Hlnterhaltuttgsblatt des vorwärts Nr. 170. Mittwoch, den 31. August. 1898 (Nachdruck verboten.) Um die Feriheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichs l. „Ich wüßte keinen, der sich ihm dergleichen könnte," ant- wortete Sabine, indem sie ein wenig roth wurde.„Der muß jedem Mädchen gefallen. Welch' stolz gebietende Mannheit!" Sinnend schaute sie in die Weite und bemerkte nicht, daß Gabriele sie mit fast drohenden Augen beobachtete.„Du bist närrisch geworden," sagte Gabriele kalt. Unterdessen waren die Abgesandten der Bauernschaft vor Räthe und Ausschuß getreten, welche in dem großen läng- lichen Saale versammelt waren, in dem vor noch nicht drei Wochen die neugewähltcn Körperschaften den Amtseid geleistet hatten. Die Rathsherren trugen alle die lange schwarze Amtsrobe und das flache schwarze Barett. Georg Bermeter, der Bürgernieister, nahm den erhöhten Steinsitz ein; auf den um eine Stufe niedrigeren Schöffenbänken zu beiden Seiten hatten die dreizehn Mitglieder des Inneren Rathes Platz genommen; vor den steinernen Schranken auf eichenen Bänken an den Wänden entlang rechts der Aeußere Rath, links der Ausschuß. Für die Gesandten standen innerhalb der Schranken Stühle uiit hohen Lehnen bereit. Florian Geyer begrüßte die Versammlung mit ritterlichem Anstände und begann von der Bedeutung des zu schließenden Bündnisses zu reden. Er sprach schlicht und klar, aber mit großem Ernst und Nachdruck. „Als Freunde und christliche liebe Brüder vereinigen wir uns," so sprach er.„um einen Vertrag, der vor allen Dingen dahin sich erstreckt, daß das göttliche Wort, das heilige Evangelium, frei, lauter, klar, ohne menschlichen Zusatz ge- predigt und erhalten werde. Es darf nicht gestattet werden, daß feine Feinde dasselbe fernerhin unterdrücken; denn nur so wird auch der einfältige Mann zur rechten Erkennwiß desselben kommen. Der arine, gemeine Mann ist aber seit langer Zeit mit ungewöhnlichen, unziemlichen Diensten, Frohnen, Lasten und Beschwerden überhäuft worden, wie Ihr am besten wissen werdet. Damit aber auch der Anne sein Brot erwerbe und nicht an den Bettelstab gewiesen werde, so ist es der Wille unserer Bruderschaft, daß bis zum Ausgang der Sachen denselben niemand zu bedrängen wage. Nicht Zins, Gült, Rente, Handlohn, Hauptrecht, Zehenter oder der- gleichen werde gegeben bis zur Refornration durch das Evangelium. Was dieses umstößt, soll umgestoßen bleiben, was dieses aufrichtet, soll aufgerichtet bleiben. Wir haben dieses wohlüberlegt beschlossen, damit die Sache desto eher zum Austrag kommen möchte." Da rauschte es auf durch den Saal; auf den Bänken des Ausschusses ertönte Beifall, auf denen der Räthe Seufzen, Murren, Widerspruch. Florian Geyer erhob seine Stimme und erklärte, daß es keinesweges die Absicht der Bauernschaft sei, die Bürden des Volkes ganz aufzuheben; es sollten vielmehr in jeder Stadt Rath, Ausschuß und Ge- ineinde über das, was zur Erhaltung der Stadt nothwendig sei, sich verständigen und so viel als Steuer festsetzen. Auch wolle die Bruderschaft nicht, daß die Obrigkeit einer Stadt ihres Amtes, das sie bisher mit dem Willen der Gemeinde ausübte, entsetzt werde. Es solle ihr vielmehr gehorsamt werden und wer dawider handle und sich empöre, der werde nach Erkenntniß der Hauptleute des hellen Haufens scharf gestraft werden. Wenn aber eine ganze Gemeinde gegen ihren Rath Aufruhr erhöbe, so werde ihm die Hilfe der verbündeten Bauernschaft nicht mangeln. Er schloß:„Die Güter der Geistlichen dürfen nicht muth- willig zerstört werden, sondern man soll einige redliche Männer verordnen, die sie unter der Aufsicht des Rathes und der Genreinde einziehen und verwahren, so Vortheilhast wie es nur sein kann, und zwar zum Nutzen der ganzen Bruder- schast. Doch bedenket aber, daß auch die Geistlichen Christen- menschen sind. Es ist unrecht, sie mit schnöden Worten und unbilligen Handlungen zu kränken. Ihr dürfet sie nicht ganz an den Bettelstab weisen, sondern so viel müsiet Ihr ihnen zutheilen, als zur Leibesnahrung gehört." Bürgermeister und Räthe staken in einer argen Klemme. Da sie kein Handwerk betrieben, sondern auf ihre Einkünfte aus ihren Gütern angewiesen waren, wovon sollten sie leben, wenn keine Gülten, Zehnten und Rentenbriefe mehr bezahlt würden? Gegen das Bündniß mit dem fränkischen Heere sich zu wehren, fühlten sie sich zu ohnmächtig. Wohin sie auch die Blicke wendeten, es schaute nur das eine Gute aus der Bruderschaft heraus, daß dieselbe, wie Florian Geyer versprochen hatte, Menzingen und dessen Partei hindern würde, ihre Macht umzustürzen. Vor dem Schwäbischen Bunde, dessen Mitglied die Stadt war, konnte man sich wohl durch den Zwang der Nothwendigkeit rechtfertigen. Der Schultheiß Pezold kam ihnen zu Hilfe: Es stehe nicht in der Macht der Gesandten, den Artikel über die