Anttthaltungsblatt des Vorwärts Nr. 173. Sonntag, den 4. September. 1898 (Nachdruck verboten.) 691 Am die �voilzeik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1325. Von Robert Schweichel. Viertes Kapitel. Am späten Abend desselben Tages, an dem die Bauern- gesandten in Rothenburg eingeritten waren, koste unter der Linde vor dem Wirthshause zu Hochberg ein junges Menschen- paar. Er hatte seinen rechten Arm um den Leib der Dirne gelegt und sie seine Hand über den Hüften fest an sich ge drückt, um sich noch enger an seine Brust zu schmiegen. Sie hatten einander lange nicht gesehen; denn der lange Wilm diente auf dem Marienberge. Nun war er von dem Domprobst nach Heidelberg geschickt und er benutzte die Gelegenheit, um die Küsse der Liebsten mit auf den Weg zu nehmen. Die ihm anvertraute Botschaft stak in dem hohlen Schaft.des Spicstes, der an der alten Linde lehnte. Ihr dicker Stamm aber und die Schatten der mächtigen Laubkrone ver- bargen das Weib, das im Mcken des jungen Paares kauerte. Es war die schwarze Hofmännin. Sie hatte die Arme auf die hochgczogenen Knie gestützt und das Gesicht in die knöchernen Hände gelegt. Als sie erfahren, daß der Bischof von dem Marienberge entflohen sei, war sie anfangs ganz betäubt gc- Wesen und hatte es für unmöglich gehalten, daß ihrer Rache die Krone noch im letzten Augenblick aus der Hand geschlagen sein sollte. Dann hatte sie ihr graues Haar zerrauft, die Brust mit ihren Fingernägeln zerfleischt, wie eine Wahnsinnige geschrieen und mit schäumendem Munde Gott verflucht. Den Wirbelstürmen ihrer Seele gehorchend, trieb sie sich bald ruhelos um, bald hockte sie, so wie jetzt, stundenlang brütend auf derselben Stelle. Wie unter den Odcnwäldlern und Neckar- ckhalern, so war sie bald in allen Lagern bekannt, und der Ruf ihres Bündnisses mit überirdischen Mächten verschaffte ihr überall ein mit Grauen gemischtes Ansehen. Die Feldkessel waren auch für sie gekocht, wenn sie Hunger hatte, und war sie müde, so streckte sie sich an dem nächsten Lager- scucr aus, oder sie schlief in den Ställen oder sie kroch in den Scheunen ins Stroh. Sie achtete nicht Tag noch Nacht. Die Linde, unter der des Wirthes Töchtcrlein mit dem langen Wilm flüsterte und koste, war ein Lieblings- platz von ihr; sie hatte hier einen freien Blick auf den Marienberg. Sie achtete des Raunens der Verliebten nicht. Vielleicht nahm sie es für ein Aufrauschen der Linde. Jetzt aber richtete sie horchend den Kopf auf; denn lauter als bisher sagte der Bursche: „Ade, herztausigcr Schatz, itzt muß ich den Weg wieder unter die Füße nehmen." „Ach, ist das ein Kreuz!" seufzte Rösel.„Wie lang soll's denn noch währen, bis-wir für's Leben zu einander können?" Die welken Lippen der Alten verzogen sich halb vcrächt- lich, halb mitleidig. Immer dieselbe Jngendthorheit! „Jetzt hat's wohl am längsten gedauert," tröstete der Bursche.„Die Herren sind gestern gar lustig gewesen und ich Hab' auch aufwarten müssen. Da hat der Wein mehr aus ihnen gered't, als sie sonst über ihre Zungen lassen. Sie hoffen, daß dem Götz und dem Mctzler sein Haufen ihnen zufallen werde. Das soll ich wohl dem Bischof ver- melden." „Geh', redt' nit so ungescheidt, Wilm," zweifelte Rösel. „Wie sollt' denn das möglich werden." „Nu, die Haiwtleute gehen ja bei Euch ein und aus," antivortete er und nahm seinen Spieß zur Hand.„Hast Du nit ctwan bemerkt, daß sie mehr wie sonst darauf gehen lassen? Sie müssen viel Geld im«sack haben." Das Mädchen schüttelte den Kopf, und er erklärte:„Sie müssen Geld vom Schloß gekriegt haben, oder sie kriegen noch welches. Paß' auf." Rösel schrie auf und Wilm rief, ihr den Mund zu- haltend:„Willst mich gar verrathen?