Hlnterhaltimgsblatl des Dorwärls Nr. 156. Donnerstag, den 11. August. 1898 (Nachdruck Verbote».) Am die Fveiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Bon Robert Schweichs l. Der auf dem Stadthause versammelte Bauernrath erfuhr von dem blutigen Trauerspiel erst, als es zu Ende war. Pater Eusebius, den das kriegerische Gelärm auf die Wiese gelockt hatte, brachte die Nachricht. In seiner Stimme malte sich noch das Entsetzen, das ihn wie eine Lähmung dort festgehalten hatte. Die Hauptleute hielten ihn anfangs für geistig gestört und konnten ihm nur stückweise seinen Bericht entreißen. „Aber das ist fürchterlich", rief Wendel Hipler erschüttert. „Grasenblut für Bauernblut!" Wagenhans aus Lehren rief es, als ob zwei harte Steine auf einander knirschten. Pater Eusebius schwankte unterdessen davon. Als das Heer von Schönthal aufgebrochen, hatte er in dem verwüsteten Kloster nicht allein zurückbleiben mögen. Mit rostigem Spieß und Harnisch aus der Waffenkammer der Klosterbrüder war er guten Muthes mitgezogen und es war ihm gewesen, als ob er bisher nicht gelebt hätte. Nun war sein Kriegsfeuer verraucht. Er verließ Weinsberg und wanderte nach seinem Kloster zurück, wo er wieder zum Karst griff. Auf dem Rathhause übertönte Florian Geyer's kraftvolle Stimme das Durcheinanderreden.„Den Grafen von Helfen- stein und seine Edelleute hat ihr verdientes Schicksal ereilt." sprach er mit Festigkeit...Rahrbach ist nur zu tadeln, daß er dem Urtheil des Bauernraths vorgegriffen hat. Nach Kriegsrecht hätten auch wir sie zu dem gleichen Tode vcrurtheilen müssen. Wir hätten nicht einmal Gnade für Recht ergehen lassen dürfen; es iväre ein Verbrechen gegen uns selbst gewesen. Denn jetzt werden es die Herren begreifen, daß.wir keine Horde, sondern ein Feind sind, den auch sie auf gleichem Kriegsfuß behandeln müssen." „Da aber Rahrbach dem Urtheile unseres Kriegsrathes vorgegriffen hat, so wird seine unselige That uns als schnöder Mord angerechnet werden," wandte Hipler ein.„Unsere Sache ist dadurch schwer geschädigt. Niemand wird mehr ein Bündniß mit uns eingehen mögen, wohl aber die Zahl unserer Feinde sich unendlich vermehren." „Aber der Schrecken, der vor uns hergeht, wird sie lähmen," rief der lange Lienhart. „Im Gcgentheil, und gerade der Adel wird jetzt vollends in Haß gegen uns auflodern," erwiderte Wendel Hipler. „Der Adel?" rief Florian Geyer.„Haben wir denn zu einem Possenspiel das Schwert gezogen? Beide Bäume, vor denen die junge Pflanze der Freiheit nicht auskoinmen kann, müssen nicht nur umgehauen, sondern mit der Wurzel ausgerissen werden, daß keiner einen Schoß mehr treibt. Es ge- niigt nicht, daß wir blos die Römlinge abthun und blas die Mönche hacken und reuten. Wir beide sind darüber einig und wir alle sind es, daß es fortan nur einen Stand ans deutscher Erde geben darf: den Stand der Gemein- freien. Aber dann muß auch der Adel dem Bauern gleich gemacht werden und es darf keine Burgen mehr geben und kein Haus mehr denn eine Thür haben wie das des Bauern." „Ja, die Gemeinfreiheit ist mein Ziel wie das Deine; aber Du schüttest das Kind mit dem Bad' aus", entgegnete Wendel Hipler.„Der niedere Adel wünschet sie ebenso sehn- lich wie wir. Und ihn hätten wir ohne diese Blutthat gar leicht für uns gewinnen können. Jetzt wird er sich zu unseren Feinden schlagen, wenn wir nicht fürsorgen, da es noch Zeit ist. Ich weiß es bestimmt, daß er noch heut ebenso gesonnen ist wie damals, als er sich dem Unternehmen des Franz von Sickingen anschloß." „Du weißt es bestimmt?" fragte Florian Geyer mit hoch- gezogenen Brauen. „Götz von Berlichingen sagte es mir, als er wegen des Schutzbriefes in Schönthal war", versicherte Hipler.„Auch bedeutete er mich, daß er den Adel zu uns bringen könnte, wenn wir es wollten. Demnach wäre er der rechte Mann, in anbetracht der sährlichen Lage, in die uns die Voreiligkeit Rohrbach's versetzt, den wir brauchen könnten. Bruder Jörg wird es mir daher nicht übel nehmen, wenn ich rathe, Götz neben ihm zu unserem Feldhauptmann zu machen, so wir ihn gewinnen können." Die Ueberraschung war allgemein und Florian Geyer schlug ein zoringes Hohnlachen auf. Jörg Metzler jedoch, den Hipler wohl schon in Schönthal für seine, bei der jetzigen günstigen Gelegenheit offen hervortretenden Absicht gestimmt haben mochte, sagte:„Ich bin's zufrieden. Wenn einer den Karren aus dem Dreck ziehen kann, in den ihn der Jäcklein gestoßen hat, dann ist's der Götz. Und daß er ein Herz für das Volk hat, das hat er schon mehr wie einmal bewiesen. Wir wissen ja alle, daß er schon manchem armen Teufel wider die großen Hansen zu seinem Recht verholfen hat." „Weil er einen Vorwand zu seinen ewigen Raufereien brauchte," rief Florian Geyer, dessen edles Antlitz finster wie die Nacht geworden war.