Anterhaltungsvlatt des Vorwärts Nr. 166. Doiinerstac;, den 25. August. 1898 (Nachdruck verboleii.) 62] Ulm die Fveiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523 Von Robert Schweich el. Es wimmelte auf demselben ameisenartig, jedoch nicht stumm. Leute von der Schwarzen Schaar schleppten, von Rothcnburgern und Ausbachern unterstützt, die Geschütze, die sie aus den Landthürnien, den gebrochenen Burgen der Edel leute und des Deutschen Ordens weggeführt hatten, auf den Gipfel, wo Schanzen aufgeworfen wurden. ES war keine leichte Arbeit; denn der Berg war steil und pfadlos und die Sonne heiß. Aber die Leute waren guter Dinge und wenn sie verschnaufen mußten, trieben sie derbe Spaße oder sangen Florian Geyer hatte für die Gruppen, an denen er vorüber kam, ein gutes Wort, ermunterte sie und ging auch wohl au ihren derben Humor ein oder rieth ihnen, wie sie die schweren Rohre fördersamer weiter schaffen könnten. Auf dem Gipfel traf er Simon Neuffer, der die Schanzarbeiten überwachte. Simon war zu Geroldhofen von der Schwarzen Schaar zu seinem Stellvertreter oder Leutinger gewählt worden. Florian Geyer reichte ihm die Hand, nahm in seiner Begleitung die Arbeiten scharf in Augenschein und, nach dem Marienberge hinüberschauend, sagte er:„Hätten wir die Stücke des Wertheimer, so sollte drüben bald mir noch ein Trümmer Haufen sein. Doch daran ist nicht zu denken. Er hütet sie wie seine Augäpfel und hat sie deshalb selbst nach Hoch berg geleitet. Für unsere schweren Büchsen und Falkoucttlein, furcht ich, ist der Abgrund zu breit, der uns von dem Marien berg trennt. Für die Feldschlacht sind sie freilich gar brauchbar. Auch an Pulver und Geschützsteinen ge- bricht's uns." „So haben sich die Unterhandlungen mit den Bischöflichen zerschlagen und es wird Ernst?" fragte Simon Neuffer ge spannten Auges.„Ihre Boten sollten ja heut zur Stadt kommen." „Nicht zerschlagen," erwiderte Herr Florian und ein leichtes Lächeln spielte um seinen energisch geschnittenen Mund. „Sie sind mit einer Antwort heimgeschickt, die es ihnen deutlich machen wird, daß wir uns von ihnen nicht hinhalten lassen. Sie werden wohl gefügiger wiederkommen. Wir dürfen den rollenden Stein nicht aufhalten und ihn bemoosen lassen. Wir müssen vorwärts, und Schlag auf Schlag." „Just so denk' auch ich," pflichtete Simon ihm bei.„Für uns Bauern wär's nichts, wenn wir hier lang' still liegen müßten. Es denkt schon jetzt mancher weniger an die Frei- heit als an die Feldarbeiten, die er daheim versäumt, und ninimt Urlaub. Ob sie alle wiederkommen, wann's noth thut? Ich glaub's halt nit." „Hoffentlich brauchen wir sie nicht auf die Probe zu stellen," antwortete Florian Geyer. Er setzte sich auf einen Erdhaufen und fuhr fort, indem er ein Bein über das andere schlug:„Selbst die gelernten Lanzknechte verlottern in der Unthätigkeit, die eine Belagerung mit sich bringt. Und die des Frauenbergs könnte sich lang hinziehen, wenn's dazu kommt. Die auf dem Schlöffe sind mit Proviant und Munition Wohl versehen. Des Bischofs Hofmeister, der Doktor von Nothcnhahn hat, wie ich höre, reichlich für alles gesorgt, schon seit Wochen. Für unsere Bauern wäre die Ruhe in dem reichen und üppigen Würzburg ein verzehrend Gift, vollends bei dem wüsten Wesen, das in der Stadt herrscht. Der Bermetcr vermag es nicht zu zügeln, will's auch wohl nicht. Etliche haben ihn in Verdacht, daß er sich zum Bürgermeister auswerfen will." „Nu." wandte Simon Neuffer ein,„sein Vetter ist ja erster Bürgermeister von Rothenburg worden." Er lachte. „Mag er," äußerte Florian Geyer mit einem flüchtigen Zucken der Schultern.„Auch hat er Thatkraft und schöne Gaben. Aber diese Schlemmerei, diese Zügellosigkeit, greift von Tage zu Tage weiter um sich und droht unseren Bauern das Mark aus den Knochen zu saugen. Da muß man bei Zeiten ein Fürsehen haben. Die Freiheit, für die wir den Bundschuh aufgeworfen haben, kann nur errungen und behauptet werden, wenn wir uns innerlich frei machen von den Lastern derjenigen, so bislang unsere Herren waren. Der böse Geist darf nicht auskommen. Er muß erstickt werden." Simon Neuffer schaute ihn aus seinen verständigen braunen Augen tief an und sagte bedächtig:„Die Gewalt allein thut's nit. Sie kann unterdrücken und strafen, aber nit heilen, nit vor Ansteckung bewahren." „Das ist richtig, aber ich denke auch nicht an die Gewalt allein," bemerkte Herr Florian, und sich unterbrechend, fragte er:„Doch wer kommt da so eilig heraus?" Es ivar ein gut gekleideter Bauer, dessen Gesicht ein großer Schlapphut nicht erkennen ließ. „Wendeland!" rief Florian Geyer einen Augenblick später überrascht und erhob sich. Der Mann stand schon seit vielen Jahren in seinen Diensten, und er hatte ihn als Kämmerer auf seiner Burg Giebelstadt zurückgelassen. „Ja, gnädiger Herr, es ist der Wcndeland," erwiderte dieser, vom Steigen außer Athem und riß den Schlapphut von dem langen, graugesprenkelten Haar. „Du kommst in einer Hast, die guter Botschaft fremd ist," sagte Herr Florian, indem er ihm forschend in das treuherzige Gesicht blickte.