Ur. 200. AbomttMtnt«• Kcdingungen: Abonnements- Preis pränumerando; Vierteljahrs 3,30 Ml., monatl. l.wMl., 'vöchentltch 28 Pfg. frei ins Haus. Sinzeine Nummer s Pfg. Sonntags- Nummer mit illuftrierier Sonntags» Beilage„Die Neue Welt» 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Singetragen in der Post- ZeitungS- Preisliste für tSVV unter Nr. 7820. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Srscheink lüglich»utzer Moutag«. - � Vevlinev VolKsblÄkk. 16. Jahrg. Die Insertion-- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum»0 Pfg., für politische und geweris chastltche Vereins- und VersammlungS- Anzeige» 20 Pfg. „Kleine Anjeige»" jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Inf erats für die nächste Nummer müssen biS i Uhr nachmittag» in derErpedition abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt I, Nr. 1508, Telegramm- Adresse: „Sorialdemostrat Verlin" Centraiorgan der socialdemokratifthen Uarter Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Benth-Stralte 2. Sonntag, den 27. August 1899. Expedition: SW. 19, Benth-Stratze 3. Abonnements-Einladung. Mit dem I. September eröffnen wir ein neues Abonnement auf den Drnntuivfs sc mit feinem wöchentlich fünfmal erscheinenden Nttterhaltungsblatt llud der Sonntags-Beilage ..Dir Dcur Lvrlt". r.:n hinzutretende Abonnenten erhalten den laiifendcn Roman im Untcrhaltunissblatt nachgeliefert. Für B e r I i n nehmen sämtliche Z e i tu n g s s p e d i t c n r e, sowie unsere Expedition, Beuthstr. Z, Bestellungen entgegen znni monatlichen Preise von R Mark 10 Pfeimig frei ins Hans. Für augerhalb nehmen sämtliche P o st a n st a l t c n Abonnc- mcnts zum Preise voit 1 Mark 10 Pfenuig fiir de» Monat September entgegen.(Eingetragen ist der„Vorwärts" in der Pvst-Zcitungö- liste fiir 189S unter Nunnner VbtSO). Die Redaktion des„Vorwärts". Goethe»tnd die Arbeiter. Ueber Goethe zu schreiben ist leicht oder schwer, je nach- dem man die Aufgabe faßt. Eine Flut von Aufsätzen hat sich schon ergossen, um für den morgigen Tag die hundert- undsünfzigste Wiederkehr seines Geburtstages zu feiern, und eine größere Flut noch wird sich an diesem Tage selbst er- gießen. Tarin mag sich gelviß manches geschcidte Wort finden, doch wird das Ganze schwerlich etwas anderes hinter« lassen, als den Eindruck eines babylonischen Sprachgcwirrs. Tie heutige Welt steht mitten in einer politischen und socialen Bewegung, von der Goethe noch nichts gewußt und nicht ein- mal etwas geahnt hat; kein Wunder also, wenn das Licht, worin der große Tote siir die Lebenden strahlt, in der mannig- fachsteil Weise wechselt. Man schafft diese Thatsache nicht dadurch ans der Welt, daß man sie leugnet. Wer am eifrigsten behauptet, über Goethe in allgemein-menschlichem Sinne urteilen zu können, frei von den Schranken, die den Blick auch des klügsten, an seine Zeit und in seiner Zeit gebundenen Menschen beengen, der ist deshalb an Unbefangenheit noch keineswegs denen überlegen, die in ehrlicher Bescheidenheit darauf verzichten, mehr leisten zu können, als Menschen zu leisten besthieben ist. Deshalb lassen wir uns an einigen Bemerkungen über Goethe und die Arbeiter genügen, sicher. in dieser freiwilligen Beschränkung dem Genius am würdigsten zu huldigen. So viel ist ans den ersten Blick klar, daß unter den Größen unserer klassischen Litteratur Goethe dem heutigen Proletariat keineswegs am nächsten steht. Darin gehen ihm Lessing und Schiller voran, denn sie waren in den be- herrschten Klassen geboren, und in ihren Werken klingen Heller und lauter die Schlachtrufe der bürgerlichen Revolution wieder, in deren Herzfalten damals noch nnbelvußt die prole- tarische Revolution schlummerte. Goethe hat immer zu den herrschenden Klassen seiner Zeit gehört, erst als Frankfurter Patrizierkind, dann als herzoglich weimarischer Minister; nur auf künstlerischem, aber' nicht ans politischem oder socialem Gebiete ist er ein Revolutionär gewesen. Sprach er einmal, was selten genug geschehen ist, von den „niedersten Klassen", so in dem herablassenden Tone des großen Herrn, der das an den Arbeitern lobte, was die heutigen Arbeiter als die größte Sünde ihrer Klasse hassen: das fügsame und genügsame Schmiegen unter das Joch ihrer Unterdrücker. Vollends verkehrt ist eS, aus ein- zclneii Sätzen Goethes einen„Socialismus" herauszudeuten, der sich mit dem Befreiungskämpfe des modernen Proletariats irgend berühren soll; was dafür angeführt werden kann, mag wohl eine Utopie sein, aber nicht im socialistischen Sinne, sondern in dem Sinne, worin alle genialen Köpfe der ent- stehenden bürgerlichen Gesellschaft Utopisten gewesen sind, indem sie von dem Wesen und den Zielen dieser Gesellschaft höhere Anschauungen hatten, als ihr thatsächlich zu verwirklichen ge- lungen ist. Kein Zweifel, daß Goethes sociale Stellung stark auf seine Dichtung eingewirkt, daß sie vieles hineingetragen hat, was wir heute nicht mehr genießen können, ja was uns, wie die höfischen Reimereien, mit peinlichem Bestemden oder selbst, wie die faden Possen über die französische Revolution, mit aufrichtigem Bedanern erfüllt. Wer das heute offen ausspricht, wird leicht als halber Barbar verketzert, aber man darf sich durch ästhetische Simpeleien, hinter denen sich allerlei polt- tische und sociale Rückwürtserei zu verstecken Pflegt, nicht ver- blüffcn lassen. Der deutsche Duodezdcspotismus war doch die Schmach der deutschen Nation, mag Goethe sich noch so sehr mit ihm angefreundet haben, und die französische Revolution war doch ein Gipfelpunkt moderner Kultur, mag Goethe sie noch so sehr angefeindet haben. Hier ist die Grenze des Goethekultus, wo die deutschen Arbeiter Fuß beim Male halten, wo sie sich entsinnen werden, daß Goethe nicht die Musen seiner Zeit, sondern daß diese Musen auf die Dauer ihn besiegt haben. Deshalb steht das heutige Proletariat freilich nicht au- dem Standpunkte Börnes, der in Goethe den gereimten Knecht sah, wie in Hegel den ungereimten. So notwendig einmal der Bruch mit der einseitig ästhetischen 5tultur war, die sich in unserer klassischen Litteratur verkörperte, so weit ist er heute doch schon überwunden. Längst hat die historische Entwicklung ins klarste Licht gestellt, was die moderne Kultur unfern Klassikern zu danken hat; sie haben ein unvergleichlich reiches Erbe hinterlassen, und dies Erbe ist in erster Reihe der deutschen Arbeiterklasse zugefallen. Während das deutsche Bürgertum seine großen Denker und Dichter mit dem Munde übcrschwänglich feiert, ist es thatsächlich dazu verdammt, ihren Geist auf Schritt und Tritt zu ver- leugnen. Umgekehrt kann das deutsche Proletariat ohne alle Umschweife verleugnen, was an den klassischen Lehren und Schriften sterblich war, und dennoch kann oder vielmehr muß es seiner ganzen Klasscnlage nach ihr Unsterbliches aus den Wolkenregionen des Ideals auf die ebene Erde des prakti scheu Lebens verpflanzen. Es war eine Utopie, ivenn die Kant und Schiller auf den Wegen der ästhetischen Kultur zur politischen Freiheit ge langen wollten, aber in den dialektischen Wechselwirkungen der Geschichte führen die Wege der politischen Freiheit zur ästhetischen Kultur zurück. Die Arbeiterklasse, die um ein menschenwürdiges Dasein kämpft, kann niemals mit dem geistlosen Protzentum enden, das alle Kunst im Keime erstickt, ihr wird die Freiheit zur Schönheit werden, und dann wird sie mit freudigem Staunen erkennen, daß der Schönheit nie ein edlerer und treuerer Priester gedient hat, als Goethe. Dann wird das unendlich Kleine, das uns heute noch an seiner ragenden Gestalt stört, verwittert und zersplittert sein, dann wird nur noch das unendlich Große an ihm leben, und auch dem ein fachsten Blicke wird klar sein, wie einzig Goethe in der Welt litteratur steht. Ob es größere Dichter gegeben hat, als ihn, das ist eine jener historischen Vexiersragen, an denen sich bürgerliche Philister die Köpfe zerbrechen mögen. Sicher ist. daß weder ein Homer, noch ein Dante, noch ein Shakespeare, noch ein Cervantes eine so große und reiche Welt künstlerisch zu schaffen verstanden hat, lvie Goethe. In der Fülle und Macht und Tiefe seiner Schöpferkraft ist er allen Dichtern und Künstlern überlegen gewesen, von denen die Geschichte zu er zählen weiß. Im höchsten Grade gilt von ihm, was er von Schiller sang:„Er glänzt uns vor, wie ein Komet ent- schwindend. Unendlich Licht mit seinem Licht verbindend." Und dies Licht überstrahlt, was an ihm und seinem Lebens- werke klein und schwächlich und vergänglich war. Alle Gaben zu entfalten, deren Keime in der menschlichen Natur liegen, vermag nur ein Volk, niemals ein einzelner Mensch, und schwerlich wäre Goethe ein so großer Künstler geworden, wenn er eine so energische Kampfnatnr wie Lessing und Schiller ge Wesen wäre: unter diesem historischen Gesichtspunkte wird auch das moderne Proletariat in Goethe dankbar den Genius feiern, der mit verschwenderischer Hand übcrschwängliche Schätze gespendet und die menschliche Gesittung unermeßlich gefördert hat. Der rauhe und steile Weg, den die Arbeiterklasse sich bahnen muß, führt scheinbar weit ab von Goethes still um- friedeter Welt der Schönheit. Sie wird sich auf diesem Wege nicht durch das Lüstern der Goethepfaffen beirren lassen, die eben Pfaffen sind, wie andere auch, aber am Ziel ihrer Bahn winkt ihr, was unsere klassischen Dichter als einsame Seher verkündet haben-, was Goethe in die prophetischen Worte gekleidet hat:„Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklar- heit, Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit." polikifche Aebevllchk» Berlin, den 26. August. Noch immer? Der preutzische Landtag lvill»och nicht sterben. Ans hellte S Uhr war bereits sein offizielles Leichenbegängnis angesagt worden, die Spitze unserer Regierung hatte schon mühsam die Leichenrede memoriert— von der„man" sich, wie von allen Regierungs- äußcrungen der letzten Tage, wieder einmal eine große Ueber- raschung versprach— da erhielt sie um 3 Uhr noch von dem Vieepräsidenten des Staatsinimsterinms telephonisch de» Bescheid: Es ist wieder einmal nichts; der Patient hat sich wieder erholt und denkt nicht ans Sterben I Der Landtag, dem die liberalen Blätter noch vor einer Woche siegestrunken ein gewalt» sameS Ende vorausgesagt, will offenbar so recht beweisen, wie lebensfähig er ist. Der Landtag ist nicht geschlossen worden—- und nur Herrn von Miqnel zum Trotz. Es handelte sich um einen ganz nebensächlichen Punkt— um die Miiudelsicherheit der Kommunal« Obligntione» der preußischen Hypotheken- Aktienbanken. DaS Herrenhaus hätte vielleicht nachgegeben, da aber legte sich Herr v. Miqucl für diese Bestimmung ins Zeug, und von Stund' an war es um sie geschehen. Die Herren von der Rechten machen sich jetzt ein Vergnügen daraus, die berühmte Beredsamkeit des Finanzministers— die er neun Jahre hindurch so virtuos gehaudhabt hatte, daß man fast nie wußte, ob er in einer speciellen Sache„für" oder„gegen" gesprochen hatte— selbstthätig funktionieren zu lassen. Heute wollten sie einmal Herrn v. Miguel im Laufe einer Stunde ein und dieselbe Sache ebenso diplomatisch, diskret und dringend empfehlen und verwerfen scheu. Und so geschah es. Nach den ebenso schönen wie warm empfundenen Worten des Finanz- Ministers, in denen er ihnen die Annahme des Artikels ans Herz legte, lächelten die Herren verbindlich, ließen ihm durch Herrn v. Lcvctzow wohllvollend die Hand drücken und— lehnten ab. Herr v. Miguel setzte sich iu seineu Wagen, führ in die Prinz Albrcchtstraße und sprach dort einige ebenso schöne wie warm empfundene Worte, in denen er die Ablehnung des Artikels den Abgeordneten ans Herz legte. Diesmal aber wollte wieder das Abgeordnetenhaus nicht. Und so wanderte das Ausfi'chrnngsgesetz zum Handelsgesetzbuch zum, wir wissen nicht wievielten Male, in die Leipzigcrstraße zurück. Das Grotesk- Komische an der Situation ist aber der Umstand, daß das Haus der Herren mit dem Bewußtsein treu erfüllter Pflicht sich in aller Unschuld bereits vertagt hatte. Der tiefgefühlte Dank an den Präsidenten war bereits zu erhebendem Ausdruck ge- langt, der fürstliche Präsident, der sonst immer die nächste Sitzung anzukündigen vergißt, vergaß diesmal das Hoch ans seine» kaiserlichen Herrn, wurde, nachdem er bereits die Sitzung für geschlossen erklärt hatte, von einem ver- stört dreinblickenden Schriftführer an seine Unterlassungssünde er- innert, holte das Kaiserhoch dann noch in aller Eile nach und ent- ließ die Herren. Als nun das Abgeordnetenhaus an das zur Zeit nicht mehr vorhandene Herrenhaus noch etivas zurückgehen ließ, da war eine parlamentarisch unmögliche Situation geschaffen. Niemand wußte, was nun geschehen sollte. Der Präsident von Kröcher wartete auf „das Wunderbare",— beim Hinausgehen sagte er einigen Herren:„Ach was I Ich lege meinen Frack an und komme um 5 Uhr wieder." Die Jouriialisteu liefen aufgeregt hin und her und brachten auf Grund von Erkundigungen, die sie bei den Eingeweihten(Portiers, Kellnern, Saaldiencrn) einzogen, fortgesetzt neue Bulletins über den Stand der„Krise". Schließlich verkündete ein melancholischer An- schlag im Foyer, daß die Schlußsitzung um ö Uhr nicht stattfinden lvürde. Der arme Reichskanzler aber wollte dem Telephon-Hörer nicht trauen, als er erfuhr. daß dieses merkwürdigste aller Parlamente noch im letzten Momente der vielgeplagten Regierung diesen bösen Streich gespielt hatte. Die Ablehming der Kanal- Vorlage— man kommt mit ihr wieder I Aber diese Rücksichts- losigkeit geht wirklich zu weit. Nationalitätcnhader und Armee in Ocstrcich. — st— Wien, 25. August. Einige Ereignisse der letzten Zeit zeigen deutlich, daß die Zerbröckelung Oestreich's nun auch das letzte „Gemeiusaine", die Arniee ergriffen hat. Man erinnert sich noch des komischen„Zde!"-NummeIs, das heißt der ivelterschütternden Frage, ob sich die Reservisten bei den Kontrollversammlungen mit dem deutschen Rufe(„Hierl") zu melden haben, oder das ent- sprechende czechischc Wort(„Zde I") benutzen dürfen. Diese skurrile Affa>re hat voriges Jahr die östreichischc Oeffentlichkeit monatelang beschäftigt, vis schließlich ein geharnischter Er- laß des Kriegsministeriums erfloß, der unter Androhung der schwersten Strafen eine andere Meldung als niit dem deutschen Worte verbot. Damit sollte die Fiktion der deutschen Armecsprache geivahrt iverden. Nun haben die Czechcn einen eigenen Fonds gestiftet, woraus sie die Geldstrafen für die wegen czechischer Mel- düngen Bestraften und Unterstützungen an sie zahlen! Es handelt ich cinlcuchtenderweise dabei weiliger um eine Unterstützung der Verurteilten, sondern um eine Ermunterung, die Meldung czcchisch zu vollziehen, um dadurch in das vorläufig noch mit Eifer gehütete„Bollwerk" der deutschen Armecsprache Bresche zu legen. Noch charakteristischer ist der Fall, der sich dieser Tage in Lemberg abspielte, und der einen so traurigen Ausgang nahm. Bei dem Offiziersbankett zur Feier des Geburtstages des Kaisers wurde ein Toast ausgebracht, der von den Offizieren mit Hochrufen aufgenommen ivurde. Ein czechischer Offizier rief aber nicht „Hoch!", sondern„Slava!"(der czechischc Hochruf), worauf ihn ein deutscher Lieutenant auf das„Unpassende" dieser nationalen Demonstration aufmerksam machte. Darauf entstand eine Rauferei zwischen den beiden Offizieren, aus der natürlich ein Duell erwuchs, in dem der deutsche Offizier getötet wurde. Der Fall zeigt deutlich, daß. was man in Oestreich schon längst wußte, die nationalen Differenzen auch in der Armee, ja selbst in dem vom Volke hermetisch abgeschlossenen Offizierkorps Eingang gefunden haben. Noch ein bezeichnender Vorfall wäre zu erwähnen. Bei den Unruhen in Graslitz berief man, ganz gegen östreichischc Gewohnheit, ein deutsches Regiment; man fürchtete nicht mit Unrecht, daß czechische Soldaten dieselbe Erbitterung inden könnten, wie sie die czechische» Gendarmen gefunden hatten, die schließlich aus der Stadt mit Steinen herausgejagt worden waren. Aus diesen Borfällen, die alle die letzten Tage gezeitigt haben, .st mit großer Klarheit hervor, daß die zerrüttende Wirkung der .ationalitätenkämpfe nun auch die Armee ergriffen hat. Was das iir diesen zerklüfteten Staat bedeutet, dessen ganze Hoffnung die Armee war, in deren Lager angeblich ganz Oestreich stand, kann man sich leicht denken. Ja, es ist vieles anders geworden in diesem Oestreich I Ist es doch eine Zeit lang fraglich gewesen, ob der Kaiser seine Reise zu den großen Manövern in Böhmen aufrecht- erhalten werde, da man die Stimmung der Bevölkerung für zu wenig verläßlich ansieht! In Nordböhmen nehmen indessen die Zustände einen immer bedrohlichere» Charakter an. Die Behörde in Graslitz war anfäng- lich so vernünftig, auf die Erregung Rücksicht zu nehmen. So wurde das gewaltige Leichenbegängnis der Opfer weder von Polizisie» noch von Militär niolestiert � die Verhaftungen wurden aufgehoben und die miszlicbigc» Gendarmen sind rasch entfernt worden. Das scheint aber in Wien nicht gefallen zu haben, denn heute wurden, wie die Nachrichten aus Graslitz be- sagen, die Freigelassenen wieder verhaftet. Die kaum beschwichtigte Erregung wird dadurch natürlich von neuem ge- weckt. Der Gcmeinde-Ausschnß hat sich an den Ministcrpräsidenien gewendet und erklärt, er könne unter solche» Umständen für die Ansrcchterhaltlmg der Ruhe nicht bürgen, sondern werde, wenn die Verhaftungen aufrecht bleiben, sein Mandat niederlegen. Es ist gar nicht unmöglich, das; man in Wien die Erregung noch schüren möchte, um gegebenenfalls den Ausnahmezustand verhängen zu könne»._ Die Deutschuatioualcn verstehen auch den Ernst des Augen- blickes nicht; wenn es nach ihnen ginge, so würde die Bevölkerung in die von der Negierung aufgerichtete stalle täppisch hineinfallen. Die Socialdemokraten warnen aber emdringlich vor den nur für die Regierung nützlichen Excesseu und' es ist zu hoffen, daff es ihrer Bcsouneuheit gelingen wird, die Ruhe festzuhalten. Während dessen haben sich im Süden des Reiches heftige antiklerikale Demonstrationen erciguet. In Klagen f u r t, der Hauptstadl Kärnthens, tagt der Delegiertentag der katholisch-akademischcn Universitätsvereine, die bekanntlich den Zweck haben, die Errichtung einer katholischen Universität in Salz- bürg zu fördern. Die Bevölkerung hat die fromme Schar mit dem leidenschaftlichsten Widerspruche„bcgrüfft". Seit Dienstag muffte jedeii�Abend Militär ausrücken und nur mit aller Anstrengung konnte der Sturm auf die geistlichen Gebäude verhindert werden. So geht alles drunter und drüber in diesem herrlichen Oestreich I— •• » Deutsches Fleich. Die„Majestätsbclcidignng" des„Vorwärts". Wir wissen nun, worin die Majcstätsbelcidigung bestehen soll, Um derentwillen uns am Mittlvoch die Beilage fortgeuommen lvurde. Der Untersuchungsrichter, vor dem Sonnabend unser verantwort- licher Nedacteur erschien, hat es uns enthüllt. Der Denunzianten- Vers von Hoffinaim v. Fallersleben, der an der Spitze stand, soll— man denke— auf den Kaiser bezogen worden sein. Wenn die Notiz in der„National-Zeitnng" gestanden hätte, so würde man sie, meinte der Herr Untersuchungsrichter, für unbedenklich halten. Aber da sie im„Vorwärts" zu lese» war, so könne man sich einer der- artigen bösen Absicht wohl versehen. Das ist eine neue Anwendung der Schönstedtschen Rechts- anschauung: wenn zwei dasselbe thun, ist es nicht dasselbe. Eine an sich gesetzlich einivandfreie Notiz wird strafbar durch die Vcr- öffeutlichung im„Vorwärts". Der„Vorwärts" selbst wird für sich strafbar eicklärt, er verwandelt durch seinen Generaldolus selbst einen Polizeibericht in eine Majestätsbcleidigung. Was sollen wir nun aber thun? Wir können doch unmöglich unsere Artikel und Notizen in der„National- Zeitung" oder im „Reichs-Anzeiger" veröffentlichen? Bisher haben wir geglaubt, es gehöre zu einem gerichtlichen Einschreiten eine strafbare Handlung. Jetzt hören wir, dah die Voraussetzung einer bösen Gesinnung genügt, um in jede, noch so harmlose und untadlige Handlung ein Delikt hineinzuinterpretieren. Unsere Schuld ist nicht, daff wir gegen die Gesetze verstoffen, sondern baff wir— heimtückisch— sie befolgen. Darin besteht gerade unsere Nichtswürdigkeit. Aber wozu giebt man sich da erst die Mühe— wider alle Möglichkeit— ein Delikt zu konstruieren. Man begnüge sich einfach damit, zu behaupten und schenke sich alle Beweisversuche, die ja doch miffglücken müssen I Die Maßregelung Jrmers, des Hilfsarbeiters im Ministerium Bosse, scheint der Ertrag der „groffen Krisis" zu sein. Der bürgerliche Herr Inner wird als Sllndenbock für die rebellierenden Junker geschlachtet. Als Schweinburg zuerst der Regierung das Anskunftsmittel empfahl, die b e a m t e t e n Kanalgegner abzustrafen, wiesen wir auf das Verwerfliche dieses Vorschlages hin. Ueverzeugungenzu strafen ist das letzte Ausknnftsmittel, das eine ohnmächtige Regierung an- wendet. Fühlt die Regierung denn gar nicht das Klägliche ihrer Lage. daff sie nach all den groffen Worten mit der Maffregeluug eines Hilfs- arbeitersimKuItusministeriumden Kanalkricg abschriebt'k'Es hätte noch einen Sinn, wennman beiLandräten und Regierungspräsidenten voraus- setzt, daff sie die allgemeine Politik der Regierung teilen. Daff aber ein Mitarbeiter eines Specialrefforts verpflichtet sein soll, in alle n Fragen der Ansicht der Regierung zu sein, die überdies häufig selbst nicht einmal ihrer eigenen Ansicht ist, das ist eine Zumutung, die auch ein Fanatiker des Regierungsabsolunsmus nicht haben kann. Es gebe nur eine Entschuldigung für die Regierung, die nämlich. dah Herr Inner selbst seine Entlassung gewünscht hat.' Das ist nicht ga»z� unmöglich. Denn Herr Jrnier ist nicht nur ein Vertreter hoch- gradiger Orthodoxie, sondern auch solch' ein Fanatiker des Negicnmgsabsolutisnms. Er war es, der im Abgeordnetenhause ani schärfsten und schroffsten die Meinung verfochten hat, daß ein Social- dcmokrat an der Universität nicht Physik lehren dürfte, nicht einmal als unbezahlter Privaldocent, der von den Beamteneigenschaften nur eine hat, das Recht discipliniert zu werden. Indessen diese Vermutung ist schon deshalb hinfällig, weil Herr Jrmer, wenn er geneigt wäre, die anderen gepredigte Stäatspflichten« lehre, auch auf sich selbst anzuwenden, dann auch sich für unwürdig halten müßte, fürderhin als Gymnasialbeamter zu walten, weil er Gegner der Kanalregierung ist. Es bleibt also dabei, daff Herr Jrmer zwangsweise aus dem KultnSnnnisterium hinausbefördert worden ist, weil er gegen den Kanal gestimmt hat. Wir nehmen an, daff wenigstens Herr Bosse in semer Kanalfreundschaft ebenso fest ist, wie in seinem evangelischen Glaubensbekenntnis, damit er es nicht etwa für seine Gewissenspflicht hält, seine Geistesfreiheit zu verlassen. Die Welt könnte es nicht ertragen, einen Bosse zu missen.— Preußische Gerichte auf sächsische« Pfaden. Eine etwas veraltete Idee, die nämlich, die Gewerkschafts- oraanisationen als Versicherungsgesellschaften zu behandeln, versuchte Frühjahr d. I. daS Schöffengericht in Genthin wieder zu neuem Leben zu erwecken. Der Handschuhmacher Kröhl hatte als Vorfitzender der Genthiuer Zahlstelle des Verbandes der deutschen Handfchuhmacher im Februar d. I. der Polizei ein revidiertes Berbandsstatut zur Kenntnisnahme eingereicht. Obwohl sich auch der Verband der Handschuhmacher, die in früheren Kämpfen gegen deftniktive Tendenzen von oben gesammelten Erfahrungen nutzbar gemacht und die aus der Verbandskasse zu gewährenden Unterstützungen ans- drücklich als freiwillige, nicht einklagbare bezeichnet hat, wurde Kröhl doch mit einem Strafbefehl über 50 M. bedacht wegen unbefugter Errichtung einer Versicheningsgesellschaft<§ 360 9 St.-G.-B.>. Das Schöffengericht bestätigte den' amtsgerichtlichcn Strafbefehl. Das Landgericht jedoch erkannte auf Freisprechung, indem es besonders hervorhob, daß nian, wollte man den Deduktionen des Schöffen- gerichts folgen, schließlich jeden Verein, der Beiträge einkassiere und irgendwelche Zahlungen leiste, als Versichernngsgesellschaft behandeln könnte. Beachtenswerter jedoch, wie die Gründe für die Verurteilung überhaupt, ist das, was'daS Schöffengericht zur Begründung der Straf höhe sagt. Es sei, wie es in der vom„Handschuhmacher" jetzt mitgeteilten Ausfertigung heißt, deshalb auf eine Verhältnis« mäßig hohe Strafe erkannt worden. „weil es Pflicht deS Staates ist, sowohl im Interesse der Arbeiigeber als auch der Arbeiter zu verhüten, daß dem Streiken Vorschub geleistet werde". Ob dem„Staate" eine solche Aufgabe zufällt, das ist eine Frage der politischen Anschauung, der socialpolitischen Einsicht, des Klassen- intcresses;'sie braucht' hier nicht erörtert zu werden. Das Gericht hat diese Aufgabe unter keinen Umständen. Es hat ein- fach nach den bestehenden Gesetzen Recht zu sprechen. Und wenn damit dem Streiken Vorschub geleistet würde, so sei daran erinnert, daff das Streiken bis jetzt noch ein gesetzliches Recht im deutschen Reiche ist.