Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 163. Sonntag, den 21. August. 1898 (Nachdruck ü-rtotsa) 591 Mm die Fveiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1325. Von Robert Schweichs l. Vor Thau und Tag war er auf dem Wege nach Heil- bronn. Er erreichte es ohne Fährlichkeiten, wenngleich häufig aufgehalten. Denn in allen Dörfern, durch die er kam, wurde er einem scharfen Ausfragen unterworfen über das Wer. Woher, Wohin? Der Anblick des weiten, an Wein und Korn reichen Thales. in dem Heilbronn liegt, verscheuchte die düsteren Bilder so mancher Brandruinen wie der der Weibertreu, als er, gleich hinter Weinsberg links abbiegend. nun zwischen goldig flimmernden Rebenhügeln gegen die Stadt hinunterritt. Wendel Hipler erwartete ihn bereits in der Herberge zum Falken, wo ihn Max unter Papieren vergraben fand. Es war die erste Begegnung beider in ihrem Leben. Prüfend schauten sie einander in die Augen und dann reichten sie sich gleichzeitig die Rechte und ein kräftiger Händedruck bezeugte ihr gegenseitiges Vertrauen. „So, wie Jhu da vor mir steht, habe ich mir, nicht Eure Züge, wohl aber den inneren Menschen, der aus ihnen spricht und den ich ja schon aus Euren Briefen an Florian Geyer und aus Eurer Antwort auf meine Einladung kenne, vor- gestellt," sprach der Kanzler mit Wärme und nöthigte Max, sich zu ihm zu setzen, worauf er fortfuhr:..Und nun, lieber Doktor, erzählet mir. wie die Dinge in Rothenburg aus- schauen. Der Monzingen hat mich schon seit längerer Zeit ohne Nachrichten gelassen." Max Eberhard berichtete so unparteiisch wie möglich über die Vorgänge in seiner Vaterstadt. Hipler. der ihm auf- merksam zuhörte, äußerte, als er schwieg, mit einem Seufzer: „Es ist ein Unglück, daß der Blick dieser freien Städte nicht über ihre Ringmauern hinausgeht. Sie gleichen den Austern in der Schale. Die ganze Welt draußen mag zu gründe gehen, wenn nur ihr eigenes Ich unbeschädigt erhalten bleibt. Aber wir wollen ihre Schalen aufbrechen; sie müssen sich in das Ganze einfügen. Sftur so kann der unseligen Zerstückelung des Reiches durch den Egoismus ein Ende gemacht werden." „Verzeihet mir die Bemerkung, Herr Kanzler," äußerte Max.„Habet Ihr der Zerstückelung nicht selbst einen Vor- schub geleistet, indem Ihr den Götz von Berlichingen zum obersten Hauptmann der Odenwäldler und Neckarthaler wählen ließet, während die Wahl Florian Geyer's die damals zu Weinsberg versammelten Heerhaufen der Bauern zusammen- gekittet haben würde?" „Scheinbar habet Ihr recht," nickte Hipler ihm zu.„Aber es brauchte eines Mannes, der den Feinden Vertrauen einflößt und sich einer gewissen Beliebtheit bei den Bauern erfreut. Diesen Anforderungen entsprach der Götz. Persönlich schätze ich keinen Mann höher als den Ritter Florian, und auch ein bewährter Kriegsmann ist er. Allein die Bauern kennen ihn nicht und bei ihrem Hasse gegen den Adel würden sie ihn nicht als obersten Hauptmann angenommen haben. Ich durfte es wagen, den Götz ihm vorzuziehen, weil ich gewiß weiß, daß Geyer der Sache der Freiheit seine Person bereitwillig unterordnet. Um der Freiheit willen wird er selbst seine moralische Geringschätzung des Ritters mit der eisernen Hand schweigen heißen. Darin bin ich mit ihm einverstanden, daß in dem neuen Reiche, das wir aufrichten wollen, die Standesunterschiede aufhören müsien. Aber man darf ihnen nicht mit Gewalt ein Ende machen; man muß sie allmälig absterben lassen." „Und wie wollet Ihr dies zu Wege bringen?" fragte Max gespannt. „Ich will's Euch andeuten," erwiderte Wendel Hipler mit einem leisen Lächeln.„Denn ich bin sicher, daß Ihr mich alsdann um so nachdrücklicher bei den Berathungen über die neue Reichs- ordnung, die morgen ihren Anfang nehmen sollen, unterstützen werdet. Die bei Würzburg jetzt lagernden ostftänkischen Haufen haben zu diesem Behnfe zwei Abgeordnete geschickt, Bauern zwar, aber mit großer Erfahrung und mit einem ungewöhn- lichen Verstände begabt. Es bewahrheitet sich auch hier wieder. I daß in Zeiten großer Bewegung sich stets die geeigneten be- deutenden Männer heranbilden. Run wohl; den Neckar ver» tritt Hans Berle von hier, ein feiner politischer Kopf. Aus dem schwäbischen Oberlande sind keine Abgeordneten eingetroffen. Sie können keinen Mann entbehren, wie sie schreiben, da der Truchseß von Waldburg sich gegen sie zu wenden scheine. Sie haben es aber nicht bei einer Entschuldigung bewenden lassen, sondern allerlei Vorschläge für die neue Reichs- ordnung eingesandt. Die fränkischen Haufen haben dasselbe gethan. Schauet diesen Haufen Geschriften! Es ist manches Brauchbare darunter. Ich werde sie morgen vor- legen und darüber berichten. Das beste ist unstreitig ein aus die zwölf Artikel gestützter Entwurf meines Freundes Weigand, des Amtskeller von Miltenberg. Doch das Reden trocknet die Kehle aus. Entschuldigt mich einen Augenblick." Einen Glockenzug oder eine andere Vorrichtung,� um einen dienstbaren Geist herbeizulocken, gab es in der Stube nicht, wie solche damals überhaupt in den Zimmern der Gast- Höfe fehlten. Die Zimmer dienten nur zur Nachtruhe. Wendel Hipler machte sich daher selbst auf die Suche nach einem Auf- Wärter. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis er einen solchen fand, und wieder verfloß eine geraume Zeit, bis derselbe. mürrisch, in seiner anderweitigen Arbeit gestört worden zu sein, Wein und Becher brachte. Wendel Hipler erzählte unter- deffen seinem jungen Freunde von Weigand, seiner schrift- stellerischen Thätigkeit für die Bewegung und seiner geistigen Bedeutung. Nachdem er dann die Becher mit einem guten Neckarwein gefüllt, mit Max angestoßen und beide getrunken hatten, nahm er wieder das Wort in folgender Weffe: „Um also auf unseren Gegenstand zurückzukommen! Aus welchen Quellen strömt die große Macht der Geistlichkeit, der Fürsten und des Adels, wenn nicht aus ihren Einkünften aus den indirekten Steuern, den Zöllen, Geleiten und der Gerichts- Herrschaft. Wohlan, diese Quellen hören im neugeordneten Reiche zu fließen auf. Es wird keine Zölle und Geleite mehr geben, noch Umgeld, außer den Zöllen, welche erforderlich sind, um Brücken. Wege und Stege zu unterhalten. Alle Straßen werden frei sein. Dazu soll fortan alles weltliche Recht, das bisher im Reiche gebraucht wurde, ab und todt sein und das göttliche und natürliche Recht allein gelten. damit der arme Mann so viel Zugang zum Recht habe, als der Oberste und Reichste. Nach diesem Rechte sind auch alle Städte und Gemeinden zu reformiren und alle Bodenzinse ablösbar. Erwäget Ihr dieses alles Punkt für Punkt, so werdet Ihr mir zugeben, daß damit die Prälaten zu einsachen Predigern, die Fürsten und Herren zu größeren oder kleineren Grundbesitzern, die Patrizier zu ein- fachen Bürgern werden und zwar alle unter einem Haupte, dem Kaiser, dem keine andere Steuer als alle zehn Jahre einmal die Kaisersteuer entrichtet wird. Das neue Reich wird nur aus lauter Freien und Gleichen bestehen." „Das ist in der That unbestreitbar," rief Max lebhast. „Ihr merket schon, daß ich den römischen Juristen, die Ihr ja nicht sonderlich liebt, obgleich Ihr auch einer seid, dabei an den Kragen gehe," fuhr Hipler fort.„Eine Reform des Rechts und der Gerichte, so wie deren Verfahren ist ohne dem nicht denkbar. Daher verlange ich, daß kein Doktor des römischen Rechts zu einem Gericht oder in eines Fürsten Rath zugelassen werde. Es soll überhaupt an jeder Universität nur drei Doktoren das Recht geben, um sie vorkommenden Falles zu Rathe ziehen zu können. Dasselbe ist von den Geistlichen zu fordern. Kein Geweihter, hohen oder niederen Standes, darf in des Reiches Rath sitzen oder als anderer Fürsten und Gemeinden Rath gebraucht werden; keiner kann ein weltliches Amt bekleiden." „Dazu sage ich von ganzem Herzen Ja und Amen." sprach Max mit glänzenden Augen. „Nun aber die Fundamente! Alle Geweihten hohen und niederen Standes und Namens werden resormirt und erhalten ziemliche Nothdurft; ihre Güter fallen zu gemeinem Nutzen. Auch alle weltlichen Herren iverden resormirt, damit der arme Mann nicht über christliche Freiheit beschwert werde. Gleiches, schleuniges Recht, ich wiederhole es, dem Höchsten wie dem Geringsten. Gegen ein ehrlich Einkommen sollen Fürsten und Edle die Annen schützen und sich brüderlich halten, und da- mit sie fürder nit schaden können, sind alle Bündnisse der Fürsten, Herren und Städte aufzuhebend Ueberall nur Schirm und Schutz des Kaisers. Der Adel soll aber von jedem geist- lichen Lehenverbande frei sein. Und wie es nur einen Schutz und Schirm geben darf, so auch nur eine Münze von fest- gestelltem Gehalte und gleiches Maß und Gewicht im ganzen Reiche." Er feuchtete die Lippen durch einen Schluck aus seinem Becher an, worauf er fortfuhr:„Schlimmer noch als die meisterlose Gewalt der Großen ist der Wucher; er darf die Seele des neuen Reichs nicht vergiften. Den großen Handlungs- Häusern, den Fugger, Welser und wie sie sonst noch heißen mögen, muß ein fester Riegel vorgestoßen werden, daß sie nicht wie bisher allein oder mit anderen verbunden durch ihre großen Geldmittel auf einzelne Handelsartikel ein Monopol sich erwerben, um dieselben für ungeheure Wucherpreise wieder zu verkaufen.