Hlnterhaltimgsblatt des Horwärts Nr. 15S. Freitag, den 5. August. 1898 (Nachdruck verboten.) 481 Um die Freiheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweich? l. „Nennet nur das Kind beim rechten Namen," äußerte Wendel Hipler mit ewiger Schärfe.„Aber die Bauern sind keine Heckenreiter und Straßenräuber. Was da an Kostbar- leiten, Wein und Früchten in den Klöstern und Schlössern aufgehäuft ist, das ist dem Schweiß der Bauern von den- jenigen abgepreßt, die faulenzen." „Dann kann ich wieder nach Jaxthausen zurückreiten, wie ich kam," rief Götz, indem er sich mit glühender Stirn erhob.„Mein Begehren ging auf einen Schutzbrief für meinen Bruder Hans und die Seinigen." „Da müsset Ihr Euch an den da wenden, das ist unser oberster Fcldhauptmann," erwiderte Hipler, ohne dem Beispiel Götze's zu folgen, und deutete auf Georg Metzler.„Ich mache nur den Sckretarius, just wie Anno 1513 bei der von dem Herzog Ulrich und dem Grafen Georg von Hohenlohe eingesetzten Kommission, welche es mit Euch, Herr von Bcrlichingen, zu schlichten hatte, daß Ihr dem Antoni Wekser einen Wagen mit Kaufmannswaaren, so auf Straßburg ging, ohnweit Oehringen weggenommen hattet." „Der Wagen kam von Nürnberg und ich lag in ehrlicher Fehde mit der Stadt," erklärte Götz. In den geistvollen Mienen des Kanzlers blitzte es ironisch auf. Aber er unterdrückte diese Regung und sprach mit Ernst und Nachdruck:„Heute giebt es nur noch eine einzige große Fehde: diejemge, in welcher die Bauern zu den Waffen gegriffen haben. Da ist es denn nicht mehr als recht und billig, Hcrrvon Bcrlichingen, daß diejenigen, welche den Bauer zu diesem Kampf um seine Freiheit zwingen, auch die Kosten dafür tragen und zahlen. Und ich denke, Herr Ritter, haben's Adel und Geistlichkeit verstanden, ihrer Ausbeutung der armen Leute ein Mäntelchen umzuhängen, das sie Recht und Gesetz nennen, so wird sich auch eine Ordnung für die Kriegskontribntion, die jetzt der Bauer von jenen einziehen muß, finden lassen. Was aber den Schutzbrief anlangt, nun, Bnlder Jörg, da könnte wohl Rath werden, was meinst Du?" Dieser erklärte sick damit einverstanden. Wendel Hipler entnahm seinem Mantelsack Papier, Feder und Tinte und enüvars den Schntzbrief. Durch denselben gebot der oberste Hauptinann des hellen Haufens des Odenwaldes und Neckar- thals niänniglich, wcß"Standes oder Wesens er sei, wider Hans von Berlichingen, seine Diener. Uuterthanen oder Ver- wandten im Argen oder Unguten, mit thätlicher oder gewalt- sanier Handlung, in was Weg das wäre, nitznichts zu üben oder fürzunehmen, sondern ihn und der Seinen Leib, Hab und Gut helfen schützen und schirmen bei Verlierung Leibs und Lebens. Götz schaute unterdessen, an den Enden seines Schnurr- barts kauend, aus einem der Spitzbogenfcnster, an das er getreten, auf den grünen, von dem Kreuzgang umschlossenen Rasenplatz, auf dem die Mönche begraben lagen. Kein Hügel, Kreuz oder Stein bezeichnete die Gräber. Der von den ersten Frühlingsblumen durchwirkte Rasen war ganz eben. Au die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit alles Ehrgeizes dachte Götz schwerlich dabei. Jörg Metzler hatte sich in den Sorgenstuhl des Abts geworfen und gähnte vor Ungeduld. Einmal rief er:„Eile Dich. Kanzler, ich Hab' einen ganzen Berg zu schaffen!" Er entfernte sich auch ohne Umstände, nachdem Wendel Hipler den Schutzbrief vorgelesen und er ihn unter- zeichnet hatte. Hipler setzte seinen Namen ebenfalls als Kanzler darunter und drückte sein Jnsiegel ans das Papier. „Jaxthausen ist jetzt sicher wie in Abraham's Schooß," sagte er, dem Ritter das Dokument überreichend.„Ja, Herr Götz, es ist eine große Zeit, in der wir leben. Darum wundert es mich, daß Ihr sie in Euren vier Pfählen versitzet. Ihr scheutet doch sonst nicht Stunn noch Un- gewitter." „Ein Heuchler bin ich mein Lebtag nicht gewesen," rief Götz mit einem tiefen Athemzuge.„So gesteh' ich Euch.�daß es mit meinem Reiterblut ist, wie mit dem Wein im Faß, der gährt, wann es Herbst ist. Die Pfaffen haß' ich und die Fürsten möchten uns ohnmächtig machen; ich nehme mein Wort nicht zurück. Und der Adel denkt wie ich, das weiß ich, und er folgte mir wohl. Aber—" Er brach ab und begann mit schweren Schritten auf und ab zu gehen. Nach einer Weile blieb er vor Hipler stehen, der unterdessen sein Schreibgeräth weggeräumt hatte, rieb sich heftig die Stirn und sprach dumpf:„Reden wir nicht weiter davon. Dringet nicht weiter in mich. Ihr werdet es mir verübeln und auch der Adel; aber es darf nit sein." „Ich dringe nicht in Euch; aber Eure Worte will ich in einem feinen Herzen behalten," antwortete Wendel Hipler ge- lassen, gelassener als es dem Ritter lieb zu sein schien. „Lebet denn wohl und Dank für die Mühe," verab- schiedete sich Götz nach einem kurzen Zögern und griff nach seinem Helm.