„Was führt Dich her? Ist's etwan Nachricht von Rimpar? Sprich!" „Von Schloß Rimpar ist mir nichts bewußt," schüttelte Wcndeland den Kopf und zwang sich, gleichmäßiger zu athmen. „Ich war in Eurem Losanreut, gnädiger Herr, in der Pfarre zu Heidiugsfeld," fuhr er fort, als ob er Zeit gewinnen wollte. Ihr würdet wohl bald kommen, sagte der Pfarrer. Es wollt' mich aber nimmer dulden...." Florian Geyer fiel ihm ins Wort.„Da es nichts Schlimmes von den Meinigen ist— daß es nichts Gutes ist verräth Dein Gesicht. Muß ich es Dir denn mit Gewalt ent- reißen, Du alter Unglücksrabe?" Der Kämmerer sah ihn kläglich an und berichtete, während die Bauern, die in der Nähe gruben, schaufelten und karrten, neugierig herbeikamen:„Gestern in der Früh' ist's geschehen. Gnädiger Herr, Ihr seid immer ein wahrer Freund von den armen Leuten gewesen, um ihretwillen habt Ihr die gnädige Frau und Euer kleines Kind verlassen, um ihretwillen fochtet Ihr wider die Herren und Fürsten und zum Dank dafür haben dieBauernGiebelstadt gestürmt, geplündert und verbrannt. Daß ich das Hab' erleben anüssen!" Zwei große Thränen rollten ihm über die Backen. Die Augen Florian Geyer's öffneten sich groß und starr. Die zuhörenden Bauern brachen in zornige Rufe aus. Simon Neuffer winkte ihnen aber mit eineni Blick auf ihren obersten ührer und sie wurden still. Herr Florian strich sich mit der and über die Augen und mit ruhigeni Tone, dem man nur an dem harten Klange die innere Erregung anmerkte, sagteer: „Erzähle!" „Das Vieh wurde just auf die Weide getrieben und die Zugbrücke war heruntergelassen, gnädiger Herr," begann Wende- land nach einem tiefen Athemzuge,„da fällt ein Hausen bc- waffneter Bauern in die Heerde, den Hirten, der ihnen wehren will, erschlagen sie. Ritsch' werf ich das Thor zu, den Riegel vor und auf den Wehrgang. Schrei ihnen zu, daß die Burg dem Herrn Florian Geyer von Geyersberg eine sei, den sie ja als ihren Freund kennen müßten. Sie aber schrien zurück, der Herr Florian kümmerte sie den Teufel, sie ivollten keine Edelleute und festen Häuser mehr im Land leiden; ich sollt' das Thor aussperren. Wie ich ihnen nit zu willen war und hoffte, daß die Giebelstädter mir bei- stehen würden, da schössen sie nach mir und hieben gleich mit den Aexten gegen das Thor, daß sie es ausbrächen. Die beiden Knechte und der Bub, so mit mir auf der Burg waren. hatten sich verkrochen, auch die Mägde, und ich Hab' sie mit keinem Aug' wieder gesehen." „Mach's kurz," befahl Florian Geyer zwischen den zu- ämniengepreßten Lippen. „Es dauerte auch nicht lang, gnädiger Herr, da war das Thor aufgehauen," fuhr der Kämmerer fort.„Als wie die heulenden Wölfe stürzten sie herein, trieben das Kleinvieh und die Gäule fort. leerten die Futterböden und brachen in den Weinkeller. Im Herrenhaus schlugen sie wüthig alles kurz und klein und mir schmierte ein ungeschlachter Lümmel mit einem Spieß über den Kopf, so daß ich wie todt hinfiel. Wie ich nachher wieder zu meinen Sinnen kani, vermeint' ich nit anders, als daß ich blas geträumt hätt'. Denn es war ganz still und nur das Feuer Prasselt, sang und sauste. Die Ställe brannten und das Dach des Herrenhauses, und drinnen war alles verwüstet oder weggetragen. Eben gingen auch die beiden Eckthürnie daneben an und spien Funken und Flammen. Löschen könnt' ich nicht und zu retten war nix mehr, gnädiger Herr!" Er schwieg mit einem jammervollen Blick auf diesen und an ihm hingen auch gespannt die Augen der anderen, die sich ganz still hielten. Florian Geyer hatte die Lippen fest geschlossen und die linke Faust auf das Herz ge- preßt. Jetzt blickte er sich unter den Männern um und sprach langsam, indem er sich fest aufrichtete:„Es ist gut, Wcndeland! In einer freien Gemeinde braucht's keine festen Häuser; da ist keiner mehr als der andere. Sie haben mir die Arbeit erspart, mein Burghaus abzubrechen." Die Bauern geriethen in Bewegung.„Das Euch?" rief Simon Neuster zornig und andere:„'s ist schändlich I niederträchtig!" Der 5tämmerer bat:„Wenn Ihr mir ein paar Männer mitgeben wolltet, daß wir aufräumen, gnädiger Herr." „Wozu aufräumen?" fragte dieser in seiner gewöhnlichen ruhigen Weise.