montag bis ans den Grund nieder.— — Frost und Schneefall sind im Monat Juli im Kreise Gumbinnen eingetreten.— — Hagelschlag u n d Gewitter haben in Pommern großen Schaden angerichtet. Auch in R h e i n h e s s e n wüthetcn starke Gewitter. Bei Nieder solms wurden ein Mann und seine Tochter vom Blitz erschlagen.— — Ein Personenzug ist an der Haltestelle Eutingen bei Horb entgleist. Drei Personen wurden getödtet, mehrere verwundet.— — Eine große Tuchfabrik in Kronstadt ist am Sonn- tag eingeäschert. Ter Schaden beträgt eine Vicrtelmillion Gulden.— — Die größte Telephon st ation wird im Jahre 1900 in Stockholm eröffnet werden. Sie soll im Äuppelsaale die Möglichkeit zum Anschluß für 20 000 Abonnenten haben.— c. o. Beim dramatischen Wettbewerb zur Turiner Ausstellung sind nicht weniger als 141 Werke eingelaufen.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacodey in Berlin. Dmck und Verlag von Max Babing in Berlin.