„Das ist's, was ihm ein falsches Ansehen ini Volk verschafft hat. Wie von ihm, so erzählt es sich von Konz Wirth auf der Halden und anderen Frei- beutern und rühmt sie. Der Götz ist sein Lebtag nichts besseres als ein Wegelagerer und Straßenräuber gewesen. Und der soll unserer gerechten Sache ein Ansehen vor der Welt geben?" „Und weiter als Dreinschlagen kann er nix", grollte der lange Lienhart.„Von Heer- und Kriegsführung versteht er halt nix. Fort mit ihm." Er stieß nachdrücklich sein Schwert gegen den Fußboden. „Und noch eines, Ihr Brüder," ergriff Florian Geyer wieder das Wort.„Ist der Adel noch heut gesonnen wie zu Sichstlgen's Zeit, um so schlimmer für uns. Wir sollen die Katze spielen, mit deren Pfoten der Affe sich die Kastanier ans dem Feuer holt, Ja. die Freiheit will der Adel, aber nur für sich allein; eine Republik will er, aber außer ihm soll kein anderer Mensch darein ein Recht haben. Das hat er damals gewollt, das will er noch heut. Ich bitte und be- schwöre Euch daher, lieben Brüder, stürzet Euch durch solche Wahl nicht selbst ins Verderben." Seine Worte machten Eindruck auf viele Hauptleute, das verrieth die Bewegung, die unter ihnen entstand. Wende! Hipler beeilte sich daher, ihn zu widerlegen.„Heut' zeigt die Sache ein ander Gesicht," äußerte er. Ohne uns vermag der Adel nichts. Er ist daher gezwungen, unsere Bedingungen anzunehmen und danach zu handeln. Darüber aber brauch' ich kein Wort weiter zu verlieren, daß wir den Götz nicht als Feldhauptmann annehmen werden, wenn er auf unsere zwölf Artikel nicht einen körperlichen Eid schwört." „O, er lvird ihn schwören," rief Florian Geyer gering- chätzig.„Denn um oben auf zu bleiben, würd' der Adel sich selbst dem Teufel verschreiben. Was hilft es, dem Falken die Fänge beschneiden, oder Wölfe zu zähmen versuchen? Die Fänge wachsen dem Federspiel wieder und die Wölfe lassen das Würgen nicht, und der Götz hat sie stets als seine lieben Gesellen erachtet." „Dli siehst wirklich zu schwarz, Bruder Florian," meinte der Kanzler. „Und Du willst es gar zu klug anstellen," antwortete jener und stand auf. Mit umwölkten Blicken fügte er hinzu: Magst Du es nimmer bereuen. Vor Würzburg sehen wir uns wieder, Ihr Freunde. Ich will mit dem Götz nichts zu chaffen haben." Er verließ mit seinen Hauptleuten die Stube. Eine Stille herrschte. Der lange Lienhart ließ seine runden Augen grimmig über die Zurückgebliebenen blitzen und rief:„Himmel, Herrgott, ist es denn möglich, daß Ihr den einzigen kriegs- kundigen Atann, den wir haben, von Euch stoßet? Ja, das ist er, und er macht kein Aufhebens von sich und fürchtet den Teufel nicht. Er begehrt weder Ruhm noch Ehren, sondern unsere Sache ist ihm das Höchste. Hat er auch nur mit einem Ton verlautbart, daß sich der Götz ihm bei Möckmühl hat er- geben müssen, und der soll itzt sein Oberster sein!" „Sorge Dich nicht, er bleibt uns unverloren." tröstete Wendel Hipler und vertagte die Sitzung. Florian Geher aber verließ mit seiner Schwarzen Schaar in der Frühe des Ostermontags Weinsberg. Der lange Lien- hart brach ebenfalls auf, uni sich mit den Rothenburgern zu dem Zuge nach Würzburg zu vereinigen. Der Schrecken über 622— fcte Standrechtimg des Helfcnstein und seiner Ritter führte noch selbigen Tages, begleitet von einem Schreiben der Grafen vonHohenlohe, zwei Feldschlangen nebst etlichen Zentnern Pulver und Steinkugeln den Bauern zu. Auch die beiden Grafen von Löwenstein kamen nach Weinsbcrg und erboten sich, in den evangelischen Bund zu treten. Als ein Bürger vor ihnen den Hut abnahm, schlug ihm ein alter Bauer mit dem Schaft seines Spießes über den Rücken und rief:„Dummkopf, die sind nicht niehr wie ich." Breit stellte er sich vor sie hin und befahl ihnen mehrere Male, den Hut vor ihm abzuziehen Sie zogen ihn und er wollte sich schier todtlachen. Von dem Bauernrathe wurde ihnen bedeutet, daß er jetzt nicht Zeit hätte, sich niit ihnen zu beschäftigen, und sie mußten zu Fuß, in Bauerir tracht und weiße Stäbe in den Händen im Haufen mitgehen als dieser Tags darauf nach Hcilbronn aufbrach. Die Vorhut bildete Jäcklein Rohrbach's Schaar und ihr voran schritt die schwarze Hofmännin. Ihr runzeliges Antlitz leuchtete wie der jüngt. Siegfroh blickte das zertretene Volk in die Zukunft. Neuntes Kapitel. Die Hairsfrau des Ritters mit der eisernen Hand lag im Kindbett. Das frohe Ereigniß fand keinen Spiegel in den Mienen Götze's, der in der Stube nebenan auf den dicken Tuchsohlen seiner Hausschuhe auf und ab ging oder zeitweilig an einem der Fenster stehen blieb. Auf dem schweren Eichentische stand eine Kanne mit Ncckarwein; aber er trank nicht. Es war ein unfreundlicher Tag. Ein kalter Westwind peitschte den unaufhörlich nicderrauschendcn Regen gegen die schmalen in Blei gefaßten Burgfenster, entstellte die Schönheit des Thales und gab dem Neckar, der in der Tiefe an der Hornburg vorübcrglitt, ein