Anterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 171. Donnerstag, den 1. September. 1898 (Nachdruck Verbote».) 671 Um die Freiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1522. Bon Robert Schweichs 1. „Der Krieg ist also noch nit am End'!" seufzte die Bäuerin. „Aber wohl bald," tröstete Kaspar.„Denn itzt wird es also recht zugehen, daß die Unseligen mit stärkerer Kraft zu- schlagen." „O," stöhnte Simon's Frau abermals,„wie diel Leben wird's noch kosten! Ich wollt', daß Ihr Mannsleute es ein- mal aushalten müßtet wie wir, jeden Tag Euch zu fragen: lebt er noch oder ist er allbereits todt? Haben die Kinder noch einen Vater oder nit? Ihr würdet das Raufen wohl lassen. Und es ist doch halt alles vergebens." „Nein, gewißlich nicht," versicherte Kaspar.„Unsere schweren Stücke, die morgen nach Würzburg abgehen, werden den Kehr- aus aufspielen. Und dabei sallt's mir ein. Der lange Lien- hart erzählte, daß der Rosenberger auch auf dem Marienberg ist. Da Hütt' ich halt Lust, auch mitzuziehen." „Wcnn's blos dämm sein soll." äußerte Käthe mit einem leichten Achselzucken. „Nit blos darum. Ich bin hier, ich mein' in Rothenburg. keinem mehr was nütz." „Und an Deinen Vater denkst nicht?" fragte sie vorwurfsvoll. „O, wohl, aber er wird nit dawider sein. Denn auch er braucht mich nicht niehr. Von wegen dem Krieg ist mit Handel und Wandel überhaupt nicht mehr viel los, und was unser Gcwerb als Tücher ist. das steht itzo ganz still." „Geh, glaub's ihm doch nit, daß er fort will." mischte sich Frau Ursel ein.„Er hat blos wieder seinen Spaß mit uns." „Mit Nichten, es ist mein voller Ernst." versicherte Kaspar. Käthe schaute ihn mit ihren klaren Augen durchdringend an. Langsam sagte sie:„Freilich, wenn's so steht! Aber blos darum?" Er hielt ihren forschenden Blick nicht aus, sondern wandte die Augen ab. Ihre braunen Wangen rötheten sich ein wenig höher, aber sie schwieg. Wenn sie nur ein einziges � Wort gesagt hätte, aus dem er entnehmen können, daß seine Absicht ihr leid thäte, so würde er dieselbe aufgegeben haben, niit tausend Freuden. Er wartete vergebens. Zwischen ihren zusammenfließenden Brauen stand eine tiefe Falte. Sic er- ricth ja nur zu gut, was ihn wegtrieb; allein sie konnte ihm seinen Wunsch nicht gewähren, und er that ihr leid. „Nu, denn ist das noch so," meinte Frau Ursel köpf- schüttelnd und stand auf, um das Vesperbrot zu besorgen. Darüber kam Konz Hart in die Stube. Das war nicht mehr jene schlotternde Hungergestalt. die in den ersten Tagen des Jahres mit Weib und Kind ausgetrieben tvorden. Er war jetzt gut genährt und muskulös, sein Gesicht aber war unheimlich finster. Es erzählte die Geschichte seines schweren Schicksals. „Was giebt's, Konz?" fragte Käthe. „Ja, schau," versetzte er und schob verdrießlich an seiner Kappe hin und her.„Der Dorfmcister hat mich auch aus- gemustert, daß ich mit den Geschützen morgen nach Würz- bürg soll." „Aber ist das schlimm," rief Käthe.„Just wo wir mit dem Heu alle Hände voll zu thun haben! Aber was kann da einer machen? Was sein muß. das muß halt sein." „Freilich, das muß sein; aber der Donner soll d'rcin- schlagen, daß es just so trifft." entgegnete Konz mit ge- runzclter Stirn. „Nu, Käthe." mischte Kaspar sich ein,„wenn der Konz so schwer abkömmlich ist, ich wüßt' wohl einen Ausweg. Geh' zum Dorsmcister, Konz, und sag' ihm. daß ich für Dich ein- treten will und daß ich morgen in Gattenhofcn pünktlich zur Stell' sein werde. Oder vielleicht, daß die Käthe mich lieber als Knecht für die Heumahd dingt?" Er lachte gezwungen. Käthe lachte nicht. Sie reichte Kaspar die Hand und drückte ihm kräftig die seinige.„Da Du so wie so in Krieg lvillst, nehm' ich's an," sagte sie und fügte mit einem warmen, von Mitleid leise verschleierten Blick hinzu:„Du bist gar gut und vielleicht— vielleicht kann ich's Dir später besser danken als in dieser Stund'." «Nu. denn geh' ich zum Dorsmcister," sagte Konz und verließ die Stube. „Ja, es hat itzt jeder seinen Willen, juch," rief Kaspar, so lustig, als ob ihm das größte Glück widerfahren wäre.