— Doch, wo bin ich hingerathen? Ich wollte Euch darthun, durch welche Anordnungen es bewerkstelligt werden könnte, daß Geistlichkeit, Fürsten und Adel in der Ge- meinfreiheit von Land und Stadt unschädlich aufgehen und habe so ziemlich alle Punkte berührt, die in einer Ordnung und Reformation zu Nutz und Frommen und Wohlfahrt des Deutschen Reiches zu erledigen wären." Er suchte unter den Papieren auf dem Tische etliche Bogen hervor, die mit seiner großen und festen Handschrift bedeckt waren und reichte sie Max Eberhard mit den Worten:„Ich habe meinen Entwurf zu Papier gebracht. So Ihr Euch noch des näheren und in der Ordnung mit demselben vertraut machen möchtet, steht er Euch zu Diensten." Der junge Doktor nahm das Schriftstück mit warmem Dank entgegen. Seine ganze Ideenwelt war durch das Ge- hörte in die größte Aufregung versetzt. Mit ausrichtiger Be- wunderung blickte er auf den Kanzler. Dieser ergriff noch einmal das Wort und sagte:„Ich hatte bei der Durch- sührung des Entwurfes, falls er gebilligt werden sollte, auf den Beistand eines edlen Fürsten gehofft. Aber er, der Edle und Weise, der ein Vater aller Evangelischen war, weilt nicht mehr.unter den Lebenden. Ich meine den Kurfürsten Herzog Friedrich von Sachsen. Er ist am fünften dieses Monats des Todes erblichen." „Das ist allerdings ein schwerer Verlust für die pro- testantische Sache," bemerkte Max thcilnahmsvoll.„Aber Herr Hipler," fuhr er fort, indem er die zu einer Rolle gestalteten Papiere in die Höhe hob,„in diesem Zeichen werden wir siegen." „Ich hoffe es zu unserer gerechten Sache," erwiderte Hipler mit einem wohlwollenden Lächeln über das schöne Feuer seines jungen Freundes und reichte ihm zum Abschiede die Hand. Nachdem beide am nächsten Morgen das Frllhmahl gemein- schaftlich in der Gaststube eingenommen hatten, begaben sie sich nach dem Rathhause, einem spätgothischen Bauwerke, zu welchem von dem Marktplatze eine hohe Doppeltreppe hinauf- führt. Der Kastellan empfing sie auf dem großen Flur, dessen Balkendecke hölzerne Pfeiler trugen, und wies sie in den Sitzungssaal zur Rechten, welchen der Stadtrath für ihre Berathungen bestimmt hatte. Es war dasselbe Zimmer, in welchem Götz von Berlichingen vor fünf Jahren den wohl- weisen Rath mit Ohrfeigen von seiner eisernen Hand bedrohte, die„Kopfweh, Zahnweh und alles Weh der Erden aus dem Grunde kuriren". Unmittelbar nach jenen kamen die beiden Bauernräthe, Peter Locher aus Külsheim und Hans Schickner aus Weißlensburg. Es waren kräftig gebaute Männer mit groben aber charaktervollen Zügen und von bedachtsamem, sicherem Wesen. Max konnte sich überzeugen, daß ihre Finger steif, ihre Hände hart wie Eisen waren. Langsam schloffen sie sich um die seinige, wie in einem vorsichtig prüfenden Drucke. Hans Berle folgte den beiden mit einer höflichen Entschuldigung, sich verspätet zu haben. Wendel Hipler führte den Vorsitz. Max hatte noch bis tief in die Nacht hinein dessen Ver- fassungsentwurf, der den Berathungen zu gründe gelegt Wurde, studirt. Je tiefer er sich in denselben hinein las und dachte, je höher stieg seine Achtung vor dem scharfen politi- schen Verstände des Verfassers, seinem weiten Blick, der Größe, oder, wie man es heute heißt, der Genialität seiner Gedanken und der Klugheit, mit welcher die gegen Klerus, Herren und Adel gerichtete Spitze des Entwurfes verborgen war. Fortsetzung folgt.) Sonnkagsplaudevei. Unsere Rückwärtsmänner sind mit keinem Vorwurf so rasch und leicht zur Hand, als mit der Bemerkung, dies oder jenes sei un- deutsch. Jetzt soll sogar das allgemeine Wahlrecht ungermanisch sein. Vom französischen Erbfeind sei es herübergekommen, also werde«S vernichtet. Was man sich eigentlich mit der Bezeichnung undeutsch hier vor« stellt, darüber ist man sich selbst nicht klar geworden. Will man die demokratisirenden Entwickelungsgesetze_ für Deuffch- land aufheben oder leugnen? Es kostet wenig Nachdenken, das Wort undeutsch hinzuwerfen. Es klingt so voll. Und alle die Leute, die an vagen Vorurtheilen haften, bedenken dabei nicht, welcher Vcrmessenheit sie sich zugleich befleißigen, wenn sie einer Minderheit der Volksgenossen ein ausschließlich deutsches Empfinden zugestehen. Da sind offene Rücksichtslosigkeiten, ein kräftiges Junkerwort schon erfreulicher, als dies Spiel mit dem nationalen Moment. Und nicht einmal neu ist dieses traurige Borgehen unserer Schlotbarone und ihres Anhangs. Vor Jahrhunderten schon wurde der Theil für das Ganze genommen, wenn irgend eine neue Klassenbildung zur Sonne drängte. In Zeiten, da man mit den nationalen Begriffen nicht entfernt so weitherzig umherwarf, wie heutzutage, hatte man sich ähnlicher Betveisführung bedient. Als im mittelalterlichen Deutschland die Stadtbürgerschaft zu erstarken begann und die vormalige Naturalwirthschaft wesentlich eingeengt wurde, da waren es die landsässigen Ritter und Großherren, die ihren ökonomisch begreiflichen Haß gegen das jung aufstrebende, kapitalbildende Bürgerthum ebenfalls damit deckten, als vertheidigten sie ursprünglich germanische Art. Sie empfanden nicht, daß sich eine neue nothwendige EntWickelung vollzogen habe; und da diese Ent- Wickelung in damaligen Ländern älterer Kultur,'wie in Oberitalien beispielsweise, sichtbarer vorgeschritten war. so brandmarkte sie der Landadel als undeutsch, als fremd und wälsch. Selbst in der neuesten Zeit haben wir den Rummel oft genug mit erlebt, daß irgend eine Frage für eminent dcutschthümlich auf- gefaßt wurde, und nach wenigen Wochen gab es eine deutsche Mode weniger. Wie erhitzte man sich noch, als der spanisch-amcrikanische Krieg ausbrach. Es galt