„Wir haben genug anderes wegzuräumen und aufzubauen." Er hieß Wendeland mit ihm kommen, winkte den anderen mit der Hand einen Gruß zu und cnt- fernte sich. Hinter ihm brachte Simon ein dreimaliges Hoch auf ihn aus. Er achtete es nicht. „Höre, Wendeland," sprach er zu diesem,„Du mußt nach Rimpar hinüberreiten; ich kann jetzt unmöglich von hier fort. Den Weg kannst Du nicht verfehlen; Du brauchst nur das Pleichachthal aufwärts zu reiten. In drei Viertelstunden bist Du dort. Aber es eilt nicht. Verruhe Dich erst rechtschaffen, die Unglücksbotschaft kommt immer früh genug. Du bist von Giebclstadt zu Fuß heruntergekommen, nicht?" „Ach ja, gnädiger Herr, nicht ein Roßhaar haben uns die Schufte gelassen." „Du sollst ein Pferd haben. Ruh' Dich erst aus; der- weilen schreibe ich." Dr. Eucharius Stcimetz, der Pfarrer von Hcidingsfeld, öffnete dienstbeflissen vor Florian Geyer die Thür von dessen Stube. Die Bauern hatten auch seinen Weinkeller nicht ge- schont. Fünfunddreißig Fuder hatten sie weggeführt und ihm nur vier auf seine Bitten gelassen; aber darum war er doch ihr evangelischer Bruder, und die Bauernhauptlcute thaten ihm die Ehre an, daß er ihre Ausschreiben anfertigen durfte. Sie hegten ebenso wenig. wie Florian Geyer ein Arg gegen ihn. Florians feste, redliche Seele war überhaupt keines Mißtrauens fähig. Und während Dr. Eucharius den ihm empfohlenen Kämmerer mit Speise und Trank erquickte und ihn in leutseliger Weise ausforschte, schrieb Florian Geyer an Frau Barbara. So schonend wie möglich theilte er ihr das Geschchniß mit, und wenn sie etwas zu trösten vermochte, so war es die schlichte Herzlichkeit, die sein Brief athmete. so war es die erhabene Einfachheit in den Schlußworten:„Ist unser Verlust groß, so bedenke, liebes Weib, daß kein Opfer zu groß ist für die Freiheit, und küsse unseren Buben von Deinem Florian." Zweites Kapitel. Eine Abtheilung der Schwarzen Schaar zog mit einem Trommelschläger an der Spitze durch die Gassen von Würz- bürg. Auf allen Plätzen machte sie Halt, die Tromniel wurde gerührt und der Rottenführer verlas vor dem zusannnenlaufendcn Volke mit weithin vernehmbarer Stimme einen Befehl der obersten Hauptleute und Räthe der Bauern. Aller Unfug auf den Gassen und jeder Auflauf wurde streng untersagt; wer fortan sich unterstünde, die innere Ruhe zu stören und Meuterei unter den christlichen Brüdern zu machen, der sollte an den Galgen gehenkt werden. Es wurden auch sogleich deren drei auf dem Fischniarkt, dem Judenplatz und hinter dem Dome ernchtet. Da sah man wohlhabende Bürger und selbst Geistliche mit Hand anlegen, während die Menge nmrrend dabei stand und die Gassenbllben und Lehrlinge gellend auf ihren Fingern pfiffen. Diese Maßregel war auf den Antrag Florian Geyers ergriffen worden, der ferner veranlaßte, daß etliche Fähnlein aus Heidingsfeld in die Stadt und in die Höfe der Dominikaner, welche entflohen waren, gelegt wurden. Ihnen beigegeben wurde ein ehemaliger Angustinermönch namens Ambrosius, der ihnen täglich früh um vier Uhr im Dome eine Predigt über die Psalmen Davids hielt; ein anderer Geistlicher sang ihnen deutsch die Messe. Der Kirchner des Doms mußte am frühen Morgen bei allen geistlichen Höfen umher- laufen und die Einlieger wecken. Bruder Ambrosius, dessen bürgerlicher Namen Friedrich Süß lautete, war des Kloster- Wesens überdrüssig geworden, nachdem er in Schmalkalden die Tonsur erhalten und drei Jahre im Augnstinerkloster zu Würzburg gelebt hatte. Seitdem versah er in Waldmannshofen die Pfarre als Laienpriestcr und hatte ein Weib genommen. Obwohl in den Schriften der Alten und der Humanisten tüchtig beschlagen und ein Geistlicher, war er dennoch ein bescheidener Mann, sinnigen Gemüths, der Lehre Karlstadts zugeneigt, und der- stand es, zum Herzen zu reden. Inzwischen war die Antwort der Besatzung vom Schlosse herabgelangt und ward auf der Kapitelstube verlesen. Der Domprobst, Markgraf Friedrich, schrieb, daß er und die Be- satzung des Frauenberges nach wie vor bereit wären, die zwölf Artikel zu beschwören und in den evangelischen Bruder- bund einzutreten: das Schloß aber übergeben, würden und könnten sie nicht, ob man ihnen auch Gut und Leben zusichere. „Loset, wie der Bischof sie gesteift hat," rief des langen Lienhart's tiefe Stimme. „Es ist die Sprache eines ehrlichen Mannes," ergriff Götz das Wort und drang wieder darauf, daß man das Er- bieten des Domprobstes annehme. Der Schwur auf die zwölf Artikel sei ebenso gut, als ob sie das Schloß zu eigenen Händen hätte... „Ei, Herr Götz, seid Ihr aus der Pfaffen Feind ihr Freund geworden, daß Ihr ihrem Eid' traut?" höhnte der Brettheimer Metzler. „Und der Adel hält nit mal seinen Herren die bc- schworene Lehnspflicht, was haben wir geringen Leute von ihm zu erwarten?" sagte der Schreiner Hans Schnabel aus Bildhausen.„Unterhandeln und dann hinterrücks dreinschlagen I Hütt' der Helfensteiner als ein Biedermann an uns sich er- wiesen, er lebte heute noch." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verZoten.) Stfnnngglev. In keinem anderen Lande wird der Schmuggel so stark betrieben, wie im Tessi» an der italienisch- schweizerischen Grenze. Man kann sich einen Begriff von seiner Ausdehnung machen, wenn man erfährt, daß die italienische Regierung nicht weniger als 4500 Grenzwächtcr unterhält, die dem Schmuggel aus der Schweiz entgegentreten sollen. Bis vor fünf Jahren noch bildete die hauptsächlichste Operations- basis der Logo Maggiore, dessen blaugrnne Ufcrsänme wie eigens dazu geschaffen schienen, den plötzlich austauchenden und ebenso rasch wieder verschwindenden Banden das Treiben besonders zn erleichtern. Gewaltig war der Schaden, den die italienische Staatskasse alljährlich zu tragen hatte; die Regierung war daher entschlossen, den Schmuggel um jeden Preis auszurotten. Eine ans drei Torpedobooten bestehende Flotillc wurde auf den Langcnsec beordert; mit großer Geschwindigkeit kreuzten die zier- lichen Schiffe unaufhörlich den See, von Canobbio bis hinauf nach Locarno und warfen ihre Scheinwerfer weit in das Land hinein, in die Schlupfwinkel der Schmuggler in den Bergen, um dann jede verdächtige Erscheinung den Wächtern auf dem Lande durch bc- sondere Zeichen zu melden. In der That gelang cS auch, dem Treiben am Lago Maggiore ein völliges Ende zn bereiten. Im Großen kann hier nicht mehr geschmuggelt werden, und auch einzelne Wanderer zwischen Brisago, denr letzte» schwcizeri- schen, und Canobbio, dcni ersten italienischen Orte, werden so gründlich durchsucht, daß nicht daran zu denken ist, auch nur einen Bissen über das erlaubte Quantum nach Italien zn bringen. Nichtsdestoweniger geht es nicht ganz ohne Schaden für den Staat ab. Auch Grcnzlvächter find Menschen, sie lieben Tabak, ihre Frauen Zucker und Kaffee und ihre Kinder Chokoladc— um diese Waarcn dreht sich der Schmuggel fast ausschließlich— dem Nachbar geht es ebenso; ein kleines Quantum ist erlaubt, und so bekommt man hier das überraschende Schauspiel eines höchst belebten Verkehrs vom letzten schweizerischen Kramladen bis nach Canobbio— eine volks- wirthschaftlich überaus interessante Bevölkerungsbewegung. Die Banden, die den Schmuggel planmäßig betreiben und oft zu gefährlicher Stärke anschlvellen, sind keineswegs ausgerottet, sie haben nur das Operationsfeld vertauscht; freilich nicht ohne furcht- baren Abschied vom licbgcivordenen Langensee zu nehmen. Plötzlich war eines der Torpedoböte verschwunden; cS war an einer Stelle von über 300 Meter in Seeticfe gesunken. In stürnnsch bewegter, stcrnenloscr Nacht, so raunte man sich von Ohr zu Ohr, war es von einem durch das LooS bestimniten Rächer mit Mann und Maus in den Grund gebohrt worden. Der kühne Thätcr selbst soll sich dabei durch einen Sprung in das Wasser gerettet haben. Alle HcbungSversuche und Nachforschungen blieben erfolglos. Nicht unerwähnt mag an dieser Stelle auch die„Seeschlacht" sein, die.jm Jahre 1859 zwischen Oesterre chern und Piemontesen hier stattfand; die beiden„Hotels" von Canobbio„Die Kanone" und „Der Friede" rufen uns mit ihren Namen das historische Ereigniß in bleibende Erinnerung. Die Schmuggler zogen sich nunmehr in die wildromantischen Thäler der Moösa, Calancasca und Traversagna zurück. Senkrecht, wie Mauern, starren die theilwcise bis in die Regionen ewigen Schnees ragenden Berge empor. Und doch ist der Aufstieg fast ein Kinderspiel im Vergleiche zum Abstieg im Schußbereich des„Feindes". Sieht man sich in diesen Gegenden um, so erkennt man auf den ersten Blick, daß schon die natürlichen Hindernisse, die der Schmuggler zu überwinden hat, eine nur durch lange Uebung zu erwerbende Geschicklichkeit voraussetzen und daß nicht ein jeder zu dem gefahrvollen und unheimlichen Berufe taugt. Eine gründ- liche und geraume Lehrzeit mack't der ragazzo sKnabc) durch, bis er zum giovänvtto(Jüngling) und enblidi zum vollbürtigcn maestro (Meist«) avanzirt. Nicht nur auf seine körperliche Geschicklichkeit, aus Findigkeit und Spürsinn, sondern auch aus Festigkeit des Charakters und auf Zuverlässigkeit wird er geprüft und erforscht; ist doch das den Schmuggler entehrendste Verbrechen der Verrath, der auch stets mit dem Tode geahndet wird. Es giebt Schmuggler, die förmliche Dynastien bilden und mit Stolz auf mehrere Generationen und besonders berühmte Ahnen zurückblicken. Der Schmuggel der ganzen Gegend, von der wir augenblicklich reden, steht unter einheitlicher Leitung. Je schlechter die Witterung, desto günstiger und willkommener ist sie. In Nächten mit pechschwarzem Himmel, in denen der Sturm heult und der Regen hcrnicdcrprassclt, machen sich die einzelnen Kolonnen auf' den Weg. Tragsäcke, bis zu dreißig Kilo belastet, unr den Hals gehängt, schleichen die gegen Angst und Furcht gefeiten Männer von dauncn. Diese Vorliebe für den romantischen Schmuggel ist unter den Lombarden und Ticiuescn ebenso verbreitet, wie unter den