— Sic haben droben davon geschwätzt. Und noch eins, Rösel I Nu, wo sie Geld haben und Du läßt Dich vom Teufel verblenden—" Sie ließ ihn nicht ausreden, sondern verschloß ihm den Mund mit Küssen, indem sie ihn mit beiden Arnwn umschlang. Solche Betheuerungen ihrer Treue mochten ihm baß behagen, denn sie mußte sie gar oft wiederholen. Endlich ging er; die schwarze Hofmännin hörte das Geröll des Weges unter seinen Füßen knirschen und dann die Thür des Wirthshauses leise ins Schloß fallen. Die schwarze Hofmännin harrte schlaflos des Morgens. Kaum graute er, so störte sie die Bauern in Hochberg mit dem Geschrei auf, daß ihre Hauptleute von denen auf dem Schlosse bestochen seien, uni ihre Brüder zu verlassen und zu verrathen. Georg Metzler und Hans Flux versuchten umsonst, die Aufregung und Wuth, die darüber entstand, zu sänftigen. Vergebens schwuren sie, daß weder sie noch irgend ein Haupt- mann Geld vom Schlosse erhalten hätten. Die Bauern be- mächtigten sich der Geschütze des Grafen von Wertheim und zogen mit ihnen durch den Kuhbachgrund. Ihnen voraus eilte die schivarze Hofmännin nach Heidingsfeld, und als jene an dem Fuß des Nikolausberges ankamen, strömten ihnen bereits die dort lagernden Bauern in erhitzten Schaaren ent- gegen, und alles legte Hand an, die schweren Geschütze auf den Gipfel des Berges zu schaffen. Unterdessen durchflog bereits das Gerücht von dem Ver- rath der Bischöflichen die Stadt und die schwarze Hofmännin brauchte nicht, wie vorher die Bauern, so jetzt die Würz- burger erst anzufeuern, über das Schloß zu fallen und alles. waS Leben habe, zu erstechen, che die Hilfe einträfe, um welche ein Bote nach Heidelberg geschickt worden. Ein Theil der Bürgerschaft lief mit Schaufeln, Karsten und Spitzhacken herbei, um das Schloß zu untergraben. Ein anderer zimmerte unter den Bögen der steinernen Brücke, der einzigen, die da- mals beide Ufer verband. Flöße, um eine gegen das Feuer vom Schlosse gedeckte Verbindung herzustellen. Bei dem Bleidenthurm am rechten Ufer, im Deutschen Hans und unter dem Bogen der Augustiner wurden Feuer- schlünde aufgepflanzt. Hans Bermeter entwickelte eine fieber- hafte Thätigkcit. Der Bürgermeister ließ aus allen Vierteln die Domherren, die unter dem Schein der Bauernfteundlichkeit in der Stadt geblieben waren, vor sich fordern und nahm ihnen den Eid ab, bei jedem Auflaufe sich zu stellen, den Hauptlcuten zu gehorchen und der Stadt Schaden zu wehren. Mittlerweile stürmten die Vorstädter unter Führung der schwarzen Hofmännin die Stiftskirche von St. Burkhard am Thor, das älteste Gotteshaus der Stadt. Die gemalten Fenster, Altäre, Heiligenbilder, Reliquienschreine, Meßgewänder fielen ihrer Erbitterung auf die Bischöflichen zum Opfer. Es wurde alles zerschlagen, zerrissen, zertrümmert. Götz von Berlichingen sprengte nach dem Neumünster, um die immer höher gehenden Wogen zu dämpfen. Das wüste Treiben bei der Stiftskirche entflammte seinen Zorn und mit feuerrothem Gesichte trat er in die Kapitelstube. Hitzig rückte er den Rüthen vor, daß sie derartigen Unstig litten. Er möchte lieber bei den Türken als bei ihnen sein. Es kam zu den heftigsten Auftritten. Jakob Köhl sagte es ihm auf den 5topf zu, daß er es mit denen auf dem Schlosse halte und Zwietracht zwischen den Haufen zu säen trachte. Götz hielt es für gerathen, sich davon zu machen. Kanonendonner läutete den Sonntag Cantate ein. In der Stadt schlug es vier Uhr, als der Nikolausberg sein Feuer auf das Schloß eröffnete. Die Belagerten erwiderten es nicht, sondern ließen ihr sämmtliches Geschütz in die Stadt abgehen, und in wilder Flucht stoben die Menschen, die