als deutsch, für das militaristische, Helden- hafte Spanien zu schwärmen: unbekümmert um die innere Zersetzung dieses Landes und seiner Ration. In Berlin wurde» harmlose Menschen in Wirthshäusern verprügelt, wenn sie sich vermaßen, die Niederlagen Spaniens als einen Sieg der Allgemeinkultur darzustellen. Leute selbst, die an der endlichen Ueberlegenheit Amerika's nicht zweifelten, wünschten wenigstens, daß Bruder Jonathan. vorher tüchtig gerupft werde. Wie sollte es auch für ein militaristisch dressirtes Gemüth anders kommen? Das wäre für ein spektakel- süchtiges Herz ein wonnevoller Reiz gewesen, wenn daS Schlachtenglück recht lange hin- und hergeschwänkt hätte. Der unselig lang- wierige Krieg hätte die Gemüthsmenschen nicht viel bekümmert, Ivenn sie nur ihre Sensationslust befriedigt hätten. Und nun kommt der langweilige Bruder Jonathan und macht den Schwierigkeiten in verhaltnißinäßig raschen entscheidenden Schlägen ein Ende. Die Frechheit! Nicht' einmal mit europäisch gedrillten regulären Truppen, sondern mit einer Miliz und mit geworbenen „zusammengelesenen" Kräften. Aber trotz allem: Erfolg bleibt Erfolg; und eine dumpfe Ahnung von der hervorragenden technischen Ueberlegenheit Bnider Jonathans, von dem unvergleichlich modernen Zug amerikanischen Wesens ist auch über den weifen Kricgsgclchrtcn am Berliner Biertisch gekommen. Jetzt, da der Friede» wieder ein- kehrt und Spanien von seiner bisherigen Machtstellung hcrabgcdrückt wird, ist es nicht inchr modern, für die ritterliche hispanische Kriegs- nation zu schivärnwn. Der Gefallene findet eher Hohn als Mitleid bei unseren nationalistischen Helden. DaS ist das Ende vom bc- geisterten Lied. Da man die hungrigen Leser nicht mehr mit aufregenden Kriegsnachrichten füttern kann und auch die Anekdötchenschildcrei ans Bismarcks Leben und Wirken mehr als erschöpft ist, so kam einer Anzahl von Blättern inmitten der Tage hochsonimerlicher Gluthhitze ein lustiges Stücklcin sehr zu paß. Das passirte dem Reklame- reisenden des„Berliner Tageblatts". Herrn Eugen Wolff. Wo imnier eine neue deutsche Flagge gehißt wird, Herr Wolff packt seine sieben Sachen und mit echt joiirnalistischer Fixigkeit weiß er im Flug Werth und Wesen fremden Gebiets und fremder Rassen zu ergründen. Es ist erklärlich, daß in solchem Rtissionar sich ein ähnliches Selbst- und Herrenbewußtsein entwickelt, wie bei manchem unserer regierenden Kolonialhelden. Herr Wolff war nun zuletzt auch in China, um in zwei Monaten oder in dreien die chinesische Welt zu ergründen und in einem Dutzend von Reifebricfcn den staunenden Lesern des„Tageblattes" Aufklärung über Räthsel und Geheimnisse des Ricsenreiches zu verschaffen. Im kolonialen Aftika hatte der Weltmissioimr sich inzwischen genug Schneid beigelegt und so war es ihm nicht allzu schwer, den„tückischen", bezopften Gelb- gesichteru zu imponiren. Fluchen und donnern mußte er ganz tüchtig, und die Chinesen insgesammt, Kulis wie Kauflcnte, erregten das höchste Mißfallen des Herrn Wolff. Ilmsichtig und auf sein Blatt bedacht, wie der moderne Lommis voyageur der Großmacht Presse sein soll, beschloß Herr Wolff, einmal auch etivas ganz Besonderes zu leisten. Ein Grand Seigncur der Presse weiß init Nachdruck aufzutreten und so setzte Herr Wolff es eines Tages durch, daß ihm die dreizehn gefesselten Chincscu vorgeführt wurden, die des Mordes an deuttchcn Missionaren beschuldigt waren. Die Thatsache gesteht er in einem Reisebrief zu: Er, Herr Eugen Wolff, ließ sich die Chinesen vor- führen und„fragte sie aus". Möglicherweise geschah das Ausfragen in jener energischen Weise, die den deutschen Kulturträger und Eroberer von heute so lebhaft auszeichnet: kurz, der Husarenstreich des sehr an- spruchsvollen Herrn Wolff scheint von anderer Seite ganz eigenthümlich ausgelegt worden zu sein, und Bischof Anzer schilderte dem Reisenden eines anderen Berliner Sensationsblattes, der zur Zeit in Kiautschou weilt, den Vorgang wie eine förmliche Gerichtsverhandlung Herrn Wolff s, die natürlich dann der grotesken Komik nicht entbehren würde. Ein Herr von Rudolf Moifc'ä Gnaden Richter in China! Vielleicht beneidet das Sensationsblatt, das die Anzerffche Enthüllung brachte, im stillen den Gewalthaber des„Tageblattes" um seinen„smarten" Reisebriefhelden. Andere Zeitungen sind wieder entrüstet und möchten aus einem an sich komischen Vor- fall eine Haupt- und Staatsaktion machen. Sie verlangen strengste amtliche Untersuchung von Reicbswegen.— Nun, es ist kaum anzunehmen, datz Herr Wolff im Ernst die Rolle eines außerordentlichen Groß-Jnquifitors gespielt habe. Seine Handlung fällt unter die Renommirthaten moderner Zeitungs« schreibet.