Sizilianern das Räuberwesen. Nur sind die Schuniggler sonst Leute, die mit anderen Paragraphen des Strafgesetzbuches selten in Konflikt gc- rathen. Still und schiveigend nehmen sie Abschied von den Ihrigen; denn es gilt immer einen Gang auf Leben und Tod. Alle sind mit Schuß- und blanker Waffe be- wehrt; einige davon ziehen nur bewaffnet mit, um durch Scheingefechte die Wächter zu täuschen und sie von der wahren Marschlinie abzulenken. Die Schmuggler verstehen das Kriegs- handlvcrk aus dem Fundament und sind„gebildete Taktiker". Jeder Schuß aber, der bis in die Schweizer Thäler hallt, erweckt dort bange Sorge und schauerliche Gefühle. Ist ein Schmuggler oder ein Wächter getrosten? Oder ward ein Vcrräther gerichtet? Glücklich der, den das Geschoß getödtet: der nur Verwundete darf in diesen Gegenden auf keine Hilfe und Rettung mehr rechnen; langsam und qualvoll muß er enden.... Ist die Kolonne glücklich über die Grenze gelangt, so findet sie sich an einem gemeinsamen Sammelpunkt ein, au dem der italienische Abnehmer seiner„Lieferanten" harrt und außer dem Preis für die Waaren jedem Mann de? Trupps 25 Franken bezahlt. Und dann geht es mit den leeren Säcken auf der wohlgcpflcgtcn Landstraße singend und scherzend über die Grenze in die Schweiz zurück. Die Wachen können nur gute Miene zum bösen Spiel machen; sie nehmen dankbar die ihnen angebotene Prise und wechseln lächelnd einen Hände- druck mit den Schmugglern. In das hcimathliche Dorf aber von dem glücklich bestandenen Feldzuge zurückgekehrt, veranstalten die Sieger Gelage, bei denen es mit Tanz und Wein hoch hergeht. Und dabei erzählt dann ein Alter der gespannt lauschenden Jugend, wie oft er schon die Wachen gefoppt uiid wie er vor Jahren einmal einen Leichenzug veranstaltet und einen reichen italienischen Gutsherrn, der in der Schweiz plötzlich verstorben, über die Grenze transportirt hatte. Um die Wächter ganz sicher zu machen, hatte er sie schlau benachrichtigt. daß kurz nach dem ersten noch ein zweiter Sarg komme, in dem sich lauter kostbare zollpflichtige Waaren befänden, lieber diesen fielen die Zollbeamten her und fanden zu ihrem Entsetzen gerade darin den Leichnam.—_ E. Miller. Dileines Feuilleton. � Ein großstädtischer Ertverbszlvcig. Man schätzt, daß die drei Millionen Einwohner von Rew-Dork jeden Tag in der Woche in runder Summe 50000 alte Hüte, Röcke, Hosen, Westen, Kleider ec. ablegen und daß 75 pCt. davon ihren Weg in das schmutzige Quar- ticr der Händler mit alten Sachen an der Bayard- Straße finden. Man könnte dieses Quartier als die Börse jener Händler bezeichnen. Die Aufregung in dicscin Viertel während der Gcschäftsstundcn ist thatsächlich nicht lvenigcr intensiv und fieberhaft Ivie in der Börse. Zivar stehen in der Bayard- Straße vielleicht bei einem Geschäft nur drei Zcnts auf dem Spiele, aber die Spannung der Bc- thciligten könnte nicht größer sein, wenn es sich um eine halbe Million Dollars handelte. Zwei Kneipen haben ein Monopol auf das Geschäft: sie bilden die eigentliche Börse für alte Kleider, und in einer von beiden Pflegen sich Käufer und Verkäufer zu treffen, um ihre hochwichtigen Geschäfte einzuleiten. Der Verkäufer ist ein schlauer Geselle. Er ist der Mann, der uncrinüdlich durch die Straßen wandert mit einen: großen Sack ans dem Rücken und sein melodisches„Cash for ol' clo's"(baarcS Geld für alte Kleider) er- schallen läßt, das so lieblich in den Ohren des Dienstmädchens klingt, dem die abgelegten Sachen der Familie überwiesen werden. Das Mädchen holt seine Schätze hervor, natürlich bemüht, einen möglichst hohen Preis herauszuschlagen, während der Händler selbstverständlich möglichst wenig bezahlen lvill und demzufolge kein gutes Haar an den ihm angebotenen Sachen läßt. Schließlich einigen sie sich aber doch und das Mädchen erhält für einen Haufen Kleider, die einmal 50 oder 75 Dollars gekostet haben mögen, vielleicht 75 Cents. Manchmal kommt auch die Herrin des Hauses selber und bemüht sich, einen annehmbaren Preis für ihre alten Sachen zu erzielen. Jyr bietet der Händler selten Geld, sondern gewöhnlich allerlei glänzende Zinnwaren, die, wie er anpreist, ihrer Küche ewig zum Schmucke gereichen würde». Seiner Beredtsamkeit und Schlauheit gelingt es dann in der Regel, von der Herrin des Hauses für Küchengeräthe im Werth e von etwa 40 Cents ebenso viel Kleider herauszuschlagen, als er vom Dienstmädchen für 75 Cents Baargcld erhält. Zivei bis drei Besuche dieser Art füllen seinen Sack, und dann tritt er den Gang zur„Börse" an, die um 4 Uhr nachmittags er- öffnet wird und bis 8 oder 9 Uhr abends dauert. In der Stadt wendet der Händler seine ganze Beredtsamkeit auf, um die Schlechtig- keit der in Frage stehenden Kleider zu schildern; an der„Börse" da- gegen hat er nur die feurigsten