graues Ansehen. Die Stimmung des Burgherrn glich dem Tage: Gegenwart und Zukunft ein unheimliches Grau, und fröstelnd zog er den mit Pelz gefütterten Hausrock enger um seine gedrungene Gestalt. Wiederholt rieb er sich mit der Rechten, die er allein noch besaß, über die runde Stirn und den kahlen Scheitel, aber es wollte kein glücklicher, kein erhellender Gedanke herausspringen. Wohl hatte er gleich nach seiner Rückkehr von Schönthal den fränkischen Adel zu einer Versammlung eingeladen, jedoch nur einige wenige hatten sich eingefunden. Denn die That von Weinsberg war da zwischen getreten und sie trieb die große Mehrzahl in die Arme der Fürsten, während die anderen sich beeilten, auf Grund der zwölf Artikel ihren Frieden mit dem Bauernheere zu schließen. Seine eigenen Brüder waren deni evangelischen Bunde der Bauernschaft beigetreten. Im ersten Schrecken hatte er seine Kostbarkeiten und wich tigen Papiere nach Frankfurt geftüchtet, war aber unverrich teter Sache zurückgekehrt. Denn die Stadt hatte sie nicht anders in Verwahrung nehmen wollen, es sei denn, daß er auf jeden Schadenersatz verzichtete, wenn sie in der Revolution, die ja auch Frankfurt bedrohte, verloren gehen sollten. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn er nicht nach Schönthal geritten wäre. Was sollte er beginnen, wenn Wendel Hipler seiner Ein ladung folgte? Wollte er noch geschwind wie so viele seiner Standesgenossen in die Dienste eines Fürsten treten, so würde er dadurch nur um so schwerer den Zorn der Bauern auf sich ziehen, und nahm Hipler ihn bei seinem so gut wie gegebenen Worte, wie wollte er sich vor dem Schiväbischen Bunde rechtfertigen? Er hatte in diesem schon so wie so manchen Feind, und wiederum lag für ihn eine gewisse Süßig keit in dem Gedanken, es ihnen vergelten zu können, wenn er die Hand der Bauern ergriff. Daß sie die Hand ihm ent gegenstrecken würden, daran konnte er nicht ziveifeln, hatte er doch die untrüglichsten Beweise dafür. Florian Geyer war von Weinsberg zunächst nach Neckar- sulm zurückgegangen, um das dortige Geschütz an sich zu nehmen und war dann auf seinem Wege nach Würzburg den Neckar abwärts bis zu Gundelsheim gezogen, welches Städtchen ganz nahe der Hornburg lag. Die Schwarze Schaar war zwar weiter geeilt, ohne sich um Götz zu kümmern; allein nach ihr kamen die Streisrorps des hellen Haufens, der bei Heilbronn lag. Sie schwärmten nach allen Richtungen hin, plünderten die Klöster, verbrannten die Zinsrollen und zwangen die Burgherren, in die evangelische Brüderschaft zu treten. Götz von Berlichingen sah bald hier, bald dort den Himmel von Feuerschein geröthet. Eine von diesen Streifschaaren, denen Gundelsheim zum allgemeinen Sammelplatz bestimmt war. folgte den Spuren Florian Geyer's. Nachdem sie das Schloß zu Ncckarsulm vollends ausgeräumt hatte, setzte sie sich auf dem deutsch- herrischen Schlosse Scheuernberg, das für besonders fest galt, an die eben gedeckte Tafel, von der die Ordensritter bei ihrer Annäherung jählings entflohen waren. Ebenso tapfer benahm sich der Kommenthur von Schloß Horneck, das zwischen Götze's Burghaus und Gundelsheim lag. Trotzdem er der Stadt seinen Schutz mit großen Worten zugesichert hatte, entwich er mit dem Konvent. Kleider, Briefe und selbst die 5Ueinodicn im Stiche lassend. Nicht weniger als fünf Wagen konnten die Bauern mit Hausrach, Mehl, Korn und Wein beladen. Und jetzt rückte der helle Haufen heran. Sein Reiter- knabe, den Götz nach Gundelsheim geschickt, hatte gegen Mittag die Nachricht davon gebracht. Es hatte keiner Gewalt bedurft, um die freie Reichsstadt Heilbronn in den evangelischen Bund zu bringen. Das Erscheinen der bewaffneten Schaaren, denen der jammervolle Einzug der Gräfin von Hclfenstein vorausgegangen war, hatte vollendet, was die Spaltung im Stadtrathe, der Hochmuth der Patrizier, die revolutionäre Partei, zu der viele wohlhabende, ja reiche Bürger zählten, und der Hunger der Armen längst vorbereitet hatte. Ein solch reicher Mann war der Bäcker und Weinschänk Hans Müller, genannt Flux, auf der Deutschhausgasse, und seinen Vermittelungen hatte es die Stadt zu danken, daß keinem Rathsherrcn noch Bürger ein Leid geschah, sondern die Bauern mit einer Brandschatznng von 85tX) Gulden, die sie den Klöstern auferlegten, sich zufrieden gaben. Nur das Haus des Deutschen Ordens wurde gründlichst ausgeplündert, da dessen Kommenthur hier wie überall, durch seine feige Flucht den Orden schändete. Auch hier waren es wie überall dessen Unterthanen, die am fleißigsten rafften und wegttugen. Hans Flux war mit Jörg Metzlar verwandt, ein Bruder von ihm saß im Rathe der Bauern und deren Schultheiß, Hans Reytcr aus Vierlingen, ivar sein Schwager. Er wußte sich mit dieser Verwandtschaft nicht wenig, wie er sich denn gern aufspielte und zu verstehen gab, daß er in die