Hwlerhallungsblatt des vorwärts Nr. 154. Dienstag, den 9. August. 1893 (Nachdruck verboten-) Mm die Fveilzeik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1325. Von Robert Sch weiche!. Widerstrebend fügten sich die anderen. Hans Lautner's Ahne aber seufzte, indem sie sich hinwegwendete:„Immer und immer haben wir den Versprechungen der Herren vertraut und immer haben wir es mit blutigen Thränen büßen müssen. Wann wird Eure Faust endlich eisern werden?" In kaum noch zu zügelnder Ungeduld erwarteten die Haufen die Antwort des Grafen. Mit hochmüthiger Ver- achtung wies er jede Gemeinschaft mit den Bauern von der Hand. Den Hintersassen seines Amtes aber drohte er, wenn sie sich nicht unverzüglich von der aufrührerischen Rotte los- sagten und heimkämen, dann wollte er ihnen ihre Weiber und Kinder nachschicken und ihre Dörfer mit Feuer ver- brennen. Ob dieser Drohung erschraken die Bauern des Weins- berger Haufens und schrien, daß man sie heimziehen lassen oder ihnen Frieden machen sollte.„Ja, ziehet nur heim," zürnte ihr Hauptmann Wagenhans aus Lehren.„Ihr kennt ja die Gnade, die Ihr von dem Grafen zu erwarten habt, und sanft war das Joch, das ihr tmget. Gehet und leckt dem Grafen den Staub von den Stiefeln, die Gnade von Leipheim und Wurzach ist Euch gewiß!" Da erhob sich die schwarze Hofmännin unter ihnen und weithin war ihre schrille Stimme zu vernehmen:„Wollet Ihr Frieden mit dem Grafen. so machet ihn selbst. Loset I Ich saß die Nacht unter den Weiden und gedachte an all' die Roth und den Jammer, so wir armen Leute gelitten haben von Kindesbeinen an, und gedachte an all' die salzigen Thränen, die wir geweint haben in unserer Ver- zweiflung. Und es war Charfreitag, wo Christus ge- storbcn ist für die Erlösung der Armen und Ent- erbten. Und wie mir der Schlaf das herzbrechende Weh von der Seele nahm, da sah ich im Traum, wie aus dem Blut unserer Brüder, das zu Wurzach der Staub trank, Rosen aufwuchsen, und sie wuchsen höher und höher, bis sie den Berg und die Burg des Grafen ganz überzogen hatten. Roth war alles von Rosen, und Ihr wisset, was das bedeutet. Hei, sind Eure Spieße nicht scharf? Tressen Eure Büchsensteine nicht? Die blühenden Rosen, die werdet Ihr schneiden, Gott will es." Die Wcinsberger dachten nicht mehr daran, heimzuziehen. „Gott will es," riefen auch sie und begannen eifrig ihre Waffen in Stand zu setzen. Etwa um dieselbe Zeit hatte Ludwig von Helfenstein die Bürgerschaft von Weinsberg auf dem Markte versammelt. Er war bei seiner Rückkehr von dem Ausfall auf der Bauern Nachtrab nichts weniger als jubelnd enrpfangen worden. Die Bürger zitterten vor den Folgen seiner treulosen That und es erhob sich ein Geschrei, er verderbe die Stadt; er solle sich mit seinen Rittern und Reisigen Hinausthun auf das Schloß, damit sie Frieden mit den Bauern gewännen. Er hatte aber bei der Kirche, ain obern Ende des Marktplatzes, die Ritter und ihre 5lncchte aufgestellt, und dieser Anblick düinpfte das Feuer des Aufruhrs, das aus der Furcht auf- schlug. Nachdrücklich redete er die Versammelten an, weissagte er ihnen, anstatt der Befreiung durch die Bauern, Plünderung und Todtschlag, wenn sie von ihrer Treue gegen Oesterreich abfielen, und wies er abermals auf die Hilfe von Stuttgart hin. Man würde daher, wenn nur jeder seine Pflicht er- füllte, den Bauern einen Widerstand thun können. Er selbst rechnete noch immer ans diese Hilfe und hatte am Morgen einen eilenden Boten nach Stuttgart gesendet. Deshalb ließ er auch das dreifache Unterthor bei dem Siechenhansc, das dorthin führte, nicht wie die übrigen durch Dung und Steine verrammeln. Woher sollte jedoch die Regierung in Stuttgart den so dringend verlangten Zusatz nehmen? Sie hatte nur so viel Truppen in der Hauptstadt zurückbehalten, um diese gegen einen Ueberfall der Schwarzwälder schützen zu können und sonst jeden Mann an den Truchseß von Waldburg abgeben müssen. Der Graf blieb in der Stadt und traf alle Vorkehrungen zu ihrer Vertheidigung. Auf das Schloß schickte er noch fünf Reisige. Das schien ihm genügend, ob- wohl Weib und Kind und alle seine Kostbarkeiten droben sich befanden. Er hielt es für unmöglich, daß die Bauern ein so festes Schloß stürmen könnten, zumal es ihnen an Geschütz gebrach. Die Ritter dachten wie er. Sorglos des kommenden, trieben sie allerlei Kurzweil, liebelten mit den hübschen Weins- bergerinnen und sprachen dem Nachtmahl wacker zu, das ihnen der Rath richtete. Des Grafen Spielmann und Hofnarr wurden vom Schlosse geholt und belustigten sie mit Musik, Späßen und Zoten. Der Ostermorgen fand Thore, Mauern, Wehren im Ver- theidigungszustande und besetzt, Ritter und Knechte ge- wappnet, ihre Pferde gesattelt in den Ställen. Kein Feind zeigte sich. Die Glocken riefen zur Messe. Während derselben wurde dem Grafen gemeldet, daß die Bauern