sich auf den Plätzen und Gassen angesammelt hatten, vor den einschlagen- den Kugeln auseinander. Eine ganze Stunde lang spie der Marienberg seine Geschosse in die Stadt und überstreute die Gassen mit einstürzenden Rauchfängen, Dachsteinen, Mauer- stücken und Valkensplittern. Inzwischen thaten aber auch die Geschütze am Pleidenthurm, bei dem Deutschen Hanse, den Augustinern und auf den Stadtthürmcn ihre ehernen Schlünde auf. Den ganzen langen Tag über donnerte und krachte es auf dem?tikolausberge und in der Stadt, während die Bischöflichen ihr Pulver schonten. Die städtischen Geschütze bewiesen sich wirk- sainer als diejenigen auf dem Nikolausberge, von denen eine' Falkoncttkugel den Amtskeller von Lauda auf seinem Bette tödtete, während ein Schuß von den Stadtthürmen dem Kaplan des Bischofs das Leben kostete. Der Stadt fügte den größten Schaden die neue auf der Schutt errichtete Batterie zu. Daß sie vor allen Dingen zum Schweigen gebracht werden mußte, darüber waren die auf dem Nikolausberge versammelten Hauptleute der Bauern einig. Vielleicht gelang es, sie durch einen plötzlichen Ueberfall zu nehmen und dabei auch das Schloß zu überrumpeln. Simon Neuffer war dem kühnen Handstreich nicht abgeneigt, rieth jedoch, ihn aufzuschieben, bis Florian Geyer aus Rothenburg zurück sei und die Sache in seine kriegserfahrene Hand nähme. Da rümpfte insonderheit unter den Pfarrern, die stets aller Weisheit voll waren, mancher die Nase. Jakob Köhl gab den Ausschlag, indem er, seinen Nacken steifend, be- merkte, es hätte auch sonst wohl manch einer Burgen ge- brachen. So wurde denn in den Lagern bekannt gegeben, daß im Grünen Baum sich vorzeichnen lassen möchte, wer lustig zum Stürmen sei. Da ächzte dort die Stiege un- aufhörlich unter den Füßen der sich Meldenden. Besonders kamen viele von der Schwarzen Schaar und solche, die schon bei Weinsberg mit dabei gewesen waren. Simon Neuffer hielt es für seine Pflicht, nicht zurückzubleiben und von den Rothenburgern ließ sich auch Paul Jckelsamer, der Fähnrich, einschreiben. Der schöne Regenbogen, der am Montag um die Mittagsstunde bei völlig heiterem Himmel um die Sonne sich zeigte, galt den Bauern als ein Sieg ver- heißendes Zeichen. Viele feierten ihn im voraus durch Freudenschüsse. Später bewölkte sich der Himmel. Eine sternenarme Nacht begünstigte das waghalsige Unternehmen. Um zehn Uhr traten die Freiwilligen ihren Todesmarsch an; jedoch nicht in möglich größter Stille. Mit Trommelschlag und Pfeifenklang und flatternden Fahnen zogen sie durch die Stadt nach dem Zeller Thor. Sie waren mit langen Leitern und allem, waS zum Stürmen erforderlich, Wohl versehen. Die Schwarzen bil- deten die Spitze und Simon Neuffer, dem der Oberbefehl über den ganzen Sturmhaufen übertragen war, führte sie. Neben ihm ging Konz Hart's junger Stiefsohn mit der Trommel und rührte kampflustig das Spiel. Paul Jckelsamer schwenkte die Fahne der Rothenburger. Am Thore standen Jakob Köhl und die Bauernräthe.„Dran I dran, lieben Brüder!" riefen sie den Schaaren zu, und bald ertoste die Nacht von dem wilden Geschrei der Stürmenden. Ein mörderisches Feuer empfing sie. Der Wächter auf dem Berchfrit, dem hohen Wartthurm des Schlosses, hatte die ungewöhnliche Bewegung in der Stadt während des Tages bemerkt, und die Belagerten waren auf ihrer Hut. Die Bauern achteten jedoch der in ihre Reihen schlagenden Kugeln nicht.