Mnterhaltimgsblatt des Horivnrts Nr. 169. Dienstag, den 30. August. 1898 (Nachdruck verboten.) 651 Xlnt die I�eeiszeit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525 Von Robert Schwekchel. „Auf die Rädelsführer, hussa!" schrie Adam von Thüngen. „Insonderheit diejenigen, welche ein Schandfleck ihrer Geburt und unseres Standes sind," ergänzte der Graf von Kastell. Adam von Thüngen richtete seine hochmüthigen Augen herausfordernd auf Wilhelm von Grumbach und rief:„Den höchsten Galgen für Florian Geyer!" „Hussa! hussa!" fielen fast alle ein und Philipp von Finsterlohr ahmte das Geheul der Meute nach. „Seid Ihr denn schon alle besoffen?" rief Hans von Gnimbach von Wein und Zorn roth, schleuderte seinen Becher zu Boden und trat mit dem Fuß darauf. Sein jüngerer Bruder brachte für den Gatten seiner Schwester kein Wort vor. Unbewegt sag er in dem wüsten Lärm, den Blick Adam's mit einem Lächeln aus haltend, bei dem seine spitzen Wolfszähne blinkten. Die schlanken Finger seiner Rechten umspannten langsanr den Dolchgriff. Plötzlich rief jemand:„Loset, es donnert!" Nur der Barfiiffermönch schien es gehört zu haben und er ging aus dem Saale, während die anderen zu den Fenstern eilten. Es war aber von einer Wetterwolke nichts am Himmel wahrzunehmen, und man kehrte zu den Bechern zurück. Der wilde Zcisolf forderte Adam von Thüngen auf eine Kanne heraus, die etwa drei Maß enthalten mochte. Während das Duell ausgcfochten wurde, an dem sich viele durch Wetten um den gleichen Tieftcunk betheiligten, kehrte der Barfüßer zurück. „Da ist der Blitz," sagte er trocken und ließ eine eiserne Kugel vor dem Domprobst auf den Tisch fallen.„Eine Feld- schlänge vom Klasberg hat ihn ausgespuckt. Ein paar Dach- ziegel sind zerschlagen, weiter nichts." „Und Du sollst der Schlange den Kopf zertreten," lallte der Domherr von Lichtenstein, ließ das weinschwere Haupt auf die Brust sinken und begann zu schnarchen. Die Ritter und Junker betrachteten neugierig die Kugel und wogen sie in den Händen. Silvester von Schaumburg warf sie in die Höhe und fing sie wieder auf:„Und mit solch Kinderbällen wollen sie das Schloß einwerfen," spottete er. Simon Ncuffer hatte die Feldschlange gerichtet und ab- gefeuert. Es war ein Probeschuß. Florian Geyer übte auf dem Nikolausberge eine aus seinen Schwarzen erlesene Mannschaft in der Bedienung und im Richten der Geschütze, und er fuhr darin fort, bis es dunkel wurde. Die Zeit drängte; denn er war noch am Vormittage zum Gesandten an Rothenburg gewählt worden und ihm in gleicher Eigenschaft der Schultheiß von Ochsenfurt, Hans Pezold beigesellt, um die Stadt cndgiltig in den evaugelischen Bund zu bringen und schweres Geschütz und Munition zu fordern. Der Psarrer Denner als Schreiber, der lange Lienhart und Sebastian Raab aus Geb- sattcl, ein Steinmetz, waren zu ihren Begleitern erkoren, sämmt- lich Gegner des längeren Verziehens vor dem Marienberg. Die Wahl der obersten Hauptleute und Räthe war daher eine sehr kluge, wenn sie nur die schleunigste Ausführung des Auftrages bezweckte. Noch dampften am nächsten Morgen die Nebel über dem breithinflicßenden Main und verschleierten leise das junge Grün der Rebenufer, als die Gesandtschaft von Heidingsfeld aufbrach und die Lehne hinanritt. Zu ihrer Rechten schaute sie auf das Wipfclmcer des weit sich hinstreckenden Gutten- bergcr Waldes, durch welchen der Weg von Würzburg nach Lauda an der Tauber sich wand. Die Wintersaaten auf der Hochebene standen vorzüglich; mit dem Sommergetreide sah es übel aus. Die Felder waren spärlich und spät bestellt worden. Es fehlte au Händen: anstatt des Pfluges führten sie das Schwert. Hier und dort wurde das Versäumte von Beurlaubten nachgeholt. Als die Sonne über den bewaldeten Kuppen der Hochebene sich erhob, lag das Dorf Gicbelstadt vor den Reitern. Das feste Haus der Zobel war unversehrt. Denn Fritz Zobel hatte nicht versäumt, von Jakob Köhl in Ochsenfurt einen Sichcrheitsschein sich zu erwirken. Die Unterhaltung der Reiter verstummte. Die Dorfgasse, durch die sie ritten, war wie ausgestorben. Und jetzt verhielt Florian Geyer seinen Rappen. Seine ernsten Augen hafteten auf der Wiege seiner Geburt, auf der verwüsteten Stätte seines jungen eheliches Glückes. Dachlos standen die vom Rauch geschwärzten Thürme, deren einer ge- borsten war. Von dem Wohnhause ragten noch ein paar verkohlte Dachsparren in die sonnige Luft. Von den zer- hauenen Thorflügeln lag der eine am Boden, der andere hing noch schief an einer Angel. Hellebarden und Kugeln hatten das Wappenschild über dem Thor verstümmelt und durch dieses blickte das Auge im Hofe auf Schutt und Trümmer. Die Begleiter Florian Geyer's hatten wie er ihre Roffe gezügclt. In schweigender Theilimhme ruhten ihre Augen auf ihm. Der Pfarrer Denner glaubte ihn trösten zu sollen und er sprach wie Eliphas zu Hiob:„Siehe, selig ist der Mensch, den