Anterhaltmigsbtatt des HsrMxts Nr. 160. Mittwoch, den 17. August. '1393 (Nachdruck verboten.) 56J Mm die M?eiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauemkriege 1523. Von Robert Schweichs l. Wie der helle Haufen von Bischofsheim an der Tauber heraufkam, erhob die Vorhut, die das Dorf Höchberg erreicht hatte, ein lautes Jauchzen und feuerte ihre Büchsen ab. Vor ihr, kaum eine Viertelstunde entfernt, lag im Goldglanz der sinkenden Sonne der Marienberg mit dem bischöflichen Schlosse. In vier Stockwerken erhob sich der stolze Bau, der sein großes längliches Rechteck von Osten nach Westen hinstreckte. Vier- und fünfeckige Thürme mit ver- schicdenartig gestalteten Kuppelaufsätzen bildeten die Kanten, und in der Mitte des Schlosses erhob sich rund und schlank und die anderen Thürme überragend, der freistehende Bcrchfrit, in dessen verjüngtem Aussatz hoch droben der Schloß- Wächter seine Wohnung hatte. Von dem Berchfrit flatterte das Banner des Bisthums, das im blauen Felde ein schräg schwebendes, von Roth und Silber quadrirtes Fähnlein an einer goldenen Lanze zeigte. An die westliche Schmalseite des Schlosses fügte sich, durch ein Thurmthor mit ihm verbunden, die etwas niedriger liegende Vorburg mit den Wohnungen für das Gesinde und die reisigen Knechte, den Ställen und Fruchtböden. Den Main und die Stadt auf dessen rechtem Ufer, denen das Schloß seine östliche Gicbelseite zukehrte, verbarg der Marienberg den Blicken der Bauern. Seine im Süden steil abfallende Flanke krönte die gezahnte Umfassungsmauer, die wie eine Fortsetzung des Felsens erschien. Eine breite Schlucht, die ftuhbachschlucht, sondert den Marienbcrg von dem St. Nikolausberge, zu dem von Süden her der große Guttcnberger Wald heraufdringt. Durch diese Schlucht lief der Weg von dem Dorfe Höchberg zur Vorstadt von Würzburg, die zwischen dem Marienberge und dem linken Ufer des Main's sich entlang zwängt. Auf diesem Wege wanderte einsam ein Weib. Es war die schwarze Hofmännin. Ungehindert gelangte sie in die hauptsächlich von Fischern und Häckern oder Weinbauern be- wohnte Vorstadt. Die Wache des festen Thores saß bei Kannen und Würfelbechern und achtete ihrer nicht. Es waren arme Handwerker, die für ihren Dienst von der Stadt entlohnt wurden, und es war Sonntag. Der Sonntag belebte auch die lange Burkharder Straße, die vom Thore unter dem Chor der Kirche gleichen Namens hindurchläust. Es fiel wohl manch neugieriger oder verwunderter Blick auf die große, schwarze Gestalt, die mit gleichmäßigen Schritten, ohne Hast, ihren Weg verfolgte; jedoch ließ man sie unbehelligt gehen und sie selbst schaute nicht rechts, nicht links. Jenseits der kurzen, breiten Straße, die zur Mainbrücke führt, wandte sie sich links, die krumme Zeller Gaste aufwärts. Das Thor an ihrem oberen Ende war geschlossen. Ein Mann in Krebs und Eisenhut stand, auf seinen Spieß gelehnt, davor; seine Kämeraden saßen auf dem Bänklein vor der Wachtftube. Jener rief ihr die Fragen entgegen, wohin sie wolle, wer sie sei.? „Hat der Thes ein Glück", scherzte ein Graukopf, der auf der Bank saß.„Was ein feiner Fisch ihm ins Netz gegangen ist!" ..Laß' sie'naus!" rief ein Anderer.„Siehst doch, daß ihr Liebster im Schloß droben sie aus die Nacht erwartet." Alle lachten. Thes Mertz, der Fstcher, aber sagte:„Ich laß' Dich nit durch. Es hat vom Schloß gar so viel Kund- schaster in der Stadt, und Du bist auch eine." „Wenn ich eine wär', würd' ich mich gar fein ausweisen können, oder einen andern Weg zum Schloß gewußt haben," versetzte die Hofmännin, die ruhig dastand und des Spottes der andern nicht geachtet hatte.„Ich bin am Neckar daheim und wollt' mich draußen auf dem Tell bloß einmal umschauen. dicweil ich den Ort von Alters her kenne. Auf dem Schloß Hab' ich nichts zu schaffen. Oder doch. Wenn sie mich halt nur einließen." „Was dann? Was willst?" fragten die andern, standen von der Bank auf und umringten sie. „Künden wollt' ich ihnen, daß ihr letztes Stündlein nah' ist," entgegnete sie aufwallend.„Denn die Rächer von Weins- bcrg sind da. die vom Odenwald und Neckar." „Der Götz? Der Mctzler? Wüflich?" riefen die Männer erregt. „Sie schlagen just ihr Lager zu Höchberg; ich kam mit ihnen," berichtete sie.„Gott sucht die Sünden der Väter heim bis ins vierte und fünfte Glied, und ich will draußen auf dem Tell ein letztes Mal beten, daß sein schwerster Fluch auf die da droben falle und sie zermalme. Kein Ritter- schwert und kein Krummftab hält die Rache länger auf. Gott will es!" Der Graukopf, der seines Zeichens ein Böttcher war, gab Mathäus Mertz einen Wink und rief, während dieser die Hofmännin durch das Pförtlein im Thor hinaus ließ:„Lauf einer und künds in der Stadt, daß der Götz da ist. Heiliger St. Kilian!" „Ist die unheimlich," äußerte der Fischer zu seinen Kameraden.