—_ Das geschlossene Herrcnhauö soll erst am Dienstag wieder eröffnet werden. Hohenlohe hat also noch Zeit, seine Schlußrede ein bißchen umzuredigieren. Gegen den Herr;« der Situation, Miguel, wütet die„Köln. Zeitung" in einem„Miguels Niederlage' mid Sieg" überschriebenen Artikel: „Für die Kanalfrennde wird die Lage... immer verworrener und unleidlicher. Wie sollen sie Vertrauen zu einem leitenden Minister fassen, von dem sie ausnahmslos die Ueberzengung hegen, daff er in erster Linie die Schuld an dem Scheitern der Kanal- vorläge rrägt? Und was wollen sie von einer Staatsrcgierung halten, die zuerst mit nachdrücklichen und innerlich durchaus gerecht- fertigten Darlegungen es ablehnt, bei der Entschließung über den Rhein-Elbe-Kanal andere fernabliegende wirtschaftliche und politische Fragen zur Erörterung und Entscheidung zu bringen, und die mm- mehr auf Jagd ausgeht, um durch ein reiches Maß von Kompcn- sationen eine Stimme nach der andern zu kaufen? Wir sehen dabei ganz von der Eigenart ab, mit der die Regiemng die Ucberzeugungs- kraft ihrer agrarischen und konservativen Freunde zu würdigen scheint. Wir können nicht glauben, daff solche merkwürdigen Wege zum Siege zu führen vermögen; wir halten an der durch lang- jährige Erfahrung gewonnenen Ueberzengung fest, daß die Konser- vativcn nur diejenige Regierung unterstützen, deren Entschlußkraft sie zu fürchten Ursache haben. Man beobachte doch nur das Auftreten der Herren nach der Kanalschlacht, die„Rache für Haffelbach" im Abgeordnetenhause, das Auftreten des Freiherrn v. Manteuffel im Herrenhause bei Beratung der Justizgesetze: man lese doch nur die sicgcszuversichtlichcn Ausführungen der konservativen und agrarischen Presse. Unter dem Ministerium Miguel werden die Agrarier die Herrschaft in den Händen behalten, das ist das traurige Ergebnis der jetzigen Lage... Es handelt sich.... jetzt in erster Linie darum, ob in unserem Vaterlande die berechtigten gemeinsamen Interessen von Handel, Gewerbe und Landwirthschaft zu einer harmonischen und dem ganzen förderlichen Ausgestaltung gelangen, oder ob die einseitigen, übertriebenen und gemeingefährlichen Forderungen und Bestrebungen unserer ostelbischen Agrarier die Richtlinie für unsere innere Politik abgeben sollen. Dieser Kampf muff aus- gekämpft werden, er ist unvermeidlich; wenn jetzt die Regierung ihn verzögern und verschleppen will, so wird' sie ihn damit nicht verhmdern, sie wird ihn nur vertiefen und auf eine Zeit vertagen, in der er doppelten Schaden stiften wird. Die Er- fahrung der letzten Tage hat uns aufs neue bewiesen, wie sehr im politischen Leben Mifftrauen gegen schönklingende Worte berechtigt und notwendig ist. Lediglich in der eigenen Kraft, in der festen Einigkeit der gemeinsaincn Interessen und politischen Anschauungen liegt die Bürgschaft des Erfolges." Die guten Liberalen haben Grund, böse zu sein l Es wird fortkonfisciert. ZDie in Berlin erscheinende anarchistische Wochenschrift„Neues Leben" ist wieder mal der Konfiskation verfallen. Ein in Nummer 30 enthaltener Artikel(Die„bessere" Gesell- schaft) wird beanstandet, da derselbe Ausreizung zum Klassenhaff enthalten soll. Die der Polizei als Beute in die Hände gefallenen Nummern betragen 11 Stück.— Das Kapitel vom Terrorismns der Gewerkschaften verflaut etwas in der„Märkischen Volkszeitung". Das Blatt giebt, wenn auch gewunden, zu, daß der letzthin erwähnte Fall über den TcrroriSmus der Maurer nicht in allen Punkten stimmt. Alsdann wird uns angekündigt, daß der gemaffrcgelte Zimmerer vom Verein „Arbeiterschutz" gegen uns Klage erheben will. Das mag er thun. Bettelbriefe. Die„Berliner Neue st en Nachrichten" versenden folgendes Cirkular: Hochgeehrter Herr! Im Einverständnis mit Herrn Geheimen Finanzrat I e n ck c gestatte ich mir, auf das Rundschreiben zurückzukommen, in welchem das Direktorium des Centralverbandes Deutscher Industrieller Ver- anlassung genommen hat, Sie auf die„Berliner Neuesten Nach- richten" aufmerksam zu machen, welche von den Ihnen bekannten drei Mitgliedern des Centralverbandes lediglich zu dem Zwecke an- gekauft worden sind, um die Interessen der deutschen Industrie in entschiedenerer Weise, als dies bisher in der Tagespresse geschehen ist, zu vertreten. Sei einem halben Jahre sind die„Berliner Neuesten Nach- richten" bemüht, dieser Aufgabe gerecht zu iverden und zugleich auch in der gebotenen Rücksichtnahme auf die Interessen der Land- Wirtschaft das Zusammengehen beider groffen Er- werbsgr nppen zu fördern. Die Heransgabe einer zweimal täglich erscheinenden großen Zeitung, die 25 000 Abon- »cnten hat, ist mit erheblichen Opfern verknüpft und es sollte jedes Mitglied des Centralverbandes, jeder Industrielle über- Haupt, durch Ucbcrnahme wenn auch nur eines ganz geringen Teiles dieses Opfers an der Sicherung des Unternehmens für alle Zeit mitwirken. Es kann dies am einfachsten durch das Abonnement von mehrere» Exemplaren, was nur einen g e- ringen JahreSaufwand ausmacht, und durch Benutzung der „Berliner Neuesten Nachrichten" als Jnsertionsorgan bewirkt werden. In dem Abonnement von mehreren Exemplaren liegt die Möglich- keit, das Blatt auch in die Kreise Ihrer höheren Beamten einzuführen! denn es ist auch ein vornehmes Familienblatt. Bei Bestellung von mehreren Exemplaren bitten wir, die Adressen der Persönlichkeiten, für welche die einzelnen Exemplare bestimmt sind, uns angeben zu wollen, damit die Ueberweisung von hier aus direkt geschieht. Wir bitten Sie, auf der beifolgenden Karte uns gefälligst mit- zuteilen, wieviele Exemplare wir Ihnen durch die Post überweisen lassen sollen. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Verlag der„Berliner Neuesten Nachrichten"(G. m. b. H.) Viktor Schweinburg. Herr Jencke, in dessen Namen Viktor Schweinburg betteln geht, ist der Generaldirektor der Kruppschen Werke. Die„höheren Beamten"- Frauen können sich freuen. Sie werden gratis für ihre Haushaltungszwccke Papier erhalten— sofern die Herren Unter- nehnier opferwillig sind.— Nnr aus Müdigkeit haben die Nationalliberalen sich in der ersten Lesung gegen die Zuchthausvorlage erklärt, so ver- sichert der„Hannöversche Courier", der versichert, „daß ein großer Teil der Partei von der Not- wendigkcit eines verstärkten Schutzes der Arbeits- willigen überzeugt und daher bereit ist, am Ausbau des tz' 153 d e r G e w e r b e- O r d n u n g im Sinne des ersten Paragraphen des gegenwärtigen Gesetzentwurfs positiv mitzuwirken. Das ist aber weder etwas Neues, noch wird es etwas Verwunderliches haben, wenn diese Bereit- Willigkeit in der Herbsttagung deS Reichstages mit größerem Nachdruck ausgesprochen wird, als es am Schlnffe einer über- mudeten Session der Fall war," Gewiß, das ist weder neu noch verwunderlich. Und darum verdienen die Liberalen auch die Blamage, die sie fortgesetzt er- leiden.— Entsagest D« dem Teufel? Ich entsage dem Teufel! Der Mililärverein Langenbielau hat seinen Mitgliedern folgendes Anschreiben zu teil werden lassen: „Ich gelobe hiennit, daff ich als Mitglied deT Langenbielaue � liegen, ms„Mit Gott für König und Vaterland" mich treu nach Satzungen richten, meinen geleisteten Fahneneid hochhalten, fest zu König und Vaterland stehen, auch alle Umsturzgedanken d e rS o c i a l d e ni skr atie verabscheuen und uachbest e n Kräften meine Kameraden vor revolutionären Ideen bewahren w i l l."— Die Zwangsinnung haben die Bäckermeister in Barmen bereits satt. Sie beschlossen, die erst kürzlich errichtete Zwangs- iunung aufzulösen.— Essener Haudelskammcr-Vericht»md die Zuchthausvorlage. Man schreibt uns: Während eine Anzahl Handelskamnvr-Berichte in oberflächlichen, der Debatte über die Zuchthausvorlagc entlehnten Redewendungen sich ergehen, um das„Arbeitswilligen�chutzgesctz", wie es fälschlich genannt wird, als die notwendigste staats- retterische Aktion zu erweisen, läßt sich der Bericht der Essener Handelskammer ftir 1893 über die in Betracht kommenden wirtschaftlichen Verhältnisse in einer Weise aus, die wenig zu der Scharfmacherei anderer Handelskammern und der Uditernehmer- Verbände pafft. Die Handelskammer äußert sich in dem Bericht nämlich folgendermaßen: Nicht unterlassen wollen wir schließlich hervorzuheben, daff im Berichtsjahre Streitigkeiten zwischen Nrbettgebcrn und Arbeitnehmern nur vereinzelt stattgefunden haben, so daff der Gang der geschäftlichen Thätigieit von dieser Seite keine Beeinträchtigung erfahren hat..." Auf den Verbandstagen des„Centralverbandes deutscher In- dustrieller" und„des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller" waren die Vertreter aus dem Handelskammer- Bezirk anderer Meinung.— Daß dieselben Personen in einer Angelegenheit heute dieser, morgen jener Meinung seien können, muff doch eine Ursache haben. Sollte diese Ursache vielleicht darin zu suchen sein, daß der e r st e T e i l des Essener Haudelskammer-Berichtes einige Zeit vor Einbringung der Zuchthausvorlage herauskam, die Eisen- und Stahl- verbändler aber erst nack den Zuchthausdcbatteu ihre Resolutionen faßten? So muß es ivohl sein! Taniit wäre aber erwiesen, daff die Zuchthausgesctzfreunde ihre Notwendigkeit nicht aus Thatsachen. sondern aus den Hetzreden der Stnmmlinge und den unerwiesenen Behauptungen, welche die famose Denkschrift enthält, geschöpft haben. Bemerkt sei noch, daß die Essener Handelskammer im zweiten Teil ihres Berichtes, der erst im Juli herauskam, die im ersten nieder- gelegten Darlegungen nicht korrigiert hat. Wie der Landwirtschaft geholfen werden kaun, erzählt klipp und klar ein angeblicher Bauer namens Pockholz aus Rospitz in Westpreuffen in einem Eingesandt an die in Marienwerder er- scheinenden„Neuen Westpreuffis'chen Mitteilungen". Erst bringt der gute Mann den Abgeordneten, die die Kanalvorlage zu Fall gebracht haben, ein Hoch aus und kramt dann weiter u. a. folgende Weis- heit aus: „Unsere Wirtschaftspolitik leidet noch an einem groffen Krebs- schaden, der wohl zu beseitigen wäre und zwar an der B e r- r o h u n g unserer Arbeiter, die infolge der übermäßig hohen Löhne zur Trunksucht getrieben und dann dem Ge- fängnis verfallen. Diesem Ucbelstande wäre damit bestimmt abzuhelfen, daff kürzere Freiheit?- nebst Prügelstrafe ein- geführt würde, dadurch würden' die Gefängnisse in Kürze entleert. die Arbeiter der Landwirtschaft wieder zugeführt, und, waS die Hauptsache ist, die Strafe würde nachhaltiger wirken." Also dadurch, daff die Landarbeiter durch die„übermäßig hohen Lüh ii e" verführt, sich dem Trünke ergeben und schließlich dem Gefängniß verfallen, ist die Lcutenot entstanden. Da ist eS ja noch recht ärbeiterfreundlich vom Bauer Pockholz, daß er nicht für die Horabsetzung der„hohen" Löhne, sondern nur für Verkürzung der Freiheitsstrafe und zur besonderen Würze derselben für die Prügelstrafe eintritt. Nalürlich verlangt dieser agrarische Muster- menfch in seinem Eingesandt auch die Aufhebung der Frei- z ll g i g k e i t._ Chronik der Majcstätsbelcidigungö-Prozesse. Man schreibt uns aus Essen: Vor der Essener Strafkammer hatte sich am 24. August der Zimmerer Laaks aus B u r wegen in Trunkenheit ausgcstotzener Majestätsbeleidigung zu verantworten. Im Wirtshause hatte L. auf die Negierung geschimpft und bei dieser Gelegenheit auch die beleidigende Acufferimg gegen den Kaiser jje- braucht. Der Angeklagte behauptete, sich der ganzen Affaire nicht mehr zu erinnern, er sei sinnlos betrunken gewesen. Der Staats- anwalt beantragte 6 Monate Gefängnis. Wegen der hochgradigen Trunkenheit, in der sich der Angeklagte bei Begehung der That be- fand, hielt der Gerichtshof zwei Monate Gefängnis für aus- reichende Sühne. Ausland. Die Pest. Tie Lage in Oporto. Gestern ist, den offiziellen Berichten nach, in Oporto kein neuer Erkrankuiigsfall an der Pest vorgekommen. Das Verlassen der Stadt ist verboten. Der Gouverneur hat seine Entlassung eingereichl. Oporto ist jetzt von einem vollständiaen Kordon umgeben. Eisenbahnzüge werden nicht mehr abgelassen. Die Fluffseite der Stadt wird von Kriegsschiffen bewacht. Der aus- wärtige Handel soll völlig darniederliegen. Mehrere Fabriken haben die Arbeit eingestellt. Deutsche Beschränkung der Einsuhr aus portugiesischen Häfen. Die durch den Ausbruch der Pest in Oporto veranlatzte kaiserliche Verordnung betr. Beschränkung der Einfuhr aus Portugal wird im„Reichs-Gesetzblatt" veröffentlicht. Sie ist vom 22. August datiert und mit dem Tage der Verkündigung, dem 24. August, in Kraft getreten. Ihr wesentlicher Inhalt ist folgender: ß'l. Zur Verhütung der Einschleppung der Pest ist die Ein- fuhr von Leibwäsche, alten und getragenen Kleidungsstücken, gebrauchtem Bettzeuge, Hadern und Lumpen jeder Art aus Portugal bis auf weiteres verboten. K 2. Auf Leibwäsche, Bettzeug und Kleidungsstücke, welche Reisende zu ihrem Gebrauch mit sich führen oder welche als Umzugsgut eingeführt werden, findet das Verbot des§ 1 keine Anwendung. Jedoch kann die Gestatwng der Einfuhr derselben von einer vorherigen Desinfektion abhängig ge- macht werden.§ 3. Der Reichskanzler ist ermächtigt. Ausnahmen von dem Einfuhrverbot unter Anordnung der erforderlichen Vorsichts- maßnahmen zuzulassen.§ 4. Ter Reichskanzler ist ermächtigt, das Einfuhrverbot(§ 1) auf Portugal benachbarte Länder auszu- dehnen.—_ Die Bewegung gegen K 14. In Graslitz hat die Aufregung der Bevölkenmg msolge erneuter Verhaftungen wieder zu- genommen. Außer dem Hotelier Tuzar sind noch drei andere Deutsch-Nationale in Haft genommen. Als dies vorgestern bekannt wurde, begab sich die Gemeindevertretung von Graslitz, mit dem Abgeordneten Hofer an der Spitze, zum Statthaltcreirat, um die' Freilassung der Inhaftierten zu fordern, wurde aber kurzerhand abgewiesen. Darauf hatte der Gemeinde-Ausschuff eine vertrauliche Sitzung. Ein Telegramm wurde an die Staatsanwaltschaft in Prag gerichtet mit der Bitte, die Freilassung der Vcr- hafteten zu verfügen. Gleiche Ansuchen enthielten Telegramme, die an die Statthalterei in Prag und an den Ministerpräsidenten Grafen Thun abgesandt wurde»: in dem Telegramm an den Ministerpräsidenten wird darauf hingewiesen, daß durch die neuen Verhaftungen die Aufregung in der Bevölkerung wieder so gewachsen sei, daß der Gemeinde-Änsschuß nicht in der Lage sei, weiter die Verantwortung für die Ruhe und Ordnung zu übernehmen. Für den Fall, daß' von feiten des Ministerpräsidenten nicht schleunigst die Freilassung der Verhafteten verfügt würde, sähen sich die Mitglieder deS Gememde-AuSschuffeS gezwungen, in corxors ihre Mandate niederzulegen. In Klaqenfurt fanden gestern abend wieder Ansammlungen, jedoch ohne tumultuarische Vorgänge, statt. Die Polizei unter Bei- Hilfe von Militär zerstreute ohne Schwierigkeit die Menge. 14 Per- sonen wurden wegen Widersetzlichkeit verhaftet.— Transvaalkrisis. Gestern ist in London ein weiteres Blaubuch über die Trans- vaal- Angelegenheit veröffentlicht worden. In einer Depesche vom 14. Juni, in der Milncr den Vorschlag Transvaals auf Einsetzung eines Schiedsgerichts übermittelt, empfiehlt derselbe die sofortige Ablehnung des Vorschlages, da durch ein Schiedsgericht mehr Fragen aufgeworfen als gelöst werden würden und da ein solches eine fremde Einmischung nicht ausschliefen würde, die, wie er lMilner) in Blocmfonteiu wiederholt erklärt habe. Eng- land niemals zulassen würde. Milner bemerkt weiter, die Abstellung der Mißstände stehe an der Spitze des Programms; nichts anderes könne in Erwägung gezogen werden, bis diese Sache geregelt sei. In einer Depesche vom 27. Juli tritt Chamberlain den Ansichten Milners bei, schiebt die Schuld an der Lage der Behandlung der Uitlanders zu, bedauert das Fehlschlagen der Konferenz in Bloemfontein und fährt dann fort, er sei darüber erfreut, daß die letzten Vorschläge Hinsicht- lich des Wahlrechts einen Fortschritt zeigten; es seien jedoch noch Punkte von großer Wichtigkeit zu erledigen f schließlich»lacht Cbamberlain Vorschläge für die gemeinsame Untersuchungs-Kom unsfion. Wahrscheinlich ist, daß Chamberlain und mit ihm die gcsammte englische Ncgierimg sich auch heute noch auf diesen Standpunkt stellen, und das von der Trausvaal-Regierung verlangte Schicds gericht ablehnen werden. An einer friedlichen Beilegung des Streitfalls scheint der englischen Regiennig ja sehr wenig gelegen zu sein; sie fordert die völlige Unterwerfung der Boerew regierung unter ihr Diktum. Deshalb wird sie auch, selbst wenn fich die heutige Meldung des„Daily Chroniclo" bestätigen und das Entgegenkommen der Südafrikanischen Ncpublick noch weiter gehen sollte, als zuerst berichtet wurde, nicht zum Einlenken geiieigt sein, zumal nach dem„Daily Chronicle" die Transvaal- regierung die grundsätzliche Annahme eines Schieds- g e r i ch t e s fordert. Ferner soll Transvaal verlangen, daß die gegenwärtige britische Einmischung in seine inneren Angelegenheiten nichts einen Präzedenzfall bilde; die Suzeränetätsfrage solle vielmehr vorläufig ruhen bleiben. Leider hat der Volksraad, wie schon vor einiger Zeit als sicher angenommen wurde, den Vorschlag Goots in der Dynamitfrage an- genommen, wonach der bestehende Kontrakt mit der Dynamit- Gesellschaft aufrecht erhalten bleibt unter der Bedingung, daß der letztere den Verkaufspreis für Dynamit um 10 Schilling per Kiste erniäßigt und der Finauzverwaltung eine Abgabe von 7 Schilling 6 Pence per Kiste zahlt. Diese Bedingungen sind von der Gesell- jchafi acccptiert werden. Es ist diese Annahme, die mit großer Mehrheit erfolgt, sehr zu bedauern, da in einem großen Teil der Bevölkerung des Orange- Freistaat eine gewisse Animosität gegen das Dynamit-Monopol besteht und diese Haltung leicht auf das gegenseitige Verhältnis der beiden Republiken ungünstig zurückwirken kann. Selbst in Trans- vaal ist man nicht überall mit der Stellungnahme des Volksraads in dieser Angelegenheit einverstanden, so' wird den,„Reuterschen Bureau" aus Krügersdorp gemeldet: Die hiesigen Burghers telegraphierten der Regierung, daß sie sie sich weigern, in den Kampf zu ziehe», wenn das Dhnamitmonopol nicht aufgehoben werde. Von Interesse ist die Haltung des Premierministers Schreiner gegenüber der an ihn gerichteten Interpellation, weshalb er die Durchfuhr von Kriegsmaterial nach dem Orange- Freistaat ge stattet habe. Er erklärte nämlich in der gesetzgebenden Versammlung der Kapkolouie, da die Kapkolonie mit dem Orange- Freistaat im Frieden lebe, konnte er die Durchfuhr von Kriegsbedarf für den Orange-Freistaat durch die Kapkolonie nicht verhindern. Ein derartiges Vorgehen würde einen Bruch der Konvention mit dem 'Orange-Freistaat bedeutet haben. Oestreich- Ungarn. Die katholische„Volks"- Partei. Einem Jnsbrucker Privat bericht zufolge hielt der frühere Präsident des Abgeordnetenhauses, Kathrein, vor seinen Wählern eine Rede, in welcher er die durch die Obstruktion herbeigeführte Lähmung der Thätigkcit des Rcichsrats be- klagte. Kathrein forderte zu einer notwendigen Verständigung der streitenden Teile auf, namentlich der Deutschen und Czechen, zu beren Herbeiführung die katholische Bolkspartei sich mit allen, ihre religiöse Ueberzeugung Achtenden, rückhaltlos auf östreichischcm Boden Stehenden verbinden wolle. Seine Partei wolle als deutsche Partei jederzeit für das Recht der Deutschen, und für deutsche Art, soweit e« Reichsinteressen erforderten, einstehen; sie könne aber nie mit jenen gemeinsame Sache machen, welche den Katholizismus bekämpften und das Deutsch- tum gegen daö Ocstreichertum ausspielten. Sj« wolle Gleichberechtigung, welche der kulturellen, nationalen und politischen Entwicklung entspräche. Der Redner bezeichnet als die wichtigste Aufgabe der Regierung die Anbahnung einer Verständigung; hierzu könne man der vollen Unterstützung der Volksparter sicher sein. Er hoffe, es werde durch zielbewußtes, kluges Vorgehen und durch Entgegenkommen gelingen, die besonnenen Elenicntc, denen an Oesweichs Gedeihen gelegen sei, zu einigen und zu einer genwinsamen ersprießlichen Thätigkeit zusanimenzn- bringen. Bezüglich des 8 14 führte Redner aus, wenn der Rcichs- rat versage, fei es die Pfliifit feder Regierung für die Bedürfnisse des Staates zu sorgen, was in der Verfassung vorgesehen sei. Wer gegen, den K 14 protestiere und die Einberufung des Reichsrats begehre, habe auch die Verpflichtung, für eine geregelte Thätigkeit desselben zu sorgen und die Obstruktion zu bekämpfen.— Schweiz. Zürich, 25. August. sEig. Bcr.),'2 Uhr eröffnet. Bertillon nimmt seine gestrigen Darlegungen wieder ans und unterbreitet den Richtern eine Reihe von Schriftstücken und Zeich- niingcn. Die Verteidiger nnd der Regierungskommissar stellen fich neben die Richter,»in de» Ausführungen Bertillons besser folgen zu können. Drcysus bleibt ruhig sitzen und scheint völlig teilnahmslos. Auch das Publikum und die Zeugen legen die größte Gleich- gültigkeit au den Tag. Bertillon verteilt sodann von ihm hergestellte Schriftproben. Dreysus, welchem Dcmauac sein Exemplar übcrgiebt, prüft dasselbe lange Zeit nach allen Richtungen und giebt eS dann mit verächtlicher Miene und leicht mit den Achseln zuckend seinem Ver- leidiger zurück ohne ein Wort zu sprechen. Am Schlüsse seiner Ausführungen erklärt Bertillon auf Ehre und Gewissen und unter Berufung auf scineu Eid, daß das Bordereau bestinunt von dem Angeklagten herrühre.(Andauernde Bewegung.) Es entspinnt sich nunmehr ein längeres Zwiegespräch zwischen Labori und Bertillon. das sich hauptsächlich darum dreht, ob Esterhazy der Urheber des Bordcreaus sein könne. Bertillon erklärt, er habe in der Hmidscbrift Esterhazys Eigentümlichkeiten gefunden, die denen des Bordcreaus ähnlich seien, jedoch in geriiigercr Zahl als in der Handschrift Drcysus'. Ans die Frage, ob er auf die Aussage Bertillons etwas zu erwidern habe, erklärt dann Drcysus, er habe im Prozeß von 1894 Bertillon„Elender" genannt, weil dieser Zeuge ihn während seiner Aussage fortivähreud angesehen und als den Schuldigen be- zeichnet habe. Auf die Aussage Bertillons habe er nichts zu mit- ivorten, aber er tömic eines absolut versichern, daß er nicht der Urheber des Bordcreaus sei.(Anhaltende Bewegung.) Die Sitzung wird sodann unterbrochen. Nachdem die Sitzung wieder aufgenommen, erscheint als Zeuge der vom Rcgicrunqskommiffnr Carriöre vorgeladene Artillcrie-Hnupt- mann Bnlcrio. Derselbe teilt vollkommen die Ansichten Bertillons, wiederholt dieselben Punkt für Punkt und unterstützt seine Aus- sagen mit Demonstrationen. Valerio erklärt, die Fälschung sei her- gestellt Ivorden, mn nachträglich sagen zu können, es handle sich um eine Jntrigue. Dreysus allein könne der Hersteller sein.(Bewegung im Saale.) Palcrio bevrüht sich, bei seinen Nusfiihnmgeii auf wissenschaftlichem Boden zu bleiben, und erklärt, daß Esterhazy nicht der Verfasser des Bordereaus sein könne, denn das Bordereau sei von Drcysus fabriziert worden, von dessen Schuld ein materieller Beweis vorliege. Dreysus wiederholt seine früher abgegebenen Erklärungen, in- dem er hmzufügt, die Hypothese, daß er das Bordereau durch be- trügerische Nachahmung hergestellt habe, um ein Mittel für die Ver- teidigung herzustellen, falle in sich selbst zusammen, da er niemais versucht habe, sich dieses Systems zu bedienen. Mercier des Meiueideö überführt. Hauptmann Frrystättcr sogt ans: Ich war im Jahre 1394 Mitglied des Kriegsgerichts. Meine Ueberzeugung von der Schuld DrcyfuS' bildete sich infolge der Aussagen der Sachverständigen und derjenigen Henrys und du Paty de Elams. Sie wurde noch ver- stärkt durch die Lektüre der Stücke des geheimen Akten st ückes, welche im Beratungszinimer des Kriegsgerichts mitgeteilt wurden.(Langmihaltendc Bewegung.) Das geheime Aktenstück, sagt der Zeuge, enthielt folgendes: 1. Eine biographiiche Notiz, in welcher Dreysus die Begehung von Verrätereien zugeschrieben wurde. 2. Das Schriftstück mit den Worten„Es Osnuills äs v.." 3. Ein Schreiben, aus welchem man durch Vergleichen die Anthcuticität des Schriftstückes»Co Canaille de D. feststellen konnte, und welches unter der Bezeichnung„d'Avignon- Brief" bekannt ist.(Oh. oh, im Saale.) 4. Ein Telegramm eines ausländischen Attaches (Panizzardis), welches klipp und klar die Schuld des An- geklagten bestätigt.(Lärm und andauernde Bewegung im Zu- Hörerraum.) Das Telegramm hat. wenn ich mich recht erinnere. folgenden Inhalt: Dreyftis ist verhaftet, der Emissär ist benach- richtigt.(Erneuter Lärm im Saale.) Labort: Wir verlangen, daß Oberst M a u r e I und General Mercier dem Zeuge» gegenüber gestellt werden, denn sie haben das genaue Gegenteil seiner Aussage bekundet. Manrel, der durch polternde Heftigkeit des Tones seine Ver- wirrung zu maskiere» sucht, erläutert seine neulichen Worte:«Ich las nur das eine Stück der Geheimakten," und sagt, ich bleibe dabei, um nicht im Beratungssaale das Geheimnis zu verletzen. und damit mich Labori nicht zwinge, Niehl zu sagen, als in meiner Absicht liegt. Ich habe nicht gesagt, es sei nur ein Stück dagewesen; ich habe nur ein Stück gelesen; dann gab ich das Aktenstück dem Gerichtsschreiber mit dem Hinzufügen, ich sei sehr abgespannt.(Lärm im Saale.) Der Präsident bittet um Ruh«. Maurcl ist sehr erregt und macht lebhafte nr: öse Hand- bewegungen. Hauptmann Frehstiitter richtet scinen Blick fest auf Maurel. (Große Erreguug im Zuhörerraum.) Auf eine Frage LaboriS erklärt Oberst Maurel: Ich will ganz frei und offen antworten. Ich habe der Ver- lesuug der Schriftstücke nur unaufmerksam zugehört; dieselbe war nicht interessant.(Lachen und Widerspruch im Zuhörerraum.) Maurel fügt hinzu: Dies ist alles, dessen ich mich erinnere.(Be- wegung.) Freystätter erklärt ohne sichtliche Unruhe: Ich habe nicht nur die geheimen Aktenstücke gesehen, sondern ich Uersichere, daß Oberst Bknurcl sie in Händen hatte. Ich versichere weiter, dah er zu jedem einzelnen Stücke eine Bemerkung machte.(Lebhafte Bewegung.) Oberst Maurel, welcher sehr bleich ist, erwidert: Ich erhebe energisch Widerspruch gegen das Wort„Bemerkungen".(Lachen.) Dann fährt er fort, er sei sich seiner Pflicht zu sehr bewußt gewesen, als daß er die Nichter, über welche er de« Vorsitz führte, hätte be- Einflüssen wollen. Wenn ein Vorsitzender, während er Richter war, das von ihm behauptet hätte, was Freystätter von ihm behaupte, so würde er diesen ohne Ansehen des Ranges und Alters sofort zur Ordnung rufen und nicht fünf Jahre warten, um hier einen Zwischenfall herbeizuführen. Ich bin zu Ende, schließt Maurel. ich werde Herrn Freystätter nicht niehr antworten.(Lebhafte Be- wegung.) � Freystätter: Wenn ich im Bcratungssaal schwieg, so war es, weil ich kein Jurist bin. Ich kenne das Gesetz nicht, ich wußte nicht, daß die Mitteilung der GchciiNpapiere gesetzwidrig war. Als ich es später erfuhr, schrieb ich dem Oberst Maurel und kündigte ihm an, daß ich mein Gewissen durch Aussage der vollen Wahrheit erleichtern werde. Maurel bestätigt diese Thatsachcn nnd fügt hinzu: Freystätter hat mir von den Zweifeln gesprochen, die bei ihm hinsichtlich der Fälschungen Henrys aufgetaucht seien; ich habe uichr darauf ge- antwortet, Ivcil ich gewohnt bin, jedem seine freie Meinung zu lassen. Labori ersucht das Gericht, im Gedächtnis zu behalten, daß gcgeii die Behauptung Frcystättcrs hinsichtlich der Mitteilung der Depesche vom 2. November im Beratuugszimmer im Jahre 1894 kein Widerspruch erhoben wurde. Unter diesen Umständen fügt er hinzu, bitte ich, da Mercier behauptet hat, daß die Depesche in dem Beratuugszimmer nicht mitgeteilt worden ist, den Präsideuten, von Mercier Aufklärungen über die Thatsache zu verlangen, die forincll dem widerspricht, was er alS Zeuge behauptet hat. Mercier fragt sodann den Zeugen Freystätter, um was eS sich in dem dem Gericht mitgeteilten Schriftstück über den Verrat von Bourgcs gehandelt habe. Freystätter antlvortet, es handelte sich darin um ein Geschoß. Nun wohl, ruft Mercier, da haben wir Freystätter auf einer Lüge ertappt.