„Und wenn Euch Euer Weg nach Gundelsheim führt, Herr Hipler, so gehet an meinem Haus nicht vorüber." „�er guten Aufnahme gewiß, Herr von Berlichingen, mag es wohl geschehen, daß ich komme," erwiderte Hipler mit Bedeutung. Eine kleine Weile später stülpte er sein Barett auf und ging, um Florian Geyer aufzusuchen. Auf dem Klosterhofe stand ein alter Ahorn mit weit nach allen Seiten hin sich ausbreitenden Aesten, aus dessen dicken gelblichen Knospen bereits das junge Grün hervorschaute. Unter demselben hatte sich ein lebhafter Handel aufgethan. Ihr feiner Spürsinn hatte etliche Männer hergeführt, welche ihre gelben Hüte und langzipfeligen Kapuzen sowie ein gelbes kreisrundes Stück Tuch auf der linken Schulter als Kinder Israels kennzeichnete, wenn es ihr morgenländischer Gesichtsschnitt nicht gethan hätte. Den Bauern waren sie willkommene Käufer ihrer Beute. Da wurde denn um silberne Becher, Kruzifixe, Abenänmhlskelche und aus kirchlichen Geräthen herausgebrochene Edelsteine, um das Krönlein der Jung- frau Maria und ihre Festgewänder von starrer Seide, sowie um die Bestandtheile priesterlicher Trachten von seinen Leinen, Spitzen und Brokat, als Casula, Cingulum, Dalmattka, Alba. Pallium u. f. w. mit Streiten und Zan.en gehandelt und gefeilscht. Bruder Eusebius schaute aus der Ferne zu. Er hatte die Kapuze abgelegt und die weite Weiße Kutte gegen einen kürzeren Arbeitsrock mit anschließenden Aermeln vertauscht. In seiner Miene prägte sich nur zu deutlich die Wuth aus, die in ihm kochte, wie er diese heiligen Dinge von den schmutzigen Fingern der gottverfluchten Juden betasten und hin und her wenden sah. Wendel Hipler lächelte, trat zu ihm und sprach:„Frommer Bruder, auch der Jude ist ein Mensch wie Du. Der Gott, den Du anbetest, erschuf auch ihn. Aber Ihr, die Ihr Euch Christen nennt, habt ihn noch tiefer in den Schmutz getreten als die Bauern. Die Befteiung der Bauern wird auch ihn frei machen; denn das Evangelium der Freiheit wendet sich an jeden, der Menschenantlitz trägt. Auch an Dich, Bruder Eusebius. Aber Dein Ohr ist taub. Warum? Weil Du nur ein halber Mensch bist, weil Du Dich durch dicke Klostermauern von Deinen Nebenmenschen abgesondert hast, nicht fühlst für sie und mit ihnen, nicht mit ihnen arbeitest für das Wohl aller. Schäme Dich I Schäme Dich der Knechtschaft Deiner Seele! Du bist noch jung und ein kräftiger Kerl; wirf ab die Kutte, die Dir die Hälfte Deiner Mannheit ninmit, in der Du nicht Fisch nicht Fleisch bist. Stecke Dich in einen Panzer, nimm ein Schwert zur Hand und werde selbst frei, indem Du für die Freiheit Deiner uriterdrückten Nebenmenschen streitest." Er klopfte ihm auf die Schulter und ging. Der junge Mönch stand mit hochrothem Gesicht und starrte ihm mit wogender Brust nach; er wußte nicht wie ihm geschah. Kriegerisches Getöse riß ihn aus sich heraus. Wieder ließen sich Trommeln und Pfeifen vernehmen. Wendel Hipler ging ihnen entgegen und von allen Seiten strömten die Bauern herbei, um die heranziehenden Brüder zu empfangen. Der lange Lienhart und Leonhard Metzler aus Brettheim kamen mit der Rothenburger Landwehr, den Laudcnbachern und Haltenbergstettern, denen sich die Weikersheimer angeschlossen hatten. Wie die Brandung aufgestürmter Wogen brauste der Jubel durchs Thal. Begrüßt und begleitet von den alten Freunden und Be- kannten, nahmen die neuen Ankömmlinge den Lagerplatz ein, im ihnen Jörg Mctzlcr nach Florian Geyers Bestimmung neben der Schwarzen Schaar anwies. Während ein jeder sich einzurichten suchte, stand plötzlich die schwarze Hofmännin vor dem langen Licnhart. Simon, den sie schon Tags zuvor aufgesucht hatte, um sich zu erkundigen, ob die Rache an dem Junker von Rosenberg vollstreckt sei, sagte ihm, wen er vor sich habe. Der lange Licnhart blickte sie mit einer Mischung von Mitleid und Verlegenheit an.„Linne Frau", sagte er und faßte ihre knöcherne Hand, ohne ihre Ansprache ab- zuwarten, konnte er sich doch denken, weshalb sie kam,„wir hatten den Schuft und er hatte schon so gut wie die Schlinge um den Hals, trotzdem ist er entschlüpft." Ihre schmale» Lippen krümmten sich bitter.„Giebt's denn keinen unter Euch Mannsleuten, der hassen kann?" rief sie.„Wenn Du ihn hattest, mußtest Du erst auf einen Strick warten, anstatt ihn mit Deinen Händen zu erwürgen? Und Du hast meinen armen Buben doch lieb gehabt, wie der Neuffcr mir erzählt hat!" „Freilich war er mir ans Herz gewachsen," versicherte der Riese.