„Dran! Dran!" Gleich der vom Sturm gepeitschten Meerfluth brandeten sie wieder und wieder an den Schanzen, überschäumten sie und rasten sie gegen den lichten Zaun. Sie schlugen niit ihren Aexten die Pallisaden nieder, rissen sie mit den Händen aus der Erde, zwängten sich zwischen ihnen hindurch und sprangen in den Graben vor den Schloßmauern. Unaufhörlich blitzten und krachten Wall- und Hackenbüchsen und Handrohre; sieden- des Wasser ergoß sich von den Mauern, aus den Fenstern auf die Stürmenden, Stinkkrüge, Pechkränze, griechisches Feuer, Pulverklötze regneten auf sie. Der Barsüßermönch ließ seine Feuerkünste spielen. Mit Grausen sahen die Würzburger, die auf der Brücke, den Gassen und Plätzen standen, das unaufhörliche Blitzen und Aufflammen und vernahmen das ununterbrochene, durch den Wiederhall von den Bergen verstärkte Rollen. Krachen und Knattern, untermischt mit dem wilden Geschrei der Kämpfenden. Es war, als ob mehrere Gewitter zugleich über dem Schlosse sich entluden, das mitunter ganz vom Feuer eingehüllt erschien. Was sie aber nicht hören konnten, das war das Acchzen und Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden, das Jammergeschrei der im Schloßgraben Ver- brühten. Verbrannten, Zerrissenen und Zerschlagenen. Plötzlich trat eine Stille ein, Simon Neuffer rief die Stürmenden ab, nicht zum Rückzüge, sondern uin sie zu sammeln und frisch zu ordnen. Bald schlugen die Trommeln wieder zum Sturm. Der kleine Spielmann der Schwarzen war nicht mehr dabei. Er hatte seine Trommel weggeworfen, einem Tobten die Büchse und Kugeltasche genommen und war, unter den Ersten einer, wie eine Katze zwischen den Schanz- pfählen hindurchgeschlüpft. Mit zerschmetterten Beinen lag er wimmernd im Graben. Da schaute ein Hauptmann der Fuß- knechte aus einem Fenster aus, lvo denn die Bauern wären; hinter ihm brannte ein Licht. Seine letzte Kraft zusammenraffend, richtete sich der kleine Spiel- mann ein wenig auf und seine Kugel zerschmetterte dem Hauptmann den Schädel.„Sie kommen!— Sieg!— Mutter I" hauchte der arme Knabe zurücksinkend und starb. Muthiger denn zuvor entbrannte der Kampf und spie gleich einem Drachen rings um das Schloß Rauch und Feuer. Von allen Seiten zugleich stürmten die Bauern an. Etlichen gelang es, bis in den Vorhof des Schlosses zu dringen und zwei oder drei erkletterten sogar von der, dem Nikolaus- berge zugekehrten steilen Felswand die Mauern; sie wurden aber alle sogleich von der Besatzung niedergemacht. Der Bauern Heldenmuth war umsonst. Sie mußten endlich weichen. Die Schwarzen waren die letzten auf dem Kampfplatze. Paul Jckelsamer war gefallen, Simon Neuffer verwundet. Er merkte es aber erst später. Vor dem Zeller Thore schloß sich ihnen die schwarze Hofmännin an. Sie hatte dort während des ganzen Kampfes gestanden, der pfeifenden Kugeln nicht achtend, nur mit brennender Seele des Augenblickes harrend, in dem die Bauern das Schloß überwältigen würden. Die Belagerten erwarteten einen dritten Sturm. Als er ausblieb, ließen sie alle ihre schweren Stücke in die Stadt gehen. Dann machten sie sich daran, frische Kugeln zu gießen, denn sie hatten fast ihren ganzen Vorrath davon verschossen, so heftig war ihr Feuer gewesen. Vier Stunden lang hatte der Kampf gerast. Bei Tagesanbruch kamen zwei Herolde mit einem Hut auf einer Stange vor das«schloß. Die Bauern ließen durch sie einen Waffenstillstand bis um zwei Uhr nachmittags an- bieten, um ihre Verwundeten, die sie nachts hatten zurück- lassen müssen, in die Lager zu schaffen und um ihre Tobten zu begraben. In den Gräben und der Schanze allein lagen vierhundert von den ihrigen, verwundet oder todt. Der Dom- probst, Markgraf Friedrich von Brandenburg, erschien selbst zur Unterhandlung aus der Mauer. Er erklärte sich bereit, einen Still- stand nicht mir bis zwei Uhr, sondern bis Mitternacht anzu- nehmen; es sollte jedoch bis dahin alles in dem jetzigen Zustande verbleiben