Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 155. Mittwoch, den 10. August. 1898 (Nachdruck verböte».) 511 A»n dio Fvvitzoik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichs l. Die Eroberung von Burg und Stadt hatte kaum eine Stunde Zeit erfordert. Die Gräfin von Helfenstein, bereits zum Osterfeste geschmückt, hatte sich mit dem Kinde und ihren Frauenzimmern in die Burgkapelle geflüchtet, als die Schwarze Schaar das Schloß erstürmte. Das Gekreisch der Frauen lockte Florian Geyer herbei, der die Gräfin suchte, um sie zu beschützen. Etliche von seiner Schaar, die sich bereits plündernd im Schlosse verbreitete, waren in die Kapelle gedrungen, hatten die einen die heiligen Geräthe, die anderen die gesttckte Altardecke an sich gerissen, den Priester, der ihnen wehren wollte, gewaltsam von den Stufen ge stoßen. Bleich, doch stolz trat die Gräfin Herrn Flonan entgegen. „Ich bin Eure Gefangene," sagte sie, und er versetzte, indem er sich vor ihr verneigte:„Ihr irret, edle Frau, wir führen nur mit Männern 5krieg. Ihr seid frei, doch bitte ich Euch, wollet Euch in Euer Gemach begeben: eine Wache wird für Eure Sicherheit sorgen. Das Schloß und was darin ist, gehött nach Kriegsrecht meinen Leuten." „Krieg nennt Ihr dies wüste Rauben, Brennen nnd Morden?" fragte sie mit einem Gemisch von Zorn und Ver achtung. „Dieses Plündern und Verbrennen der Klöster und Sttfte, diese rohe Gewalt wider die Geweihten des Herrn, fiel der Kaplan mit zum Himmel erhobenen Hände» ein. „Ihr beliebt es so zu nennen, Frau Gräfin," erwiderte Florian Geyer und richtete seine großen ernsten Augen fest auf sie.„Dennoch, es giebt keinen heiligeren Krieg als diesen, den der Unterdrückte, weil er auf Erden nirgends Recht finden kann, gegen seine Tyrannen erhoben hat. Der Verrath des Grafen von Helfcnstein zwingt uns zu dieser Gewalt." Die Gräfin erbebte und Flonan Geyer wandte sich zürnend gegen den Geistlichen:„Einen Geweihten des Herrn nennt Ihr Euch? Ei, so sagt doch an, wann hätten Bischof und Mönch seine Gebote befolgt? Euren Nächsten habt Ihr zu Eurem Knecht und Leibeigenen enncdrigt: auf den Himmel habt Ihr die Armen verwiesen und Euch der Güter dieser Erde bemächtigt. Höhlen des Raubes, der«chlemnierei und der Unzucht find Euere Klöster. Darum müssen sie ausgetilgt werden, auf daß die lauteren Lehren des Evangeliums wieder Raum auf der Erde gewinne. Wie Christus am heutigen Tage auferstanden ist von den Todten, so ist das Volk auf- erstanden zum wahren Glauben imd'zur Freiheit." „Er lästert Gott," rief der Kaplan mit purpurrothem Gesicht, und wer Gott lästert—" „Der soll sterben," vollendete für ihn ein Lanzknecht und er hätte das Wort an dem Geistlichen wahr gemacht, wenn Florian Geyer nicht die schon erhobene Hellebarde bei Seite geschlagen hätte. Der Kaplan fiel vor Schreck zu Boden und die Schwarzen lachten. Florian Geyer wandte sich wieder an die Gräfin und ersuchte sie, ihm nach ihren Gemächern zu folgen. Paul Jckelsamer, den das Gerücht von den Vor- gängen in der Kapelle eben dorthin zog, erhielt den Auftrag, mit einigen zuverlässigen Leuten das Zimmer der Gräfin, der sich ihre Frauen anschlössen, gegen alle Eindringlinge zu schützen. Auf allen Treppen, in allen Gängen und Gemächern schwärmte es von Beutesuchenden. „Lebte mein hochseliger Herr Vater noch, dieser Tag wäre nimmer gekommen," seufzte die Gräfin Margarethe, als sie ihr Gemach erreicht hatte, und sie fügte, zu Florian Geyer sich wendend, mit bebenden Lippen hinzu:„Ihr wäret ihm Werth, Herr Geyer von Geyersberg; wie wollet Ihr, nicht vor mir, sondern vor dem Richter droben, den doppelten Abfall von Eurem Glauben und Eurer Ritterpflicht ver- antworten?" „Es ist wahr, seine hochselige Majestät war mir ein gnädiger Herr, so lange ich in seinen Diensten stand," versetzte Flonan Geyer mit ruhigem Ernst.„Aber glaubet mir, Frau Gräfin, er hätte diesen Tag nicht verhindern können, ebenso wenig wie Kaiser Karl es konnte. Kein Monarch kann es, der sich nicht auf das Volk, sondern auf Adel und Geistlichkeit stützt. Ihr sehet, wie schwach diese scheinbar so starken Pfeiler der Macht sind. Was mich aber betrifft, edle Frau, so spricht mich mein höchster Richter, mein Gewissen, frei. Ich erfülle nur meine Menschenpflicht." Die Gräfin nahm ihr Söhnlcin von den Annen seiner Wärtenn und drückte es mit schmerzlicher Miene an ihren Busen. Florian Geyer wollte sich entfernen, als die Thür aufgestoßen wurde und Simon Neuffer hereinnef:„Sieg, Sieg! Die Stadt ist unser, die Ritter sind gefangen, auch der Obervogt I" Frau Margarethe stieß einen Schrei aus; ihre stolze Haltung erzitterte und schwantte. Mit bleichen Lippen bat sie. die Haft ihres Gatten theilen zu dürfen. Florian Geyer willfahrte ihr voll Mitleid. Er selbst fühtte sie nach dem Thurm. Ihr Kind ließ sie nicht mehr von den Armen. In