„Aber der Ausschuß von Rothenburg hat denr Junker durchgeholfcn, indem daß er uns gegen sein Leben die Bunds- gcnossenschaft der Stadt mit einem Eid gelobte!" „Rothenburg im Bund nnt uns, und das sagst Du erst jetzt?" rief Simon erregt. Die Frau lachte mit bitterem Hohn auf.„Ihr wollt frei werden und lasset Eure Feinde ani Leben, die Gott in Eure Hand gicbt," rief sie schneidend.„Und der auch!" fügte sie hinzu und deutete mit dem Finger auf Geyer, der hinterwärts von den beiden anderen sich näherte. Ter lange Licnhart wandte sich um und ein froher Schein flog über sein bärtiges Gesicht, als er seinen ehemaligen Hauptmann erblickte, der ihn mit den warmen Worten die Hand gab:„Grüß Dich Gott, Brenncken!" „Ihr kennt mich noch und wißt noch meinen Namen, Herr Ritter?" rief der ehemalige Lanzknecht hoch erfreut. „Ich wußte schon, daß Du Dein Schwert von der Wand herunter gelangt hattest, alter Kriegskamerad ," enviderte Florian Geyer mit einem freundlichen Blick.„Aber nichts mehr von Herr und Ritter; aus den alten Wänrsten bin ich herausgewachsen." „Was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott," sprach die schwarze Hofmännin. „Seid Ihr so kundig der heiligen Schrift, gute Frau?" fragte Florian Geyer.„Soll's mir gelten? Ihr wieset vor- hin niit dem Finger auf mich." „Dir soll gelten, daß Du die hohen Bäume stehen lässcst", erwiderte sie.„Was hilft's, daß Du Dein Herz den armen Leuten giebst und»viirgcst den Wolf nicht, der sie mit seinen gierigen Zähnen bedroht?" Florian Geyer schüttelte den Kopf; er verstand sie nicht. Sie antwortete langsam, uni ihren Worten mehr Nachdruck zu geben:„In gleißend Stahl sah ich ihn entrinnen, wie dem langen Lienhart der Rosenberg. Schon einnial war er in Deiner Hand und Du ließest ihn leben." „Sprichst Du von dem Götz von Berlichingen?" fragte Florian Geyer.„Ich hörte, daß er hier war, um sich einen Schutzbrief für Jaxthausen auszuwirken." „Gleichviel, um was er gekommen ist; ein Wolf wird flimnier zahm," versetzte sie,„Du wirst es bereuen; denn ich sage Dir, Florian Geyer von Geyersberg, er wird Dich zcr- reißen, und uns alle. Sie müssen alle hin sein, die Wölfe, Bären, Löiven, Tiger, Adler, alle, alle; Gott will es!" Sie schritt langsam davon. Ihre Prophezeiung bewegte Florian Geyer nicht. Er würde darüber gescherzt haben, wenn er nicht gewußt hätte, daß ihr Haß aus dem unsäglichen Elend des Volkes auf- brodelte.„Geduld, armes Weib, wir werden das Elend ausmisten," murmelte er ihr nach. Indem kam Paul Jckel- samer dazu, und schon von weitem rief er dem langen Lienhart die Frage zu:„Ist's wahr, daß Ihr den Nönnlein von Schäftersheim zum Tanz aufgespielt habt? Der Metzler erzählt es." „Die armen Jungferlein", lachte jener in seinen Bart. „Sie flogen luftig in die Welt zurück wie gefangene Vögel, denen die Thür des Käfigs aufgethan lvird." „Und dabei gerieth der Käfig in Brand", scherzte der Fähndrich der Schlvarzcn Schaar. „Durch Zufall", zuckte der lange Licnhart leicht die Schultern.„Wir fanden die Zinsbücher und verbrannten sie, das war die Ursach. Dabei sind denn auch all die schönen Kerzen und Gotteslämnilein zerschmolzen, die sie von dem Wachs ihrer Bienen anfertigten und in Rom weihen ließen. Sic verdienten damit ein schön Stück Geld, das sie sorgfältig für uns aufgehoben hatten." „Und das ist nun verzettelt?" fragte Herr Florian, die Brauen zusammenziehend. Seine Mienen wurden jedoch hell und er. nickte befriedigt, als Simon Neuffer bemerkte:„Aber die Rothenburger haben einen guten Beute- oder Brandmeister. Schon in Reichardtsrode haben wir ihn gewählt." Vom Kloster her erklang eine Glocke. Es war diejenige, die sich gewöhnlich nur vernehmen ließ, wann im Thale einer vom Leben geschieden war. Jetzt diente sie, um die Hauptleute zur Berathung zu rufen. Es gab viel zu berathen und zu schaffen, wenn die zwölf Artikel, welche das Programm der gesammten deutschen Bauernschaft war, erfüllt werden sollten. Ueber das Ziel waren wohl alle einig, die täglich in dem Konvent zusammen kamen, wo sonst die frommen Väter um das Reich Gottes und die Mehrung ihres Kloster- gutes gesorgt hatten, auch darüber, daß sie aus den Klöstern ausgeräuchert werden müßten, wie die Hamster aus dem Bau, in dem sie die Frucht des Bauern auffpeichcrtcn, und daß die Burgen, in denen das Volk nur Zwingvcsten sah, gebrochen werden müßten. Aber über die Mittel und Wege zur Freiheit gab es unter ihnen nur zwei klare Köpfe: Wendel Hipler auf dem Politischen und Florian Geyer auf dem Gebiet des Krieges. Florian Geyer hatte, seitdem ihm das Scheitern von Herzog