und kein Bauer oder Städter den Tell betreten. Alle Vorstellungen und Bitten der Herolde prallten an der gepan- zerten Brust des geistlichen Fürsten ab. Die Verwundeten mußten in ihren Schmerzen und Qualen hilflos verziehen, bis der Tod sich ihrer erbarmte. Hoffte der Domprobst, die Bauern durch eine solche Unmenschlichkeit mürbe zu machen, so irrte er. Ihre Erbitterung wurde dadurch vielmehr auf das höchste ge- stachelt und sie machten sich sogleich daran, den Berg, auf dem das Schloß stand, oberhalb der Vorstadt St. Burghard zu untergraben und neue Schanzen anzulegen. lFortsetzung folgt.) Sonnkttssplauvevei. Es färbt leicht ab. Oberst Henry, der Chef des„Fuformations- Bureaus" hat es am eigenen Leibe erfahren. Nicht auf die genugsam erörterte, militärpolitische Seite des„Falles Henry" sei hier hin- gewiesen: rein psychologisch ist es interesiant, wie gewisse Dinge auf den abfärben können, der sich berufsmäßig mit ihnen befaßt. Man hat in der ganzen Dreyfus-Affäre in der deutschen Presse nur selten Töne vernommen, die den Eindruck ruhig- objektiver Er- wägung gemacht hatten. So ist denn auch das Bild des französischen Obersten Henry, als er seinerzeit gegen Picguart in die Ver- Handlungen eingriff, offenbar von Haß entstellt worden. Wir lasen von einem vierschrötigen, ungeschlachten Gesellen; man nannte Herrn Henry einen brutalen Äuvergnaten; er habe den Nacken eines Bullen uud sein Gesichtsausdrnck ähnle dem eines Bullenbeißers. In Wahrheit dürfte er das Aussehen einer straff- robusten Soldatennarur gehabt haben, wie es die Photographien von ihm auch bestätigen. Die überhitzte Phantasie fanatisch erregter Berichterstatter hat aus Henry einen Mann von teuflischer Tücke genmcht. Das ist läppisch und zugleich erklärt es Henrys Sturz nicht. Herr Henry hat von der Pike auf gedient, war ein subalterner Geist und avancirte stetig, aber langsam. Er scheint weder sonderlich arglistig und streberhast, noch sonderlich klug gewesen zu sein. Starr- militaristische Ehrbegriffe werden in ihm ebenso lebendig gewesen sein, wie bei anderen Offizieren. Dafür spricht seine letzte That, der Selbstmord. Und dennoch die Fälschung! Die leichtfertig ersonnene Fälschung l Es färbt ab, wenn man sich darin tummelt I So hoch über seinem Amt— im geistigen Sinn— stand Oberst Henry nicht, daß er nicht in Verwirrung gerathen wäre. Der Mann hatte das Spionagewesen zu verfolgen. Die herrschenden Gewalten erklären, man könne diese gegenseitige Spionage nicht entbehren, und sie werden von ihrem Standpunkte aus gewiß recht haben. Es ist eben eine Illustration zu unserem bewaffneten Frieden. Wie leicht nun verrückt sich bei einem Mann von nicht allzu großem Witz die eigene Werthschätzung. Er verliert den Maßstab zwischen' sich und der Welt, die ihn umgicbt. Er fühlt sich als Stütze der Gesellschaft. Er ist zum Retter berufen. Er übertreibt die eigene Verantlvortung. Er muß die feindliche Minirarbeit wider das Wohl des Vaterlandes zerstören. Jede lunrpiqe Spitzelgcschichte wird ihm zur großen Aktion. So erhöht sich sein Würdebcwiißksein, es macht rhn vielgeschäftig, es treibt ihn an, da und dort einzugreifen, wo der Eingriff nur verwirrenden Schaden anrichtet. Auch uns sind ja solche Helden von Jnfonnationsbureaus nicht fremd geblieben. Dazu kommt die Neigung der Leute vom Schlage Henry's, der vielgeschäftigen Vaterlandsretter, sich für besonders verschlagen zu halten, wenn sie ihr bischen Spitzelerfahruitg verallgemeinern. Daher ihre Spioncnriechcrei, ihr krankhast reges Mißtrauen. Sie werden Heiß- sporne im Spionagewitteni; und so entglitt auch Herrn Henry bald die anerzogene starre Offiziersehre. Er