— Mittlerweile waren Florian Geyer und Pezold, nachdem sie sich in ihrer Herberge der Panzer entledigt hatten. einer Einladung Stephans von Menzingen zum Mittags- mahl in seinem Hause gefolgt. Der Pfarrer Denner hatte sich entschuldigt: er war zu seiner Pfarrgemcindc nach Leuzenbrunn geritten. Der alte Rektor Bessenmaycr und Valentin Jckelsamer, der lateinische Schulmeister, waren die Taselgenossen jener. Die Männer blieben unter sich. nachdem die Hausfrau sie willkommen geheißen hatte. Wenn ihr Gatte die Gäste bat, sürlieb zu nehmen, so war dieses nur eine höfliche Lüge. Denn sein verwöhnter Gaumen hatte die Speisen und Weine ausgewählt. Er und der Schulrektor ließen jedoch allein den köstlichen Dingen volle Gerechtigkeit widerfahren. Denn Florian Geyer hatte sich selbst zu einem Spartaner erzogen, um von allen materiellen Bedürfnissen unabhängig zu sein, und Valentin Jckelsamer. der unter beschränkten Verhältnisien erwachsen war. achtete als Gelehrter die ihm fremd gebliebenen Ge- nüsse nicht. Der Schultheiß von Ochsenfurt nöthigte dem Gastgeber mehr als einmal ein mitleidiges Lächeln ab durch seinen ge- sunden unterschiedslosen Appetit, mit dem er Speisen und Getränken zusprach. Auch hatte er weder Interesse noch Ver- ständniß für die Bemerkungen, mit denen der aufmerksame Wirth nach Art der Feinschmecker die einzelnen Gerichte seinen Gästen empfahl.„Eigentlich sollte man niemand trauen, der bei Tische ein zugeknöpftes Wesen behauptet," äußerte er, „denn wer könnte aus seinem Herzen eine Mördergrube machen, der von diesem saftigen Rehrücken genießet?" „Da gäbe es wohl manchen in den Rüthen, den ich aus eine solche schmackhafte Probe stellen möchte." scherzte der Rektor. „Allerdings wäre es nöthig. den heimlich schleichenden Verrath zu enthüllen," pflichtete Stephan von Menzingen ihm mit ernster Miene bei.„Schon vorgestern Abend, als ich die Freude hatte, den Bruder Geyer von Geyersberg von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß der Innere Rath die bürgerlichen Männer, welche jüngst in den Aeußeren Rath gewählt worden, in den Augen der Bürgerschaft herabzusetzen bemüht ist, in- dem man ihnen Aemter übertrug, von denen sie nichts ver- standen, nichts verstehen konnten." „So ist's," bestätigte der Rektor und Pezold stieß seinen Becher mit dem Rufe aus den Tisch:„?ln den Galgen mit den Schleichern!" Valentin Jckelsamer fügte hinzu:«Wir haben es nur vorhin erlebt, wie der Stadtadel die Praktiken übt. in denen bereits das alte Griechenland und Rom erfahren waren. Nämlich, daß man Männer, deren man sich entledigen will, mit ehrenvollen Aufträgen aus der Stadt schicket." „Aber mit mir ist's ihnen mißlungen." lachte Ritter Stephan und strich sich den Schnurrbart zu beiden Seiten in die Höhe. Florian Geyer blickte mit seinen klaren Augen die anderen scharf an und fragte:„Soll ich das etwa so verstehen, daß auf die Bundestreue Rothenburgs kein Verlaß sei?" Herr Stephan beeilte sich, ihn zu beschwichtigen.„Nicht doch! Wenn ich auch sagen muß. daß Rothenburg nicht eher eine feste Säule der Freiheit sein wird, als bis die Ge- schlechter ganz und gar vom Regiment entfernt sind. Ich rede frei von der Leber weg." „Wahr," bestätigte der lateinische Schullehrer.«In unserer Zeit sind nur noch demokratische Republiken möglich." „Darum bin ich der Ansicht, daß es gut wäre, wenn die Bauernschaft der Stadt gegenüber noch mehr sich kräftigte." nahm von Menzingen wieder das Wort.„Aber so trinket doch I Eure Becher bleiben immer noch voll.— Meiner Treu, wenn ich es recht bedenke. ein Bündniß etwa niit einem Fürsten wäre das richtige Ding. Versteht sich mit einem, den die Stadt fürchtet." HanS Pczold legte erstaunt sein Messer ksin und rief: „WaS? Mit einem Fürsten? Und wir sind des Fürnehmens, sie alle abzuthun." „In Pvliticis gilt nur daS heute," bemerkte Stephan von Mcnzingcn gelassen. „Das wäre der Teufel!" wallte der Schultheiß auf. und Florian Geyer, der niit seinen Blicken in die Seele des Ritters dringen zu wollen schien, sagte:„Du hast den Markgrasen SUljimir im Sinn?" �Und wenn es so wäre?" fragte der Hausherr lauernd. „Nein, cL kann Dein Ernst nicht sein," rief Herr Florian und Unwillen röthcte sein Gesicht.„Wäre es auch nur denk- bar, daß die Bauern je ein Bündniß mit einem Fürsten schlössen, so doch nimmermehr mit diesem Kasimir, der ebenso falsch wie grausam ist. Welche Treue können wir von einem Fürsten erwarten, der treulos gegen den eigenen Vater war? Die ganze Sippe ist falsch. Sein Bruder Albrccht brach feinen Schwur, um aus dem Ordcnsland Preußen für sich ein Welt- lich Hcrzogthum zu machen und dem Friedrich auf dem Maricnbcrge traut man auch wie einem Fuchs. Hier der Pczold kann es Dir bestätigen und besser noch der Gregor aus Burgbcrnhcim mit seinen 2000 Ansbachcrn, die vor Würz- bürg liegen, wie der Kasimir mit seinen Bauern stets ein doppelt Spiel gespielt hat. So auch mit uns. Als wir in Franken waren und ihm das Feuer gar nahe rückte, wie that er sich da auf als ein guter Landesvatcr und Volksfrcund! Alle Haufen in Franken beschickte er mit den freundlichsten Briefen und als ein Freund des Evangeliums. Auch ich erhielt ein solches Anschreiben von ihm. Einen Waffcnstill- stand suchte er nach und als der ihm thörichtcr Weise gewährt wurde, fiel er während des Stillstandes mit seiner ganzen Macht über seine Bauern her und wüthete unter ihnen nicht anders, denn der Truchscß