Ulrich's Unternehmen die Brust befreit, auf Giebel- stadt einen Feldzugsplan entworfen, den er nun mit Unter- stützung Hipler's in den Grundzügen zur Annahme brachte. Danach sollten die Grafen von Hohenlohe, deren Besitzungen, wenn auch nicht als ein zusammenhängendes Ganzes, bis an das Gebiet von Rothenburg sich erstreckten, sowie deren Nach- baren, die Grafen von Löwenstein, Weinsberg und Heilbronn zur Bundesgcnossenschaft mit den Bauern genöthigt und auf diese Weise Württemberg von der österreichischen Herrschaft befreit werden. Dann wollte man sich nach Franken wenden, wo der Hauptschlag geschehen, die Bischöfe von Würzburg und Bamberg vertticben, das mächtige Nürnberg in den Bauernbund aufgenommen werden sollte. Ans diese Weise verstärkt und auf dem rechten Flügel durch Württemberg unterstützt, traf der letzte, vernichtende Schlag den Schwäbi- scheu Bund, der zu Ulm saß und dessen oberster Feldhaupt- mann, der Truchseß von Waldbnrg, gegenwärtig noch in öfter- reichischcm Solde, zur Zeit an der oberen Donau gegen die aufgestandeneil Bauern operirte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Eilt Itohnkolg. Es war an einem Somiabend-Morgen. Im Komptoir der Firma C. Bcrthold waren nur zwei Personen anwesend, der Inhaber des Geschäfts und sei» Werkführcr. Der Lehrling und der Buchhalter waren in die Stadt geschickt, um Gelder einznkassiren. „Sie sind also h'cur Abend um fünf Uhr pünktlich zurück, Herr Hansen, ich verlasse mich darauf. Sie keimen die Kerle alle per- söulich; es wird Ihnen deshalb viel leichter als mir, die geeigneten zehn Manu von ihnen zu entlassen... Eins wollte ich Ihnen noch sagen. Mir gefallen die Lohnlisten gar nicht mehr; wir haben auch nicht einen einzigen Arbeiter mehr, der unter M Pfennig die Stunde arbeitet. Das kann so nicht fortgehen, es gicbt Leute genug, die gern für weniger arbeiten... Ich habe dabei die feste Ilcberzengnng, daß die ganze Bande, wenn sie nicht scharf kon- trollirt wird, für 30 Pfennig nicht einen Schlag mehr thut als für 25 oder sagen wir 27'/?." Herr Hansen pflegte für gewöhnlich nichts gegen die Ansichten seines Chefs einzuwenden. Auch heute ivarf er nur so nebenher die Frage auf: „Wünschen Sie denn, Herr Berthold, daß sämmtlichen Arbeitern der Lohn gekürzt wird? Es geht zum Winter, und die Arbeitszeit ivird auch kürzer." „Gerade deshalb, die Leute arbeiten jetzt nnter jeder Bedingung. Wer absolut nicht will, wird eben entlassen... Ich versichere Sie, daß Sie selbst bei diesen Bedingungen nicht einmal die nöthigen zehn Mann herausbringen." Damit wandte sich der Geschäftsinhaber wieder seiner Zeitung zu. Hansen machte sich fertig seine eigentliche Arbeit, das Kontrolliren der Baustellen, zu beginnen. Er war Meister, Geschäfts- und Werfführcr in einer Person, er haftete auch für etwaige Unfälle. Seine Hanptthätigkcit aber bc- stand in der Annahnte und Entlassung der Arbeiter und in der Kontrolle der Bauten. Es war dies nicht allzuviel,� und der In- Haber des Geschäfts hätte es wohl auch allein besorgen können. wenn seine Zeit nicht durch sportliche Passionen stark in Anspruch genommen wäre; überdies fehlte ihm jedes Verständniß für Arbeiter und Arbeit. Hansen wurde so die Seele des Geschäfts. Da er aber aus jeder fertig gestellten Neuarbcit seine Prozente bezog, war er außerordentlich diensteifrig und trieb alle Leute so an. daß in der Arbeit das Menschenmögliche geleistet wurde. Die Arbeiter nannten die Asphaltfabrik und Dachdeckerci von C. Bcrthold kurzweg „die Schinderbude". Es war bereits dunkel, als die ersten Arbeiter ans dem Hofe anlangten. In kleineren Trupps, wie /sie gerade zusammen gc- arbeitet hatten, fanden sich in der nächsten Viertelstunde die meiste» Leute in der Nähe des Komptoirs ein. Jeden Sonnabend bot der Hof das gleiche Bild. Ebenso war es von jeher üblich, daß die wenigen Schieferdecker, die beschäftigt wurden, ihren Lohn zuerst erhoben. Diese waren auch die einzigen, die zu eincni tarifmäßigen Lohn arbeiteten; sie gehörten einer starken Organisation an. Man erlaubte sich auch bei der Auszahlung keine „Scherze" mit ihnen. Man gab ihnen, Ivo es irgend anging, die Arbeiten in Akkord. Damit war man diese unbequenien Leute los, die doch unbedingt gebraucht wurden, sollte dieser Zweig des Gc- schäfts, der immer noch reichliche Früchte trug, nicht ganz eingehen. Die Mehrzahl der Arbeiter bestand aus„Schwarzkünstlern". Diese arbeiteten in Asphalt. Holzzcmcnt und Thecr. Ihr Lohn schwankte zwischen 25 und 40 Pfennig für die Stunde. Kamen sie um Zulage ein, so war der Erfolg ihrer Forderung immer sehr zweifelhaft. Einen