glaubte, im hohen Kampfe gegen den Vaterlandsverrath komme es auf Kleinlichkeiten nicht an. Seine ethischen Begriffe waren längst unklar geworden. Er dachte bei sich: Ein Mann von hoher Verantwortlichkeit hat sich nicht um Lappalien zu kümmern. Und solche Lappalien wie gefälschte Schrift- stücke, gestohlene Papierkörbe, waren ihm im Spionagcwesen oft genug vorgekommen. Daher konnte der subalterne Mann, der sein Amt, seine Verantwortlichkeit weitaus überschätzte, es garnicht fassen und begreifen, daß man sein Geständniß für etwas Besonderes hielt. Was habe ich gethan, was ist denn geschehen, rief er ein unis andere Mal, als man ihn verhaftete und ins Gcfängniß ab- führte. Der Mann war kein Teufel, weder ein dummer, noch ein ver- schlagener. Mit abenteuernden Existenzen, wie etwa Esterhazh ist, hat er nichts gemein. Er ist robust, von Haus aus ein gutbiirger- licher Auvergnate. Nach nervösen Neigungen mar er nicht lüstern, ihn lockten nicht die knisternden Banknoten, noch die weibliche Denn- inonde. Er starb arm: und er wäre ein braver Durchschnittsoffizier der Truppe geblieben, hätte seine Stellung im Jnfornialionsbureau ihn nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Große Worte wurden wiederum laut, ein brausendes, schaden- freudiges Trara! Aber die Welt wird dadurch nicht erschüttert. Da hieß es: Frankreich hat ein zweites Sedan erlebt, als Henry fiel. Bum, bum! Eine zweite Bankrotterklärung sei erfolgt, und was derlei Bemerkungen mehr sind, die man dem Nachbar gegenüber mit Vorliebe anwendet. Man braucht noch kein alter Zeitungsleser zu sein und man kennt die Phrasen hinlänglich. Wie oft ist dies zweite Sedan schon seit einem Vicrtcljahrhundert geschlagen worden! Wie oft hat Schadenfreude sich in widersinnigen Einbildungen und Uebcrtreibungen gefallen! Es wäre kein gesunder Fleck mehr am ganzen Leib Frankreichs, wenn es so viele zweite Sedans erlebt hätte, als ihm vorgerechnet wurden. Nichts ist widerlicher, als diese chauvinistischen Jubelrufe beim Malheur seines Nächsten. Es ist drüben gewiß um nichts besser als hüben; und das allein wirft ein merkwürdiges Licht auf manche andere große Dinge, die in den letzten Tagen im Hymnenstil besprochen wurden. Wenn man einzelne Stimmen so hörte, so möchte man denken, die Welt erzittere in andächtigen Schmier», und eine Weihestimmung ohne gleichen hielt sie im Bann. Aber da kommt die austcgcndc Affäre Henry, und die undankbare Welt horcht gc- spannter nach Paris hin, als nach dem Friedcnsgesang von der Newa; und der spöttelnde Gaffenwitz Berlins ruft wahrend der Herbstparade in angeborener Berlinischer Zweifelsucht Parade- Ansichtskarten aus:„Kauft, Leute, kauft, ehe noch der Weltfrieden kommt. Es ist höchste Zeit!" Und es war nicht einmal um Weihnachten herum, wo es sich sonst sehr„stimmungsvoll" niacht, als aus den Zeitungen die süßlich getragenen Deklamationen erschollen, und als Frau Bertha Suttner sowohl wie Herr v. Egidy dem größten Zaren die Schwester- wie die Bruderhand reichten. Vom Osten kommt das Licht! Von« Osten her will das Heil scheinen über die vereinigten Völker Europa's. Aber dem Westen erscheint das Licht fahl und, von einigen unheilbaren Schwärmern abgesehen, die in jedem Ver- sprechen gleich die Erfüllung erreicht zu haben glauben, zweifelt der Westen, das ihm das Heil so nahe sei. Der Zar hat gesprochen, ein mächtiger Mann. Er hat Gründe angeführt, die jedem zillilisirtcn Westeuropäer seit Jahrzehnten ge- läufig sind. Er aber ist überschwänglich gepriesen worden, von gefürchteten Kollegen sowohl, wie von den Friedensvereinen. Keine weltgeschichtliche THat sei der seinen gleich; und ihre Spur werde