„Mir dünft, sie weiß einen Zauber, den sie gegen das Schloß brauchen will." Er schlug ein Kreuz. Sich umschauend stand die schwarze Hofmännin auf dem Tell, wie die sanfte Erhebung des Bodens auf der nördlichen Breitseite des Schlaffes genannt wurde. Hätte sie etwas von der Kriegskunst verstanden, so würden ihr die Bastionen, Laufgräben, Pallisaden und die durch Thürme geschützte Ring- mauer dahinter gesagt haben, daß es wohl gar harte Arbeit kosten dürfte,„Unsere lieben Frauen Burg" selbst von dieser noch am zugänglichsten Seite zu erobern. Es war in der That eine der festesten Zwingburgen und als eine solche hatte sie den Bischöfen seit Jahrhunderten gegen das durch seinen Weinbau schon früh zu Rcichthum gelangte Würzburg und Ostfranken gedient. Von Liebe und Vertrauen war zwischen beiden Theilen kaum je die Rede gewesen und der Ehrgeiz und die Habsucht des Krummstabes hatte die Kriegs- fackel nur selten erlöschen lasten. Doch hatte die ausstrebende Bürgerschaft sich die Schädel stets vergebens an den Mauern des Schlosses eingerannt, das aus jedem Sturm nur fester hervorgegangen war. Die schwarze Hofmännin prüfte jedoch das Schloß, von dem der Thurmknopf des Bcrchfrit allein noch in der Sonne glänzte, nur mit einem flüchttgen Blick. Sie schaute nach etwas anderem aus. Dort war es, etwas zur Rechten, gegen das Schottenkloster zu, was sie suchte. Mit langen, lang- samen Schritten ging sie dorthin und starrte auf die Stelle vor ihren Füßen m:t einem Gesicht, aus dem alles Blut ent- wichen war. Ja, hier war es gewesen, hier hatten die Flammen des Scheiterhausens den Geliebten, den göttlichen Jüngling verzehrt. Erst aber hatte er Zeuge sein müssen, wie seine beiden Unglücksgefährten, die mit ihm gefangen ge- legen, durch das Schwert hingerichtet wurden. Tag für Tag war sie zum Schlosse hinausgegangen und hatte vor dem Thor gelegen wie ein Hund und gewinselt, daß man sie nur ein ein- ziges Mal den Geliebten sehen laste. Immer aber war die„Metze des Paukers" von den Kriegsknechten mit rohem Spott fort- gejagt worden. Erst auf seinem letzten Gange hatte sie ihn wiedergesehen, allein auch jetzt nur aus der Ferne; sein gold- lockig Haupt hatte am Brandpfahl den Ring der Reisigen über- ragt, hinter dem sie stand. Seine blauen Augen hatten sie herausgefunden und ihr zugelächelt in den aufprasselnden Flammen. Das schreckliche Bild hatte immer vor ihr ge- standen; aber jetzt, an Ort und Stelle, ward es ihr in jedem Zuge zur gräßlichen Gegenwart, alle Schmerzen zerfleischten wie damals ihre Brust und mit einem gellenden Schrei warf sie sich auf den Boden und küßte ihn. Ihre Glieder zuckten. Thränen lösten endlich den Krampf. Sie setzte sich mühsam aufrecht und weinte laut, in das Schluchzen der Nachtigallen aus der Ferne. Allmälig wurde auch ihr Weinen leiser, sanfter. Sie stützte die Arme auf die angezogenen Kniee und barg das Gesicht in den Händen. Und aus der augenblicklichen Sttlle und Leere der Erschöpfung tauchten Zug um Zug, Bild um Bild die Erinnerungen an ihre Liebe zu Sans Böheim aus. Sie durchlebte sie wieder Stunde um tunde in allen Schauern und Wonnen die einzig glückliche, ach, so kurze Zeit ihres langen elenden Daseins. Spannen die Erinnerungen in einem Traum der Seligen sich fort? Es fröstelte sie. Sie hob den Kopf. Es tagte. Sie langte nach ihrem Stabe und erhob sich mit seiner Hilfe mühsam vom Boden. Ihre alten Glieder waren steif. Breit und klar floß in der Tiefe der Main. Eine lange, steinerne Brücke, öfe mif!Hirsf4u�cn bon Heiligen geschmückt und in der Mitte durch ein eisernes � geschlossen war. führte zur Stadt hinüber. gothische Thürme und byzantinische Kuppeln ragten zwischen den Dächern in den lichter und lichter sich gestaltenden Himmel. Um das Schottenkloster strichen pfeifend die Schwalben. Als die Greisin sich dem Schlosse zuwendete, streifte die Morgensonne die oberste Reihe der viereckigen Fenster, die Thurmknaufe glänzten wie Gold. Auf der Mauer hinter dem lichten Zaun. wie die Pallisaden genannt wurden. schritten Wachtposten hin und her. Die blutleeren Lippen der schwarzen Hofniännin krümmten sich verächtlich. Sie stiesi ihren Wanderstecken auf der Stelle. Ivo der Scheiterhaufen errichtet gewesen, Nlit aller Kraft in den Boden. Hier hatte ihre lange Pilgerfahrt des Elends begonnen, hier endete sie. Unstreitig hatten ihre Erzählungen von Hans Böhcim. seinen Lehren und seinem Ende nicht wenig dazu beigetragen, das Feuer zu entfachen, das jetzt auch den Marienbcrg umzüngelte. Der Bischof und seine Klerisei konnte» dem Strafgericht Gottes nicht entrinnen. Sic hatte es Gott abgerungen, endlich, endlich! Ihre Lebensaufgabe war erfüllt und ein Sehnen nach der Wiedervereinigung mit dem Geliebten im Jenseits dehnte ihr Herz. Sie würde ihm die Votschaft bringen, das; er gerächt sei. Ihren Stab als ein Malzeichen auf der Richtstätte zurück- lassend, entfernte sie sich nach dem Schottenanger zu.