auskömmlichen Lohn be- zogen höchstens die„Spachtler", in einzelne» Fällen auch die Kolonnenführer, nämlich dann, wenn sie mit der nöthigcn„Energie" die Arbeit förderten. Die Schieferdecker waren abgefertigt. Jetzt drängten sich die Schwarzen ins Komtoir. Das Scharren und Räuspern legte sich bald, und unter einer fast feierlichen Ruhe begann die Auszahlung. Hansen rief nun zunächst die anwesenden Kolonucnsührcr mit Namen und legte ihnen den Lohn aufs Zahlbrett. Während dieser Bc- fchäfligimg sagte er laut, ohne besonders dabei aufzusehen: „Diejenigen Leute, welche 35 Pfennige und darüber verdienen, erhalten von heute an 5 Pfennige weniger pro Stunde. Den übrigen wird der Lohn nur um ll'/s Pfennige gekürzt.... Wer damit für seine Person nicht einverstanden ist, der melde sich!" Es war plötzlich unheimlich still. Einer blickte verstohlen zum andern— so ganz unvorbereitet— daran hatte heute niemand gc- dacht— und sie waren fast alle verhciraihct— Nur einer drängte sich durch bis zum Zahlbrctt und verlangte, noch ehe Hansen ihn einer besonderen Anrede würdigen konnte. Buch und Karte. Beides lag schon bereit. Er wäre so wie so cntlasscu worden; denn er war„dreist"— er oppouirte zuweilen gegen allzu große Schinderei und gegen die Ileberftundcn. Das störte den Frieden der anderen— er war Hansen längst ein Dorn im Auge. So nahm er denn sein Geld und seine Arbeitspapiere und vcr- ließ mit einem kräftigen„Gute Nacht, Kollegen!" die Schwelle. „Sic sind also alle zufrieden," lies; sich Hansen wieder vcr- nehmen,„es ist ja auch Ihr eigener Vortheil. Sic wissen ja, Sie haben bei uns den ganzen Winter Arbeit,— vorausgesetzt, daß Sie Ihre Schuldigkeit thiin und der Frost'nicht zu hart wird... Mit einigen von Ihnen habe ich aber noch ein besonderes Wort zu reden— Habennann und die anderen fünf, die am Dienstag in Halensee gc- arbeitet haben— kommen Sie bitte etwas näher!... Wo waren Sic am Dienstag zwischen drei und vier Uhr? Bei der Arbeit habe ich Sic nicht gcftmden." „Wir sind um drei Uhr von der Baustelle gegangen, weil es rcgucte— Sic haben ja erst kürzlich bekamü geniacht, daß die Regen- zeit nicht bezahlt wird." „Ganz richtig. Habennann, Sie vergessen nur, daß es am Dienstag schon um 12 Uhr geregnet hat. Sie schreiben aber trotz- dem auf Ihren Wochcnzcttcl— Ihre Herren Kollegen natürlich aucb— sieben Stunden! Ich habe Ihnen Allen selbstverständlich zwei Stunden gestrichen, irnd damit Sie zu solch dreisten Prellereien nicht loicdcr Gelegenheit haben, sehe ich mich leider gcuöthigt, Sic zu entlassen. Meinetwegen können Sic im Frühjahr wieder an- fragen...." Hansen kramte noch eine Weile unter den vor ihm liegenden Lohnzetteln, bis er noch drcic herausgefunden hatte; die legte er bcilcite. Die Auszahlung ging nun schnell vor sich. Gegen den Abzug halber und ganzer Stunden, gegen das Zu- sanmieuziehen der Ueberstnndcu mit dem üblichen Abstrich wehrte sich niemand— daS war schon alt, und mit den längsten Debatten schlug man doch keinen Pfennig über die Summe heraus, die der Buchhalter auf dem Lohnzcttel notirt hatte. Allmälig leerte sich das Koinptoir. Zuletzt waren mir noch drei Mann übrig. Diese ahnten nichts BöscS, einer mußte doch eben der letzte sein— das war eben Pech und konnte jedem passircn. Sie hatten auch Zeit— ihre Frauen nrachten ihnen noch früh genug den Kopf Ivarm, wenn das Kostgeld wieder knapper ausfiel, als sie ge- rechnet hatten— der Rcgcnstuuden wegen— Endlich— der Lehrling reichte dem Buchhalter gerade einige Karten, in die er noch Marken nachgeklebt hatte— endlich mußten auch sie daran kommen. „Haben Sie wirtlich gedacht, Grube und Manzel und Sie da, daß ich Sie die nächste Woche noch arbeiten lassen tvürde? Dann ist das ein Jrrthum— oder Sie haben ein schlechtes Gcdächtniß; Sie waren ja gestern... besoffen." „Bc— soffen waren wir gar nicht, Herr Hausen, das ist im mal Ihrerseits ein sehr starker Jrrthum; wir haben den Kessel leer und die Arbeit fertig gemacht. Bei dem Dreck, den wir haben gestern verarbeiten müssen, muß man schon Nordhäuser drinkcn, wenn man »ich schlapp werden will. Besoffenheit ist wieder'nc gmrz andere Krankheit. Sie können et ja nächste Woche mal allecne Probiren. Und nn geben Sie man die Papiere, die da hinter Ihnen liegen— wir haben nischt mehr zn verhandeln. Habe ick recht, Kollegen?" „Haste— Er hat überhaupt ccncn sehr seinen Geruch un eignet sich daniit janz besonders vor'n Asphaltkessel." Im Nebenzimnicr räusperte sich vernehmlich Herr Berthold; aber er wartete noch, bis die drei mit ihrem Lohn gegangen waren, dann erschien er im Thürrahmen. „Freches Volk, verdient noch viel zu viel. Sonst für Montag alles in Ordnung?" „Alles, Herr Berthold!" Draußen fuhr ein Wagen vor. Der Lehrling half seiuem Chef diensteifrig in den Ueberrock. Der wünschte„Gute Nacht" und stieg in seinen Wagen, der ihn in einen angenehmen Winkel der Haupt- stadt führte. Er bedurfte der Anregung.