einstweilige Aufhebung der Zehnten und Zinsen zu ver- ändern, erklärte er und bat sie, ihn nicht zu schwer zu nehmen. „Denn es läßt sich voraussehen," fuhr er fort,„daß die Sache bald verglichen wird. Nicht deswegen haben wir den Auf- rühr begonnen, daß gar keine Gült oder Rcnt mehr gegeben werde, sondern daß nian sich nach der Billigkeit darüber ver- gleiche. Alles zu verweigern, wäre nicht christlich. Wir er- suchen Euch, drei oder vier aus Eurer Mitte zu uns zu senden. damit sie in unserem Rath eine Stimme haben. Das würde Eure Sachen fördern. Sollte sich der Krieg in die Länge ziehen, so werden die Hauptleute und Räthe ein Mittel finden, die harte Sache zu mlldern. Auch andere Herrschaften und Herren vom Adel, denen es sehr beschwerlich war, haben sich gefügt. Wenn wir eigen- mächtig etwas ändern, so würde man uns bei der Rückkehr im Lager die Köpfe abhauen." Einen letzten Trost gewährte er ihnen durch die Bethcucnmg, daß sie mit dem wegen der Weinsberger That gesürchteten Haufen der Odeuwälder und Neckarthaler nur so weit verbündet würden, als sie, die Franken, es wären. Darauf ergaben sich Bürgenneister und Rath schweren Herzens und nahmen sammt dem Ausschüsse durch Abstimmung die Artikel der Bauernschaft an. Auch die beiden Geschütze nebst Stücknieister und allem Zubehör, welche die Gesandten verlangten. wurden bewilligt. Zum Schlüsse beantragte Florian Geyer, einen Tag anzuberaumen, an dem Rath, Ausschuß und Gemeinde die Pflicht der Bruderschaft den Verbündeten Bauern schwören und dagegen die Gesandten in deren Namen den Eid der Treue ablegen sollten. Es wurde dazu der nächste Morgen angesetzt. Die Wahl der städtischen Vertreter ging nicht glatt von statten. Denn in der Befürchtung, als Sündenbock dienen zu müssen, wenn die Sache schief ging, wollte keiner die Wahl annehmen. Der eine entschuldigte sich mit der nahen Niederkunst seines Weibes, ein anderer, weil er als Jung- geselle zu solchen Dingen nichts nütze sei. Die Anhänger der alten Partei erklärten, daß sie sich lieber in den tiefsten Thurm werfen lassen wollten. Stephan von Menzingen lehnte die Wahl ab, weil er argwöhnte, daß man ihn auf diese Weise aus der Stadt entfernen wollte, was er allerdings nicht verlautbarte. Nur der Altbürgermeister Ehrenfried Kumps, stets um das Wohl seiner Vaterstadt redlich bemüht, nahm die Wahl an, obwohl auch seine Gattin ihrer Entbindung demnächst entgegensah. Er verlangte jedoch ausdrücklich einen Gefährten vom Rath, und so wurde ihm der junge Spelt beigegeben. Man ließ es bei diesen beiden Vertretern der Stadt sein Bewenden haben. Georg Bermeter befahl jetzt, die Boten der Land- gemeinden, die schon lange auf dem Flur warteten, in den Saal zu rufen. Es waren durchweg ältere und schon bejahrte Männer, unter ihnen der Dorfmeister Wendel Haim und Jörg Buchwalder aus Ottenhofen. Die Jugend war bei den Fahnen. Florian Geyer stieg auf eine Bank und, wie vorhin zu den Bürgern, so sprach er jetzt, nur noch verständlicher und eindringlicher, zu den Bauern, nachdem er ihnen den Bund mit der Stadt angezeigt hatte, von den einzelnen Be- dingungen des Vertrages und ermahnte sie, dem zu gehorchen, was Rath und Gemeinde zur Handhabung des Rechts, de» Friedens und des allgemeinen Besten beschließen würde. Er rieth ihnen, in allen Dörfern und Weilern Hauptleute zur Auftechterhaltung der Ruhe zu wählen und empfahl ihnen, durch die Flurer streng Acht geben zu lassen, daß an Aecker», Wiesen, Weiden und Wäldern kein Schaden geschähe. — 6 Die Bauern hörten mit gespannten Blicken in lautloser Stille zu, und war aus ihren Mienen nicht zu entnehmen, welchen Eindruck die Rede auf sie machte. Sie blieben auch stumm, nachdem Herr Florian von der Bank gestiegen war. Als nun der Bürgermeister sie aufforderte, sich zu äußern, wenn sie etwas zu bemerken hätten, da richteten sich wie auf Verabredung alle Augen auf Jörg Buchwalder, welcher der älteste von ihnen war. Dieser räusperte sich, strich sich langsam rückwärts über das graue Haar und sagte, seine etwas ge- beugte Gestalt aufrichtend:„Ehrsame, günstige, liebe Herren! Es ist halt so, daß uns der Bund mit unseren fränkischen Brüdern recht anstehet. Und wir getrösten uns, daß sie und unsere eigenen Brüder und Söhne die Wehr, zu der sie um unser aller großen Roth willen gegriffen haben, nit eher aus der Hand legen werden, als bis alles zwischen uns und den Herren ist geschlichtet und geordnet nach der Gerechtigkeit." Dazu nickten die anderen ernst und bedächtig und Georg von Bermeter entließ sie mit deni Gebot, am anderen Morgen 500 bis 600 Mann in Harnisch und Wehr zu Gattenhofen an der Straße nach Würzburg zu stellen, um die Geschütze der Stadt zu geleiten. Ungeschickt vorsichtig auftretend, wie sie in den Saal gc- komnicn waren, entfernten sie sich. Sebastian Raab und der lange Lienhart folgten ihnen, um ihren Bekannten die Hand zu drücken. Vor dem Rathhause trafen sie mit Buchwalder und Wendel Haim zusammen, auf den Kaspar Etschlich ge- wartet hatte. Hans Kretzer kam dazu und lud sie alle zu einem Trunk in seinen Rothen Hahnen ein. Die beiden Bauern entschuldigten sich, sie müßten ohne Verzug nach Hause, um die Geleitsmannschaft für die Geschütze zu be- stimmen. Kaspar, dem der lange Lienhart fast den Arm aus dem Gelenk schüttelte, horchte hoch auf. Er wollte Haim nach Ohrenbach begleiten und lehnte den Trunk deshalb ebenfalls ab.