— Wendel Hipler hatte das Heer nur bis Taiiberbischofsheim begleitet, von wo er nach Heilbronn zurückging. Hier sollte die Reform des Reiches vorberathen werden, während die Waffen der Bauern es frei machten hier nach dem Siege der Volks- fache die endgiltig beschliesiende Ntationalversammlung zu- sammentreten. Heilbronn bot dazu einen vortrefflichen Mittelpunkt. Wendel Hipler hatte sich zu Amorbach darüber mit Hans Barle und dem Mainzer Keller Weigand, seineni Freunde, verständigt. Schon von Amorbach aus hatte er an die um Würzbnrg sich sammelnden Haufen geschrieben, daff sie zu�diescm Kongreß Abgeordnete nach Heilbronn schicken möchten, und auch an alle Haufen in Oberschwabcn.- Elsaß und Franken Botschaft in diesem Sinne gesandt. Er hatte auch Dr. Max Eberhard dazu eingeladen, indem er sich aus den Brief Florian Geyer's an diesen berief. Im Falken, seinem gewöhnlichen Absteigequartier, wann er von dem nahen Wimpfen zu den Gerichtstagen nach Heilbronn kam. würde er ihn treffen. lFortfctzmig folgt.) Kpaziergang- eines Naturfreundes. August. Auf einem schmalen Grenzrain schlenderte Herr Tanzmann zwischen den leeren Stoppelfeldern dahin. Die Ernte war vorüber, zwischen den gelben Roggenstoppeln machte sich schon das Grün der «ckerwinden, der Quecken und der durch Körnerausfall entstandenen neuen Roggenhalm« bemerkbar, die Haferfelder dagegen, die erst vor wenigen Tagen abgeerntet sein mochten, machten' jetzt einen voll- ständig vegetationslosen Eindruck. O weh, dachte Herr Tanzmann, das ist nun unser deutscher Sommer. Erst wartet man von Anfang März vier Monate lang. bis er kommt, und wenn er da ist, dann nehmen die Tage wieder ab und der Wind pfeift über die leeren Stoppeln. Der Wind pfiff freilich nicht, sondern es herrschte eine vollkom- mene Stille. Es war sogar etwas schwül. Die Luft war mit Wasserdampf erfüllt, und am Horizonte hingen schwere weißgezackte Gewitterwolken. Nur an dieser Wetterstimmung konnte Herr Tanz- mann den Hochsommer noch erkennen, denn auch auf dem grasigen Feldrain blühten nur solche Blumen, die noch lange dem'Herbste widerstehen, die Schafgarbe mit ihren weißen Dolden, die blaue Cichorie, gelbes Habichtskraut und der weiße Kriechklee. Die Felder endigten an einem welligen, schluchtenreichen Terrain. da? mit kleinen Buschwäldchcn besetzt war, die durch grüne Gründe und weiße Sandhllgel von einander getrennt waren.' Herr Tanz- mann streifte mitten durch das Gebüsch hindurch, das bereits das dunkle Grün des Hochsommers zeigte und an dem Insektenfraß und Pilzbefall ihre Spuren hinterlassen hatten. Auf den Blättern der Espen waren große schwarze Flecke und das Laub des Spindel- baumcs war von Raupen fast ganz zerfressen. Trotzdem regte sich noch immer die schaffende Kraft der warinen Jahreszeit. Die Eichcnbüsche und die Faulbaumsträucher waren immer noch in kräftigem WachSthum und ihre Triebe entwickelten immer neue zarte' Blätter. Allein die Früchte der Bäume und Sträucher be- ganncn bereits zu reifen. Mit gelbrothen Beeren überschüttet, prangten die Ebereschen herrlich am Rande des Waldes, neben ihnen belebte der Hartriegel mit seinen grünschwarzen, die Berberitze mit ihren zicgclrotheii und der Schneeballstrauch mit seinen jetzt gelblichen Früchten das Grün der Natur. Des Wanderers Augen ergötzten sich an diesem bunten Kleid des Waldes, der noch bei voller Sommerkraft doch schon die herrlichen bunten Jnsignicn des Herbstes trug. Er versenkte sich in die Tiefen der Naturräthsel und in die Ideen der Menschen, die die Uebergänge wenig beachten und überall schroffe Gegensätze wünschen. In diese Gedanken ver- tieft, achtete er wenig des Weges, so daß er beinahe über die Menschen gestolpert wäre, die hinter einer breiten Hainbuche lagen und Skat spielten. Die Spieler, anscheinend gut situirte Leute, waren über die plötzliche Unterbrechung ihrer Hantirung sehr erbost und schrien ihn an: Nanu, man sachte! Sie können wohl nicht kieken. Mann? Da kamen sie aber bei Herrn Tanzmann schlecht an. Desien Gemüthsart ivar so beschaffen, daß er selten die Gelegenheit vorüber- gehen ließ, eine Derbheit zu sagen, besonders wenn sie sich so schön bot, wie hier. Er sagte also: Was? Ihr wagt noch. Euer» Mund aufzuthun, ihr hohläugigen Spieler! Ihr, die Ihr einem hier die Wege versperrt und die Luft mit Euerm infamen Gewerbe verpestet! Schert Euch damit in eine alte Spelunke, wo der Tag nicht hinscheint! Aber hier bei Hellem Sonnenlicht den Gesang der Vögel mit Eurem„Null onvcrt" und „ich passe" zu überschreien und die grüne Natur anzuskaten, dazu gehört eine Portion Bandalismus, meine Herren, der mit dem Galgen bestraft Iverden sollte! Sprach's und ging wüthend hinweg. Die drei Herren sahen ein- ander verdutzt an. als ob ein Irrsinniger in ihre» Kreis getreten wäre. Dann aber kamen sie wieder zu sich und schickten dem Weg- gehenden eine Auswahl gediegener Sonntagsschimpswörtcr nach: �,Sic alter Fatzke!"