Gott strafet, darum weigere Dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht. Denn er verletzet und verbindet, er zerschmeißet und seine Hand heilet. Aus sechs Trübsalen wird er Dich erretten und in der siebenten wird Dich kein Uebcl rühren." Florian wandte sich langsam zu ihm und erwiderte:„Du irrst, Pfarrer; ich hadre nicht. Mein festes Haus mußte fallen, wie alle Burgen fallen müssen, damit der Bauer sein Haupt erheben und die Frucht seines Fleißes selbst genießen kann. Die Ruinen aber werden ihn an die überwundene Knechtschaft erinnern und noch seine spätesten Nachkommen lehren, wie wir zur Wehr zu greifen, wann die Tyrannei versuchen sollte, ihm wieder den Fuß auf den Nacken zu setzen." Damit schlug er einen scharfen Trab an und die anderen folgten seinem Beispiele. Eine dicke Staubwolke wirbelte hinter ihnen auf. Drittes Kapitel. Auf dem Hanptmarkte von Rothenburg hatte sich eine große Menge von Bürgern und Bauern angesammelt und aus dem Fenster ringsum schauten Menschen heraus. Es war am Morgen des Sonntags Cantate, dem 14. Mai, und sonntäglich hatten die Menschen sich herausgeputzt, insonderheit die Frauen und Fräulein an den offenen Fenstern. Sonn- täglich war auch die Stimmung und hauptsächlich die zahl- reichen Handwerksknechtc gewährten ihrem derben Humor freies Feld, unter ihnen Kaspar Etschlich. Die Menge erwartete ein Schauspiel. Die Gesandtschaft des fränkischen Heeres, die bereits am Tage vorher ihre Beglaubigungsschreiben sammt den Artikeln überreicht hatte, sollte vor Rath und Ausschuß erscheinen, um auf ihre Forderungen Bescheid zu erhalten. Der Rath seinerseits hatte Florian Geyer und dem Schult- heißen Pezold in dem bescheidenen Gasthof auf der Würzburger Gasse, wo sie abgestiegen waren und mit ihren Begleitern aus der Stadt Kosten zehrten, als Ehrengeschenk je ein Meßgewand von chwerem Sammet niit einem silbernen Christus daran über- reichen lassen. Auch hatte er Boten auf alle Dörfer des Gebiets geschickt, damit die Gemeinderäthe ein oder zwei Mit- glieder auf diesen Sonntag nach Rothenburg abordneten. Die Gesandten hörten erst noch in St. Jakob die Predigt des Dr. Deutschlin. Die schärfften Glossen, mit denen Kaspar Etschlich seine Freunde unterhielt, kritisirten die patrizischen Fräulein und insbesondere die schöne Gabriele und Sabine, die an einem Fenster im Hause Konrad Eberhard's sichtbar waren. Sabine von Muslor betrachtete das» Treiben auf dem Markt- olatz weniger theilnahmslos, als ihre gewöhnliche Art war. Ihre Vermählung mit dem obersten Stadthanpt» mann Albrecht von Adelsheim war wegen der unruhigen Zeiten aufgeschoben worden und sie ließ sich die pöttelndc Bemerkung ihrer Freundin gefallen, daß die Ver- zögening ihr willkonimen wäre wie die Sommerferien, als sie beide noch Klostcrschülerinnen gewesen.„Da kommt der Ritter von Monzingen," äußerte Sabine.„Was er für einen stolzen Gang hat! Und wie biedermännisch er auf die Grüße dankt l" Die schöne Gabriele krümmte die weiche Wellenlinie iy»es dunkelrothen Mundes verächtlich. Ihre feindselige Gesinnung gcgcu alles, was den Namen Menzingen trug, hatte sich noch höher gesteigert, seitdem die Voten des Ausschusses durch ihre Verwendung den wilden Zeisolf ans den Händen der Bauern gerettet hatten. Und diese Gesinnung thciltcn Erasmus von Muslor und ihr Vormund von ganzem Herzen und liehen darum den Rathschlägen ihres feinen Kopfes ein williges Ohr. Wenn die Leidenschaft den Verstand der Männer verwirrt, so schärft sie den der Weiber. Konrad Eberhard, der hinter den beiden Mädchen stand, beugte sich über deren Köpfe vor und äußerte, von Menzingen mit den Blicken verfolgend:„Der echte Volksversührer! Wie ich höre, ist er gleich nach Ankunft der Gesandtschaft zu ihr auf die Herberge gegangen und hat lange nnt ihr verhandelt. Und der Rath wird in den sauren Apfel beißen müssen. Denn keine Hilfe, wohin er sich auch geweudet hat, weder bei Nürnberg, noch bei dem Markgrafen, noch bei dem Schwäbischen Bunde." „Noch bei ihm selbst, damit hättet Ihr beginnen sollen," ergänzte Gabriele, indenr sie die feine, leicht gebogene Nase geringschätzig krauste.„O, wir wissen ja, daß die Herren nicht müßig gewesen sind mit Berathcn, wie in der Raths- stube, so auf der Trinkstube, daß sie Beschlüsse gefaßt haben von früh bis spät, aber ausgeführt ist keiner worden." „Weil sie halt unausführbar waren," erklärte der che- maligc zweite Bürgermeister. „Nicht alle," wandte sein Mündel ein.