der Stadt war das Plündern ebenfalls in vollem Gange. Jörg Mctzler und seine Leute hatten es jedoch durchgesetzt, daß nur die Häuser der Geistlichen, des Kellers, des Schultheißen und Stadtschreibers den Bauern preisgegeben wurden. Die Häuser der übrigen Bürger wurden verschont, ihnen dafür aber zur Bedingung gemacht, die Verwundeten zu pflegen und die Sieger mit Wein und Lebensmitteln zu versorgen. Auch in der Kirche wurden alle Truhen erbrochen; das Geld der Armen, Wittwen und Waisen rührten aber die Bauern nicht an. Die reichste Beute ergab das Schloß. Diese trugen silberne Becher, Kannen, Schüssel, Löffel, jene seidene Decken nnd seidene Gewände, Leinwand, Zinngeräthe davon. Ein Bauer aus dem Weinsbergcr Thale erbeutete an 300 Gulden Werth und verkaufte später noch für 200 Gulden Ringe und Kleinodien an einen Goldschmied in Nürnberg. Ein anderer gewann so viel, daß er lachend sagte, Lukas schriebe nicht davon. Es war ein solche? Zerren und Reißen um die Kost- barkeiten, daß oft das Beste übersehen, oder achtlos mit den Füßen fortgestoßen wurde, bis dann ein Glücklicherer zufällig den Schatz hob. Ueber dem Plündern ging das alte Welsen- schloß in Flammen auf. Jäcklein Rohrbach hatte sein Hauptquartier in der Mühle am oberen Thor aufgeschlagen. Er saß mit seinen Freunden und den Verttautestcn beim Wein und rathschlagte mit ihnen über die Gefangenen. Die schwarze Hofmännin saß unter ihnen. Sie alle trugen noch die Spuren des Kampfes an ich. Das wirre Haar war bestäubt, die Gesichter, die Hände von Pulver geschwärzt und auch von geronnenem Blute, manches Wams zerschliffen und von Kugeln durchlöchert. Der Durst nach dem heißen Stteite war groß; was aber aus ihren Augen glühte, flackerte, war nicht der Geist des Weines, ondern der Rache. „Das Blut unserer heimtückisch Überfallenen Brüder schreit nach Blut," rief Jäcklein Rohrbach, indem er seinen Zinn- becher heftig auf den Tisch stieß, und Hans Winter vom Odenwalds fügte hinzu:„Es wird nit anders, lieben Freunde, denn wir jagen dem Adel ein sonderbar Entsetzen und Furcht ein." „Wir wollen ihnen zeigen, daß wir mit gleicher Münze zahlen können", rief der grimmige Mathias Ritter, welcher den Forstmeister Schmelz vom Thurm gestürzt hatte.„Schießen ie unsere Herolde nieder, so sollen sie lernen, daß edle Geburt keinen Freibrief giebt." Beckerhans aus Brackenheim, der den jungen Weiler er- chlagen hatte, rief mit einem Faustschlag auf den Tisch:„Wir dürfen keinen Fürsten, Grafen, Herren und was sonst Sporen anträgt, desgleichen keinen Pfaffen, Mönch noch Müssiggänger leben lassen." Jäcklein Rohrbach rollte seine Augen im Kreise umher und rief:„Tod den Gefangenen!" Der Ruf klang in furchtbarer Einstimmigkeit von allen Lippen wieder. Die schwarze Hofmännin aber zischte:„Das ist ein eitel Gerede. Das Urtheil steht bei den gesammten Hauplleuten und der Hipler, in dessen Hand der Jörg Metzler ein Rohr ist, wird sie beschwatzen, die Gefangenen um ein Lösegeld zu erledigen." Ein stürmischer mit Flüchen untermischter Widerspruch unterbrach sie. Mit erhobener Sttmme fuhr sie fort:„Hat der lange Lienhart nicht den Mörder meines Enkels in seiner Gewalt gehabt? Aber der Schwarze von Leuzenbronn und die Stadtherren haben ihn laufen lassen. Also wird's auch itzo geschehen. Ihr habt den Grafen und seine Gesellen in Eurer Gewalt, so Ihr wirklich nach ihrem Blut lechzet wie ich, dann kommt dem Kriegsrath zuvor und vollstrecket das Urtheil selbst. Ich werde ihr Blut trinken, wie ich diesen Wein trink'!" Mit dämonisch funkelnden Augen griff sie nach einem Becher und trank. „Sie hat Recht", rief Jäckleiu Rohrbach ausspringend „Als Verräther haben sie an uns gethan, und ehrlos sollen sie sterben nach Kriegsrecht auf der Stelle." „Durch die Spieße nüt ihnen", schrieen alle und sprangen auf, um zum Werk zu schreiten. Sie sammelten von den Heilbronnern und Weinsbergern so viel sie ihrer fanden. Jäcklein Rahrbach holte mit ihnen die Gefangenen aus dem Thurm und führte sie auf die schmale Wiese am Unterthor. Es waren ihrer vierzehn vom Adel und etliche Knechte. An der Seite des Grafen von Helfensteiu ging gebeugten Hauptes seine Gemahlin, ihr Söhnlein auf dem Arm. Es beachtete den Zug kaum jemand. Die Bauern hielten ihr Mittagsmahl in den Schänken, Herbergen und Häusern der Bürger, und die Hauptleute waren auf dem Rathhause. Auf der Wiese bildete die bewaffnete Schaar einen Ring, und in demselben verkündete Jäckleiu Rahrbach den Gefangenen das Urtheil. Sie sollten durch die Spieße gejagt werden. Das war die Strafe, welche das Kricgsrecht auf Vcrrath und Ehrlosigkeit setzte. Da wurden die stolzen Gesichter bleich und die Gräfin wäre in Ohnmacht gefallen, wenn ihr Gatte sie nicht gehalten hätte. Er bot den Bauern für sein Leben 30009 Gulden. „Und giebst Du uns zwei Tonnen Gold, Du mußt dennoch