„So'n Dussel!" und andere mehr. Herr Tanzmann eilte schnell weiter, ärgerlich auf sich und die heutige Kultur, und warf sich schließlich unter einer alten Eiche ins Gras. Der Himmel hatte sich mehr und mehr verschleiert und die Luft war noch schwerer und schwüler geworden. Der Wasserdunst umhüllte die ganze Natur mit einem dünnen, weißen Flor. Herr Tanzmann legte sich erschlafft auf den Rücken und sah hinauf in die breite Krone des Baumcs. Ein paar Eicheln, die noch grün waren. aber bereits ihre natürliche Größe hatten, fielen herab in Herrn Tanzmann's Gesicht. Wohl mir. dachte dieser, daß die Eiche kein Kürbis ist. oder vielmehr keine Kokos- oder gar Seychellenpalme, denn wenn die einem eine Zcntncrnuß auf den Schädel wirst, dann ist man für immer von Kopfschmerzen befreit. Schade, daß es bei uns keine solchen Bäume giebt, denn dann würden selbst Skatspieler mehr Interesse sür den Baum haben, unter dem sie sich lagern, und der naturwissenschaftliche Sinn würde bedeutend wachsen I Herr Tanzmann ruhte noch ein Weilchen aus und sah den Ameisen zu. die an dem borkigen Stamm der Eiche auf- und ab- Oen und da. wo ihre Wege sich kreuzten, einander mit den Fühlern steten. In den Furchen der Borke hatten sich Raupen eingesponncn und auf den Blättern befanden sich hie und da kleine kugelrunde Wuche- rungen, die durch den Stich der Eichcngallwespe hervorgerufen worden waren. Danach sprang Herr Tanzmann auf und trabte weiter. Zunächst ginc, er an einem Grunde hin, dessen Gras jetzt vor dem zweite» Schnitt sehr hoch emporgeschossen war. Eine Menge Blumen. blaue Bruncllcn, rothe Kuckucksnclken, weißes Sumpfherzblatt und vielfarbiger Augentrost schmückten das Grün des Grases mit bunten Flecken. Beim Vorübergehen scheuchte der Wanderer eine Menge von Grashüpfern auf, die mit ihren weiten Sprüngen ein stetes knisterndes Geräusch hervorbrachten. AlS Herr Tanzmann wieder an den Rand eines neuen Busch- Wäldchens gelangte, erwatteten ihn hier reichbehängte Himbeer- und Brombeersträucher. Er nahm die Einladung zu dem leckeren Mahle dankbar an. und das Bewußtsein, hier genießen zu können, ohne daß Angebot und Nachfrage den Preis bestimmten, ohne sdaß überhaupt von Preis und Geld die Rede war, erhöhte den Genuß, ganz abgesehen davon, daß die Maare zweifelsohne frisch und nicht durch die Fort- schritte der Chemie verfälscht war. Einige Meter von den Frucht- fträuchern entfernt, standen ein paar alte stämmige Hollundcrbüsche, deren bereits reifende Beeren eine Schaar Singvögel angelockt hatten. Die sangen dort beim Schmause in allen Tonarten mclodienreiche Lieder der Freude. Herr Tanzmann hätte gern mit eingestimmt, denn er war wieder eitel Lust und Wohlbehagen: aber Gesang war ja seine schwache Seite, das heißt, er war im Herzen voller Melodien, aber er brachte cS nicht heraus, nicht ein« mal mit Pfeifen. Die Sonne wurde jetzt immer matter, und am Südwest- Himmel zog eine schwere schwarze Wolkenwand herauf. Ein paar Schwalben, die sich hier in die Gegend verirrt hatten, flogen tief um Erdboden dahin. Der Wanderer wurde von Fliegen und Stech- mückcn gepeinigt, die sich jetzt wie besessen auf seinen Händen und an seinem Halse festsaugten. O weh. sagte Herr' Tanzmann zu sich, diesmal bekommen wir ein Donnerwetter, aber nicht zu knapp! Und er sah sich nach irgend einem Unterschlupf um. fand�aber nichts, da er bei Gewitter nicht unter einem hohen Baum Schutz suchen wollte. So blieb ihm nichts übrig, als sich dem Dorfe zu- zuwenden, das etwa eine halbe Stunde entfernt am Ende einer lang- gestreckten Erdrinne lag, die sich von dem hügeligen Terrain seitwärts abbog. Herr Tanzmann beeilte sich, denn er wußte, daß ein Ge- witter sekr schnell heranzieht. Er fand denn auch bald einen sandi- aen Feldweg, der an öden Äicfcrnhaiden vorüber nach dem Dorfe führte. Die Vegetation am Rande des Weges machte einen sehr dürren Eindruck. Strohige gelbe Immortellen und staubige violette Natterkopfblumen hoben'sich aus dem spärlichen grauen Grase und der Thymian bildete zwar schön purpurrothe aber doch niedere, magere, kreisrunde Polster. Von Zeit zu Zeit kam Herr Tanzmann an einer alten Silberweide vorüber, deren graue Blätter zu dieser öden Landregion vortrefflich pafften. Die Wetterwand war höher heraufgezogen, und bereits ertönten die ersten die Luft dumpf erfüllenden Schläge des fernen Donners. Ein seltsames, trübes, phantastisches Licht gab der Natur ein un- heimliches Aussehen. Herr Tanzmann ging in einen leichten Trab über, wobei der lose Sand wie Wasser von seinen Stiefeln rann. Nun führte der Weg mitten durch eine Äiefernhaide, hier wurde das Gras, durch den Schatten der Bäume beschützt, grüner, die dürren Kiefern dagegen strömten, anstatt zu erfrischen, eine Backofcnhitze aus, die fast unerträglich war. Der Baumbestand war sehr lückenhaft, silberne Flechten umspannen die