„Wie zu Anfang voriger Woche der wüste Bauernhaufe von der Tauber uns einen Besuch abstattete und zugleich ein anderer aus unserem eigenen Landgebiet vor dem Spitalthor stand, da wußte der Rath den Umstand gar klug zu nützen, nachdem er den einen aus der Stadt geschafft und den anderen zum Abzug bewogen hatte. Fhr wisset, wie er die Bürgerschaft in die Waffen rief, um dem Unfug in der Stadt zu steuern, und wie er alles geistliche Hab, Gut und Besitzthum zu Händen der Stadt nahm, um es vor Plünderung und Verzettelung zu behüten." „Wofür dcni Jörg Bermeter alle nachfolgenden Bürger- mcister dankbar sein werden," schaltete Herr Konrad ein und Gabriele fuhr fort: „Warum benutzte er nicht gleich die Macht, um die Haupt- ursächer zu greifen und in den Thurm zu werfen? Ihr würdct's gewagt haben, und es war nit einmal ein gar so groß Wagstück. Denn die Angst vor den Bauern liegt allen, die irgend was zu verlieren haben, in den Gliedern und treibt sie unter die Flügel des Raths als wie die Küchlein unter die der Henne, wann ein Habicht in der Luft sich zeigt." „Und so ist's noch," stimmte ihr der Vormund mit einem bösen lautlosen Lachen bei.„Und die Angst vor den Bauern läßt den Menzingen nicht durchdringen. Denn diese werden ihm zu Liebe nicht den Rath stürzen, wenn er auf ihre Forderungen eingeht." „Ein Bündniß mit den Bauern, das wäre die Krone der' Schmach," rief Gabriele mit flammendem Gesicht. „Bündnisse werden nur geschlossen, um gebrochen zu werden," sagte Konrad Eberhard leise. Laut fuhr er fort: „Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Geyer von Geyers- bcrg es aus anderen Gründen mit den Bauern hält, als weil er ehrgeizig ist. Das ist kein starkes Band und könnte itzt um so leichter zu zerreißen sein, als ich hörte, daß jener selbe Bauernhaufe, der uns heimsuchte, auf dem Rückweg nach Würzburg ihm seine Burg Giebelstadt zerstört habe." „O, ist das aber schändlich," wallte Sabine auf, und Gabriele lachte spöttisch. Das harmonische Geläute von St. Jakob klang in ihr Lachen hinein. Die Menschen drängten nach dem oberen Ende des Marktes, und nicht lange, so erschienen die bäuer- lichen Gesandten zwischen der Trinkstube und dein Rathhause. Sie trugen sümmtlich ihre Brustharnische, das Schwert an der Seite, und die Morgcnsonne spiegelte sich in den Eisenhüten. Selbst der Pfarrer Denner hatte den Panzer über den Chor- rock geschnallt; Pezold's Brust zierte die goldene Kette des Schultheißen von Ochsenfurt. Jubelnde Zurufe begrüßten und begleiteten sie bis zum Rathhause. Viele reichten dem Pfarrer und dem langen Lienhart, die in der Stadt allgemein bekannt waren, die Hände. Aus den Fenstern der Patrizierhäuscr aber begrüßten keine Zurufe noch wehende Tüchlein oder gar Blumen die in rauher Schlichtheit und mit ernsten Mienen einherschrcitenden Boten der Bauernschaft. Es war aber hauptsächlich Florian Geyer, auf den sich neugierig alle Blicke spannten, so auch die Sabine's und ihrer Freundin. Jene beugte sich nnwillkürlich immer weiter über die Fenster- brüstiing vor und ihre blayen Augen begannen zu glänzen, während die Stirn der schönen Gabriele sich mehr und mehr verfinsterte.„Welch ein schöner Mann!" flüsterte Sabine und es klang wie ein Seufzer von ihren halbgeöffneten Lippen, als der Gegenstand ihrer Bewunderung im Portal des Rath- Hauses verschwand. Erst jetzt sah sie auf ihre Freundin und war betroffen über deren bewölkte Brauen und die Starr- hcit ihrer auf das Rathhaus gerichteten Augen.„Aber Gabriele, wie kannst Du nur?" fragte sie vorwurfsvoll.„Was ist?" fuhr jene auf.„Ha, so, Du bist zum Feind übergelaufen und schmachtest zu seinen Füßen." Mit einem scharfen' Lachen warf sie sich ans ihrem Stuhl gegen die Lehne zurück. (Fortsetzung folgt.) Die Erfoes-chung des TNeeees-- jgvnndes. Mit Tauchcranzügen und Unterseebooten vermag der Mensch nur die oberflächlichsten Schichten des Meerwasscrs zu durchdringen. Schon in 50 bis höchstens 60 Metern Tiefe setzt der mit je 10 Meter um eine volle Atmosphäre wachsende Druck dem Streben nach unten eine schwer zu überwindende Schranke; und wenn es auch der Technik vielleicht dereinst gelingen wird, Taucherboote von größter Wider- standsfähigkeit zu bauen, mit welchen nian die doppelte oder drei- fache Tiefe erreichen kann, so bedeutet dieses immer nur ein Nichts gegenüber den nach taufenden von Metern messenden Tiefen der Ozeane. Von ihnen wird man immer nur auf indirektem Wege Aufschluß erhalten können, durch die Instrumente und Fanggcräthe, welche man zeitweise in sie versenkt und ans deren Angaben die Forscher mühsam ein Bild der dort unten herrschenden Verhältnisse zusammenstellen. Die Erforschung der Tiefsee ist ein Wiffenszweig von verhältniß- mäßig jungem Datum. Das Meer war in noch weit höherem Maße als das Hochgebirge, das auch so lange unerforscht blieb, der Schrecken unserer Vorfahren. Aengstlich tasteten sich die Schifffahrt treibenden Völker des Altcrthums und des Mittelalters in ihren kleinen Fahr- zeugen an den Küsten entlang, und die Gefahren, welchen die Mann- schaftcn solcher durch irgend einen Zufall einmal weit hinaus ver- schlagener Schiffe preisgegeben waren, wurden zum üppigsten Boden einer abenteuerlichen Mythenbildung. Da erzählte man sich von den riesenhaften Kraken, welche mit ihren kolossalen