„Er ließ sich die Gefangenen vorführen und fragte sie aus." Wie prunkvoll sich das anhört. Keine Kerkerthür, kein Schloß vor Palastthoren ist für den Abgesandten der Weltmacht Presse nicht zu sprengen. Das ungefähr ist der Worte Sinn. Man muß sich nur schneidig durchzusetzen verstehen und vor allem ja keine Spur lächerlicher Bescheidenheit verrathen. Ein einigermaßen zag- hafter Mensch geht, wenn er auf ein Ansuchen ein Nein! erfährt. Er zieht sich vielleicht verstimmt zurück. Ein wcrthbewußtcr. moderner Zeitungsmann sucht nicht an, er fordert. Erfährt er ein Nein, dann wallt sein Blut in Entrüstung auf. �hm. etwas abschlagen, wer würde stch"deffcn erfrechen? Und so dnngt er denn doch durch. Manchem wird das nicht gerade erfreulich vorkommen; aber es ist nützlich— für den Prosit des Verlags, und dem gestrengen Herrn Verleger, der Tausende und Tausende für seine Reklame- Reisenden auswirft, freut es gewiß. Wenn's nicht auf geradem, brüskem Weg geht, verstehen ja viele der Zeitungsschreiber, von ihren Verlegern gepeitscht, sich auf krumme Wege; und da hört die Koniik, wie sie im Fall Eugen Wolffs, des Schneidigen, vorherrscht, auf. Wir haben es ja an der Bahre Bismarffs erlebt. Man hat die Zeitungsschreiber nicht sanft in Friedrichsruh behandelt. Hätten sie rechte Standesehre im Leibe, sie hätten gelassen sich entfernt. Denn schließlich können auch die vereinigten Kulis so viel mit aufbringen, wn ihren Verlegern zu sagen: Wir haben unsere Arbeitskraft, nicht all' unser menschliches Selbstbewußtsein verkauft. Wir können uns nicht aufdrängen, wo man uns nicht mag. Statt deffen versucht es jeder auf eigene Faust, doch irgendwie sich Einfluß zu schaffen, um seinen, Blatt eine Art von„Primcur" zu verschaffen. Ja, schmutzige Mittel sollen angewendet worden sein, um verstohlen eine Skizze zu entwerfen. Ist das nicht entwürdigend? Welch' Winseln und Weh- klagen hat sich danach erhoben; als sei das Recht der Oeffent- lichkcit in Gefahr gewesen. Mit Vergunst, das Spekulattonsinteresse der Zeittlngsvcrlcger und ihrer Kulis ist noch lange keine Oeffent- lichkcit. Für Bismarck'S Bcurthcilung im öffentlichen Leben ist es gewiß gleichgiltig, ob ein Dutzend von Zeitungsschreibern im Sterbe- zimmer herumschnüffelte oder tiicht, und der Faunlic Bismarck mußte wie jeder anderen Familie das Recht bleiben, im Trauer- Hause zu einpfangcn, wer ihr genehm war. Jedenfalls zieht ein leidlich anständiger Mensch seiner Wege, wo er nicht gern gesehen wird. Die Klcbrigkeit im modernen Journa- iisntus hat nicht wenig zur Verachtung der Journalisten bei- getragen; und das Jammergesckrci über das verletzte Recht der Ocffentlichkcit ist nichts als Heuchelei i denn gewöhnlich handelt es sich nm Kleinkram, um die Befriedigung ganz niedrig-neugicrigcr Instinkte. Wer die deutsche Literatur kennen will, braucht Gocthe's Waschzettel nicht zu studircn und ein Mann der Oeffentlichkcit braucht noch kein Häfli-Gucker(Topf-Guckerj zu sein, wie man in Süddeutsch- land sagt.— Alpha. Vleinrs — w— Tommcrabend im Hose. Kein frischer Lustzug treibt die Dünste fott, die aus den offenen Fenstern der Wohnungen quellen. Aus dem Keller dampft es; eine Frau steht am Waschfaß. Der trübe Schein der kleinen Lampe umschwebt sie und schaukelt sich auf dem von ihren flinken Armen hin und her gewehten Danipf. Im Zwielicht verbinden sich die Linien der wetterverwaschenen Mauern. Klarer Himmel darüber. Die schnurrenden, aufdringlichen Laute des Tages sind von be- ruhigenden Tönen abgelöst. Hier unten leises Geplauder von Kindern, die auf dem Holzklotz und alte» Kisten fitzen. In der Ecke flüstert ein kleines Fräulein gcheimnißvoll mit den Gespielinnen. Drüben klingt die Stimme eines Mannes, müde, nmtt:„Wir müssen wieder Mühlenwellen schmieden... Und dann wahrscheinlich Ueber- stunden bei der schweren Arbeit..." Oben singt ein junges Mädchen. Nein, sie jauchzt, jauchzt, leise und gedämpft und doch so fröhlich, wie nur die Jugend zauchzen kann. Nur oben, hinter dem hellen Fenster, klirrt und schwirrt es; gleichmäßiges Maschinen- nähen. Da singt keiner. Bolternd kommt eine Gruvve herab. Der Schein, der ihnen die Treppe Hirnutterleuchtet, senkt sich von Fenster zu Fenster. Jetzt ist er unten. Flackernd fliegen seine Strahlen iiber die Menschen und den schwarzen Hof. Die Kinder springen herzu. Ein Sarg. Groß, gelb, nackt. Nackt wie das Leben dessen, der drin ruht, aus- ruht von Erniedrigung, Verzweiflung, übermäßiger Arbeit. Die vier Träger find Tischlergesellen im Arbeitörock. Die Gesichter schwitzen:„Ach, ist das warm!" Sie setzen den Sarg einen Augen- blick nieder. Seinem Bewohner ivird es nie mehr zu heiß sein. Die Frau, die ihnen geleuchtet hat, kommt zurück. Run haben sie ihn geholt. Ihre Augen sind wie ausgebrannt, keine Thräne drängt sich heraus. Sie haben schon zu viel geweint. Nun ist sie allein, allein... Das junge Mädchen singt noch, der alte Mann spricht, die Töne weben durcheinander, kreuzen sich. Welcher Ein- klang I Der Schein der Lampe ist fort. Wieder dämmerte das Zwielicht im Hofe. Doch weiche Stille liegt zwischen den Mauern. Viele Fenster sind auf. Doch ruht jetzt alles hinter den Vorhängen. Plötzlich zittern sie und schwanken. Leichte Nachtwinde ziehen sie hin und her. Die Dünste werden über die Häuser getragen, hinaus in die Villenstadt. Unerschöpflich quillen sie aus den abgrundtiefen Höfen. Dichter, immer dichter umziehen sie die Erker und Thürmchen der Landhäuser und drücken auf die Dächer.