Jörg. Der Bauer hat nur einen Bundesgenossen, auf den er sich verlassen kann, weil beide denselben unversöhnlichen Feind haben. und das ist der Städter. Wenn es gelänge, zwischen den Bauernschaften und sämmtlichen Städten ein Bündniß zu Wege zu bringen. dann stände die Freiheit auf festem Boden." „Dazu sage ich aus ganzem Herzen Amen," sprach Valentin Ickelsamer. „Wohl, aber das eine schließet das andere nicht aus." antwortete Stephan von Monzingen mit vollem Munde. Er spülte den Bissen mit einem Becher hinunter und fuhr dann fort:„Seid Ihr durch das Bündniß mit Rothenburg stark, dann ist der Markgraf zu günstigen Bedingungen gezwungen. Und merket wohl auf: Mit beiden verbündet sprenget Ihr den Schwäbischen Bund, dessen Mitglieder beide sind. Wie dünket Euch das? Solches wär's wohl Werth, wenigstens des Markgrafen Meinung zu erforschen.'. Ich kann, meiner Treu, nicht anders als sagen, daß er sich mir stets als ein günstiger Herr erwiesen hat. Wenn einer, etwan Bruder Florian, mit mir zu ihm ritte, ich bürge Euch dafür, daß er gut empfangen würde. Des Markgrafen Ansichten zu vernehmen, bindet und verpflichtet keinen Theil. Man könnte ja nachher weiter zusehen." Der Schultheiß von Ochsenfurt erhob dagegen lebhafte Einsprache.„Das darf ohne Vorwisscn des Banernrathes nimmer geschehen. Ich last' es nit zu, daß ein Mann, wie es der Geyer ist. ohne Zusicherung freien Geleits in die Ge- walt eines solchen Bauernfeindes sich begicbt. Bedenket doch, wie der Luther Herren und Fürsten zu wildem Grimm Wider uns aufgestachelt hat? Ja, das wäre für den Markgrafen ein Fang. Ließ' ich ihn reiten, ich könnt's vor der Bauern- schaft nimmer verantworten, und seine Schwarzen hauten mich in Stücke." „Was läge an meinem Leben, wenn ich damit dcp Freiheit dienen könnte?" äußerte Florian ruhig und schlicht.„Aber es bringet dem Wolf keinen Gewinn, mit dem Fuchse zu jagen." „So bringt die Sache erst an den Bauernrath und verlieret damit eine kostbare Zeit," murrte Stephan von Monzingen voll innerem Zorn über die Erfolglosigkeit feines Vorschlages. Sein brennender Ehrgeiz, die oberste Macht in der Stadt an sich zu bringen, hatte sich nicht im geringsten abgekühlt. Im Einverständniß mit dem Markgrafen glaubte er den Riegel aufsprengen zu können, den das Bündniß der Bauern mit der Stadt ihm vorschob, indem es den Bestand des gegenwärtigen Regiments gewährleistete. Der Markgraf, so hoffte er, würde die Bauern von ihrer Einmischung nicht zuriickhaltcn, wenn er es unternahm,. die Herrschaft von allen patrizischen Elementen zu säubern. Die geheimen Absichten des Markgrafen selbst auf Rothenburg zählte er zu seinen stärksten Bundesgenossen. In jedem Falle aber hatte er an ihm einen sicheren Rückhalt, wenn sein Plan mißlang. „Wohl." rief er sich beherrschend,„erachtet Ihr Euch für gc- Kunden, so will ich wenigstens auf eigene Hand an den Mark- grasen schreiben und seine Meinung erkunden. Und jetzt nichts mehr davon. Trinket, liebe Freunde, und seid fröhlichen Gerzens!" Damit griff er nach der silbernen Kanne, um die Becher seiner Gäste frisch zu füllen. Indem wurde auf dem Rathaus- thurme die sechste Stunde angeschlagen. Florian Geyer zog seinen Becher mit der Erklärung zurück, daß es just die mit dem Bürgermeister verabredete Zeit sei, um die versprochenen Geschütze in Augenschein zu nehmen.„Auf Wiedersehen morgen in St. Jakob!" Er stand von der Tafel auf und Pezold folgte seinem Beispiele, indem er noch schnell seinen eben gefüllten Becher austrank.(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbolin.) Hei psiW nlifj föv des' Tvolk. Von E. Jahn. Eine wilde Nacht? Ans der schwarzen unendlichen Tiefe, die durch Himmel und Master gebildet wurde, schnob der Sturm, tvie der keuchende Athcm eines Riesen. Das Meer brodelte wie ein Hexenkessel und schlug an den Strand, daß die Erde erzitterte. Grell und unheimlich klang der Schrei der Möven, die wie in ruheloser Angst hin und her flatterten. ' Auf dem„Utkick" am Fuße de? Lcuchtthurnis standen zwei Männer. Das faltenreiche Gesicht des Einen erschien von dem See- Wasser wie gepökelt und die Haare, die unter seinem„Südwester" hervorflattcrtcn, waren vor der Zeit gebleicht, während der Andere erst kaum die Jünglingsjahre erreicht zu haben schien.„Stephen Podeus", wandte der Alte, das Nachtfcrnrohr vom Auge nehmend, sich an seinen jungen Gefährten,„Du paßt nich in bei Welt! Du hest iimmer den'n Hasenfaut in bei Tasch."— „Ja, Vattcr Jansen, dat seggen Sei so l— Wenn dat gelt, in Storm un Nacht ruttaugahn und Lür tau rcdden,>var ick nich dci Letzt sinn— doch mit Mike is dat sonn' anner Sak."— „Dat Du'nen dnchtigcn Kirl büst, weit Jcdwcrein in'n Dörp un doxüm liinn ick Di ook as Schwiegersohn woll lieben. Hest Du denn mit ehr noch nich spraken?"