Lobesworte für dieselben— sie sind alle„lvie neu". Aber er findet in den: Käufer seinen Mann, wen» derselbe auch nicht viel spricht. Sein Gesicht ist so bewegungslos wie der hölzerne Tisch, auf den er sich lehnt. Er verschmäht es sogar, auch nur einen Blick ans die vor seinen Augen ausgebreiteten Herrlich- leiten zu tverfen, und sieht konsequent nach einer anderen Seite. Selbst bei Erwähnung des Preises zuckt leine Muskel in seinem Antlitz. So mögen etwa fünf Minuten vergangen sein, und der Käufer hat noch kein Zeichen des Lebens gegeben. Da packt der Sammler seine Herrlichkeiten zusammen und geht zum nächste» Käufer, wo sich genau dasselbe Spiel wiederholt. Von Käufer zu Käufer wandelt nun der Sammler, und obgleich er bei jedem den Preis etwas niedriger angicbt, erhält«höchstens ein verächtliches Achsel- zucken znrAntwort. So kommt er manchmal zum ersten Käufer zurück, che er mit seinem Preise solvcit hcrabgegangcn ist, daß man ihn überhaupt eines Wortes würdigt. Aus dem Benehmen seiner Kunden kann er ganz genau sehen, tvann er sich dem Preise nähert, zu welchem überhaupt ein Gc- schüft abgeschlossen wird. Eine leise Bewegung des Augenlids, ein etwas weniger unfreundliches Grunzen ist ein bedeutsames Zeichen, und er fühlt den Boden unter seinen Füßen fester werden. Schließlich kommt er zu dem Manne, der das erlösende Wort spricht:„Laß mich sie sehen!" Der Sack wird geöffnet und Stück für Stück des Inhalts einer gründlichen Untersuchung unterzogen, lieber jedes einzelne kommt es zu einem endlosen Wortgefecht. Die übrigen Händler drängen sich herzu, helfen ihrem Kollegen die Kleidungsstücke schlechtmachen und den Preis drücken. Der eigentliche BerkaufSprozcß nimmt eine gute Stunde in Anspruch, während nnt den Präliminarien schon viel mehr Zeit verloren gegangen war. Jeder Käufer wirft dann die erstandenen Stücke ans einen besonderen Hansen. ES kommen andere Sammler an und bei jedem wiederholt sich das alte Spiel. Die Profite, die das Geschäft abwirft, sind ganz erheblich. Der Sammler hat viel- leicht für eine Tracht Kleidungsstücke 2 Dollars bezahlt und verkauft sie für 5 Dollars. Ein Anzug, für den der Sammler vielleicht 40 Cents und der Kleiderhändler 75 Cents bezahlt hat, ivird dann schließlich, nachdem er mit einem Kostenauflvnnde von 50 Cents aus- gebessert und„aufgefrischt" worden, vielleicht für 3'/i— i'/i Dollars verkauft.—(„Hamb. Korr.") Literarisches. b.„Was die Leute sagen". Roinau von P a u I O s k a r Höcker. Vita. Deutsches Verlagshaus. Berlin.— In den„Flic- genden Blättern" war einmal zu sehen, wie ein kleiner Bauernjunge einen Landschaftsmaler fragte: Muß denn die Wiese gemalt werden? Und so fragte ich mich auch beim Lesen dieses Romans: mußte denn das Buch geschrieben werden?-- Rur der. welch« uns ettvas zu sagen hat, hat das Recht. für sich und seinen Vortrag unsere Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Und Paul Oskar Höcker hat uns auch rein garnichrs zu sagen. Die Menschen und Verhältnisse sieht er mit den Augen einer Pensions- vorstchcriu, die Dinge und die Landschaft lvie ein Philister. Nie ein eigenes Wort, ein persönlicher Zug, alles im ausgetretenen Geleise: „und trotzdem es nur„Soinmerbier" aus der nahen Dorfschänke gab, kam bald die gcmüthlichste, himmlischste, harmloslustigste Stimniung auf." Das und hundert andere Stellen, ja fast das ganze Buch könnte ein Backfisch von achtzehn Jahren geschrieben haben.— Psychologisches. — Recht bcmcrkenswerthc Mitthcilungcn üb« den Einfluß des Trope nklimas auf die Gemüths- und Denkart macht Dr. Rasch- Sora» in der„Allg. Zeitschr. für Psychiatric". Dr. Rasch machte seine Beobachtungen in Bangkok, der Haupt- stadt von Siam, die sich verhältnißmäßig noch eines guten Klimas erfreut, und berichtet über elf selbst erlebte Fälle, von denen die bcmcrkcnswcrthcstcn hier fkizzirt werden mögen: Ein höherer Beamter zeigte»ach halbjährigem Tropenaufeiühalt eine gänzliche Veränderung des Charakters, er wurde reizbar, rücksichtslos, großthncrisch, ein„lvahrer Rüpel", und fing an. sich zu betrinken. Nach einer leichten Insolation wurde alles noch schlimmer, sein Verhalten brachte ihn und seine Landsleute in Ver- legcnheitcn, sodaß er veranlaßt tverden mußte, nach Europa zurück- zukehren. Ebenso drastisch ist der folgende Fall: Ein mäßiger, ruhiger, pünktlicher llntcrbeamter wurde nach dreiviertel Jahren ein Renommist, log kolossal, ivurdc brutal, ergriff z. B.. während er mit einem Kollegen sich unterhielt, dessen Hund und schnitt ihm ein- fach den Hals ab,„ohne etwa- dabei zu finden", schofi auch häufig mit dem Gewehr von der Veranda herab auf Thierc oder sonst wo hin, so dafi er schließlich ausziehen mutzte. Später nach der „Akklimatisation" wurde er wieder nonnal. Ein sehr intelligenter Forstrcfercndar