Schlangenarmen große Schiffe in die Tiefe zögen, von ungeheueren Strudeln wie dein alles verschlingenden Maclstrom, von hunderte von Meilen langen schwimmenden Inseln u. s.w. Inder irrigen Voraussetzung. daß das Wasser ebenso wie die Gase ent- sprechend dem darauf lastenden Drucke komprimirt und spcziffscki schwerer werde, ließ man alles, was dem Meere verfallen, nicht bis auf den tiefsten Grund, sondem je nach seinem spezifischen Gewichte nur bis zu der entsprechenden Tiefe sinken, wo es ivie ein fliegender Holländer der Unterwelt bis ans Ende aller Dinge, als Spiclball der Meeresströmungen ein gespenstisches Dasein führen sollte. Mit vielen dieser Geschichten räumte das große Entdecklnigszeitalter am Ende des fiinfzehnten und Anfang des sechzehnten Jahrhunderts auf. Die Kenntnisse vom Meere blieben aber trotzdem imincr noch ober- flächlich. Die primitiven Lothinstrumcnte der dantaligcn Zeit ver- sagten schon bei geringen Tiefen, und indem man solche Stellen als unergründlich tief bezeichnete, gab man sich zufrieden, �ohne von den Verhältnissen dort unten und von dem Leben in der Tiefe auch nur eine schwache Vorstellung zu gewinnen. Allmälig aber erweiterte sich, dank den Fortschritten der Technik und der Naturwissenschaften, der Kreis des Wissens. Man entdeckte eine Thierwelt, welche diejenige des Landes sowohl nach Artenzahl als auch nach Jndividuenreichthum unendlich übertrifft: man begann im Interesse der Schifffahrt die Meeresströmungen und Temperaturen genauer zu untersuchen, und als man daran ging, die ersten unter- seeisckicn Tclcgraphenkabel zu legen, trat auch die Tiefmessung in ein neues Entwickclungsstadium. Gegenwärtig ist die„Ozeanographie" eine ausgedehnte Wissen- schast, ivelche sich nicht nur mit den obengenannten Aufgaben be- saßt, sondern auch die Chemie des Meerwassers, die Boden- gestaltung, die Fluth- und Wellenbewegungen, die Biologie der Lebcwcscn und ihre örtliche Bertheilung-c. in den Bereich ihrer Untersuchungen gezogen hat. Vor wenigen Wochen erst hat eine deutsche Ticfscc- Expedition unter Führung des Breslauer Professors Chun Deutsch- land zu einer Forschungsreise von fast Jahrcsdauer verlassen. In erster Linie interessircn die Tiefseemessungcn. Die Ursprung- lich dazu benutzten Lothe bestanden nur aus cincin langen Hanfseil, an welchem man eine Kanonenkugel befestigte. Dieser Apparat er- wies sich aber bei größeren Tiefen als sehr unzuverlässig. Ein physikalisches Gesetz besagt, daß jeder in eine Flüssigkeit eintauchende Körper um so viel leichter wird, als das Gewicht des voii� ihm verdrängten Wassers beträgt. Bei dem großen Volumen des Seiles war nun der Geivichtsverlust des Lothes im Wasser sehr be- deutend. Man vermochte nicht mit Sicherheit den Moment festzustellen, in welchem das Loth den Meeresboden berührt. Außerdeni bewirkten die Meeresströmungen, welche das Seil nach einer Seite hin aus- bap.chteil oder das Schiff vor der ursprünglichen Stelle forttricbcu, daß man regelmäßig eine größere Tiefe lothete, als wirklich vor- Händen war. Ein modernes Tiefsceloth, welches von einem Dainpf- schiff abläuft, das durch seine Maschinenkrast ziemlich genau an einer und derselben Stelle sich halten kann, trägt außer dem eigentlichen Lothgewicht selbstregistrirende Thermometer, Vorrichtungen zur Entnahme von Bodenproben und Wasscrproben aus bestimmten Tiefen und hängt an einem feinen Stahldraht, wie er zur Herstellung von Klaviersäiten benutzt wird, der auf einer großen Trommel an Bord aufgewickelt ist. Das mit Vorsicht ins Wasser gelassene Loth läuft nun mit einer Geschwindigkeit von etwa 150 Metern in der Minute in die Tiefe. Das Heraufholen geht natürlich lang- samer, indem auf der mit einer Dampfmaschine verbundenen Trommel nur etwa 100 Meter Draht in der Minute aufgewunden werden können. Eine Lothung von etlichen tausend Metern Wasser- tiefe nimmt daher immer mehrere Stunden in Anspruch. Außerordentliche Tiefen hat man auf diese Weise bisher im Stillen Ozean gefunden, wo sich östlich von Japan gegen die Kurilen und Aleuten zu die nach dem Vermessungsschiff„Tuskarora" be- nannte Tuskaroraticfe befindet, die bisZ zu 8513 Metern hcrabreicht. Noch größere Tiefen fand das englische Schiff„Pcnguin" im Jahre 1895 östlich von den Tonga-Jnseln, wo aus 30° 28' südlicher Breite und 17ö 0 39' westlicher Länge von Grcenwich mit 0429 Metern die größte bis heute bekannte Tiefe gcloihet wurde. Es wäre irrig, zu glauben, daß der Meeresgrund etwa solche schroffe Unebenheiten von Berg und Thal enthalte, wie unsere Gebirgsgegenden. Der Ucbergang von der Höhe zur Tiere vollzieht sich dorr vielmehr in sanften Wellenlinien, nachdem die Niederschläge seit Millionen von Jahren die Abgründe ausgeglichen haben, ivelche dort vor undenklichen Zeiten auch"bestanden haben, und es ist höchst wahrscheinlich, daß man, wenn heute der Atlantische Ozean aus- trocknete, von