— „Je, wat red Ii, Vatter Jansen," wehrte der Jüngling er- röthend ab. „Na. ick glöv. Du hest ehr't doch all scggt."— „Wer hctt Jug dat vertellt frug überrascht Stephen PodeuS. „Wat sär sei dortau?" forschte der Alte weiter. „Sei»vir nich mihr fri."— „Wo! wo wir denn dat möglich! Dorvon weit ik ok nich'ne Spier!"— „Dat sär sei ok."— „Dat is denn doch tau dull l Wennihr hest Du ehr sprokcn?" „Letzten Sünndag, aS Ii nah denn ollen Jürß dal gahn wiren."— „Dat paßte Di woll so recht in Dinen Kram?"— „Sei set up denn Hof un flickt Netten, u» as ik vör ehr sliinn: dnnn wir mi grab, as wenn mi'i» Stein up de Bost leg, dat ik kein Luft lriegen künn. Aewer runnc müßt hei un runne kem hei--" „Na, un fei?" „Stephen", sär sei,„Stephen. Du büst'nen drägten Kierl, un jere Mätcn kann stolz sinn, wenn Du ehr sriegcit dcist— man mm Hart is nick mihr sti, ick hef min Wurt all geben."— „Man tau, nian tau", drängte der Lootse.—„An wen? froz ick dor. An Hinrich Goniitzka sär sei."— „An den!" und zornig spritzte der Alte den Tabakssaft aus dem linken Mundwinkel:„Dat is ja üm ut dci Hut tau fohrenl Min.Kind I min Dochtcr und dci Näslvater! Nu Ivcit ick ok. worum hei vör drei Johren ümmer üm min Dör schick. aS dci Vöß üm denn Dubcnschlag! IIn ick olle dumme, blinde Kirl, Holl min Mike dunntanmalen noch för ein Kind!"— „Vatter Jansen, dei Hinrich is'nen ganzen schieren Kirl. un sei meint ja, hei müßt ball wcrrelamcn un den gef't ne Hochtidt."— „Dor hest ick denn doch'n Wnrt noch mittausprcken!"— „Ja, wat hefft Ii an Hinrich uttausettcn?— „Dat hei'nen Windbüdcl is I Ne, Stephen, min Kind kriegt kein Anncr, as Du.—" „Wenn sei nu äwcr Hinrich lcilvcr hctt, as mi?"— „Du büst'neu Döskopp un paßt nich in dei Welt. Ick miigt wohrhaftig, dat dci olle Kahn mit Mann un Mus un Hinrich in den Grund güng!" rief ärgerlich der Alte. „Herr Gott, Vattcr Jansen, versündigen Sei sich nich!" unter« brach ihn entsetzt sein Gefährte. In diesem Augenblick blitzte Iveit, iveit draußen auf der See ein Schuß auf, der Knall desselben verhallte in dem Brausen des Sturmes, aber ein zweiter, dritter Schuß blitzte auf, kündend, daß Menschen in Gefahr um Hilfe und Rettung flehten. Der Wind hatte von Minute zu Minute an Wnth ziigenonimen und raste daher als wollte er das Meer aus seiner Tiefe schleudern und die Crde aus ihreu Angeln hcbew Der„Seclenbarger" wurde klar gemacht, und scchszehn un- erschrockene Lootsen suchten denselben aus dem Hafen zu rudern, doch erwies sich die Strömung zu stark, sie konnten das Boot nicht vorwärts bringen. So muhte man daS Fahrzeug über die Stein- mole des Hafens heben und in die Brandung an der ftüstc bringen. Wie ein gieriges Ungeheuer stürzte die See daher, den grünen Wcllenrachen aufreihend, in dem die weihen Schaumzähne blitzten, um die kleine Nuhschale zu verschlingen, die es wagen wollte, ihr die Beute zu cntreihcn. Doch machtlos zersplitterten ihre Zähne an den Stahlplanken des Bootes, an denen das rothc Kreuz auf weihcm Felde hell glänzte, und wie sie die braven Männer auch nmsahtc und umsckm'ürte, ihre Glieder erstarrend, unerschrocken rangen sie mit der Rasenden, ihr die breite Brust entgegenstcmmend. Nach langer, aufreibender Anstrengung und Arbeit war der „Scclcnbarger" flott geworden, und die Lootsen legten sich in die Riemen. Wie eine vielbeinige Wasserspinne kroch das Fahrzeug über die Wellen dahin, bald hoch'cmporgcschlcudcrt, bald»icdergczogcn. bald in Gischt und Schaum, begrabe», aber der Ente gleich immer wieder empor-tanchend und die Wassennassen von sich abschüttelnd. Das Magnesinmlicht am Strande warf seinen fahlen Schein in die schwarze, unheimliche Tiefe hinaus und beleuchtete grell das Wrack eines Schisses, über das die Wogen dahir.stürzten, als breiteten sie ein wcihes Todtenlinnen über dasselbe. Dumpf krachte und splitterte der Rumpf unter diesen wilden Umarmungen, und kaum schien die See crivartcn zu können, dah der letzte Nagel nachgab, die letzte Planke sich löste, um ihr Opfer in Empfang zu nehmen. Aber näher und näher kam die Hilfe. Die muthigcn Männer kämpften mit Einsetzung ihrcs eigenen Lebens, die Unglücklichen dem Verderben zu entreihen, dem sicheren Tode. Endlich ist das Wrack erreicht. Von dem Bord des Schiffes müssen die dort an den Tauen sich anklammernden Menschen in den „Secleubarger" springen, loche demjenigen, der zaudert, denn die nächste Welle hat das Boot weit, tvcit in die empörte See hinaus- gerissen. Aber tvicdcr strebt es heran, wieder und immer wieder, bis alle gerettet sein werden. Rur der Kapitän und ein Steuermann befanden sich noch auf dem Wrack, zum letzten Male näherte sich das Boot demselben, da rollte eine mächtige Woge daher, als wollte die See ihre Opfer nicht fahren lassen, und warf sich mit Wuth auf das dem Verderben geweihte Mcnschcnwcrk, dah es krachend und splitternd zerbarst und in die schäumende Tiefe versank. Da die Lootsen sich ganz nahe bei dem Wrack befanden, konnten sie die Gesichter der bleichen Männer deutlich erkciiiicn, die Angst und Entsetzen verzerrte, konnten sie die Hände hilfeflchcnd aus- strecken sehe» und muhte» sie doch machtlos ihrem Schicksal über- lassen. Ein geller Aufschrei, der vom Lande beantlvortct wurde, bebte auf Aller Lippen, aber noch war er nicht verhallt, noch hatte die See ihr Opfer nicht verschlungen, da rief eine heisere Stimme: „Dat is jo Hinrich Gornitzka!" und bevor die anderen Lootsen rS vcrhindcnl konnten, oder seine Absicht auch nur ahnten, hatte sich Stephen Podeus dem Untergehenden nachgestürzt und ihn mir starkem Arm ersaht. „Stephen, Stephen, büst Du ganz vun Sinnen?" kreischte der alte Jansen. ..Still!" klang die helle, klare Stimme des Lootsenkommandeurs durch Sturm und Wogen, wie die Schlachttrompcw:„Jungs, nun zeigt, Ivos Ihr könnt, arbeitet bis zum letzten Athcmzuge, unseren Kameraden zu retten!" Und da hättet Ihr sehen müssen, wie die wetterharten Gesellen sich in die Ruder legten! In weiter, weiter Ferne erblickten sie die Jünglinge, und es schien, als zöge sie die Fluth nieder, aber der Korkpanzer, mit dem jeder Lootse umgürtet ist, trug sie und rih sie immer wieder aus der schaurigen Tiefe empor. Mit Schaum und Gischt bedeckte sie die Fluth, grollend vor Zorn und getäuschtem. Blutdurst. Stephen Podeus hielt den bcwuhtloscn Hinrich Gornitzka mit erstarrten Händen über Wasser, mehr und mehr fühlte er seine Kräfte schwinden, vor seinen Augen wurde es Nacht, alles klang, als käme es aus weiter Ferne, er wurde so matt, so matt— wenn die Hilfe nicht bald kam. war es zu spät, er fühlte es. Aber mochte der Sturm seinen breiten Nacken gegen das Fahrzeug stemme», mochten die Wogen sich ihm rasend entgegenwerfeu, ihre Schaumlockcn schüttelnd, nichts vcnnochtc die wüthrude Anstrengung der Seeleute zu hemme», vorwärts schoh das Boot, unwiderstehlich vorwärts! Und jetzt, jetzt hatte eS die Schwimmenden erreicht. und mit fast übennenschlichcr Mühe wurden die Beiden dcni nassen, kalten Grabe entrissen. „Mike. Mike, ick bring' ein di!" da? waren die letzten Worte, die von Stephcn'S starren, bleichen Lippen bebten. Hinrich Gornitzka erholte sich wieder, aber bei Stephen Podeus blieben alle Belebungsversuche erfolglos, starr und bläh lag er auf denr gelben, vom Winde aufgewirbelten Sand der Düne, aber seine Züge waren wunderbar verklärt. An seiner Seite kniete der alte Jansen, dem die hellen Thränen über die Wangen rollten, und der kopfschüttelnd einmal über das andere Mal meinte:„Hei pahte nich in dese Welt!"— LNeines Hefen. — Der FricdcnSkougrrsi von 1�30 in Frankfurt a. M. Ein„Altjrankfurter" schreibt der„Franks. Ztg.": Es ist ein merk- würdiger Zufall, dah genau an dcni Tage(29. Augusts, an dem uns Lesern der AbrüstuugSvorschlag des Zaren bekännt wurde, vor 43 Jahren hier in Frankfurt a. M. in der PouIStirche ein Fricdcns- kougreh. beschickt von 6—800 illtänuern aller Nationen, zusammentrat. An der Spitze dieser Versammlung standen Männer wie Richard Cobden, hervorragende französische Geistliche wie Eoqnelin, Cormenin, der bekannte Amer-taner Elihu Bnrrit u. s. w. Der damalige Hessen- darmstädlische Minister Jaup, der aucki eine Zeit laug dem voran- gegangenen deutschen Reichsparlamcnt vorstand, hatte die Präsident- schaft übernommen. Eine interessante Erscheinung auf diesem Kon- greh waren eine Anzahl Reger-Pjarrer aus Amerika, nicht etwa Halbblut, nein, reine Reger, die sich jedoch in ihrem Auftreten und Gehaben in nichts von anglikanischen Geistlichen unterschieden. Am meisten angestaunt wurde der Sohn eines Häuptlings der Indianer aus Nebraska, init Namen 5la-gc-ga-ga-buh. schon wegen seiner hcimathlichcn Tracht, in der er sich zeigte und in der er auch sprach, und zwar in gutem Englisch. In seiner am 3t. August gehaltenen Rede versichert er die Versammlung der Friedensliebe aller amerikanischen Jndianerstämme und giebt dieser Friedensliebe damit Ausdruck, dah er dem Präsidenten Jaup, in offener Sitzung, die Friedenspfeife überreicht. Ein Stück far west war somit in natura in die Frankfurter Paulskirche ver- pflanzt. Was die Versammlung selbst anbelangt, so war ihr Verlauf ihrem Ztvecke gemäh. Richard Cobden hielt eine fulminante englische Rede über die Wohlthaten des Völkrrfriedens und unser verstorbener Professor Crcizenach schloh sich seinen Bestrebungen ebenfalls in einer vortrefflichen Rede an. Die sranzösischen Geistlichen, die alle Pro- testanten waren, glänzten nicht minder durch ihre Reden. Auch italienisch lieh sicks ein Redner, Namens Salieri. vernehmen..Kurz. man redete in allen Zungen und die Versammlung war voll des heiligen, friedlichen Geistes."— ss. Fischfang durch Gewehrschüsse. Ueber dieses Thema findet sich in der italienischen„Rivista di Arliglieria c Gcnio" eine interessante Mittheilung. Major Michelini, der Verfasser derselben, war Leiter des Artilleriedieustes in Massaua und erhielt als solcher Gewehre des Modells 1891, um eine gröherc Zahl von Versuchs- schiissen damit vorzunehmen. Er hatte dazu auf dem Schich- platze, unmittelbar an dem Gestade des Rothen Meeres, Ziel- scheiden aus Kisten und Steinen errichten lassen. Eines TagcS siel es ihm ein, einige Schüsse gerade in das Meer unter einem Winkel von 45 Grad abzufeuern, und er bemerkte, daß an einer von einem Schusse getroffenen Stelle ein Fisch auf dem sandigen Meeres- bode» lag. Er glaubte zunächst, denselben regelrecht erschossen zu haben und lies; ihn aus dem Wasser holen. Zu seinem Erstaunen aber hatte der Fisch keine Verletzung an sich, soudeni er muffte von dem Schusse betäubt worden sein. Diese Wahrnehmung gab er- wünschte Gelegenheit zu einem neuen Zeitvertreib, indem»nan auf Fische schaff. die man in einiger Entfernung unter dem Wasser schwimmen sah, ohne direkt ans sie zu zielen, sondern nur annähernd auf ihre Richtung feuerte. ES gelang jedesmal, den Fisch zu betäuben, und zuweilen sogar, ihn zu tödten, ohne dnff das Geschoff auch nur ein einziges Mal getroffen hätte. Man hat hier also eine neue Art des Fischfangs vor sich, die nicht viel Geschicklichkeil seitens des Schützen verlangt, fondeni nur die Beachtung der einen Regel, daff das Geschoff mit einer gewissen Neigung auf das Wasser austrcffen muff, um in dasselbe einzudringen-, schlägt das Geschoff zu flach ein. so wird es von der Wasserfläche zurückgeschlagen und tanzt über dieselbe hin wie ein gewöhnlicher Kieselstein, den ein spielender 5tiiabe flach gegen die Wasserfläche wirst. Das; der Fisch sogar gctödtet werden kann, ohne daff ihn ein Geschoff selbst trifft, ist nicht so schwer zu erklären. Wenn das Geschoff eines Gewehrs von groffer Anfangsgeschwindigkeit in das Wasser eindringt, so wirkt es ähnlich wie eine Dynamitpatrone, indem die Fluggeschwindigkeit von 600 Metern in der Sekunde plötzlich einen auffcrordciitlich starken Widerstand findet, die Flüssigkeits- schichten heftig zusammendrückt und dieselben in einem gewissen Um- kreise einer anfferordentlich gewaltsamen Störung unterwirft. Nach den Versuchen von Michelini ist diese Wirkung in einem Umkreise von 60—70 Zentinieter um den EinschlogSpuukt des Geschosses stark genug, um alles Leben im Wasser zu zerstören. Freilich darf man nur eines der neuen Gewehre dazu benutzen, die ein kleines Kaliber besitzen und ibrem Geschosse circ bedeutende Anfangs- gcschlvindigkcit verleihen. Schon das Bettcrli-Gewehr, das alte italienische, genügte nicht zur Erziclung günstiger Resultate beim ..Fijchschieffen". Michelini macht darauf misinerksam, daff diese Wirkung des klcinkalibrigcn Geschosses im Wasser auch die Schwere der Verletzungen im menschlichen Körper erklärt, wenn ein solches Geschoff iveiche Theile trifft, die stark mit Flüssigkeit gefüllt sind. Auch hier erfolgt dann die gleiche, an eine Dyiiamitpatrone er- innerndc Sprengwirkung, die die Verletzung auf eine weite Um- gebuug um den Schuffkannl herum verbreitet.— Literarisches. -1- Karl Theodor Schulz:„Seelenkämpfe'. Berlin. 1898. Richard Eckstein Nachf.— Auf dem Gebiete der Literatur wird ja viel, sehr viel gesündigt: derjenige, dem viele Bücher, namentlich belletristischen Inhalts.' durch die Finger gehen, tvird mit der Zeit gegen derartige Sünden abgehärtet werden. Etwas derartig PlnmpcS il»d Unwahres aber, wie es sich der Verfasser in dein vorliegenden Buche geleistet hat. wird glücklicherweise doch nur selten»ervrochcw Da die einzelnen Novellen des Buches in jeder Beziehung tverthlos sind. so lohnt es sich gar nicht, erst näher auf de» Inhalt derselben einzugehen.'Eine besondere Eigenschaft des Verfassers ist es, bei allen direkten Reden de» Artikel fortzulassen. oder wenn es ihm gerade einfällt, nach einem Momma oder Semikolon mitten im Satze einen neuen Absatz zu beginnen. Erwähnen wir hierzu noch die etwas längliche und gänzlich unverständliche Einleitung, in welcher von sozial- ethischer Wirkung, Größenwahn der moderne» Schriftsteller gesprochen wird, sowie auch davon, daß das vorliegende Buch kein Kunstwerk, wohl aber eine Dichtung sein soll, so kann man sich ungefähr ein Bild von dem Ganze» machen.— Gesundheitspflege. i«. Ob eine Vergiftung durch emaillirte Koch- töpfe möglich ist, mutzte, wie das„Journal de Pharmacie" meldet, kürzlich in Bordeaux festgestellt w erden, wo eine Person ge- starben und nichrere erkrankt waren, nachdem sie eine in emaillirter Kasserolle gekochte Creme genossen hatten. Der Topf unterschied sich durch nichts von denen, die in allen Küchen zu finden sind, er war innen weiß und auhen dunkelblau emaillirt. Es wurde angenommen, datz die innere weitze Emaillirung ein giftiges Metall enthalten habe, das sich auf- gelöst und beim Kochen mit der Creme vermischt habe. Natürlich erregte dieser Fall in allen Hanshaltungen der Grotzstadt eine äutzerste Beunruhigung, und die meisten beeilten sich, die cmaillirten Geräthe aus ihren Küchen zu entfernen. Obgleich sowohl an dem Verstor- denen die Thatsachc der Vergiftung als auch der Giftgehalt in der Speise in Gestalt von Ptomäin nachgewiesen werden konnte, so er- gab die Untersuchung des Email auf Vorhandensein eines giftigen Minerals durchaus ein negatives Resultat. Immerhin>var es auch nach diesen» Ergebnisse noch von Werth, datz nunmehr ein französi- scher Chemiker sich daran machte, verschiedene Arten von En»ail, die zur Auskleidung von Kochgefätzen benutzt»verde», genau zu unter- suchen. Es wurden vier Ztocktöpfe ausgeivühlt: zwei aus derselben Küche, aus der der Unglücksfall hervorgegangen war, der dritte in einem grotzen Kaufhaus und der vierte von einem Händler auf der Straße gekauft. Die Analysen ergaben, datz das Einaii Hauptfach- sich aus Kiesel, Zinn und AIunnnnim und daneben ans kleinen Mengen von Zink, Kalk und Kaliuin bestand, solveit die Metalle in Frage kamen. Arsenik soivohl als Blei ui»d Bor fehlten gänzlich. ES hätten ja auch schon viele Vergiftungen vorkominen »»üssen, wein» das Email der Kochtöpfe löslich wäre und giftige Bestandtheile in größeren Mengen enthielte. Jinmer- hin sollte, da die Herstellung eines gistfteien Email möglich ist, dieselbe auch gesetzlich bestimint werden. Wenn ein Bcstandtheil unter den genai»nten überhaupt schädlich werden kann, so ist es das Zinn, denn es ist durch verschiedene Untersuchungen festgestellt worden, datz die in zinnernen Büchsen enthaltenen Konserven gelegentlich Vergifwngserscheinungen hervorrufen können, die sich in leichten nervösen Störungen, Benomnienhcit des Kopfes, Erschlaffung der Kräfte, Abmagerung. Blutarnnith und anderen unbestimmteren Krankheitsäutzerungen zeigen, lvie sie auch bei leichten Fällen anderer chronischer Metallvergistungen beobachtet »Verden. Das Zin»» der Büchsen löst sich nämlich, weim die Kon- serven Säuren enthalten, namentlich in Wcinsteii»- und Essigsäure, und geht dann häufig in geivisse saure Verbindungen über. Diese können in der beschriebenen Weise zu einer chronischen Vergiftung ftihren, lvenn jemand gezw»mgen ist, etiva bei Verpflegung auf langen Seereisen, sich»vochen'lang mit Konserven zu ernähren. Werden solche Konserven nur gelegentlich oder nur für kurze Zeit genossen, so ist die Menge der schädlichen Zinnsalze zu gering, um die Geslindheit zu gefährden.— Aus dem Thierleben. — Neber die Vererbung der Haarfarbe beim Pferde hat der verstorbene Professor Wilckens Untersuchungen an- gestellt. Bei 1000 Paarungen gleichfarbiger Vollblutpferde ergab »ich 856 mal die Vererbung der Haarfarbe. Bei 1000 Farben- krcuzungen erbten 437 Fohlen die Farbe des Vaters, 508 Fohlen die der Mutter: 65 wurden andersfarbig. Bei Farbcnrcinheit über- trägt sich die Fuchsfarbe am hänfigstei», 976 u»al unter 1000._ Bei Farbenkreuzungen ninnnt dagegen die braune Farbe die erste Stelle ein, während sich die Rappfarbe am seltensten vererbt, so datz unter 1000 Paarungen bei Rapphengsten 116, bei Rappstuten nur 92 Rapp- fohlen gezählt»vurden. Auch bei englischen Vollblutpferden»vird bei Farbenreinzucht die Fuchsfarbe weitaus am häufigsten (946: 1000), bei Farbenkreuzungen dagegen am leichtesten die braune Farbe übertragen, die Rappfarbe»vird nur spärlich ver- erbt. Araberpferde, Vollblut und Halbblut, vererbten in 1000 Fällen bei gleichfarbigen Eiter»» 837 mal die Haarfarbe, bei Farben- kreuznngei» Ivar vererbt unter 1000 die Farbe des Vatcrthieres 313 mal, die Farbe der Mutter 566 mal, während 121 mal andere Farben auftraten. Bei Farbenreinzucht überträgt sich hier ain häufigsten die Schimmelfarbe p/io) und ebenso bei Farbenkreuzungen (729.- 1000), ihr folgt die braune Farbe. Das Ergebnih dieser Ver- suche besagt also, datz sich im allgemeinen die Fuchsjvrbe am leichtesten, die Rappfarbe am schwersten überträgt.— Geologisches. — Eine merkwürdige Quelle ist beim Dorfe Eichenberg im Grenzgebiete der Provinzen Sachsen, Hannover und Hessen zu sehen. Sie fließt zwei Stunden lang stark und dann die gleiche Zeitdauer wieder schivach, so datz sich hierin gewisscrmatzen eine starke Ebbe und Fluth»viedcrspiegelt. Diese Quelle,„Karlsbrunnen" genannt, entspringt im höchsten Theile des Dorfes. Touristen aus aller Welt suchen sie auf und beobachten mit höchstem Interesse den liebergang von der schlvachen zur starken Ströinung. Nach einem plötzlich erfolgenden dumpfen unterirdischen Getöse steigt das Wasi'er im Gröttenbecken schnell»m» 25 Zeittimeter, und die A»»slauf- röhre, die eben nur zu einem Fünftel gefüllt ivar, vermag jetzt die an- stürmenden Wasser nicht zu fassen. Nach zlvei Stunden nimmt der Quell ebenso plötzlich, wie er gestiegen ist, wieder ab. Die in den Stunden starken Quellens ausgespieenen 200 Liter Wasser aus die Minute speisen eine für das Dorf angelegte Wasserleitung.— Unter den Säuerlingen des Egerlandcs, deren Ausbruchsstellcn parallel zu den Franzensbader Quellen verlaufen, befindet sich einer, der einige Minuten hindurch mit polternden» Geräusch sein Wasser hervorsprudelt,»vährend er gleich darauf mehrere Mimiten lang ganz versiegt.— Technisches. — Eine der interessante st en Schmalspurbahnen der Welt ist wohl diejenige zlvischen Siliguni und Darjeelmg in Indien. Obwohl diese Linie nur 75 Meilen lang ist, steigt dieselbe doch nicht»vcnigcr als 7000 Futz. Die Spurlveite beträgt zlvei Fuß. der Verkehr»vird durch kleine Lokomotiven im Gelvichte von 12 Tonnen vermittelt, welche einschließlich des Eigengewichtes eine Last von 39 Tonnen bei einer Durchschnittsstcignng von 1:25 schleppen können. Die Baukosten dieser Linie betrugen per englische Meile 74 200 M., also insgesamint 5 565 000 M.— Humoristisches. — Der Lebensretter.„Ah! Servns. Herr Major!"— „Kerl, was erstecht er sich, mich hier anzusprechen!"—„No. Sie ham mir ja im Fcldzug's Leb'»» gerett't!"—„Ah so! Das ist was anderes I Da habe ich Sie wohl herausgehauen oder»vie ivar dein» das st— Davo'g'loffen sans und i bin Jhna iiahg'Ioffenst („Sinrplicissinnls".) — Eine schwedische Anekdote wird in der„Bohcmia" erzählt. Schlinun ging eS einem jungen Deutschen, de»- etivas schivedisch gelentt, in einer großen schivedischen Gesellschaft. Der junge Mann fragte eine der vielen Fräuleins:.1» Frikka all in Tujska west?"(„Sind Sie,»nein Fräulein, fchon in Deutschland gewesen?") Die gai»ze Gesellschaft, besonders die jungen Damen sahen sehr verlegen zu Boden. Der junge Ma»m koilitte sich gar nicht erklären, welche Ungeschicklichkeit er begangen hatte. Erst später empfing er in Herrenkreisen Aufklärung. Ein wirklicher alter Schivede sagte:„Bester Herr. Sic haben uns da eine böse Geschichte angerichtet. Während des dreißig- jährigen Krieges waren ja fast alle schwedischen Männer in Deutsch- land. Wenn nun nicht hin und wieder die schivedischen Fraiien ihren Männern nachgereist»vären, so»vären die schivedischen Familien aus- gestorben. Wenn heute ein kleiner Schivede geboren»vird, so sagen die Schivede»» von der Mutter,„sie ist in Deutschland geivese»»". So hätten Sie also das Fräulein mcht stagen sollen."— Vermischtes vom Tage. — Auf der Alple rbecker Hütte(Westfalen) fiel ein Maurer- meister bei Reparaiurarbeitcn in ein mit siedendem Wasser gefülltes Bassin. Er wurde sofort ivicder herausgezogen, starb aber schon während des Transports zun, Krankeuhause.— — Eine Z ü n d s ch n u r f a b r i k in Linn(Rheinprovinz) ist vollständig niedergebrannt. Die Pulverlager konnten noch rechtzeitig geräumt werden. Ein Mädchen ist schiver verletzt.— — Ein schweres Uuwetter mit starlen» Hagclschlag und wolkenbrilchartigem Regen hat die nördlichen Theile von Wolbeck sehr geschädigt.' In � i r ch l o s h e i in fuhr der Blitz durch die Wohnstube cilics Hauses und tödtete die Frau eines Gutsbesitzers, während die daneben sitzenden Kinder unverletzt bliebe».— k. Der V o l k s h och s ch u l- V e r e i n in M ü n ch e n bat im Winterhalbjahr 1897/93 16Lehrkursc zu je 6 Vorlesungen vcraniialtct. 1870 Personen nahmen daran theil, 350 mehr als im Bo. ahre. Dabei ist die Zahl der Handiverker und Arbeiter von 29,72 pCr. in» Borjahre auf 12,5 pCt. gesunken.— — In Berchtholdsdorf. einer Sommerfrische bei Wien, stieß ein Fiaker mit einer Dainpfstratzeubahn zusammen. Von der in» Wagen sitzenden Familie lvurde die Frau sofort gctödtct, der Mann und eine Tochter schiver verletzt.— — In» Hafen von P a r e n z o(Jstrien) fingen drei zwölfjährige Fischerjungen einen beinahe zwei Meter langen Haifisch. Er hatte sich im Netze so verstrickt, datz er noch in» Wasser erstickte.— — In G u s s i g n e bei Ccttinje äscherte eine Feuersbrun st 250 Häuser und mehrere Moscheen ein. Mehrere Personen sind verunglückt.— c." e. Zwischen der Stadt Belluno und der Ortschaft Per a- rolo, dem Mittelpunkt des italienischen Holzhandels, soll eine elektrische Eisenbahn von mehr als 36 Kilometern Länge gebaut werden— die erste in Italien.— Beranrwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.