wurde so apathisch, dah er ein kleines Fingergeschwür sich nicht wegschneiden, sondern lieber Knochen und Sehne vereitern lietz. Er ergab sich dem Trünke, kam moralisch ganz herab und erschotz sich. Ein Ingenieur wurde nach kurzem Aufenthalt derart hysterisch, datz er nicht mehr aus dem Hause ging; hierauf stellten sich bei ihm Verfolgungsideen und dann solche der Ueborschätzung ein. Erst die Rückkehr nach Europa brachte Besserung. Die Haupt- sächlichsten Folgen des Tropenaufenthaltcs für das Nervensystem und den Charakter saht Dr. Rasch dahin zusammen: Schlaflosigkeit. Er- schlaffung, Indifferenz, Abnahme der Widerstandsfähigkeit gegen Krankhciten.fllnlust zur Anstrengung, große Empfindlichkeit, �Gedächtriitz- abnähme und reizbare Schwäche.— Geographisches. — Wo entspringt die Donau? Der„Franks. Zeitung" wird geschrieben: Wo entspringt die Donau? Wohin ergietzt sie sich? Sonderbare Fragen! Bringen Briegach und Brcg die Donau zuwcg und ist die stolz ummauerte Quelle beim Fürstenbergischcn Schlosse zu Donaueschingen wirklich die Donauquelle, wie Volksmund und Lehrbücher behaupten, dann ergietzt sich die Douau zur Zeit nicht in das Schwarze Meer. Ist aber der Strom, der an Ulm, Passau und Wien vorbeiströmt und sich schließlich in das Schwarze Meer ergießt, die Donau, dann ist die Angabe seines Ursprungs unrichtig. Verfolgt man die Donau von Donaueschingen bis in die Gegend bei dem badischen Dorfe Möhringen und der württemb crgischen Stadt Tuttlingen, dann ist auf ein- mal die vorher nicht wasserarnie Donau— verschwunden. Heute liegt das Donaubctt bei Tuttlingen wieder trocken, ein großer Nebel- stand für die dortige Industrie. Und wo ist die Donau? Oberhalb Tuttlingen befinden sich im Strombett Kallstcinklüfte, durch welche bei hohem Wasserstande das meiste, bei niederem Wasserstande alles Wasser versickert, um nach mehrstündigen: unterirdischem Laufe in dem starken Quelltopfe der Hegauer Aach wieder zu tage zu treten und als wasserreiches Flützchcn dem Vodenfee zuzueilen und damit dem Rheine. Man kann also mit vollem Rechte sagen, bei niederem Wasserstande entsteht die Donau allerdings da oben um Donaueschlngcn heruin, ergietzt sich aber in den Rhein, beziehungsweise in die Nordsee. Das gewerbrciche Tuttlingen und sonstige mdustrielle Anlagen unterhalb Tuttlingen werden durch dieses merkwürdige Natnrereignitz schwer geschädigt. Um festzustellen, wo das Wasser bleibe, hat man Farbstoffe, Salz. Spreu u. s. w. in dem Strombett mit dem Wasser verschwinden lasten und gefunden, datz es im Hegau wieder zu tage trat. Ein Müller soll sogar einmal eine Eirte in die Spalten gestopft haben und diese sei nach nichr- stündiger unterirdischer Fahrt in der Hegauer Aach zu tage ge- kommen. Wohl haben die Donau-Uferbewohncr in dortiger Gegend durch Einwerfen von Zement dem Uebelstand abzuhelfen gc- sucht, aber nicht mit dauerndem Erfolge. Zudem nahmen die vielen Gewerbetreibenden am Hegauer Aachflützchcn hiergegen Stellung, und da der staatsrechtliche Weg ein sehr langer und zweffelhaster ist, suchte man das Ziel auf gemeinrechtlichem Boden zu erlangen. Heimliche Versuche, die bösen Löcher zu stopfen, sollen auch öfter unternommen worden sein. So erzählt man sich, datz den Arbeitern eines Eisenwerkes die böse Ausficht gemacht ivurde, ohne Arbeit zu sein, wenn das Wasser immer noch mehr verschwinde. Da soll dem: Nachts bei Möhringen ein unheimliches Treiben statt- gefunden haben, ein geheimnitzvollcs Hantiren mit Säcken voll Zement u. s. w. Am liächsten Tage hatte das Werk wieder Wasser, und die Leute Arbeit. Gegenwärtig liegt die Wasserkraft bei Tuttlingen brach und viele Fische verschmachten, weil ihnen ihr Lebcnselement entzogen ward. Vorerst ergietzt sich also die Donau in die Nordsee.— Ans der Pflanzenwelt. t. Ueber einen neuen Ob st bäum berichtet Andre in der französischen„Revue horticole". Die Pflanze heißt ITöijoa seUowiana, ist in La Plata in Südamerika heimisch, gedeiht aber auch im südlichen Frankreich. Der Baum, der in dem Garten Androps bliihte und Frucht trug, war 3>/z Meter hoch und busch- artig gewachsen. Die Frucht ist eine längliche bis eiförmige Beere von 4—6 Zentimetem Länge und 3—6 Zentimetern Breite. die auch in reifen: Zustande ihre griine Farbe beibehält, das Fleisch der Frucht ist fest und von weißer Farbe, enthält viel Saft, schmeckt süß und strömt einen äußerst angenehmen und durchdringenden Duft aus. Der Geschinack soll etwas an den der Ananas eriimcn:.— Technisches. — Die Nachfrage nach chinesischen Matten zur Aus- stattung der Wohnungen hat in den letzten Jahren sehr bedeutend zugenommen, und dementsprechend hat die bezügliche Industrie in China beträchtlich an Ausdehnung gewonnen; es ist dies einer jener Industriezweige, welche, obwohl se:t langer Zeit gepflegt, erst durch die Vorliebe des modernen Europäers ftir japanische und chinesische Erzeugnisse zur Blüthe gelangt. Ueber die Her- stellung dieser' Matten veröffentlicht die„Zeiffchrist für Innendekoration" einen interessanten Aufsatz, dem die„Technische Rundschau" folgende Einzelheiten entnimmt: Man verwendet zur Fabrikation dieses begehrten Artikels verschiedene Arten von Schilf- rohr, das theils in den vom Meer bewästerten. theils in den zu bestimmten Zeiten von Flüssen überschwemmten Ebenen wächst. Am gebräuchlichsten ist das von den Botanikern als �runcko mitis be- zeichnete Schilfrohr. Dieses von Nawr grünlich gefärbte Rohr wird in schmale, lange Streifen geschnitten und, bevor es noch auf den Web- stuhl gelangt, verschiedenartig gefärbt. Während die Chinesen früher zu diesem Zwecke einheimische Farbstoffe benutzten, beziehen sie dieselben heute meist aus dem Auslände, um schönere und leuchtende Farbentöne zu erhalten. Die sehr cinsachen Webstühle bestehen ans zwei etwa zwei Meter hohen Holzstückeu, die durch Qnerstangcn verbunden werden. Die Kette bilden Hanf- oder Jutefäden; ein Stück Bambus bildet das Schiffchen, welches die Schilfftrcifen durch die Kette führt. Die gewebte Matte wird an der Sonne getrocknet, auf einen: Rahmen über leichten: Feuer ausgebreitet und dam:„massirt", d. h. sie wird derartig gezogen, datz die dünneren und weicheren Stellen des Ge- webes dichter und fester werden. Es ist dies eine sehr mühevolle, aber durchaus erforderliche Arbeit. Wenn nämlich eine Matte, die, wie üblich, auf 40 Dards Länge und 1 Darb Breite(1 Dard— 0,91 M.) berechnet ist. den Webstuhl verlätzt, so nutzt sie zunächst 45 bis 50 Iards, meist aber sehr viele schwache Stellen auf. Erst nach den: Massiren erhält sie die erforderliche Länge. Seit etwa sieben Jahren fertigt man auch die gedrehten Matten, d. h. solche, die gleichsam aus Schilsstricken hergestellt sind; diese gewinnt man durch Rollen zweier Schilf- streifen und Zusammendrehen derselben nach Art der Hanfseile. Sie sehen dann wie dicke Bindfäden aus und werden gleichfalls häufig vor dem Weben gefärbt. Die Fabrikation beschränkt sich auf drei Orte der Provinz Cantou: Tung-kun, Lin-tan und Canton. Der Preis der Matten, der sich natürlich nach Maatz und Qualität der- selben richtet, schwankt in der Regel zwischen 25 und 60 Pfennigen pro Darb.— Humoristisches. — Eine empfindliche Kehle. Arzt:„Das ist eine Halsentzündung, Herr Kommerzieurath— wie ist das gekommen?" — Kommerzieurath:„Ae Leichtsinn von mir— meinen K o m t h u r Hab' ich nicht augehabt!"— — Bau er»Weisheit. H i e s l:„Vater, was is dös, A n t i p a t h i e?" Bauer:„Wenn D' einem a Loch in den Kopf haust."— — Ilmschrieben. Hänschen:„ES wird Zeit, datz«S bald Ferien giebt!" Vater:„Nm: warum denn?" Hänschen:„Die Lehrer werden immer nervöser!"— l„Megg. hum. Vl.") Vermischtes vom Tage. — Bei einem Feuer verbrannten in Mustin sMecklcn- bürg) zwei Tagelöhner. Ein dritter wurde schwer verletzt.— — Der„ K u n st w a r t" berichtet: Drei Kompagnien des sächsischen Kaiser- Grenadier- Regiinents Nr. 101 zn Dresden hatten ihre Korridore nach Entwürfen von Künstlern, die bei diesen Truppentheilen dienten, mit der Erlaubmtz der Vorgesetzten durch Malereien ausschmücken lassen. Run hat der neue.uonnnandcnr Oberst Sachse die Malereien abschlagen und weiß tünchen lasten, weil der weiße Anstrich— militärischer sei.— — Ein junges Liebespaar, ein Maschinenmeister und eine Ein- legerin aus einer Druckerei, erschotz sich auf den: Mannheimer Friedhof.— — In Kalk bei Köln vergiftete sich die Frau eines Ingenieurs, in dem Augenblick, als sie sich mit ihrer Familie zun: Essen setzen wollte. Zu gleicher Zeit erschotz sich cü: Phowgraph, mit dem sie kurz vorher nach Verlin gereist war.— — Ein großes Feuer zerstörte 154 Wohnhäuser mit ihren Nebengebäuden des Ortes C s i c s e r in Ungarn. Mehrere Menschen kamen in den Flammen:»n.— — In der belgischen Provinz L ü t t i ch hat ein starkes Unwetter getobt. In vielen Orten wurden Häuser vom Blitze zerstört.— — Siebenhundert Personen treten in England durchschnittlich in jedem Monat zur katholischen Kirche über.— — Um die Hinunelsahrt der Jungstau Maria zu feiern, ver- anstalteten die Bewohner des spanischen Dorfes Vicalvaro ein Stiergefecht. Achtundzwanzig Menschen wurden dabei mehr oder weniger schwer verletzt.— — In Madras(Hinterindien) starben vom 13. bis 19. August 91 Menschen an der Cholera. Die Krankheit breitet sich aus.— — In Nanking machte ein junger Mensch einen Mordanfall auf seine:: Vater. Zur Strafe begruben ihn seine Brüder unter der Aufsicht des Vaters lebendig, nachdem sie ihn zuvor gemartert hatten.— Verantwortlicher Redakteur: August Jarovey in Berlin. Dmck und Verlag von Mar Vndiug in Berlin.