sterben," scholl es ihm entgegen. Da fiel die Gräfin vor Jäcklein auf die Knie und flehte mit heißer Inbrunst um Gnade für den Gatten. Aber nicht die Demuth der stolzen, schönen Frau, noch ihre Bitten und Thränen vermochten die Herzen zu rühren. Voller Verzweiflung wandte sie sich der schwarzen Hofmännin zu, die sie mit ihren heißen Blicken verzehrte, und rief, ihre Kniee umschlingend:„Du bist ein Weib, Dein Mutterherz flehe ich an, um das Leben des Vaters nicines Söhnleins. Gnade und Barmherzigkeit!" Die schwarze Hofmännin strich sich das graue Haar aus dem Gesicht und sprach tief aufathmend:„Weißt Du. was die Herzen dieser Männer hart gemacht hat, so daß sie all' Deine Thränen nicht zu erweichen vermögen? Ich will's Dir sagen: Sie denken daran, wie oft ihre Herren sie mit Hunden gehetzt haben, wie oft sie auf ihrem vom Hunger und Frohnen fleischlosen Rücken die erbarmungslose Peitsche der Herren gc- fühlt haben. Wie sie umsonst winselten und ihr Flehen und Heulen und Erbieten kein Gehör und Erbarmen fanden, wann Ihr Edelleute ihren Vater, ihren Bruder, ihren Sohn eines kleinen Vergehens wegen in die tiefsten Verließe Eurer Thürme hinuntergeworfen, wo sie ohne Speise und Trank verschmachten mußten. Ja, ich bin ein Weib wie Du," fuhr sie fort, sich hoch aufrichtend.„Und mein Leib ward geschändet von den Herren, der Vater meines Kindes verbrannt von den Herren, der Mann meines Kindes mit Hunden zu Tode gehetzt von den Herren, mein Enkel erschlagen von den Herren. Winde Dich im Staub' wie ich und verzweifle wie ich." Sie kehrte sich ab, und der Graf von Hclfenstein riß seine Gattin, die unter den Worten der Hoftnännin wie von Keulen- schlügen zusammengebrochen war, rauh vom Boden auf. Er gab sich für verloren und sie sollte sich nicht weiter demüthigen. Unterdessen hatte Jäcklein Rohrbach die Gasse bilden lassen. Ein Bauer aus dem Odenwalde befehligte sie, voran standen die Böckinger. Dumpf, wie es bei standrechtlichen Hinrichtungen der Brauch war, schlug die Trommel. Der erste, der in die vorgestreckten Spieße der Bauern gejagt wurde, war ein Knecht Konrads Schenk von Winterstettcu: dieser selbst der zweite. Sie wurden nacheinander rasch niedergestochen. Dann kam die Reihe an den Grafen von Helfenstein. Ein zu Rom geweihter Priester, Jakob Leutz, der sich dem Aufstande angeschlossen hatte und jetzt Feld- schreiber der Bauern war, hörte ihn Beichte und empfing von ihm seinen Rosenkranz, den er fortan am Arm trug. Noch aber befand sich in deni bitteren Kelch, den der Graf sich selbst durch seinen Verrath eingcschänkt hatte, ein letzter Tropfen, und auch dieser blieb ihm nicht erspart. War da ein Mann, der höchst kunstvoll die Zinke blies, Melchior Nonnen- macher war sein Name und war Pfeifer zu Jlsfeld. Der hatte in früheren glücklichen Tagen den Grafen oft durch sein Spiel bei der Tafel ergötzt und bei ihm in großer Gunst gestanden. Allein die Gunst der hohen Herren ist wetterwendisch, und das hatte auch Nonnenmacher an sich erfahren müssen. Dieser trat jetzt vor den Grafen auf seinem letzten Gange hin. nahm ihm den Federhut vom Kopfe und setzte ihn sich nnt den Worten auf:„Das hast Du nun lang' genug gehabt; will auch einmal ein Gras sein." Er fuhr fort:„Hab' ich Dir einst lang genug zu Tanz und Tafel gepfiffen, so will ich Dir jetzt eist den rechten Tanz pfeifen." Damit schritt er lustig spielend ihm bis an die Gasse voran. Schon beim dritten Schritt stürzte der Graf, von un- zähligen Spießen durchstochen, todt zu Boden. Melchior Nonnenmachcr salbte mit dem Fett der Leiche seinen Spieß. Die schwarze Hofmännin gab der Leiche einen Fußtritt, stach „dein Schelm", wie sie ihn nannte, ihr Messer in den Bauch und schmierte sich mit dem herausquellenden Fette die Schuhe. Ihre Nasenlöcher blähten sich dabei weit auf, als ob sie den Blutgcruch mit Wollust einsog. Helscnstein's Knappe und sein Hosnarr waren die nächst- folgenden Opfer. Und so ward einer nach dem andern in die schreckliche Gasse gestoßen unter dem Tönen und Dröhnen der Pfeifen, Trommeln und Zinken, das den Todesschrei der Erstochenen erstickte. Die Leichen wurden von den Bauern geplündert. Einer stolzirte in des Grafen Harnisch; Jäcklein Rohrbach trat in des Grafen Ucberwurf vor die unglückliche Wittwe und fragte sie:„Frau, wie gefalle ich Euch in der damastenen Schanbe?" Auch die Gräfin, die vor Schmerz und Angst halb ohnmächtig war, wurde beraubt. Rohe Fäuste rissen ihr das Geschmeide und prächtige Festgewand ab, wobei der Knabe von einer Lanzenspitze leicht an der Brust verwundet wurde. Die Narbe blieb ihm fürs ganze Leben. Die schwarze Hofmännin nahm die Gräfin vor weiteren Mißhandlungen in Schutz. Nachdem ihr Rachedurst befriedigt war, erwachte in ihr tvieder das Weib. Die Gräfin wurde in ihren zerfetzten Unterkleidern mit dem Kinde auf einem Mistwagen nach Hcilbronn geschickt. Bürger von Wcinsbcrg liefen mit ihren Weibern eine Strecke nebenher und höhnten sie: „In einem goldenen Wagen bist Du zu unS gekommen, in einem Mistwagen fährst Du fort!"