„Nix da," widersprach der lange Lienhart.„Solch Un- kräutlein wie Du muß rechtschaffen begossen werden, damit es einen ordentlichen Wachsthum kriegt." Kaspar maß ihn mit blinzelnden Augen von Kopf bis Fuß und versetzte trocken:„Man merkt's an Dir, daß es hilft." „Gott erhalte Dir Dein verhauenes Maul, Brüderlein," lachte der riesige Kriegsgesclle und faßte Kaspar unter den Arm, um ihn mit sich zu ziehen. Der Tuchscheerer aber sträubte sich. Der andere ließ ihn fahren, indem er mit einem schlauen Gesicht rief:„Ist das ein Kerl! Es brennt und er will nit löschen.— Nu, dann grüß' dem Simon seine Leut' von ihm; seine Haut ist halt noch so heil, wie er sie von Haus mitgebracht hat. Und dem Maidelin sag', daß uns diesmal der Rosenberg nit auswischen soll. Wir haben ihn fest auf dem Marienberg." „Aber Ihr habet den Marienberg nit," spottete Kaspar und entfernte sich mit Wendel Haim, wandte sich jedoch noch einmal um und rief:„Ich seh' Dich noch ehender, als Du abreitest." Ja, daS Feuer brannte immer noch in seinem Herzen. Allein wohl that es ihm nicht. So oft er auch Sonntags nach Ohrenbach gewandert war, so hatte er doch bisher aus dem Verhalten seiner hübschen Base kein Wahrzeichen zu er- spähen vermocht, daß sie ihm anders als schwesterlich zu- gethan sei. Sie hatte ihn gern, wie auch der Oheim, die Bäuerin und ihre Kinder über seine Besuche sich fteuten. Er war ja immer so lustig— um seine unerwiderte Liebe zu verbergen. Nachgerade begann er sich wie unsinnig vorzukommen, daß er imnier wieder nach Ohrcnbach lief, wo seiner nichts als Schmerzen warteten. Er wollte ein Ende machen, zumal Käthe weder seines, noch überhaupt eines Schutzes mehr bedurfte, weshalb auch ihr Brudes Andreas auf seine Pfarre zurückgekehrt war und nur noch dann und wann zu einer Predigt nach Ohrenbach kam. Im äußersten Nothsalle wäre ihr Konz Hart schneller zur Hand gewesen als er. Denn Konz Hart war nach Abzug der Rothenburger Mannen in Ohrenbach zurückgeblieben und Käthe hatte ihn in Dienst genommen. Mit seiner und Friedel's Arbeit ging die Landwirthschaft unter ihrer festen und umsichtigen Leitung so ruhig weiter, als ob ihr Bruder Simon nicht abwesend ge- Wesen wäre. Sic hatte überhaupt schon längst nichts mehr für ihre Sicherheit zu befürchten. Der Schultheiß von Endsee hatte bei dem allgemeinen Aufstand Bedenken getragen, die Verlegenheiten des Ruthes zu vermehren, indem er nach Käthe greifen ließ. Aus demselben Grunde hatte er es auch in der Angelegenheit des Pfarrers Bockel bei einem Ivirkungslosen Mandat an die Gemeinde, den 8— Vertriebenen wieder aufzunehmen, bewenden lassen. Auf- geschoben war ja nicht aufgehoben. Das war ihm freilich nicht in den Sinn gekommen, daß ihm ein gleiches wie dem Pfarrer geschehen könnte. Als Kaspar aus seiner Grübelei, in der er neben dem Dorfmeister herging, einen Blick auf das Schloß richtete, das sonst ein so schmuckes Wahrzeichen der Landschaft gewesen war, sah er nur noch rauchgeschwärzte Ruinen den Wald überragen. Die Marodebrüder von der Tauber hatten nach ihrer Entfernung aus RothenburgmitFeuer und Schwert an das Schloß von Endsee gepocht und es verwüstet wie später Giebelstadt. Dem Schultheiß Wernizer hatten sie fteien Abzug nach Rothen- bürg gewährt, wo er schon vorher dem Pfarrer Bockel durch seine Vernnttelung die gerade erledigte Kaplanstelle an der Marienkapelle auf dem Kapellenplatz verschafft hatte. Der ehrwürdige Herr hatte dort nichts weiter zu thun, als täglich eine Frühmesse vor den 12 bis 14 Pilgrimen und armen Leuten zu lesen, welche in dem mit der Kapelle verbundenen Seelhaus drei Tage lang frei Obdach, Holz, Salz und Licht erhielten. Apollonia war zu ihrem Kinde nach Reichardtsrode gezogen. Als Kaspar mit Wendel Haim in Ohrcnbach ankam, hatte er sich zu einem festen Entschluß durchgegrübelt. Es sollte dieses sein letzter Martergang sein. Er bestellte dem alten Neuffer, der mit Nachbarn auf der Bank unter der Linde saß, nur flüchtig den ihm durch den langen Lienhart aufgetragenen Gruß Simon's und ging nach dem Gehöft, es Wendel Haim überlassend, das Bündniß mit dem Fränkischen Heere und was damit zusammenhing, ausführlich zu berichten. Der kleine Martin und sein Schwesterlein, die auf dem Dorsplatze spielten, kamen mit lachenden Gesichtern zu Kaspar herangchüpft. Er tätschelte sie, nahm das Mädel auf den Ann, das Büblein an die Hand und trat mit ihnen scherzend auf dem Hofe in die große Stube.