— 331 c hu* 53 Foulllrkon. Was ciue einzige Granate vermag. In den Kämpfen bei Santiago ivnrde das amerikanische Schlachtschiff„Texas" von einer spanischen Granate getroffen. Ein englischer Korrespondent, der auf der„Texas" war. beschreibt nach einem Bericht des„B. T." deren Wirkungen wie folgt:„Der THeil des Schiffes, welcher getroffen wurde, ivar die Zcntralzitadcllc oberhalb des Schutzdeckes. Die Wände des Schiffes bestehen hier aus � zölligen Stahlplatten. Die Granate durchschlug die Wand, als ob sie ans Papier sei. traf einen in der Mitte dcS Rannies stehenden Retallständer und explodirie etwa sieben Fuß von der Bcplattung der Stetlerbordwand. Bcmerkenswerth ist, daß von den Stahlplatten keine Splitter und Trümmer nach dem Inneren mit fortgerissen wurden. Sie ward in Streifen zerfetzt und in einer Weise nach rückwärts zusammengerollt, daß es den Eindruck machte, als ob das zähe Metall durch den Aufschlag und das Hindurchgehen dcS Geschosses halb gcschniolzen sei. Ter Stoß war aber nicht hinreichend, um die Granate zum Krcpircn zu bringen; härte sie den Ständer gefehlt, fo wäre sie möglicherweise auch durch die Steuerbordplatte gegangen und erst außerhalb des Schiffes krcpirt. Ilnglücklichcrweise stand der Ständer der Granate dixclt im Wege, und die schwere Metallsäule leistete genügen- den Widerstand, um ein Krepircn des Geschosses zu bewirken. Die Wirkung war eine fürchterliche. Obgleich die Granate eine kleine, nur sechs Zoll iin Durchmesser starke war und nicht mehr als siebzig Pfund wiegen konnte, so zertrümmerte sie vollständig alles in dem großen Raum, in welchem sie krcpirte, während der durch die Munitionsaufzügc abwärts und in die anderen vorwärts gelegeuen Abthcilnugen gepreßte Rauch mehrere Minutcu lang die dort sich anfhnltcndcu Mannschaften zu ersticken drohte. Der Ständer ward in einer Ausdehnung von zwei Fuß in Atome zermalmt, und die vor- ivärts gegen die Stcucrbordwand sliegcuden Sprengstückc der krepirten Granate bnuchtcu die starken Stahlplatten nach auswärts bis zu einer Tiefe von drei Zoll aus. An einer dieser Stellen befand sich eines der dicken doppclköpfigcn Winkcleisen des Schiffsrumpfes. Diese starke Stahlrippc, die nahezu doppelt so dick und schwer ivie eine Eisenbahnschiene, ward in zwei Stücke zerschnitten, als wenn sie ans Käse bestände, und fast zwei Fuß derselben wurden in kleine Stücke zerschmettert mit fortgerissen. Das Bodcnstück der Granate riß in dem Stnhldeck ciue Furche, als wenn ein Pflug durch den weichen Boden eines Brachfeldes gegangen wäre. Es traf und zerbrach ciue andere Rippe des Schiffes und zerbrach hierbei selbst wieder in zivei Stücke, die sich in eine dicht an der Stcnerbordlvand stehende Tanrolle, die um einen Eichcnblock von 2 Fuß Umfang aufgeschossen war, bohrten. Tan und Eichcnblock bildeten Zylinder von etwa 4 Fuß Durchmesser. DaS Tauwcrk ward bis auf das Holz durchschnitten und der starke Eichenblock in Splitter zerrissen. Dieses eine Faktum würde genügend sein, um einen Begriff der erstaunlichen Kraft der modernen Geschosse zu geben. Ein Hagel von Stahlsplittcrn, die von der cxplodirten Granale selbst, von dem zerschmetterten Ständer und dem Winkeleisen herrührten, fegte au der Stcucrbordwand etwa dreißig Fuß weit entlang, riß Bolzcnköpfe ab, zerbrach Gcschützznbchörstücke und streifte die Farbe ab, wie wenn ein Dutzend Leute stundenlang mit Stahlmcißcln gearbeitet hätten. Jeder Mann im Raum wurde vcr- wundct. Ein Kanonier ward von nicht weniger als fünfzehn Stahl- stückcheu, von denen jedes etwa von Haselnußgröße, getroffen. In dem Augenblick, wo die Granate krcpirte. stand ein Manu gerade in ihrer Bahn. Er wurde buchstäblich in Atome zerblasen. Er sprach gerade mit einem Kameraden, der cigenthümlichcr- weise nur durch den Luftdruck zu Boden geworfen wurde, sonst aber unverletzt blieb. Andere, dreißig Fuß von der Explosions- stelle entfernte Leute hatten bis zu zwölf Stücke der krepirten Granate in ihren Körpern. Bcmcrkcnswcrth ist die Kleinheit der Stücke, in welche das Geschoß zersprang; einige derselbe» wogen nur bis dreißig Gramm leine Unze). Das einzige Stück von einiger Größe, welches später aufgesammelt wurde, war etwas weniger als die Hälfte des Bodens, wodurch sich noch feststelle» ließ, daß das Geschoß eine scchszöllige, aus einem Hinterlader verfeuerte Granate mit einem an der Spitze befestigten PerhtssicuiSziinder gewesen war."