— Literarisches. b. Der Ulanen-Lieutenant. Roman von G e r o l a m o R o v e t t a. Deutsch von Lothar Schmidt. Vita. Deuffches Berlagshaus. Berlin.— Ein einfaches und gutes Buch, das nicht mehr scheinen will, als es ist. und dem nur etwas Vertiefung, etwas Herzblut fehlte, um ein Bild des Lebens überhaupt zu werden. Eine große Lebensironie, ein ruhiges Beurtheilen menschlicher Schwächen, ein liebevoller Blick stir die Vorzüge, das versöhnliche Lächeln des Humoristen schaffen in dem Buch ein Spiegelbild ohne die Pose, ohne die Leidenschaft, welche im allgemeinen der Romancier in die Dinge trägt. Die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn— der eigentlich nickt sein Sohn ist— die Verschließung gegen die Erkenittniß dieser Thatsache, die Mutter, die durch die Selbst- bcräucherung ihrer geschäftlichen Tüchtigkeit alles zu Boden drückt, ihr Mann, die Kinder, das Personal, das sind lebenswahr erfaßte Einzelheiten. Und das Ausklingen des Romans, die Beilegung des Konflikts, die ruhige Trennung des Sohnes von den Eltern,' und wie die beiden nun alt geworden sind, ferttg mit dem Leben, wie dieser leichtsinnige Galgenstrick von Sohn, der zukünftige Lebemann, doch ihr ein und ihr alles war. das letzte, das sie noch mtt der Welt ver- band—— wie all diese Dinge, ohne daß sie nun geradezu gesagt werden, doch dem Leser fortgesetzt zu Bewußtsein kommen, das zeugt von- einer außergewöhnlich tiefen Auffaffung des Lebens.— . Kulturhistorisches. g. Ueber das Berliner Arbeiterleben im Mittel« alter geben die Urkunden des 14. Jahrhunderts interessante Aufschlüsse. So erhielten am 13. März 1331 die Schlächter oder Knochen- Hauer ein G e w e r k s st a t u t, das manche eigenartige Vorschrift enthält. Hatte danach der junge oder fremd zugewanderte Meister für sein„gutes Geld" das Gcwerk„gewonnen", so gab er zur Feier seinen Kollegen oder„Kumpanen" ein Festmahl. Seine und der drei anderen jüngsten Meister Pflicht war es. beim Gottesdienst oder beim Bcgräbniß eines Gildebrnders die Lichter anzuzünden und auszulöschen. Wer zur„Morgeusprache", das heißt zum Frühschoppen als letzter kam, mußte das Bier einschenken. Die Wurstmacher oder„Kuter" besorgten die Hausschlächterei. Es heißt dazu:„Wäre eS. daß jemand in seinein Hause zu schlachten hätte, so soll der Kuter ihm zwei Ferkcn umsonst abthun und ab- brllhn, und ließe er ihn mehr abthun, so soll er ihm geben von jedem Ferien, es sei lütt oder groß, zwei Pfennige und der Kuter soll ihm die Speckseiten zuschneiden und entsalzen." Der Schlachtlohn für ein Rind betrug 4, für einen Hammel 1 Pf. nach unsererWährung also für das Rind 2,80—3 M.. für den Hammel 70—75 Pf. Eigenartige Verordnungen enthält auch ein„Brief" für die Weber vom 19. No- vcmbcr 1331. Wenn ein fremder Weber nach Berlin kam, durste er die Stadt nicht verlassen, bevor er die Zehrung gezahlt. Wer an einem Tage mehr als 3 Pfennige verspielte, gab zur Strafe ein Pfund Wachs an die Genossenschaft. Wer Hemd, Schuh oder Hose mit Kegeln verspielte, gab das gleiche. Weiter heißt es:„Wenn einer von ihnen zu arbeiten aufhört, um von hier wegzugehn, soll ihm sein Meister sofort seinen verdienten Lohn geben, ivenn er aber nicht»veggeht, soll er ihm seinen Lohn am nächsten Markttag geben. Ferner verbieten wir, daß einer der Meister oder Knechte am Sonnabend nach dem ersten Läuten der Vesper noch arbeite: geschieht dies doch, so giebt er ein Pfund Wachs und zwar, der Mcijtcr an die Meister, der Knecht an die Knechte. Ferner gebieten ivir, daß keiner bei Licht arbeite, thut er es dennoch, giebt er ein Pfund Wachs. Ferner, daß keiner von ihnen barsiißig oder im bloßen Hemde über die Straßen geht, wer sich dies doch zu thun untersteht, giebt ein Pftmd Wachs." Dieselbe Strafe traf auch den, der auf der Straße mit Schauspielern verkehrte oder mit ihnen tviirfelte. Interessant sind auch die Bestiinmungen für den Arbeits- markt-, es heißt darin:„Ferner gebieten wir. daß keiner von ihnen in Berlin an den sogenannten„Platz" in Berlin gehe, sich an einen andern zu verdingen, er habe denn seine Arbeit, die er unter den Händen hatte, bis zu einer sogenannten„Havelrette" fertig gebracht." Dies beliebt sich auf die Leinweber, die Wollweber aber sollen nickt eher an de» bezeichneten€tt gehen, sich anderen zu verdingen, als bis mir noch ein Stein Wolle zum Weben übrig ist zur sogenannten „Gherwende"; wer aber dem zuwiderhandelt, giebt zwei Pfund Wachs." Havelrette und Gherwende find alte Maafie, der.Platz- aber lag auf dem heutigen Ntolkenmarlt. Zum Schluß des eigen- artigen Schriftstückes heißt es dann:„Wer aber alles Vorbenannte irgendwie anzutasten fich untersteht, der ist nach dem Ermessen der Reisterknappcn zu richten und zu bestrafen.