kämen. Er begab sich auf die Mauer beim Unterthor, wo er die Be- satzung noch einmal mit kurzen Worten ermuthigte, während sein Freund, Dietrich von Weiler, das Straßenpflaster auf- brechen und die Steine von den Frauen, Töchtern und Mägden der Bürger auf die Mauem tragen ließ. Ja, sie waren da, die Bauern. Auf dem breiten Rücken des Schemelberges, der, den Namen von seiner Gestalt tragend, nordwestlich vom Schlosse sich hinstreckt, glitzerten ihre Waffen in der Morgensonne. Die Schwarze Schaar Florian Geyer's stand voran und hinter ihr Jäcklein Rohr- bach mit den Heilbronnern, Löwensteinern und Weinsbergern, während der helle Haufen unter Jörg Metzler noch über Erlen- bach heranzog. Dort stand die schwarze Hofmännin. Sie machte das Zeichen des Kreuzes über dem Heere, schüttelte drohend die Faust gegen Weinsberg und rief:„Ziehet muthig, die Philister sind in Eure Hand gegeben. Ihre Kugeln fange ich auf!" Ihre Augen flammten unheimlich, ihr graues Haar flatterte im Winde. Bevor die Bauern zum Angriff schritten, schickten sie nach Kriegsgebrauch zwei Herolde mit einem Hut auf einer Stange zum Ünterthor, um Weinsberg zur Uebergabe aufzufordern. „Eröffnet Schloß und Stadt dem hellen christlichen Haufen", schrie der eine hinauf.„Ansonst, so bitten wir um Gottes- willen, thut Weib und Kind hinaus; denn beide, Schloß und Stadt, werden wir den freien Knechten zum Stürmen geben und es wird niemand geschont werden." Dietrich von Weiler sprang auf die Mauer und rief: „Was, ein Rittersmann soll mit Roßmucken verhandeln? Pfui der Schande! Solchem Gesindel antwortet man nur mit Kugeln!" Er befahl einem Reisigen Feuer zu geben. Der eine Gesandte stürzte schwer getroffen zu Boden, raffte sich aber wieder auf und folgte seinem fliehenden Gefährten. Herr Dietrich lachte.„Lieben Freunde", rief er,„sie kommen nicht. Sie wollen uns nur also erschrecken und vermeinen, wir hätten von Hasen das Herz." Er hatte die Bauern auf dem Schemel- berge schreien hören und glaubte, ihnen Furcht eingeflößt zu haben. Es war aber die Wuth darüber, daß auf ihre Herolde geschossen worden. Florian Geyer schwenkte sofort links ab. um das Schloß von der nördlichen Seite, wo der Berg noch am zugänglichsten war, zu stürmen. Semmelhans zeigte seiner Schaar den Weg. Jäcklein Rohrbach stürzte mit seinem Haufen und den Weinsbergern wie ein wildes Gebirgs- wasser von dem Schemelberg gegen das Unterthor. Vor das Oberthor zogen nachrückend Georg Metzler und der lange Lien- hart. Da mochten Graf Ludwig ubd Dietrich von Weiler wohl inne werden, daß die Roßmucken das Osterspiel ernst nahmen. In der Stadt schlug es 9 Uhr. Jäcklein Rohrbach's Haufen achtete nicht der Schüsse, mit denen er von der Mauer empfangen wnrde, noch der nieder- praffelnden Steine. Die Büchsen thaten ihm auch nur wenig Schaden, aber von den Steinen wurden viele wund. Immer neue Streiter drängten an die Stelle der Kampfunfähigen und fort und fort fchmetterten die Aexte und Hämmer, krachten die Sturmbalken gegen das Unterthor. Die Ritter und Reisigen und die Ehrbaren wehrten sich mit aller Gewalt; die Handwerker und Weingärtner thaten nur lässig ihre Pflicht» Die Erhaltung des österreichischen Regiments war kein Preis, der zur Tapferkeit reizte. An der schmalen Pforte bei der Kirche wurde nicht nur kein Widerstand geleistet, sondern die Bürger bemühten sich auch, sie von innen aufzubrechen, während sie von außen berannt wurde. Schon war bei dem Sicchenhause das äußere Thor ein- gestoßen; nun zersplitterte auch das zweite unter den Axthieben und den Stößen der Stnrmböcke. Da erhob sich ini Haufen ein Jubelgeschrei: von dem Schlosse wehte Florian Geyer's Fahne. Es war gewonnen, und während Bäume, Schmiede- Hämmer, Aexte mit erhöhter Macht gegen das Thor schlugen, raubte das schwarze Banner auf den Burgzinnen auch den ergebenen Bürgern den Muth. Dem Dietrich von Weiler, der, durch die Straßen reitend, die Bürger anzufeuern suchte, fielen die Weiber in die Zügel und beschworen ihn, den Widerstand, der sie alle ins Ver- derben stürzen mußte, aufzugeben. Die Männer riefen, man solle die Stadt gegen Zusicherung des Lebens übergeben, und da die Ritter hiervon nichts wissen wollten, wurden sie ge- waltsam von den Mauern heruntergerissen. Dem Hans Dietrich von Winterstetten, der eben einen Bauern erschossen hatte, drohten sie mit dem Tode, wenn er nicht von der Mauer herunterkäme. Der Graf von Helfenstein, der die Vertheidignng gegen Jörg Metzlcr leitete, sah ein, daß unter solchen Umständen ein längerer Widerstand unmöglich wäre. Er gab deshalb zu, daß ein Bürger, mit einem Hut auf einer Stange, zuni Unter- handeln an das Unterthor geschickt wurde.„Friede! Friede!" schrie er hinaus und andere� mit ihm. Ein Bauer aber schoß ihm den Hut von der Stange und Jäcklein Rohrbach, der herbeieilte, rief ihm zu, dasz die Bürger am Leben bleiben sollten, die Ritter aber sterben müßten.„Schonet wenigstens des Grafen von Helfenstein", bat der Unterhändler. „Nein l er muß sterben, und wenn er von Gold wäre," rief Rohrbach wild hinauf. Der Graf mußte es hören. Er hatte den Unterhändler begleitet und mit Grauen wandte er sich hinweg. Nun war es Zeit, an die eigene Rettung zu denken. Als er aber auf dem Markte mit den Edelleuten und Reisigen in den Sattel sich schwang, da wollte die Menge sie nicht fortlassen. Ver- gebens redete er zu ihr und rief:„Wo sind meine frommen Bürger itzo?" Seine Worte erstarben in dem allgemeinen Geschrei. Die Weiber jammerten und wehklagten, seine An- Hänger überhäuften ihn mit Vorwürfen, daß er sie in der Brühe stecken lassen wolle. Andere verwünschten ihn; denn durch ihn sei die Stadt ins Unglück gekommen und es sei jetzt keine Zeit zum Entfliehen. Schon war es auch zu spät dazu. Ein wildes Siegcsgeschrei vom Unterthor verkündete, daß die Bauern in die Stadt gedrungen waren. Die Ritter ließen ihre Pferde und flüchteten mit den Knechten in die Kirche, wo sie sich verbarrikadirten. Ein Priester wies den Edelleuten eine verborgene schmale Wendeltreppe zum Thurm hinauf. Von den Kimchteii und Reiterknaben verbargen sich manche in den Grabgewölben; einige retteten sich in die Bürgerhäuser und wurden von mit- leidigen Frauen versteckt und später in mancherlei Ver- kleidungen aus der Stadt geschafft. Zwei Ritter, die in ihren schweren Rüstungen nicht schnell genug fortkonnten, wurden von den Bauern, die inzwischen das Ausfallpförtlein erbrochen hatten, auf dem Kirchhofe erschlagen. Jäcklein Rohrbach stürmte mit seiner Schaar die Spital- gaffe herauf.„In die Häuser und haltet Euch eingeschlossen, wenn Euch Euer Leben lieb ist," riefen sie den Bürgern zu, die todtenbleich auf ihre Knie fielen. Gleich der wilden Jagd stürmten die Bauern vorüber, Jäcklein Rohrbach voran, das nackte Schwert in der Faust, seine Augen waren nnt Blut unterlaufen, sein röthlicher Bart schien sich zu sträuben. Als sie auf dem Markt die verlassenen Pferde fanden, fegten sie nach der Kirche hinauf, während durch das obere Thor, zu dem die Frauen der Schlüssel sich bemächtigt hatten, Jörg Metzler mit dem Hauptheer eindrang. In entfesselter Leidenschaft umtobte die Masse die Kirche. Durch das Gelärm drangen die Axthiebe, denen die Kirchen- thür nicht lange zu widerstehen vermochte. Mit gefällten Spießen drangen die Bauern ein und stachen alle nieder, die sie hier fanden. Auch in die Gruft stiegen sie, erstachen die Versteckten, brachen die Särge auf und plünderten sie. In- zwischen hatte Semmelhans, der mit anderen von der Burg in die Stadt gekonimen war, die Schnecke entdeckt. Die Kirche widerhallte von dem triumphirenden Gejauchze und jeder wollte die Treppe hinan, die so schmal war, daß auf ihr nicht zwei Personen neben einander Platz hatten. Semnielhans sprang als der erste lustig hinauf. Da traf ihn das Schlvert Hakobs von Bernhausen, des Vogts von Göppingen Sohn. Jählings stürzte er rückwärts, ehe noch der junge Ritter sein Schwert zurückziehen konnte, riß die folgenden mit sich und verstopfte so auf eine kleine Weile den Aufftieg. Dietrich von Weiler benutzte sie, trat auf den Kranz des Thurmes und rief in die Stille, die sein Erscheinen ver- ursachte, daß sie sich ergeben und 30(XX) Gulden Lösegeld zahlen wollten, wenn man ihnen das Leben ließe.„Ihr müßt sterben!"—„Und wenn ihr uns eine Tonne Goldes gebt, der Graf und alle Ritter müssen sterben!"—„Rache für das Blut unserer Brüder!"—„Rache für die Sieben- tausend von Wurzach, Rache, Rache!" So heulte es ihm ent- gegen und der Bolzen einer Armbrust traf ihn tödtlich in den Hals. Er taumelte zurück, fast in die Arme der Bauern, die während dessen die Stiege erklommen hatten. Sie ergriffen den Sterbenden und warfen ihn auf den Kirchhof hinunter, ivo er von Spießen aufgefangen wurde. Den Forstmeister Leonhard Schmelz und zwei andere ereilte dasselbe Schicksal. Der Sohn Dietrichs von Weiler erkaufte von einem Bauern aus Frankenheim sein Leben um zehn Gold- stücke, als er sich aber wandte, schlug ihn dieser nnt seinem Handrohr von hinten nieder. Jörg Metzler, der mit dem langen Lienhart ans den Kirchhof sprengte, that dem Morden Einhalt. Die Ritter wurden mit Stricken gebunden und nach dem nächsten Stadtthurm ins Gefängniß geführt. Da Jäcklein Rohrbach sie gefangen genommen hatte, so blieben sie in seiner Hut. Wie sie über den Kirchhof geführt wurden, erhielt der Graf von Helfenstein einen Lanzenstich in die Weiche und ein anderer einen Schlag über den 5kopf, so daß er blutete._(Fortsetzung folgt.) Vre Tentpevakuv dev Srnme. Wie heiß mag wohl die Sonne sein? Die Gelehrten erzählen von einer so hohen Tcnipcraw.r der Sonne und solchen Bedingungen ihres LcuchtenS, daß wir noch auf einige