Europa nach Amerika mit einem schweren, von Pferden gezogenen Wagen fahren könnte, ohne ein einziges Mal genöthigt'zu i'eiu. der Steigung wegen Vorspann zu nehmen. Der größte Theil der wissenschaftlichen Bemühungen wird aber dem Studium des Thierlebcns in den Tiefen gewidmet sein. Nicht auf dem Festlande, sondern im Meere ist das erste animalische Leben entstanden, und die Forschung findet hier ein dankbares Feld für ihre Thätigkeit. Rund eine"halbe Million Arten von Thieren be- Völkern— und zwar zum größten Theil in ungezählten Milliarden von Epemplarcn— die Tiefen, in ivelche nie ein Strahl des Sonnen- lichtes dringt und wo die empfindlichsten photographischen Platten trotz stundenlanger Exponirung auch nicht die leisesten Spuren einer Lichtcinwirkung zeigen. Die Summe dieser grötztenthcils nur niedere Formen aufweisenden Organisinen bezeichnet man nach Häckells Vorschlag mit dem seit einigen Jahren viel gebrauchten Ausdruck „Plankton". Wunderbarer Weise gedeihen diese zarten, meist durchsichtigen Lebewesen, welche auch für uns wirthschastlich wichtig sind als Er- nährcr der Fische, in Tiefen, wo ein Druck von Hunderten von Atmosphären herrscht, und bei Temperaturen, ivelche um den Gefrier- pnnkt des Süßwassers liegen. Fische, welche das Netz aus diesen Tiefen herausholt, sterben gewöhnlich, ehe sie an die Oberfläche kommen, weil ihre Lustblase sich unter dem geringeren Drucke der Obcrflächcschichten bis zum Platzen ausdehnt und dem Fische tödt- liche Verletzungen zufügt. Auch der Grundhai. ein Fisch von kom- paktestcm Körperbau, der in Tiefen von 600— 1000 Metern vorkommt, erreicht nie lebend die Oberfläche. Vielfach sind die Augen dieser Geschöpfe der Tiefe verkümmert. Andere dagegen haben normale oder unnatürlich große Augen, deren sie sich nach den Gesetzen der EntwickclungSIehre nicht erfreuen würden, wenn es nicht dort doch etwas zu sehen gäbe— nämlich das Licht, welches die meisten Fische und namentlich fast alle niedrigen Organismen selber ausstrahlen. Auch die meisten tische der Tiefscc besitzen zu beiden Seiten des Körpers und ani opfe Lcuchtorgane, und man müßte die Feder und Phantasie eines Jules Verne besitzen, um den wunderbaren Anblick zu schildern, den ein von diesen Diogcnessen der Tiefe bewohntes Stück des Meeresgrundes dem Auge bieten müßte. Zum Fange aller dieser Thicre sind zahlreiche Netze nothwendig, welche mit den gewöhn- lichcn Fischcrnetzen nur sehr geringe Achnlichkeit haben und an Drahtseilkabeln bis zur Tiefe von mehreren tausend Metern herab- gelassen werden können. Die Thierwelt der Meere um den Südpol herum weist eine augenfällige Achnlichkeit nnt jener der Nordpolnrmccre aus, während, wie das Beispiel Australiens und Ozeaniens beweist, die Thicre des Festlandes der südlichen Halbkugel von denjenigen unserer Länder meist grundverschieden sind. Man kann sich dies nur dadurch er- klären, daß man annimmt, daß noch heute in den größten Tiefen, in welchen die Temperatur der äquatorialen Meere nur ivenig höher ist als in den Polarmcercn, eine Wanderung und ein Austausch der Lebewesen von Pol zu Pol stattfindet.— _ Hans Körte. Vleittes Fiemllcktm. — d. Hofmusik. Ein Berliner Hof: Glatte, hellgetünchtc Mauern mit regelmäßig übereinander hin laufenden Fensterreihcn schließen ein Viereck ein. Nur an der Hinteren Seite ist ein Spalt, der unten auch noch durch kleine Schuppen abgeschlossen wird. Darüber hinweg geht der Blick in eine ganze' Reihe gleicher, von glatten, hellgetünchten Mauern umschlossener Höfe. Es ist Vormittag. Hoch oben wölbt sich der lichte, graublaue Himmel. Die Fenster find alle geöffnet. Doch klingt kein Laut, keine Stimme heraus. Es ist, wie wenn das Haus unbewohnt wäre. Nur an dem einen Küchenfcnster schnitzelt eine Frau grüne Bohnen. Von den anderen Höfen her dringt das schrille Surren einer Dampf- Maschine. Und von der Geschäftigkeit der Straßen und Fabriken zittert hier noch ein verworrenes Brausen. Ein altes Männchen drückt sich durch die große Thür, Ganz leise schleicht er über den Asphalt bis an den Holzklotz. Den stäubt er vorsichtig ab und setzt sich. Erst nimmt er die lappige Mütze ab und trocknet den Schweiß von dem kahlen Schädel und dem mit Haar überwucherten Gesicht. Dann sieht er an den Mauern hoch, forschend, abschätzend. Hm, hm; das kann heute, am Sonn- abend Vormittag, eine schlechte Sache werden. Bedächtig nimmt er einen schwarzen Packen hoch, den er neben sich gestellt hatte. Seine krummen, steifen Finger zittern; langsam schnüren sie den Packen auf. Vorsichtig wird die schwarze Hülle abgestreift. Etwas Buntes, Glitzerndes kommt heraus. Der Alte fingert daran herum--„Drunten im Unterland, da ist's halt fein!" Er singt mit dünner, müder Stimme zu den Tönen seiner Harmonika. An den Fenstern wird's jetzt lebendig. Uebcrall recken sich Köpfe heraus. Aus den Küchcnfenstcrn der Vorderwohnungen, eins