— Völkerkunde. n. Jndianerschulen. In den Vereinigten Staaten giebt eS an zwei Orten, in Carlisle im Staate Pennsylvanien und in Hanipton im Staate Virginia, Schulen, die ausschließlich von Indianern besucht werden. Der Zweck dieser Anstalten ist der Unterricht von Indianern in Elementarfächern und in irgend einem Handwerke. Nach Vollendung ihrer Ausbildung werden die jungen Indianer zu ihrem Stamme zurückgeschickt. damit sie dort den günstigen Eiusluß höherer geistiger Bildung auf ihre Stannnesgenossen übertragen. Diese Hoffnung hat sich, wie die„Deutsche Zeitschrift für ausländisches Untcrrichtswescn" berichtet, als gänzlich verfehlt erwiesen. Die von der Schule heimgekehrten Indianer fielen in überraschend kurzer Zeit in ihre frühere Lebens- und Anschauungsweise zurück, nur fühlten sie sich mit der Erinnerung an die in der Zivilisation verbrachten Wochen unglücklicher als ihre Genossen, die von den Segnungen der Kultur ganz unberührt geblieben ivaren. Nur wenn die Zöglinge der Jndianerschulen unter Weißen bc- halten wurden, konnte sich ihre Bildung weiter entwickeln. Da es nach den bisherigen Erfahrungen aussichtslos erscheint, die Jndianerstämme als solche zivilifiren zu ivollen, und dieselben beim Fortgang des bisherigen Zustandcs einem schnellen Aussterben entgegengehen, so wird seht seitens der Regierung ernstlich der Plan erwogen, die Stämme überhaupt aufzulösen und die einzelnen Jndiancrfamilien in verschiedene Ortschaften zu vcrthcilcu. Nur so könnten sie, allein unter Hunderten vou Weißen lebend, für die Zivilisation gewonnen werden, tvenn auch vi.L dabei nicht in eine bessere Lebenslage gelangen, sondern zu gründe gehen würden.— Aus dem Th«erreich c. — D i e Duftorgane der Schmetterlinge. Während die abstoßenden Gerüche vieler Insekten, durch die sie ihre Feinde abschrecken und sich mehr oder weniger unangreifbar inachen, seit langeni bekannt sind, richtete zuerst Fritz Müller die Aufmerksamkeit auf eine Klasse von Dustorganen, die namentlich bei Schmctterlingsmännchcn vorkommen und dazu dienen, durch ihre Duftansstreuungen die Weibchen anzulocken, und die noch dadurch merklvürdig sind, daß sie häufig auch für Menschen höchst angenehme Düste verbreite». Es sind bei den Schmetterlingen Haar- und Schuppengcbildc, die für gewöhnlich nicht offen der Lust ausgesetzt sind, sondern in besonderen Furchen, Schlitzen oder Taschen auf den Flügel» oder am Hintcrlcibe eingeschlossen liegen und sich erst hervor- heben und sträuben, wenn fie ihren von Drüsen, die am Grunde dieser Duftpinsel und Schuppen liegen, bereiteten Duststoff entsenden sollen. Einige dieser Düste sind, wie gesagt, auch den Menschen sehr angenehni. Bei einer in Amerika weit verbreiteten Nymphalide konnte Müller Heliotrop-, bei einer Danaidc Vnnillcduft feststellen. Das Männchen unseres Kohlweißlings soll nach Citroncn duften. Am häufigsten kommt Bisam- und Moschusgcruch, der bekanntlich vielen Menschen ebenfalls sehr angenehm ist, vor, und zwar bei Tag- undRacht- faltern, z. B. bei unseren Windig- und Ligusterschwärmern und vielen anderen. Bei manchen Arten find die Gerüche für menschliche Nasen weniger angenehm. Bei einigen nordamcrikanischen Bärcnvögcln fand Packard Opinmgenlch, und den Dust zweier schönen südamerikanischen Tagfalter bezeichneten Müllems Kinder als Fledermausgeruch. Natürlich ist der Grad der Annehmlichkeit für mensch- liche Nasen nicht maßgebend für Schmctterlingsweibchcu, und manche Düfte, die in weite Fernen Botschaft von der Gegen- wart eines Männchens tragen, mögen wir gar nicht wahr- nehmen, wie man häufig Insekten ninsiziren sieht, ohne ihren Ton, der für unsere Ohren zu hoch sein muß, zu vernehmen. So fand Müller bei dem hübschen und häufigen Pantherspanner wohl Duftorgane, konnte aber keinerlei Dust an ihnen wahrnchmen. Bei manchen Arten erfolgt das freilvilligc Hervortreiben der Duftorgane fo auffällig, daß sich das Aussehen des Thiercs völlig dadurch vcr- ändert. Bei einer Glaucopide, die Müller bei den Flügeln gefaßt hatte, sah er plötzlich ihren Leib wie unter einer weißen Wolke verschwinden. Eine Menge feiner weißer wolliger Fäden waren aus einer Tasche des Hinterleibes hervorgetreten und bedeckten denselben. Auch bei anderen Insekten hat man ähnliche ausstülpbare Duft- organe wahrgenommen, so bei manchen Käfern, bei denen sie aller- dings wohl mehr der Abschreckung dienen mögen, bei Haarflüglern, welche viele Natnrforsckier als die Ahnen der Schmetterlinge ansehen, und anderen.