-— Medizinisches. ss. Ein Krankheiterreger der chronischen Lebcrentzündung entdeckt. Die chronische fibröse Leber- entzündung oder Lebercirrhose. mit deutschem Namen auch als körnige Leber oder Schuhzweckenleber bezeichnet, wurde bisher in den nieisten Fällen als eine Folge des Mißbrauchs starker alkoholischer Getränke, besonders von Branntwein und starken Weinen, auch übermäßigem Biergenuß angesehen, weshalb die Krankheit auch vielfach geradezu als.Säuferleber- in den heil- kundigen Schriften ericheint. Die Folgen dieser nicht immer leicht erkennbaren Krankheit bestehen iu hochgradigen Ernährungs- störungen, Anschwellungen von Milz und Bauchwassersucht. Es kommt nun die Nachricht, es sei Professor Adami in Montreal gelungen, einen Krankheiterreger dieser Lebercirrhose zu entdecken. Die Krankheit findet sich in ähnlicher Weise wie beim Menschen auch beim Rindvieh, wo sie als Pictou-Krankheit bekamit ist, und eine Verminderung der Milch und ein Bitterwerden derselben beim Kochen veranlaßt, worauf das befallene Vieh bald stirbt. Adami entdeckte nun ein eigenthümliches Kleinlebewesen in der Leber erkrankter Kühe und dies veranlaßte ihn, auch die Leber von Menschen, die an Cirrhose gestorben waren, genau zu untersuchen. In der That fand er in gewissen kleinen Höckern solcher Lebern eine außerordentlich große Zahl von Bakterien. War bereits in der Leber des Rindviehs das wrnzige Lebewesen nur mit starker Vergrößerung erkennbar gewesen, so ivar dasjenige der mensch- lichen Leber noch kleiner. Sie besaßen meist die Form von sogenannten Diplokokken, d. h. von zwei mit einander ver- bundenen Kügelchen, von einem schwachen Hofe umgeben, einige ähnelten auch kleinen Gonokokken, andere kurzen Stäbchen. Dre Untersuchung war schwierig, weil die kleinen Schmarotzer schwer ge- färbt werden konnten, was zu genauerer Erkennung unter dein Mikroskope für die meisten Bakterien nothwendig ist; jedoch gelang dies schließlich soweit, daß die lebenden Bazillen von den tobten unterschieden werden konnten. In einer großen Zahl von Fällen menschlicher Lebercirrhose, die Adami später in Chicago und in Baltimore untersuchte. hat er stets den beschriebenen kleinen Schmarotzer gefunden.— Aus der Pflanzenwelt. — In der Pariser Mademie der Wissenschaften legte Gaston Bonnier kürzlich die Resultate von Experimenten dar, mittels welcher eS ihm in kurzer Zeit gelrmgen war, den in den Niederungen wachsenden Pflanzen den Charakter von Alpen- gewachsen zu verleihen. Pflanzen gleicher Art von ein und demselben Stock herrührend wurden auf dreierlei Weise behandelt: ein Theil derselben blieb Tag und Nacht in einem von schmelzendem Eis umgebenen Apparat! ein anderer ganz im Freien in der Um- gebung von Paris, ein dritter während der Nacht in einem Eisbehälter und tagsüber den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Die Pflanzen der dritten Kategorie, welche unter den Temperaturextremen zu leiden hatten, find kleiner als die in der Ebene unter normalen Verhältnissen gewachsenen und auch kleiner als die beständig in einem Eisbehälter untergebrachten. Die auf diese Weise künstlich in Alpengewächse umgewandelten Pflanzen find zwerghaft, haben kleine, dicke Blätter und' blühen vor der Zeit. Sie gleichen vollständig denen, welche man auf deir Alpen und Pyrenäen in einer Höhe von 1800 Metern findet.— Bergbau. t. Schlagende Wetter und Erdbeben. Auf Betteiben des belgischen Geologen van den Broeck wird die Belgische Gesell- schaft für Geologie eine Untersuchung in die Wege leiten, die unter Umständen für eine Vermeidung der Katastrophen durch schlagende Wetter in Kohlenbergwerken von großer Bedeutung sein Ivird. Die Gefahr der schlagenden Wetter kann gewiß'durch Einführung sorgfältiger und häufiger Untersuchung der Luft in den Bergwerken wesentlich vermindert werden, wahrscheinlich aber kann vor einer gewissen Art schlagender Wetter auch alle Vorsicht nicht schützen. Zuweilen finden nämlich in einzelnen Kohlengruben plötzliche Ausströmungen von Gasen statt, die, auch wenn'keine Entzündung derselben stattfindet, die Arbeiter in den Gängen mit dem Erstickungstode bedrohen. Man hat diese plötzlichen Gasentwickelungen auf verschiedene Art zu er- klären versucht, besonders durch einen Einfluß der barometrischen Schwankungen auf die unterhalb der Erdoberfläche in den Gesteinen und in den Bergwerken eingeschlossenen Gase. Diese Annahme ist aber kaum genügend und verschiedene Gelehrte haben sich dahin aus- gesprochen, daß es sich um eine besondere Ecscheinung in dem Ge- biete der sogenannten„Unterirdischen Meteorologie" handeln muß. Die unterirdische Meteorologie, von der zunächst Alexander von Hum- boldt in einem kleinen Schriftchen gesprochen hat, ist diejenige Wiffenschast, die sich mit den Bewegungen der Erdkruste beschäfttgt, soweit sie mit den Zuständen und Bewegungen in der eigentlichen Alnwsphäre in Beziehung stehen. Durch