— Zwölf lauge Jahre blieben ihr noch, um über den jähen Wechsel ihres Schicksals nachzudenken. Die Worte der schwarzen Hofmännin ließen ihren Adels- und Weltstolz nicht wieder aufkonnncn. Sie erkannte, daß ihr Leben in seiner Herrlichkeit nur von den Früchten des jahrhundertelangen Unrechts, das seine furchtbare Vergeltung gefunden, gezehrt hatte. Ihr Sohn trat in den geistlichen Stand.(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Mevveslettrhkvtr. Das Meer I Immer fesselt und beschäftigt uns die weite Wasser- fläche, mag sie sich glatt wie ein Spiegel ausdehnen, mag sie sich, vom Sturm gepeitscht, zu schaumgckrönien Wellenbergen austhiirmcn. lind selbst, wenn die Sonne zur Rüste gegangen, wenn die Nacht ihre dunklen Fittiche ausbreitet, auch dann interessirt sie. Dann be- ginnen die Wellenkäinme und Sturzivellcn zu blinken und zu flimmern, und in märchenhaftem Schimmer entzückt uns das Meeres- leuchten. So lange diese Erscheinung schon beobachtet worden ist, die die alten karthagischen Seefahrer treffend als brenneudc See bezeichneten, so sind ihre Ursachen doch erst in neuerer und neuester Zeit klargelegt worden. Wir wissen jetzt, daß das Meeresleuchten hervorgerufen wird durch Bewohner der salzigen Finthen, und daß zu dieser natürlichen Illumination eine ganze Reihe von verschiedenen Lebe- wcsen beiträgt. Zu den niedrigsten Organismen, die dem Meer zu seinem glitzernden Diamantcnschmuck verhelfen, gehören die Leuchtbakterien. Man kennt von ihnen bereits mehr als ein halbes Dutzend Arten, die theils in grünlichem, thcils in bläulichem oder röthlichcm Licht aufleuchten. Die Leuchtbakterien halten sich entweder frei im See- Wasser auf oder sie siedeln sich auf größeren Meeresbewohnern an. Dabei ist ihre Lichtcntwickelung eine ziemlich bedeutende. Es gelang B. Fischer, Schuppen eines Fisches, die er mit Reinkulturen von Leuchtbakterien insizirt hatte, nach 36stündiger Exposition zu Photo- graphircn, ja, es ließen sich sogar von ihnen nur mittelbar beleuchtete Gegenstände, wie das Zifferblatt einer Uhr, allein durch ihre Licht- entfaltnng Photographiren. Eine Infektion größerer See- thiere mit Leuchtbakterien vollzieht sich auch unter natürlichen Bcr- hältnisscn. Girard fand gelegentlich am Strande einen leuchtenden, kleinen Krebs, der träge umherkroch. Er erkannte unter dem Mitroskop, daß das Leuchten von Bakterien hervorgerufen wurde, die sich auf den stark veränderten Muskeln des Krebses angesiedelt hatten. Er impfte Sandhüpfer und Springkrebsc mit dem mikrobcu- reichen Blute des Krebses und erzeugte hierdurch das Leuchte». Diese Ucberimpfung glückte ihm sogar bei größeren Krabben, so daß sein Laboratorium abends einen fccnhastc» Anblick darbot. Das Leuchten ist als eine Folge der Sauerstoffaufnahme der Bakterien zu bc- trachten. Werde» sie nicht in einen: saucrstoffreichen Nährboden kultivirt, so bemerkt man von dem. Leuchten keine Spur. Neben den Leuchtbakterien sind es die Leuchtinsilsorien, die den gleißenden Schimmer des Meeres herbeiführen. Eine weite Verbreitung besitzt unter ihnen ein GeiselinfnsorI von der Größe eines Stccknadelknopfes, dessen wissenschaftliche Bezeichnung man mit»tausendfaches Nachtlämpchcn" verdeutschen könnte. Er hat ungefähr die Gestalt eines Pfirsisch und gicbt gereizt ein bläu- liches Licht von sich. Er ist in ungeheuren Mengen im Meere vor- Händen. Nach einer Berechnung von Jones umfaßt ein Kubikfuß Wasser 30 000 solcher Infusorien. Andere Jnftisorienarten verbreiten wieder ein mehr milchiges Licht. Nicht weniger betheiligt sind am Meeresleuchten gewisse mikroskopisch kleine Muschelkrebse, die im herrlichsten Smaragdgrün oder Lasurblau erglänzen. Sie bilden oft für sich allein ein bc- sondercs Glanzstück der Meeresillumination. So sah Chicrchia in einer Märznacht in der Nähe von Sokotora smaragdgrün leuchtende Streifen und Kreise der Meeresoberfläche, die von Milliarden von Muschelkrebsen hervorgebracht wurden. Nach den Unter- suchungen von W. Müller tritt am Schwanzthcil der Krebs- chcn eine leuchtende Flüssigkeit aus, die, wenn diee Thierchen sich bewege», einein Kometen gleich in einem leuchtenden Schtveife hinter ihnen herzieht. Die Ausstoßung des Leuchtstoffes erfolgt sehr schnell hintereinander. Ein Glasgefnß ist bald derartig mit ihm angefüllt, daß das Licht hinreicht, um Geschriebenes lesen zu können. Als wahre Jllnminatioilskörvcr erscheinen gewisse, in wärmeren Meeren heimische Mantelthicre. Sie ketten sich zu fußlangen Kolonien zusammen, den sogenannten Feuerzapfen, die mit großen Tannenzapfen einige Achnlichkeit haben und auf dem Meere herumtreiben. Die eine Art verbreitet ein