Millionen Jahre für die Menschheit rechnen können. Der bekannte 1878 gestorbene Direktor der römischen Sternivarte, Pater Secchi, hat zahlreiche Beobachtungen angestellt, um zu ermitteln, wie viel Warum von der Sonne auf die Erde gelangt. Um dies zu ermöglichen, läßt man die Sonnen- strahlen senkrecht auf Wasser oder Ocl auffalle» und beobachtet das Ansteigen der Temperatur über die der Umgebung. Aus Bcobachwngen in verschiedener Höhe kann man feststellen, wie viel von der Wärme durch die Lust verschluckt sabsorbirt) wird, che diese auf die Erdoberfläche gelangt: erhält man so die gesammte gegen die Erde gestrahlte Wärme, so kann man leicht auch ermitteln, ivie viel Wärme die Sonne überhaupt ausstrahlt. Nun ist es ja klar, daß die ausgestrahlte Wärme in einem Zusammenhang mit der Temperatur stehen mutz: kochendes Wasser sendet mehr Wärme aus als lauwarmes, und noch viel mehr Wärme verbreitet sich von glühendem, flüssigem Eisen. Kennt man das Gesetz, das den Zusammenhang zwischen Temperatur und ausgestrahlter Wärme beherrscht, so kann man aus letzterer die erstere berechnen: ans solche Weise kommt Secchi zu einer Teniperatur von ctlva ö Millionen Grad. Allerdings gicbt er die Zahl nicht als genaue an: aber er betont doch, daß sie die niedrigste Grenze darstellen inuh, unter der die Temperatur der Sonne nicht liegen kann. Bedenkt man übrigens, daß auch die Sonne eine Atmosphäre hat, durch die nur ctiva'.'s der ausgesandten Wärme hindurch kann, so wäre diese Zahl noch mit 8 zu multiplizircn und man käme auf 40 Millionen Grad. Secchi fügt hinzu:„Ich gestehe offen, daß ich nicht den Muth habe, bis zu solchen Extremen zu gehen, und bleibe einstweilen lieber bei der auch von anderen annähernd gefundenen Zahl von 10 Millionen Grad stehen." Warum diese Zahl eine geringere Schwierigkeit bieten soll, ver- mag ich nicht einzusehen: kommen wir bis zu Millionen von Wärmegraden, so hört ja doch für uns jede Vorstellung auf. Bon hundert Millionen Grad zu sprechen ist nicht schwerer als von einer Million Grad. Secchi giebt übrigens zu, daß solche Temperaturen erst in einer gewissen Tiefe in der Sonuenmassc herrschen können, während die äußersten Gasschichtcn sich stark abkühlen und erheblich kälter sein können. Andere Forscher kommen freilich zu ganz anderen viel gc- ringeren Zahlen. Der bekannte Leipziger Profeffor Zöllner gründete seine Rechnungen auf die Beobachtung der glühenden Gas- massen, die als Protuberanzen mit Geschwindigkeiten von mehr als 200 Kilonietern pro Sekunde in wenigen Minuten bis zu Höhen von mehr als 100000 Kilometern aus der feurigen Sonnenmasse emporgeschleudert werden. Im Innern der Sonne müssen die Gas- masien unter einem ungeheuren Druck stehen; doch durchbrechen sie die hemmenden Schranken, die sie einschließende Flüssigkeit, und streben entfesselt mit gewaltiger Kraft in die Höhe. Hier- bei dehnen sie sich mächtig aus und erleiden dabei eine er- hcbliche Abkühlung. Daß die Abkühlung von Gasmassen bei der Ausdehnung sehr bedeutend ist, kann man auf jedem Bahnhof häufig beobachten. Wenn eine Lokomotive überschüssigen Dampf abläßt, so hüllt derselbe oft die Passanten ein, ohne dieselben dabei durch Hitze zu belästigen; wo er das Rohr verläßt und in die. Lust eintritt, hat er die Siedehitze des Wassers, also IVO Grad; aber bei dem Plötz- lichen Nachlassen des Druckes dehnt er sich weit aus und kiihlt sich dabei bis auf die Temperatur der Luft ab. Ebenso kühlen sich die Gasmasscn, welche die Protuberanzen bilden, bedeutend ab, und aus ihrer Größe und Geschwindigkeit konnte Zöllner diese Abkühlung zu etwas mehr als 40 OOO Grad berechnen. Für die äußere Sonnen- atmosphäre, die ans vielen verschiedenartigen Gasen besteht, berechnet Zöllner aus seinen Formeln eine Temperatur von etwa 27 000 Grad; an der Ausströmungsstelle der Protuberanzen ergeben sich hieraus etwa 70 000 Grad, und 2000 Meilen tiefer etwas mehr als 100 000 Grad. Wenn verschiedene Methoden so abweichende Resultate liefern wie die von>Sccchi und Zöllner, so können sie wohl keinen Anspruch auf große Genauigkeit erheben. Thatsächlich sind denn auch in der Aufstellung der Formeln manche Willkürlichkeiten enthalten. So ist z. B. der Zusammenhang zwischen ausgestrahlter Wärme und Temperatur, aus dem Secchi's Rechnungen beruhen, wohl bei denjenigen Temperaturen gut bekannt, die wir auf der Erde im Laboratorium herstellen können; ob er aber nicht bei den höheren, uns ganz unzugänglichen Hitzegraden, die auf der Sonne herrschen sollen, ein wesentlich anderer ist, darüber können wir gar nichts sagen. Wird über diesen Zusammenhang eine etwas ab- weichende Voraussetzung gemacht, so kommt man zu wesentlich anderen Zahlen, die zum theil noch erheblich hinter den Zöllner schm zurückbleiben. So gab ein Forscher die Temperatur der Sonne nur zu 1500 Grad au, ein anderer zu 10 000 Grad, wieder ein anderer in neuester Zeit zu 8000 Grad. Gewißheit herrscht, wie man sieht, noch lange nicht; doch ist die überwiegende Mehrzahl der Forscher der Meinung, daß die früher angegebenen Zahlen, welche in die Hunderttausende und Millionen von Graden gehen, weit übertrieben sind. In allerjüngster Zeit ist man nun auf einige Thatsachen aufmerk- sam geworden, die vielleicht eine strengere Beantwortung der Frage erlauben, als es bisher möglich war. Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, daß die Körper in sehr großer Hitze sich in ihre chemischen Bestandtheile auflösen. Aus diesen« Grunde wurde allgemein als wahrscheinlich angenommen, daß in der heißen Sonnenatmosphäre nur chemisch einfache Körper, sogenannte Elenicntc. enthalten sein konnten. Nun wurde aber darauf hingewiesen, daß manche chemischen Verbindungen um so bc- ständiger werden, daß ihre Bestandtheile uin so kräftiger zusammen- halten, je heißer es wird, und hieraus zog man den Schluß, daß in der Sonneuhülle sehr wohl chemische Verbindungen vorhanden sein könnten, die wir noch gar nicht kenne». Es ist auch durch eingehende Untersuchung und Zerlegung des Sonnenlichtes, durch die sogenannte Spektralanalyse, gelungen, eine Verbindung von Kohle und Stick- stoff, das Chan, unter den Dämpfen, welche die Atmosphäre der Sonne bilden, nachzuweisen. Da dieser Körper zu denen gehört, die in der Hitze beständiger werden, so konnte zunächst daraus für die vorliegende Frage, die auf der Sonne herrschende Temperatur, nichts geschlossen werden. Aber dieses Beständigerwcrdcn mit der Hitze hat auch eine Grenze; aus Versuchen des englischen Professors Lcves geht hervor, daß auch diese Körper,>ve»n die Hitze eine bestimmte Höhe über- steigt, wieder zerfallen. Das bekannte und vielgenannte Acetylengas zun« Beispiel gehört zu diesen Körpern; seine Bestandtheile, Kohle und Wasserstoff, sind um so schwerer zu trennen, je heißer es wird. Bei 1200 Grad jedoch zerfällt das Acetylen in diese Stoffe. Auch für Cyangas ist es nun gelungen, eine Temperatur herzustellen, bei der es sich in Kohle und Stickstoff spaltet. Bei mehr als 2000 Grad war dieses Resultat noch nicht erreicht; in einer Flamme aber, in der die Temperatur auf eine sinnreiche Weise noch erheblich gesteigert Ivurdc. schied sich deutlich die Kohle aus dem Chan ab. Leider wurde die Temperatur dieser Flamme nicht genau bestimmt; doch dürfte sie schwerlich 3000 Grad überstiegen haben. Daraus würde nun mit Sicherheit folgen, daß an denjenigen Stelle» der Sonnenatmosphäre, wo das Cyangas sich findet, die Temperatur von 3000 Grad noch nicht erreicht ist. Natürlich gilt das nur für die Schicht in der betreffenden Höhe; naturgemäß ist die Sonne in ihren äußersten Schichten am stärksten abgekühlt. und die Atmosphäre wird um so heißer, je näher sie dem eigentlichen glühenden Sonnenball ist. lieber dessen Temperatur folgt auch aus diesen Beobachtungen und Ueberlegungen noch nichts Sicheres. Immerhin dürfen wir annehmen, daß von der leuchtenden Ober- fläche, deren Licht und Wärme wir in erster Linie empfange», nur ein allmäliger Uebergang zu den höheren kälteren Schichten stattfindet. Etwas anderes ist die Frage, wie lange die Wärme der Sonne wohl noch vorhalten wird; hier ist man ziemlich einstimmig der Ansicht, daß die Soimenmasse sich dauernd zusammenzieht und der- dichtet und dadurch den durch die Ausstrahlung erlittenen Verlust deckt. Natürlich hat das eine Grenze; doch kann dieser Prozeß un- gehindert noch einige Millionen Jahre vor sich gehen.— Bt. Mlrines FenMoton 1— n. Schnlanfang. Es ist sieben Uhr und der Schuldiener hat bereits zum zweiten Mal geläutet. Der erste Schultag nach den Ferien. Auf den Korridoren stehen die Lehrer in Gruppen oder wandern zu Paaren an den frisch gestrichenen Klasscnthüren entlang� Durch die Schüre» hindurch, ans den Schulzimniern, dringt ein wirres Surren und Brausen von Kinderstimmen, hin und wieder ein schallendes Gelächter..... Es ist eine Mädchenschule, deren Besucherinnen Töchter des Mittelstandes, von Schlächter- und Bäcker- meistern oder verschuldeten Beamten sind. Sechs hellbraun angestrichene, niedrige Holzbäuke. Auf jeder Bank acht Mädel im Alter von dreizehn bis stinfzehn Jahren; auf der letzten Bank sitzen nur zwei.— Weiße, blaue, rothe und karrierte Blusen mit bauschigen Aermeln, hin und wieder eine kokette, knallrothc Vorsteckschleife. Ebenso verschieden sind auch die Gesichter, vom kränklichen Blaß beginnender Bleichsucht bis zum blühendsten Roth übersprudelnder Gesundheit, mit kecken Stumpfnäschen und großen, blitzenden Augen. Daun die Haare: roth, schwarz, braun und flachsblond, schlicht und gekräuselt, Hänge- zopf, Dutt oder gescheitelt... Alles an ihnen ist in Betvegung: Haare, Augen, Hände und vor allen Dingen das Mundwerk. „Na! Ihr wart man blos in Pankow 1"—„Tljn Dich doch nicht so dicke! Ihr pumpt Euch ja ooch blos alles zusammen!"