geheimsten Pläne der Bauern eingeweiht sei. Aber er ivar ttotz seines Radikalismus, der ihn nach Neckarsulm und Weinsberg geführt hatte, ein guttnüthiger Mann und er liebte seine Vaterstadt. (Fortsetzung folgt.) Das Zauberutef-n»nter den Indianerstamme« Nordamerika's.') Die Jndianerstämm« Nordamcrika'S glauben an einen guten und an einen bösen Geist. Ihr Kult gilt aber mehr dein bösen. Der gute Geist besitzt nicht die Schlechtsakeit, ihnen Böses anzuthnn und sein natürlicher Trieb, Gutes zu chiht, braucht nicht angeregt zu Iverden. Alles kommt nur darauf an, den bösen in Schach zu halten und seinen Zorn nicht heraufzubeschwören. Es ist ihr eifrigstes Bemühen, denselben sür ihre Person und für ihre Unter» nehmungen günstig zu stimmen. Naht die Zeit der Jagd, dann fasten die Jäger mehrere Tage lang, legen sich allerhand körperliche Bubübungen auf, machen sich sogar Einschnitte in Arm und Bein, um den bösen Geist zu beschwichtigen und ihn zu veranlassen, daß er das Wild nicht vcttreibe. Der böse Geist hat in jedem Stamme einen oder mehrere Minister, die unmittelbar mit ihm verkehren, den oder die Zauberer. Dem ganzen Stamm gilt dieser als ein über der gelvöhnlichcn Menschlichkeit stehender Mensch. Er hat geheimnistvolle Gebräuche und Zeremonien, die er allein im Dickicht des Waldes, in den Wüsteneien und in dunklen Höhlen verrichtet. Seine Macht ist groß, denn die Geister gehorchen ihm. Nach Willkür sendet er Krankheit, Hunger und Tod unter diejenigen, die ihn beleidigt und erzürnt haben, verleiht aber Gesundheit und Glück, wenn sie ihm gehorchen. Bei Gelegenheit großer Festlichkeiten spielt er die Hauptrolle; er schmückt sich mit Federn und kostbaren Pelzen, verunstaltet mit Farben Gesicht und Leib, murmelt unverständ« liche Worte, heult wie ein Verrückter. macht tausend Turn« Übungen und die drolligsten Bewegungen, springt, fällt, tanzt, dreht ich unaufhörlich im Kreise gleich einem Besessenen. Dann erklärt er die Träume der Fragenden, verspttcht den Kriegern und Jägern glücklichen Erfolg, schaut in die Zukunft und redet von Sachen, die in weiter Ferne geschehen. Die Liebe des Stammes besitzt er nicht, er ist unnahbar, er ist grausam. Man kennt die fürchterlichen AuS» chreitungcn seiner ungeregelten Leidenschaften, man weiß, daß er Ninister des bösen Geistes'ist und mehr von dessen hätzlichcn Eigen» 'chaften besitzt als ein anderer. Er ist besonders der Arzt, der „Medizinmann" des Lagers. Nur er kann die Quelle und die Nawr der Krankheit crrathen und er allein die zur Heilung nöthigen Heilmittel verschreiben. Ruft man den Hcxemncister zu einem Schwerkranken, dann läßt er sich eine Hütte bauen, in der er sich mit dem Geiste berathen kann. Jni Nu ist von den dienstbeflissenen Wilden die Baracke her- gerichtet. Sechs Pfähle werden in die Erde gerammt und oben mit einander durch Aeste verbunden. Das Gerüst wird mit Kleidern *) Aus der„Kölnischen Volkszeitung/ und Baumrinde bedeckt und oben wird eine kleine Oeffnung gelassen zum Durchzuge der Geister bei ihrer Ankunft und Abreise. Be- wasfnct mit seinem Manitu(die besondere„Gottheit" eines jeden Wilden) kriecht der Zauberer auf Händen und Füßen in sein Heilig- thum. Jedes Feuer im Lager muß ausgelöscht werden, um nicht die Geister zu erschrecken. Alsdann beginnt die Zeremonie der Anrufung derselben. Die anfangs leise Stimme wird allmälig stärker, das Piano und Adagio wächst zum Forte und zum Fortissimo, und endet mit einem entsetzlichen Heulen und Brüllen. Die Hütte selbst scheint erschüttert, verhext zu sein; sie rührt sich, sie biegt sich, sie kriimmt sich bis zur Erde nnt solch' einer Gewalt, daß man meinen sollte, die Pfähle müßten brechen. In der Meinung der Wilden giebt der Böse durch alle diese Zeichen seine Ankunft zu erkennen.„Der Geist ist da. diese feine, diese grelle Stinmie ist die seimge", jubeln laut die Draußenstchendcn. Sie wenden sich alsdann vertrauensvoll an ihn und bitten ihn, daß er auch seine Gesellen wolle kommen lassen. Unharmonische Töne und verworrene Stimmen beweisen, daß der erste Geist Verstärkung erhalten. Jetzt beginnt das Fragcstellen. Was ist es für eine Krankheit? Wer oder was hat sie verursacht? Wie wird sie be- seitigt? Man nutzt die Gelegenheit aus und ftagt über andere Sachen. Wann werden die Jäger heimkehren? Haben sie Glück gehabt? Wie lange dauert noch der Winter? Ein jeder kommt mit seinen Ungewißheiten und Zweifeln heraus, denn der Geist ist ja allwissend. Die Heilmittel, die infolge dieser Unterredung mit dem Geiste vorgeschrieben werden, sind mitunter recht drollig. Fcstgelage. Tanz, Spiel werden gewöhnlich ver- ordnet. Es geschieht auch, daß der Zauberer als Ursache der Krankheit, die ein ganzes Lager ergriffen hat, eine in der Achtung aller gesunkene Person angiebt und deren sofortigen Tod unabweis- bar fordert. Interessant ist