(Lebhafte Proteste.) Mercier wiederholt diese Erklärung, während die Zuhörer von neuem protestieren. In Wirklichkeit, sagt Mercier, ist das Geschoß Nobiu, von welchen! die Rede ist, von Deutschland erst im Jahre 189ö aiigcnommen worden, Ivir erhielten von dem Verrat erst 1896 Kenntnis. Was die Depesche vom 2. November betrifft, so halte ich aufrecht, daß sie dem Gerichtshof von 18S� nicht mitgeteilt wnrde. Freystätter entgegnet, er sei sicher, eine Depesche gesehen zu haben, welche lautete:„Dreyfus verhaftet ic.' Was das Geschoß anlange, so habe er nur gesagt, daß in dem Kommentar die Anklage wegen eines Verrats ausgesprochen war. der in der Militärschule zu Bourges begangen sei und der ein Geschoß betraf. Mercier: Wir haben 1897 in der Artillcricdirektion das Schriftbündel über die Granatcnangelegcnhcit gefunden, aber es war davon keine Rede. Demauge: War in der Erläuterung des Obersten Maurel von der Granate die Rede? Freystätter: Bestimmt. Labori: Herr Vorsitzender, Sie sehen, daß wir du P a t y de E l a m unbedingt hören müssen, du Paty de Clani hat den Brief an Oberst Maurel zusammengestellt. Mercier einfallend: Nein, das hat S a n d h e r r gcthan. Labori:„Das ist bequem. Sandherr ist tot." Vorsitzender Jouaust, wütend: Das ist Erörterung I Ich ent- ziehe Ihnen das Wort. Labori setzt sich schiveigend, während Freystätter, Maurel und Mercier in sehr verschiedener Haltung abgehen. Es wird sodann der Zeichenlehrer Parafigaval vernommen, der sich gegen das System Bertillons ausspricht. Nächste Sitzung Montag. gab am Sonnabend Scenen Anlaß: DaS System Bcrtillon nach einem Bericht des„Berliner Tagebl." z» Bcrtillon scheint mit allem. vielsilbigen griechischen Worten was er in mystischen Zahlen und vorbringt, im Grunde sage» zu wollen, daß Dreyfns zur Herstellung des Bordereaus eine k ü u st- liche Schrift angewendet habe, eine Schrift, die er mit Hilfe eines durchsichtigen Gitterblattcs und des Schlüsselwortes„intei-st" hergestellt habe. Die Stimme laut erhebend, ruft er im Tone der tiefsten Ueberzcngung aus:„Es steht also fest, daß der Borderean nichts ist als die ewige Wiederholung deS Wortes„interst" und sollte das Wort dreimalhnndert- tausendmal darin vorkommen." Immer ivicder bilden die Richler, die Verteidiger, der Re- gieruiigskommissar und die Grcsfiers eine Gruppe um Bcrtillon, der ihnen unzählige Schemata zeigt. Bertillon spricht ohne Auf- hören. Endlich kurz vor halb neun Uhr schließt Bcrtillon seine Mappen mit den Worten:„Ich erkläre aus meinen Eid, daß der Bordereau das Werk des Angeklagten ist I" Einer der Richter fragt: Wie erklären Sie die Aehnlichkeit der Handschrift des Bordercaus mit der Schrift Esterhazys? Bertillon antlvortet: Esterhazys Handschrift ähnelt der Schrift des VordereanS, wie vielleicht viele Handschriften sich ähneln. Aber der Borderean könne nicht von Esterhazy sein. Er holt ivieder eine große Menge von Plänen und Karten vor und verliert sich in neue tiefe Erörterungen. Plötzlich, als er von Esterhazys Behallptnng spricht, der Autor des Bordcrcaus zu sein, ivird er wütend, wirft die Arme in die Luft und schreit: aber Esterhazy ist ein Lügner, und er stürzt sich wieder auf seine Mappen, um darin »ach neuen Beweisen zu suchen, daß Esterhazy ein Lügner sei. Das alles erregt im Saale eine unbändige Heiterkeit. Dcmangc: Hat Herr Bertillon denn einmal sein System zur Herstellung der Schrift Esterhazys angewendet? Bertillon antwortet lange, aber ausweichend nnd konfus. Demange stellt eine Reihe anderer Fragen. Bertillon erklärt unter anderem, daß Dreyfus schon seit vielen Jahren, um eine Entdeckung zu verhindern, nach seinem System ge- schriebcne Worte in die Dokumente des Kriegsministeriums einge- führt habe. Demange fragt, ob das Wort„intsret"(das Bcrtillon bekannt- lich in einem Brief in der Schreibmappe Dreyfus gelesen nnd seit- her als Schlüsselwort für Dreyfus' Geheimschrift bezeichnete) von Dreyfns geschrieben gewesen sei? Bcrtillon: Ah, das weiß ich nicht. Es kann von Dreyfus geschrieben gewesen sein, oder von Mathieu Dreyfns, oder von Esterhazy.(Heiterkeit.)(Bertillon will also sagen. Dreyfus kann den Borderean mit Hilfe eine? von Esterhazy geschriebenen Worte fabriziert haben.) Dann stellt Labori eine große Anzahl von Fragen. Er kon staticrt zuerst die Widersprüche zwischen dem System von 1894 nnd dem heutigen System. Er fragt dann: Wie kann Bertillon. wenn er zugiebt, der Borderean sei m i t d e r S ch r i f t Esterhazys geschrieben, sage», der Bordereau sei nicht von Esterhazy ge schrieben? Der Präsident lehnt es ab, die Frage stellen zu lassen. Labori: Wenn ich recht verstanden habe, meint Bertillon, daß Dreyfus die Schrift des Bordercaus mit fremden Elementen hergestellt hat, um bei der Entdeckung sagen zu können, die Schrift sei von jemand anderem nach seiner Handschrift hergestellt. Setzt das nicht voraus, daß Dreyfus, wenn er mit dieser Entdeckung des Systems rechnete, die Existenz eines Mannes von dem Genie voraus setzen mußte wie Herr Bertillon? Präsident: Maitre Labori, ich stelle die Frage nicht, bringen Sie präcise Fragen vor. Labori: Herr Präsident, wie Wollen Sie, daß ich ans den ingeniösen nnd so persönlichen Vortrdg des Herrn Bertillon mit präciscn Fragen antivorten soll? Präsident zuckt die Achseln. Er scheint in sehr schlechter Laune zu sein. Labori: Ich bitte, den Herrn Bcrtillon zu fragen, ob er in seinem Laboratorium oder in seinem Kabinett nicht sehr g e schickte Zeichner hat? Präsident(ungeduldig): Was soll das? Labori: Dann will ich sagen, eS ist in dem Laboratorium das Facsimile des gefälschten Briefes„Weyler"(jenes Brieses, der Dreyfns nach der Tenfelsinscl gesandt Wurde) fabriziert worden Wir möchten wissen, wozu? Präsident: Ich stelle die Frage nicht. Dreyfus, haben Sie noch etwas zu sagen? Dreyfns: Herr Bertillon hat hier gesagt, ich hätte 1894, als er von der Auffindung des G i t t e r b l a t t e s gesprochen hat, ans- gerufen,„der Elende I" Bcrlillon hat mich 1894 als den Schuldigen genannt, deswegen habe ich gesagt, er sei ein Elender. Es gicbt etwas, dessen Herr Bcrtillon trotz seines schönen Systems nicht sicher ist, und das ist, daß ich der Autor des Bordercaus bin. Herr Bcrtillon hat von dem Brief gesprochen, den er in der Löschmappe gefunden hat. Dieser Brief ist absolut authentisch: er war an meine Gntlin gerichtet. Niemand wird an dem Wort der Madame Dreyfus zweifeln, und Sie, meine Herren, weniger als irgend jemand. »* * Tic schwarze Fahne. Von der„Beste Gneriu" berichret„Wolfis Bureau": Sonn- abcndmorgen um 4 Uhr ließ Guerin aus dem Dachfenster des Hauses in der Ruc Ebabrol eine schwarze Fahne aushängen Man weiß bis jetzt nicht, was Gueriu hierzu belvog. Der Abbe Dcsers Pfarrer der Kirche St. Vincent de Paul, erhielt auf sein Ersuchen die Erlaubnis, sich mit Gueriu und seinen Genossen in Verbindung zu setzen. Er begab sich um 6 Uhr»ach dem Hause in der Nne Chabrol klingelte aber eine halbe Stunde an der Eingangsthür, ohne eine Antwort zu erhalten. Der Pfarrer legte, wie er mitteilte, das Ohr an die Thür, hörte aber keinen Laut Am Freitag ging es vor der Festung wieder sehr lebhaft zu Um 1 Uhr warf Gueriu ein Paket Ansichtspostkarten auf die Straße. deren eine Seite mit Karikaturen von bekannten Juden geschmückt war. Als die Jungen sich darum prügelten und die Polizei sie auseinandertrieb, erschien Gnörin auf dem Balkon und rief ihnen zu:„Wenn wir schon hungern müssen, werde» wir doch Wenigstens das Recht haben, uns zu amüsieren, I h r S p i tz e l u n d B a n d i t e n!" Er holte darauf seine Flinte und bedrohte die Agenten damit. Um 4 Uhr ließ er sich einen Korb mit Ziegel steinen bringen und Ivarf diese nach den Schutzleuten. Dazu schrie er:„Ich will keine Spitzel um mein Haus, schert Euch zum Teufell Die Truppen habe ich gern!" Dabei warf er den Soldaten und den Feuerwehrleuten Kußhände zn. Die Festung verbreitet jetzt einen fürchterlichen Gestank, da niemand die nötige Reinigung vornimmt. Man hat die an- stoßenden Hänser mit Karbol begossen. In der Nacht zum Freitag hat Gnerin thatsächlich wieder Lebensmittel gefaßt, wie, iveitz »tan nicht. Frankfurt a. M., 26. August. Die„Frkf. Ztg." meldet an Paris: Die Konfrontation des Hauptmanns Freystätter mit dem Obersten Maurel und dem General Mercier vor dem Kriegsgericht in Reuncs macht in der Presse einen überwältigenden Eindruck. Die„Droits de I'Homme" fordern die sofortige Einleitung des trafverfahrens gegen Mercier. PariS, 26. August. Gegen Jules Gnerin, der aus dem Hanse der Rne Chabrol auf mehrere Polizisten geschossen hat, ist die Unter« suchung wegen Mordversuchs eingeleitet worden. Man glaubb bisher, daß er blind geschossen habe, doch haben Polizisten jetzt Kngclfragmente in der Mauer des gegenüber liegenden Hauses ge- fnnden. PariS, 26. August.(W. T. B.) Die Staatsanwaltschaft hat beschlossen, alle Zeitungen, die in der letzten Zeit zum Aufruhr auf- forderten, gerichtlich zn verfolgen. GetvevKfriittfklitfxes. Berlin und Umgegend. Achtung, Stnccatcure! Die neugewähltc Lohnkomniission. bestehend ans den Kollegen Daschütt. Barzanti, Rohr- b a ch, Krebs, Krause, hat sich konstiNiierr. Die Kollege» werden ersucht, von allen Vorkommnissen oder Maßregelungen sofort die Kommission zu beuachrichtigen. Vor allen Dingen werden die Kollege» aufgefordert, vor jeder Arbeitsniederlegung sich erst mit der Kommission zwecks Unterhandlung in Verbindung zn setze». Ferner mache bekannt, daß die jetzt bestehende Streikkarte bis spätestens 9. September zur Abstempelung nnd Kontrolle im Arbeitsnachweis oder beim Unterzeichneten vorgelegt iverden muß. Von diesem Tage treten die von den Haupt-, sowie allen Hilsskassierern auszu- gebenden neuen Karten nnd Marken in Kraft. Zur Einleitung unserer Herbstagitation findet am Donnerstag, den 7. September, in den Arminbällen eine Bau- und Werkstattdeputierten-Sitzung statt. Es ist Pflicht, daß jede Firma dort vertreten ist. Agitiert für zahlreichen Besuch dieser Sitzung. Der Vertrauensmann der Stuccateure. Achtung, Lederarbeiter(Portcfeniller)! Der Streik in der Lederwarenfabrik von S o m m e r, Reichenbergerstr. 181, dauert unverändert fort. Zuzug i st st r e n g fernzuhalten! Der Vertrauensmann. Achtung, Tapezierer! Tie Kollegen der Firma Lichtenstein, Landsbergerstratze, waren gezwungen, da der Unternehmer die minimalen Forderungen nicht bewilligt hat, heute einmütig die Ar- beit niederzulegen. Die Firma Lichten st ein ist unter allen Umständen zu meiden. Die AgitationSkommissiou. Das JnnnugS-SchiedSgericht der Maler ist kürzlich kon« stituiert worden. Als Beisitzer der Arbeiter wurden in einer von der Innung einberufenen Gehilfen-Versanimlung die von der gewerk- schaftlichen Organisation aufgestellten Kandidaten geivählt und zwar Link, Mark, Köln und Mertens als Beisitzer; Pusch, Tornow, Spuhr und Stöpel als deren Stellvertreter. Deutsches Reich. Zum Formerstreik in Leipzig. Bei Golba u. Ostennann in Diemnitz bei Halle, wo Leipziger Streikarbeit hergestellt wurde, haben die dortigen Former nunmehr einmütig die Arbeit eingestellt. Die Klempner in Bremen find in den Streik eingetreten. Sie fordern neunstündige Arbeitszeit. 1b Proz. Lohnerhöhung und 50 Proz. Zuschlag für Ueberstundcn. Ausland. Die vereinigte Maschinenbauergewerkschaft(�mal�ainatsck Society ok Engineers) ist von dem diesjährigen englischen Ge- werkschaftskongresse ausgeschlossen worden. Der Grund für die Ausschließung ist in dem Umstände zu suchen, daß die Gewerkschaft gegen alle Gesetze der Trade Unions gelegentlich eines vor einem Jahre ausgebrochenen Streiks den in Betracht kommenden Unternehmern an Stelle der in den Ausstand getretenen Arbeiter neue Hilfskräfte sandte, also als Streikbrecher auftrat. Die A. S. E. zählt 90 000 Mitglieder. Für uns Deutsche ist es besonders interessant, was' ein streng konservatives Blatt, die„Westminster Gazette", dazu sagt. Das Blatt bezeichnet die Ausschließung als eine durchaus korrekte Maßregel. Eine Organisation, die sich nicht genau den Gesetzen der Union füge, habe das Recht verwirkt, in der großen Arbeitervertretung mit- zusprechen. Eine Strafmaßregel, die jedenfalls bei kleineren Teil- orgauisationcu in Anwendung käme, müsse konsequenterweise auch größeren Gesellschaften gegenüber zur Ausführung gelangen. Die Ausschließung gilt für den diesjährigen und den nächsten Kongreß. In Deutschland wird es als grober Unfug bestraft, ivenn einem Streikbrewer der Ausschluß aus seiner Organisation nur an- gedroht wird. Dem Massenstreik der polnischen Arbeiter in Warschau schließt sich nun ein fast allgemeiner Streik der jüdischen Ar- beiter Warschaus an. Sämtliche jüdische Gerber. Schuhmacher, Setzer der jüdischen Druckereien, Tischler, Bäcker haben die Arbeit eingestellt. Außerdem schlössen sich die Arbeiter der Bänder- und Spitzeufabrik von Fcinkiud(circa 900 jüdische Arbeiter und Ar- bciterinnen), der Tabak- und Cigaretteufabrik von Poljakcivitsch (über 1000 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen) und vieler anderer Betriebe dem Ausstand an. Die Forderungen der Ar- beiter sind allgemein; sie bestehen in der Erhöhung des Arbeitslohnes und hauptsächlich in der Verkürzung der Arbeitszeit bis auf 10 Stunden. In vielen Betrieben wurden bereits diese Forderungen bewilligt. Täglich finden große Arbeiterversamm- lungeu auf den Straßen und Platzen statt. Eine große Anzahl von Verhaftungen ivurde von der Polizei vorgenommen. Das Warschauer Komitee des„Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes in Rußland und Polen" hat einen Aufruf an die Bäcker erlassen und fordert die Ar- beiter zur Fortsetzung des Streiks auf; ein anderer Aufruf desselben Komitees richtet sich an sämtliche jüdische Arbeiter Warschaus und klärt sie über die Rolle der Regierung und der Polizei in den Streiks auf. Beide Aufrufe sind in der geheimen Druckerei des „Allg. Süd. Arbeiterbundes" gedruckt.— Wie groß die Wut der hiesigen Polizei ist. zeigen die neuerdings slattgesundencn Ver- Haftungen von zwei legalen jüdischen Schriftstellern P e r c z und Spektor. Der erste ift bekannt als Künstler ersten Ranges, seine Novellen iverden vielfach ins Russische und Polnifche überfetzt und erfreuen sich allgemeiner Anerkennung. Ankevnrhtttev-'VevbÄttde. Amerikanische Trusts. Nach einer Znsammenstellung des „United States Investor" sind in Amerika in der Zeit von: Januar 1398 bis Juni 1899 im ganzen 487 Trusts gegründet worden, von denen 439 über ein Kapital von 7 870 783 383 Dollars verfügen. Vevpsamutlmtgim. Versantinlung dcr Konditoren. Am 24. August tagte in der Berliner Ressource eine öffentliche, von ungefähr 200 Personen besuchte Konditorenversammlung, welche sich wieder mit der Errichtung eines Arbeitsnachweises beschäftigte. Nach demBericht über den bisherigen Ertrag der Sammlung— es waren gegen 350 M. eingegangen— wurde beschlossen, energisch in der Beitreibung der Gelder fortzufahren, und die Kommission beauftragt, das Bureau sofort zn erricbieu, ivenn 500 bis 600 Mark vorhanden sind. Als Bureau- leiter wurde, nachdem die Versammlung die Anstelln!>,.s- bedingungen genehmigt hatte, im zweiten Wahlgange Kollege Pigusch gewählt, welcher versprach, die Interessen der Gehilfen auch auf diesem Posten stets zu vertreten. Auf den 21. September ivurde schließlich die nächste Versammlung, in welcher die Schluß- abrechnung und die Wahl eines Ausschusses zur Leitung des Bureaus vorgenommen werden soll, festgesetzt. Uvtzke und DepesÄzen. Köln, 26. August.(B. H.) Die„Kölnische Volkszcitung" schreibt: Wir sind die letzten, welche die Nichtauflösung dcs Abgeordneteuhanses bedaucru. Aber wenn man nicht wirklich entschlossen war, aufzulösen, hätte man den Mund nicht so voll nehmen sollen. Wenn man sich überzeugte, daß die Nicht« auflösung besser ist, dann mußten unbedingt diejenigen Männer weichen, welche sich sowie die Regierung durch ihre bisherige Auflösungspolilik heillos kompromittierten. Wohl läßt sich eine Politik denken, welche die Fehler dcs bisherigen Systems vermeidet, aber mit den bisherigen Männern, mit den verantwortlichen Männern des bis- herigcn Systems kann das Ccntrum eine solche Politik nimmermehr verfolgen. Heute bleibt Herr v. Miquel Herr der Lage in der Re- gierung, Graf Limburg-Stirum, der Sieger über Herrn v. Miquel, Herr im Abgeordnctcnhause. Wie», 26. August.(B. H.) Dcr Militärattache Oberst Tchneider ist hier cingetroffen und wurde heute vormittag vom Feldzeugnieisier Beck in langer Audienz empfangen. Wir», 26. August.(B. H.) Wie die Prager„Politiken" melden. 'oll die Einberufung deS Rcichsrats Anfang Oktober erfolgen. Graz, 23. August.(B. H.) Heute mittag attaquicrtc ci» Offizier-Stellvertreler ans der Straße einen Studenten der Medizin mit dem blanken Säbel und verwundete denselben erheblich. Der Student soll den Säbel gestreift haben. Die erbitterte Volksmenge wollte den Offizier lynchen. Derselbe mußte in ein Hans flüchten, welches noch von der Menge belagert wird. Hcrmannstadt, 26. August.(B. H.) Bei einem Ausflug ans den Negoberg stürzte Professor Oberkummer aus München ab und wurde leicht verwunder. Budapest, 26. August.(W. T. B.) In der Nesiczaer Kohlen- grübe bei Lngos fand nachts eine Explosion statt. Mehrere Arbeiter sind schwer verletzt, einer tot. Paris, 26. August.(B. H.) Bis jetzt haben 35 Gencralrats- räte Tagesordnungen angenommen, in welchen sie den Präsidenten Loubet für die republikanische Gesinnung dcs Ministeriums bc- glückwünschen. PariS, 26. August.(B. H.) Ein Redactenr deS Anarchisten- blatteS„Journal du Peuple" wurde gestern abend verhaftet, � weil er eine Strafe wegen früheren Preßvergcheus abzusitzen hat. Pariö, 26.'August.(B. H.) Die Untersuchung über die Plünderung der Josefskirchc dauert fort. Gestern wurde ein 12jähriger Knabe, welcher von zahlreichen Zeugen an der Spitze der Demonstranten gesehen wurde, verhaftet. Ein 13 jähriger Bursche, dcr ebenfalls verhaftet war, wurde freigelassen. Madrid, 26. August.(W. T. B.) Nach einer Meldung dcs spanischen Konsuls in Lissabon sind in der Umgebung Oportos zwei Pestfälle vorgekommen, der eine in Zambnja, der andere in Atalaya. Beide Ottschaften liegen an der Bahn von Oporto nach Lissabon. In Oporto selbst kam nur ein gelinder Erkraukimgsfall vor. Madrid, 26. August.(W. T. B.) Dcr„Jmparcial" und andere Blätter sprechen von einer durch Polavicja hervorgerufeneu Minister- krisis. Diese erstrecke sich auf die Portefeuilles der Justiz. dcs Ktteges und der Marine. Villaverde werde das Jnstizminiiterium übernehmen. Petersburg, 26. August.(B. H.) China errichtet in Europa eine große Anzahl Konsulate. Bukarest, 26. August.(W. T. B.) Das Amtsblatt vcröffent- licht eine Note, in welcher gegenüber anderen Meldungen erklärt wird, daß kein Pestfall in Ncni festgestellt worden ist.I Verantwortlicher Redactenr: Robert Schmidt in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Dh. Glocke in Berlin. Dnick und Verlag von Max Bnding in Berlin. Hierzu 3 Vcilaneu nnd Iluterhaltniigöblatt. Hr. 200. 16. Iahrgaiiz. i>rs Jotroärte" Krrlim DcksdIM. Soiiiitag, 2?. August 18SS. Stimmnugsberichtc vo» der„Affaire". Ucber die Zeuge» vom Donuerötag, insbesondere M e r c i e r und das mit ihm von Labor! angestellte Kreuzverhör, schreibt unser Berichterstatter aus Rennes unterm 24. August: ?cr General Mercier hatte in seiner Aussage versucht, die juridische und strafrechtliche Verantwortlichkeit für die Mitteilung der geheimen Schriftstücke an die Richter mit llebergchung des Aiigeklägten auf den Oberst Manrel, den Vorsitzenden des Kriegsgerichts von 1894 abzuwälzen. Heute ist nun der Oberst Maurel erschienen. Auch er ist ein Verteidiger des Generalstabes. Ersichtlich war er heute morgen in seiner Aussage bemüht. Mercier zu entlasten. Doch trieb er seine Ergebenheit nicht so weit, die Verantwortlichkeil für die Mitteilung von 1894 zu übernehmen. ?urch die Fragen Labons gedrängt, erklärte er, dag ihm ein Leuoert mit dem geheimen Dossier auf Befehl des Kriegsministers von du Paty de Clanr übcrbracht worden sei, und daß er es vor dem Kriegsgericht in Gegenwart der Richter, aber in Abwesenheit des Angeklagten, offnen mußte. Der General Mercier konnte es nicht abstreiten, und wir haben sonnt das entscheidende Eingeständnis und den offiziellen Beweis seil, es Amtsvergehens. Sir haben auch erfahren, daß du Paty de Clam mit seiner ver- brecheriichcn Thätigkeit im Jahre 1894 begann, indem er mit der l.evcrgabc der Schriftstücke gleichzeitig einen auf Täuschung berech ucteu gchamgcn Kommentar dazu gab. Das geheime Dossier konnte auf Drehfus nicht angewendet werden, und wenn man es allein den Richtern von 1894 übergeben hatte, so würden sie daraus nichts gegen den Angeklagten gc- schlössen haben. Die perfide Erklärung du Patys mußte noch hinzu- kommen, um es gegen Dreysus zu wenden, und sie kam hinzu. General Mercier das Verbrechen beging, den Richtern Schriftstücke zu überliefern, über welche der Angeklagte nicht Ivrechcn konnte, beging er also gleichzeitig das zweite Verbrechen, oii- viichter über den Wert der Schriftstücke, die er ihnen unter- bre.ceie, zu täuschen. All dieses suchte, wie ich schon gesagt habe, der Oberst Maurel zu mildern. Er sagte, daß seine Ucberzeugung schon feststand, bevor er von dem geheimen Dossier Kenntnis genommen, von dem er übrigens nur ein einziges Stück gelesen hätte: dieses erste wäre ihm so überführend für Drcyfus erschienen, daß er es für unnötig gehalten hatte, die anderen zu prüfen. Hierauf autlvortete L a b o r i:„Aber wußten Sic denn, Oberst Maurel, ob in diesem geheimen Dossier nicht auch Schriftstücke waren, die die Unschuld des Dreyfus darthun konnten? Waren Sie denn ganz sicher, daß der Kricgsminister Ihnen nur belastende Schrift- stücke überliefern würde?" Und wie auf alle peinlichen Fragen enthielt sich der Oberst Maurel der Antwort. Aber die � Aussage des Oberst Maurel hatte den General -A e r c i e r auf de» Zetigcnstand geführt. Er mußte sich schließlich erklären. Mehr als zwei Stunden lang schwang Labori die Peitsche seiner Dialektik und seiner verheerenden Fragen über ihm. Der Verbrecher war wirklich bejammernswert!' Mit entstelltem Gesichte, Schweiß auf der Stirn, autlvortete er stotternd mit stockender Stimme. Man fragt nüch hier wie einen Angeklagten und nicht wie einen ..engen, sagte nach einer Stunde der General Mercier. Und in der !.n w a r er der Angeklagte, und das Urteil über ihn ist von der vj�utlicheu Meinung, bereits gefällt worden. Zug um Zug wurde der General Mercier gezwungen, sich über das 8-' Millionen- S y n d i ka t zu erklären, von dem er im Lauf seiner Aussage gesprochen, über seine Beziehungen mit du Paty, über die Erläuterungen der fälschlich auf DrcyfuS bezogenen Schriftstücke, über alle feine Verbrechen und Amtsvergehen. Gelegentlich eines gefälschten Stückes aus dem geheimen Dossier— eines Alexandrine unterzeichneten Briefes~ besteht Labori lebhaft darauf, das Datum des Eingangs und seine Herkunft zn erfahren. Mercier stützt sich nicht mehr auf ihn und schickt sich Rückzüge an; als die Generale das erkennen, kommen sie i...t den Offizicrcu des Nachrichtcnburcaus ihm zu Hilfe. Und Plötz- lich sieht man die Generale Mercier, Rogct und Gousc, den Kam- Mandanten Lauth, den Archivar Gribclin auf der Estrade. Sie sprechen alle auf einmal und liefern die widersprechendsten Er- tlärnngen, um schließlich durch den Mund des Generals Rogct zu erklären, daß dieses Schriftstück auf das Schuldkonto Henrys gesetzt werden müßte. Ter Gcneralstab kämpft mit der Wut eines Verzweifelten: aber er wird sich nicht retten, trotz der empörenden Parteilichkeit des Vor- fitzenden Jonaust: als dieser in einem bestimmten Moment die mehr als jämmerliche Haltung des Generals Mercier und seine Verlegen- heit sieht, wagt er, die Phrase Dclegorgucs wieder anzubringen: „D i e F r a g e i st u n z u l ä s s i g." � Trotzdem, und das ist das hervorragendste Ereignis der Sitzung, entsteht ein Zwischenfall, der die höchste vom General Mercier ver- suchte Verruchlhcil enthüllt. Labori fragte Mercier, ob er ihm nicht über ein neues beiläufig in das geheime Dossier hineingebrachte Schriftstück Auskunft geben könnte. Und als der General arglistig autlvortete, er wüßte nicht, was der hervorragende Advokat sagen wollte, verlangt Labori, den General Ehamoin zu verhören, der vom Kricgsminister nach Rennes gesandt und beauftragt ist, den Richtern das geheime Dossier zu erläuteni. Hier erfahren wir nun die letzte Niedertracht des Generals Mercier. Am Tage seiner Ankunft in RenneS stellte Mercier dem General Ehamoin ein für Dreysus belastcndcs Schriftstück zu. Es enthielt eine kunstvoll zurechtgestutzte Uebersctzung einer Depesche des italienischen Attaches Panizzardi und auf der zweiten und dritten Seite„ungenaue und irreführende, sogar falsche Angaben in Bezug auf das Ministerium des Auswärtigen und in Bezug auf ein- gebildete Beziehungen, die Drcyfus mit dem Auslande gehabt haben sollte." General Ehamoin beging den Fehler, dieses Schriftstück anzu- nehmen, und den noch schlimmeren, vor dem Kriegsgericht in den geheimen Sitzungen es zu einem Teile zu erörtern. General Ehamoin, der dies auf dem Zcngenstand erzählt, gesteht sein Unrecht ein und erklärt, daß der ganze Inhalt des betreffenden Schriftstückes absolut falsch sei. Labori fragt nun den General Mercier, woher er dieses Stück erhalten habe, und dieser antwortet, daß es ihm vom Oberstlicutenant du Paty de Elam zugestellt sei. Erschreckt über die Entdeckung dieses neuen Verbrechens verweigert Mercier auf die Frage, wo und wann er diese neue Fälschung von seinem Mitschuldigen du Paty erhalten habe, die Antwort, und vcrstcigl sich sogar zu der elenden Aus- flucht, daß er das Schriftstück nicht gelesen habe, bevor er es weiter befördert. Man begreift sehr Ivohl die Absicht des ganzen Manöver-?. Der verhärtete Verbrecher, General Mercier. hat versucht, das Kunststück, das ihm im Jahre 1894 so gut glückte, zu wiederholen. Als er dieses Schriftstück nicht öffcutlicb vorbrachte, sondern heimlich dem General Ehamoin zustellte, hoffte er. eS würde auch diesmal den Richtern geheim, mit Ilcbcrgchung des Angeklagten und seiner Verteidiger mitgeteilt werden. Dank dem Scharssinn der Verteidigung ist das Verbrechen nicht bis zum Ende durchgeführt worden. Aber der verbrecherische Versuch des Generals Mercier bleibt nichtsdestoweniger be- j.....n. Als dieses Manöver von den Advokaten des Dreyfus vollständig ans Licht gebracht war, da war der ganze Saal entrüstet, empört in dem Gefühl der Verachtung und des Ekels über diesen General, der da mit finsterer Miene,' blaß und unruhig. Schweiß auf der Stirn, auf der Estrade stand. Man muß sich wirklich fragen, bis zu welcher Tiefe von Gemeinheit und Schande uns die Generale noch hinabführen werden. Nach diesem Zwischenfall schien der Nest der Sitzung ziem- lich matt. Der General Risbourg kam mit einigem Hintcrtreppcnklatsch und einer Verteidigung des Hauptmanns Lcbrun-Rcnault, jenes famosen Hauptmannes, der die Geständnisse Dreysus' empfangen hatte. Die Komödie, die sich hier abspielt, ist durch die Sorgfalt des Generals Roget in bewunderungswürdiger Weise vorbereitet. Jeder Zeuge hat sein vorgeschriebenes Geschäft: jeder spricht über einen bestimmten Gegenstand. Der eine hat den Auftrag, den Oberst Picquart anzugreifen, um das Gewicht seines Zeugnisses zu ver mindern: ein anderer muß ein hohes Loblied auf den Hauptmann Lcbrun- Renault anstimmen, um den Wert dieses Zeugnisses zu er höhen. Nach dem General Risbourg kommt der Kommandant Eure an die Reihe: er wird veranlaßt zu sagen, was er von Esterhazy denkt nichts gutes. Tann kommen die Portiers des Kricgsministcriums. Aber sie sagen nichts. Seit vierzehn Tagen liegen die Offiziere des General stabes hier ihrem Geschäfte ob und erzählen ihren Klatsch. Ein anderer alberner Zeuge Qucsnay de Beaurepaires ist der Oberst Fleur, der nur auf den Zeugcnstand tritt, um lächerlichen Tratsch vorzubringen. Der Herr Oberst nimmt ihn aber für Ernst. Nachdem dann noch ein antisemitischer Slbgeordnetcr, v. G r n n d mn ison, eine große politische Rede gehalten hat, in der jedoch die Affaire Drcyfns nicht einmal gestreift wird, und nachdem ein anderer Abgeordneter eine andere Rede gehalten hat, kommen wir endlich zu einem andern Zeugen Qucsnay de Beaurepaires, dem famosen Martian Müller, der im Schlafzimmer des Kaisers Wilhelm eine Nummer der„Libre Parole" gesehen hat, auf der niit Blaustift die Bemerkung stand:„Dreyfus ist ergriffen". Martian Müller ist sehr gebrechlich, und der Gerichisdiencr gc- leitet ihn. indem er ihn stützt, und ebenso gebrechlich wie er selbst. ist seine Aussage. Seine Aussage erstreckt sich nur auf zwei Punkte: Er glaubt, das Zimmer des deutschen Kaisers besichtigt zu haben: aber er ist nicht sicher. daß das von ihm besichtigte Zimmer das des Kaisers gewesen ist Er glaubt, die„Libre Parole" mit einer Bleistiftbcmcrknng gesehen zn haben, aber er kann sich des deutschen Textes dieser Be- mcrlung nicht entsinnen. Und morgen werden die Lügen und Fälschungen des General- stabes und der armseligen Schwächlinge, die er zu seiner Unter- stützung mobil macht, fortgesetzt werden. Unkornktheitett in der amtlichen preußischen Bergwerksstatiftik. Wir sagen Unkorrcktheitcn und drücken uns milde aus: wenn unsere Leser diesen Artikel zu Ende gelesen, werden sie uns recht geben. Es handelt sich um Aufzeigung schon mehrfach bloßgclcgtcr, den Socialstatistilcr irrcfübrender, aber noch immer nicht berichtigter Rechenfehler in der preußischen Bergwerksstatiftik. Unsere Unternehmer benutzen jene Statistiken im Kampfe gegen die organisierte Arbeiter- schaft und ihnen folgen die Wortführer in den Parlamenten, wenn es gilt, die„glänzende Lage" der preußischen Bergleute zu bc weisen. Hier die Fehlschlüsse nachzuivciscn, ist unsere Absicht. Beginnen wir mit der U n f a l l z ä h l u n g. Konsequent hält die amtliche Statistik fest an der Berechnung der Unfälle auf die G e s am t- B e l e g s ch a ft. während doch' die Bergmanns- gcfahrnur an denTodeSfällendereigeullichen. d.h. der nntcrirdischcn Arbeiter zu messen ist. Wie verwirrend eine solche Zählung sein mutz, gchr daraus bervor, daß z. B. im Ruhrbergban die Zahl der Uutertagsarbeiter 189!', 78 Proz., 1898 aber nur noch 76 Proz. der Gesamtbelegschaft betrug. Aber immer wieder zählt man beide Gruppen zusammen, was ein total falsches Bild von der ab- oder zunehmenden Gefahr der Bergarbeit geben muß. Es verunglückten preußische' Bergleute tödlich: Steinkohlen- Bergbau 1897 714_ 23,53*) 1898 929= 28,04 Braunkohlen- Bergbau 78. 23,62 70— 19,92 Erz- Bergbau 08— 10,46 05— 09,94 LuL- gesanit 883= 21,24 1094= 24,85 lieber 1000 Knappen kämen im letzten Jahre zn Tode: doch die Zahlen geben gar kein rechtes Bild von der Grubensicherheit. Wir wollen jetzt mitteilen, wieviel unterirdische Arbeiter pro 10 000 tödlich verunglückten. Es waten: Steinkohlcn-Bcrgbau Braunkohlen-Bergbau 1897 24.0 46,1 1893 34.9 27.9 Erzbergbau 14,04 14,39 Hier ersieht man sogleich, wie die amtliche Unfallzählung täuschend wirkt. � Im Erzbergbau hat nach der beliebten amtlichen Zählung die Unfallgcfahr abgenommen, trennen wir aber die Beleg- schaft in ober- und unterirdische, dann kommt das gerade Gegen- teil heraus. Sehr auffallend ist die hohe Unfallziffer der Braun- koblen-Berglente, sie wird erklärlich, denn wir wissen, daß nur 42 von 100 Arbeitern auf den Braunkohlengruben unter Tage arbeiten, Diese Gesamtzahl auf die„bergmännischen Todesfälle" anzuwenden, ist so widersinnig, wie nur möglich, doch geschieht es. iächcitchfst hat z.B. im Halleschen Bezirk die Zahl der Todesfälle für den Braunkohlen-Bergbau abgenommen, sogar recht bedeutend. Es ist aber nicht wahr! Die durch Stein- und 51ohlcnfall verunglückten Knappen sind, auf die unterirdische Beleg- schaft berechnet, gerade so viele<17,3 pro 1000) wie im Vorjahr. Im Dortmunder Revier ist die Zahl der durch Stein-., und Kohlcnfnll getöteten Bergleute, pro 10 000 unterirdische Belegschaft berechnet, von 08,50 auf 11,48 gestiegen. Diese Zunahme ist weit bedeutender wie die Steigerung der Gesamtziffer der Todesfälle, abzüglich der anormal vielen Explosionsopfer<141). Wir sehen, wie grundfalsch es ist, die übliche amtliche Unfallbcrechnung bei- zubehalten, sie wird mit jedem Jahre haltloser, da ständig die Zahl der Uebertagsarbeiter, infolge der großen Nebenanlagen, mehr steigt, wie die der Uutertagsarbeiter. So kann man schließlich eine Ver- Minderung der Grubengefahr, d. h. eine pünktlichere Befolgung der A r b e i t e r s ch u tz g e s e tz e, konstatieren und es ist nur Schein. Die eigentliche Bergmannsgefahr kann dabei gehörig gestiegen sein. Die Trennung der Zählung ist aber auch im hohen Maße be- lehrend für die Erkenntnis der wirklichen oder künstlich geschaffenen Bergmannsgefahr. Auf 10 000 Braunkohlenarbeiter des Halleschen Bezirks vernnglückten(1898) durch Stein- und Kohlenfall I7cki, auf 10 000 Ruhrbergleute 11,5! Hier sehen wir. daß nicht„natürliche Gefahren", sondern eine wahnsinnige Arbeitemethode, wenig gehindert durch die behördliche Aufsicht, in den nicht sehr ge- fährlichen Brannkohlengruben mehr Opfer fordert, wie in dem weit gefährlicheren Ruhrbergbau. Es ist also falsch, in Anlehnung an das altgricchische Sprichwort von der Gefährlichkeit der Schiff- fahrt zu sagen: Der Bergbau ist so reich an natürlichen Gefahren, daß er immer Opfer fordert. Wir geben das zu, weisen aber hin auf den relativen Zwergbetrieb im Braun- kohlen- Bergbau, der bei ungleich günstigeren Bedingungen doch *) Aus 10 000. prozentual mehr Unglücksfälle durch den eigentlichen Berg- mannstod/s Schichten, also sieben Schichten die Woche verfahren, die in die Woche fallenden Feier- 'chichten holte man regelmäßig heraus. Alles das ist unwiderlegt geblieben, im Gegenteil sah sich das Dortmunder Oberbergamt veranlaßt, wie wir erst jetzt aus dem„Kompaß" ersehen, an die Ausarbeitung einer Verordnung betr. Ueberschichten zu denken. Leider ist sie nicht erlassen; soll sie kommen, wenn die flotte Geschäftszeit vorbei ist? Und angesichts dessen meldet uns die amtliche Statistik für Niederschlesien ein Gleichbleiben, für das Ruhrbecken sogar ein Sinken der Schichtzahl I Das begreife wer kann. Wir erklären auf Grund genauester Kenntnis der Verhältnisse, daß jene Angabc nicht stimmen kann! Wie hat man die Schichtcnzahl ermittelt? Es heißt, die„Ueber- chichten" seien in ganze Schichten umgerechnet und der Summe zu- zezählt. Uns ist der Vorgang nur so erklärlich: Man hat seitens Zer Werke einfach die Arbeitstage angegeben, ganz gleich ob 8, 10, 12 oder 20 Stunden gearbeitet wurde. Nur so können wir uns die sozusagen gleich bleibende Schichtensumme erklären. Aber dem widerspricht wieder die rührende Anhänglichkeit, mit der in der amtlichen Statistik an der offiziellen Schichtdauer festgehalten wird. Auf vielen Ruhrgrubcn, dafür treten wir Beweise an, sind 'eit 3 Jahren die Schichten um V«— 1 Stunde verlängert worden, in der amtlichen Statistik heißt es aber immer weiter gc- treulich: im Ruhr-Bergbau wird 6—9 Stunden gearbeitet. Nachweisen können wir ja den Rechenfehler nicht specicll, da müßten uns die Werkbücher zu Verfügung stehen. Aber auch hier könnten wir scheitern, denn uns' sind Fälle bekannt, wo Arbeiter zwar ihren richtigen Lohn, aber auf einer geringer angegebenen wie wirklich verfahrenen Schichtenzahl ausgezahlt er- hielten. Uns ist bekannt, daß Werkbeamte eine oder auch IV»' Stunden lU'bcrjcit It g li'ii als„ciitc Schicht" annehmen. Ter Arbeiter tvende: niano ein. da er sein richtiges Geld bekommt. Natürlich fällt eS nnö uiclit ciii, die Objektivität der Statistiker m Zweiiol xn ziehen. Aber die heutige Methode, das haben wir an drei Beispielen gezeigt, ist verwirrend. Sie kann bei den wechselnden Verhältnissen kein klares Bild der- y''?" titelt. Das aber ist der Ztveck einer wirklichen Soeialitatistik. Wer nicht die preußische Montanstatistik unter Berück- sichtignn i e ller veränderlichen Einflüsse benutzt, ist getäuscht. Die skrnpeUoien Kapitalistenschiiiocke allerdings schert das nicht; wenn sie nur die heiligsten Interessen des jtapitals schützen können, dann sind sie znsriedeu. Aber znr Aufklärung der ehrlichen Soeialpolitiker onrften»miere kritischen Bemerkungen nützlich und daher willkommen se"'-_ 0. H. Nchtuttg, Gewerkschaftett Berlitts! Tie berufenen Vertreter der Gewerkschaften Berlins haben in der� Versmnmlung der GewerkschaftSkommission anr 24. August er. ciustimmig beschlossen, die seit fünf Wochen im Streik befindlichen Steinarbeiter Berlins materiell und nioralisch zu unterstützen. Um diesen Beschlust erfolgreich durchzuführen, ist es notwendig, dast die Arbeiter Berlins Sammlungen vornehmen.' Damit jedoch nicht mehrere Arten Listen eirkulieren, empfiehlt der AnSschust der Berliner Gewerkschaftskommisston. recht rege auf die Listen für die dänischen Ausgesperrten zu sammeln, um dadurch auch die im Auslande im Kampf befindlichen Arbeiter genügend unterstützen zu können. Für die niwgespei Heu Arbeiter Tnueiiiarks ginge» bei der rar'«!».9� iwerkschaftsko in Mission folgende Beiiröge ein: � Llücn d. Seiltet 30,-. Verb, der Vmbdriickerei-HilfS- �. durch W.Emssold, Zahlstelle II. 00,-. Möbelfabrik v. Joigtz, ? är. � i 18,5a' Tischlerei v. Stein, Gr. Frankfurterstratze, *■ Mi'ller. tköiligSbergerstrahe, 8,45. Möbelfabrik v. ßeniiin oe„„.�upwmLbelfabrik v. Lebmaim Ztachfl., Abmiral- Pratze, 10,»a. HilfSarbeiteriiinen der Buchdruckerel Herinann 0,—. Arbeit« und Arbeiterinnen d. Eigarrenfavr. v. P. Juhl, Pankow 0,30. Aibetter der Firnis Frost u. Söhne, 3. Rate S,70. Ein vergnügter Sonn- tag im Restaurant zum Gfsigbaum 4,60, Posamentiere d. Zehnis 22,00. Vuchdrnckerei„Dieses Blatt gehört der Hausfrau", 5. Rate 6,25. Gesammelt in Adlershos durch Noack 7,5.5 Rauchklub„Deciinnl- wage 10.-. Maurer. Bcllealliancestras.e 22, 6,70. Tischlerei Rahardt, Reichenbergerstratze, 3. Rate 2,50. Tapeziercr-Werlstadt von Schöll auher einem 18,—. Sänitliche Arbeiter der Möbelfabrik von Zelder und Plathen, 3 Rate 72,50. Verband d. Schneider d. Stnbbe 100/—. Handschlih- Fabrik v. Bollmann 5,—. Buchdruckerei- Hilfsarbeiter d. H. Jahns 72,70. Hole 6,65. Soeialdemokratischer Arbeiterverein Köpenick 50,—. Küchenmäbel- Fabrik von BeNeiibaum 24,25. Holzbearbeitmigs- Fabrik von Nielich 8,05. Schöbet 3,40. Möbeltischlerei von Barth, Fruchtstratze, 19,65. Tischlerei von Nothling, Fruchtstratze, 12,10, Gesammelt von Skandinaviern °sUjui>ier(Arv, v. Pristaff, Hering u, Simmerlei», C. Wiltzler u. Kümmel) aavon 43,— an Bautüchler Dänemarks, Max u, Moritz 4,50, Rauchklub Doullnao 6,65, Pianomechanik-Fabrik von Schulze u. Freund 11,60, Bauarbeiter der Aeciimulatorenfabru Ober- Schöneweide, 2, Rate Ii..„Sechs streikende Spanner 1,-. Tischler der Möbelfabrik von ',rte'' Frankfurter Allee, 50,—. Buchbinder durch Bergmann Arbeit« und Arbeiterinnen von Bleisteiu, Friedenstrabe, 12,40. Maichmisten und Heizer 50,—. Maschinisieii und Heizer d. Zabel 25,55. Maurer, central, d. W. Schulz OS, 05.«aslwirtsgehilsm 8,05. Maler d. Link 16,20. Schirnimacher d. Piesker 6,45. Schuhmacher d. Herrmann 44,—. Knopffabrik v. Atanasse, 4. Rate 5,60. Bildhauerwerkstatt Dinse 6,-. Shirtns 1,—. Berb. d. Bauarbeiter, Zahlstelle Teltow 25,—. Pfropfenvereiu Nord-O,t, Elbingerstratze, 8,-. Evck u. Strasser, Lager, 4,-, Zahlabend beini WasterMriu 11,60' ch a s t S- K o m m i s s i o Ii Socieklo�. Tie deutsche Spieltvaren-Judustrie beschäftigt nach der letzten oerlifszähkinig über 40 000 Personen. Sie ist eine speeifische Export- industrie, denn von dem Gesanit-Prodiiktionswert in Höhe von etwa 60 Millionen Mark gehen circa ins Ausland und zwar noch allen Ländern der Erde. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika sind einer der Hauptabsatzmärkte für deutsche Spielwaren, da sie etwa den vierten Teil unseres gesamten Exports in Spielwaren anfiiehmen. Im letzten Jahre hat jedoch nicht nur der Dingleh-Tarif durch seine be- trüchtlich erhöhten Sätze, sondern vor allem auch die von unseren Exporteuren als rigoros bezeichnete Zollbehaiidlmig der deutschen Spielwaren in Amerika ans angeblich sanitären Gründen den deutschen Export geschädigt. Der Ehef des Burealis für Viehzucht ini Ackerbau- Deparienieiit hat in seinem letzten Jahresbericht mit- geteilt, nach Untersuchmigen,_ die in seinem Burecku vorgenoiiimen wären, sei das aus Teutschland eingeführte Spielzeug vielfach mit gifthaltigen� Farben bemalt und bilde deshalb eine Gefahr für die damit spielenden Kinder. Es ist daraufhin eine genanefte Ulltersiichiliig und strengste Behandlung deutscher Spielwaren- Artikel bei der dortigen Verzollung eiiigetreleii, welche die Ausfuhr nach Amerika erheblich erschwert. Letztere ist von 68 807 Doppel- eeiitner in den ersten 0 Monaten 1387 auf 04 604 Doppeleentner im gleichen Zeitraum 1838 znrückgegaiigeii, wodurch sich der Wert des ExportverliisteS aus l/2 Million Mark bezifferte. Auch von Rußkand droht der deutschen Spielwaren-Jndustrie Gefahr. Die russtsche Regierung macht nämlich energische An- ftK»gl, Ilgen, um die Spielwareii-Jiidustrie im eigenen Lande zu fördern. So hat sie»eiierdings die Errichtung einer Fachschule und einer damit verbuudeuen Mustersammlimg in die Wege geleitet und einen sachkundigen Kommissar in das Ausland gesandt, der namentlich auch in Deutschland, als dem Hanptsitz der Spielwaren- Fabrikation— diesen Produktionszweig studieren und Kollektionen der wichtigsten Artikel zur Aufstellung in der erwähnten Muster- sammlimg ankaufen soll. Zu schwache lvcinaunuiig der Clbfahrzcuge. Das Ober- Präsidium der Provinz Sachsen erläßt folgende Bekanntmachung: Es ist zu meiner Keiiiituis gekommen, daß die auf der'Elbe verkehrenden Fahrzeuge häufig nicht mit der im§ 7 der Polizeiverordnmig für die Schiffahrt und Flößerei auf der Elbe vom 18. Februar 1894 vorgeschriebenen Zahl von Bcdieiiniigs- Mannschaften besetzt sind. Dieser Mißbrauch gefährdet nicht nur das eigene Fahrzeug und seine Ladung, sondern auch andere Fahrzeuge und kau» beim Zusammentreffen uiigüiistiger Umstände die Ursache erheblicher Störungen der Schiffahrt sein. Den Schiffahrttreibeuden bringe ich hierdurch zur Kenntnis, daß die nicht den Vorschriften entsprechende Beinamimig der Fahrzeuge zuktiiiftig mit der höchsten zulässigen Strafe geahndet werden wird und daß die Zuwider- haiideluden im Wiederholungsfälle die Eiitziehnng des Schifferpatents zu gewärtigen haben. ' Die Stromausfichtsbeamten sind angewiesen, die gegen die be- stehenden Bestlmminigen verstoßenden Schiffsführer unnachsichtlich znr Anzeige zu bringen. Arbeiterrisiko. Auf der Landstraße zwischen Ottweiler und Niederlinxweiler(Baden) ist der Straßemneister Rinhel auf ent- setzliche Art verunglückt. Er wollte kurz vor der von Ottweiler koniiiieiiden Tampistraßeiiwalze die Straße überschreiten, dabei wurde sein linker Fuß von der Walze erfaßt, Rinhel kam zu Fall, n.o die L'ilze ging über seinen Körper hinweg, diesen mit Aus- nähme letz rechten Beines zu Brei zermalmend. Der Maschinen» führ« hatte den Gang der Walze nicht mehr aufhalten können. 1 Pfaffen imd Laien. Ein hübsches Urteil über die Geistlichkeit findet man im alten Berliner Stadtbuch. Kurz und erbaulich heißt es darin:„Pfaffen und Laien sind einander selten freund. Das kommt von der Pfaffen Gierigkeit und ihrer Unkcusche und hätten sie nicht die Unkeusche, so bleibt doch alle Gierigkeit in ihnen." Der Schreiber der respektwidrigen Zeilen knüpfte mit ihnen sicher an voran- gegangene Ereignisse an. Die Berliner deS 14. Jahrhunderts hatten mehrfach unter den Uebergriffen der Geistlichkeit zu leiden. — Ihren ersten Zlvist mit der Kirche bekam unsere Stadt im Jahre 1327, als NieokanS Cyriakus, Probst von Bernau, die Gemeinde von der Kanzel herab um alte Schulden mahnte. Das ob dieser„Gierigkeit" empörte Volk schlug den Priester vor dem Altar der Marienkirche zu Boden und verbrannte seine Leiche auf dem neuen Markt. Da der Mörder nicht entdeckt Ivnrde, fiel die Stadt in Kirchenbann, was für jene Tage wirtschaftlichen Tod bedeutete. Erst nach beinahe 30 Jahren wurde sie nach uner- nießlichen Geldopfern wieder losgesprochen. Ein anderer Fall betrifft Konrad Schütz, den Kaplan des Herzogs von Sachsen. Nur als Gast in der Stadt anwesend, erlaubte er sich eine BürgerSfrmi mit unziemlichen Anträgen zu behelligen. Das wütende Volk riß den Frechen von der Tafel seines Herrn und legte ihm auf dem neuen Markt den Kopf vor die Füße. Diesmal konnte Berlin sich durch Geldspenden an die Kirche vor dem Bann bewahren. Auch das dritte Mal gelang ihm das. da der betreffende Priester NicolauS Huiidcwerper, der bei einer Braiidstiftimg beteiligt war, entfliehen konnte und mir mit einigen körperlichen Mißhandlungen davonkam. Auch in späteren Zeiten hat Berlin die Geistlichkeit von nobler Seite keimen gelernt. Eine Korrespondenz aus dem Anfang des 10. Jahr- Hunderts erzählt von den Predigern der Marien- und Nikolai-Kirche, daß sie sich gegenseitig mit den Altarleuchtern geprügelt hätten und allerlei Schaden angelhan, und das alles um des leidigen Geldes willen." Ich meine ja— sagt der Briefschreiber— das ist ein hübsches Beispiel in diesen schweren Zeiten der Pest. Die Schreibmaschine gewinnt für den deutschen Fabrikations- und Handetsverkehr iininer mehr Bedeutung. Die erste brauchbare Schreibmaschine wurde, nachdem mancherlei in England und Däne- mark gemachte Versuche keinen dauernden Erfolg gehabt hatten, 1807 in Amerika gebaut. Seitdem ist der Haupsitz der Schreib- inaschiiieii-Jiidnstrie Nordamerika geblieben. Auch der deutsche Be- darf wird vorläufig in der Hauptsache noch von dort gedeckt. Die Einfuhr amerikanischer Schreibmaschinen nach Deutschland wird für 1893 noch auf mehr als 15 000 Stück geschätzt. In den letzten Jahren hat aber auch die deutsche Industrie ihre Aufmerksamkeit mehr als früher der Herstellung von Schreibmaschinen zugewandt. Eine wirksame Anregung, namentlich für Berlin, hat in dieser Hinsicht auch die Ausstellung gegeben, die für Anfang 1899 von dem hiesigen Zweigvereiii des„Deutschen Papiervereiiis" veranstaltet ivnrde lind von Maschinen 10 verschiedener Systeme beschickt war.— Die Bedienung der Schreibmaschinen in den Geschäften erfolgt in Berlin vorwiegend durch weibliche Angestellte. Der Zndrang weib licher Personen zu diesem Beruf ist sehr stark und die Gehälter sind daher auch in den meisten Fällen nicht entfernt so hoch, wie es sich für die nervenzerrüttende Arbeit gebühren sollte. Tic königliche Bibliothek. Tie Frage der Beschaffung von mehr Platz für die tönigl. Bibliothek scheint, wie uns berichtet wird, das Ministerium der Geistliche». Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten in einer allen Teilen willkomiiien«» Weise lösen zu wollen. In der Erkenntnis, daß auf die Grundstücke, auf denen sich jetzt dieBibliothek befindet, durch einigeNeubaiitenjweseiitlich mehrRaum kür die Bibliothek gewonnen werden kann, läßt jetzt das Kuratorium auf dem Behrenstr. 42 befindlichen Vorhofe, der an das Grundstück der Diskontogesellschaft stößt, vor dem Gebäude, in dem sich der viel- besuchte Zeitschriften-Lesesaal, sowie die Karten- und Musikalien- Sammlniigen befinde», ein neues vierstöckiges Gebäude errichten. Auch der demselben gegenüberliegende kleine Parterrebau, indem sich jetzt Bureau und Kasse befinden, wird dann einem größeren Gebäude Platz machen. Dadurch wird es auch möglich werden, Räume für einen den Bedürfnissen eher genügen- den Zeitschriften-Lesesaal zu schaffen, in denen man auch an diiiiklen Tagen bei küiiftlichem Lichte arbeiten kann, was in de» jetzt dazu benutzten Räumen nicht möglich ist, weshalb dieselben schon um 3 Uhr nachmittags geschlossen werden, obgleich es doch vielem Jiiteressenteii, ivie Lehrern, Beamten. Aerzten ee., nicht möglich ist, in der Zeit von 9 bis 3 Uhr diesen Lesesaal zu besuchen. An einem etwas nebligen Tage wird es in den jetzt benutzten Räumen überhaupt nicbc hell und in dem vergeblichen Bemühen, dann doch lesen zu ivollen, haben sich schon viele Interessenten die Augen ruiniert. Möchte daher in den neuen Räumen für genügende künstliche Beleiichtinig gesorgt werden, damit»dieselben, ivie andere Bibliotheken, auch in' den Abendstiiiiden benutzt werden lönnen I An der Miillcrstraßc ist jetzt mit der Bebauung des großen Terrains begonnen Ivorden, das sich von der Seesrraße bis zur Weichbildgrenze hinzieht und im Westen von der Jinigfeniheide begrenzt wird. Parallel mit der Seestraße ist hier zunächst einer von den vielen in dieser Gegend projektierten neuen Straßenzügen angelegt worden, der das Terrain von Osten nach Westen durch- schneidet und den Namen Kamerunerstraße führt. An dieser Straße ist bereits der Bau einer ganzen Anzahl von Hänsern in Angriff genommen, und auch an der Seestraße, die das Terrain im Siiden begrenzt, hat sich eine lebhafte Banthätigkeit entfaltet. Un- bekümmeii jedoch um das Thun und Treiben der Maurer und Zimmerlente herrscht vorläufig»och ländliche Arbeit auf dem Terrain vor, das bisher nur an der Müllersiraße mit kleinen einstöckigen Häusern bebaut war, sonst aber, trotzdem es noch in, Weichbilde Berlins liegt, vollständig landwirtschafilicheii Zwecken diente. Noch vor kurzem ivnrde der letzte hier gewonnene Haser in die Scheunen eingefahren, die sich unweit der im Bau befindlichen modernen Wohn- Häuser erheben. Die Untersuchung gegen die verhaftete Bertha Schröter verursacht der Behörde erhebliche Schwierigkeiten, da das Mädchen sein Geständnis ininnterbrocheii ändert. Nachdem es in dem über zwei Stunden währenden Verhör vor dem Amtsrichter in Kalkberge- Rüdersdorf hartnäckig die That bestritten hatte, sagte der Richter: Aber, Bertha, sagen Sie doch die Wahrheit!" und darauf out- ivortete die Sch. ganz unerwartet und in aufgeregtem Tone niit „ja". Alsdann legte sie uiianfgefordert und ohne zu stocken, hinter- einander erzählend, das Geständnis ab. Sie erklärte, die That be- gangen zu haben, um sich an der Fielitz sür schlechte Behandlung zu rächen. Die Sch, unterzeichnete das sofort protokollarisch festgelegte Geständnis. Als am Doniierstagvormittag die Vernehmung fortgesetzt wurde, suchte die Schröter sich plötzlich einen Mitschuldigen zu sichern, indem sie die Bemerkung machte:„Der Knecht Wilhelm Binger weiß auch ganz genau Bescheid." Selbstverstmidlich mußte min B., der sich noch ans dem Fiekitzschen Gehöfte befindet, vernommen werden, Ivobei sich seine absolute Unschuld herausstellte. Jetzt widerrief die Schröter abermals und bekannte sich neuerdings als die Allein- schuldige. Gestern vormittag änderte die Schröter ihr Geständnis zum vierleimial. Während sie anfänglich zugegeben hatte, den Mord ans Rache verübt zu haben, erklärte sie plötzlich, daß sie nicht wisse, waniiii sie die That begangen und daß sie unbewußt gehandelt habe. Als dem Mädchen vorgehalten wurde, daß sie den Mord mit Ueber- legnng begangen haben muß, nahm sie am Nachmittag auch da-Z letzte„Geständnis" wieder zurück und bestätigte wieder die zu An- fang gemachte Aussage. Die Schröter verweigert immer nock� die Angabe des Versteckes, wo sie das Geld gelassen. Anscheinend ist in diesem Falle eine Untersuchung darüber notwendig, ob das geistig niid körperlich verwahrloste Geschöpf überhaupt triminell zur Verantwortung gezogen werden kann. Prof. Dr. Robert Koch, der auf seiner Reise znr Erforschung der Tropenkrankheiten zuletzt in Rom und Neapel weilte, hat sich mit seinem Assistenten Stabsarzt a. D. Dr. Ollwig am 23. d. M. zu Neapel an Bord des LloyddaiiipferS„Sachsen" begeben, um mit diesem zur weiteren Erforschung der Malaria und anderer Krankheiten nach Batavia niid Singapore zu fahren. Seine Frau begleitet ihn auch ans der Weiterreffe. Professor Dr. Frosch, der bisher an der Forschungsreise teilnahm, kehrt in den nächsten Tagen nach Berlin zurück. Vor einigen Tagen ging die Nachricht durch die Blätter, Geheimrat Koch sei von Oporto aus gebeten ivorden. zum Studium der Pest dorthin zu kommen. Das ist nicht ganz richtig. Der Ge- lehrte ist lediglich um Mitteilung von Verhaltungsmaßregelii gebeten ivorden. Die Zunahme der FenerSgcfahr in