— Hier zeigt eine Freundin der anderen heimlich unter dem Tisch die Photographie eines jungen Mannes und seufzt dabei laut und vernehmlich,— dort tuschelt eine mit feucrrothem Kopf der anderen allerlei Heimlichkeiten ins Ohr.— und da läßt eine ihre Nachbarin durch ihren'neuen Knochenfederhalter sehen, dem eine Ansicht aus der Sächsischen Schweiz eingefügt ist... Da öffnet sich mit lautem Ruck die Klassenthiir. Alles wird mäuschenstill. Der Lehrer tritt herein. Die Augen seiner jungen Verehrerinnen hängen während der ganzen Geographie- stunde an seinem sonnenverbrannten Gesicht uiid an seine» dunkel- gebräuntcn Händen. -- Geradeüber ist die Gcnieindcschule. Auch dort ist heute Schulanfang. In den Korridoren dasselbe Bild wie drüben. In den Klassenzimmern ist es anders. Die Mädchen sind zwar ein wenig jünger, aber dennoch sind sie ernster und stiller. Kleidung und Haar- t rächt hat hier in seiner Dürftigkeit etwas Gleichartiges. Auch die Gesichter haben im großen und ganzen denselben Schnitt. „Aber Lene! Du kannst ganz stille sein! Du hast es ja fein gehabt. Du warst doch mit in der Ferienkolonie!"—„Du hast wohl von Deiner Zeitung wieder ein paar Nummern mehr zum Austragen bekommen, Frieda?"—„Du, Anna! Ich habe schon eine Stelle als Lehrmädchen bei'uer feinen Schneiderin, wenn ich iin Herbst aus der Schule komme!"— Heimlichkeiten und Tuscheleicn giebt es hier wenig. Hervor- ragende Sellenhcite» kann auch keine vorweisen; da muß gelegentlich eine bunte Schleife herhalten, um Aussehen und Neid bei den Käme- radinnen zu erregen. Als sich dann die Thür öffnet und laut räuspernd der Herr Rektor hereintritt, ist alles still. Besonders verehren ihn seine Schülcrinneu freilich nicht. Sie erinnern sich noch sehr deutlich ge- wisser drastischer Erziehungsmittel aus der Zeit vor den Ferien. Auch sein Unterricht kann ihnen kein großes Interesse abgewinnen. Die Schule hat mit der Religionsstunde begonnen.— Völkerkunde. — Auf den« in Vraunschwcig tagenden Anthropologen-Kongreß hielt in der vorigen Woche Professor Kollmann einen sehr bemcrkens- werthcn Vortrag über die Beziehung der Vererbung zur Bildung der Menschenrassen. Er führte dabei der Ver- sammlung die in Gemeinschaft mit dem Bildhauer Büchly her- gestellte Portraitbüste einer Pfahlbäuerin vor. Das Kunstwerk beruht, nach einem Bericht der„Voss. Ztg.", auf einer umfassenden Vorarbeit Kollmann's über das Verhältniß der Weich- theile zu den Knochen des menschlichen flopfes und verwerthct die bei dieser Arbeit gewonnenen Ergebnisse, um uns eine Vorstellung davon zu verschaffen, wie wohl' ein Mensch aus der Phahlbauzcil (jüngere Steinzeit! ausgesehen haben mag. Kollmann benutzte als Grundlage den Gipsabguß eines Schädels aus dem Phahlbau von Auvcruier(ain Neuenburger Sech. Dieser Schädel hat einer Frau angehört und zwar, dem Zustande der Knochen nach zu urtheilen, einer Frau von 25 bis 30 Jahren. Um nun zu einer möglichst richtigen Wiederherstellung des ganzen Kopfes zu gelangen. maß der Forscher die Dicke der den Knochen des Kopfes aufliegenden Wcichtheile bei einer großen Zahl von Frauen desselben Alters, bei Lebenden und Leichen, stellte das Verhältniß dieser Dicken zu der Form und Größe der Knochen im einzelnen fest, be- rechnete die betreffenden Durchschniltsziffern für alle Theile des Kopfes und legte nun jenem Gypsabgusse mit Hilfe Büchly's allcnt- halben eine entsprechende Schichr Thon auf. So einstand die Porträtbüste, die ein ganz ansprechendes, fast schön zu nennendes weibliches Gesicht darbietet. Es gehört der kurzköpfigen, breit- gesichtigen Menschenrasse an, die' Kollmann als„brachycephale Chamaeprosopen" bezeichnet hat und neben der eine„brachycephale Lcptoprosopcn"(langgefichtige)- Rasse bestand. Die Frau hat ein mäßig großes, dabei etwas breites Gesicht, flache Stirn. etwas vorspringende Wangenbeine und einen vollen Mund mit schwellenden Lippen. Beide Spielarten: die Chamac- prosopen wie die Leptoprosopen, kommen noch heute allcnt- halben in Mitteleuropa nebeneinander vor, wie denn über- Haupt der ganze Versuch, einen vorgeschichtlichen Menschen nicht nur dein Knochenbau, sondern der gesammten Körpcrbildnng nach darzustellen, auf der Beständigkeit, der„Persistenz" der Rassen beruht und ohne diese eine bloße Spielerei wäre. Mehr und mehr Hot sich aber die Ueberzeugung befestigt, daß der Einfluß der Vererbung mächtiger ist als der Einfluß der äußeren Verhältnisse, des so- genannten„Milieus", des Klimas u. s. w. Die lange Zeit gehegte Meinung, als ändere sich die Körperbildung beispielsweise des Europäers, wenn er nach Afrika, Australien oder Anierika überfiedelt, ist aufgegeben, weil man im Gegentheil beobachtete, daß der Europäer viele Geschlechter hindurch auch in fremden Erdtheilen seine Rasseneigenthiiinlichkeit festhält. Nunmehr gewinnt die Darstellung vollständiger Körper auf grund des Knochen- baucs einen wissenschaftlichen Werth. Denn es kann kaum angezweifelt werden, daß die Vererbung und damit die Beständigkeit der Rassenmerkmale sich nicht auf die Knochen beschränkt, sondern alle Körpertheile, also auch die Weichthcile, in sich begreift. 