(„Prometheus.") Technisches. u. Hochöfen bei Naturvölkern. Im Innern Afrika' s lebt ein Volksstamm, der aus den dort reichlich vor- handenen Eisenerzen mit Hilfe der primitivsten Instrumente ganz vor- zügliche Eisen- und Stahlgegeustände herzustellen versteht. Die von ihm verwendeten Hochöfen werden emfach ans Thon gebaut und sind nicht höher als 2 bis 3 Meter. Die Erze werden von oben eingeführt. Das Gebläse, das in unseren Hochöfen aus kunstvoll gebauten Luftgängen besteht, wird bei jenen einfachen Naturkindern lediglich aus Thicrfcllen gebildet, die mit innen ausgehöhlten Baum- stämmen zu einem Blasebalge verbunden sind. Die kleine Ausfluß- Öffnung, die sich an der Sohle des Ofens befindet, ist so lange, bis das feurig-flüssige Metall herausströmen soll, durch einen Holz- pstopfen verschlossen, der natürlich bei jeder Beschickung von neuem hergestellt werden muß, da ihn die Gluth des Ofens jedesmal stark beschädigt.— Humoristisches. — Der moralische Pepi. Lehrer(den Begriff„genüg- i snm" erklärend):„Denkt Euch, in einer Pfanne sind zwei Knödel, ein großer und ein kleiner; welchen würdest Du nehmen, Peperl?" Der kleine Pepi:„Den kleinen." Lehrer(ersteut):„Recht; kannst Du mir aber auch sagen, warum?" Pepi:„Weil i eh Schläg' vom Hans krieget, wann i den großen nehmet!"— Stilblüthen.(Aus einem Roman): Ein süßes Lächeln huschte über ihre schlanke Gestalt.— Eine boshafte Bemerkung kräuselte sich auf seine Lippen.— („Megg. Hum. Vl.") Heimgeleuchtet. Er:„Ich würde mir eine Frau hei- rathen, die das gerade Gegentheil von mir ist!" Sie:„Ein so vollkommenes Wesen werden Sie wohl kaum finden."— Vermischtes vom Tage. — Das Hamburger Voll schiff„Thekla", das am 4. Febrngr d. I. von Lesth nach Rio de Janeiro in See gegangen ist,>vird für verschollen erklärt. Von der 24 Mann starken Be- satznng fehlt jede Spur.— — In A I t o n a hat ein öO Jahre alter Schreiber seine Frau im Schlafe mit einem Hammer t ö d t l i ch verletzt.— — Die Gurkenernte ist fast in ganz Dcuffchland durch Regen und Kälte verdorben worden. An der F e st l a n d s- k ü'ste des Kurischen Haffs, wo viel Gemüsebau getrieben wird, ist nahezu alles vernichtet.— — Ein Bataillons- Tambour vom 6. Greiradier- Rcgimcirt zu Posen erschoß sich aus Furcht vor Strafe lvegcn S o l d a t c n rn i ß h a n d l u n g.— — Bei einem Kampfe zwischen Schmugglern und Grenzsoldaten an der prcußifch-russischen Grenze wurde der Anführer der Schmuggler lebensgefährlich venvundet. Die andere» Schnuiggler entkamen.— — In K a r l o w i tz erkrankte eine ganze Familie nach einem P i l z e s s e n. Ein 2|/a Jahre altes Mädchen starb bald darauf an den Folge» der Vergiftung.— — In Schvnrodc bei Lobscns durchschnitt ein Arbeiter im Streit einem Kollegen mit einer Sense den Hals.— — Ein 23j ährig er Stellmachcrgeselle hat in Hannover seine Wirthin. eilte 40 Jahre alte Wittlvc, ans dem Fenster ihrer Dach- Wohnung geworfen.«ie starb bald darauf an den erlittenen Verletzungen. Verschmähte Liebe soll den Mörder zu seiner That getrieben haben.— — B e i der Trauung tvurdcn in Dortmund ein Arbeiter mit seiner Braut verhaftet. Die Braut, ein Dienst- mädchen, hatte in ihrer letzten Stellung eme größere Anzahl Hans- haltungsgegenstände entwendet,»ist denen sich das Paar einrichten lvollte.— y. Die 13 Jahre alte Tochter eines Bergmannes und die 3 Jahre alte Tochter eincS Arbeiters in Dortmund vcr- brannten, als sie Petroleum in das glimmende Herdsener gießen lvollte».— — Beim Brand in den D ü n k i r ch e n e r Petroleum- Reservoirs sind 50 000 Hektoliter Petroleum vernichtet worden.— — Eine internationale permanente Konferenz z u m S t u d i u m der Tuberkulose und ihrer Heilmittel soll nach einem Beschluß des Pariser TnbcrstUose-Koiigrejses eingerichtet werden.— — Auf einem Versailler Bahnhof stießen beim Rmtgiren mehrere Wagen den Prellbock um, durchbrachen das Mauerwerk und einer von ihnen stürzte bis ans die Straße hinab. Menschen lvurdcn nicht verletzt.— — Der nächste internationale Chemikerkongreß soll im Jahre 1900 in Paris abgehalten werden.— — In F e k e t e V a r o s bei Ocdenburg brannten 103 Häuser mit großen Getreidcvorräthcn nieder.— — D i e Goldproduktion der Welt betrug 1397 nach der Feststellung des Münzdirektors der Vereinigten Staaten 240 Millionen Dollars, wozu die Bereinigten Staaten 58 Millionen Dollars beitrugen. Jin Jahre 1396 lvurde in der ganzen Welt fiir 203 Millioneii Dollars Gold produzirt, hiervon in den Vcr- einigten Staaten 53 Millionen.— Die nächste Nummer des llnterhalttmgsblattes erscheint Sonntag, den 7. August. VeraiUwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.