Berlin erhellt Im Jahre 1898/99 kamen 9100 ans folgeiideii Dahlen: Im Jahre 1893/99 kamen 9100 Brände zur KeiiiitniS der Behörde, dagegen in den Jahren 1889: 3702, 1379: 1479, 1809: 053. Hierbei sind auch die zahlreichen Brände ohne Alarmierung der Feuerwehr mitgezählt. In 30 Jahren ist die Zahl aller Brände auf das Vierzehnfache gestiegen. In derselben Zeit stieg die Zahl der Grundstücke auf knapp das Doppelte, die der Wohimngen und Gelasse ans das Dreifache. Die Feuerivehr-Ver- waltimg ist fortgesetzt bemüht, diese Zunahme der Feiiersgefahr, die zu einem großen Teile auf die Steigerung der Wohndichtigkeit zurück- zuführen sein dürfte, durch möglichste Vervollkommnuiig ihrer Ein- richtlingen(Verbesserung des Meldewesens, Erhöhung der Alarm- geschwindigkeit usw.) auszngleichen. Berliner Bauwesen. Zu dem uns aus den Kreisen der hiesigen Maiirerorganisatioii ziigegcmgenen Artikel, den_ wir am 4. August»eröffentlichten. erhalten wir jetzt, nachdem über drei Wochen verflossen sind, folgende Zusmrift: „In Ihrem Artikel betreffend die Neubauten auf bei' Grund- stücken des alten Onmibusdepots in der Schlesischeiistraße ist un- rickitig, daß sich das Mauerwerk 15— 20 Centimeier beim Auflegen der Brückenpfeiler verschoben hat. Dasselbe verschob sich um ca. 5 Centimeter, ging jedoch, uachdem die Balken zurückgezogen ivurdeu. in seine alte Lage zurück, wovon sich der ansführende Maurermeister überzeugt hatte, sodaß hierdurch keinerlei Befürckttmgen, daß Menschenleben in Gefahr kämen, angebracht waren. Was die Berwenduiig der Träger betrifft. so sind dieselben vorschriftsmäßig in das Mauerwerk eingelegt. Ihre Annahme, daß 25 Centimeter Vorschrift ist. ist ein Irrtum, da die Träger ganz nach der Last, welche sie zu tragen haben, 15 bis 00 Centimeter in daS Mauerwerk eingelegt iverden müssen. Ebenso ist die Verankeriiiig vorschriftsmäßig. Der Bau ist von der Aufsichtsbehörde mehreremale eingehend besichtigt worden, wobei die Träger zc. freigelegt und hinsichtlich der Auslage als den bau- polizeilichen Vorschriften entsprechend gefunden wurden. Mit dem Material hat bis jetzt noch nicht gehapert, da die Arbeiten keinen Tag ausgesetzt iverden brauchten." Unseres Wissens ist zu dieser Zuschrift vom fachtechnischen Stand- Punkt aus zu bemerken, daß bei einer Verschiebung des Mauerwerks die Steine von neuem aufgemauert werden müssen, gleichgiltig, ob die Verschiebung einen oder 25 Centimeter betragen hat. Daß solches geschehen ist, geht ans der Zuschrift nicht hervor;_ die Rüge dieser Unterlassungssünde bildete aber den Kernpunkt unserer Ver- öffentlichung. Was die Erwähnung des Materials betrifft, so sei bemerkt, daß wir nur auf dessen Qualität bezug genommen und die Frage, ob Steine usw. in genügender Menge vorhanden waren, gar nicht weiter berührt haben. Ter iibcrans bemerkenswerte Fall, daß die gesunde Ver- iiiuift in einer„Ehrensache" den Sieg davongetragen, wird in hiesigen Blättern konstatiert. In zwölfter Stunde wurde danach gestern ein Zweikampf verhindert, der in der Nähe von Berlin mit Pistolen ausgefochten werden sollte. Die Gegner waren zwei Offiziere. Die Waffen waren in der Nacht von einem Bahnhofe abgeholt ivorden, und in aller Frühe sollte der Kampf stattfinden. Der üb« liche letzte Versuch führte indessen zu einer Versöhnung der Gegner, die die Streitsache auf eine unblutige Art aus der Welt schafften. Eine blutige Schlägerei hat Freitagabend in der Ouitzow- straße stattgefunden. Teilnehmer waren Rowdies und ihre Dirnen, die ivegen„Eifersucht" aneiiiander gerieten. Es dauerte auch gar nicht lange, so blitzten Messer, und die Folge davon war. daß drei Mann mittels Droschke nach Hause gebracht werden mußten. In der Sicgcs-Allee sind gestern zwei neue Marmorflguren enthüllt ivorden. Sie stellen Kaiser Karl IV. dar, der 1373— 78 in der Mark regierte, und den König Friedrich ll. Die Berichterstatter melden, daß der Kaiser den eingeladenen Herbert Bismarck mit den Worten:„Na Herbert" levhast begrüßt habe und daß er von der Gestalt Karls IV. gesagt habe:»Ganz wie Miquel, die Hand auf den Geldbeutel". Ein größerer Fabrikbrand kam gestern früh kurz nach 1 Uhr in der Eisengießerei von Gebrüder Arndt in der Fennstr. 21 zum Ausbruch/ Es brannte eine Abteilung der auf dem zweiten Hofe befindlichen Gießerei, in der größere Posten von Modellen lagerten. Da mehrfach alarmiert war, rückten acht Löichzüge heran, von denen jedoch nur zwei in Aktion traten. Die Flammen hatten bereits den ganzen Modellrauin erfaßt, so daß dieser nicht mehr zu halten war. Doch gelang es. die übrigen Fabrikräuwe zu decken. Die meisten lind wertvollsten Modelle' der Gießerei befanden sich in einer anderen Abteilung, so daß der Gießereibetrieb keine Unterbrechliiig er- leidet. Der verursachte Schaden ist zivar erheblich, aber durch Versicherung gedeckt. Die Entstehuiigsursache konnte durch die Jeuer- wehr nicht mehr erinittelt werden, da bei ihrer Ankunft der Brand zu weit vorgeschritten war. Schwere Brandwunden erlitt der Wohiunigsiiihaber Schröder bei einem Brande, der gestern früh Vuttmaimstr. 4 ausbrach. Schr. besitzt dort eine im vierten Stock des linken Seitenflügels belegene ans Stube und Küche bestehende Wohnung. Früh 2 Uhr bemerkten Nachbarn, daß dichter Ranch aus der Küche drang. In Gemeinschaft mit Schröder suchten sie die Flammen zu ersticken, ivobei sich Sch. schiver verbrannte, so daß er nach Anlegung eines Notverbandes durch die Samariter der Feuerwehr sich in ärztliche Pflege begeben mußte. Küche und Wohnzimmer brannten aus. Angeiiommen ivird. daß brennende Kohlen mit Lumpen in Berührung gekommen sind und dadurch den Brand verursachten. Verzweiflung wegen längerer Arbeitslosigkeit hat den Brauer Otto Werner aus der Landsberger Allee zum Selbstmord- versuch getrieben. Als am Freitag seine Vemühniigen, in Spandau Arbeit zu finden, ohne Erfolg waren, stürzte er sich mitten in der Stadt von der Eharlottenbrücke in die Havel. Da er indes ein guter Schlvinnner ist und im Wasser die Lust zum Leben von neuem in ihm erivachte, so erreichte er seine Absicht nicht; nachdem er eine Weile umhergeschivommen ivar, wurde er in einen Kahn auf- genommen und ans Land gesetzt. Ei» tramigeS Geschick hat den 58 Jahre alten frühere» städti- scheu Wächter Jacobs aus der Kaftaiiienallee 34 betroffen. Jacob? trat nach Auflösung des städtischen Nachtwackinesens einem Privat- institnt bei, wurde aber vor einem Vierteljahre nervenkrank und mußte vor einigen Wochen den Dienst ganz aufgeben. In der letzten Zeit hatte er eine große Sehnsucht nach einer Tochter, die sich vor einigen Monaten in Luxemburg an einen Mechanik« verheiratet hat. Der alte Mann phantasierte oft davon, daß er nach Luxemburg reifen und seine Tochter besuchen mfisse. Man durfte iljn nicht mehr allein ausgehen lassen, sondern gab ihm stete Be» gleituug mit. Sltn 15. d. Mts. machte seine Frau einen Spazier- gang mit ihm durch den Humboldthain. Nun muhte Jaeobs sich von ihr auf einen Angenbliek unter einem Vorwande zu entfernen und die Gelegenheit benutzte er dann, sich auf den Weg zu machen, um zu seiner Tochter zu gelangen. Nur mit einigen Pfennigen versehen, verließ er zu Fuß Berlin. Wo er überall umhergeirrt ist, weiß man nicht. Vor einigen Tagen fand man bei Selchow an der Anhalter Bahn die Leiche eines Mannes im Walde liegen. Auf die Nachricht von dem Funde begab sich Frau Jaeobs, die den Verschwundenen überall vergeblich gesucht batte, dorthin und erkannte in der Leiche die ihres Mannes. Der Kranke ist augenscheinlich im Walde zusammengebrochen und an Entkraftung gestorben. Einen schweren Zusannileustost auf der elektrischen Bahn gab f-j am Freitagabend in der Nähe der Siegesallee auf der Chor- lottenbnrger Chaussee. Der Fuhrherr Paß aus der Spreestraße 31 fuhr mit einigen Möbeln von Berlin nach Charlotteuburg. Auf dem Wagen saßen mit ihm der Gastwirt König aus der Spreestraße 29 und die Frau des Fuhrhcrrn Schneider aus der Spreestraße 6. Nicht weit hinter der Sieges- allee begegnete.dein Fuhrwerk ein elektrischer Straßenbahnwagen. Paß konnte sein Pferd, das er erst vor einigen Tagen gekauft hatte, nicht mehr lenken. Das Tier lief geraden Weges in den Straßenbahmvagen hinein, so daß ein Zusammenstoß unvermeidlich war. Der Anprall war so heftig, daß alle drei Per- louen im Bogen von dem umstürzenden Möbelwagen geschlendert wurden. Während Paß und König mit Hautabichürfnngen davonkamen, erlitt Frau Schneider einen Beckenbruch. Das Pferd wurde so schwer verletzt, daß es nach einer halben Stunde verendete. Der Wagen und die Möbel wurden stark beschädigt. Zu der Angelegenheit des Ticnstmädchens Martha Faller. über die wir vorgestern berichteten, teilt uns der Nestaurateur Hoffmann, Friesenstraße, mit, daß das Mädchen nicht von ihm ver- letzt worden sei. Es habe sich in einem Streite mit seiner Frau auf unerklärliche Weise selber die Verletzung beigebracht. Bei dcn ncuesten Bereicherungen des Berliner Aquariums hat vornehmlich auch die Abteilung der Affen einen wertvollen Zu- wachs erfahren; nicht weniger als fünf Arten. Bewohner des dunklen Crdteils, haben hier ihren Einzug gehalten. Obenan stehen zwei Exemplare einer Speeles der fogenannten Menschen-Affen, nämlich ein größeres und ein kleineres Weibchen des im tropischen Wejt-Äfrika heimischen Schimpanse. Nebenan bemerkt man als neue Gäste vier verschiedene Arten Paviane, jenen großen derben Affen mit eckig vorgezogener Schnauze, die man deshalb als Hundskopf- Affen bezeichnet. Der„Große Preis bo» Tentschland", der heute auf der Nad-Neimbahn Kursürstendamm seinen Anfang nimmt, hat eine Konkurrenz am Start vereinigt, wie sie noch nie ans einer europäischen Rennbahn zusammengetroffen ist. Aber es kommt noch etwas Anderes hinzu, was dieses Meeting als ganz besonders inter- est ant erscheinen läßt! das ist die Verschiedenheit der Form, in der sich die einzelnen Re.nngrößen zur Zeil befinden. Wir haben in der Entscheidung voraussichtlich mit Arend, Huber, Tommaselli und Bourcillo» zu rechnen. Es ist aber auch eine so große Anzahl anderer, ganz vorzüglicher Fahrer zur Stelle, die alle bei irgend welchen Zwischenfällen Anwartschaft auf die Entscheidung haben. Stt'aßcnspcrrung. Die Bandelstraße von der Turm- bis zur Dreysestraße einschließlich des Kreuzdammes der letzteren»'ird behuss Asphaltierung vom 28. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerk und Reiter gesperrt. Theater. Das Deutsche Theater wird Freitag mit„Fuhrmann Henlchel" eröffnet, Sonnabend wird„Hedda Gabler" gegeben, Sonntag „Kollege Crampton"; nachmittags„Die versunkene Glocke".- Das Bei- liner Theater eröffnet die diesjährige Spielzeit Freitag, den 1. Sep- tember, mit„Faust 1. Teil"(Anfang 7 Uhr). Sonnabend wird„König Heinrich", Sonntag, den 3.,„Zaza", und Montag, den 4., Philippis Schau- fptel„Das Erbe" gegeben.— Das Residenz-Theater wird morgen. Sonntag, uiit der 201. Aufführung von„Schlafwngen-Controleiir" und „Zum Enisiedler" eröffnet.— Im Lesstng-Theater wird Sonnabend als Novität„Die Genossin" von W. Pinnoo gegeben— Im Schiller- Theater ist Mittwoch die Abschiedsvorstellung der Mortoih-Oper.— Das Alexanderplatz-Theater wird heute vorläufig mit„Nana" schloffen. hergcr Bcmern" werden. wäre wert, ins preußische Herrenhaus berufen zu ge- Aus de» Nachbarorte«. In Tchinargendorf spricht Dienstagabend 6'/i Uhr Genosse ZU b e i l im Wirtshaus Schmargendorf, Waniemünderstraße, über die Thätigkeit des Reichstags. Auch erfolgt in dieser Versammlung die Wahl der Delegierten zur Kreiskonferenz. Aus Nixdorf. Bei einem Sittlichkcitsvergehen gegen ein lOjährigeö Madchen wurde am Freitagnachmittag der Arbeiter Wilhelm Helbig aus der Eiseiibahnslr. 6 In Berlin auf dem Tcmpelhofer Felde fest- genommen. H. ist verheiratet»nd Familienvater.— Ans Grund eines Steckbriefs verhaftet wurde hier der Lokomotivführer Emst Schenk aus der Schvneweiderstraße. Sch. war bei einer Mecklenburger Privat« bahn angestellt und soll mit seiner Wirtin Ehebruch getrieben haben. Sem Wirt hatte ihn hierbei überrascht und mit einem Dolch ver- wundet. Trotzdem bestritt Sch. unter seinem Eide, mit der betreffen- den Frau intim verkehrt zu haben. Nachträglich gab die betreffende Frau aber selbst an, daß Sch. sie verführt habe, infolge dessen ist gegen ihn jetzt das Verfahren wegen Meineids eröffne: worden. — Infolge eines Krampfanfalls fiel der Kutscher Friedrich Zarnock aus der Kopfftr. 40 in der Bergstraße von seinem Wagen und verletzte sich erheblich. Die Unfallstation in der Steinmetzstraße leistete dem Z. die erste Hilfe.— Bein: Abladen von Straßenbahnschienen in der Steimnetzstraße wurde der Glasowstraße 24 wohnhafte Ar- bester Blefka von eine. Schine so unglücklich getroffen, daß er sich einen Knöchelbruch zuzog. Schöneberg. Allgemeinen Unwillen erregte es vor einigen Woche», als ein bürgerlicher Bezirksverein, dessen Vorsitzender der St ad t v e r o r d n c t e Lcssig ist. gegen de» Bescdluß der städtischen Körperschaften, die vorläufig»och leerstehenden nenn Klassenzimmer des N e f o r m, G y m n a s i u m s provisorisch für Volks>chnlen zu benutzen, beim königlichen Provinzial- Schiilkkolleginm Prolest erhoben. Erscheint es schon eigentiimlich, daß ein Stadtverordneter eine» solchen logischen, ans finanziellen Gründen sich ergebenden Beschluß bekämpft, so wirkt die Motiviermig um so befremdender, als silb daraus wiederum ei» sehr hoher Grad von Abneigung gegen alles, was Armut heißt, ergiebt. Wir sind in der Lage, einen Zeil des famosen Protestes im Wortlaut wieder- zugeben: �„Wenn schon das Gymnasium von Kindern der verschiedensten Gesellschaslsklassen besucht wird, so rekrutiert erfahrungsgemäß die Majorität der Kinder aus Familien der besseren Stande, wohin- gegen die Zöglinge der Gemeiudeschule» fast ausschließlich den niederen Ständen angehören. Vergegenwärtigt man sich die End- ziele beider Lehranstalten, so hat doch das Gymnasium den Zweck, d:e � jungen Leute für das Studium und den besseren KauftnannSstand, mit einem Worte, für höhere Lebens- stellungcn vorznbercilen, die nicht allein positives Wissen, sonder» auch vcrfe inerte Manieren bedinge». Aus vorstehend 0» geführte n Gründen kann man es wohl schwerlich e i n e in F a m i l i e>i v a t e r z u m li t e n, d e s s e» P o s i t i o n es erheischt n n d d e s s e n M i t t e l e s e r l a u b e n, seinem Sohns eine bessere Vildimg angedeihen zu lassen, denselben auf ein Gym- nasinm zu schicken, in welchem gleichzeitig eine Gemeiudeschule unter- gebracht ist. Denn Schulen, welche für verschiedene Zwecke geschaffen sind, gehören nicht unter ein und dasselbe Dach," Wenn die Petenten konsequent sind, so müssen fie verlangen, daß das Gymnasium mir solchen Schülern offen stehe, deren Bäter in der ersten Wählerklasse eingetragen sind. Diese Gattung„Schönt- Warum die Nixdorsrr Bäckermeister sich entriiste». Gegen die Verfügung, betreffend die Regelung der gewerblichen Arbeit von Schnlkindern, welche, wie berichtet, vom Nixdorfer Magistrat erlassen worden ist, hat die Nixdorfer Bäcker- Innung in einer stark besuchten Versammlnng entschieden Stellimg genommen. Die Ver- füguiig enthält u. a. die Bestimmung, daß Schulkinder im Sommer nicht vor Vae Uhr und im Winter nicht vor Va? Uhr morgens mit F r üh st ü ck- An s t r a g e u beschäftigt werden dürfen. In einer von den versammelten Bäckermeistern angenommenen Resolution wird der Magistrat anfgefordett, die Verfügung wieder a n f zuHeben oder sie zum mindesten dahin abzuändern, daß die Kinder um eine Stunde früher, als die Verfügung es gestattet, das Frühstück austragen dürfen, da die Interessen der Meister sonst schwer geschädigt ivllrden. Man ist entschlossen, falls der Magistrat diesem Ansuchen nicht entspricht, bezüglich der Rechtmäßigkeit der Polizci-Vcrordmmg die richterliche Entscheidung herbeizuführen. Unseres Wissens steht nichts im Wege, wenn die empörten Bäckermeister ihre eigenen Kinder morgens Uhr 4 auf die Straße schicken. ist RuS Spandau lvird berichtet: Seit April dieses JahreS die Spandauer Polizeimacht durch zwei berittene Polizeisergeanten verstärkt worden, für die ein Reitstallbesitzer gegen Pauschal- bezahlung die Pferde stellt. Nun wurde in der letzten Sitzmig der Stadtverordneten Klage darüber geführt, daß die Pferde der Beamten für diesen Zweck unbrauchbar seien; damit könnte keine Verhaftung bewerkstelligt werden. Der Polizei- Chef versprach, die Angelegenheit zu untersuchen. Nun- mehr hat es der tückische Zufall gewollt, daß sich die Brauchbarkeit eines Berittenen gerade einem Stadtverordneten gegenüber erproben sollte. Ein Stadtverordneter ist nämlich Angie'rj als solcher bethätigte er sich neulich morgens, ohne eine Angelkarte ge- löst zu haben, draußen vor der Stadt im Festmigsgrabeii. Ein Be- rittener, der sich auf einer Streife befand, erblickte den Angler, und da die nnbeftigle Angelei sehr stark betrieben wird, entschloß er sich. den Angler nach seiner Karte zu fragen. Als dieser des sich nähernden Be- rittenen ansichtig wurde, errgriff er die Flucht und lief so schnell er konnte der Stadt zu: der Berittene Holle ihn indes ein und wollte ihn, da er ihn von Person nicht kannte, zur Feststellung seines Namens zur Polizeiwache bringen. Dies blieb dem Stadtverordileten indes erspart, da andere Personen hinzukamen und seine Person feststellten. Das Mißgeschick des Stadtverordneten wird in der Stadt viel belocht, und man wird in der Versammlung der Stadt- vätcr wohl nicht so bald wieder von der„Unbrauchbarkeit der Polizeipferde" reden. An der Drcschiuaschiue ist gestern nachmittag der Ivjähnge Sohn Hennann des Besitzers Protzte ans Vehlefanz bei Oranie»- bürg schwer verunglückt. Der Knabe, der während des Dreschens dicht bei der Maschine stand, glitt ans und fiel mit dem rechten Arm in die Trommel. Ter Arm wurde vollständig zermalmt und der Verunglückte nach Berlin in die königliche Klinik gebracht. Wcisjeusee. Eine sonderbare Ansicht scheint der Gemeinde- Vorsteher über einen Teil der hiesigen Bevölkerung zu hegen. Wenn man ihn recht versteht, da»» wächst die Ehrbarkeit der Einwohner mit der Fähigkeit des Steuerzahlcns. Das Orlsobcrhaupt sagte nämlich in einer Debatte über die geringe Steuerfähigleit der Ge- meinde:„DaS kommt daher, weil zu viel Schund hier wohnt." Ob der Herr Gemeindevorsteher alle Einwohner, die keine oder nur geringe Steuern zahlen, zum Schund rechnete, ist noch miklar, ebenso ivo nach ihm bei dieser Klassifizierniig der Schund aushört. Die Aeußerung selber verrät aber weder Geschmack noch Verständnis für die Erfüllung der Ausgabe einer Gemeindeverwaltung. Ter bekannte Tocialistcutöter Dr. Stephan in Weißensee kündigt mit katholischem Gruße das Erscheinen eines von ihm her- gestellten Kalenders an, bei dessen Herstellung Goethes Wort �.Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen" durchaus originell beherzigt worden ist. Nack dem ausgegebene» Reklamezettel enthält der Kalender nämlich:„für die Jünglinge: Standorte der deutschen Armee; für die Jmigfrauen: hl. Rosa, hl. Agatha; für die Dienstmädchen: die hl. Zitta: fiir die Witwen: hl. Adelheid; für die Frauen, die b ö s e M ä n n e r haben: die hl. Clotbilde." Hoffentlich sind Zitta und Clothilde Gegnerinnen des Pn'igelrechls. Bedenklich ist es. daß für die Jünglinge statt einer Heiligen prosaisch die Standorte der deutschen Armee ausgewählt worden sind. Vielleicht will Herr Dr. Stephan damit andeuten, daß das Centrnm gut staatserhaltend ist und sich für die Verstärkung des Militarismus nach oben hin bestens einpfohlen hält. In Potsdam ist gestern auf dem Telegraphenberge im astrophh fischen Refraktorium der neue Kuppelbau und der neue große Nefrailor„eingeweiht" worden. GevirtzkS-Äettuns. Ei« Mnstcrpädagogc. Ein prügelpädagogisches Kunststück vollbrachte eines Tages der Lehrer Friedrich Eduard S ch e I l e r in E i l e n b u r q. Er hatte am 16. August einen anderen Lehrer zu vertreten und beauftragte einen der Knaben, während der Pause diejenigen an die Wandtafel zu schreiben, ivelche unruhig gewesen waren. Als Herr Sch, zurückkam, machte er bekannt, daß jeder Auf- geschriebene einen Stockhieb erhalten werde. Da begreiflicherweise niemand danach lüstern war, machte es Miihe, die einzelnen Misse thäter a»S der Bank herauszuziehen. Herr Sch. verkündete deshalb daß der letzte drei Schläge erhalten werde. Das half, dem, nun eilte jeder herbei, um nicht der letzte zu sein. Der letzte war der 13jähr!ge W,, der über sein unverdientes Schicksal laut jammerte und sich sträubte. Der Lehrer packte ihn dann und gab ihm dabei mehrere Schläge mit der geballten Faust ins Gesicht, sodaß die Lippen aufsprangen, bluteten und anschwollen. Der Knabe mußte sogleich nach Hanse gehen. Das Landgericht T o r g a u hat Sch. wegen Vergehens im Amte zu 26 Mark Geldstrafe verurteilt. Seine Revision wurde vom Reichs geeichte verworfen. Die rote Fahne? Am Sonntag, de» 8. April, wurde in dem kleinen Städtchen Glückstadt ein Arbeiter beerdigt, der lange dem soeialdemokratische» Allgemeinen Arbeiterverein und dem Verband der Maurer angehört hatte und deshalb anch von diesen beiden Vereinigungen mit zur letzten Ruhestätte geleitet wurde. Beide Vereine nahmen ihre mit schwarzem Flor versehenen VercinSfahnen mit, die Maurer eine mit Blau in der Grundfarbe, der Allgemeine Arbeiterverein eine solche mit Rot in der Grundfarbe— letztere ist übrigens während der ganzen Zelt des Soeialistengesetzes vergraben und damit vor den Augen der Polizei, die sich nach ihr sehnte, verborgen gewesen. Diese rote Fahne hat cS dem Glückstadter Bürgermeister Brandis, der auch die Staatsanwaltschaft beim Amtsgericht in Glückstadt vertritt, an- gelhan. Er beantragte gegen 13 Teilnehmer des Leichenzuges Straf- befehle in Höhe von 1 M. Geldstrafe oder 1 Tag Haft bis 15 M. Geldstrafe oder 3 Tagen Gefängnis, weil sie sich gegen eine Ver- ordnuug vom 11. März 1850, betreffend die„Verbütimg eines die gesetzliche Freiheit und Ordiinng gefährdenden Mißbranchs des Versammlungs- und Vereinigungsrechtes" vergangen haben sollten. Die Strafbcfchle wurden erlassen, jedoch ließe» alle Betroffenen durch den Rechtsanwalt Freiherr,, Dr. von Oldershausen aus Hamburg Einspruch dagegen erheben. In der gerichtlichen Verhandlung wurde festge- stellt, daß die Reihenfolge des Leichenzuges folgende gewesen war: Musik. Arbeiterverein mit Fahne. Maurerverein mit Fahne. Leichen- wagen, Geistlicher, Verwandte des Berstorbene». die übrigen Leidtragenden. Die Musik hatte einen Trauermarsch geblasen, jedoch von sonst allgemein und namentlich bei Kriegervereinen üblichen. Spielen lustiger Weisen ausdrücklich deshalb abgesehen, um nicht mir den Gesetzen in Konflikt zu kommen. Auch sonst hatte der Leichenzug nichts Besonderes aufzuweisen. Trotzdem hatte der Bürgermeister denselben für einen„öffentlichen Umzug derj social« demokratischen Partei demonstrativen Charakters" angesehen und als einen der Leiter desselben den--- Musikdirektor S. bezeichnet, der seinen Musikern zum Trauermarsche den Takt angebend an der Spitze des Zuges marschiert war. Dieser war auch im Strafbefehl als Leiter bezeichnet und mit der höchsten Strafe von 15 M. oder 3 Tagen Gefängnis belegt. Der Verteidiger wunderte sich darüber, daß man nicht mich dem' Geistlichen, der doch in seinem Amtsornat eine recht markante Persönlichkeit und einem Teile des„öffentlichen Umzuges" nicht nur vorangeschritten sei, souderli unter freiem Himmel vor versammelter Menge sogar eine Rede gehalten habe. einen Strafbefehl zugeschickt hätte. Er beantragte unter Hinweis auf eine Reihe gerichtlicher Entscheidungen Freisprechung sämtlicher Angeklagten. Der Bürgermeister-Amlsanwalt bat in geharnischter Rede um Bestätigung der Strafbefehle, indem er argumentierte, daß in dem Mitführen der roten Fahne(Huhu I) ein demonstrativer Charakter des Leichenbegängnisses und damit diesem der Charakter des öffentlichen Umzuges gegeben sei. Das Gericht pflichtete aber dem Verteidiger bei und sprach alle Angeklagte kostenlos frei. Im Zeichen der ZuchthanSvorlage. Von dem Schöffen- gerächt in Jena ist am Donnerstag ein Zimmerergehilfe, welcher während des vor kurzem beendeten Zinmiererausftandes einem streik- brechenden Kollege» eine Ohrfeige als Antwort auf eine gröbliche Redensart verabreicht hatte, zu einem Monat Gefängnis ver- urteilt worden. Die Seene spielte sich nicht etwa auf dem Zimmerplatze ab, sondern unter gewöhnlicheil Umständen im Privatleben. An jedem neuen Urteil wird die Ueberflüssigkeit der Zuchthans- vorläge aufs neue demonstriert. Grubeniiuglück vor Gericht. Am 29. Mai kam auf Zeche „Wilhelmine Victoria" infolge Anfstoßens des Förderkorbes ein Bergmann zu Tode, während acht andere Ltnappen teils schwere, teils leichtere Verletzungen davon trugen. Diesen Unfall verschuldet zu haben, war der Maschinenwärter M. Kaufhold aus Altenessen angeklagt. Das Unglück konnte nur dadurch herbeigeführt feist, daß der Angeklagte. entgegen der Bestimmung, bei der Menschen- förderung die Maschine mit Volldampf hatte arbeiten lassen. Durch die Beweisaufnahme wurde denn auch die Fahrlässigkeit des K au f h o l d erwiesen. DaS Urteil lautete auf sechs Monate Ge- fänguiS, der Staatsanwalt hatte neun Monate beantragt. Zu icn größere» Anklagesachen, welche nach Beendigimg der Gerichtsfenen zur Verhandlung gelangen werden, gehört auch ein umfangreicher Diebstahls- und Hehlerprozeß, der sich gegen 13 Personen richtet. Im Herbst v. I. wurden die Telegraphen- und ElektrieitätS-Leittnigen in den Vororten Berlins in vielen Fällen langer Streifen KnpferdrahtS beraubt. Der Draht hatte eine» hohen Wert, von der Leitung bei Adlershof wurde einmal für 666 M. ge- stöhle». Zur Fortschasiung der Beute bedienten die Diebe sich eines Fuhrwerks, welches von einem der Hehler gestellt wurde. Zumeist war die Firma Siemens u. Halske die Geschädigte. Die Diebstähle wurden in der Weise ausgeführt, daß einer der Thäter, der seine Füße mit Steigeisen versehen hatte, au dem Mast hinaufkletterte und den Leitungsdraht mittels einer Feile von den Isolatoren ablöste. Seine unten stehenden Mitthäter nahmen den herabfallenden Draht in Empfang und rollten ihn auf. Die große Gefährlichkeit derartiger Diebstähle haben die Diebe an ihrem eigenen Leibe erfahren müssen, einer von ihnen wurde beim Abschncideii des Drahtes vom Strome erfaßt und fiel tot zu Boden, ein zweiter erlitt furchtbare Brandwunden, die seinen baldigen Tod herbei- führten. Um 50 Pfennige! Den Ruhm, ein bisher unbescholtenes Mädchen Ivegen 56 Pfennigen vor den Strafrichter geschleppt zu haben, hat sich nach der„Sächs. Arbeiterztg." der Konsumverem Striesen gesichert. DaS Mädchen war Verkäuferin in einer Ver- kaufsstelle des genannten Vereins. Der Lagerhalter Winkler be- ichnldigte es des Diebstahls von 16 M., ein Gendarm wurde herbei- geholt und bei dem folgenden Verhör gab das Mädchen zu, einmal beim Schenern 56 Ps. gefunden und nicht abgeliefert zu haben. Die Beschuldigung des Diebstahls von 16 M. stellte sich als unrichtig heraus. DaS Mädchen ivurde sofort entlassen und obendrein Anzeige er- stattet. Die Folge war. daß das Mädchen gestern wegen Unter- ichlagung zu 3 M. Geldstrafe verurteilt wurde. Wir müssen sagen, daß es uns fleinlich von einem Unternehmen— wie der Konsim:- verein— erscheint, so, wie geschehen, zu verfahren. Ein armer Mensch, dem feine letzten 56 Pf. gestohlen wurden, der hätte sich sicher mit dem Ersatz begnügt, der Konsumverein entläßt einen solchen„Verbrecher" und überliefert ihn auch noch den Gerichten, Wahrlich ein Verhalten, das eines Unteriiehmens, das von Arbeitern geleitet wird, durchaus unwürdig ist. Briefkasten der Redaktion. Tie jmäsiiMie Tprectisiiiiide wird TieiiötagS, Tomierstagö und Kreitlino nluiid« von G bis 8 tibi'»bgehalte». P. L. Mes mcilleures souliaits! Oder: Felicitations! Oder: h'slieUationZ cordiaias 1 Die Worte:„Zum heutigen Tage" werde» bei srauzöüichen lLltickwiiiiicheii nicht gebraucht. Pechvogel Vlauel'eiifelbt. Wenn Sie weiter keine„Programm- vefftöhe" begehen, daim sind Sie in Priiieipicnsrageit eugclreiu. I. E. l.Weim das in Gegenwart anderer ausgebrochen ist, so kann in den Worten Grund zur Ehescheidung erblickt werden. 2. Nein. 3. Da ist nichts zu mache».— N. K. 44. 1. Am 1. Januar 1S00. 2. Bis zum vollendeten LI. Lebensjahre.— K. Sch. 18. Sie müßten bei dem BezittS- kammaiida beantragen, daß Ihnen der CivilversorgungSschein erteilt werde. — I. E.. Fricdrlchshngeii. Sie köniiteu nur auf Herstellung der Maschine und eventueUen Schadensersatz llage». Zur Einbehaltung oder Depoiiiemng der Miete ist nicht zu rate», wenn Sie eins der gewiihnlicheu Mietösormulare unterschrieben haben. Haben Sie gewonnen, so können Sie die Kosten usw. von der Miete abziehe».— Ann» 46. Sind die Angaben der Frau zulreffend, so haften beide Eheleute. Sie können Ihre Klage des Vormittags zu Protokoll auf der Anrneldestube erklären. — I. D. 34. Lesen Sie Bebels Frau.— Genosse O. Sie können nicht gezwungen werden, einen neuen Vertrag abziischließe», der alte gilt weiter. Betrug der Mietszins über 156 M. jährlich, so dauert Ihr Vertrag ei» Jahr laug.— 91. 91. Es muß zunächst ein Rückkehrbefehl beim Amtsgericht beantragt werden. Erst wen» dieser ohne Erfolg ist, kann zum Sühne- terinine geladen und erst nach Erfalglasigkeit der Sühne die Eyescheidungo- klage angestrengt werden. Für den Antrag auf Rückkehr und für das Sühneversahren ist lein Anwaltszwang vorgeschrieben. Die EhescheidungS- klage selbst muß durch einen Anwalt eingereicht werden.— W. G. Ja. —»>.®., tielliughiise». Nach Ihrer Darstellung ist das Urteil rechts- kräftig und gegen dasselbe mit Auesicht auf Erfolg nicht vorzugehen.— R. ti. 166. Ja.— G. D. 67. 1. Leider nach nicht. 2. Vom 1. Januar 1966 ab: er soll dann in einet eintreten und kann hernach selbstversichert ge Beschäftigung 4. Net». Marktpreise von Berlin am TS. August 18S9 nach Ermittelungen des kgl. Polizeiprästoiums. D-Ctr. 14,80 13,30 12.80 lb.- 14,40 13,80 3,82 3,80 2b,- 25.- 30,- 4,- 1,20 von der Ceutralstille der Preuß. Landwirt- schaftSkanmiern— NoiienuigSstellt-» uud umgerechnet vom Poltzetprästdtum für den Doppel-Eentner, t) KleiubaudelSoreil». 'Meizen INoggeii Futter-Gerstt Haser gut „ uiittel, „ gering Richtstroh„- Heu f) Erb feil, s-Mpeisebohnen Miisen„ Kartoffel», neue Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch, •) Ermittelt pro 16,90 14,90 13,30 15,60 14,90 14,30 4,32 6,00 40,— 50,— 70,— 1,60 1,20 Tonne Schweinefleisch Kalbfleisch tnmmelfleifch utter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Borsch« Schlei« Blei« Krebse i kx 60 Stück 1 kg per Schock 1,60 1,60 1,60 2,60 2,40 2,80 2,60 2,40 1,80 2,60 1,40 12- !:= i- 2.- 2,20 1,40 1,20 1,20 1,20 0,80 1,20 0,80 2,- Produkten markt vom 20. August. Obgleich schwächere Meldungen »vn den Getreidebörsen Nordamerikas vorlagen, verkehrte der hiesige Marli in fester Haltung bei steigender Preisgestaltung fiir Brotgetreide. Diese Bc- weaung nahm ihren Ausgang vom Noggenmarkte, welcher durch gröbere Abschlüffe hiesiger, mit russischen Häusern in Verbindung stehender Firme» stimulierend beeinflußt wurde. Auch für Weizen zeigte sich daranfhi» trotz dauernder Offerten aus dem Jnlande etwas bessere Meinung. Im Preise stellte sich Weizen 0,25, Roggen 0,75 M. über gestern. Haser lag gleichfalls fest.— Am S p i r i t u S m a r k t e wurden 20 000 Liter 7ber loco mit 43,70 (uuveräudert) gehandelt. Termine setzten matt ein, erholten sich jedoch bei ctwaS regerem Handel und schloffen noch 0,10 M. billiger als gestern. Städtischer Schlachtvieh markt voni 20. August 1809. Zum Verkauf standen: 3050 Rinder, 1499 Kälber, 15 100 Schafe, 8651 Schweine. Bezahlt für 100 Pfund Schlachtgewicht: Ochsen: a) vollfleischige, ausgemästete, höchsten Schlachtwertes, höchstens 7 Jahre alt 02—07, d) junge fleischige, nicht ausgemästete und ältere ausgemästete 57—01, c) niähig genährt« junge und gut genährte ältere 54-50, 6) gering genährte jeden Alters 50-53.- Bullen: a) vollfleischige höchsten Schlachtwcrtcs 59—03, b) mäßig genährte jüngere und gut genährte altere 54—58, c) gering genährte 48—52.— Färsen und Kühe: a) vollfleischige, ausgemästete Färsen höchsten Schlachtwerts——, d) voll- fleischige, ausgemästete Kühe höchsten Schlachtwertes bis zu 7 Jahren 53—55, c) ältere ausgemästete Kühe und weniger gut entwickelte jüngere Kühe und Färsen 51— 52, ei) mäßig genährte Kühe und Färsen 50—52, e) gering genährte Kühe und Färsen 40—48,— Kälber: a) feinste Mastkälber(Vollmilchmast) und beste Saugkälber 08— 70, b) mittlere Mastkälber und gute Saugkälber 04— 00, c) geringe Sangkälber 00-03, d) ältere, gering genährte Kälber(Freffcr) 43—50.— Schafe: a) Mastlämmer und jüngere Masthammel 04—00, d) ältere Masthammel 59—03, c) mäßig genährte Hammel und Schafe(Merzfchafe) 50—57, d) Holsteiner Niederungsschafe(Lebendgewicht) 20—32.— Schweine:») vollslcischige, der scincren Rassen und deren Kreuzungen im Alter bis. zu 1'/« Jahren 50—00, b) Käser 48— 59, o) fleischige 48—49, d) gering entwickelte 46—47; e) Sauen 42—45. Verlauf und Tendenz. Das Rindergeschäft wickelte sich in guter Ware ruhig, in mittlerer Ware gedrückt und schleppend ab. Gute Stallmast war gesucht; es bleibt Ueberstand. Der Kälberhandel gestaltete sich langsam; auch hier bleibt Ueberstand. Bei den Schafen war der Gesdiäftsgang ruhig, sowohl Sdilachtmare wie Magervieh hintcrlaffcn Ueberstand. Der Schweine- markt verlies ruhig und wird voraussichtlich geräumt. «ivttternngSubersicht vom 26. August 18»!), morgens 8 Uhr. Stationen o 2 S- Wetter 5- Swincmdc. Hamburg Berlin Wiesbaden München Wien 708 NNO 708 O 708 NNO 705 S 707 NW 705 N sjfp.bfb 3 wolkenl 2 heiter 2wolkcnl 3.heiter 2 hlb. beb Stationen Haparanda Petersburg Cork Aberdeen Paris 774: Jl. 704 SSW 704 SW 705! NNO Wetter 2, hlb. beb. 4 heiter 1. heiter Iwolkenl s S s» -4 U 19 18 18 Wetter-Prognose für Sonntag, de» 27. Augnst 1899. EtwaS wärmer, vielfach heiter, zeitweise wolkig bei sckiwachen südöstlichen Winden ohne erhebliche Niederschläge. Berliner W c t t e r b u r e a u. Jedes WT Wort: Nur das erate JBr Wort feit, Worte mit mehr als W Buchstaben zählen doppelt, Pfennig, fCIeine ßnzesgen. '"r die"'"'/'ste AfnmtJier toerden in den A n nahm est eilen für Berlin bis 2 Uhr, für die Vororte bis 1 Uhr, in der Ilaitpiexpedition ßenthstr,3 bis 4 Uhr angenommen. r Verkäufe. Destillation krankheitshalber zu verkaufen Soldinerstraße 11, ch7» Nachweislich gutgehendes Obst- und Aemüsegeschäft, Kohlcnhaudlung, Eckhans iu bester Gegend Ripdorfs, billige Miete, ist wegen Krankheit der Frau billig zu verkaufen. L. Rcumann, Ripdorf, Knescbeckstraße 140, Ecke Walterstrabe. 1973b Ei» gutgehendes Material-, Mehl- und Borlostgcschäst ist billig zu ver- kaufen. Zu erfragen: Ludwig, Kirch- platz Nr. 11 im Restaurant in Wilmersdorf. 2088b Möbel, baar und Teilzahlung, billigst. Frankfurter Allee 110, I. 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Die Wassersnot im Spreegebiet. (Ein Schuldkonto der preußischen Regierung und des Landtags.) lieber dieses Thema hielt Genosse Wittrisch-Forst auf der social- demokratischen Kreiskonferenz für Kottbus-Spremberg. die am vorigen Sonntag in Kottbus tagte, einen auf eigener Anschauung aufgebauten Vortrag. Es war zeitgemäß, sich mit der Not im Spreewald zu beschäftigen und auch für Berlin und noch mehr für den Land- strich aufwärts von Berlin hat die Sache ihre Bedeutung. Wittrisch knüpfte an die Interpellation der Konservativen an, die am Freitag im Landtag verhandelt wurde. Die Negierung habe wieder schöne Versprechungen gemacht, sie habe von allerlei Projekten geredet, aber davon würde nicht ein Knbik- meter Sand aus dem Spreebett geschafft, nicht ein Meter Ufer reguliert. Wenn man 120 000 M. für Baqgerungcn, 24 000 M. für Uferkorrektionen ausgeben wolle, so feien diese Summen lächerlich niedrig. Dennoch sagen die Konservativen dafür„Danke schön I" Beim Kanal wissen diese Politiker anders au- ihrer Macht zu bestehen; da kommt das vermeintliche Interesse des großen Grundbesitzes in Frage und also wird sogar dem König die Gefolgschaft versagt. Die Regulierung der Spree berührt aber die Interessen des Großgrundbesitzes wenig— also giebt man sich immer wieder mit Versprechungen zufrieden. Die freisinnige Opposition war auch lendenlahm und ohne Sachkenntnis. Ein Socialdemokrat sitzt aber nicht im Land- tage und so hat die Regierung leichtes Spiel. Die vielgepriesene preußische Verivaltung habe jedenfalls in der Frage, wie den Hoch Wasserschäden entgegenzuwirken sei, fast völlig versagt. Während z. B. in Württemberg und Sachsen nach den Ueberschwemnmngen im Sommer 1897 sofort umfangreiche Flußkorrektionen vorgenommen wurden, ist vom preußischen Landtag noch nicht einmal der Gesetzentwurf über die Regulierung der linksseitigen O d e r f l ü s s e in Schlesien endgültig bewilligt. Auch die Anwohner der Neiße warten ver- gebens auf Hilfe. Vollends traurig ist's an der Spree und dem S eb ö p s bestellt. Wer aus Ostsachsen nach Preußen kommt, braucht nicht auf den Grenzpfahl zu sehen, am vernachlässigten Zustand der Straßen wird er schon gewahr, wo die Grenze ist. Achnlich steht's mit der Spree, die in Schlesien in lauter Windungen zwischen Sand- Hügeln hinfließt, von denen Massen Sand mit fortgeführt werden Schlimmer noch steht's am Schöps. Dieser rechtsseitige Zufluß der Spree wird von der Vereinigung des Schwarzen und Weißen Schöps in der Nähe von Uhyst gebildet. Bei Kringelsdorf begann Wittrisch seine Kahnfahrt, über die wir ihn berichten lassen: An der Mühle setzten wir den Kahn ein. Nach kaum 20 Metern Fahrt ahnten wir, was unsrer wartet. Ter Fluß hat sehr starkes Gefälle und in lauter Windungen zieht er sich hin. Immer springen Halbkreise, stumpfe, rechte. spitze Winkel ins Bett herein und unausgesetzt nascht das Wasser davon. Der Boden ist leichter Sand i der Fluß hat leichte Arbeit. Bei Hochwasser reißt er gar an einer Stelle gleich ein paar hundert Kubikmeter Sand nebst allem was drauf steht mit. Die erste Anbruchsstelle befindet sich bei der Mühle. 5 Meter hoch erhebt sich das Ufer; lö Meter lang und 12 Meter breit ist das Loch, das hier hereingerissen. 900 Kubik- meter Sand gingen hier mit. Ter Müller, ein junger Anfänger, soll nun das Loch ausfüllen und das Ufer neu abstecken. Er könnte in jedem Sinne seine halbe Mühle hineinwerfen____ Wir steuern weiter. Bald rechts, bald links ragen ehemalige Uferpfähle aus dem Wasser; immer ist das älte Ufer um einen Meter oder mehr zurück- gedrängt. Zum Teil wurde der Sand auf dem anderen Ufer an- geschwemmt. Das Bett wandert. Am Zusammenfluß von Fluß und Mühlengraben hat der Fluß ein D o p p el b e tt geschaffen. Wir konnten nicht erkennen, welches denn das ursprüngliche sei. Doch jetzt zeigt sich eine neue Schönheit. Die Sandbänke lvechseln mit anderen Hindernissen. Riesige Bäume, meist Eichen, liegen quer, schräg, längelang im Fluß. Mancher Stanim wird ganz vom Wasser überspült. Solche Eichen halten sich gut; ihr Holz wird hart und schwarz und sehr wertvoll. Ein Stamm, der schon Generationen im Wasser gelegen, wurde von uns gemessen. Ohne Wurzel und Krone war er sieben Meter lang; drei Meter über der Wurzel be- trug sei» Durchmesser 1,10 Meter. Mein sachverständiger Freund schätzte den Marktwert des Stammes, der gut als Miihlcnwelle ver- wendbar Ivar, auf 80— 100 M. Solcher Stämme, wenn auch nicht alle gleich tadellos, liegen auf der kurzen Strecke bis Boxberg hunderte! Nur wenige Meter unterhalb des ersten wurde ein zweiter Stamm gemessen. Fünf Meter Ivar seine Länge, 1,33 Meter sein mittlerer Durchmesser. Da- zwischen kam wieder eine Einbruchstelle von 13 Meter Länge und 3 Meter Breite, dabei ein riesiger Eichbaum liuter Wasser, der so lange schon liegt, daß starke hohe Weiden aus ihm hervor gewachsen waren. Und dann wieder ei» Stück weiter ein Eichen stamm längelang mitten im Fluß von 13 95 Centinietcr mittlerem Durchmesser. Hier Reihe Bäume im Wasser und das Flußbett Man sieht deutlich, daß es einmal bis dann wieder bis 10 Meter links gedrückt wurde. Sind senkten Bäume sckinld, die das' Wasser stauen und drücken? Oder reißt das seitwärts gedrückte die Bäume in sein Bett? Beides trifft z n. In der Regel reißt eine Hochflut ein paar Hundert Kubikmeter Sand weg. Die Wurzeln der Bäume werden bloßgelegt; die Bäume neigen sich— der erste Gewitter- sturm wirft sie den Abhang hinab. Je nachdem sie fallen, bildet sich dann das Flußbett. Stürzen die Bäume mitten hinein, so zwingen sie in der Regel den Fluß, rechts und links ause zubiegen— eine Art. Insel wird fertig. Fallen die Bäum unmittelbar am Standort ins Wasser, so drängen sie den Fluß nach der anderen Seite. Und umgekehrt. Bisweilen wird auch quer durch den Fluß eine Art Verschlag gebildet. Da staut sich dann das Wasser und ufert gar leicht über. Um sich hiergegen zu schützen, sind bisweilen die Bauern in den F l n ß' g e st i e g e n und haben die Bäume in zwei Teile zerhauen. Das Wasser schiebt diese Teile dann von einander und hat einen not dürftigen Durchlaß. Die Bäume herauszuziehen, das fällt niemand ein. Ja, der sträfliche Leichtsinn der Bauern geht noch iveitcr. Zwischen Kringelsdorf und Boxberg sahen wir z. B. eine Ufcrstcllc von 14 Meter Länge. Daneben sind schon ein Dutzend starke Kiefern ins Wasser gebrochen; mit ihrem Maiwuchs liegen sie noch und ob es gleich ein leichtes iväre, ein Pferd anzuspannen und die Bäume herauszuziehen, so denkt kein Mensch daran. Auf jenem Uferstreifen von 14 Meter Länge stehen nun 14 starke hohe Kiefern, die sämtlich sich schon stark neigen und sicher in kurzer Zeit den anderen nach- folgen. Selbst der unwissendste Bauer wird, so sollte man meinen, nun wenigstens diese Baume— und sei es als Brennholz— zu verwerten suchen. Aber nein, man läßt sie ruhig purzeln. Es ist geradezu unglaublich ,wie gleichgültig die Anlieger— lauter Bauern— geworden sind. Weiter erzählt Wittrisch davon, wie an einer Stelle der Fiskus begonnen hat, den Fluß durch einen Durchstich gerade zu legen. Es lasse sich aber der Verdacht nickt abweisen, daß diese Bnodclei nur die Kritik einschläfern soll.„Man so thun", wie der Berliner sagt. Ein wahres Chaos begiitnt unterhalb des Dorfes Boxbcrg. Oede und verlassen die ganze Gegend. Fast ohne Unterbrechung zu beiden Seiten vernachlässigter Wald, der Bauern gehört. Meist erheben sich die Ufer ein paar Meter hoch. Und wie ein getretener Wurm kriecht in Windungen und im Zickzack der Fluß dahin. Bruch- stelle auf Bruchstelle. Dntzendivcise fallen die Kiefern herein, liegen wirr durcheinander und bilden natürliche Wehre. Da eine Sandbank, gleich dahinter eine Untiefe, die kein Stoßrudcr mißt. Und mm durch die Barrikade, die den Weg sperrt. Durch. drüber oder drunter tveg. Auf alle Fälle müssen ivir tvciter. Mein Himmel, welch ein Werkl Ein Glück, daß vorher schon kühne ein Meter Länge und liegen eine ganze wandert beständig. 10 Meter rechts, die ver- seitwärt Forscher— die Gebrüder Buchholz aus Spremberg— mit Aexten einen Weg gebahnt hatten, der teilweise benutzbar war. So konnten wir uns durchwürgen. Oft genug, indem wir ein paannal einen Ansatz nahmen— bieg dich oder brich I Endlich platt auf dem Bauche liegend, mit Händen und- Füßen arbeitend zwischen und unter den Bollwerken durch. Nun reißt der Strudel den Kahn ein Stück hin— bis er wieder festsitzt. Wir sehen uns die Geschichte an. Da hat bald der Fluß sich ein doppeltes Bett aufgewühlt, bald sackt er sich in einem Sandberg, aus dem er ein paar hundert Kubikmeter ausgewaschen, bald staut er aufs neue eine Barrikade an. Und immer wieder liegen dutzendweise die Bäume, die zum Teil schweres Geld wert sind. An einzelnen Stellen suchten sich die Bauern mit lächerlicher Unbeholfenheit zu helfen. Damit nicht noch mehr Boden abgeschwemmt wird, haben sie Pfähle eingeschlagen und Flechtw'erk angebracht,'s ist alles für die Katz. Man sieht den guten Willen aber auch das Unvermögen. Endlich gleitet der Kahn in die Spree. Eine schlimme Stelle an der Oberspree ist längs des Waldes, der dem Grafen Arnim gehört. Unterhalb der Rollmühle haben eine Menge Wurzelstöcke und Bäume sich festgesetzt, daran häuft sich der Triebsand und allmählich werden auch dort Zustände gebildet ähnlich denen des Scköps. Von dem millionenschweren' Grafen sollte man doch erwarten, daß er den bäuerlichen Anliegern mit besserem Beispiel vorangeht. Weiter ablvärts nach Spremberg zu ist das Spreebette im Laufe von 30 Jahren um 2 Meter erhöht worden So kann jetzt von Dämmen nicht mehr geredet werden. Jede An schwellung bringt die Spree zum Ueberfluten. Teilweise liegt nun das angrenzende Land tiefer als das Niveau ja sogar als der Grund des Flusses. Das ausgetretene Wasser hat dann keinen Abfluß; wochenlang steht es auf den Grundstücken und wird dick und stinkig wie Jauche. Nicht nur wird das Grundstück ver fandet und verseucht, es bildet der Morast dann auch eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Wie schwer aber die Anlieger materiell gc schädigt werden, dafür ein Beispiel. Der Gärtnereibesitzer Bnchholz in Spremberg erlitt durch die Hochflut von 1897 einen auf 1200 M taxierten Schaden: 600 M. hat er entschädigt bekommen Damals stand die Flut 1,25 Meterhoch.� In diesem Jahr erreichte das Wasser zweimal fast wieder denselben Stand. Der Schaden ist wieder vorhanden, aber keine Entschädigung. Z. B. Pflanzte Herr B. 80 Schock Levkoy— nicht ein Stümpfchcn ließ das Wasser übrig. In anderen Jahren verkaufte er viel Frühkartoffeln— diesmal mußte er sie für den eigenen Haushalt kaufen.— In der Töpferstraße in S p r e m b e r. hat das Wasser auch an den Häusern große Schäden angerichtet. einige sind ganz zermürbt. Der Schwamm wuchert üppig und alles wird stockig. Neulich wollte ein Besitzer im Hause tapezieren lassen; beim Abreißen der alten Tapete zeigte sich ein daumenbreiter Riß. Es haben sich die untere waschenen Fundamente gesenkt. Das wird bei mehreren Hänsern eintreten, wird doch mancher Keller das Wasser nicht mehr los. Wie die Bauern geschädigt werden, dafür ein Beispiel aus Zerre bei Spremberg. Dort riß die Hauptflut in diesem Jahre ein ungeheures Loch in ein Ackcrgrnndstück; der Amtsvorstehcr taxierte den Schade» ans 400 M. Dem Bauer wurde auferlegt, den Schaden ausbessern zu lassen. Er iveigert sich und bekommt schließlich 40 M. Zuschuß bewilligt, alles übrige soll er auf die eigene Kappe nehme» Natürlich verarmen dabei die Besitzer und gehe» zu Grunde. Weiter flußabwärts bis B u r g ist die Schädigung geringer Zwar in Kottbus Iverden die Gärten mitten in der Sradt und die neugeschaffenen Anlagen regelmäßig überschtvemmt. Ganz arg wird's aber im Sprccwäld. Burg ist Anfangs- oder Endpunkt für die S p r e e>v a l d- P a r t i e n. Es bedeckt mit seinen Anhängseln Burg- Kaupe und Burg- Kolonie eine Riesenfläche, die schier die Weichbildgröße von Berlin erreicht. Eine Menge Kanäle durch schneiden das Gelände. Der Boden ist fruchtbar; meist wird Meer rettig und einige andere Gemüse-Arten gebaut. In diesem Jahre verdarb die Ernte völlig. Wirtschaftlich ist diese kleinbäuerliche Bevölkerung schon so weit herabgekommen, daß immer mehr nach der Fabrik wandern. Aus- wandern oder abwandern möchte die Mehrzahl— nehme nur jemand das Land I Hätte die S o c i a l d e m o k r a t i e eine Vertretung im preußi- schcn Landtag, sie konnte die Sache dieser kleinen Besitzer führen So bleibt uns nichts weiter übrig, als öffentliche Kritik zu üben. Wir müssen fordern, daß der Staat mit reichen Mitteln eingreift. Baggerungen müssen in großem Um- fange durchgeführt werden. Vom S ch w i e l o ch s e e bis über Spremberg hinauf muß die Spree mindestens um einen Meter vertieft iverden. Die Ufer sind zu korrigieren und zu befestige». Ganz besonders, aber müssen die Sandn, äffen des Schöps zum Stillstand gebracht werden. Alle Baggerungen nützen s o n st nichts, sie Iverden immer wieder zugeschüttet. Bei dieser unnnttelbaren Hilfe darf indeß der Staat nicht stehen bleiben. Die Privateigentümer müssen angehalten werden, das korrigierte Ufer dann auch zu schützen. Es wird häufig von unseren Gegnern gesagt, wenn das Privateigentum aufgehoben wird, dann fehlt der Antrieb zum Schaffen. Hier ist aber geradezu das Privat- cigentum zu einer öffentlichen Gefahr geworden. Socinle Nechkspftege. Ter Koch als Zuchtmcistcr. Im Restaurationsbetriebe der Witwe Printz tPschorrbräu-Ausschank) war eines Tages der für die Angestellten bestimmte Kaffee derart schmackhaft, daß alles in' Aufregung geriet. Das Abwaschmädchen N. wurde vom Mitte der Verzweiflung gepackt;.sie ging zur Büffett mamscll und machte ihr Vorhaltungen wegen des edlen Ge tränkes, das sie als Cichottcnwasscr bezeichnete. Um ihrer Beschwerde mehr Nachdruck zu verleihen, goß sie der Dame die braune Brühe vor die Füße. Jetzt trat der Herr Küchenchef in Aktion. Er gebot der Aufgeregten, ihren Mund zu halten, wobei er ungalanterweise von einem großen Maul sprach. Das Mädchen fand das unerhört und verteidigte sich etwas kräftig. Ter Koch sei auch nicht mehr wie sie, er wäre ebenfalls Arbeiter und auch man bloß ein Kasserolle bursche. Nunmehr ging der Koch thatkräftigcr vor. Er warf das Mädchen zu Boden und schlug es. Fräulein N. verließ darauf ihre Stellung und verklagte Frau Printz beim Gewerbegericht. Sie beanspruchte eine Lohncntschädigung, indem sie geltend machte, der Küchenchef habe es ihr durch sein Vorgehen unmöglich gemacht, ihre vertragsmäßige Zeit(Kündigungs- frist) abzudienen. Die Klägerin legte ein ärztliches Gurachtcu vor. wonach der Koch ziemlich derbe zugeschlagen haben muß. Die Kammer VI verurteilte die Beklagte, der Klägerin die Entschädigung zu zahlen. Der Vorsitzende Dr. Krause führte begründend aus; Der Koch sei als Vorgesetzter der Klägerin anzusehen, die Beklagte sei des- halb für sein Verhalten verantwortlich. Die Bchandlnng, die er der Klägerin habe angcdcihcn lassen,' sei nun eine solche gewesen, daß sie die Stellung sofort hätte aufgeben dürfen. Da ihr diese Behandlung aber auch ein Verbleiben im Betriebe geradezu un- möglich gemachb habe, so müsse ihr die Beklagte noch eine Eni- schädignna zahlen. Frau Printz könne sich ja dafür an ihren Küchenchef halten. Eine wichtige Entscheidung hat die Kammer VI des G e- Werbegerichts gefällt. Der Confituren und Cakes fabrizierende Herr Pott er, ein sehr beliebter Stammgast des Gewerbegerichts, ivar von dem Cnkesmcister N. wegen einer Lohncntschädignng ver- klagt worden. N. machte geltend, daß er zu Unrecht vor Ablauf der Kündigungsfrist cimassen worden sei. Die Beweiserhebung ergab olgcndcs: Infolge ordnungsmäßiger Kündigung hätte N. am 15." August aus der Fabrik austreten müssen. Schon am 7. August kam es zwischen den Parteien zu einem Streit. Pötter machte IVp•k'V.lV � 4, VMVV» in eine Lohnentschädignng in der dürfen. Die Kammer III sprach N. darüber Vorwürfe, daß die Teigmaschine nicht gereinigt sei. N. erklärte, daß er als Meister sie nicht zu reinigen brauche, worauf ihn Pötter mit den Worten anfuhr: Wenn es Ihnen nicht paßt, dann machen Sie, daß Sie rauskommen. Pötter stieß ihn' überdies noch. Der Fabrikant erklärte sich jedoch bereit, N. den Lohn für die Zeit bis zum Ablauf der Kündigungsfrist zu zahlen, indessen verlangte er zugleich, daß N. sich bis dahin jeden Tag zweimal vorstelle. N. that dies nicht, sondern suchte sein Recht beim Gewerbegericht. Der Beklagte weigerte sich, die Entschädigung für die letzten acht Tage der Kündigungsfrist zu zahlen. Die Kammer VI verurteilte ihn aber zur Zahlung von 72 M. und der Vorsitzende Dr. Krause führte aus: Es liege kein berechtigter Grund vor, dem Kläger jetzt die Eni- schädigung vorzuenthalten, denn N. sei nicht verpflichtet gc- Wesen, sich täglich zweimal dem Beklagten vorzustellen. Austrittsbeschcinigung an Arbeiter. Ein Emailleur des Emaillierwerkcs von Hiby in Düsseldorf hatte seine ordnungsgemäße Kündigung eingereicht und verließ nach Ablauf der Kündigungsfrist die Arbeit. Er befand sich bei der Firma mit 55 M. im Vorschuß und hatte diesen Betrag bei seinem Abgange noch nicht zurück- erstattet. Die Firma weigerte sich deshalb.'dem scheidenden Arbeiter eine Abgangsbescheinigung auszustellen, verlangte vielmehr zuvor die Rückerstattung des Vorschusses, da sie den Arbeiter so lange noch als im Arbeitsverhältnis stehend betrachtete. Der Ar- beiter klagte hierauf auf Ausstellung der betreffenden Bescheinigung. Der Vertreter der Firma erklärte vor dem Gewerbegericht, daß der Entscheid desselben für die Firma von principieller Bedeutung sei, da ihr damit eine Richtschnur für ihr künftiges Verhalten gegeben sei. Das Urteil des Gewerbegerichts ging dahin, daß auch in diesem Falle der Arbeitgeber die Pflicht habe, dem Arbeiter die verlangte Bescheinigung auszustellen. Verschlechterung im ArbcitSberhältuiS. Der Steinträger Sch. verlangte im Klagewege von der Firma Bunning(Baugeschäft) i eine vierzehntägige Lohnentschädigung. Er ermäßigte dann diese Forderung um 22,50 M., weil er während der vierzehn Tage, die in Frage kommen, eine entsprechende Summe verdient hat. Dich Beweiserhebung ergab, daß der Kläger aus einem Ko« lonnenaccorde infolge eines Streites, den er mit dem Kolonneuführer hatte, ausscheiden mußte. Ter Polier des Arbeitgebers bot ihm dann zwar Lohnarbeit auf einem anderen 93a» an, der Kläger lehnte diese aber ab, weil er dabei weniger verdient hätte, wie vorher. Er glaubte nun''" gedachten Höhe beanspruchen zu deni Kläger nur eine Entschädigung von 20 Mark zu. Der Gerichtshof ging davon aus, daß er eine Entschädigung für vierzehn Tage nicht beanspruchen könne, da ihm vom Vertreter der beklagten Firma andere Arbeit angeboten worden sei. Dagegen wurde vom Gericht berücksichtigt, daß Sch. die angebotene' Lohnarbeit nur deshalb abgelehnt hat, weil ihm ein ge- ringerer Verdienst in Aussicht stand. Die Summe, die er Voraussicht- lich bei der Lohnarbeit in den 14 Tagen weniger verdient haben würde, wurde ihm darum als angemessene Entschädigung zuge- sprachen. Der Sattler P. wurde mit einer Lohnentschädigungsklage gegen das Ccntraldepot der Koppschcn Krankenwagen abgewiesen. Die Kammer VII des Gewerbegerichts erklärte seine sofortige Entlassung besonders deshalb für berechtigt, weil er sich in der vom Beklagten Kopp zur Verfügung gestellten' Schlafstelle mit einem Mädchen ver- gnügt hatte.' Bierfahrcr, die durch Provisionen an der Erhaltung eineZ bestimmten Kundenkreises interessiert und zum Anwerben' neuer Kunden veranlaßt werden, sieht das G e w e r b e g e r i ch t als Hand- InngSgehilfen an. Demgemäß erklärt es sich für Streitigkeiten aus ihren Arbeitsverhältnisscil für unzuständig. Die Kläger müssen sich dann an das Amtsgericht wenden. Küiidignugsausschluß und Accordarbeit. Der durch Fabrik« ordnungen vollzogene Ausschluß jeder Kündigungsfrist berechtigt nach verschiedenen Entscheidungen des Gewerbegerichts auch zur sofortigen Lösung des Arbeitsverhältnisses bei Accordverträgen, wen» nichts anderes vereinbart, ist. Gewerbcrichter Techow begründete dies als Vorsitzender der Kammer V damit, daß der Accord nichts anderes sei als eine Lohnzahlnngsmcthode. Der verblüffte Kläger. Der Kutscher M. verlangte von dem Schlächtermeister Ziel eine Lohnentschädigung wegen unberechtigter Entlassung. In der Verhandlung vor der � Kanimer VI des■ Gewerbegerichts sollte es zu einer Eidesleistung kommen. Anstatt aber einfach den Eid zu formulieren, legte der Vorsitzende Dr. Krause dem Kläger nahe, zu sagen, was er beschwören könne. Durch fortgesetztes Fragen wurde der Kläger, der augenscheinlich die negative Ausdruckswei'se des Eides nicht recht' verstand, zu einer Aeüßemng veranlaßt, ans der der Vorsitzende sofort auf ei» Einverständnis des Kutschers mit der Lösung des Arbeitsverhältnisses schloß. Im Nu wurde der 5klägcr, der gar' nicht wußte, wie ihm geschah, nicht nur zur Zurücknahme der Klage veranlaßt, sondern auch noch bestimmt, sich zur Erstattung einer Zeugengebühr von 2 M. zu verpflichten. Den anwesenden Berichterstattern war es so« fort klar, daß der Kläger das Opfer eines Mißverständnisses geworden war. Auf eine persönliche Anfrage sagte er ihnen denn auch voller Erregung folgendes: Er habe beschwören wollen, daß er nicht damit einverstanden gewesen sei, die Arbeit sofort aufzugeben� Durch das viele Einreden auf ihn sei er verblüfft gewesen, so � daß er sich vielleicht nicht ganz richtig ausgedrückt habe. Er habe den Irrtum des Nichters, daß es sich um ein Einverständnis mit der Entlaffuna handelte, nicht aufklären können, da man ihn gar nicht mehr habe zu Worte kommen lassen. Die Aufsichtsbehörde sollte dahin trachten, daß zu Gewerbegenchts-Vorsitzcnden möglichst ruhige Personen ausgewählt werden. DevsÄmntlun-gett. Ter Wahlvercin für den Wahlkreis hielt am Donnerstag eine gut besuchte Versammlung in der Admiralstraße ab. Entsprechend einem Antrag in einer früheren Versamnilung referierte Genosse Paul Jahn, über„Bernstein und das Genossenschaftswesen." Redner erläuterte zunächst die geschichtliche Entwicklung und Be- deutung des Genossenschaftswesens in den verschiedensten, hierfür i» Betracht kommenden Ländern, davon ausgehend, welche Ansichten Marx, Engels, Lassalle und andere Theoretiker des SocialismuS bis auf Beriistcin, sowie Schulze-Delitzsch und andere Männer der bürgerlichen Gesellschaft über die Griindung von Produktions- und Konsumgenossenschaften geäußert. Daß Vcrnltein in seinem viel um- 'trittcnen Buche in Rücksicht auf die großartige EntWickelung der Ge-■ nosscnschaften in England auch für andere Länder die Gründung von Genossenschaften den Arbeitern in Gewerkschaften empfiehlt, möge seinem englischen Einfluß zuzuschreiben sein. Um so auf- allender aber sei es, daß er in den von Dr. Oppenhcimer, der be- kanntlich seit längerer Zeit ein Zusammengehen des SocialiSmus mit dem Liberalismus empfiehlt, gepriesenen ländlichen und industriellen„Kauf-" und„Verkaufs"-Genosscnschaften das Heil der Zukunft für das industrielle und ländliche Proletariat erblickt. Wenn aber Bernstein selbst zugeben müsse, daß durch die fernere Entwicklung des Genossenschaftswesens jeg- lichcr Art eine gewisse Verflachung des proletarische» Klassenkampfes sich bemerkbar mache, was zwar von sächsischen und Hamburger Genossen bestritten werde,— dann habe die socialdcmo- iratischc Arbeiterschaft alle Ursache, die Gründung und Entivicklung der Produktiv- und Konsum- ec. Genossenschaften, mit wachsamen Augen zu verfolgen und immer die Erlangung der politischen Frei- heit, wi« sie für das Proletariat im.Kommunistischen Manifest" an- gestrebt wird, in den Vordergrung des Vefreiungsklimpfes zu stellen. (Lebhafter Beifall.) In der hierauf folgenden Besprechung erkliirten sich Muschel und Kunze in längeren Ausführungen für Errichtung von Ge- nossen, chaften aller Art. die sich durch die bisher erzielten Erfolge m England. Belgien und Sachsen als vortreffliche Hilfsinittel der Arbelrerschaft im gewerkschaftlichen und politischen Kampf erwiesen batten. Wilhelm und Jahn entgegneten den Vorrednern in Sinne des Referats. . Ferner erinnert der Vorsitzende daran, dafe der dritte Wahl verem heute Sonntag einen Ausflug nach Friedrichs- Hägen unternimmt. Der Wahlverciu für den fünfte« RcichStags-Wahlkreis hielt am Freitag eine Versammlung im Schützcnhause ab. Vor Ein- tritt m die Tagesordnung ehrte man das Andenken de« verstorbenen Mitgliedes Seidel in der üblichen Weise. Hierauf hielt Genaue Markwald einen Vortrag über das Problem der Fraucnfrage. Von emer Diskussion wurde abgesehen, dagegen beschloß die Versammlung. daß Sasse'nbach m einer der nächsten Vereinsversainmlungen einen Vortrag über die Frauenfrage halten und Markwald dazu als Kor- referent eingeladen werden soll.— Wels machte darauf auf- merksam, daß die Parteigenossen, welche bei der Stadtverordneten- Wahl im 27. Bezirk thätig sein wollen, am Dienstagabend bei Feind m der Wcinstratze zu einer Besprechung zusammenkommen.— Dem Mitgliede Kirsch«er, welcher Berlin verläsit, wurde, da er sich als pflichttreuer Parteigenosse bewährt hat, namens des Vereins ein herzliches Lebewohl gewünscht, Für die Mitglieder der OrtS-Krailkenkasse der Kaufleute, .Handelsleute und Apotheker tagte am 16. August eine gut be- siichte Versammlung. Das Mitglied Joh. Rein referierte über die Thätigkeit der Krankenkassen-Kommission. Redner empfahl die Neu- wähl dieser Kommission, was auch nach längerer Debatte geschah. Gewählt wurden folgende Mitglieder: Dopatka, Schulzke, 2 1 mm, B r a I l, Kertscher,.Hiddel und Markgraf. Eine gut besuckite Mitgliederversamnflimg deS Vereins deutscher Schuhmacher(Bezirk Osten) tagte am 23. d. MtS. bei Wilke, Andrcasstraße. Eine lebhafte Diskn,sion entspann sich über das Thema„Wie stellen wir uns zur Hausindustrie". Herrmann, welcher die Diskussion einleitete, vertrat die Ansicht, daß cS durch die Organisation unmöglich sei« dürfte, die Hausindustrie in der Schuhmacherei vollständig zu beseitigen. Besonders schwierig scheine »hm das in der Schogbranche, welche durch die maschinelle Eni- Wicklung in der Auflösung begriffen sei und in welcher infolge dieser Entwickelnng derartige niedrige Lohn- und Arbeitsbedingungen vorwiegen, daß' eS schwer hält. die Kollegen zur Organisation zu gewinnen. Trotz alledem sei eS jedoch Pflicht der Organisation, dem weiteren Einreißen der hausindustriellen Thätigkeit namentlich in der mechanischen Branche wirksam entgegenzutreten. Die weitere Diskussion konzentrierte sich hauptsächlich auf einen kleineren Schuhwaren- Fabrikanten, welcher außer dem Hause zwicken läßt, und wird heschlossen, diese Kollege» zu veranlassen, die Forderung ans Einrichtung eines Arbeitsraums bei ihrem Unternehmer zu stellen. Der Zwcigvmi» Berlin des Verbandes deutscher Barbier-, Friseur- und Pcrrückcninachcrgchilfru hielt am 24. d. M. bei Schiller, Rosenthalcrstraße 57, eine Versammlung ab, in der zum S Uhr-Ladenschluß Stellung genommen wurde. In der Diskussion wurde hervorgehoben, daß es die erste Aufgabe sei, alle Kollegen aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln durch öffentliche Versammlungen und rege Agitation, ferner aber auch die große Masse der organisierten Arbeiter für unsere Forderungen zu gewinnen und mit ihrer Unterstützung den Kampf gegen die Geschäftsinhaber zu führen. Hierauf wurde die folgende lltcsolutiou einstimmig angenommen:„Die Gewerkschaft der organisierten Barbier- und Friscurgehilfen Berlins erklärt es für wünschenswert, daß der in der Grtverbenovelle vorgesehene 8 Uhr- Ladenschluß auch im Darbiergewerbe gesetzlich eingeführt wird. Da dies von der Re- gierung vorläufig nicht zu erwarten ist, so beauftragt der Zweigverein Berlin die Agitationskomnnssion. die Angelegenheit des 9 Uhr- Ladenschlusses energisch in die Hand zu nehmen und an die Prinzipale folgende Forderung zu stellen: Schluß der Arbeitszeit für Gehilfen und Lehrlinge an Wochentagen(außer Sonn- abends) 9 Uhr."— Bewilligen die Prinzipale diese Forderung nicht, so ist mit allen erlaubten Mitteln für die aufgestellte Forderung ein- zutreten. Für alle Fälle ist ein Streikfonds zu gründen, zu dem pro Woche und Mitglied 16 Pf. zu zahlen sind. Durch freiwillige Beiträge wurde sofort der Grund zun» Streikfonds gelegt. Die nächste Vcr-'nsversammlung findet am 31. d. M., abends IG/z Uhr, in obengenanntem Lokale statt und wird angesichts der Zukunft, die viele Kräfte fordert, zahlreiches Erscheinen der Kollegen erwartet. Die Rabitzpntzer hielten am 2S. er. Lindenstraße 106 eine Ver sammlung ab. in welcher über die jetzige Lohnbeivegnng berichtet wurde. Dazu führte Kollege Nieke aus, daß die Situation eine be sonders günstige wäre, drei Firmen, darunter eine der größten in unserm Berufe, haben die Forderung ohne weiteres belvilligt(die Forderung beträgt 75 Pf. pro Stunde), von den übrigen drei, bei welchen die Forderung gestellt war, wurde sie schon am ersten Tage bewilligt. Es wurde daher beschlossen, bei weiteren fünf Firmen die Forderung zur Durchführung zu bringen und zwar bei den Firmen: Günther u. Sohlwedel, Stieive, Krauß, Wagenknecht und Pieper. Da diese sich ablehnend verhielten, haben sämtliche Kollegen die Arbeit niedergelegt: bei der Firma Krauß haben sich auch die Rabitzspanner solidarisch erklärt und gleichzeitig die Arbeit eingestellt. Gleichzeitig wurde beschlossen, den Lohn für Arbeiten außerhalb Berlins auf 8,50 M. festzusetzen und den Wochenbcitrag zum Slreib fonds auf 1 M. zu erhöhen. Zuzug ist fernzuhalten. Eine glitbcsnchto öffentliche Versammlung der Litho- graphen tagte an« Donnerstag in den Arminhallen. Zunächst refe rierte Schräder über die Umwandlung des bisher freien Unter- stiitzungsfonds in eine Arbeitslosen-Unterstützungskasse. Der Unter ftützungsfonds beträgt 1230 M. und ist in neun Jahren aus gelegentlichen Beiträgen entstanden. Die der Organisation an- gehörenden Kollegen beziehen im Falle der Arbeitslosigkeit wöchent- lich 6 M. Durch einen regelmäßigen Beitrag von 10 Pf. pro Woche könnten die Mitglieder der Organisation von der neuen Unterstiitzungs- lasse aber so' viel erhalten, daß sich deren Arbeitslosen- Unterstützung auf 12 Mark erhöhen würde. Die gedruckt vorliegenden Satzungen wurden fast einstimmig angenommen und in die Ver- waltung der.Kasse Dübelt, Tischendörfer, Peter, Schräder und Bader gewählt. Hierauf sprach Tischen- dörfer über den ersten Kongreß der Lithographen Deutschlands, der am 17. und 18. September in Leipzig tagen soll. Der Redner empfahl die Beschickung des Kongreffes, da endlich unter den Litho- graphe» vieler Städte ein lebhafteres Interesse an der Hebung ihrer Arbeitsverhältnisse erwacht sei und es gelte, einheitliche Grundsätze für diese Bestrebungen aufzustellen. Die Versammlung stinimte diesen Ausführungen einmütig zu und erklärte sich auch mit einer eventuellen Verlegung des Kongresses um einige Wochen zum Zweck einer weiteren Propaganda für denselben ein- verstanden. Als Delegierte wurden Albr'echt, Tischendörfer, P e st n e r, Dübelt und Bader gewählt. Dann referierte P e st n e r über die Zustände in der Merkantil- Lithographie, die er als recht traurige schilderte. In der Diskussion wurde das bestritten, von anderer Seite jedoch ergänzt. Eine Kommission, die aus den Merkantil- Lithographen Jehniche, Pestner, Schlimbach, Stropp, Obier, Müller, Rüge, Quandt und Günther besteht, soll die Zustände dieses Berufszweiges gründlich untersuchen und darüber berichten. Die Glaser hielten am Donnerstag in den Arminhallen eine stark besuchte Versammlung ab, um über die weiteren Schritte in der Lohnbewegung zu beraten. Die Lohnkonimission stellte den An- trag, erst mit dem Gesellenausschuß iu Verhandlungen einzutreten, damit nicht die üble Nachrede, die Glaser hätten keine gütliche Einigung versucht, gethan werden könne. Mehrere Redner sprachen sich gegen diesen Antrag aus. Derselbe bezwecke nur eine Ver- sckleppung. Andere Redner wiesen darauf hin, daß die Innung durchaus nicht machtlos sei, da eine ganze Anzahl Meister in ihr organisiert seien, die eventuell den Aus- schlag geben könnten. Am Montag könne die Antwort der Innung auf die gestellten Forderungen eingelaufen seien. Dann könne immer noch endgültig beschlossen werden. Jetzt sei noch nicht die günstigste Periode. Die trete erst dann ein, wenn die Töpfer die Fenslerfrage auswerfen. Sollten die Meister die Unterhandlungen wirklich in die Länge ziehen, so könnte immer noch trotzdem rasch vorgegangen werden. Der Antrag der Kommission wurde schließlich init großer Mehrheit augcnomme» und die Lohnkommission als Streikkommission gewählt, nachdem sie durch die Bleigläser Hansel und Blönke verstärkt worden war. Die Versammelteir wurden aufge- fordert, in jeder Werkstatt Vertrauensleute zu wählen, damit später eine Kontrolle vorhanden sei. Auch ivurde gerügt, daß die Glaser sich nicht genügend ihrer Organisation anschlietzen. Venchiedcne Redner brachten Vorwürfe gegen die jetzige Handhabung des Arbeits- Nachweises, sowohl gegen den der Meisler, wie gegen den der Or« ganisation vor. Es wurde darauf erwidert, daß der ArbeitsnachiveiS infolge der Nachlässigkeit der Unorganisierten nicht so ist, wie er sein sollte. Würden sich diese organisieren, so könnte wohl ein Glaser den Nachweis leiten. Es würde besckilosien. über den Arbeits« nachweis in der nächsten Verbandsversammlung zu verhandeln, da der Arbeitsnachweis allein vom Verband unterhalten wird. Zum Schluß wurde auf die nächste öffentliche Versammlung hingewiesen, die Montagabend 9 Uhr in den Arminhallen tagen soll. Allgemeine Familien-Sterbe-Kaffe. Heute Zahltag: Ackerstraße 123 bei Diele und Oranienflraße 185 bei Butow von 3—6 Uhr. Sainariter-Kurslis für Arbeiter imb Arbeiterinnen. Morgen, Montag, abends 9 Uhr, Uebiingsstunde in der Filiale Brunnenstraße 159. Vortrag über:„Gefahrdrohende Krankheitsznstäiide." Nachher praktische Hebungen. Heute Ausflug nach Friedrichsfelde, Restaurant Bube, Prinzen- Allee 39. Barbier-, Frisenrgehilfen. Oefs entliche Versammlung am Montag, den 28. d. M., abends 19 Uhr, Alte Jatobslraße 37. Tagesordnung: Die Stellung der Innung zum Neunuhr-Ladenschluß. Vevmisiszkes- Es waren nur Proleten. Eine Leserin schreibt uns l Man liest in letzter Zeit da und dort von den: Heldenmnte eines jungen Menschen, der sich für seine verbrannte Schwester opferte, indem er sich an geeigneter Stelle Hautstreifen ausschneiden ließ, die, auf der Schwester Wunden verpflanzt, die Heilung derselben ermöglichten. Wir schätzen diesen Beweis brüderlicher Liebe und Hingebung aufs höchste. Als wir jedoch unlängst davon lasen, daß der aufopfernde Bruder eine Auszeichnung für seinen Edelsinn erhalten hatte, trat die Erinnernug an eine ähnliche Episode in unser Gedächtnis, die wohl zur Gegenüberstellung geeignet erscheint. Es sind nunmehr 23 Jahre verflossen, als in Karl s r u h e eine junge Pianistin durch eine explodierte Petroleumlampe schlvcre Brandwunden erlitt. Beine, Gesicht und Hände ivare» jämmerlich zugerichtet: die ersteren besonders in der Kniegegcnd und an den Unterschenkeln. Die Aermste wurde vom damaligen Hausarzte sieben Monate behandelt, ohne daß eine Heilung oder Besserung eiugcrreten iväre. Im Gegenteil— kein Mensch glaubte mehr au die Möglich- keit der Genesung. Man hätte den Tod als Erlöser begrüßt. Da wurde, durch hohe Protektion, der alte Generalarzt Beck tn Karlsruhe auf die Patientin aufmerksam gemackt und dieser übernahm fortan die Behandlung. Gleich in den ersten Tagen wurden drei Soldaten beigezogen, denen der Arzt aus dem Oberarm Streifen der Haut ausschnitt, womit man die Wunden der jungen Künstlerin bedeckte. Und siehe I Die Heilung setzte alsbald, von der gesunden verpflanzten Soldarenhaut ausgehend ein und fünf Monate iiacher war ein junges Talent dem Leben und der Leffentlichkeit wiedergegeben.— Wir erinnern uns nicht, je einmal in den Blättern eine Nach- richt von dem Mute jener Soldaten gelesen, noch von einer öffentlichen Belohnung derselben gehört zu habeu.— Aber dessen erinnern wir uns noch ganz genau, daß im Familien« und Freundes« kreise zu Karlsruhe ziemlich viel in Entrüstung gemacht wurde, ob der enormen Höhe(I) der Abfindungssumme— wenn ich nicht irre M.— schreibe fünf Mark—, welche die Tapfern pro Kopf er- hielten.-- Die junge Künstlerin war ohne Vermögen, die Eltern nicht eben in günstigsieii Verhältnissen; sie selbst hätte» eine entsprechende Belohnung nicht erschwingen können. Die Bezahlung wurde� auch von einflußreicherer Slelle angeordnet. Von den gesunden Geschwistern, welche das junge Mädchen hatte, durfte nian wohl denselben Opfer- mut erwarlen, als von fremden Soldaten.— Und als ich nach einigen Jahren mit der über Berg und Thal wandernden Dame, von dem Fall sprach, gedachte ich auch der braven Soldaten, die das Reltungswerk ermöglichten I— Die Antwort klingt mir heute noch in den Ohren.— Die Genesene kannte nicht einmal deren Namen.— Tie„Elektrische" in China. In Anwesenheit de? Kaisers Kueng-su, der Kaiierin-Witwe Tsu-hsü und des ganzen Hofftaates hat vor einigen Tagen in der sogenannten roten, abgegrenzten Kaiserstadt in Peking die feierliche Eröffnung der daselbst in emer Länge von vier englischen Meilen völlig ausgebauten elektrischen Bahn, welche alle kaiserlichen Gebäude daselbst unter ein- ander und auch mit dem großen Parke verbindet, statt- gefunden. Der Kaiser drückte den Erbauen: dieser Bahn, da gegen dieselbe die Götter nichts mehr einzuwenden haben. ferne vollste Zufriedenheit aus. Die chinesischen Priester behaupten nämlich, daß der qualmende Rauch der Loloinotive den Göttem deS Wassers und der Luft höchst unangenehm in die Nase steige und sie erzürne. Der Bahnhof in Peking mußte daher anderthalb Stunden von der Stadt und ihren Tempeln entfernt angelegt werden, damit die Götter keinen Anlaß zur Klage haben. Die elektrische Bahn hingegen, die keinen Rauch entwickelt, erklären die Priester, sei auch den Göttern angenehm. AuS Rücksicht auf diese Herren wurde nun die Bahn in der abgegrenzten Kaiserstadt ganz mit elektrischem Be- triebe eingerichtet. Die chinesischen Götter zeigen sich der„Elektrischen" gegenüber viel weniger anspruchsvoll als die Berliner Geistlichkeit, welche be- kanutlich allerhand Scherereien machten, als die Straßenbahn an verschiedenen Kirckien vorbeigeführt werden sollte. Sotillidkmokrlltischer Wahiverein für den 6. Berliner Reichstags-Wahlkreis. Den Mitglieder!! der Rosentbaler Borstadt und Moabit zur Wart richt, daß die Abfahrt nach Vi-Sptow nachm 4 Uhr erfolgt: Gsrnrnll- brunnen, Beusselstrasse und Putlltzttrntse. Der Vorstand. Oeutsoher Holzarbeiter-Verband. (Zahlstelle Berlin.) Mittwoch, den 30. August er., abends 8 Uhr: ISvautfiemteeramiuIutta für sämtliche Schreibtisch- und Biissetmacher Berlins (im„Englischen Garten", Alexanderstr. 27c. Tagesordnung: 1. Die Arbeits- und Lohnverhällnisse in der Branche. 2. Diskussion. 3. Verbaiidsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Sämtliche Kollegen Berlins, welche in der Branche beschäftigt sind, sind verpflichtet, in dieser Versammlung zu erscheinen. Dienstag, den«9. August 1899, abends SV, Uhr, im Lokale des Herrn Dielt«, Ackerstr. 123: der Modell- und Fabrik- Tischler. smr Die Wichtigkeit der Tagesordnung erfordert, dast jede, auch die Neiuste Werkstatt, einen Kollegen entsendet. _Dlenstag, den 89. Anglist, abends SVj L'h� _ Branchen- Versammlung der Mnsikinstrnmenten-Arbeiter im Lokal des Herrn levis(Fürstenhof). Köpnickerstraste 137- 1Z8 (an der Küpnicker Brücke). Tages-Ordnung: I. Harmonie zwischen Kapital und Arbeit, und die Humanität einiger Fabrikanten. 2. Braiichcnangelegenheit, Verschiedenes. Die Kollegen der Fabriken von Eicllo, Schleifer& Menzel, Gast 4 Co. sind besonders hierzu eingeladen. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Branche der Korbmacher. Montag, den 38. August 1899. abends 8'/- Uhr. im Lokale des _ Herrn Wllkc, Andreasstraffe 2K:_ ipigp Tersainmliiiig'."WD TageS-Ordnung: Die gegenwärtige Situation unserer Branche. Dtslusswn. Verschiedenes. ,99/10 Die Ortsverwaltnna. Deutsch. Nietallarbeiter-Verband Verwaltnnssstelle Berlin. Montag, den 28. Augnst, abends 8 Uhr: Rtttranensmönner-Ronferenz der Klempner im Lokal des Herr» Colin, Bcuthstr. 20/21. Jede Werkstatt hat die Pflicht, einen Delegierten zu entsenden. 113/13___ Die LrtSverwaltung. Achtung! Parkktüiodklilegkr. Achtung! Montag, den 28. August 1899, abends 8 Uhr: OePfenkl. VorlcmmUung im Lokale des Herr» �nbeil, Lindenstraffe 106. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Kollegen, zeigt durch zahlreiches Erscheinen, daß Ihr noch Interesse an Euren Arbeitsverhältntffen habt. 199/9_ Per ▼ertranensmann. Centralverband der Töpfer Deutschlands Filiale Berlin. Dienstag, den 29. August, abendS 0 Uhr. im Englischen Garte». Alcxanderftraffc 27« t VerfÄmmlung. Tages- Ordnung: 195/16 Vortrag über Zuchthausvorlage und Gewerkschaftsbewegung. Referent: Kollege D r u n s e l. Diskussion._ Der Borstand. Verband deutscher Gold- und Zilberarbelter und verwandter Bernssgenosseu. i Mitgliedschaft Berlin.) DienStag, den 29. August er., abends 8V2 Uhr. im ♦«arten". DrcSdenerftraffe 45: dresdener GeneraB-Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Die Lage unseres Verbandes. Referent: Kollege Heynemann. 2. Diskussion. 3. Kassenbericht. 4. Verschiedenes.[71/19 Der wichtigen Tagesordnung wegen ist das Erscheinen sämtlicher Mit- gliedcr notwendig._ Ple Ortsverwaltong. Mitglieder- Versammlung des Deutschen Tahakarhelter-Verbandes (Zahlstelle Berlin). am Dienstag, den 29. d., abds. 8Vz Uhr. bei Feind, Weinstr. 11. Tages-Ordnung: 1. Rechnungslegung vom 2. Quartal. 2. Vorschläge für Bevollmächtigte und Cotroleure. 3. Innere Angelegenheiten der Zahlstelle. 189/3 Ter Bevollmächtigte: l,onls Pechand. Wcker unii WelbMen. Dienstag, den SS. Angnst, abendS S'/z Uhr: LeficntUche Versammlung in Cohns Festsälen, Brnthstr. SS. TageS- Ordnung: l. Die Innung und ihre Einrichtungen. Referent! Kollege Ritter. 2. Diskusflon. 3. Bericht der anheroroentlichen(jjcncralversammluiig der Jininng am 23. August. Relerent: Kollege Will. 4. Diskussion, ö. Auf- stcllung der Delegierten zur JunungS-Krankeiikasse. 164/13 Per Fertranensmann. Stcklirdtittt! Montag, den 28. August er., abends 7 Uhr. im «arten", Alexanderstr. 27c: , Englischen Versammlung. Tages-Ordnung: Bericht der Lohnkommission.[274/4 Die nach den neuen Bedingungen arbeitenden Gesellen werden auf- gefordert, ebenfalls plliiltlich zu erscheinen. I.A.: Fr. Borkauf. I-iedtelldergkrieärivdLderg. Dienstag, de» SS. August, abends SVs Uhr, im Lokal des Herr» L. Pante», Frankfurter Allee 174: Sorittldemoltrtttifrtzv Uartei-Uersammlnng TageS-Ordnung: 1. Die bevorstehende Provinzial Konferenz für Brandenburg und der Parteitag tn Hannover. Referent Genosse F. Kotzke. 2. Diskussion. 3. Wahl der Delegierteil zur Niedcr-Bamtmcr Kreis- Konferenz. Um zahlreiches Erscheinen ersucht 223/74 Per VertranenAniann. Andreas-Festsiile, Zur bevorstehenden Saison empfehle meine Lokalitäten z„ Hxx, sammlungc» und Festlichkeiten jeder Art.- Der groge Saal ist vor Zufall Sonnabend, den 39. September und Sonnabend, den J. Oktober, frei geworden, desgleichen steht auch der kleine Saal noch einige Sonnabende zu Bereinsfestlichlelten zur Verfüguna.[23261-) Carl Stechert. Beuthstrasse�2Ö Amt I, 1722. 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Anfang 8 Uhr. stachm. 4 Uhr: Die Königstochter als Bettlerin, oder: Die Schule des LebeuS. Montag: Gcrminal oder: Der Streik der Veraarbeiter. c.lexanderplah. Nana. Auf. 8 Uhr. Ostend. Die Kubanerin. Anfang 8 Uhr. Montag: dieselbe Vorstellung. Luisen. Glykerion. Hierauf: Der Kaminerkater. Anfang 3 Uhr. Montag: Dieselbe Vorstellung. Aietropol. Berlin lacht! Anfang 8 Uhr Montag: Dieselbe Vorstellulig. Bclle-Alliance. Specialitäten-Bor- stcllling. Anfang 6 Uhr. Apollo. Kran Lima. Spccialitnten- Vorstellung. Anfang T'/j Uhr. Rcichshalle». Stettiner Sänger. Ansang 7 Uhr. Passage- Panopliknni. Special!