Stämme und die Zweige der Kiefern. Doch unter ihnen machte sich das Haidekraut breit, dessen liebliche Blüthcn sich nun erschlossen hatten. Der Himmel wurde finsterer, und der Donner lieff sich lauter vernehmen. Herr Tanzmann rannte immer schneller, dabei scheuchte er einen Rehbock auf, der schnell über den Weg setzte und wieder zwischen den braunen Stämmen der Kiefern vcrschivand. Kurz vor dem Dorfe verlies; der Weg wieder den Wald und führte durch eine vollständig vegetationslose Sandwüstc, ein Terrain losen Flugsandes, daö sich stetig ausdehnte und die Fluren ringsum begrub. Jetzt freilich lag der Sand ruhig da, es dauerte aber kaum eine Minute, so konnte Herr Tanzmann die Thätigkeit dieser kleinen Sahara be- obachtcn. Die Wolkenwand rückte naher heran und ihr voran ging ein heftiger Windstoh, der rauschend über die Gegend strich. Wie mit Millionen Händen schüttelte er die Wipfel der Bäume, die Stengel der Blumen, die Halme der Gräser, und nun faffte er die Sandkörnchen und trieb sie als dicke Staubwolke vor sich her. Die ganze kleine Sandwüstc war in wirbelnder wallender Belvegung. in- der Herr Tanzmann wie im Pulverdampf verschwand. Und während die feinen Körnchen vom Winde weit weggetragen wurden, rollten die schweren surrend am Boden hin. um an den umliegenden Fluren hängen zu bleiben und so das Terrain der Wüste zu vergröffcrn. Nun kam das Gewitter heran. Der Donner wurde lauter. blendende Blitze durchzuckten die Luft in gebrochenen Strahlen und gellende Schläge folgten ihnen. Es fing an in großen Tropfen zu regnen. Nun sauste Herr Tanzmann in Karriere dahin, er wollte um jeden Preis mit dem Wetter um die Wette laufen»nb_ ihm zuvorkommen. Im Nu war er auf der breiten Dorfstraffe angc- kommen, und nun ging es in mehr gesittetem Trabe vorwärts. Er eilte an Akazien vorüber, die bereits mit braunen Hülsen be- hangen waren, an dichtkronigen Kastanien, unter denen grüne stachelige Früchte in Menge lagen, an Gehöften, an Gärten vorüber, in denen die Astern und Georginen schon blühten und die Kletter- bahnen sich um drei Meter hohe Stangen rankten. Der Regen ward stärker und die Gewitterschläge dröhnten mit unaufhörlichem Knattern und Rollen. Bevor aber Herr Tanzmann das schützende Wirthshaus erreichte, hatte er noch ein Abenteuer mit zwei wild gewordenen Schweinen zu bestehen, die aus einem Bauenihosc aus- gebrochen und von einer Schaar Weiber und der Dorfjugend verfolgt, Herrn Tanzmann gerade in die Beine getrieben wurden. Herr Tanzmann wollte die Thicre aufhalten, er fäffte das eine am Ohr, es entlief ihm aber quiekend, während der Wind ihm seinen ut entführte, zum Gaudium der gesammten Zuschaucrschaft. Herr anzmann rannte seinem Hute nach, holte ihn einmal schon ein und trat mit dem Fuße darauf, der Hut aber entwischte dennoch wieder, eilte weiter und blieb erst an der Thür des Wirthshauscs liegen. Da hatte denn Herr Tanzmann nichts weiter zu thun, als dem treuen Gefährten seiner Fahrten zu folgen.— Curt Grottewitz. Nlcittrs Fouillekon — In den Marmorbriichen am Pcntelikon. Schon im griechischen Alterthum war der pentclische Marmor berühmt. Heute befinden sich die Marmorbrüche am Pentclikon im Besitz einer englischen Gesellschaft. Die Station derselbe», Dionhson. liegt ungefähr in der Mitte einer ausgedehnten Fläche, deren Nord- und Süd- grenze die Kammlinie des Pcntelikon und des Stamatowuni bilden. Für 300 000 Drachmen hat die Gesellschaft das Recht er- worden, überall Marmorbrüchc, Straffen und Eisenbahnen. Wasser- leitungcn und Brunnen anzulegen, Häuser zu erbauen, Arbeiter- Kolonien zu gründen. An dem Stamatowuni arbeiten, wie die »Köln. Ztg." mittheilt, vom März bis Ende Juli in 0 Brüchen etwa hundert Arbeiter. Hier tritt der Marmor nicht als fortlaufendes Gc- stein auf, sondern in ungeheuren Blöcken bis zu 50 Kubikmetern und darüber, zwischen denen dann eine Erdschicht von braunrother Farbe liegt. Das Brechen der Blöcke geschieht noch auf die einfachste Weise mit dem Keil. Nachdem der Block, der in Angriff genommen werden soll, an der Oberfläche gereinigt ist und vom Vorarbeiter die nöthigen Weisungen über das Wo und Wie des Beginnens gegeben sind, be- ginnen die Schläger je nach der Länge des zu brechenden Blockes zwei und mehr Keillööher zu machen, wagerechte oder schräge Löcher von ungefähr 30 Zentimeter Länge, 10 Zentimeter Breite und 15 bis 20 Zentimeter Tiefe. In diese Keillöcher werden eiserne Keile gesteckt und in allen Löchern durch gleichzeitiges Eintreiben vorwärts getrieben, bis der Block sich überall gelöst hat, da die Löcher genau parallel dem Laufe der Adern gemacht sind. Am Stamatowuni werden auch die groffen Blöcke für die Architraven des Parthenon gebrochen, der jetzt durch Erneuerung einzelner Thcile vor der gänzlichen Zerstörung gerettet werden joll. Es sind Böcke von ungefähr einem Meter Länge und über einen Meter Breite und Dicke. Giebt ein solcher Block unter dem Spitzhammer einen glockenreinen Ton v»n sich, dann hat er nirgends Hohle Stellen. Das Kubikmeter des ge- brochenen und roh behauenen Marmors wird einschliefflich der Transportkosten für lövDrachmen(Drachme— 67 Pf.) auf den Bauplatz geliefert. Bei autzergewöhnlich groffen Blöcken, wie denen tfür den Parthenon, wird ein besonderer Preis vereinbart, dermit der Gröffe wächst. Sobald die Bahn hergestellt ist, die eine direkte Verbindung mit dem PiräeuS herbeiführen soll, wo die Blöcke von den Waggons bis an die am Staden liegenden Transportdampfer gebracht werden sollen, wird das Brechen in großem Maffstabe betrieben werden; denn Be- stellimgen für das Inland und Ausland, besonders für Deutsch- land, sind reichlich vorhanden. Der Lohn der Arbeiter beträgt je nach ihrer Fähigkeit 3 bis 7 Drachmen; 7 Drachmen erhalten die Vorarbeiter und ersten Arbeiter, 3 Drachmen die, welche Reinigungs- arbeiten vornehmen. Ringsum haben die Arbeiter sich Laubhütten errichtet, alle mit der Ocffnung nach Norden; in ihnen bewahren sie ihre Kleider. Brot und Speisen, Wasserkrüge und sonstige Sachen, die ihnen für den Tag unentbehrlich sind. Sie arbeiten täglich gl/s Stunden. Abends'ivandern alle nach dem in einer romantischen Schlucht gelegenen einfachen, aber luftigen Blockhause, wo sie eine gemeinsame Schlafstätte finden. Das ist das Leben der Arbeiter; wohl leben sie in der frischen gesunden Bergluft, aber die Sonne meint es im Sommer immer recht gut, und hat es geregnet, so entsenden die Sümpfe der marathonischen Ebene Miasmen, die das hartnäckigste Sumpffieber hervorrufen, das nur weicht, wenn der Befallene für einen Monat in die Brüche des Pentelikon geschickt wird. Bis dahin gelangen die Miasmen nicht; aber auch die Station-Dionhson erreichen sie nicht. Die Hartnäckigkeit der Fieber hat auch ihren Grund in der schlechten Ernährung. Die Arbeiter essen die ganze Woche nichts anderes als eine Art Salat aus Zwiebeln, Knoblauch, Oel und Essig, wozu in der gegebenen Zeit noch Tomaten konimen; da hinein wird das Brot getaucht. Dazu trinken sie meistens Wasser.' Am Abend gehen sie vielleicht in die Schenke des Blockhauses, dort bekommen sie aber auch nur Sardellen und Käse, selten Resinatwein, aber meistens Masticha- oder Usoschnaps; erstercr wird aus dem Mastix- bäume, letzterer aus den Weinreben bereitet. Fleisch essen sie nur an Sonntagen und hohen Festtagen.— Literarisches. —].— Alexander Moszkowski:„Satyr", Kleine Hu- morcskcn in Prosa und Versen. Berlin 1898. Vita, Deutsches Vcrlagshaus.— Es ist nichts Bedeutendes, was der Verfasser seinem Publikum in dem vorliegenden Buche vorsetzt; meist sind es alte, abgebrauchte Einfälle, Karrikaturcn und Witzchen, die frisch aufge- putzt werden und auf die verschiedensten Tagesnenigkeiten zur Ver- Wendung kommen. Hin und wieder laufen auch einmal VcrSchcn oder einige Prosarcihen mitunter, die zum Lachen zwingen, wie z. B. in..Moderne Inquisition",„Der Studio" und„Gymnastische Strophen". Sonst aber sucht man das Humoristische in diesen Humoresken vergeblich.— Medizinisches. k. Künstliche VM.dauung Von dem Einfluß, den der Magensaft(das Pepsin) im Magen aus die Nahrung ausüben kann, ist im wesentlichen die Verdaulichkeit der letzteren bedingt, und diese ist wiederum von der größten Wichtigkeit für den Nahrwerth der Nahrung. Um nun über die Vorgänge bei der Verdauung im Magen genaue Kenntniff zu erhalten, hat man versucht, eine„künst- lichc" Verdauung herbeizuführen. In erster Linie handelt es sich dabei darum, möglichst genau dieselben Verhältnisse, wie sie im mensch- lichen Magen bestehen, herbeizuführen. Dies ist durch die Benutzung eines sogenannten Brütofcns vollständig gelungen. Der Bonner Professor Finkler hat nun eingehende Versuche über die künstliche Verdauung angestellt, deren Resultate er in der„Berliner Klinischen Wochenschr." mitthcilt. Er benutzte dabei Tropon und es gelang ihm, bei richtig geleiteter künstlicher Verdauung etwa 99,54 pCt. dieses EiwciffkörperS zu pcptonisiren. Um die Richtigkeit der Rc- sultate bei der„künstlichen" Verdauung genau nachprüfen zu können, hat Finkler sehr interessante Versuche über die natürliche Verdauung des Tropons im Magen des Menschen gemacht. Eine Gelegenheit hierzu bot ein Mann, dem wegen einer schweren Speiseröhrcn-Erkrankung die Nahrung durch einen in den Magen eingeführten Schlauch zu- geführt werden muffte. Es wurden dem Patienten 30 Gramm Tropon durch den Schlauch in den Magen gebracht, und der Inhalt desselben nach einigen Stunden wieder herausgcwaschen. Die Unter- suchung dieses„natürlich" verdauten Tropons ergab dasselbe günstige Resultat wie die künstliche Verdauung, so daß man die Ergebnisle der letzteren über die vollständige Verdaulichkeit des Tropon als richtig ansehen darf.— Aus dem Thierreiche. — Es ist ein allgemein verbreiteter Volksglaube, daß alle Raupen giftig seien. Von einigen, die mit einem Haarpelz versehen sind, steht es ja auch fest, daß sie bei der Berührung und uamentlich, wenn die Haare an die Schleimhäute gelangen, recht bösartige Entzündungen hervorrufen tonnen. Man führt diese Wirkung gewöhnlich darauf zurück, daß die Spitze des hohlen Haares in die Haut eindriilgc, dort abbreche und eine in besonderen Drüsen erzeugte scharfe Klüssigteit austreten laste; der Vorgang würde also demjenigen entsprechen, auf dem die gcfürcktcte Wirkung der Brenn- nesteln beruht. Die Versuche aber, die neuerdings ein franzöfstcher Forscher, Kabre, an der Raupe des Kiefern-Prozessionsspinncrs und einiger anderer Schmetterlinge ausgeführt hat, lasten die Wirksamkeit der Raupcnhaarc noch in einem anderen Lichte erscheinen. Fabre fand, daß ein Aethcrauszug aus dem Ä o t h e dieser Raupen auf der Haut des Armes die charakteristische Entzündung hervorruft, die mit Anschwellung, Röthung, Jucken, Verbrennungsgefühl, Aussonderung einer serösen Flüssigkeit und später Abschuppung der Oberhaut ver- bunden ist. Die Versuche führte Fabre in der Weise aus, daß er mit dem eingeengten Aeiherauszuge getränktes Löschpapier auf seinen Arm legte und mit emem dichten Verbände umgab. der eine Nacht liegen blieb. Am zweiten Tage wurde die entzündliche Anschwellung stärker und ergriff die Tiefen der Muskelmasse, auch die Tropfenaussonderung nahm zu und das brennende Jucken steigerte sich dermaßen, daß Fabre ein Linderungsmittel lBorax- Vaseline) an- wenden mußte. Nach fünf Tagen hatte sich ein abscheulich aus- sehendes Geschwür gebildet. Erst nach drei Wochen ließ die Ent- Zündung nach, die Haut bildete sich von neuem, aber die Röthe blieb bestehen: nach einem Rkonat empfand Fabre noch Jucken und Ver- brennungsgefühl, das durch die Bcttwärme gesteigert wurde. Die Röthe war erst nach drei Monaten völlig verschwunden. Enrsprcchendc Entzündungserscheinungen werden nach Fabre hervorgerufen durch das Blut der Prozessionsraupe, soivie durch einen äthcrislben Auszug der Haare, wahrend die Haare selber nach der Behandlung mir Aether keine Wirkung mehr ausübten. Ferner zeigte sich das Gift in der flüssigen Ausscheidung, die der junge Schmetterling nach seinem Ausschlüpfen aus der Puppe von sich giebt. Fabre schließt aus diesen Beobachtungen, daß das Gift ein Adfallprodukr des organischen Stoff- Wechsels sei, und er nimmt an, daß die Haare der ProzessionSraupcn bei dem Aufenthalt der Thicre in dem gemeinsamen, von Unrath erfüllten Reste, äußerlich vergiftet würden. Auch die anderen giftigen Raupen leben nach Fabre gesellig, während einzeln lebende, wie z. B. dir Bären- raupe, trotz starker Behaarung und trotz der Giftigkcft ihres Kothes unschädlich sind. Die Ausscheidung eines scharfen Stoffes von der oben geschilderten Wirksamkeit fft nach den Schlüffcn, die Fabre aus seinen Versuchen zieht, allen Raupen(und.jungen Schmetterlingen) gemeinsam. Aber auch bei anderen Insekten kommt er vor. Daß junge, aus der Puppe ausschlüpfende Rosenkäfer(Cetonia.) eine Flüssigkeit von sich geben, die rberstolche Entzündung zu erregen ver- inag, wie der Giftstoff der Raupen, kann zlvar nicht miffallend er- scheuleri, da die scharfen Ausscheidungen dieser Käfer längst bekannt sind. Bemerkenswerth aber ist es, daß Fabre im Korb von Blatt- Wespenlarven, Heuschrecken und Grillen denselben Giftstoff gefuirden hat. Es scheint also, daß wir es hier mit emem ganz allgemem verbreiteten Insektengifte zu thrm haben, und man wird sagen können, daß hier wieder die Wistenschaft einen alten VolkSglaubeir bestätigt hat.—(„Voss. Ztg.") Ans der Pflanzenwelt. ». Ein merkwürdiger Baum steht in dem Dorfe B r o u v a u x in der Umgebung von Metz. Er wurde auf dem letzten Gartenbau- Kongreß in Paris zmn alleinigen Gegenstände eines Vortrages gemacht. Der Baum zeigt in überraschender Weise den Einfluß, den ein Pfropfreis auf den Mutktrslaninr zu üben vermag. Es ist eine Mispel, über 1 Jahre alt. Ursprünglich wurde er ans die Spitze eures Weißdorns gepfropft: diese beiden Baumartcn sind sich bekaanUich nahe verwandt. Der Stamm des Weißdorns hat nununtcrhalb der Pfropfftelle einen richtigen Mispelzweig getrieben, der sich nur in einiger Hinsicht von den Zweigen des eigentlichen Mispclstammes unterscheidet: einmal ist er mit Dornen besetzt ivie ein Weißdorn- zweig, ferner trägt er nicht einzelne Blütheir, Wiehes sonst bei der Mispel der Fall ist. sondern hat dieselben auf einer Stelle vereinigt: endlich entstehen aus diesen Blüthcn Früchte, die zwar rvirklichc Mispeln find, aber kleiner als diese und abgeplattet. Dieser Zweig hat nun aber wiederum einen Zweiggctrieben, dernoch merkwürdiger ist: seincBlüthen gleichen Weißdomblülhcii, sind aber rosa gefärbt, und die Blätter halten in der Form etwa die Mitte zwischen denen des Mispelbaums und des Weißdorns. Ebenfalls unterhalb der Pfropfung hat der Stamm noch einen weiteren Ast hervorgebracht, der in der Nähe der Ansatzstelle ganz wcißdornartig ist, sich aber nach feinem Ende zu vollkommen um wandelt, indem die Blätter wollig werden wie die der Mispel. Dieser Zweig hat bisher noch keine Blüthen getragen. Der ftauzösische Botaniker Jouin hat von allen drei Zweigen Ableger genoinmen und will mit denselben noch weitere Pfropfvcrfuche vornehmen. Eine interessante Frage ist es, ob der erstbeschricbene mispelarrige Zweig gleich in dieser Gestalt aus dem Weißdornstamme entwachsen rst oder ob er ursvrünglich ein Dorn- zweig war und sich nach und nach zum Mspclzwcigc umwandelte. Jouin nurnut das letztere au und glaubt, daß die anderen beiden Zweige sich ebenfalls auf dem Wege einer solchen Umwandlung befinden, die nur noch nicht so weft gediehen ist als im ersten Falle.— Technisches. — Seide aus Spinnenfäden. Die ersten Spinnenseide- Muster wurden der Purster Loaivtö ontcunologigav aus Tamatava eingesandt. Das neue Produft ist aus Madagaskar und kvird aus den feinen Spinnenfäden der auf der Insel einheimischen Art „l�oxhila nrackaANScarsiisiL« erzeugt. Diese Spinnenart ist sehr groß und heißt auf Madagaskar„HalabeS". Die Seidenmuster sind gelblich und haben einen Such ins Goldglänzende. Wie aus einem älteren Reisebuche über Madagaskar hervorgeht, lvird der Stoff auf eine sehr einfache Art gewebr. indem man nämlich die langen Fäden aus dem Hintertheile der Spinne hervorzieht und sie aiff eine Spindel dreht.— Humoristisches. — Eigenartiger Erfolg.„Also Sie haben gefallen als König Lear?" Schauspieler:„Riefig. namentlich in der Wahnsinnsszene. Im Publikum gab's nur eine Stimme: So w a»J V e r rjü cki e s hätten sie noch nicht gesehen!"— — Bekanntmachung. Nachdem der Wind zu wiederholten Malen den Wegweiser abgebrochen hat, hat der wahlweise Rath auf Anrathen des Bürgermeisters nunmehr am Kreuzwege eine b c- w e g l i ch e Tafel aufstellen lassen, bei welcher der Wind nunmehr keinen Schaden mehr anrichten kann. Der Rath von Schöppenstedt.— (.Lust. Bl.") Vermischtes vom Tage. y. Ein Arbeiter in Altona hafte sich gegen seine drei Töchter vergangen. Als ihn seine Frau anzeigen wollte, brachte er ihr lebensgefährliche Verletzungen bei.— — Bei einem Brande in Allenstein(Ostpreußen) kamen zwe> Brüder in den Flammen um.— — Dreißig Gebäude find in KIrincngarstrn bei Kalbe an der Milde bis auf den Grund abgebrannt.— — Eine große Spinnerei bei Lörrach brannte am Freitag nieder. Zwei Personen wurden schwer verletzt, ein S8 jähriges Mädchen starb an den Folgen eines Sturzes. Der Schaden beträgt eine halbe Million Mark.— — Ein Millionenbauer von Neubau seu fragte in einer Münchener Kunsthandlung nach dem Preis ver- schiedener Bilder. Dami durchstieß er die Bilder und bezahlte sie. Auf diese feine Art brachte er 2200 M. an.— — Am Wiener We st bahn Hof stieß em Postzug mit einem Stadtbahnzuge zusammen. Vierzehn Personen wurden verletzt, zwei von ihnen schwer.— — Bei Lyon ertranken sieben junge Lcnte in der Röhe von Jrigny bei einer Bootfahrt auf der Rhone.— — In einem Anfall von Wahnsinn erschoß ein Soldat in S p e z r a zwei Kameraden und einen Bauern.— — Vier Matrosen verbrannten bei dem Feuer eines Logrrhanses in Liverpool.— — Der ncuerbaute Kirchthurm in M a r o s i k j e bei jilrnd stürzte kurz vor der Krenzaussctzung ein. Bisher sind brei Tobte, sechs schwer und mehrere leichter Verletzte aus de» Trümmern hervor- gezogen ivordcn.— — In einer großen Dampfmühlc in Ri s h n y- R o w g v r o d brach ein Feuer aus, das große Dimensionen annahm._ Es wurden mehrere Holzniedcrlagcn und Fabriken, sowie 80 Häuser des Vor- ortes Katysy eingeäschert und vier Arbeiter und ei» Feuerwehrmann verletzt. Der Schaden bcläuft sich auf etwa IVz Millionen.— — Der russische Höring sfung ist bjegen der bisher betriebenen Raubfischerci in diesem Jahre außerordentlich schlecht aus- gefallen. In Astrachan wurden 75 Rubel für lGOO Heringe gezahlt: auf dem Rischni-Nowgoroder Jahrmard stieg der Preis auf 100 Rubel und darüber.— — Gewaltige Stürme und Wolkcnbrüche wükheten im Gouvernement Plocu. Eine große Anzahl Häuser wurde ab- gedeckt und sortgcrissrn. 23 Menschen wurden vom Blitze ge° tödlct.— — Im Hafen von N U m e a schlug ein Boot um, das russische Matrosen von einem Feste nach ihrem Schiffe brachte. Alle vier- zehn Mann ertranken.— — Die„Wcllingtoner Zeitung" in Ncu-Serland brachte folgende Neuigkeft als Telegramm vom 17. Juni:„Das Resnftal der deutschen Wahlen ist die Wiederwahl des Herrn Rechr und die Niederlage der beiden soziali st i scheu Reickstagsmftglieder Bebel und Krupp. Die Sozialisten haben 25 Sitze gewonnen. Wer Herr Recht ist, wird leider nicht gesagl." Die Zeitung mußte ftir diesen Unsinn mehr als 150 Marl zahlen.— Verantwortlicher Liedakteur: Angnft Jaeobey in Berltn. Druck und Verlag von Max Boving in Berlin.