hcllblüuliches, die andere ein röthlichcs Licht, das später in Gelb oder Grün hinüberspielt. Werden die Fcnerzapfen berührt, so läuft ein leuchtender Streifen über die ganze Kolonie. Auf der Forschungsfahrt Challenger's erbeutete man einen Fcnerzapfen, der über einen Meter lang war. Wenn Moseley in entsprechender Weise mit dem Finger über die Oberfläche des Feuer- zapfcns dahinfnhr, so konnte er seinen Namcnszug in Flammenschrist hervorzaubern. Als Mccrcslcnchtcr sind dann noch zu nennen: Quallen, Me- dusen und Bohnnuscheln, bei denen das Leuchten von gewissen Punkten ausgeht. An diesen letzteren Thiercn hat Dnbois den Icnchtcndcn Schleim untersucht, der am Mantclrand und an bestimmten Stellen der Athemrohren abgesondert ist. Er fand darin zwei Stoffe, von denen der eine, den er Luciferin benannte, sich mit Alkohol ausziehen läßt, während der andere, den er als Luciferase bezeichnete, ein eiwcißartigcs Ferment darstellt. Durch die Einwirkung des letzteren auf den erstcren wird die Lichtentwickelnng hervor- gerufen. Mischt man beide Stoffe außerhalb des Thicrkörpers in einem Glasgefäß, so kommt es zu einer kräftigen Lichtent- saltung. Das Leuchten der Lcuchtorganismen dürfte zumeist als ein Schutzmittel gegen ihre Feinde zn betrachten sein. Dem Menschen bereitet so das Bkeeresleuchten Entzücken und Freude und den Meercsbewohncrn, die den Lichterzeugern nachstellen, Furcht und Schrecken.—_ Ludwig Maas. Rleinos Fouillrkon. — Edle Jagd. Das„Deutsche Adelsblatt" über- nimmt aus der Jagdzeitschrift„Wild und Hund" die nachfolgende Jagdgeschichte, die in ihren Einzelheiten äußerst interessante Streif- lichter auf die geistige Verfassung unseres Junkcrthums ivirft:„Eine Katzen Hetze mit unerwartetem Ausgang trug sich vor nicht langer Zeit auf dem Lande zu. Ein Rittmeister a. D., der zwei sehr scharfe Teckel besaß, besuchte einen Nachbar auf dessen Gute, n a t ü r- l i ch in Begleitung seiner Hunde. Dort erstand er einen Kater, der von den beiden Teckeln gehetzt werden sollte. Um nun selbst der Jagd besser folgen zu können, bat er sich vom Hausherrn ein Reitpferd aus und erhielt auch ein solches, da dem Pferde ja dabei keine Anstrengung bevorstand, in Gestalt einer blinden Kosackenstute. So reitet er ab, in der rechten Hand einen Sack nnt dem Kater. Nachdem er eine reitfreie Fcldfläche erreicht hat, läßt er den Kater los und die Hetze beginnt. Der Kater schien aber zu ahnen, daß ihm die Hunde überlegen waren, und ließ sich nicht stellen, sondern salvirtc sich, da auch in erreich- barer Nähe kein Baum vorhanden war, den er hätte erklettern können, einige Zeit durch sehr gewandtes Hakenschlagen. Als er aber merkte, daß seine Kräfte zu erlahmen anfingen, sprang er nnt einen: mächtigen Satz an den Schweif und von dort mit dem zweiten Sprunge auf die Kruppe des Pferdes; dieses, tödtlich erschrocken, macht einen legalen Bocksprung und setzt den ahnungslosen, vorn- übergebeugt dem interessanten Schauspiel(! I) zu seinen Füßen folgen- den Rittmeister in den Sand; das Pferd setzt sich in Galopp, der Kater klammert sich an den Sattel an, und so geht's querfeldein, von den kläffenden Teckeln begleitet, auf einen etwa einen Kilo- meter entfernten Wald zu. Dort hatte sich das Pferd zwischen den Baumstämmen verfangen, der Kater aber war natürlich aufgebäumt und für die Jagd verloren."— — Ein Wcltspiegcl. Aus Baden wird der«Franks. Ztg." geschrieben: Oben im Schwarzwald lebt ein Mann, der vorgiebt, einen„Wcltspicgel" zu besitzen. Das ist ein Ding, in dem der Eigcnthümcr angeblich„Alles sehen" kann.„Reißt's im Kopf, zwickt's inr Magen" oder ist Dir gar ettvaS gestohlen worden, es lostet nur eine briefliche Anfrage bei unserem Seher und eine kleine Beilage in ungestempelten Reichspostmarken. Der schaut in seinen „Weltspiegel" und sendet ein Mittel, daß Dir des Lebens ungemischte Freude unfehlbar wieder zu theil wird, ober er nennt Dir de» Dieb und zwinge ihn, den gestohlenen Gegenstand wieder zurück- zubringen. So schrieb unlängst auf Anrathen eines Bekannte» ein „Seehase" an den Schwarzwalder, unter Beifügung von einer Mark in Brieffnarken, er sei seit vielen Jahren leidend und 42 Jahre alt. Bon dem Leiden kein Wort: wozu auch, der Mann kann's ja„sehen". Umgehend traf denn auch folgendes Rezept ein, das wir getreu nach dein Original wiedergeben: Braunes Ehinibulfer 7 g'rin Weises Chinibulfer ö grm Diese Bulfer nnsen im Wein eingenommen werden Per Tag 4 Messer Spizlivol u jedesmal ein schluk Wein Sie miscn das Messer Spizlivol Bulfer verrihren in dem schluk Wein Sie misen Greftik Essen Müllich Ejer Wein Driken Aber Kain Bier Flaisch Den Sie haben viebcr im Bluth. wie die Bulfer ein- genomeil Stent gleich Nachricht gäben."— Literarisches. — Gegen Shakespeare wird in„Gentlenians Magazine" der Vorivurf erhoben, er, der sonst alle Seiten der menschlichen Natur und alle Effekte dargestellt, habe doch einen völlig außer acht ge- lassen: die M u t t e r l i e b e und die Mutterschaft. In der Fülle weiblicher Gestalten in seinen Dramen finden sich wohl musterhafte Töchter, Ivie Cordclia, Gattinnen, wie Jniogen und Desdcniona, ideale Geliebte, wie Julia und Miranda, und Beispiele edelster Frenudschnft, wie Clclia und Rosalinde, aber nach einer hingebenden guten Mutter sucht man umsonst. Dagegen wird Julia's Mutter als kalt und hartherzig, und Hamlct's Mutter als der Fluch seines Lebens geschildert oder es sind indifferente Erscheinungen, nirgends aber ist die Mutterschaft verherrlicht. Die Verfasserin des Artikels schließt daraus, daß Shakespeare selbst vermuthlich keine mütterliche Zärtlichkeit erfahren und weder an seiner Mutter, noch an seiner Frau Beispiele dieser„höchsten Form selbstverleugnender Liebe" ge- sehen habe.— Völkerkunde. sl. lieber einen eigenartigen Absatz nicht unbe« trächtlicher Papiermengen berichtet soeben das öfter- reichische Konsulat in Sansibar. Danach sind die O st a f r i k a n e r zwar der Kunst des Lesens nnd Schreibens nach wie vor vollständig unkundig, so daß sie für Schreib- und Druckpapier kaum irgend welches Bedürfniß haben. Aber nach Buntpapier verlangt ihr Herz, besonders das des schönen Geschlechts. Dieses Buntpapier wird von den Wcibcni zu ca. 1 Zentimeter langen, V2 bis 2 Zentimeter dicken Rollen aufgerollt. Diese werden in Oeffnnngcn in der Ohrmuschel gesteckt, von denen 3 bis S in der Jugend gebohrt und so lange erweitert Iverden, bis sie zur Aufnahme solcher Rollen geeignet sind. An jedem zweiten oder dritten Tag werden die Rollen gewechselt. Zur Ausfüllung beider Ohren, also von 6—10 Löchern, verbrauchen die Weiber für 1— 6 Peso Papier. Sie haben dann die zeitraubende Arbeit, das Papier in Streifen zu schneiden und aufzurollen. Man kann annehmen, daß niedrig genommen, eine Million Weiber in Ostafrika jede täglich durchschnittlich ein Blatt Papier oder vier Rollen benöthigt. Das Papier ist fast ausschließlich österreichischen Ursprungs, geht jedoch meistens erst nach Indien nnd wird alsdann von den in Ost- afrika so stark vertretenen indischen Kauflcutcn an die Eingeborenen des schwarzen Erdtheils verhandelt. Es kommt in Kisten zu je 40 Packeten zu 200 Bogen, darin je 50 Bogen von jeder Farbe in den Handel, die per Packet t he Rupien kosten. Der Detailpreis ist Vi Anna per zwei Bogen Buntpapier.„Es scheint— meint der österreichische Konsul— sehr leicht möglich, daß diese Rollen fertig in Europa hergestellt und hier auf den Markt gebracht werden, wodurch ein neuer absatzfähiger Artikel geschaffen werden könnte." Kennzeichnend ist auch der Schluß des Spezialberichtes �„Andere Papicrwaaren haben keinen ncnncnswerthen Konsum... Farben- drucke schlechte st er Qualität, darstellend Potentaten und Militärpcrsonen zu Fuß oder zu Pferd, in knallrothcn oder sonst glänzenden Uniformen, sowie Schiffe und Odalisken haben einigen Absatz."— Für in Europa gedruckte Korane wird empfohlen, ihnen nicht nur die im Orient übliche Ausstattung zu geben, sondern auch den Vcrlagsort wegzulassen, weil der gläubige Muselmann kein von Christen hergestelltes Erbannngsbuch nimmt'— Medizinisches. f. Die magnetische Entfernung von Stahl- splittern aus dem Auge. Die sehr starke Wirkung der Elektromagneten wird in neuerer Zeit auch in der Medizin benutzt. Als eine sehr segensreiche Anwendung des Elektromagneten ist seine Verwendung bei der Ermittelung von Eisen- und Stahlsplittern im Körper und namentlich auch im Auge zu bezeichnen. Das eigens zu diesen: Zwecke konstrrnrte Instrument, das Sidcroskop, ermöglicht es, auch in den Fällen, wo durch Blutungen oder Trübungen im Auge die Anwendung des Augenspiegels unmöglich gemacht ist, leicht und schnell den Sitz des Splitters festzustellen, was natürlich von großer Wichtigkeit für eine erfolgreiche Behandlung ist. Die bis jetzt ge- machten Erfahrungen berechtigen zn dem Schluß, daß die Einführung der Elektrizität in den Dienst der Wissenschaft auch auf diesem Ge- biete von großem Werthe ist.— 3lus dem Thierleben. — Der Einfluß der R e g e n w ü r m e r auf die Acker» krume ist, nach Untersuchungen von Professor Wollnh, die in der „Naturwissenschaft!. Wochenschrift" kurz zusammengefaßt werden, ein größerer, als man gewöhnlich annimmt. Wollny inachte zuerst Ver- suche mit Pflanzeri und fand, daß die in wurmhaltiger Erde ein üppigeres Wachsthum und eine beträchtlich größere Fruchtbarkeit be- saßen als die in wurmarmer. Beschädigungen der Pflanzen durch die Würnrer fanden nicht statt. In einer zweiten Versuchsreihe unter- suchte Wollnh die direkte Einwirkung der Regenwimner auf die Erde. Zwei zylindrische Zinkblechgcfäße wurden mit feingcsiebter, humöser Ackererde gefüllt und in eins derselben wurden 5 Rcgenwürmer gebracht. Nach sechs Wochen ergab sich in letztcrem eine Volunienzunahme der Erde um 27,5 pCt. Die physikalische Einwirkung der Siegenwnrmer auf die Erde besteht darin, daß sie sie mit Bohrlöchern durchziehen, Erde schlucken und in Form abgerundeter Exlremente wieder von sich geben, wodurch der feincrdigc Boden in eine krümelige Masse umgewandelt und gelockert wird. Dadurch wird die Wasscr-Kapazität des Bodens vermindert, die für Luft erhöht, die Durchdringlichkeit für beide und für die Pflanzenwurzeln vermehrt. Unter dem Einfluß der Berdauuiigssäfte wird die Erde auch chemisch verändert. Die organischen Stoffe derselben werden für leichtere Zersetzbarkeit vor- bereitet und wasserlösliche Ssickstoffverbindungcn und Mineralstoffe erzeugt.— Meteorologisches. n. Fahrstraßen für Luftschiffe. Es läßt sich mit einiger Bestimmtheit voraussetzen, daß die Luftschiffe der Zukunft auf ihrer Reise durch das Reich der Winde ebenso wenig eine ganz willkürliche Straße verfolgen werden, um von einem Orte der Erde zum anderen zu gelangen, als die gewöhnlichen Schiffe im Reiche der Wogen. Die Berglcichbarkeit beider Meere, des Ozeans und der Atmosphäre, erstreckt sich auch vornehmlich auf das Vorhandensein von Strömungen, deren Lauf ein mehr oder weniger gleichmäßiger bleibt. Freilich sind die Meeresströmungen im Wasser-Ozean, wie überhaupt das Wasser in seinem Verhalten immerhin noch zuverlässiger ist als die Luft, beständiger als die Winde, aber in manchen Erd- gebieten, namentlich in den Strichen der heißen Zone beiderseits des Acquators wehen die Winde sPassate, Monsune zc.) doch für lange Zeit des Jahres fast regelmäßig aus derselben Rich- tung. Es ist nicht zu verkennen, daß dadurch schon vor der Erfindung eines genügend lenkbaren Luftschiffes ein nützlicher Verkehr auf Lust- ftraßen in gewissen Ländern der Erde ermöglicht werden würde. In einem Aufsätze der„Archives de Medecine navale" hat der Franzose Le Dantec u. a. auch auf solche nach seiner Meinung nächstliegende Aufgaben der Luftschifffahrt hingewiesen. Einmal denkt er an eine Benutzung der Windverhältnisse in Jnner-Afrika zur Durchquerung dieses Erdtheils auf dem Luftwege. Der Plan ist nicht ganz neu: schon 180t wurde er von Dex nnd Dibos ausgesprochen, blieb aber unversucht. In der heißen Zone wehen gewöhnlich Winde von Süd- osten, während in etwas höheren Schichten die Luftströmung umgekehrt nach Südosten hin gerichtet ist. Man könnte daher mit einem Lustschiffe von der Ostküste Astika's etwa in Jnhabimbt aufsteigend, mit großer Sicherheit darauf rechnen, vom Winde nach der Westküste bei San Paolo de Loanda getragen zu werden, wenn das Fahrzeugs sich nicht zu hoch über die Erde erhebt, um denselben Weg umgekehrt zurückzulegen. Da sich die Gürtel der Passate mit dem Gange der Sonne verschieben, so würden die Lustfahrstraßen mir in kleineren Erdstrichen das ganze Jahr hindurch unverändert benutzbar bleiben, sich sonst aber ebenfalls nach der Jahreszeit nord- bez. südwärts verlegen. Le Duanicc denkt ferner an den sogenannten„Alize", der mit großer Beständigkeit von Nordost her über die Saharische Wüste weht, man konnte ihn benutzen, um schnell und verhältnißmäßig gefahr- und mühelos von Nord-Afrika, etwa von Tunis oder Tripolis aus, zum Tsad-See zu gelangen. Der Südost-Monsun, der während des Sommers nach Asien hinein- weht, würde Luftschiffe zu sonst unersteiglichen Höhen des Himalaya tragen und mit ihnen etwa das Material zur Errichtung von Wetter- oder Sternwarten. Im Falle des nächsten Krieges zwischen Frank- reich und Deutschland sollen auch die häufig und ziemlich beständig wehenden Südwest-Winde dazu dienen, eine schnelle und regelmäßige Verbindung nach Rußland hin über Deutsch- land tveg zu ermöglichen. Die Benutzung der beständigen Winde wird für die Luftschifffahrt ebenso von Bedeutung werden müssen, wie es die Benutzung der Meeresströmungen, um die sich der ame- rikanische Kapitän Mury ein großes Verdienst erworben hat, für die Ozeanschifffahrt geworden ist. Durch die Benutzung der Meeresströmungen verkürzte sich der Seeweg von New-Iork nach Kalifornien um Süd-Afrika herum, von 130 auf 100 Tage, die Weltumfchiffung von 250 Tagen auf il/2 Monate.— Technisches» — Mit Zahnrädern aus Aluminiumlegirungen hat Fells in Boston sehr eingehende Versuche angestellt und be- friedigende Resultate erzielt. Bekanntlich wird durch den Alumimum- zusatz ein blasensteier, gleichniäßiger Guß erzielt, was ja für Zahn- räder von großer Wichtigkeit ist. Fells giebt als das vortheilhasteste Mischungsverhältniß eine Legirung aus, die aus Stahl mit 12 pCt. Muniinium besteht, dem Mangan, Kupfer und Nickel zur Erhöhung der Zähigkeit beigemengt werden. Die aus Aluminium-Stahllegirung gegossenen Zahmäder wurden auf einer SpezialMaschine gründlichen Proben unter verschiedenen Bedingungen unterworfen. Auf eine Welle wurde das zu probirende Zahnrad aufgesteckt, neben einer Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Be Scheibe, auf welche ein Bremsschuh durch Federkraft(etwa 1000 Kilogramm) aufgedrückt wurde. Passend angebrachte Dynamometer ge- statten die Messung der in Frage kommenden Kraft. Mit dem Versuchs» rad stand nun ein anderes gewöhnliches Zahnrad in Eingriff. Die Versuche ergaben folgende Resultate: Bei dem einen Versuche griff ein Zahnrad aus Aluminiumstahl in eines aus Gußeisen ein, welches gleichen Durchmesser hatte. Mehrere Zähne des gußeisernen Rades brachen. Ein Aluminiumrad und ein Stahlrad von größerem Durchmesser Ivurden während sechs Stunden der Probe unterworfen. Das Stahlrad brach zuerst. Ein Eisemad lief während einer Stunde nnt 350 Umdrehungen pro Minute. Es stand mit einem kleinen Aluminium-Stahlrad im Eingriff. Dieses zeigte nach been- detem Versuch keinerlei Beschädigung. Um ein Aluminiumrad, welches mit 180 Umdrehungen rotirte, brachte man sechs kleine Broncegerriebe an. Nach einem vierstündigen Versuch zeigten die Zähne des Aluminiumrades keinerlei Abnutzung. Fells erklärt die allgemeine Ansicht, daß Aluminium im Gebrauche leicht eine kristallinische Strultur annehme und darum leicht breche, als irrig.— Humoristisches. — Endlich gefunden. Sonntagsjäger(an einer Wildprcthandlnng vorbeikommend):„Na, da sind sie ja alle und ich Schafskopf lauf' draußen rum und such' mich blind!"— — E s reißt nicht ab.„Wie. Sie bringen noch einen Band! Ich denke der Roman ist zu Ende? Der Held war ja tobt!" Kolporteur:„Nur s ch e i n t o d t!"—(„Lust. Bl.") — Ganz recht verstanden. Vor dem Hanse eines Rechts- anwalts in dem westfälischen Städtchen H. empfängt Korl seinen Freund Krischan, der drinnen um Rath gestagt hat, mit der hastigen Frage:„No, Krischan, Watt hett denn de Avkaate seggt?"—„Ek bin dor nich recht klaul ute worn", antwortet Krischan,„as ek en stoge, ob ek minen Prozeß woll gewünnc, do seggt hei: eventuell' ...—„Wat Krischan", fällt ihm da Korl in die Rede,„watt hett de Kerl seggt? Eventuell hett hei seggt? Denn most Du be- t a h l e n."— Vermischtes vom Tage. — Durch Feuer wurde ein großes Gebäude einer chemischen Fabrik in Hamburg zerstört.— — Bei einer großen Schlägerei in Königsberg i. Pr. zwischen englischen Seeleuten und lithauischen Kahn- Matrosen wurden vier Lithauer durch Messerstiche arg zugerichtet. Einer von ihnen starb nach einigen Stunden.— — Gegen das Vordringen des N o n n e n f a l t e r s wird in der S y l a e r Forst ein elektrischer Scheinwerfer an- gewendet. Die gefürchteten Falter fliegen gegen den Scheinwerfer und versengen sich an einem Platinagitter, das durch Elektrizität glühend gemacht ist. Sie falle» hinab und stürzen in ein unten aufgestelltes Gefäß.— — Bei dem Eisenbahnunglück zwischen Wien und E g e r sind noch mehr Menschen verunglückt, als zuerst gemeldet wurde. 60 Fahrgäste wurde» verletzt; doch brauchten nur dreißig einen Arzt. Der' Zugführer des Personenzuges hat, nach, neueren Meldungen, die Haltesignale bemerkt, konnte aber den Zug nicht mehr zum Stillstand bringen, da das Geleise abschüssig war.— — Mehrere furchtbare Feuers b r ü n st e werden aus dem Auslande gemeldet: Eine große Dampfmühle in Samara ist ab- gebrannt. Der Schaden beträgt 300 000 Rubel. Das Feuer, das durch Selbstentzündung von'Mchlstaub entstanden ist, griff sehr schnell um sich. Zwölf Arbeiter kamen in den Flammen u in, mehrere erlitten schwere Brandwunden.— Die große ungarische Gemeinde N a g y- B o s s a n y ist vollständig nieder- gebrannt: acht Kinder sind im Feuer unigekommen.— Ein Stadtviertel von M o i s s a c in Süd-Frankreich steht in Flammen. Viele Häuser sind schon zerstört.— — In der Unlgegend von Musina(Oberitalien) ist durch Hagelschläge die Wein- und Olivenernte zerstört worden. Zwei Menschen ivurden vom Blitze erschlagen.— — Die außerordentlich große Riese nschildkröte des Londoner Zoologischen Gartens, über deren Eiuliefernng im April berichtet wurde, ist jetzt schon gestorben. Sie hat ein Alter von mindestens 200 Jahren erreicht.— — Als neue Delikatesse wird jetzt in den vornehmsten Londoner Gasthäusern„Känguruhschwanz in Madeira" verabreicht.— — Räuber drängen in das bei S i m f e r o p o l liegende Gut emer Fürstin, erdrosselten diese und zwei Gesellschafteriimen und raubten verschiedene Wcrthsachcn. Auch auf das Gut Kefeli wurde ein Ueberfall ausgeführt. Ein Wächter, dessen Frau und Kind wurden von den Räubern erschossen.— — Ein Haar vom Barte des Propheten hat eine Frau in K o n st a n t i n o p e l einem Armenashl geschenkt. Die Uebertragung dieser Reliquie nach ihrem Bestimmungsort fand unter großen Feierlichkeiten statt, an denen sich viele Staatswürdenträger und hohe Militärs betheiligten.—_ litt. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.