die„Heilung" des Kranken durch die Trommel. Ueberhaupt spielt dieses Instrument unter den Wilden eine bedeutende Rolle. Ein ordentlicher Trommellärin versetzt sie in Verzückung. Sogar die Geister können dem zauberischen Klang der„allmächtigen" Trommel des Zauberers nicht widerstehen. Die Heilung durch die Trommel geschieht auf folgende Weise: Der Zauberer reibt zuerst mit kräftiger Hand die wunde Stelle. Dann rührt er mit nicht ge- ringerer Heftigkeit seine Trommel. Durch diesen Lärm soll das Thier, welches er in sich zu besitzen vorgiebt, und das entweder ein Frosch, ein Fischotter oder eine Natter ist, aus des Bauches Tiefe oben in die Mundhöhle kommen. Er braucht nunmehr nur den Mund an die geriebene kranke Stelle zu legen, und das Thier, das im Munde ist, sangt allerhand Gegenstände, wie kleine Knochen, Eisenftücke, Haare, Leder und dergleichen aus dem Körper der Kranken. Mit Befriedigung zeigt der Quacksalber die Krankheitsstoffe den Um- stehenden. Hält er die Krankheit nicht für tödtlich. oder steht ihm eine gute Belohnung in Aussicht, so verspricht er eine gute Wendung zum bessern. Fühlt sich der Patient, beherrscht durch seine Ein- bildungskrast, nachher wirklich besser, so ist das für den Zauberer Wasser auf seine Mühle; hat die Krankheit einen schlimmen Ausgang, so weiß die fertige Zunge stets alle Schuld abzuwälzen. Nicht minder' absonderlich als die Kur des Aussaugens der Krankheitsstoffe ist jene andere Methode, bei welcher der Zauberer in den Mund, die Ohren und die Nase des Patienten mit volle» Backen pustet, um, wie er sagt, wieder das Leben und die Gesundheit in den Körper einzuführen. Die Geister sind aber in ihren Launen unberechenbar und lassen manchmal ihre treu ergebenen Minister im Stich. Da war einmal in einem Jndianerstamme eine ansteckende Krankheit ausgebrochen. Der herbeigerufene Zauberer schlug sein Zelt auf und machte seine Kunststücke; aber es half nichts. Er machte den Vorschlag, große Festgelagc und Tänze zu veranstalten. Während die einen mit unbeschreiblicher Gefräßigkeit volle vierundzwanzig Stunden unnnter- krochen den: Bären- und Büffelbraten zusprachen, ergötzten sich die andern, angcthan mit Holzmasken und glühende Eisenstücke zwischen den Zähnen haltend, an wilden Tänzen. Als auch dieses fehlschlug, rief der Hexenmeister in voller Verzweiflung eimge Gesellen zur Hilfe. Ein alter Invalide, halb erblindet und taub auf beiden Ohren, erklärte, daß er zehn Tage fasten wolle, um Erleuchtung vom Geiste zu erhalten. Nach Ablauf dieser Zeit erklärte er, daß es zur Abivendung der Krankheit nichts weiter bedürfe, als Stroh- Halme auf ein jedes Zelt zu stecken; das würde die Geister ver- scheuchen. Vergeblich. Die Indianer waren voller Verzweiflung. Die Männer warfen Tabak ins brennende Feuer, und einer nach dem anderen erhob sich und hielt dem Teufel eine Standrede; die Frauen liefen ums Lager herum und schrien und lärmten zum taub werden. Obgleich alle Zauberer hier gründlich hineingefallen waren, zogen sie sich doch durch einige unverfrorene Anschuldigungen der Kranken aus der Patsche.— Nloines Feuilleton — Eine chinesische Schule. In seinem soeben erschienenen Bilche„Schantung und seine Eingangspforte Kiautschou" schildert von Richthofcn einen Besuch in einer chinesischen Pensionsschule von Wangkiaying in folgender Weise:„Ehe wir von Wangkiayinq ab- fuhren, besiichte ich eine der eigcnthümlichcn chinesischen Pensions- schulen, welche nahe dem Gasthaus lag. Ein langer, behäbiger, und im Bewußtsein seiner klassischen Gelehrsamkeit stolzer Chinese mit einer Hornbrille war der Lehrer. Er hatte acht Schüler, Knaben von 10 bis 14 Jahren, welche Schreiben und Lesen lernten. Sie saßen in einem inäßig großen Zimmer. Jeder hatte einen Stuhl und einen Tisch, auch standen einige Schlafftätten in dem Gemach. Ein zweiter Raum enthielt ebenfalls einige Schlafftätten; er diente gleichzeitig als Speisesaal. Ein Hosraum, fünf Meter lang und 4 Meter breit, vollendete das Institut. Die Knaben gehörten den Mittelständen an; sie sahen intelligent und geweckt aus und legten uns ihre recht guten Schriftproben vor. Der Lehrer sagte, daß die Jungen für ein Jahr bei ihm aufgenommen wären und den ganzen Tag über arbeiten müßten l Spielstunden und Bewegung würden ihnen nicht gegönnt. Sie schlafen in der Schule, und der einzige Ort, an dcm'sic das Sonnenlicht sehen können, war der kleine Hof, nach dem auch die Zimmerfenster gingen. Es ist ein Prinzip der chinesischen Schulerzichung, daß der Geist während der Lehrjahre auf einen Gegenstand konzenrrirt sein nniß. Zu verwundern ist es, wie die kleinen Köpfe im stände sind, sich den ganzen Tag, wenn auch in einer durchaus mechanischen Weise, geistig zu beschäftigen. Der erste Schreibuntcrricht besteht im Nachmachen verschie- dcncr Schristzeichcn auf durchsichtigem Papier. Die Vorschrift ist in dicken starken Strichen gemalt, und der Schüler lernt den Pinsel halten und gebrauchen. Er muß dieselben Charaktere sehr vielcmale immer wieder malen, um sich an ihre Form zu gewöhnen und genau die festuormirte Zeitfolge kennen zu lernen, in welcher die einzelnen Striche zu machen sind. Auf die Aussprache und die Bedeutung wird zunächst leine Rücksicht genommen, da der Schüler eben nur eine große Anzahl fester Bilder im Kopfe behalten soll. Es wird' vor- ausgesetzt, daß, wenn dies erreicht ist, die Verbindung der Ideen mit den Bildern ihm später leicht fallen wird und er ohne Schwieng- keit vieles hinzulernen kann. Es ist schwer, sich eine Vorstellung von der psychologischen Wirkung zu niachen, welche diese Art des Erlernens der Bcgriffszcichen haben muß, da sie sehr weit von der verschieden ist, welche mit dem Erlernen der Buchstabenschrift ver- bundcn ist. Einerseits zwängt diese Methode die Dcnkthätigkeit in bestinmite Formen und trägt jedenfalls zu der Pedanterie bei, welche den Schriftkundigen späterhin eigcnthümlich bleibt. Anderer- scits entwickelt die Schristkunde an sich, wegen der Verbindung jedes einfachen Schriftzeichens mit ganzen Bereichen von Ideen, den Geist, besonders wenn sie in geschickter Weise gelehrt wird. Mein Besuch schloß mit einer kleinen Epilode, welche, diesen Unterschieden des Lehrsystems gegenüber, die internationale Aehnlich- keit der Schüler zeigte. Einer der Knaben mit einem hübschen und klugen Gesicht zupfte mich am Rockschooß und bat durch Pantomimen verstohlen um eine Zigarre. Durch andere Knaben, die sofort auf seiner Seite waren, vor den Blicken des Lehrers geschützt, streckte er die Hand unter dem Tische vor. In krassem Verstoß gegen die pädagogischen Prinzipien, über die ich eben noch nachgedacht hatte, erftilltc ich die kleine Bitte, die hier im Innern China's,' weit entfernt von Europäern und von Orten, wo man Zigarren raucht, an mich gerichtet wurde. Offenbar war schon vor mir ein Fremder von laxen Grundsätzen in dieser Schule gewesen."— Kulturhistorisches. — Ein unheimliches Z e u g n i ß erhielt vor hundert Jahren, am 1. September 1703, der Scharfrichter von Tecklen- bürg, Jobst Stolle, ausgestellt:„Daß der Scharfrichter Jobst Stolle zu Tecklenburg, Bruder der Scharfrichterin Maria Jungmann, den für einige Zeit hier zu Hallenberg inhaftirt gewesenen Heinrich Scheucring wohl und zu meinem besonderen Vergnügen enthauptet, und auch zu meines Brudes, des Syndici Zeiten einen daselbst inhaftirtcn Dieb über die Matzen wohl gehenkt hat, also daß man in dergleichen Fällen wohl und ergötzlich von ihm bedient wird, solches bescheinigt hiermit nach Gebühr Joseph Heerde, Gaugraf zu Meeste im Amt Wollbach."—, Völkerkunde. — Auf dem Anthropologen-Kongreß in Braunschweig sprach in der letzten Sitzung Pros. Fritsch über die Entstehung der Rassen merkrnale desmenschlichenKopfhaares. Zunächst niüsse man sich klar machen, wie das Haar überhaupt entsteht, um die Entstehung des Rasscnhaares zu begreifen. Es wird die Masse des Haares aus wuchernden Zellen gebildet, die durch seitlichen Druck zusammengepreßt und mit einander verklebt, die zugleich aber in einer bestimmten Richtung vorwärts getrieben werden. Die Stelle, wo die Wucherung erfolgt, heißt Haarpapille; die zum Knäuel geformten wuchernden Zellen bilden die Haarzwiebel; den Druck liefert die Umhüllung, der Haarbalg. Aus den Wurzelscheiden wird der Haarpapille neuer Zcllenstoff zugefühtt. Was nun die einzelnen Rasscnmerkmalc des Haares betrifft, so ordnen sie sich etwa nach folgenden Gesichtspunkten: Gnippirung auf dem Haarboden, Einpflanzung(senkrecht oder schief- winklig), Querschnitt, Färbung, Krümmung, endlich die Umbicgung des unteren Haarwurzelcndes und das ivechselnde Auftreten der Anhangsdrüsen der Haare. Von überaus einschneidender physiologi- scher Bedeutung ist die Färbung des Haares, die vor allen Dingen weiter aufgehellt werden sollte. Unzweifelhaft ist die Haut der dunielgefärbten Rassen im höheren Maße Ausscheidungsorgan als die der weißen. Das ergiebt sich schon aus der Thatsache, daß dunkelhäuttge Menschen nicht nur ungestraft, sondern sogar mit Behagen in der Sonne liegen, während die Haut des Weißen sofort den stärksten Sonnenbrand unter Blasen- bildung und unter Abstoßung von Haut zeigen würde. Dabei fühlt sich die schivarze Haut weich und kühl, sammctnrtig an, während die schwachqefärbte Haut heiß, trocken und rissig wird. Diese Ver- schiedeuhcit ist nur durch eine größere Verdunstuugskälte bei der schwarzen Haut zu erklären und diese setzt wiederum' einen stärkeren Sästezufluß voraus. Wo lebhafter Stoffwechsel und reichlicher Säfte- zuflriß auftritt, da Pflegt im Organismus Farbstoff abgeschieden zu werden, und so erscheint unter solchen Bedingungen die kräftigere Färbung auch an den Haaren. Sehr lehrreich war für diese Ver- hältmfse eine der zu dem Vortrag vorgelegten Photographieen, die die Kopfhaut einer bereits ergrauenden Sudanesin darstellte. Es lassen sich an dieser alle Stufen der Farbstoffzufiihrung bis zum völligen Mangel des Farbstoffes Wahnrehmen. Man sieht, wie die farbstoffführenden Zellen durch die Papille in den umgebenden Lymphraum hindurchtreten und sich zwischen die Zellen der Haar- zwiebel eindrängen, um ihren Farbstoffgehalt weiter hinauf in die Haarzellen zu verbreiten. Dabei handelt sich's stets um einen ent- schieden kräftigen bräunlichen oder schwärzlichen kömigen Farbstoff, der schließlich zwischen den Haarfaserzellen, seltener in' dem unsicher auftretenden sogenannten Marke des Haares geftinden wird. Ein anderer, gelöster Farbstoff erscheint besonders bei rothcn Haaren gut ausgebildet. Die rothhaarigen Menschen sind im übrigen farbstoff- arm, wie sich an der ungewöhnlichen Weiße der Haut, durch die das Blut hindurchschimmert, leicht erkennen läßt. Die Roth- haarigkcit ist also eine konstitutionelle Erscheinung und kann als Einzclabweichung auch unter sonst dunkelgefärbteir Rassen auf- treten.— Aus dem Gebiete der Chemie. SS. Ein neues, unsichtbare Strahlen aus- sendendes Metall. Eine bedeutsame Nachricht, die freilich in einigen Punkten noch der Bestätigung bedarf, komnft aus den Kreisen der Pariser Akademie der Wissenschaften. Einmal ist ein Metall ent- deckt, daß entweder bisher ganz unbekannt war oder wenigstens einen bisher unbekannten Stoff enthält; dann besitzt dieses Metall in außerordentlich hohem Grade die Eigenschaft, unsichtbare Strahlen auszusenden. DaS Ehepaar Curie, dem die neuen Unter- suchungen zu verdanken sind, wurde dazu angeregt durch die be- kannte, vor etwa zwei Jahren von Becquerel gemachte Entdeclnng, daß die metallischen Elemente llranium und Thorium unsicht- bare Strahlen aussenden, die ähnlich wie die Röntgen'schen Strahlen auf die photographische Platte wirken, aber nicht wie diese, elektrische Körper zur Entladung bringen. Es war zunächst festgestellt worden, daß gewisse Mineralien, die Uranium und Thorium enthalten, nämlich Pechblende. Chalkolith und Uranit, solche unsichtbare Strahlen in noch stärkerem Maße aussenden, als Uran und Thor selbst in reiiiem Zustande. Daraus war zu schließen, daß diese Mineralien noch einen anderen Stoff, wahr- scheinlich ebenfalls ein Metall, enthielten, das diese Eigenschaften in noch stärkerem Maße besäße, als jene beiden Elemente. Sie ver- suchten nun, diesen stark sftahlcngebeuden Stoff aus der Pechblende abzuscheiden. Wir wollen hier nur anführen, daß aus der Pech- blende, die für sich Lhzmal stärkere Strahlen aussandte als reines Uranium, nach Ausscheidung des enthaltenen Uran und Thor ein Stoff übrig blieb, der noch viel stärker wirksam war. In demselben waren nachlvei-Zbar Blei, Wismuth, Kupfer, Arsen und Antimon enthalten. Da diese Metalle gar keine sogenannten„Uran-Strahlen" aussenden, so mußte noch ein besonderer Stoff neben ihnen vorhanden sein, dem diese Wirkung zuzuschreiben war. Es handelte sich nun darum, diesen von seinen eben aufgeführten Begleitern zu trennen. Das Blei, Kupfer. Arsen und Antimon konnten leickit ab- getrennt werden, aber das Wismuth blieb zunächst mit dem rathsei- haften Metalle eng verbunden. Schließlich gelang es jedoch, wenn auch vorläufig noch' unvollkommen, auch das Wismuth abzulösen. Man erhielt dadurch Stoffe, die immer stärkere Strahlen abgaben, bis sich der Grad dieser Eigenschaft soweit steigerte, daß er die Wirkung der Strahlen des reinen Uran um etlva das 400 fache über- traf. Das Ehepaar Curie untersuchte nun alle möglichen bekannten Elemente, auch die allerscltensten, daraufhin, ob eines von ihnen vielleicht so starke Strahlen aussandte und daher mit dem ab- geschiedenen Stoffe Hütte identifizftt werden können, aber nur das Metall Tantal zeigte sich überhaupt noch in dieser Art wirksam, jedoch in noch geringerem Maße als Thor und Uran. Danach nehmen Curie und Frau vorläufig an. daß sie e i n b i S h e r u n- bekanntes metallisches Element entdeckt haben, dem sie den Namen Polonium geben. Die Untersuchung des Stoffes im Spektralapparat hat bisher. keine eigenartige Linie ergeben, jedoch wird darauf hingewiesen, daß auch andere Elemente, wie gerade Uran, Thor und Tantal besondere Spektra haben, die aus unzähligen feinen, schwer erkennbaren Linien bestehen. Wenn auch das angebliche neue Element ein solches Spektrum besäße, so würde letzteres leicht übersehen werden können. Wenn sich diese Ent- deckungen ganz bestätigen, so würde in diesem Jahre nach dem Krypton, Neon, Metargon uud Corouium in dem Polonium schon das fünfte neue Element auf der Erde entdeckt worden sein. Das Jahr 1898 wäre dann schon jetzt in dieser Hinsicht das ereignitz- reichste in der ganzen Geschichte der Chemie.— Astronomisches. — Die Perseiden. In dieser Woche werden die Nächte verschönert durch das häufigere Aufleuchten von Sternschnuppen. Dieselben zeichnen sich dadurch auS, daß die größere Anzahl der- selben aus dem am Nordosthimmel stehenden Sternbilde des Perseus herzukommen scheint, woher sie auch ihren Namen erhalten haben. Seit mehr als 1000 Jahren ist dieser Meteorschwarm immer um die Zeit des 10. August beobachtet worden. Er erhielt im Volksmunde den Namen„Thränen des heiligen Laurentius", weil das Fest dieses Heiligen auf diesen Tag fällt, r Bemerkenswerth ist auch, daß diese Meteore in weißem Lichte erglänzen, sehr rasch ihre Bahn durcheilen, und daß die helleren unter ihnen eine oft mehrere Sekunden leuchtende Spur, den sogenannten Schweif, zurücklassen. Da diesmal der Mond schon sein letztes Viertel passirt haben wird, so wird da? Phänomen, welches in den einzelnen Jahren verschieden stark auftritt, durch Mondschein nicht geschwächt.— Technisches. — Neue Schwungräder. Um die verheerenden Explo- sionen der schweren gußeisernen Schwungräder zu vermeiden, hat man nach der„Techn. Rundschau" in Amerika neuerdings Versuchs- weise Schwungräder ganz ohne Felge gebaut. Sie haben Stern- form, tragen also nur Speichen und an deren Enden hohle Kugeln, die mit Wasser gefüllt sind. Ein Vorzug ist die Möglichkeit, sie durch geeignete Bemessung des einzufüllenden Wassers vollkommen ausbalanciren zu können, andererseits aber sind sie offenbar viel leichter und weniger leistungsfähig als die alten Schwungräder mit massiv gegossener Felge. Die Gebrüder Mannesmann sicherten sich früher in zweckmäßigerer, allerdings auch kostspieligerer Weise gegen ein Zerspringen der'Schwungradfeigen ihrer Röhrenwalzwerke, indem sie sie aus Draht herstellten.— Humoristisches. — Wie die Alten s u n g e n... B a t e r(BcamterZ:„Ja, warum ballst Du denn so die Hände hinter dem Paulchen und wirfst ihm so böse Blicke nach?" Der kleine Arthur:„Ja, Papa, wir spielen Beamte und der Paul ist mein Vordermann."— — Eine reizende Familie.„Wer sind denn die Leute da drüben, die Du so artig gegrüßt hast?" „Jck> bin Hausarzt dort. Der Mann hat die Gicht, die Frau ist nervös und die Tochter leidet am Herzen— eine ganz reizende Familie!"— Variante. Wo man nnr Klavier spielt, laß Dich ruhig nieder; Bösere Menschen singen außerdem noch Lieder.— („Megg. hum. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Gewitter, Sturm und W o l k e n b r ü ch e haben Anfang der Woche in fast allen Gegenden Deutsch- lands großen Schaden angerichtet. Eine Windhose riß in Berlebeck 15 Dächer ab. In S ch l e s i e n wurden eine ganze Reihe Bauernhöfe durch Blitzschläge in Brand gcsetztnnd zerstört. Mehrere Feldarbcirer und zwei Gutsinspektorcn wurden auf den Feldern vom Blitze erschlagen. Bei dem Dorfe M ö g e l i n in der Mark kamen ein Müller und ein Dienstmädchen durch Blitzschläge ums Leben. Fast das ganze Rheinland, nicht nur Köln und Umgebung, hat durch Sturm und Hagclschlag sehr gelitten. Anderthalb Stunden nach dem Unwetter wurden Eisstücke aufgelesen, die größer waren als Taubcneier. Auch in W e st f a l e n hat das Unwetter arg gehaust.— — Um einem dringenden Bedürfniß zu entsprechen, schickt eine Dresdener Gesellschaft am l. September einen R e i s e n d e n um die Erde, der von allen Orten, die er berührt, an die darauf abonnirten Personen Ansichtskarten senden soll.— — ReblauSherde sind in den Weinbergen von E u l a u, S ch e l l s i tz und Freybnrg entdeckt ivorden.— — Nach dem Genüsse von W u r st erkrankten auf dem Gute H a r d e b e ck bei N e u m ü n st e r sämmtliche Bewohner. Zwei starben bald darauf; die anderen liegen krank darnieder.— — Nach den: Genuß in F ä u l n i ß übergegangener Waldbeeren erkrankten drei Kinder eines Handwerkers in Hagen. Eins ist inzwischen gestorben, die anderen schweben in Lebensgefahr.— — Ein Gut brannte in C a m m e r a u nieder. Die Frau des Besitzers und seine erwachsene Tochter kamen in den Flammen um. Ein Feuerwehrmann wurde schwer verletzt.— y. In K r a s s o w a bei L e s ch>v i tz wurde eine Dienstmaad ermordet. Ihr Dienstherr, der sie im Zorn mit einer Sense getödtet haben soll, wurde verhaftet.— — Mit Salzsäure begoß eine Schneiderfrau in Wien aus Eifersucht ihren Schwager. Er wurde schwer im Gesicht und am Vorderarm verletzt. Dann trank sie selbst von der Flüssigkeit und verbrannte sich innerlich schiver.— — DaS Syndicat maritime de France schreibt einen internationalen Wettbelverb aus, um Mittel zur Ver- meidung von S ch iffs un g lü ck en und zweckmäßige R e t t u n g s a p p a r a t e zu finde».— — Eine große L o d z e r Wollspinnerei ist vollständig vom Feuer zerstört worden. Der Schaden bettägt über anderthalb Millionen Rubel.— Verantwortlicher Redakteur: August Jaeobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.