3Kan_ kann somit aus den Alflnessungen der Wcichtheile heutiger Menschen brauchbare Schlüsse ziehen auf die Form der Weichthcile ihrer Vorfahren, selbst der vorgeschichtlichen, lind deshalb konnte es Kollmann Ivagen, nach den an modernen Menschen geivonneneit Er- gebnissen an die Darstellung des Pfahlbaubewohners heranzugehen. Er bezog sich dabei auf die seinerzeit auf Anregung Virchow's durchgeführte große Statistik über die Farbe der Augen, der Haut und der Haare bei Schulkindern, deren Ergebnisse nicht minder für die Macht der Vererbung sprechen. Denn trotz beständiger Kreuzung haben sich in Deutschland der blonde und der brünette Typus unverändert neben- einander erhalten. Die räumliche Vertheilung beider Typen ist offenbar sehr alt, älter als das Auftreten der Germanen und Römer in der Geschichte. Kollmmm verwies ferner auf die Zeugnisse auf den ägyptischen Denkmälern. Die ältesten Abbildungen auf den Gräbern der Pharaonen, gleichaltrig etwa der jüngeren Steinzeit des mitt- leren Europas, lehren, daß bei den Bewohnern des Nillandcs seit jener Zeit nicht nur die Beschaffenheit der Knochen, sondern auch die äußere, doch wesentlich durch die Wcichtheile bedingte Körpcrform dieselbe geblieben ist. Die Vererbung, jene konscrvirende Eigenschaft der Organismen, beherrscht auch das Menschengeschlecht, und die Wiederherstellung von Körpern nach Art jener Porträtbüste wird zu einem neuen Beweise für die Beständigkeit der Rassenmerkmale durch lange Zeiträume hindurch. Sie lehrt, wie andere vergleichende anthropologische Studien, daß die Rassen sozusagen unsterblich sind, wenn auch die Völker vergehen und selbst ihre Namen aus der Ge- schichte verschwinden.— Aus der Pftauzcuwelt. — Eine Getreidekrankheit. In der letzten Sitzung der Pariser Akademie der Wisienschaften hielt Professor Gnignard einen Vortrag über die von L. Mangin entdeckte und„kiot-üu" denannte Getreidekrankheit. Die Erkrankung unserer Getrcideftüchte tritt nach diesen Ausführungen in feuchten Jahren sporadisch auf und richtete besonders in den letzten Ernten großen Schaden an. Die äußeren diagnostischen Merkmale sind zahlreich; das Aussehen der erkrankten Getreidefelder kommt den von Weidethicren zer- stampften und zertretenen Feldern gleich; die nach allen Seiten hin- und hergeneigten und geknickten Hcilme liegen förmlich waagerecht übereinander. Man vcrmuthete lange Zeit vor den angestellten Untersuchrmgen eine Krankheit kryptogannscher Natur und über- zeugte sich später von der Nichtigkeit dieser Voraussetzlinn. In sorgfältigen, von Herrn L. Mangin vorgenommenen Versuchen gelang es, auf eine Gattung parasitischer Pilzarten zu stoßen, die im Herbste auf dem erkrantten Strohhalm vegetirt, und er erkannte später, daß diese mit noch einer anderen Art die Erreger der Krankheit seien. Es handelt sich um die hauptsächlich am unteren Halmende fortkommenden Leptospheria- und Ophiabolus-Artcn. Von diesen ist die erstere der eigentliche Krankheitserreger, während die zweite Gattting bei der Jnfizirung des Getreides blos eine untergeordnete Rolle spielt. Es ist ferner erwiesen worden, daß die Abnahme der Ernte in feuchten Jahren äußerst selten dem Wasserüberfluß, sondern vielmehr dem Pilze zuzuschreiben ist.— Aus dem Gebiete der Chemie. t. Ein neuer Bestandtheil der Atmosphäre? Auf die Entdecklmg des Argon kamen in rascher Folge die drei vor kaum ö Wochen entdeckten neuen Gase: Krypton, Neon und Met- argon. Bis jetzt war die genauere Durchforschung unserer Attno- sphäre fast ganz ein Privileg der englischen Gelehrten: doch schcntt es, als ob nun auch die französischeil Forscher sich daran bctheiligen wollen. Der berühmte Chemiker Moissan hat die Resultate einer schon vor längerer Zeit unternommenen Arbeit veröffentlicht, wonach er im Spektrum der Luft bei großer Verdünnung fünf neue, bisher noch nicht beobachtete Linien wahrgenommen hat. Beim Arbeiten mit vcr- dünntem Stickstoff erscheinen diese Linien stärker, so daß es sich möglicher- weise um ein dem Stickstoff eigcnthümliches Spektrum handelt, das nur bei etilem bestimmten niedrigen Druck anfttitt, zumal sie ver- schwinden, wenn der Stickstoff durch Lithium oder Magnesium absorbirt wird. Da aber gleichzeittg mit den neuen Linien auch das Argonspektrum auftritt, so ist Moissan der Meinung, daß es sich wahrschemlich um einen bisher unbekannten Stoff in der Atmosphäre handelt, der in seinen chemischen Eigenschaften dem Sttckstoff sehr nahe steht. Die weitere Untersuchung wird hierüber jedenfalls Klar- heit schaffen.