über dem andern, die Dienstmädchen. Hinten Frauen und Kinder, nur mit dem Nöthigstcn bekleidet. Oben ein ganzes Bündel Mädchen- köpfe aus einer Nähstube. Unten beim Tischler, pfeift der Geselle: „Mein Herz, das ist ein Bienenhaus." Alle singen mit:„Ich bete an die Macht der Liebe." Man ist überall still und und lauscht an- dächtig. Nun fliegen auch die eingewickelten Honorare herunter. In der Nnhstübe wird gesammelt. Der Tischler wirft den letzten Groschen hinaus, heute ist ja Sonnabend! Die Musik macht allen das Herz leicht.... Der Alte giebt noch eine forsche PoUa zu. Die kleinen Mädels, die um ihn herumstehen— sie gehen noch nicht mal in die Schule— wiegen sich erst unwillkürlich im Takt. Dann mit einem Male wirbeln"die kleinen Dinger herum. Ihre Röckchen flattern. Klapp, Klapp! An der Teppichstauge sieht ein Hauptmanns- bursche und ein Dienstmädchen. Sie hämmern ärgerlich drauf los— die Gnädige hat sie hinuntergeschickt. Der Alte sieht sich betrübt um. Gegen den Lärm kann er nicht nnkänipfen. Langsam, behutsam zieht er"die Hülle über seinen Froh- sinnstvecker.-- Heber den großen Nildamm oberhalb Assu ans, der gegen- wärtig im Bau begriffen ist, brachte die„Egyptian Gazette" kürzlich einen Aufsatz. Der Damm, der nach seiner Vollendung eines der großartigsten Werke der heutigen Wasserbaukunst darstellen dürfte, ist dazu bestimmt, die abfließenden Wasser des Nils bis zu einer Höhe von 20 Metern aufzustauen, um so in Jahren einer un- zureichenden Nilschwellc dennoch die Bewässerung des Fruchtlands in Obercgypten zu ermöglichen. Das Werk wird eine Staukraft von nicht weniger als 1000 Millionen Kubikmetern besitzen. Ilm diesem ungeheuren Wasserdruck widerstehen zn können, wird der 1950 Meter lange Damm unmittelbar auf das feste Grauitbett des ersten Nilfalls ausgemauert. Zur Zurichtung der_ Felsblöcke allein werden 300 italienische Steinmetzen beschäftigt werden, während mehrere Tausend eingeborener Arbeiter zur Herbeischaffuug des Baumaterials verlvandt werden. Zu letzterm Zwecke wird außerdem noch eine Bahn auf der Ostseite des Flusses in Betrieb gesetzt. Die infolge der Aufstauung des Stromes zur Zeit der Nilschtvelle alljährlich unter Wasser zu setzenden Ländcreicn erstrecken sich über 200 Kilometer längs des Flusses. Sie sind gegenwärtig von einer Bevölkerung von etlva 11 000 Berbcrinern bewohnt. Indessen erleiden diese Leute durch die Ueberschwemmung ihrer bisherigen Wohnplätze keinerlei Schaden, da die egyptische Re- gierung ihnen auf Staatskosten neue Häuser erbaut. Es werden ihnen"im Gegcntheil aus der Errichtung des Dammes nur Vortheile entstehen, denn infolge der reichlichen Bewässerung>vird in Zukunft dort Mais oder sogar Baumivolle angebaut werdest können, während bisher die ganze Gegend nicht einmal im stände war, ihre geringe Einwohnerzahl zu ernähren.— Physikalisches. en. Röntgen- Strahlen und Sonnenlicht. Eine merkwürdige Theorie über die Natur des Sonnenlichts hat nach dem „Journal du Ciel" Woodward ausgesprochen. Dieser amerikanische Physiker glaubt nämlich durch Experimente nachgewiesen zu haben, daß die Lichtstrahlen der Sonne an sich überhaupt der Erde kein Licht geben könnten, weil sie durch den luftleeren Weltraum auS- gelöscht werden. Vielmehr soll das scgcnipcudende Licht auf der Erde dadurch entstehen, daß sich die von der Sonne ausgcsandten Röntgen'schen Strahlen durch den luftleeren Weltraum fortpflanzen und in der Erdatinosphäre in lichtgebendc Strahlen verwandeln. Diese Ansicht stützt Woodward auf folgendes Experiment: Er nahm eine Glaskugel, aus der er die Lust ausgepumpt hatte, und umklebte sie mit schwarzem Papier, in dem er nur zwei ein- ander gegenüberliegende kleine Oeffnnngen und eine dritte in der darauf senkrecht stehenden Richtung ließ. Wenn er nun durch die obere der ersten Oeffnungen einen Lichtstrahl fallen ließ und den- selben durch die letzte Oeffnung beobachtete, so sah er in der Glas- kugcl eine nur kaum wahrnehmbare Lichterschciuung, und er schloß daraus, daß das Licht eben in dem luftleeren Räume ausgelöscht worden war. Bekanntlich kann man die Luft aus einem Staume nicht vollständig beseitigen i wäre dies möglich, so hätte nach der Ansicht von Woodward in der Kugel überhaupt gar kein Licht wahr- nehinbar sein müssen. Ein Lichtstrahl in der Röntgen- Röhre da- gegen bleibt in der luftleere» Kugel vollkonrmen sichtbar.— Astronomisches. ie. Wieder eine neue Th eilung der Saturn- ringe ist nach einem Telegramm an die„Astronomischen Nach- richten" von Dr. Wonaszek in Ungarn lKis-Kartal) entdeckt worden. Am 4. August bemerkte der Astronom mit einer 4Ö0— AXkfachen Vergrößerung auf dem ärißeren Ringe dcS Saturns eine neue Th eilung. Bon außen gerechnet wäre dieselbe die erste, dmm folgt die berühmte Enrke'sche Theilung, dann die von Brenner kurzlich cirtdeckte und endlich die Cassini'sche Theilung. Wonaszek beobachtete die neue Trennung am 4., 6. und 8. August wiederholt. Außerdem bemerkte Wonaszek einen etwas konkav nach außen gckrihninten Schatten auf sämmtiichen Ringen. Der Leiter der Sternwarte in Kiel, Profcstor Kreutz, macht darauf aufmerksam, daß sich auch die neue Trennung der Saturnringe auf früheren Zeichnmigen wieder- stirden dürfte.— Meteorologisches. — Tornados. Vor kurzem ist in dem Bericht des Wetter- burcaus der Vereinigten Staaten eine Untersuchuirg von Alfred Henry über die nordamerikanischen Tornados in den Jahren 1839 bis 1896 erschienen, dem die„Köln. Ztg." folgendes eutninmlt: Die heftigsten Tornados waren voni 15. Juni 1892 und 2. Mai 1893. Bei dem letztern betrug die Breite des Sturmpfades l1,» bis 3 Kilometer. Alles wurde von dem Wirbel Hinweggefegt. Selbst der Graswuchs sah aus, als wenn ein Wasserstrom darüber hinweg- gegangen wäre; im Zentrum blieb absolut nichts aufrecht. In de» Wintermonaten treten Tomados blos in den Golfstaaten auf. Mit der zunehmenden Erwürumng dcr Thälcr in der Ebene des Innern»verde» sie auch im Norden hälifiger bis zum Monat Juni. Ivo wir die größte Häufigkeit in Nebraska, Siid-Dakota, Iowa, Minnesota vorfinden. Die Richtung der Fortbewegung war in der großen Mehrzahl der tälle gegen Nordost gerichtet; eS besteht eine Neigung der Tomados, ch in parallelen Richtungen zu bewegen. Das Aussehen der Tvmado- wolle variirt einigermaßen nach der Oertlichkeit und wahrscheinlich mit dem Feuchtigkeitsgehalt der Luft. In dm Dakotas, Slebmska. Kansas und Oklahmna kann man den Wolkenschlauch meilenweit über die Prairicn dahinziehen sehen, er ist scharf begrenzt und von deutlicher Fomr med zeigt in der Nähe die Eigenschaften eines ausgebildeten Wirbelwindes. In den Golfstaatm und den feuchten Gegenden der atlantischen Küste tritt die Schlauchivolke nicht so gut definirt mif, und sie kann sogar bei heftigen Tomados fehlen. Blasius, der das Auftreten der Tomados in Nordamerika aufmerksam stndirt hat, fand, daß die Zerstömngsbahn derselben scharf begrenzt längliche Streifen bildet, deren Länge 32 Kilometer nicht überschreitet, während die Breite nur gering ist. Auf diesem schmalen Raum richtet der Tomado in wenig Minuten eine Zerstörung an, die jeder Beschreibung spottet; nicht selten gehen hiiuderte von Menschenleben dabei zu gründe. Der Tomado, der am 27. Mai 1896 St. Louis heimsuchte, verursachte de» Tod von 306 Personen und zerstörte Werthe im Gesaimntbetrage von 5V Millionen Mark. Sehr merkwürdig ist, daß die Zerstörungen durch den Tornado örtlich überaus ungleich sind, neben Stellen, wo alles zertrümmert wurde, finden sich auch solche, die keine Beschädigung erlitten. Die genaue Untersuchung führt zu der Annahme, daß die zerstörende» Windstöße sprungweise auS der Höhe auf die Erdoberfläche herab- komnren und nach kurzer Bahn wieder anffteige». Gewitter finden häufig oder beinahe immer zugleich mit Tornados stakt, auch wird in zwei Drittel aller Fülle heftiger Hagelschlag gemeldet. Tornados treten gesellig auf, derart, daß an demselben Tage sich mehrere in gegenseitigen Entfermmgen von einigen Meilen in gleicher Richtung bewegen. Hann erwähnt, daß am Morgen des 9. Februar 1834 nach 10 Uhr in acht Staaten der Nordamerika- Nischen Union nicht weniger als 60 Tornados a»istraten, durch welche 800 Personen getödtet und 2500 verwundet wurden. Die Tornados bilden sich in sehr warmer, feuchter, ruhiger Luft, wenn die untersten Luftschichten ähnlich so stark erwärnit sind, daß sie trotz des auf ihnen lastenden Lustdmcks doch spezifisch leichter. werden, als die über ihnen lagernden Schichten. Dann genügt eine geringe Störung des Gleichgewichts, um die Luft in heftigem Auftrieb emporzureißen. Dieser unstetige Gleichgewichts- zustand der Luft stellt sich aber häufiger in den Wolkenregionen als am Erdboden ein. Von allen Seiten stürzt dann die Luft gegen die Stelle des Austriebes, wobei sie in Rotationsbelvegung gcräth. Es geht hierbei ähnlich zu wie in einem Wasserbehälter mit einem Loch in der Mitte des Bodens. Nur bei größter Ruhe fließt diesem das Wasser allseitig direkt zu, während die geringste Drehbewegung zu Anfang hinreicht, das Wasser allmälig in heftige Wcrbelvcwcgung zu versetzen. Im Zentmm der Tornados ist, veranlaßt durch das reißende Aufsteigen der Luft, der Zug nach oben so stark, daß sell'st schwere Gegenstände fortgeführt werden, bisweilen meilenweit in der Höhe, ehe sie zu Boden fallen. Dem raschen Auffteigen von Luft im Zentrum entspricht ein Herabsinken kalter Luft außerhalb des- selben, wodurch selbst mitten im Sommer der Wasserdampf zu Schnee und Eis gefriert. Unter Umständen können die so ent- staudenen Hagelkörner von dem nach dem Zentrum stattfindenden Zuge wieder in die Höhe gerissen werde» und oben so lange schweben, bis sie sehr ungewöhnliche Größen erreichen. Infolge der raschen Rotation der Lust nahe dem Zentrum eines Tornados muß dort ein überaus luftverdünitter Raum entstehen. Sobald daher der zentrale Theil eines Tornados über ein Gebäude hinwegzieht, wird der äußere Druck plötzlich zum größten Theil entfernt, von innen aber wirkt der Lustdruck momentan mit einer Kraft von beinahe 10 000 Kilogramm auf den Quadratmeter und ruft dadurch explosions- artige Zerstörungen hervor. Diesem von innen nach außen wirken- den Luftdruck ist es auch zuzilschreiben, daß ganze Dächer abgedeckt und weggerissen werde», was ein horizontal angreifender Wind nicht zustande brächte.