- iätcn-Vorslcllnug. Urania. Jnvalidenstr. k;7/«S. Täglich abends von ö— 10 Uhr: ' Stcrnwarle. Taubenstr. 48/40. Im Th ti r Das Land der Fjorde. Ansang 8 Uhr. Bjifld'Hjeiitfr lWaNncr-Thealer). 51 o r w 1 1 an- O p e r. Sonntag, nachmittags 3 Uhr bei halben Preisen: und Zimmcrinann. Abends 7V2 Uhr: Die InaHflen Weiber von Wicdsor. Montag, abends 7l/2 Uhr: Populäre Opern-Vorstellung bei halben Preisen. Der Trompeter von Säkklngen. Dienstag, abends 7'/, Uhr: Vorletzte Opern-Vorstellung bei halben Preisen: Wairciigcliniicd. Mittwoch, abends 7V2 Uhr: Letzte Opern-Vorstellung. Wbrilli-Wicliilsl. Theilttt Odauskeestr. ZS/2S. Nachmittags 4 Uhr f kleine Preise. Tic Königstochter als Bettlerin oder: Tie Schule des Lebens. Schauspiel in ö Alten von- Dr. Ernst Ranpach. Abends 8 Uhr: � Zum 22. Male: Gcrminal oder: Der Streik der Bergarbeiter. Sensatioiisstück in K Auszügen nach dein gleichnamigen Roman v.Emile Zola. Regie: Leonh.Ottomeycr. 1. Bild: In Not und Elend. 2. Bild: Der Schwur. 3. Bild: Beim Berg- Werksdirektor. 4. Bild: Brot! Brot! Brot! 5. Bild: Am Rande des Ab- grnndes. S.Bild: DcrZnfammenstnrz. Im Prieilrlch-ivnhelmst. Konzertpark: CJcorjfette mit ihren drei Liebhabern. Pariser Burleske- Pantomime. In Scene gesetzt von Cnrt Ellis. AuS- geführt von der Pantomimen-Gesell- schnft ,,lllimossl' Hauptrolle: Georgette, franz. Sonbretten-Diva: Curt Ellis. Das Rätsel des 19. Jahrhunderts: »uberto Vlncento.— Mist Darnett, Salon-Athletin, hebt u. a. ein Piano mit dem Pianisten.- Eugen Milardo der amüsante Karikateur.- Patty Frank-Truppe, Akrobaten, ö Pcrs. zc. Außerdem 20 S p e c i a l i t ä t e n _ Entree 30 Pf. Palast-Theater AM" früher Feen-l'alpst, Burgstraste 3Ä Direktion: Winkler und Fräbel. Somiabcnd, 2, September; M Eröffnttng der durchweg wunderbar renovierten Riesell-Pralsitriiilme. Nen! Zum l. Male: Neu! Sprev-Vottchen! Große Original- Aiisstattnngs- Posse. _ birosscs[72788* Speclall täten- Prog�rnnim. ' Vom Besten das Beste! Nach der Verstellung; Tanx. AM- Besucher der Vorstellung: Frei-Tanz. Billet-Vorverkanf vorm. v. 11-1 Uhr. Urania Xaiibciiati-asse 48/40. Um 8 Uhr: Im Theater: Das Land der Fjorde. JiiTalldcnstr. 57/03: Sternwarte. Nachmittags 5—10 Uhr. Berliner Aquarium Unter den linden 08a, Eingang; Scliadowstr. 14. Heute Sonntag Eintrittspreis e&t 25 Pf. im Reichhaltigste Ausstellung der Welt anhebenden Seetieren, Reptilien etc. 98/13 Passage-PanoiUicuin Geöffnet von 9 Uhr früh bis 10 Uhr abends. Wen! Wen! Das urkemisohe Bfickeburger Bauern- Ensemble. Anfang der Vorstellung S Uhr abends. CASTANS*** IPANOPTICÜM Die sensationellen jgsr lebenden-»g fPhotographien! In Lebensgrösse. Die russische Damenkapelle„»IltjUvU in moskowltischen Kostümen. Viele nene plastische Gvnppca nnd Figuren. Wih-lm'l Wtisj-Thtilttt. Gr. Frankfurterstrasse 153. Letzte Woche! Anfang Uhr. Die Kubauerin. Im Garten: Orosse Speclailtäten- Vorsteilung. Ansang 4 Uhr. Mittwoch: Letztes grobes Volks- und Kinderfest. Crttlrol Direktion: Jose Ferenczy. LnstsPicl-EnseinblelFrl.dliliy Krause vom kgl. Schauspielhaus, Herr Otto Pahia» vom Schiller-Theater, Herr Bloh. Ewald vom Thalia-Theater als Gäste.) Der Heiratsmarkt. Schwank in 3 Akten v. G. Okonkowski. Anfang 8 Uhr. Morgen nnd folgende Tage: Die- selbe Vorstellung. BIktropol-TiikAter. Behrenstr. 55/57, Grüsstcr Saison-Erfolg!!! Berlin lacht! und das reizende Presse-Ballett. Hierzu; Neues Specialit-Programm U.a. Robinson Baker-Trio. Japanesen Fuhushima Truppe. Wemer-Amoros- Company etc. etc. Anfangs Uhr. Victoria-Brauerei Lnhowstrasse 111/113. Im Naturgarten oder Saal: Täglich Hiimo ristische Soiree der Norddentseiien Sänger (Fuhrmann,, Horst, Walde). ,i?' Auf. Sonntags< präc. 7, wochentags 8 Uhr. Eutrce 50 Pf. Vorvcrk. 40 Pf. Familienbillets .t= 1 M. Sonntag und Donnerstag nach der Vorftellung Tnnzhrttnsichen. Neichshallen. Garten resp. Saat täglich: Stettmer Säuger (Mehsel, Pietro. Britton. Steidl, Lirone. Kirch in a>, e r. Schneider »iid Schräder). Uniailt,' Wochentags 8 Uhr. AIls>lI>!i. Sonntags 7 Uhr. Entree 50 Pf., Vorverkauf für die Wochentage 40 Pf. Ninn. Balkon 75 Pf. Valkon-Loge 1 M. Orchester- Loge 1,50 M. Fremdenloge 2 M. Jeden Freitag: Neues Programm. 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Auftreten des nenen Künstler-Ensembles. Jeden Abend von 10—11 Uhr: Novität. ver Novität! Oiker-Vou�e von Kiautselion. Ausstattnngs-Bnrlesle mit Gesang in 3 Bildern von I. Eisner.— Musik von Max Schmidt. Volksbelustigiingen aller Art. Im Saale: ISsH. iii» n i■«3 Rad Rennbahn Kurfürstendamm Sonntagy den 27. Augnst' Anfang SVa Uhr. Sonntagi den 3. September. Anfang S'/: Uhr. Bliletsvorvcrkanf mir im Bnrcan der Rad- Rennbahn. Max Kliems Sommer-Theater Hasenheide 14—15. Artistische Leitung: Paul Milbitz. IS- Täglich: Großes Arteil-Koilzert. � Anftreten des gesanite» Schaufviel- n. Specialitäten-Perfonals. WS" Nur erstklasfige Kräfte."9$ Georg Fischer(Liedersänger), Ernst Kühne(Charakter-Komiker), Fritzi Verra (Kostüm- Soubrette), Gharies Gllton(Eqnilibrist), The Original Becars (Musikalisäier Akt), Mlle. Marguerlte mit ihren Rassetanben, Les Flganos _(Jnstrumentalisten). gQT- Neues gediegenes Familien- Programm. Entree: Wochentags 20 Pf. I Entree: Sonntags 25 Pf. Numerierter Platz 40 Pf| Numerierter Platz 50 Pf. Anfang des Konzerts täglich 4 Uhr. Anfang der Vorstellung 6 Uhr. In den Festsälen: gM- Grosser Ball.-7&S Di« Kaffecküche ist geöffnet. 11 ax Kllem. Yereinsbrauerei-Äusscliank Rixdorf Herrlicher Garte« nnd grosse Säle Mittwochs und Sonntags 6t. Frei-Konzerl. 0$ 17218*] Vorzügliche Küche, Wnrstpavillon,. Schießstand, Kegelbahnen u sonstige diverse Belustigungen. Kaffcekliche von 2 Uhr ab geöffnet. Pferdebahn vom Moritzplatz für 10 Pf. bis zur Brauerei Ernst Höfllchs Friedrichsberg, Frankfurter Chaussee 139. Heute Sonntag: Grones AoNZevt Nttb Specialitäten-Theater. Kaffeekiichc ist von» Uhr ab geöffnet. 3 verdeckte Kegelbahnen Volksbclnstignngc» jeder Art. Um zahlreichen Besuch bittet 229SL* Ernst Rttilich. VieioriA-LrAuerei�ussedank Stralau. Jeden Sonutag: kroßes Carteilkoilzert, Theoter». Tpeeilllitiiteilliorstellüng. Jiil Saale: Grossci* Ball. Die Kaffeeküche ist von 2 Uhr an geöffnet. Um recht regen Zuspruch bittet 19478»] Hochachtungsvoll Karl llittng, Oekonom. Schnegelsbepgs Fi enheide\<>. 31— Ja hm Fesisäle Hasenheide Xo. 31— Jahns trasse Bio. 8. Jnh.: Max Schindler. Telephon: Amt IV 1132. Empfehle den geehrten Gewerkschaften, Vereinen, Fabriken-e. meine Säle, 300 u. 1200 Personen fassend(mit Bühne), zu Versammlungen und Festlichkeiten feder Art. Mittwoch u. Sonntag: Grosser»all mit Schlangen- und Bonbäuregen nnd diversen Ueberraschungen. Täglidi: Sipecialitiiten-Vorstellung. Entree frei. Aicazar-Theater Varißt«; I. Hanges Dresdenerstr. 52-53. Annenstr. 42-43, Die Eröffnung der Winter-Snison findet am Sonnabend, den 3. September er. mit einem aus erstklassigen Speeiali- täten und Knnftkrästeit bestehenden reichhaltigen und überraschenden Pro- gramm statt. Anfang 3 Uhr. 23682'] Die Direktion: Richard Winkler. Apollo-Theater. FranLuna mit dem Luftballett„Grigolatls". Ausstatturms-Operette v. Bolten- Baeckers. Musik von Paul Linoke. «Otto Rentter» usw. usw. usw. Garten-Konzert Gl/2 Uhr. Anfang der Vorstellung 7Vz Uhr, Vorverkauf täglich im Theater und beim„Künstlerdank", Unter den Linden 69. Freitag, den 1. September Eröffnnng der Winter-Saison 12 sensationelle Debnts. Prater-Theater Kastanien-Allee 7/9. Täglich: Roms Resi. Volksstück mit Gesang u. Tanz v. Hugo Schulz, Musik von A. Kersten. Koftümsoubrette Fränl. lucle Sarow. Gebr.»Ilardo, Grot. Duett. Tauma-Quartett, Gesang und Tanz. Die 3 Schönbrunns, hu- uivristisches Bilderbuch. The4FIashes. Exceutries. Ballettgesellschaft Döring. Vendaro-Trio, Exercitieu am Hand- Trapez. Daniel-Truppe, Pantomime. £1$?- Konzert nnd Ball."9)3 Eintritt Sonntags und wochentags Z« Pf.,»um. Platz 5« Pf. Kaibo. R. Ballschmieders „Kastanienwäldchen" Konzertgarten w. Prachtsiile Badstr.16. Gesundbrunnen. Badstr. 16. Täglich: Gr. Promenade»- Konzert. Jeden Donnerstag: Elite-Streich-Konzert. Sonntags: Grofter Ball im nenerbauten Saal. Empfehle meine Säle zu allen Fest- lichkeiten. B. Baiischmieder. W. 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In der Zeit der Willfährigkeit der eidgenössischen Bundes behördcn gegenüber dein Auslände, der Jtalienerabschiebniigen und Answeisungcn inntet einem die Lektüre oben genannter Schrift des derzeitigen Redactenrs der„Arbeiterstimme" in Zürich merkwürdig bekannt an. So manche Züge des von dem Verfasser mit tief- gründigem Flcitz und Geschick gezeichnete» Bildes erinnern uns an die nächste Gcgeinvart und lehren uns, dnh im Laufe der seither vcr- gangcneu Jahrzehnte wenig bcsser,vielcsschlimmergeworde» und nochso manches gleich geblieben ist. Wie heute die Italiener, so sah sich damals eine Anzahl der deutschen Flüchtlinge, die nach den misz glückte» Erhebungsversuchen des Jahres>832 und 1833 in die Schweiz gekommen war. ohne tvirkungsvolle Arbeit. Kümmerlich schlugen sie sich durch, mit allerhand geistigen Handlangerdiensten, Stnudengeben, Uebersetznngcn und dergleichen sich kaum das Not- dürftigste erwerbend. vielfach auf die' Mildthätigkcit der Genossen angewiesen. Der einzige Unterschied ist der, da» die deutschen Flücht- lingc den damals ans Ruder gekommenen Liberalen als Märtyrer der Freiheit und Träger der Wissenschaft willkommene Gäste ivnrc» und in Verwaltung, Justiz und Schule zum Teil Verwendung fanden. während es heute der socialdemokratischcn. Partei in der' Schweiz an Macht und Gelegenheit zu ähnlichen' Liebesdiensten mangelt. Auch damals mußten einzelne zum Teil recht ungefährliche Un besonnenhcitcn einiger Weniger dazu dienen, den Fliichtlingen in ihrer Gesamtheit den Strick der Anstveisung und Abschiebung zu drehen. Der Einfall in Savoycn, der von Frankreich und der Schweiz aus unternommen wurde, vcrhalf den Diplomaten zum Vorwand, die«chweiz zur Fortschaffung aller Teilnehmer am Savoyerzug,„diesem großen an der Schivciz verübten Betrug", zu zwingen. Das Steinhölzifest junger deutscher Handwerker in Bern, welchem selbst der Regicrungsstatthalter das Zeugnis ausstellen mußte, daß nicht der mindeste Vorfall die ante Ordnuna sowie den Anstand acitört >aß nicht der mindeste Vorfall die gute Ordnung sowie den Ausland gestört habe, mußte den Anlaß zu einer Hauptaktion der fremden Mächte'gcger die Schweiz abgeben. Umsonst wehrten sich mehrere Stände gegen- über diesen Zumutungen und protestierte das Schiveizervölk in Riesenversammlungen gegen derartige Demütigungen, vergeblich wies man darauf hin, daß Meinungsäußerungen, welche weder die eigenen Landesgesetze verletzen, noch die Ruhe auswärtiger Staaten gefährden, in einer freien Republik nicht unterdrückt werden können. Die zweifelhafte Haltung Frankreichs, an dem die Schweiz statt des erhofften Rückhalts einen neuen Treiber und Dräuger erhalten hatte, der Abbruch der diplomatischen Beziehnng'en, Kriegs gerllchte 2C. machten die widerstrebenden schweizerischen Bc Hörden schließlich gründlich mürbe. Der stolze Vorort Bern erließ ein Kreisschreiben mit der driiigende» Aufforderung, alle Flüchtlinge, welche auf irgend eine Weise die Ver- Hältnisse der Schweiz zum Auslande gestört hätten oder noch stören könnten, oder die sich in die inneren Verhältnisse des Landes mischen, auszuweisen. Die Folge davon ivar eine lebhafte Ausweisung. In Bern allein wurden 136 Frenide sofort ausgeiviesen. An andern Orten befleißigte man sich ebenfalls, die fremden Elemente weg- zufchaffen. Meist geschah es ohne Untersuchung und Urteil. Wo man sich auf diese einließ, gelangte man zu dein Resultat, das in Luzern zu Tage kam und dahin lautete,„daß sich aus den vor- gefundenen Akten keine Spur irgend einer beabsichtigten gewalt- thätigen Unternehmung oder eines thätlichen Angriffs weder gegen das Jiß�och gegen das Ausland gezeigt, sondern' daß die Thätig'keit des Vereins vorzüglich ans Anschaffung von politischen Schriften und auf Gespräche darüber sich beschränkt und überhaupt höchst be- deutuugslos war." Heutzutage vollzieht sich dieselbe Geschichte entsprechend den milder gewordenen Sitten in ctivas höflicherer und höfischerer Form. Die Schweiz nimmt nun selber an der Anarchistenkonferenz teil. Was dort abgemacht und besprochen worden, iveiß kein Mensch. Doch merkt man an den scharfen Saiten, welche die politische Polizei, zu der die Schweiz glücklich gekommen ist, aufzieht, daß dort mancherlei gelungen ist. Das einzige, was heute fehlt, ist die Maß- regclung eigener Landeskinder, die damals tvenigstens in Form von Untersuchniigshaft reichlich praktiziert wurde. Das Spitzcltnm scheint dasselbe gewesen zu sein. Vom Savoyerzug war die Pariser Polizei von Anfang an unterrichtet und in den geselligen Kreisen des diplomatischen Korps in Bern sprach man ganz offen, wie von einer bekannten Sache, von der bevorstehenden Unter- nehmung der Polen. Die schtveizer und ausländischen Behörden ivarcn über das Thun und Treiben der sogenannten geheimen Vcr- bindungen der Flüchtlinge und Handwerker genau unterrichtet. Doch beschränkten sich die Vertrauensleute der Schwcizerbehördcn aufs Sehen und Hören, ivährend die geheimen Angestellten der ausläudi- scheu Behörden weiter gingen. Der später ermordete Student der Medizin Ludwig Lessiiig wurde öffentlich als preußischer, Zacharias Aldingcr»Iis« Baron Eyb als österichischcr und. Conscil, der als „Königsattentäter" Denunzierte, als französischer Spion festgestellt. Die Schrift vom Genossen Schmid ist somit gerade zu' rechter Zeit erschicncil. Sie entrollt auf Grund emsigen Aktenstudiums ein Stück Vergangenheit mit einer Deutlichkeit und Vollständigkeit, die bisher in diesem Punkte fehlte. Sie enthält aber auch eine Fülle von Winken und Lehren für die Politiker der Gegenwart. Kurz ist die behandelte Zeitspanne und eng der räumliche Kreis. Aber Inhalt und Form dürften der Schrift auch im Auslande, namentlich in Teutschland einen dankbaren Leserkreis sichern, der aufmerksam die Vorposten der deutschen socialistischen Arbeiterbewegung verfolgen ivird. Lslvstious. Adolf Fuchs, Die Gefangen en-Schutzthätigkeit und . die Verbrechens- Prophylaxe. Berlin,' Carl Hey- manns Verlag. M. 5,—, Fast in noch stärkerem Maße als die Zahl der Verbrechen zu- nimmt, vermehrt sich die Litteratur, die sich mit den Ursachen des Verbrechertums und mit Mitteln zur Abhilfe befaßt. Die meisten dieser litterarischen Erzeugnisse sind oberflächliche Machwerke, die aus Anlaß irgend eines ganz besonderes Aufsehen erregenden Verbrechens zu Teudenzzwecken geschrieben sind, an den äußeren Erscheinungen kleben bleiben, statt der Sache auf den Grund zu gehen und glück- lichcrweise mehr oder weniger bald der verdienten Vergessenheit anheimfallen.. Das Werk von Fuchs fällt nicht in diese Kategorie. Zwar stehen wir in grundsätzlicher Beziehung sowohl als in vielen Einzelfragcn auf einem wesentlich anderen Standpunkt als der Vcr- fasser, aber das darf uns nicht abhalten, anzuerkennen, daß er von dem ernsten Bestreben beseelt ist, das Verbrechertum zu bekämpfen und Nüttel und Wege anzugeben, wie diejenigen, die einmal mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten sind, in Zukunft vor Rückfällen bewahrt bleiben können. Das sicherste Mittel zur Verhütung von Verbrechen besteht zweifellos darin, daß man die sie bedingenden Ursachen aus der Welt schafft. Wer zu der wirtschaftlichen Hebung der Arbeiterklasse bei- trägt, der leistet weit mehr zur Einschränkung des. Verbrechertums, als alle die zahlreichen Wohlthätigkcitsvereine, die erst dann ihre Thätigkcit entfalten, lvenn bereits ein Verbrechen begangen ist und seine Sühne gefunden hat. Mit dieser Art der Verbrechcr-Prophylaxe, d. h. mit der Vernichtung der Keime des Verbrechertums beschäftigt sich Fuchs nicht; nur hier und da stoßen ivir auf einige Bemerkungen socialer Natur. Im übrigen aber versteht er unter Verbrecher- Prophylaxe im großen und ganzen nur das Bestreben, den Ge- fangenen»ach ihrer Entlassung die Möglichkeit zur Rückkehr in ge- ordnete Verhältnisse zu gewähren und sie auf diese Weise von der Begehung neuer Verbrechen abzuhalten. Zlvar unterscheidet der Verfasser selbst eine G e f a n g e n e n f ü r s o r g e im engeren Sinne, die die religiöse und sittliche Wiederaufrichtung des Gefangenen fördern, beziv. nach dessen Entlassung den ungehinderten Wiedereintritt des Strafentlassenen in die menschliche Gesellschaft und daher Beivahrung vor den Gefahren des Rückfalls sicher stellen will. und eine G e f a n g e n e n f ü r s o r g e im lv e i t e r e n Sinne, die die Gefangenen- Schutzthätigkeit umfaßt, d. h.„alle diejenigen Bestrebungen, welche darauf gerichtet sind, in allen ihr zugänglichen Kreisen den Keim zu verbrecherischer That rechtzeitig zu' ersticken, damit das Verbrechertum allmählich in möglichst enge Grenzen ein- geschränkt und die Gesamtheit vor den aus der Ueberhandnahme des letzteren ihr drohenden Gefahren ivirksam beschützt werden kann." In Wirklichkeit aber ist in seiner Schrift von dieser„Gefangenen- fürsorge im weiteren Sinuc" nur ganz nebenbei die Rede, er be- schäftigt sich jnelmehr fast ausschließlich mit der Gefangenenfürsorge im engeren Sinne." Diese Gefangencnfiirsorge im engeren Sinne soll sich unmittel- bar an den Strafvollzug anschließen,' damit die während desselben erzielten Besserungserfolge zu dauernden gemacht und zun» Zwecke des besseren Fortkommens der Strafentlassenen thunlichst verwertet werden können. Das darf aber, nach Ansicht des Verfassers, nicht Aufgabe des Staates sein, weil dessen Pflicht zur unmittelbaren Fürsorge für Gefangene ihr Ende erreicht, sobald dieser seine StrafrGerll'biißt hat und für seine Aus- stattung mit Kleidern und seine Heimbeförderung Sorge getragen ist. llud iveil ferner die Erfahrung lehrt, daß ein ausschließliches staatliches Vorgehen stets von großem Mißerfolge begleitet ist. Viel- mehr kann die glückliche Lösung der hier in Rede stehenden Aufgabe nur von einer genoff'enschaftlichen Bereinigung erwartet werden, deren Angehörige zu einein harmonischen Zusammenarbeiten sich verbinden, und die ihre Thätigkcit auch auf solche Personen erstreckt, ivelche zwar noch nicht vor den Strasrichter gezogen worden sind, deren sittliche Verivahrlosung aber schon einen so hohen Grad er- reicht hat, daß es nur als eine Frage des Zufalls oder der Zeit er- scheint, tvaim sie dem Verbrechen in die Arme fallen werden. Die Aufgabe der Gefangenenfürsorge soll darin bestehen, den Gefangenen für den Zeitpunkt ihrer Entlassung Arbeit und Unterkonnneu' in solchen Verhältnissen zu suchen, die geeignet sind, sie vor dem Rückfall in ungesetzliches Leben zu bewahren, auch in geeigneten Fällen sich der Familie d�p Gefaugenen anzunehmen. Im einzelnen erwartet der Verfasser einen Rückgang des Ver- brechens von der Unterstützung der Bestrebungen zur Steuerung der Trunksucht, deren innerer Zusaninienhang mit dem Verbreche» sich bekanntlich statistisch leicht nachweisen läßt. Ebenso verspricht er sich einen großen Erfolg von der Förderung aller derjenigen Bc- strebungen, Ivelche auf die Einschränkung der Unstttlichkeit und auf die Bekämpfung der daraus sich ergebenden Mißstände gerichtet sind. .Um Arbeitslosigkeit, Wanderbettclei und Landstreicherei eiuzu- schränken, empfiehlt Fuchs Anstalten für Arbeitsnachlveise, welche die Arbeitsvermittlung völlig unentgeltlich zu besorgen haben. Leider aber verlangt er,' daß diese Anstalten sich mit den Polizeibehörden ins Einvernehmen setzen, damit diejenigen, die eine nachgclviesene Arbeit nicht annehmen ivollen, polizeilich dazu gezwungen werden können. Auf diese Weise wird die Wirkung der Arbeitsnachlveise völlig illusorisch gemacht, und diese Art von Anstalten werden dasselbe Fiasko erleiden, wie etwa die Verpflegniigsstationen oder ivic die Rettmigshäuser und ähnliche Zufluchtsstätten, in denen bestrafte Frauenspersonen reiferen Alters durch religiösen Zuspruch sittlich wieder aufgerichtet werden sollen, Annehmbar dürften diejenigen Vorschläge erscheinen, die Fuchs zur Bekämpfung der Ver lv ahrlos ung der Jugend macht, Mit Recht legt er der Erziehung in Familie und Schule eine große Wichtigkeit bei; er verzichtet aber leider darauf, die socialen Ursachen des Amvachsens des jugendlichen Verbrechertums näher zu erforschen, sondern begnügt sich mit der Konstaticrung der Thatsachcn, daß bei fast allen Kulturvölkern das jugendliche Verbrechertum in einer mit der Bevölkerungsziliiahlne nicht mehr im richtigen Verhältnis stehenden Weise überhand genommen hat. Hiermit rechnet Fuchs als mit einer gegebenen Thatsache und erörtert lediglich die Mittel und Wege, die geeignet sind, einen jugendlichen Verbrecher vor Rück- fällen zu bewahren. Zunächst verlangt er eine Aederung der gesetz- lichen Bestimlilunge» dahin, daß dem Richter die Befngms erteilt Ivird, je nach dein Eindruck der mündlichen Verhandlung gegen Personen, welche bei Begehung der strafbaren Handlung das 14., aber noch nicht das 18. Lebensjahr bollendet haben, auf Strafe oder auf staatlich überwachte Erziehung oder auf Strafe und Erziehung, oker auf Ueberwcisung an die Familie erkeniieu zu dürfen. In Koiiseguenz dieses Vorschlages fordert er den Erlaß eines ciiibcitlichc» Zwangserziehungs-Gesetzes. Grundsätzlich ist der Verfasser Anhänger der bedingten Ver, u r t e i I u n g. giebt sich aber, so lange wir diese nicht erreichen können, auch niit dem bedingten S tr a f a n f s ch u b zufrieden, Nur verlangt er. daß die Entscheidung über die Zulässigkeit des be- dingten Strafanfsckinbs nicht, ivie es jetzt der Fall ist, der obersten Justiz-Verwaltnugsbehördc überlassen bleibt, sondern den Gerichten überwiesen wird, damit an die Stelle einer Vergünstigung ein Recht tritt. Ferner ivcndet er sich scharf gegen die Bestimmung, daß trotz des erteilten Strafaufschubs und der auf Grund guter Führung nachgefolgten Begnadigung das einmal erlassene Strafurteil dein davon Betroffenen gegenüber in seiner strafrechtlichen und socialpolitischen Bedeutung stets aufrecht erhalten bleibt, da es zum Strafregister eingetragen wird. Mit Recht weift Fuchs darauf hin, daß diese Eilt» richtuiig ihren Besscrungsziveck verliert, sobald der ursprünglich be- strafte und später begnadigte Nebelthüter weiß, daß der Makel einer in jugendlicher Unüberlegtheit oder aus sonstigen entschuldbaren Belveggründen begangene Verfehlung ihm zeitlebens anklebt und in allen denjenigen Momenten, in welchen die Beschaffenheit seines Vorlebens für die günstige Gestaltung seines Fortkommens von entscheidendem Einfluß sein kann, letzterem hindernd entgegenstehen wird. Während die Vorschläge des Verfassers, soweit sie sich darans bezichen, einmal Bestrafte vor Rückfällen zu bewahren, in mancher Bezichnng beherzigenswert sind und vielfach modernen Geist atmen, verrät er an den wenigen Stellen seines Buches, an denen er sich mit den socialen Ursachen der Verbrechen beschäftigt, durch und durch rückschrittliche uiid der Wirklichkeit widersprechende An- schauungen. So führt er z, B. die zunehmende Unsittlichkcit zurück darauf,„daß man i n Ar b e i t e r t r e i s e n das Recht der freien Liebe verkündet und damit nicht nur den auf einem gesitteten und ehrbaren Familienleben ruhenden Segen in frevelhafter Weise mißachtet, fondern auch die vornehmste Grundlage für die sittliche Kraft eines Volkes kurzer Hand über Bord geworfen hat." An einer anderen Stelle protestiert er gegen die Auffassung, daß die Prostituierten nur durch die Not getrieben, der Sittenlosi'gkeit zum Opfer fallen, vielinehr sei bei vielen von ihnen „trotz unbestreitbar vorhandener Erwerbsfähigkeit der Mangel a n einer durch religiöse Erziehung gefestigtenGe- f i t t u n g die alleinige Ursache dafür, daß sie die Anfechtungen eines mächtig sich regenden Naturtriebes nicht siegreich zu überwinden vermögen." Diese beiden Citate mögen genügen, um zu beweisen, von wie rückständigen Anschanungen der Verfasser noch beseelt ist. Polizei und Kirche scheinen ihm die beiden einzigen Mittel zu sein, um der Vcrwahrlosigkeit und der Unsittlichkeit vorzubeugen. So ernst auch sein Streben nach Bekämpfung des Verbrechertums sein mag, es werden doch die von ihm vorgeschlagenen Mittel nur Palliativmittel bleiben ksniien. Wer das Uebcl wirklich heilen will, der muß zunächst die Ursachen erforschen und sie beseitigen. Dazu bedarf es aper einer genaueren Kenntnis unserer sociafcn Verhältnisse, als sie der Verfasser besitzt. P. H. Reste 2370C Tage. Montag, den 28., Dienstag, den 29., Mittmck, den 30. Angnst. Grosse Posten Wollstoffreste in schwarzen, farbigen, glatten und gemnsterten Kleiderstoffen und in der Fabrik angesammelte Mnstercoupons, für Kleider, Röcke und Blusen passend, zu enorm billigen Preisen.— Günstigste Gelegenheit zum Einkauf von Einsegnungskleidern. t ltxen«olie Wollenweberei. Leipzigerstrasse 96, Ecke Cliarlottenstrasse. Fabrik und Specialhaus für Damenkleiderstoff e» Höchster Preis. 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Am Donnerstag, den 24. d. Mts., nachmittags 3!fi Uhr, entschlief sanft nach schwerem Krankenlager mein lieber auterManii, unser guier Bater, Bruder, Schwager und Onkel, derMöbetpotierer Johann Schnlze im 63. Lebensjahre. Dieses zeigen tiefbetrübt an 12167b Tie trauernden Hiuterbliebeiien. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 27. August, nachmittags 4>/zj Uhr, vom Trauerhause, Manteuffelstr. 81, aus statt. Danksagung. fi? Sage hiermit alle» Freunden und Bekannten, sowie allen Kollegen und Genoffen für die reiche Blumenspende und die zahlreiche Beleiligung bei der Beerdigung meines lieben Mannes meinen herzlichsten Dank. Frau Klutve nebst Tochter. Hiermit nehme ich die Beleidigung gegen Frau Horn zurück und erkläre sie als ehrenhaft. Max Lange. Von der Reise zurück. I>r. Cnrt Frendenberg. 21146] SO., Oranienstr. 37, I. Der Arbelter-Stenographen-Veroin »Stolze4(Einiglingssystem) eröffnet neue Unterrichtskurse in der Vereinfachten deuttch. Stenographie" (Syst. 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