„Na, grüß Gott, da bin ich halt wieder einmal," rief er heiter den beiden Schwägerinnen zu und gab leder eine Hand, nachdem er die kleine Ursel auf die Füßchen gestellt hatte. Er merkte es beiden an, daß er sie aus stillem Nachhängen ihrer Gedanken, dem sie sich in der Ruhe des Sonntag-Nachmittags überlassen, aufgestört hatte. Worüber Käthe gesonnen hatte, verrieth ihm chr noch wehmüthig ver- schlcierter Blick. Sie hatte ja auch nur die Sonntagsruhe, um an etwas anderes als die Wirihschaft, um an Hans Lautner denken zu können. „Es ist gescheidt, daß Du gekommen bist; was schaffst?" äußerte die auf der Ofenbank sitzende Bäuerin in ihrem etwas singenden Ton. Ihr Gesicht war noch schmäler und sorgenvoller geworden als es früher gewesen war. „Gutes!" antwortete Kaspar mit einer zu starken Fröhlich- keit.„Der Simon läßt grüßen, und hat er bisher nit ein- mal einen Ritz weggekriegt." Die Nachricht belebte beide.„Gott sei Lob und Dank," rief Frau Ursel aus voller Brust, zog die Kinder zu sich heran und sagte ihnen, daß der Vater sie grüßen lasse.„Kommt er denn bald heim und bringt nur was mit?" fragte der Knabe. Käthe lud ihren Vetter ein, sich zu ihr auf die Fenster- bank zu setzen und zu erzählen. Er berichtete denn auch, wie er dem langen Lienhart in Rothenburg begegnet sei und was diesen dort hingeführt hätte.(Fortsetzung folgt.) Von jetpaniMev Die niedrige Lebenshaltung des japanischen Volkes macht das europäische Haus in Japan unmöglich. Ueberdies ist das japanische Wohnungsgebäudc bedingt durch das häufige Auftreten heftiger Erd- beben. Mit dem Hanse aber ist die japaichche Kunst gegeben. Das Haus ist die Mutter der japanischen Kunst, der Malerei. Das japanische Haus ist ein niedriges Gebäude von ein bis zwei Stockwerken aus leichtem Rahmwerk ohne Fundament und mit schwerem Dach, das von hölzernen, auf unbehauenen Steinen ruhenden Pfosten gestützt wird. Die Hauptträgcr desselben sind starke, sorgfältig an einander gefügte Balken. Das Dach liegt stumpf- winkelig auf, greift in der Regel weit über, ist bei Wohnhäusern einfach und flach, bei Tempeln und alten Burgen gegen den Rand meist wie bei chinesischen Pagoden nach oben geschweift, in den Dörfern noch meist mit Stroh, in den Städten mit Schindeln oder Ziegeln bedeckt. Das Hanptbaumaterial liefern verschiedene Kiefern und Tannen, für bessere Häuser die Kryptomerien. Parallel zu der in Abständen von etwa zwei Metern errichteten Reihe von Pfosten. auf denen das Dach ruht, läuft innen eine zweite Reihe. Der Ab- stand zwischen beiden ist für die Veranda bestinimt. *) Aus der Wiener Wochenschrift„Die Zeit", Das japanische Zimm� erhNt seinen Charakter von den Tatami jBmsenmatten), mit denen die geo jgiten Böden bedeckt sind. Man unterscheidet Zimmer von 4, 6, 8,.iq, 12 je. Matten, deren jede ein Rechteck von 1 Meter Länge und-Sdroitc darstellt. Sie find mit Strohgeflccht oder grobem Zeug gepolstert und an den Rändern mit Zeugstreifen eingefaßt. Die Zinnnerhöhe beträgt durchschnittlich 2l/a bis 3 Meter. Die einzelnen Zimmer sind von einander durch verschieb- und entfernbare Wände getrennt. Es sind dies Rahmen oder Schieber von der Größe der'Tatami, beiderseits mit starkem Tapetenpapier, in reichen Häusern auch mit Goldpapier überzogen; sie laufen zwischen cannelirten Balken. Der zwei bis vier Fuß breite Abstand zwischen dem oberen Querbalken, welcher eine solche Schiebewand begrenzt, und der Decke ist ent- weder geschlossen und blau, rosafarben oder weiß übertiincht oder mit einem künstlerisch durchbrochenen, feinen Holzwerk verschen. Schöne, zusammenlegbare spanische Wände gewähren eine weitere Abtheilung der Zimmer. Unsere Fenster werden durch die Shüji vertreten. Auch dies sind Schieber, welche jedoch durch feingehobelte Holzstäbe der Länge und Breite nach in ein Netz von Rechtecken verwandelt werden. Ueber diese wird von außen stark durch- scheinendes Papier geklebt. Die besten Zimmer befinden sich inimer auf der Rückseite des Hauses, wo man von der Veranda hinunter in den kleinen Garten tritt. Die vielen Wasserkünste, die kleinen Weiher mit Goldfischen, Karpfen, Schildkröten, die Wasser- decken mit Salamandern, die kleinen Brückchen und Stege über dem Wasser, Felsgruppen mit Zwergbäumcn und Sträuchern, die wunder- lich gezogenen Kiefern, Steinlaternen, kleine Fächerpalmcn und Blumen, Japans Blumen: diese kleinen, bizarren, zierlichen Gärtchcn sprechen von einem feinen Raffinement einer alten Gartenkunst. Von seiner Veranda schaut der Japaner, auf den Knien und Fersen ruhend, in seinen Niwa, seinen Blumengarten. Drinnen imZinuner hat er keine Möbel. Er braucht nur sein bronzenes Fcuerbecken, das Hibachi, sein Rauchtischchen, das Tabakomon, und ein schemel- hohes Lacktischchen. Gewöhnlich nur in einem, dem feinsten Zimmer, das eine gemauerte Wand hat, ist der japanische Schmuck zu finden. Diese feste Wand ist eine Art Receß. Die eine Wandhälfte bildet einen Erker, den kleine Schränke mit Schiebethüren und schwarzlackirte Kasten zur Aufnahme des Bettzeuges füllen. Von der anderen Hälfte(Tokonoma genannt) ist der Boden des Zimmers um 6 bis 10 Zentimeter Höhe und auf 60 bis 80 Zenti- meter Breite erhöht und trägt nieist zwei Vasen mit blühenden Zweigen. Zwischen beiden Vasen pflegte früher das Schwcrtrepositorium zu stehen. Die dahinter befindliche Wand ist mit einem Kakemono sHängebild) geziert; das ist gewöhnlich ein Tuschbild oder ein aus einem langen Rechteck aus weißer Tapete oder Seide gemalter Spruch eines chinesischen Weisen. Die Tuschzeichnung ist die populärste Art der japanischen Malerei, die sich gleich der chinesischen ans der Kalligraphie ent- wickelt hat. Die Zeichen der beiden Schriftarten, des Hirakana und des Katakana, werden mit Tusche bemalt. Der Pinsel ist dem Japaner vertraut; er erkennt sichere und elegante Pinselführung und bringt seinen Tusch- und Aquarellmalern großes Verständniß entgegen. Nur ein europäisches Oelgcmälde liebt er nicht, lind es wird einem leicht, diese Antipathie zu begreifen. In diesen leichten, fast schwebenden und sehr zarten Zimmern würde das Oelbild mit seinem Nahmen nicht wirken. Das Oelbild weckt im Japaner kein Empfinden, weil er vor staunenden Fragen nach der ungc- wohnten Technik garnicht zur einfachen Bildillusion kommt und dem Bilde auch keine„ästhetischen Hilfen" entgegenbringt, die der Maler braucht, wie der Priester die Frömmigkeit seiner Gemeinde. Das Oelgemälde ist dem Japaner auch zu seßhaft. Man bringt es so leicht nicht wieder weg, wenn es einmal in seinem Rahmen würdevoll Platz genommen hat. Das Oelbild paßt zu langen Ge- wohnheiten, zu einem Geschmack, der nicht Launen kennt und Wechsel der Stimmung, zu einem Geschmack, der die Neigung hat, sich thrannisiren zu lassen. Es will herrschen— lange und wo möglich absolut. Aber der Japaner liebt es, heute sein Zimmer anders zu arrangiren als gestern, er will ein Bild, das von seiner Laune erzählt. Und er bat eine schnell wechselnde, bewegliche Natur. So will er ein Bild, oas in zwei Minuten von der Wand ge- nomme», zusammengerollt und in den feuersicheren Verschluß ge- bracht werden kann, daß Platz werde für ein anderes, das seiner Laune besser entspricht oder einen besuchenden Freund ehrt, ein heiteres oder aufgeregtes, ein nachdenkliches oder ein buntes. Er will sich seine Stimmung nicht vom Bilde kommandircn lassen, aber er hat es gerne, daß eine neue Stimmung ein neues Bild mit sich bringt. Das alles macht den Japaner konscrvativ-nalionak, gerade in Dingen der Malerei. Mancher junge Japaner, der von Paris die neue Botschaft der Oelmalerei»ach Hause bringt, erfährt hier das große Malcrleid, blinden Augen zu predigen. Oft dauert es nicht lange und er wird Japaner bis zum Chinesenthum; er erniedrigt dann Europa und ruft: Die europäische Malerei kommt aus der Finsterniß, sie ist nur eine briinstige Sehnsucht nach Licht und Farbe, die japanische erfüllt das Evangelium der sonnigen Heiterkeit— in einfachen Linien. Seien wir Korin, aber nicht Rembrandt I Edle und unedle Renegaten stärken so das natürlich begründete Verharren in nationalen Traditionen, die noch immer heute unter den japanischen Malern herrschen, bei den geistlosen Kopisten und bei den selbständigen Kiinstler-Jndividualitätcn.— Adolf Häutler. Mlrines.Jsieuillekrm. — 1.— Spätsommer. Jene weißen, feinen Spinnfäden fliegen langsam durcy öle Luft, oie li.. BUUe.trmnd„Altweibersommer" genannt werden. Hin und wieder ein kurzer Lichtblick der Sonne, sonst nur ein feiner, rieselnder Regen. Der Wind jag�- iiix grauen Wolkenfetzen muthwillig am Himmel dahin. In den Parkanlagen liegen bald die ersten, gelben Blätter an der Erde. Das noch' vor kurzem saftige Grün des Grases macht einem trockenen Gelbbraun Platz, und wenn der Wind durch das Astwerk der alten Kastanien fährt, schüttelt er die stachligen, grünen Früchte herunter, deren brauner Kern das beliebte, billige Spielzeug der Jugend bildet. Mit eintönigem Geräusch streichen die Rutenbesen der Fege- weibcr über Wege und Rasen dahin; manchmal nur raschelt das welke Laub beini Einraffen in die großen Tragekörbe. Am Weges- rande steht eine Schaar Kinder, die der Arbeit jener Frauen' zu- schauen. Es sind meist Mädchen, deren Mütter oder Großmütter drüben thätig sind; sie haben den Nachmittagskaffee gebracht. Sie stehen eine neben der anderen, eine Reihe brauner oder blauer Kleidchen, mit blassen Gesichtchen und blonden, von der Sonne aus- gebleichten Hängezöpfen. Die Knaben tummeln sich in den anstoßenden Straßen, oder auf einer naheliegenden, ungeörauchten Baustelle. Sie lassen Papier- brachen steigen. Der Wind kommt ihnen dabei gut zu statten; nur der Regen müßte nicht sein; er zieht in die Kleidung und ist dem vom Laufen erhitzten kleinen Körper mit seiner rauhen Feuchtigkeit ge- fährlich. Auf dem fteien Platz reimen die kleinen Gestalten mit aufgerissenen Westen und windzerzausten Haaren dahin. Kerzengrade steigen die pnpiernen Spielzeuge in die Luft, eins immer höher als das andere: der graue verregnete.Spätsommerhimmel glotzt dahinter mit seiner fahlen und gleichgiltigen Eintönigkeit... Inzwischen haben die alten Mütterchen ihre Vesperpause an- getreten. In Grupen von drei oder vier haben sie sich auf die Eiscnstäbe gesetzt, welche die Rasenumgitterung bilden, oder auch auf die zusanmicngefegten, welken Blätter, oder auf die braunen Holz- bänke, die sich in den Wegen der Anlage befinden. Die kleinen Mädchen stehen vor ihnen, lieber ihrem Kaffeetopf, in den sie fleißig die Semmeln eintauchen, sitzen die Alten vornübergebeugt. Von der Seite aus sieht man ihre Gesichter gar nicht, denn die blauen Kopf- tücher, die bei jedem Neigen des Kopfes immer hin und her wippen, bedecken sie ganz.— — Ei» Schwabenstreich. Aus Stuttgart erhält die„Franks. ?tss." folgende Zuschrift: In unserer guten Residenz- und Landes- auptstadt weiß man den Vorzug der einheitlichen mitteleuropäischen Zeit nur bedingt zu schätzen. Man schwärmt hier weder für die „Richtigkeit" noch für die„Fixigkeit" des Stundenschlags, ausgenommen, wenn der Tag der Reichstagswahlen herannaht. Im übrigen muß die öffentliche Uhr die angegebene Stunde nicht nur noch einmal um eine Terz oder Quinte tiefer wiederholen(sie also noch einmal im Sopran und Brummbaß kundgeben), sondern man muß sich dieses inclodischen Glockenspiels auch auf einer Wanderung von der unteren Neckar- bis zur oberen Königsstraßc erfreuen können. Man weiß eben sonst nicht,„was die Glocke geschlagen hat". Wer das nicht glaubt, der lese die folgende, am 24. August dieses Jahres in einem viclgclescnen Stuttgarter Blatte erschienene Kundmachung: „jll nsere Stadt uhren. Bei der im Juni d. Js. erfolgten Reichstagswahl waren im Interesse des einheitlichen Schlusses sämmt- sicher Wahllokale die Schlagwerke der städtischen und Thurmnhren auf dieselbe Zeit eingestellt worden. Das Zusammenschlagen der Uhren, an dem unbegrciflicherweisc seitdem fest- gehalten wurde, hat sich aber als sehr unzweckmäßig erwiesen. indem es, zumal in der Nähe mehrerer Kirchen oder bei starker Windrichtung, gar nicht möglich war, die Stundcnschläge der einzelnen Uhren abzuzählen. Schon vom ersten Tage an sind darob Beschwerden laut geworden, welche dem Gemeinderath letzte Woche zu dem Beschluß Veranlassung gaben, die Schlagwerke wieder in die frühere Reihenfolge einstellen zu lassen. Im Laufe des gestrigen Vornnttags ist dieser Beschluß nun zur Aus- führung gelominen."— Völkerkunde. — Die Medizin der Naturvölker. Dem Museum für Völkerkunde ist von Visier eine Sammlung von Medikamenten überwiesen worden, die von den Völkerschaften an der Loangoküste in Afrika, nördlich der Kongomündung, gebraucht werden. Nach einem Bericht der„Voss. Ztg." werden diese Medikamente der Bawili, Mayombe, Bakunye wie bei den meisten Völkern der Erde gewonnen: aus allen drei Naturreichen jedoch nicht gleichmäßig, denn von den 66 Medikamenten der Visserffchen Sammlung gehören nicht weniger als 46 dem Pflanzenreich an, während 16 thicnscher und nur viermineralischerNattir sind. Die Form der pflanzlichen Medikamente ist die der Drogen; vom Wurzelstock bis hinauf zur Blüthe fehlt wohl kaum ein Pflanzentheilin dies em Arzneimittels chatz. Am stärksten vertreten sind die Früchte von Bäumen und Sträuchern, Wasser- und Land- Schlingpflanzen, sowie die Samen von Gräsern; danehen aber finden sich auch sehr zahlreich die verschiedensten Blüthen. Rinden, Wurzel- stücke und Zweige. Geschlossen wird dieser Theil der Loango- Pharmakopoe durch ein Baumharz, einen Pilz und eine Pfefferärt. Die Mehrzahl der Medikamente ist in einfach getrocknetem un- — 680— bearbeiteten Zustande tintjcanr�cn; mtt ein Theil ist pulverisirtl und damit drrett gcbrauchsfäbig. Je nach der Arl der zn de- bändelnden Krankheit geschieht di-> � uTp-.'ch.iiai oder| innerlich. Die Mchr�akl- �er'Ärzncien wird indessen beiden Metbdaen gerecht. Jnterem»-»! ist, dag die genannten Välkerichafteu sowohl das Rothhok-gdNlver, wie auch die Rinde von Ekzsürroxlünsum guineense zu idrÄm Slrzncischatz rechnen. Jene ist das bekmmte Kosmctikum. das in weiten Theilen Afrika's vorwiegend vom weiblichen Geschlecht zum Einreiben des ganzen Körpers gebraucht wird, der dadurch eine prachtvolle bordearrxrothe Farbe erbält. Diese dagegen ist das ge- fürchtete, nur im Westen gebrauchre Gift bei dcii Gottesurtheilcn. die in der Literatur immer wiederkehrende Cassarinde, der jährlich tauseiche von Menschenleben zum Opfer fallen. Ferner lehrt die Sammlung, daß die Eingeborenen auch ihrerseits leineslvegs gefeit sind gegen die dem Europäer so verderblichen Fieber: auch iie haben ihr Spezisilum gegen die Malaria, die Rinde des Moambabaumes, den MssergeradezudellChinabaumdcrdoriigenNegcrnciini.Nebeichcr besitzen diese noch ein anderes Fiebermittel in Gestalt des Tschikoalostrauches, den sie pulverifirt dem Bade beimengen. Ein anderes Tissalab ge- nanntes Mittel dient gleichzeitig gegen Fieber und Augenlecheil. Nicht weniger als drei Mittel haben die Neger gegen Magen- beschwerden. Auch der Kapsschmerz scheint ihnen' keineswegs fremd; gegen diesen haben sie vier Mittel: die Früchte zloeier Bäume, das Holz eines Strauches und eine Grasart. Diese lvird verbrannt und der Rauch zur Vertreibung der Schmerzen eingeathrnet. Die Therapie der dem Eingeborenen so verderblichen Pocken öesteht in Bädern, denen er die Befländcheile dreier Sträucher hinzufügt Ob diese Be- Handlungsweise von Erfolgen gekrönt wird, ist noch unbekannt Eine Durchsicht der übrigen Pflanzenmedikamente crgiebt die überraschende Thatsache, daß in dem Arzneischay ein Heilmittel für die Erkranlimg fast jedes Organs vorhanden ist. Nur gegen Zahnschmerzen hat er kein Mittel, wahrscheinlich weil er leins braucht. Er bedieiu sich bei der Pflege der Zähne, die bei ihm äußerst sorgfältig ist, einlacher fein- faseriger Holzstäbchen. Von einigen pflanzlichen Medikamenten nimmt er Doppeltoirkung an. So gilt die Wurzel einer Schlingpflanze und die Rinde eines bestimmten Baumes als sehr gesuchte Medizin sowohl für Wunden wie auch für schwere Erkältungen. Die Rinde wird über- dies auch noch gegen Schlaflosigkeit angewandt— man sieht, der Neger ljat es auch im Punkte der Nerven schon weit gebracht Aehnlicherweise dient die Frucht des Baumes Vuto sowohl zum Beruhigen von Gcwitieni, wie auch, innerlich genommen, gegen große seelische Erregung. Viel wirksamer aber als alle diese schönen Sachen ist die Lindje, ein bernsteinhelles Harz sKopal) das einfach gegen alle Krankheiten Hilst, wozu es um so geeigneter erscheint, als es nach dem Glauben der Eingeborenen eine himmlische Gabe ist, hervorgerufen durch Einschlagen des Blitze Geringeres Interesse als die pflanzlichen bieten die wenigen minera- lischen Medizinen. Die in den Mayombe-Wäldcrn gennidene Kreide wird innerlich und äußerlich gebraucht. Nur innerlich nehmen die Eingeborenen hingegen ein Mineral, das sie seinem Aussehen nach für eine Schuppe der Schlange halten, die„den Regenbogen macht". Ebenso genießen sie als stärkenden Trank häufig Wasser, in das sie ein kurzes Eisenstäbchen gelegt habe». Biel maimigfaltiger im Verhältnitz hierzu ist die Verwendung von thierischen Bestaudtheilen in der Medizin der Loangovöller. Gerade hier greifen Medizin und Aberglaube innig ineinander, denn in Wirflichkeit find die Mehrzahl der Medizinen mir Amulette, die, am Körper getragen, diesen gegen bestimmte Krankheiten schützen oder ihn davon heilen sollen. Aeußerlich und iimerlich gebraucht werden die Körper mehrerer Ameisenarten und Kopf und Hände des Halbaffen Posso. Diese sind als Medizin sehr gesucht, werden äußerlich als Ring getragen, aber mich innerlich geiiomineu. Ebenso gesucht find endlich die Eier der Pythonschlange, die gegen Schieß wunden gcnoimncii werden.— Llus de« Gebiete der Chemie. b. Neue Künste in der Nahrungsmittel«Der fäkschung. Der begabteste amerikanische Jngenienr muß an Erfindnngsgeist gegen die Vielseitigkeit derNahrimgsmittel-Verfälscher zurückstehen. In dem belgischen„RepeNorium für Pharmaeie" wird einiges über neue derartige„Erfindungen" berichtet.(£iii_ vortress licher Gegenstand heißt Piperidin und wird als Ersatz für Pfeffer verkauft, zu ivelchem Zwecke er nach seiner Zusammensetzung außer- ordentlich befähigt erscheinen muß. Die einzige Aehnlichkeit zwischen beiden Stoffen besteht in ihrer Farbe, sonst ist in dem Surrogat überhaupt lein Pfeffer vorhanden. ES enthält vielmehr 70 pCt. Mincrakstofie und 30 pCt. eines aus dem Pflanzenreiche stammenden Stoffes, der den Chemikern noch nicht bekannt ist, aber sie wegen seiner Eigenschaften bedenklich beunruhigt. Sehr zu empfehlen ist ein Zinmitpulver, das jetzt hier und da zu kaufen ist und besonders dazu empfohlen wird, um den Geschmack von gekochtemRcis und von Glühwein zu erhöhen. Wer sich solchen Zimmt selbst bereiten will, der mag fich gesagt sein laffen, daß derselbe aus 80 pCt. gestoßenem Ziegel und 20 pEt. gefärbtem Holze hergestellt wird, letzteres meist von Schiffswerften entnommen. Den Gipfel der Kühnheit erreicht vielleicht das sogenannte„Australiana", das zur Fälschung der für schwache Magen so oft verschriebenen Fleischpulver dient, es ist ein köstliches, krystallinischeS, Hellrothes Pulver und besteht aus Bor- 1 säure mit Fuchfin gefärbt.— Technisches. k. d. Metam orphosen des TorfS. ES ist bekannt, daß «von Zeit zu Zeit in Torfgniben merkwürdig gilt erhaltene Objekte organischer Natur aufgesunden wurden. Auf den Gedanlen, diese konservirende Eigenschaft des Torfs praktisch zu verwerthen, verfiel man jedoch erst in neuerer Zeit. Die ersten Versuche wurden mit pulverisirtem Torf angestellt, und daS Resultat war ein so günstiges, daß sich mehrere Fachleute gleichzeitig mit dem Gegenstände beschäftigten. Nach langem, eifrigem Bemühen geivann man ein Erzeugnitz, das ais antiseptische Torswolle bekannt ist. Diese Wundwatte absorbirt thatsächlich sehr begierig die Fänlinßstosse, weini sie auch Flüssigkeiten etwas schmieriger auffangt, als die sonst gebräuchliche Berbandwatte. Für die Krankenpflege im Heere soll dieses Produkt besonders geeignet sein, da es in dünnen Schichten gewoimen wird und deshalb leicht transportirt werden kann. Ein anderes Torferzeugniß ist ein raub es Gewebe, welches aus den zwischen den Torfschichten liegenden Fasern gewonnen wird. Man vcrivciidct dieses Produkt vielfach zu Filz- und Deckenstoffen. da die Torffasern allen Arten von Insekte» schädlich sind und die» selben fernhalten oder tödten. Leute, die eine Prüfung dieses Ge« ivebes vornahmen, waren erstaunt über die große Haltbarkeit des Stoffes. Ferner wurde der Torf zu festen Blöcken zusammeiigepreßt, und diese wurden so hart, daß sie nur mit Mühe auf der Drehbank bearbeitet werden konnten. Man kann sie Poliren, so daß sie wie altes Eickenbolz aussehen, mid dieses übertreffen fie noch an Glanz und Schönheit der Farbe. Eine Pariser Firma hat in den letzten Monaten einen„Torf-Flanell" in den Handel gebracht. Es ist ein sehr feines, zart abgetöntes Gewebe, das wenigstens in beträchtlicher Menge Torf enthält. Es soll in hygienischer Hinficht dem so« genannten Gesmidheitsflanell durchaus vorzuziehen sein.— Hnmoristischcs. — Auf einem künftigen Postamt. Neu an» ge st eliter Beamter:„Hier ist eine Postkarte ohne Ansicht, wird die auch befördert?"— — Vorschlag zur Güte. Bater:„Du warst wieder unartig, wie mir Mama erzählt hat. Sieh oial her, da ist inci» Spazicrstock.— Weißt Du, was ich jetzt machen werde?"— Junge:„Ich denke, einen Spaziergang, lieber Papa."— — Landschaftlicher Reiz. Sie:„Wie entzückend hier die Natur ist I Man glaubt garnicht in der Nähe von Berlin zu sein." Er:„Ja, ja. Und was hätte man verdienen können, wenn man vor zehn Jahren hier Terrain gekauft hätte!"— s.Lust. Bl.") Vermischtes vom Tage. g. Zu den Vorlesuiigen am Polytechnikum zu Darm- stadt sollen, wie verlautet, im Wintersemester auch Frauen als Hörerinnen Zutritt haben.— — Einhundert und fünfundvierzig direkte Nach- kommen hinterließ eine 110 Jahre alte Frau, die vor einigen Tagen in W e r s ch e tz starb. Es leben von ihren Nachkommen drei Söhne, zwei Töchter, flinfiinddreißig Enkel, neunzig Urenkel, zwölf „Urnrenkel" und drei„Ururnrenkel".— — An den Folgen eines Insektenstiches starb ein Förster in Orla bei Wongrowitz.— — Ans Aerger, daß ihm sein Bnider nicht einen Papierdrachen leihen wollte, erhängte sich in Solingen ein zehnjähriger Knabe.— — Ein Kassenbote in Dortmund wurde, als er den Hof einer ftemden Firma betrat, von zwei Hofhunden zerfleffcht. Am nächsten Tage starb er an den Wunden.— — Ein Reisender stürzte in der Nähe von Düsseldorf von der Plattform eines Personenwagens und wurde überfahren. Er war sofort todt.— — Drei junge Mädchen unternahmen in Dürnstein bei Krems eine Kahnfahrt auf der Donau. Sie stießen mit einem Floß zusammen, fielen ins Wasser und ertranken.— — Eine wissenschaftliche L u ftsch i ff fa h rt über die Alpen wollen im September mehrere Züricher Gelehrte unter- nehmen. Der Ballon wird in Sion sWallis) auffteigen; als Ziel ist die nordöstliche Schweizgrcnze in Aussicht genommen. Der in Paris angefertigte Ballon'hat einen Dnrchmesscr von 13 Metern und bei vollständiger Belastung ein Gewicht von 2000 Kilo.— — Seine schlafende Mutter erdrosselte in UzäS ein 23 Jahre alter Student.— — Im Turiner Hauptbahnhof stieß bei der Einfahrt em Zug heftig gegen den Prcllbock. Der Zugführer und lö Reisende wurden verletzt.— — Eine große Feuersbrunst wnthete in Nostow am Don in einer Papierfabrik. Der Schaden wird auf 200 000 Rubel geschätzt. Ferner entstand in einer Mehlmühle ein erhebliches Schadenfeuer, das sich weiter ausbreitete und dem eine Karton- jabrik sowie mehrere Waarenlager, industrielle Etabliffements und Wohnhäuser zum Opfer fielen. In K r y c z e w �Gouvernement Mohilew) brannten 400 Häiffer nieder. Sechs Menschen kamen in den Flammen um und I mehrere wurden schwer verletzt.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.