— Humoristisches. — Allerlei Volkshumor liest man aus dem eben erschienenen Heft des deutsch-schweizerischen Wörter- b u ch s heraus: Zunächst wird der weitverbreiteten Narreusippe Aufmerksamkeit geschenkt. Da erfahren wir, daß in den Kantonen Appenzell, St. Gallen und Thnrgau neben dem männlichen Rarren eine R u r r oder N o r r anstritt, die einer ganz gewöhnlichen Närrin entspricht. Von einem Ehepaar sagt man: Er ist en Narr und st e Rorr. D'Norren ond d'Narre sönd z'tür, wie me s' chaust. (Mit Narren ist nichts anzufangend Folgende Zusammensetzungen mit„naß" mögen zeigen, auf wie viele Arten man im gesegneten Schweizerklima naß werden kann: flädcrnaß, flätsch- und stotschnaß. drecknaß. trops-mus-erdenaß, bachnaß. kropf-budel-bachuaß. badenaß(so- naß, wie wenn man aus einem Bade käme), pfütznaß, verstärkt: traus-drcck-sigennß, tropfet-selignaß, specknaß-schmuyigiiaß und so fort. Spöttische Bezeichnungen der Rase sind: Erggel, Löschhorn, Chämi, Schueh- Leist, Zolggen, Zinggen u. a. Von einem Menschen mit sehr großer Rase heißt es: Er heb e Nase, es gönd im Land chlineri Chmd go bettle. Um auszudrücken, daß sich einer in jedes auch nur halbwegs hübsche Gesicht ver- gafft, sagt der Bern«: Es g'fällt im en jedcri, wenn sie nume d' Nasen ob-em Mnl hrt. GoUhelf schreibt: Wart die Täscke (Scheltwort cnif eine Frauensperson) nun«, bis Steffes Alte d'Aase migere het!(die Rai« unter den Rasen steckt, d. h. gestorben ist). E chlei für d'Rase use g'seh bedeutet: etwas weiter blicken als bloß auf das allernächste. Aus dem Aargau stammt die Redensart: Du bisch au vo dem Adel, wo d'Nasc ani Ermel abwäscht. Schnüz d'Nasc, daß d'besier g'schii! Gottheit sagt: Wohl, dem hani du d'Rase gw'üscht(derb abfertigen); er ist ftoh g'fi z'schwige. Dachast iez c Rase voll»e,(eine gefallene anzügliche Bemerkung einstecken). Er hat der Ate i der Nase heißt: der Tod ist ihm nahe, er ist auf dem äußersten. Ein jedere hat der Ate i der Nase bedeutet: wir alle sind sterblich.— Vermischtes vom Tage. — In Colberg fand am Sonntag früh eine furchtbare Explosion in einem Droguengeschüst statt. Ein Plann und ein Knabe wurden getödtet. Eine Frau, die während des entstandenen Feuers aus dem Fenster sprang, wurde verletzt, ebenso ein vorüber- gehendes Kind. Verletzt sind im ganzen nenn Personen.— — Ein elfjähriger Knabe aus Karth auS ertrank beim Baden im Pollenschiner See.' Sein Großvater»vollte ihn retten, fand jedoch ebenfalls seinen Tod im Wasser.— — Ein neuer Leprafall ist in Wittanten ermittelt worden. Eine 47 Jahre alte Frau ist schon vor 19 Jahren von einem Leprösen angesteckt worden.— — Nene Petrokeumqn eilen sind bei V v s a n e z(Genf) und am Tegernsee entdeckt und crbohrt lvorden.— — Bei einem Aufstieg zu den Denis de Beisivi(Evolöne- Thal) stürzten ein Engländer, sein Sohn und zwei Töchter in den Abgrund. Sie waren ohne Führer aufgestiegen.— — Fast sämmtliche Bewohner des kleinen Ortes LaJaillere in der Bcndöe erkrankten nach dem Genüsse von schlechten Krebse n. Vierzig Personen sind noch stank, mehrere sind bereits gestorben.— — In einer großen Menagerie in Liverpool brach im Löwenzwinger F e u c r aus. Eine Anzahl der werthvollsten Thiers verbrannte. Die großen Siaubthicre gericthen in furchtbare Wuth. als die Flammen rings um sie her einschlugen. Aber die Käfige waren zu stark, als daß sie sie zu durchbrechen vermochten.— — Auf der Hochzeitsreise in Italien stürzte die Frau eines jungen Franzosen vom Fclscnweg bei P o s i t a n o ab und war sofort todt. Man beschuldigte den jungen Mann, seine Frau hinabgcswßcn zu haben, im» eine Versicherungssumme von 250 000 Franks zu erheben. Jetzt hat er sich in einem Pariser Restaurant erschossen. In Briefen erklärte er. er sei unschuldig und bringe sich um, um den Verdächtigungen- zu entgehen.— — Bei dem letzten S t i e r g e f e ch t in Madrid tödtete zum ersten Mal ein weiblicher T o r r e r o drei Stiere unter unbeschreiblichem Enthusiasmus der Zuschauer.— ss Ein Kabel durch den Stillen Ozean wird von den Vereinigten Staaten gelegt werden. Es soll von San Franzisco über die Hawai-Jiffeln nach den Philippinen gehen und in einem halben Jahr vollendet sein. Aus 40 Millionen Mark sind die Kosten berechnet.—___ Verantwortlicher Redakteur: August Jaeobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.