neue Forschungen wird es nahe gelegt, anzunehmen, daß derartige plötzliche Ausbrüche von schlagenden Wettern eine Folge von Erdbeben seien, die vielleicht an der betteffenden Stelle für die gewöhnkiche Wahr- nehmung seitens des Menschen gar nicht merklich find. Die Wissen- schaft befitzt aber in dem Horizontalpendel ein ganz außerordentlich empfindliches Hilfsmittel zur Wahrnehmung von selbst ganz ge- ringen Erschütterungen in der Erdkruste. Die belgische Geologische Gefellschaft möchte nun im Berein mit einer möglichst großen Zahl von Leuten, die fich an emer derartigen Forschung betheiligen könnten, untersuchen, ob ein ursächlicher Zuiammeichang zwischen Erdbeben und schlagenden Wettern angenommen werden kann. Es würde dann die Möglichkeit gegeben sein, für gcwiffe Kohlen- gruben, die stark unter solchen gefährlichen Gasen leiden, den Zeit- puntt einer besonders großen Gefahr vorher zu sagen, damtt ent- weder die Arbeit für diele Zeit ganz eingestellt oder in geeigneter Weise eingeschränkt werden kann. Zunächfi soll im Kohlendezirk des Hennegau eine Anzahl von unterirdischen meteorologischen Stationen zu ständiger Beobachtung eingerichtet werden, die in Verbindung mit einer oberirdischen geophysikalischen Station arbeiten sollen, in letzterer werden dann besonders die Bewegungen der Erdkruste zu verfolgen sein.— Humoristisches. — Höchste Zeit. Bauer lzu seiner Mten):„Du. Cenzi, jetzt dürfen wir aber bald unfern Mühlenstadel ausbessern lassen— die Maler fitzen schon davor!"— — Protzerei. Parvenü(nachdem er eine Warnungstafel mit der Aufschrift: Auf diesem Wege ist das FahttU bei SO M. Geldstrafe verboten l gelesen, zu seinem Kutschers:„Johann, daß Sc mer auf keinem anderen Weg mehr fahren I-— — Aus der guten alten Zeit.„Der Bürgergardist Zipperlein hat wohl eine recht strenge Frau „Und ob! Mit der muß immer erst der Herr Major selbst verhandeln, eh' sie ihren Mann für eine militärische Uebung freigiebt!"—(„Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — In K o tt b u s wurden bei einem schweren Unwetter mehrere Fabriken und zahlreiche Häuser durch Blitzschläge und Wirbelwind zerstört. Mehrere Menschen wurden vom Blitze er- schlagen.— — Nach Lübeck brachte der Führer eines Dampfers die Mel- düng mit, er habe am 7. August auf der Ostsee bei Styrs Odde ein Segelschifssgroßboot und eine Anzahl Leichen auf dem Wasier tteibend, sowie eine Menge Wrackstücke gesehen. Welches Schiff dort untergegangen ist, konnte noch nicht festgestellt werden.— — Ein westpreußischer Otts Bot st eher richtete dieser Tage an semen Landrath folgende Anzeige und Entschuldi- g u n g:„Dem Königlichen Landrathsamtc die ergebene Anzeige, daß dem Maurer D. sein Schivein gestern Abend an Rothlauf krank heute früh krepirt ist. Wie mir vom Königlichen Landrathsamte bemerkt worden ist, daß das Schwein bis zur Befichttgung am Leben bleiben soll, konnte ich nicht verhindern, da mir von dem Betreffen- den keine Anzeige gemacht worden ist. N., Ortsvorsteher."— — Eine Kreuzotter biß in R e n- S ch i e m a n e n bei Orteisburg eine Frau in den Fuß. Die Frau starb bald darauf an BlutvergiMng.— — In Klein- Engersau in der Nähe von Gardelcgen brannten fünfnnddreißig Gebäude nieder. Ein Mann starb infolge des Schrecks, ein anderer erhielt schwere Brandwunden.— — Der Gemeinderath in Heilbronn beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit einer wichtigen Frage: 27 Weinberg- b e s i tz e r, deren Grundstücke in dem Theil der Heilbronner Ge- markung liegen, die den vielsagenden Namen„ E s s i g k r u g" trägt, hatten den' sehnlichen Wunsch ausgesprochen, man möge den ihre Weine zu Unrecht schiver in Verruf bringenden Namen„Essigkrug" durch eine harmlosere Bezeichnung ersetzen. Der Gemeinderath entsprach in Würdigung der Bedürsnißfrage diesem Verlangen nnd benannte die schwerbelastete Gegend einfach„K rüg".— — Eine K a tz e n a u s st e l l u n g ivird in München ab- gehalten. Ueber dreihundert Thiere sind ausgestellt.— — In Wien erschoß ein junger Arbeiter aus Eifersucht seine junge Frau und tödtete sich dann selbst mit einem Revolverschuß.— — Aus Westfrankreich werden verheerende Unwette r�, die Ueberschwemmungen zur Folge hatten, gemeldet. In R o u b a i x stürzte der Sturmwind ein Gerüst um, wobei 2 Arbeiter herunter- fielen; einer starb sofort. Mehrere Personen wurden vom Blitz ge- tödiet. Unter den Truppen verursachte die Hitze der letzten Tage bei den Uebungen zahlreiche Fälle von Sonnenstich.— — Das Dagmar-Theater in Kopenhagen wird in der diesjährigen Spielzeit G r a t i s v o r st el l u n g e n für Ar- b e i t e r geben. Vorläufig sind drei Sonntag-Rachniittage in Aus- ficht genommen. Die erste Vorstellung am 28. August wird„Brand" von Henrik Ibsen sein.— — In Brüssel ist eine Markthalle abgebrannt. Der Schaden bettägt über 8 500 000 Fr.—_ Verantwortlicher Redakteur: Auaust Jacoben in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlw.