Mnterhattmlgsblatt des vorwärts Nr. 158. Sonntag, den 14. August. 1898 (Nachdruck verboten.) 54] Mm die Freiheit. Geschichtlicher Noman aus dem deutschen Bauernkriege 1323. Von Robert Schwei chel. Um diesen Krebsschaden auszuschneiden, hatte Wendel Hipler vorgeschlagen, daß fortan jeder, der zum Zuzug aufgemahnt würde, bis zur Beendigung des Volks- krieges bei der Fahne verbleiben müßte. Es gelang aber ihm und den Rathen nicht, die Bauern davon zu überzeugen, wie nothwendig zu ihrem eigenen Wohle die vorgeschlagene Bestimmung sei. Eben wie Götz dem Ring sich näherte, erhob sich ein übettviegend Mehr der Hiinde auch hiergegen. Ein Dorfschneider hielt Götz seinen Spieß vor und forderte ihn auf, sich gefangen zu geben und vom Pferde zu steigen. Götz, der weit und breit gefürchtcte Haudegen, vermochte über das komische seiner Lage nicht zu lachen.„Du hast gut reden," antlvortete er,„so viele hast Du um Dich stehen; wenn Du nüch draußen im Feld allein fingest, wollte ich Dich loben. Ich bin doch zuvor gefangen." „Und ich sag' Dir, es ist Dein Tod, wenn Du nit unser Hauptmann wirst," drohte der Schneider. „Ich will aber nicht!" „Daß Dich Gott's Marter schänd'. Du mußt," fluchte der Dorfschneider.„Herunter vom Pferd!" Götz stieg ab und jener führte ihn in den Ring. Die erregten Stimmen der Räthe und des Haufens bedeuteten ihm, daß die Zeit des Hinhaltens vorüber sei.„Wohlan denn," sprach er,„da Ihr mich also dränget und zwänget, so sollet Ihr wissen, daß ich nicht anders handeln will, sofern mir Gott die Gnade giebt, denn was ehrlich, redlich und christlich ist und ehrenhalb geziemt und gebührt; und wo Ihr nicht ehrliche und christliche Handlungen vornähmet, wollt' ich eher sterben, als mich zu Euch bewilligen. Wenigstens werd' ich nicnials in eine so tyrannische Handlung willigen, wie die Ermordung von Weinsberg war." „Es ist geschehen," antwortete ihm Jörg Metzler mit cincnl Achselzucken,„wo nicht, geschah es vielleicht nimmer." „Die Verräther und Pfaffensrcunde müssen alle dran," gellte eine weibliche Stimme und die Bauern schlugen klirrend ihre Wehren zusammen. Die schwarze Hofmännin schrie es. Seitdem Jäckleiu Rohrbach nach Maulbronn gegangen war, zog sie mit dem hellen Haufen. Die Bauern sahen mit scheuer Ehrfurcht seit dem Tage von Wcinsberg auf sie. Sie hielten sie für eine Prophetin und glaubten an ihre übernatürliche Macht. Götz gelobte, ohne jede Bedingung, auf vier Wochen zu- nächst ihr Haupünann zu sein und leistete den Eid aus die zwölf Artikel. Kaum aber saß er mit den Hauptleutcn in der Herberge, so begann er an den Artikeln zu mäkeln. Sie sollten der Obrigkeit wieder gehorsam sein, verlangte er, Zinsen, Gülten und Frohnden leisten, wie es Herkommen sei und die Beseitiglmg aller Mängel ihren Herren anheimstellen. Die Bauern lachten ihn aus und er brauchte für Spott nicht zu sorgen. „Meinet Ihr, daß wir Euch darum zum Hauptmann ge- macht haben<" fragte Wolf Gerber von Oehringen mit stechenden Blicken.„Dann hätten wir keinen Aufstand zu machen nöthig gehabt, sondern hätten ruhig daheim bleiben können." Hans Flur warnte ihn, das sei ein böslich Gelüsten. Götz bestand vorläufig nicht weiter darauf. Jedoch er- langte er das Versprechen, daß die festen Häuser und Burgen der Edelleute auf dem weiteren Zuge verschont werden sollten. Daß dieser Zug auf Würzburg ging, war ihm sehr wider den Strich. Er brauchte, um sich in seiner Stellung zu befestigen, einen Erfolg und er fürchtete, daß sein Feldherrntalent die Probe durch die Belagerung des sehr starken Marienberges schlecht bestehen würde. Er schlug deshalb vor, zunächst die Reichsstadt Schwäbisch Hall in den Bund zu bringen, was kein schwieriges Unternehmen sei, und verbürgte sich, daß er nur zu schreiben brauche, um sogleich zweihundert Pferde dem Heere zuzuführen. Dann sollten alle Haufen herangezogen werden und mit dieser ungeheuren Macht wollte er dem Schwäbischen Bunde im freien Felde entgegengehen. Nach ein oder zwei Schlachten, an deren glück- lichem Ausgange er nicht zweifelte bei solcher Uebermacht, mußten dann alle Festungen, Schlösser ihnen von selbst zufallen. Aber auch damit drang er nicht durch. Das Heer zog weiter durch das mainzische Gebiet auf das reiche Benediktiner- kloster Amorbach, Götz von Berlichingen und Jörg Metzler als oberste Hauptleute an der Spitze." Das Kloster erlitt das Schicksal von Schönthal. Der helle Haufen brach herein und raubte alles, was nur einigen Werth hatte: Kleider, Gefäße, silberbeschlagene Bücher, Jnfule, und verschonte weder Orgel noch Altar noch Reliquien. Und nach den Bauern kamen die Amorbacher und ihre Nachbarn und trugen alles bewegliche Gut fort, bis auf die Bretter, die Dachziegel und die vorräthigen Backsteine. Das Niederbrennen des Klosters, wozu schon der Befehl ertheilt worden, unterblieb auf die Bitten des Raths von Amorbach. Nur die Ziusbücher wurden dem Feuer überantwortet. Die Beute wurde ver- kauft und jede Rotte erhielt ihren Theil. Götz erstand außer seinem Theil noch für einhundertundfünfzig Gulden Klein- odien, darunter eine blaue Insul, die seine Hausfrau zer- trennte, und aus deren Perlen und Edelsteinen sie sich ein Halsgcschmeide machte. Von dem Kaufpreis ließen ihm die vergnügten Bauern fünfzig Gulden nach. Die schwarze Hofmännin betheiligte sich an der Plün- derung nicht. Sie hatte es bei früheren Gelegenheiten nicht gethan, und that es auch bei späteren nicht. Was sollten ihr Schätze? Ja, sie stieß sie mit dem Fuße fort oder zertrat sie, wann sie auf ihrem Wege lagen. Ihr Antheil an der Beute war die Wollust, mit der sie zuschaute, wie das Eigenthum ihrer bittcrgehaßten Feinde geraubt und verwüstet wurde. Wild machte es sie, daß das Kloster nicht niedergebrannt wurde. Sie fuhr Jörg Metzler an, ob man die Nester nur stehen lasse, damit das Nachtgevögel sich flugs wieder ein- nisten könne, sobald die Bauern den Rücken wendeten? Er und die Siebener seien Weiber, denen die goldenen Sporen des Götz in die Augen stächen. Diesem legte ihr Mißtrauen die Verantwortung für die Schonung auf. Anstatt ihm bei seinem Beute-Einkauf fünfzig Gulden nachzulassen, hätte man sie auf einen Strick verwenden sollen, um ihn zu hängen. Ihr Haß gegen den Adel nahm nur Florian Geyer aus; er allein meine es ehrlich mit den arincn Leuten. Und so hatte sie nur grimme Verachtung für die Junker und Ritter, welche jetzt er- schreckt aus der ganzen Umgegend nach Amorbach geeilt kaiuen, um durch den Schwur auf den Artikelbrief Sicherheit der Person und des Eigenthnms zu gewinnen! O, wie klein sie sich jetzt machten und Rath und Hauptleute umschmeichelten, diese hochmüthigen Edellinge!„Ja, bück' Dich nur, so tief Du kannst," rief sie dem Junker von Gollersdorf zu, den sie schon an der Thür des Wirthshauses, in dem die Siebener ihr Quartier ausgeschlagen hatten, sein Barett lüpfen sah. „Gott hat uns, die Unedlen vor der Welt und die Verachteten erwählet, daß er zu nichte mache, was etwas ist und kein Fleisch vor ihm sich rühme." Aber nicht nur die kleinen Tyrannen, welche gleich Wespen und Hornissen bislang die armen Leute blutig gestochen hatten, fanden sich ein. Von dem großen und mächtigen Grasen von Wertheim am Einfluß der Tauber in den Main kam das An- erbieten, in den evangelischen Bund zu treten und ihn mit Geschütz, Pulver und Kugeln zu unterstützen. Seine Mächt war vor der Empörung seiner Bauern zergangen, die sein stolzes, auf einem Rebenhügcl thronendes Schloß stürmten, als er sie mit Feuer und Schwert zwingen wollte. Götze's alter Freund, der Ritter Max Stumpf, geleitete eine Gesandtschaft nach Amorbach, die kein Geringerer schickte als der Erzbischof und Kurfürst von Mainz, Albrecht von Brandenburg. Ein Vetter des Altsbachers Kasimir, trug er sich lange mit dem Gedanken, das Beispiel von dessen Bruder Albrecht nachzuahmen und sein Erzbisthum in einen weltlichen Staat umzuwandeln, wie jener das Deutsch- ordensland Preußen zu einem Herzogthum gentacht hatte. Er liebäugelte mit der Reforniation, erwies sich den Humanisten günstig und zog Ulrich von Hutten an seinen üppigen Hof, der sich mit Wissenschaften und Künsten putzte. Seine Maitresse redete ihm schließlich seinen Ehrgeiz aus, bei dem für sie nichts herauskommen konnte. Denn es war nicht daran zu denken, daß er als weltlicher Kurfürst sie zu seiner Gemahlin machen würde. Jetzt schickte er seinen Statthalter, den di« Straß» burger von seinem Bischofsstuhl verjagt hatten, als Legaten an die Bauern. Denn, ach! selbst in dem goldenen Mainz und rheinauf- und abwärts krachte und barst die alte Herren- Herrlichkeit, sodast Erzbischof Albrecht es für weise erachtete, sich anderwärts in Sicherheit zu bringen. Sein Schlemmer- leben hatte seine ganze Energie aufgezehrt und er erinnerte sich, daß sein Oheim Friedrich noch immer als Gefangener seiner liebevollen Söhne in dem Thurm der Pleitzenburg schmachtete. Aber die Bauern gaben ihm eine über die Maßen harte Nuß zu knacken. Der Statthalter mußte mit dem Domkapitel zu Mainz die zwölf Artikel annehmen und geloben, alles, was durch den hellen Haufen und andere gemeine Haufen hernach von frommen, geschickten, gelehrten und verständigen Leuten in diesen Sachen und in allen anderen christlichen Dingen und Anliegen gemeinen Landes erkannt und geordnet werden würde, ohne Ausnahme zu befolgen. Alle Städte und Flecken sollten, wo es von Nöthen wäre, dem hellen Haufen Beistand und Zuzug thun mit Leib, Geschütz und an- derem Vermögen, ohne von dem Erzbischof gehindert zu wer- den, und alle Städte dem hellen Haufen offenstehen. Alle Klöster und Klausen, Mönchs- und Nonneuhäuser sollten denen geöffnet werden, die darinnen ihren Habit ablegten, wo es nicht geschähe, sollten Hauptleute und gemeine Bauern- schaft Macht haben, solche ihres Gefallens abzustrafen. Aller Adel des Stiftes sollte binnen eines Monats bei den Haupt- leuten des hellen Haufens persönlich erscheinen und in die Vereinigung eintreten, jeder, der es nicht thäte, überzogen werden. Endlich mußte der Statthalter geloben, dafür, daß die Bauern das mainzische Gebiet verließen, binnen vierzehn Tagen dem hellen Haufen für das Domkapitel und die ganze Pfaffheit des Stifts 15 000 Gulden zu Händen zu stellen. Max Stumpf erbot sich aus freien Stücken, mit vor Würz- bürg zu ziehen. Wendel Hipler durfte stolz darauf sein, einen solchen Vertrag zu stände gebracht zu haben. Er wurde dessen jedoch ob der Sorge nicht froh, mit der Götz ihn bedrängte. Götz kam immer wieder auf seine Forderung zurück, daß die zwölf Artikel geändert, gemäßigt, abgeschwächt würden. Hipler hielt solches für unmöglich, obgleich er Götz gerne gefällig gewesen wäre, denn einestheils glaubte er die jüngsten großen Erfolge an den Namen des Ritters geknüpft, anderntheils war er selbst überzeugt, daß manche Forderung der zwölf Artikel ermäßigt, ja ganz gestrichen werden müßte, wenn der Staat, den er erstrebte, verwirklicht werden sollte. In dieser Verlegenheit erhielt er den Besuch eines Mannes, den Hans Flux und seine Heilbronncr nicht mit wohlwollenden Augen betrachteten. Auch Hipler kannte ihn schon seit längerer Zeit von Heilbronn her, das Hans Berle zu wiederholten Malen auf Reichs- und Bundestagen und bei anderen politischen Verhandlungen mit den besten Erfolgen vertreten hatte. Er war in allen Künsten und Kunst- stückchen der Diplomatie erfahren und gewandt wie ein Wiesel. Schon in Neckarsulm und Wcinsbcrg war er zu den Bauern gekommen, um zu erspähen, ob sich nicht unter ihnen Be- Ziehungen anknüpfen ließen, die zum Vortheil seiner Vaterstadt ausgenützt werden könnten. Nach seinen Rathschlügen war dann deren Rath verfahren und hatte derselbe Hans Flux zu seinem Sündcnbock erkoren. Jetzt schickte ihn die Stadt nach Amorbach, um bei den Siebenern über die Böckinger, welche die Eigenthumsrechte Hcilbronns rücksichtslos verletzten, Beschwerde zu führen, und er kam zu Wendel Hipler, um sich dessen Beistand und Vermittelung zu sichern. sFortsetzung folgt.) SonnfLtgsplnuvrvei. Altbürgermeister Zelle darf nun freier athmen. Nicht wie ein Mann, den die Amtsbürde niedergebeugt hat, scheidet er aus� dem öffentlichen Leben. Auch die bösen Vorwürfe, die aus Anlatz des achtundvierziger Jubiläums auf ihn niedcrhagclten, machen ihn nicht grämlich. Immer vergnügt, das ist sein Wahlspruch noch heute: und so verkündet der Alte durch willfährige Zeitungsschreiber: Nun wolle er erst recht leben und genießen, da er der Berufspflichten ledig sei. Kium habe er sich zum Theaterbesuch Zeit gönnen dürfen und so sei er denn in der westeuropäischen Bildung so sehr zurückgeblieben, daß er nicht einmal Sudermanws„Ehre", von der doch alle Welt gesprochen hat, gesehen habe.. Man kann dem Altbürgcrmcister den gerechten Schmerz hierüber ebensowohl nachfühlen, wie man seiner Vcrgnüglichleit noch recht frohe Stunden gönnen mag. Unter nörgelsüchtigcn Menschen war "h" t iiif MMiv sein gallcnfreies Temperament erquicklich, und vieles an ihm erinnert an die Natur jener selbstgerechten Herren, die sich gern bei dem wohligen Gedanken beruhigen, wie doch in ihrer Stadt alles so schön bestellt sei. Eine jener müßigen Umstagen, die alljährlich zur Sommerszeit als beliebte Zeitungs-Spielereien auftauchen, beschäftigt sich diesmal mit dem Thema: Wie macht man Berlin zur schönsten Stadt der Welt. In der Fragestellung schon drückt sich der bescheidene Sinn aus, der so manches Berlinische Gemüth auszeichnet. Man befragt Gelehrte und Künstler, Politiker und Finanzgrößen? Auch Alt- biirgermeister Zelle würde um seine Ansicht bestagt. Herr Zelle schmunzelte und seine Antwort klang beinahe, als wäre er ver- wundert, als wollte er sagen: Ja, Kinderchen, was habt Ihr denn nun eigentlich? Soll unser Berlin denn noch schöner werden, als es ohnedies ist? Freilich wird diese innige und so sehr erfreuliche Zuversicht nicht von jedermann getheilt und als gar bösartige Raisonncure erwiesen sich insbesondere die Architekten vom Schlage des genial veranlagten Bruno Schmitz. Aber mau weiß schon, wie es mit dieser Sorte von Menschen geht. Das sind excentrische Leute, und fk stellen überspannte Forderungen. Da haben staatliche und städtische Be- Hörden ihr möglichstes gethgn, haben die niassigstcn Kastengebäude errichtet, haben Denkmäler sorgsam in Reih und Glied aufgestellt, haben aufrechte Stratzenzüge geschaffen und so stramm auf Gcradlinigkcit und„Proppcrtüt" gesehen, daß jeder ordnungsliebende Soldatcnblick z. B. mit Wohlgefallen darauf verweilt: und nun kommen die exaltirten Schmitz und Genossen und möchten am liebsten mit toll- dreister VerachUmg dessen, was nun einmal würdig und weise ge- schaffen ist. für ihre hochfliegendcn Pläne Millionen verpuffen. Mir ist es immer wunderlich erschicuen, daß namhafte Künstler, ernsthafte Gelehrte immer wieder auf Enqueten hin, die nichts sind, als mehr oder weniger verschämte Zeitungsspekulalionen. jedem Aus- Horcher Rede und Antwort stehen, wenn er nur von dem meistverbrciteten unpolitischen Blatt gedeckt wird. Wie macht man Berlin zur schönsten Stadt der Welt? Welche Kindlichkeit, höflich gesprochen, liegt in dieser Frage an sich. Als ob sich das nach ein paar Rath- schlügen von einigen freundlichen Menschen bei gutem Willen und rühmlicher Umsicht in wenigen Jährchen schaffen ließe. Wir machen alles, warum soll also Berlin nicht zur schönsten Stadt der Welt gemacht werden?„Feste drauf los, es wird schon gehen." Allerdings auf die anspruchsvollen Leute und auf jene Pessimisten, die auf die lokalpatriotische Frage nnt einem kläglichen:„Das können wir nicht!" antworten, darf man nicht Hörem Den einen Künstler verdrießt bereits die landschaftliche Lage Berlins, der andere ist entrüstet über die uniforme Geradlinigkcit und verweist auf das Beispiel der Pariser Boulevards und der Wiener Ringstraße, wo bei gewundener Linienführung dennoch das modcrne.Prinzip möglichst weiter Vcrkehrsfrciheit gewahrt ist. Der sieht, wenn er auf die Kreuzbcrghöhe steigt, ein Häusergewimmel. das sich auf mächtiger Fläche ausdehnt und dabei unruhig Ivirkt. Denn es fehlen die charaktcrischen monumentalen Denkmale, auf denen das Auge wie auf Ruhepunkten verweist. Ein anderer vermißt ein weites, blinkendes Thalgclände wie das der Seine oder einen Höhenzug, der einen festumrissenen Hintergrund abgäbe. Aber alles in allem, läßt sich denn derlei„machen"? Und wie viel Kulturmittel erst müssen, abgesehen von mehr oder weniger bevorzugter landschaftlicher Lage, zusammenfließen, um die Schönheit erstehen zu lassen I Ließe man selbst einem Dutzend von Architekten wie Bruno Schmitz einer ist, völlig freie Hand, dürften sie unbehindert ihren Eingebungen oder ihren Liebhabereien folgen, käme man selbst dann uur von weitem jener Schönheit nahe, die nicht auf Kommando geschaffen wer- den kann, die sich vielmehr als edelster Kulturnicderschlag einer Gcsammtheit darstellt, einer Gcsammthcit von Schaffenden und Empfangenden? Es käme doch nichts Organisches, das sich einheitlich über ein Städtebild erstreckt, zu stände. Der Sommer wird wieder vergehen, die AusHorcher dcS großen unpolitischen Machers Ivcrdcn wieder anderen Leuten lästig fallen, die guten Rathschläge, wie macht man die schönste Weltstadt, werden verrinnen, wie glitzernde Seifenblasen: wir aber werden unsere nach-siebziger Parvenu-Kultur behalten, die Kultur aus der Periode der vielgezüchteten Millionäre. Sie brachte uns die knallprotzige Scheinwclt, sie überschwemmte uns mit dem, was ich die Stuckkultur nennen möchte; den schreienden Aufputz, statt gediegener Echtheit. Stuck, Stuck, aufgedonnerte, überschminktc Schön- heit statt solider Nattw. Das überströmende llebermaß der Stuckkultur, der unsere Geld- Herrschaft nach Siebenzig so gierig huldigte, ist in den letzten Jahren wohl eingedämmt ivorden, das ist richtig. Aber immer noch tritt es so augenfällig auf, daß in der Fremde, und.nicht immer auf Feindes- feite, oft schon die bittersten Urtheilc darüber gefällt wurden. Ein solches Verdammungsurtheil war in diese» Tagen in einer Wiener litcrar-wisscnschastlichcn Revue zu lesen. Nicht immer gerecht, nicht immer sachkundig und nicht immer mit Rücksicht auf das besondere Leben Berlins urtheilte der Beobachter,— er irrte mitunter auch; wenn er uuproletarische Erscheinungen mit in den Kreis seiner Berliner Betrachttingen zog,— aber im großen lebte in seiner Darlegung ein Zug von Aufrichtigkeit. Beachtenswerth bleibt es immer, wie der Frcnide selbst bis ins proletarische Alltagsleben hinein, die Spuren des plutokratischcn Ein- flusses verfolgt. Leider kommt er mitunter zu schicscu Verall- . gemcinerungen. Die verhängnitzvolle Vorliebe für den blendenden Schein, für die Surrogate, wie es der Verfasfer nennt, läfzt er in allen Kreisen Berlins walten.„Sie färbt ab vom Besitzer der Prunlpaläste, deren Schcinglanz nicht im Verhältnis; steht zu einfach gediegener Schönheit, sie färbt ab bis zum Hausgeräth des mittleren Bürgerthums und bis zur Lebens- weise des Proletariers." Mit den Surrogaten hat der Verfasser, ach! so vielfach Recht, leider drängt sich das Surrogat dem Proletarier ungebeten auf, die Verhältnisse üben den grausamen Zwang. Der Pariser Ouvrier sei stolz auf seine blaue Blouse, meint der Wiener Beobachter, der Berliner Arbeiter stolzire lieber mit einem Shoddy- Mantel wohl- feiler Eleganz. Hier hat der Beurtheiler oberflächlich gesehen und den vergleichenden Maßstab vielleicht nach ein paar sonntäglichen Vergnügungsstätten gefunden. In Berlin ist das Selbst- wie das Gesammtbelvußtsein des Arbeiters sicherlich nicht minder rege, wie das seines Pariser Genossen. Wenn die Berliner Industrie ihm das Billigere, eine verschlissene Schein- eleganz aufdrängt, wenn eine Reihe von Gastwirthschaften, um eine üppigere Speisenfolge darzustellen, minderiverthige Surrogate ver- abfölgcn, so liegt es schwerlich daran, daß der Berliner Proletarier gerne den großen Herrn spielt. In diesen Beziehungen wird auch anderwärts, als in Berlin, mit Wasser gekocht. Und dann muß man gerade bei Berlin vielleicht mehr als anderswo sich davor hüten, was man beim Besuch von Gastwirthschaften und öffentlichen Lokalen er- fahren hat, sofort als Beweismittel für das gesammtc soziale Leben auszuspielen. Unserem Gcsellschaftskrittker in Berlin passiren da im einzelnen ganz merkwürdige Dinge. Ersieht eben vom inneren Familien- verkehr ab und verallgemeinert Erfahrungen aus den Gastwirthschaften. Er spricht davon, wie man bei uns„Restaurants" treffe, die in einem „Menn" zu einer Mark ein„Diner" so reichhaltig wie bei Uhl ver- sprechen. Selbstverständlich kann man dabei kein„gediegenes Diner" verlangen. Aber diese Art von Lokalen ist doch nur für einen ver- hältnißmäßig geringen Kreisausschnitt unserer Bevölkerung geplant und weder' in der proletarischen, noch in der mittclbiirger- lichen Familie herrscht die Vorliebe für einen Mittagstisch von„sechs Gängen" vor, um sich hinterher einzureden, man habe wie bei großen Herrschaften gespeist. Gewiß, für eine Anzahl von Gastwirthschaften stimmt der Unfug mit dem „Riescnmenu ohne. Werth", aber nur ein Dummkopf ohne Geschmack oder ein eitler Narr wird sich auf die Dauer davon täuschen lassen. Der Magen läßt sich durch schäbige Scheineleganz nicht so leicht bcttiigcn, wie das Auge der Leute; und so iveit das Proletariat in Frage kommt, ist denn' doch der innere Gegensatz zwischen der pluto- krattschcn Welt und zwischen den Arbeitern so stark und man ist sich seiner so bewußt, daß es nicht gut angeht, in allen proletarischen wie mittelbürgcrlichen Lebensgewohnheiten überall das gleiche Schema, überall den gleich nivellirenden Einfluß neu-berlinischer plutokratischer Protzenkultur zu sehen.—-Alxba. Rloinos Fenillrkon — Wie die Mönche auf de» Philippinen Wunder thnn. Von einem Offizier wird im letzten Heft der Broschüren-Sannnlung „Spanien" nachstehende Episode verzeichnet:„Ich tvar damals jünger und befand mich mit meinem Detachcment einige lOO Meilen von Manila entfernt. Wie Sie tvissen, haben unsere Mönche die Philippinen vollkommen zivilisirt und den Tagalcn Begriffe von Kultur und Moral beigebracht. Die verstanden es, mit den Leuten umzugehen und sie in Respekt zn halten, und nie wäre es zur Re- bcllion und zu diesem unglückseligen Kriege gekommen, wenn man die Mönchsorden nicht in ihrer Autorität angegriffen hätte.(I) Gerade als ich mit meiner Truppe ankam, hatten die Mönche eine Gruppe von diesen Wilden um sich vcrsanunelt und redeten ihnen von der Gerechtigkeit und Weisheit Gottes. Die Bösen werden besttaft und die Guten belohnt, sagten sie.„Ihr Jost- und Juan," redete der-'Padre aufs gcrathewohl zwei dieser gelben Kerle an, „schttJhr, hier sind zwei geladene Büchsen, wenn ich nun auf Euch schieße, so kann dem Guten meine Kugel nichts anhaben, denn San Francisco schützt ihn. Paß auf, J'oss I" Ein Knall und ein Feuerstrahl, aber Jose blieb unversehrt und die Menge stand zitternd und belvundcrnd da. Und nun zum andern— wieder erhob sich der Büchsenlauf und der Kerl lag mit zerschmettertem Schädel, sich in seinem Blute wälzend, zu unseren Füßen.„Das tvar ein Schuft," meinte der Padre ruhig, ein Wunder unseres Herrn hat ihn getödtet!" Sic glaubten es und fürchteten sich vor den Mönchen. Was ging es auch die Tagalen an, daß eine Flinte blind, die andere scharf geladen war?"— Kunst. — Eine deutsche Plakataus st ellung wird in Berlin am 15. Oktober eröffnet werden. Um die deutsche Plakatkunst kllnst- lerisch find materiell zu fördern, hat sich ein Ausschuß von Künstlern und Fachleuten gebildet, der die deutschen Kiinstler zur Betheiligung an der Ausstellung auffordert. Der Ausschutz besteht aus den Herren Ackermark, Dettinann, Docplcr jun., Fritz Gurlitt, Hassel- bladt-Rorden,' Exner und Leistikow. Zugelassen werden alle Plakat- entwürfe, Maueraffichen sowohl wie Binnenplakate, sofern sie nicht gegen Sitte und Anstand verstoßen, den Zwecken der Siellame entsprechen und künstlerisch nicht z» unbedeutend sind. Eine besondere Aufnahme-Jury tritt nicht zusammen. Die Ausstellung soll min« destens vier Wochen dauern.— Erziehung und Unterricht. — Englische Spiel schule n. Die Engländer erachten es schon lange nicht blos für nützlich, sondern geradezu als nothwendig. daß die Kinder neben dem Volksschul-Unterrichte auch hinlängliche Gelegenheit zum Spielen finden; ein altes englisches Sprichwort besagt:„Stete Arbeit und kein Spiel machen Hans zu einem dummen Jungen."' Diese Prinzipien wendet der„Verein für Unterhalttmgsabende armer Kinder" in London seit etwa sieben Jahren in immer größerem Umfange an. Bald nach der Gründung dieses' Vereins wurden, wie die„Soz. Praxis" mittheilt, Untcrhaltungsabende für Schulkinder auch in den englischen Provinz- städten ins Leben gerufen. In London fanden im letzten Jahre vom September bis zum Mai in 34 der ärmsten Bezirke Spielabende statt, welche wöchentlich etwa 300 Kinder ans den verschicdcnstcn Schulbezirkcn unterhielten. Anfangs freilich waren mancherlei Schwierigkeiten zn überwinden: die Sorge für Räumlichkeiten, für freiwillige Spielleiter und für Geld. Bald wurden von den Schulleitungen Lehrzimmer, Beleuchtung und Heizung bereit- willig zur Verfügung gestellt. Zahlreiche Männer und Frauen übernahmen die Leitung der Spiele, sammelten auch reichlich Geld zn diesem Zwecke. Großen Vortheil bot die Mitwirkung der Lehrerschaft, von denen viele ihre freie Zeit dem Unternehmen widmeten. Die Benutzung gerade der Schulzimmer als Spielraum und die Anwesenheit der Lehrer Ivar von bestem Einfluß auf die Kinder. Die Schule verlor dadurch für sie einen Theil ihres strengen und unangenehmen Ernstes, da die Kinder ihre Lehrer nicht blos als Schulmeister, sondern auch als Kinderfreunde kennen lernten. Und da die Erlaubniß zur Thcilnahmc an diesen Spielabenden vom regelmäßigen Schulbesuche abhing, wurde der Eifer der Kinder und die Liebe zur Schule durch die Spielabende erhöht. Um 0 Uhr abends versammeln sich die Kinder in einem größeren Schul- zinimcr. Die Klänge eines Klavieres ertönen, und sofort tritt die Ruhe ein; die Kinder stellen sich in Reih und Glied und marschiren nach dem Takte der Musik im Zimmer umher, um sich dann in die einzelnen Klassen zu vertheilcn, je nachdem sie ruhige oder laute Spiele vorziehen. In einem Zimmer sitzen Kinder' über Bilder- büchern, die anderen treiben ein Gesellschaftsspiel, setzen Bausteine zusammen oder beschästigen sich mit Räthselauflösen. Die Mädchen spielen am liebsten das Kanfinnnnsspiel und vor allem natürlich mit Puppen. Die lebhafteren Spiele werden in der Turnhalle abgehalten. Hier wird getanzt, geboxt, Ball oder Reif geworfen, gesprungen U. s. w. In einem Räume erhalten die Kinder Anleitung, aus Abfällen von Tuch, Wolle, Seide, Papier, Kork, Flittergold u. s. w. Weihnachtsgeschenke anzufertigen. Die größte Freude bereitet den Kindern das Erzählen von Märchen; ein Spielleiter, der Märchen gut vorzutragen versteht, ist stets einer athcmlos lauschenden Kinderschaar sicher. Manchmal werden anch Theatervorstellungen— Märchen und Feengeschichtcn— ausgeführt und die Eltern der Kinder hierzu geladen. Dadurch wird das Interesse an der Schuleauch bei diesen erhöht. In London werden die Spielabende an den Volks- und Bürgerschulen für arme Kinder von zehn Jahren aufwärts veranstaltet, denn gerade in diesem Alter bietet die Straße für sie viel Anziehungskraft und Gefahr. Daher dürfen auch Kinder, welche die Schule bereits verlassen haben, an den Abenden theil nehmen, und so kann die Schule anch auf jene ihren moralischen Einfluß ausdehnen, die schon selbst Brot zu ver- dienen gezwungen sind und in ihrem jungen Alter der Stütze und eines moralischen Haltes bedürfen. Nicht selten helfen diese„alten" Knaben und Mädchen die jüngeren im Spiele unterweisen.— Aus dem Thierlcbeu. t.. Der afrikanische Hyänenhund ist tvohl der schönste, kräftigste und verwegenste Vertreter der ganzen Hundefamilie. Es giebt Berichte von Afrikarcisenden, in denen behauptet lvird, daß dieser Hund jedes Rnubthicr, sogar Löwen und Panther, infolge eines angeborenen Widerwillens angreift und verjagt oder sogar zerreißt, wenn er sich mit einer genügenden Zahl seiner Genossen zu- sammengethan hat. DerHyänenhund ll�voaouxietus) hat seinen Namen von der gleichzeitigen Aehulichkeit derKopfform und der Körperzeichnung mit einer Hyäne und einem Hunde. Besondere Verdienste um die Erforschung dieses Thieres hat sich die Londoner Zoologische Ge- scllschaft erworben. In deren prächtigem Garten leben seit geraumer Zeit mehrere Paare von Hyäncnhunden, die man sogar zur Fort- Pflanzung gebracht hat. Die Geburt der Jungen findet in der ersten Januarwoche des Jahres statt. Zum ersten Male trat dieses Er- eigniß im Londoner Zoologischen Garten im Januar 1890 ein, jedoch ging der ganze Wurf zu gründe. Im vorigen Jahre kamen wiederum fünf junge Hyänenhunde zur Welt, von denen drei ihrer natürlichen Mutter gelassen und zwei einer irischen Terricr-Hündin anvertraut wurden; letztere starben beide. Von den drei bei ihrer Mutter ver- bliebcnen wurde eines am Morgen nach der Trennung todt auf- gefunden, wahrscheinlich hatte der Wärter bei der Fortnahme der beiden Geschwister das Kleine berührt, und die Mutter wollte des- halb nichts mehr von ihm wissen. Es ist das eine häufige Er- scheinung, daß Säugethiere ein Junges verstoßen, wenn es von Menschenhand berührt worden ist; dasselbe kommt sogar zuweilen bei Vogeleiern vor. Von den zwei jungen Hunden, die nun noch übrig waren, ftaß die Mutter eines auf. Das letzte ivar eine Zeit lang außerordentlich schivach, blieb aber doch am Leben. Es ivar sehr wild und schnappte, als es erst 6 Wochen alt war, nach jedem, der es anfassen wollte. Im Mtcr von 4 Monaten gab man ihm einen junge» Terrier zur Gesellschaft, mit dem der Hhänenhund anfangs eine wahre Freundschaft zu schließen schien, bis der kleine Terrier seinen Genossen einmal beim Spiel mit seinen scharfen Zähnen etwas verwundete, so daß ein wenig Blut kam. Durch den Anblick des Blutes wurde der Hhänenhund ganz wild, biß voll Wuth in seine eigene Pfote und hatte sich dieselbe ganz zerfleischt, ehe der Wärter herzueilen konnte. Glücklicherweise heilte die Wunde gut und das kostbare Thier blieb erhalten.— Aus dem Gebiete der Chemie. k. Die Darstellung des künstlichen Eiweiß soll dem Wiener Gelehrten Lilienfeld gelungen sein. Er führte darüber in einem Vortrag, den er auf dem Kongreß für angewandte Chemie in Wien hielt, etlva folgendes aus: Eine der schwierigsten Auf- gaben der organischen Chemie ist die Synthese von Eiweißkörpern, da man bisher keinen Einblick in die Konstitution dieser hoch- molekularc» Verbindungen gewinnen konnte und nicht einmal ein annähernd wahrscheinliches Bild über die Gruppirnng der bisher gewonnenen Spaltungsprodukte im Eiwcißmolccül besitzt. Drotzdem haben es viele Forscher versucht, die Synthese der Eiweiß- körpcr durchzuführen. Auch Lilienfeld hat schon früher mehrfach synthetische Arbeiten ausgeführt, konnte aber auf den Wegen, ans denen man es bisher versucht hat, zu keinem Resultate ge- langen. Fetzt sei es ihm aber auf einem verhältniß- mätzig sehr einfachen Wege gelungen, einen Körper synthesisch darzustellen, der als synthetisches Pepton bezeichnet werden müsse. Er führte seinen Zuhörern das Experiment auch vor. Das Ver- fahren beruht auf der Kondensation von Phenol mit Amidressig- säure unter Zuhilfenahme von Phosphoroscychlorid als Kondensations- mittel. Nach einigen Minuten war die Reaktion vollzogen und Lilienfeld fällte aus dem Rcaksionsgemisch das Chlorhydrat des synthetischen Peptons mit Alkohol und Acther aus. An diesem vor den Augen der Zuhörer dargestellten synthetischen Pepton denwn- strirte Lilienfeld alle Reaktionen, die die Identität des synthetische» Produktes mit natürlichem Pepton bewiesen. Sowohl die Färbungs- rcaktionen, als die Fälluugsrcaktionen und die LöSlichkeitsverhälsinsse stimmten mit denjenigen der natürlichen Peptone überein. Danach müsse, so folgerte er, der Körper als der erste synthetisch dargestellte Ei- tvcißkörpcr bezeichnet werden. Jnjbezug ach den Rährtverth hätten die bisherigen Versuche ergeben, daß das synthetische Pepton als Nährstoff natürliches Eiweiß vollständig ersetzen kann.— Technisches. gr. Verschiebung einer Straßenbrücke von 38 Vi e t e r Spannweite. Ein ganzes Bauwerk zu verschieben, eine Aufgabe, deren Lösung noch vor wenigen Jahren als hervor- ragende Leistung amerikanischer Technik angestauisi wurde, gehört jetzt auch in Europa mcht mehr zu den besonders bemerkenSwerthen Vorgängen. Wenn im folgenden über einen derarsigen Fall nach der„Jngen.-Zeitschr." berichtet wird, so geschieht das deshalb, weil das Bauwerk nicht allein verschoben, sondern auch gleichzeisig gedreht wurde. Es handelte sich darum, eine Straßenbrücke von 35 Meter Spannweite und von 70 Tonnen Gewicht zu verlegen. Die Brücke führte über einen Tunnel der Grubenbahn Rcnnsirchen— Heinitz und mußte, als der Tunnel durch einen Einschnitt ersetzt werden sollte, an eine neue Stelle gebracht werden, weil zu befürchten Ivar, daß der zerriffcne Felsnntergrund der Mauerpfeiler beim Her- stellen des offenen Einschnittes niedergehen ivürde. Man wählte als neue Lage für die Brücke einen etlva 30 Meter entfernten Punkt, dessen Gestein sicher befunden war, und erbaute dort neue Pfeiler. Die Lage der letzteren machte es uothwendig, die Briickenachsc tvähreud des Verschicbens zu schlvrnken, und deshalb dürfte nicht jedes Ende der Haupttrüger einen Wagen für sich erhalten, sondern es mußte unter jedem Brückenendc ein Wagen mit Dreh- gestc ll angebracht werden. Ferner lvar darauf zu achten, daß der Abstand der beiden Wagen von einander immer gleich blieb, zu welcher» Zweck je eine Schiene beider Geleise mit Marken verschen wurde. Da die Bodenüberlagening des Tunnels bereits beseitigt tvar, so konnte die Fahrbahn nicht unmittelbar auf den Boden ver- legt, sondern mußte durch ein etlva 13 Meter hohes Gerüst unter- stützt werdeil. Die unter der Gebirgsstörung leidenden Einschnitts- böschmigen waren zur Aufnahme von Stützen nicht genügend sicher. Der größte Theil der Last mußte deshalb auf den Iliitergrund zu beiden Seiten des nahezu freigelegten letzten Tunnelstückes über- tragen lverden, lvährend die sich bildenden wagercchten Kräfte durch gegenseitige Vcrspannungen der beiden Traggerüste aufgenomn'.en wurden. Die Brücke war inzwischen mittels Stockwinden so boch gehoben Ivorden, daß ein ciserncrvierrädrigerWagenmitRädcrn von 80Zcminleter Durchmesser unter jedes Briickenende geschoben werden kckmte. Dabei wurden die Enden mit besonderen effernen Trägern ausgerüstet, in welche der Zapfen des Drehschemels paßte. An beiden Wagen tvurden Stahldrahsieile befestigt und durch Bauwinden aus einer Entfernung von etwa 103 Metern angezogen. Die vollspurigen Geleise waren aus Eisenbahnschienen auf hölzernen Querschlvellen ge- bildet und diese auf zwei hölzernen, 1,8 Meter von einander entfernten Längsträgern gelagert, diese ruhten auf etwa 13 Meter hohen, im Abstände von durchschnittlich 2,5 Meter aufgestellten Gcrüstjochen. Der Fahrbahn war von der alten nach den neuern Pfeilern hin ein Gefälle von etwa 1 zu 333 gegeben, auch hatte man sie in der Mitte um etwa 13 Zensimeter überhöht, um Senkungen der Gerüst- joche auszugleichen. Für den Fall, das sich die Fahrbcchn uner- wartet an irgend einer Stelle stark senken sollte, lvaren die Wagen an ihrenr Hinteren Ende mit Stahldrahtzeilen versehen, die um starke Pfähle geschlungen der fortschreitenden Bewegung ensiprechend nach- gelaflcn wurden, und mittels deren die Wagen in jedem Augenblick angehallen werden konnteir. Die gesammten Vorbereitungen, namentlich der sehr schwierige Gerüstbau, nahmen etwa acht Wochen in Anspruch. Die Brücke wurde mit einer Geschwindigkeit von 1 Meter in der Minute verschoben. Somit hätte eine halbe Stunde zur Ausführung genügt. Die Arbeit dauerte indessen etwa drei Stunden, weil ein hölzerner Schienenlängsttäger zerbrach und bei der Bewegung der Wagen in dem letzten gelrümmten Theile der Geleise ein Drahtseil zerriß.— Humoristisches. — Hochwohlgeborew D i e nfe r A.(zu seinem, bei einem geadelten Sanitätsrath in Stelle befindlichen Kollegen):„Du, sag' mal, da Hab' ich gehört, daß Dein Herr zu jener Zeit, als er sich mit seiner jetzigen Frau, der Gräfin verlobte, ein ganz einfacher, bürgerlicher Landdöttor gewesen sein soll!" Diener B.:„Allerdings, mein Lieber; aber inzwischen haben sich der Herr Sanitätsrath infolge semer vielen Orden allmälig so hinaufgeboren!"— — Begriffs stutzig. Junger Mann:„Mein Schwieger- Vater wird immer dümmer! Klag' ich ihm da neulich in den rührendsten Motten, daß in ein Haar durch die Geldsorgen ergraut sei. Bcreitlvillig verspricht er auch Hilfe— und was sendet er mir heute? I... Ein„Haarfärbemittel"!"— („Flieg. Bl.") — Ein Kaiser. Fritzchen kommt scelenvergnügt aus der Schule nach Hause.„Papa, Mama, ich bin heute Kaiser geworden I" „So? Wie ist denn das gekommen?" „Ja, Papa, ich bin zuerst fettig gelvorden, und da war ich Kaiser!" und die Augen des Jungen leuchte». „Das ist ja famos I Da hast Du fünf Pfennig, kannst Dir was dafür kaufen." Fritzchen steckt das Geld ein und ist sehr stolz. „Aber sag mal, womit bist Du denn zuerst fettig geworden?" „M i t meiner Stulle!"— Vermischtes vom Tage. — 113333 Lokomotiven sind auf der Erde im Betrieb, und zwar in Europa 64 333, Amerika 43333, Asien 3333, Australien 2303 und Afrika 730. In Europa besitzen: Deutschland 18 333, Oesterreich- Ungarn 8303, Italien 4333, Großbritannien und Irland 17 333, Frankreich 11 333, Rußland 3833, Belgien 2333, Niederlande 1333, Spanien 1330 und Schlveiz 933 Lokomotiven.— — Ein Bergmann wurde bei O r z e g o!v in Ober-Schlesien von einem Personenzuge überfahren und gctödtct.— — Ein drei z c h n Jahre alter Schüler aus Könitz in West- Preußen rettete seine 14 jährige Schwester und deren 13 Jahre alte Freundin aus dem Muskcndörfer See, die beim Baden in große Gefahr gerathcn lvaren.— — Auf Lundgaardfeld bei Tondcni wurde eine achtzig- jährige Frau in der Nähe ihres Hauses von einem Bienen- schwärm überfallen. Man fand sie in bewußtlosem Zustande. Der Tod ttat nach wenigen Stunden ein.— — Eine Draisine wurde zwischen Horstmar und Darfeld von einem Güterzuge überfahren. Ein Rottenarbciter kam dabei ums Leben, ein anderer wurde tödtlich verletzt.— — Bei dein Hagclschlag in Köln am Sonntag Abend fielen Schloßeil im durchschnittlicheil Gewicht von 83 bis 133 Gramm, doch auch solche von 150 bis 253 Granun waren keineswegs selten. Ein niedergefallenes Eisstück, das gleich nach dem Unwetter aufgehoben wurde, lvog sogar ein Kilogramm.— — Zum 530 jährigen Jubiläum der Erfindung derBuchdrucker- kunst wird im Juni 1900 zu Mainz eine große Feier veranstaltet loerden, zu der jetzt schon die Vorbercittingcn getroffen werden.— — In S ü d u n g a r n find am Donnerstag drei Gemeinden abgebrannt.— — Nach einem Gelage gcricthcn zlvci Fürsten und ein Edel- mann in One bei Kntais in Streit. Einer von ihnen wurde durch einen Schuß, ein anderer durch acht Dolchstiche getödtet.— — Beim Brande in Kasan find im ganzen 138 Grundstücke mit 286 Gebäuden, darunter Fabriken und öffentliche Gebäude, eingeäschert worden.— — Die Erdstöße in Messina dauern fott. Die Bewohner fliehen in die Kampagna. Der Vesuv hat einen neuen Krater ge- bildet, der fortlvährend Lavamassen ausstößt.— t. Der Goldbergbau in Transvaal hat im März d. I. den höchsten bisher erzielten Beirag erreicht: 347 633 Unze» Gold im Wetthe von 25 Millionen Mark.—__ Verantwortlicher Redalteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Ntax Badiug in Berlin.