— Aieteovologisches. t. Die Nordlichter in London. Während die Nord- lichter in polaren Gegenden während des Winters fast jede Nacht und in großer Pracht und Mannigfalttgkeit eintteten, gehören sie in der gemäßigten Zone bereits zu den selteneren Erschcimmgen. In Nord- Deutschland ist ein Helles Nordlicht geradezu ein ungewöhnliches Ercigniß. In London sind dagegen Nord- lichter trotz der südlichen Lage der Stadt nicht so überaus selten. Ein schottischer Meteorologe Moßmann hat kürzlich alle zugänglichen Aufzeichnungen über Beobachtungen solcher Himmels- erscheinungen von dem Jahre 1707 an gesammelt. Danach sind die Jahre 1748, 1787, 1789 und 1872 besonders reich daran gewesen. Eine bestimmte Wiederkehr in der Häufigkeit der Nordlichter ist also incht zu erkennen, dagegen ist festzustellen, daß dieselben am häufigsten im Oktober und April, wenig häufig im Dezember und Juni eintreten.— Humoristisches. — I ni Jahre 1899. Niels Thomsen:„So eine Expedition nach dem Nordpol muß doch ein hübsches Stück Geld kosten!" Fridthjof Nansen:„Ach wissen Sie, die Kosten der Expedition sind eigentlich minimal; theuer wird die Sache erst durch die Ansichts-Postkarren, die man versenden muß."— — Modebericht. Wie die Zeitungen berichten, hat der Sohn des Prinzen von Wales ein neues Kleidungsstück erfunden, nämlich ein karrirtes Saccogcwand mit vier aufgenähten Taschen, das unten vollständig geschnitten ist. Dazu müssen farbige Hemden mit hohen weißen Kragen getragen werden. Auch hörr man von einem Ueberzicher, den der Lord Lonsdale, einer der hervorragendsten Fcierköpfe Londons, eingeführt hat und der einen unförmigen Sack bildet, nur um die Schultern halbwegs passen darf, von da an bis ttef unters Knie aber ohne jede Fa?on hcrunterschlottern muß. Heute mm meldet das Reuter'schc Bureau, daß Lord Simpleton, gegen- wärtig wohl der fcrienreichste Mann der Welt, eine eng anschließende Joppe erfunden hat, die aus gelblich-weißcm, langflockigem Wollstoff gearbeitet ist, aber Aermel von glattem Stoff hat. Dazu werden ganze enge Beinkleider von ebenfalls glattem Stoff getragen. Wenn der Träger„Bäh" sagt, ist die Täuschung vollkommen.— („Jugend".) Vermischtes vom Tage. — Ein G ö rl i tz e r Komitee will einem Kaufmann Rudolf O e t t e l zu seinem hundertjährigen Geburtstage ein Denkmal errichten. Er hat es ehrlich verdient. Im Jahre 1852 gründete er den ersten Geflügelzucht-Verein. Alsdann erhob er die Geflügel- züchterei zur„Spczialwissenschaft" und gab ihr den schönen Namen „H ü h n e r o l o g i e". Das Bild des großen Mannes wird recht sinngeniäß am Postamente„diverses Geflügel" umgeben.— — 33 Morgen Weizen sind an der Bahnstrecke Ober- G l o g a u und S m a r d a>v e durch Funken aus einer Lokomotive in Brand gerathen und z e r st ö r t ivorden.— v. 389 Millionäre wurden im Jahre 1896 in Hamburg gezählt. 1892 ivaren es 367— Ivobei die Selbsteinschätzungen zur Steuer der Berechnung zugrunde gelegt sind!— y. Die Auswanderung über Hamburg im Monat Juli d. I. hat gegen den entsprechenden Zeitraum des Vorjahres ab- genommen: sie betrug 2352 Personen gegen 3460 Personen im gleichen Zeftraum des Vorjahres.— — Das von Hamburg nach Kanada bestimmte Schiff „Fortuna" ist bei Neufuxidland nach einem Zusammenstoß mit einem Eisberg gesunken.— — Der Schriftsteller Dr. Georg Ebers ist am Sonntag in Tutzing ge starben.— — In B u r gsh a u s e n bei A n g sb u r g brannten die Brauerei und der Pfarrhof nieder. Ein Brauer kam in den Flainmen um.— — Sturm und Gewitter haben am Sonntag in Köln und Umgegend vielen Schaden gestiftet. Bäume wurden entwurzelt. Schornsteine umgestürzt. Kirchen und Häuser abgedeckt. In Poll stürzten während der Nachmittagsandacht der Kirchthurm und mehrere Häuser ein, mehrere Personen Ivurden verletzt. In H c r m ü l h e i m ist das neue Stationsgebäude fast ganz zerstört worden.— — Ein Ziegelstein-Kahn wurde zwischen Oppen- h e i ni und N i e r st e i n auf dem Rhein von einem Dampfer an- gefahren. Er sank sofort. Zwei Schiffer erkranken.— — Bei einem Zusammenstoß zwischen einem Schnellzug und einem Postzug auf der Strecke W i e n- E g e r wurden 6 Fahr- gaste und ein Maschinenführer schwer, 21 Passagiere und 4 Schiffer leicht verletzt. Der Schnellzug hatte wegen Untauglichkeit der Maschine liegen bleiben müssen.' Trotz gegebener Signale hielt der Postzug nicht. Der die Schuld tragende Maschinenführer und ein Beamter sollen nach anderer Meldung bereits gestorben sein.— — Der D a ch st u h l eines großen Brüsseler Gebäudes, in dem sämmtliche Dekorationen'des Monnain-Theaters untergebracht waren, ist in der Nacht plötzlich zusammengestürzt.— Verantwortlicher Redakteur- August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.