nicht nach Aeonen untergehen. Der Zar und seine Diplomaten find mächtige Leute; und so werden wir das Schauspiel einer Friedenskonferenz erleben. An diesem Schauspiel wird das Interessanteste das Mißtrauen sein, mit dem ein Freund den anderen theucr erkauften und zärtlich lieb- kosten Genossen, mit dem Frankreich seinen russischen Verbündeten betrachten dürfte. Im übrigen wird die Welt bei allen noch so melodisch klingenden Vorträgen nüchtern bleiben. Ein klaffender Widerspruch ging diesmal durch die offizielle und die außeroffizielle Welt. Selbst in gutgläubigen Volkskrcisen ver- spürte man kaum einen Hauch, wie vom Segen einer Heilsbotschaft. Wo nian das verwunderliche Friedensmanifest als eine freie Willensentschließung des Zaren, als eine Gefühlsaufwallung, frei von jeder diplomatischen Nebenabsicht, nahm, selbst da blieb der starke nioralischc Eindruck, den man offiziell betonte, aus. Einzelne Leute wollten wissen, der Zar sei lange schon von gewissen geistigen Ein- flüssen des bald siebzigjährigen Tolstoi berührt, und was derlei weit- hergeholte Vermuthungen sind. Aber über den Eindruck des Ver- wunderlichen kamen auch sie nicht hinaus. Fast instinktiv waltet bei dieser gelassenen Auffassung das Be- wußtscin, das selbst des größten Zaren ehrlicher Wille nur ein Faktor in der geschichtlichen Entwickelung der Völker wäre. Auch im absolut regierten Nußland entwickeln sich Industrie, entwickeln sich Großhandel, Bourgeoisie und Großkapital und sie werden ihre Gesetze diktircn. Darum sieht man entweder heiter, oder bitter skeptisch, dem Schauspiel des Friedenskongresses der Diplomaten entgegen, je nachdem man der Anschauung zuneigt, die Sache ist ein gleichgiltig diplomatischer Tanz oder eine jener bedenklichen Konferenzen, auf denen der Friedensbund Anlaß zu hellem Gezänkc giebt. Oft will in einer Menschenmenge der oder jener einen Störer zur Ruhe weisen, und gerade die Pst! Pst I Rufer und Ruhestifter werden zu umso empfindlicheren Lärnnnachern; und nicht selten gerathen sie selbst übereinander. Eins ist gewiß: Wir sollten insgesammt nicht so sicher thun und nicht so ruhmrcdnerisch vom fortschreitenden Geist der Zivilisation, vom Sturmschritt der modernen Anschauung erzählen. Erstens schreitet der moderne Geist gar nicht so stürmisch, und dann ist für känrpfende Menschen nichts gefährlicher, als ein vorzeitiges Sicherheitsgefühl. Oft genug in der Geschichte haben sich einzelne Interessengruppen so geberdet, als seien sie von neuzeitlichen Erscheinungen beein- flußt, und in Wirklichkeit hemmten sie neuzeitlich vor- drängendes Wesen. Jetzt wird die Wahrheit nicht mehr aus der Welt verschwinden, so feierte ein liberales„Friedens- blatt" das russische Friedensmanifest. Oh, ihr unsterblichen Byzantiner! Was einmal im Jdcenschatz der Welt errungen ist, ver- schwindet nicht, ob es ein Zar bestätigt, ob verwirft. Allein die ideelle Wahrheit will in reale THat umgesetzt werden; und dazu ist Anspannung aller Kräfte noth, die von der ideellen Wahrheit durch- drungen sind.—_ Alpha, Nleinrs Iuenillekon Ein Todesmarsch. Um die Mitte des Augusts wurden in der Nähe von Nancy Marschmanöver abgehalten. Besonders der Oberst des ftanzösischen Jnfanterie-Rcgiineitts Nr. 79 that sich dabei als Soldateuschinder hervor. Die Folge davon war, daß beinahe das halbe Regiment auf dem Wege liegen blieb. Wir haben seinerzeft darüber berichtet. Jetzt liegt in der„Aurore" ein Brief vor, den ein Soldat des genannten Regiments an seine Eltern gerichtet hat. Dem Schreiben sei folgendes entnommen:...„lim 2 Uhr ftüh mußten wir wieder aufbrechen. Wir marschirten mit Sicherheitsmaßregeln, denn die Uebung war wieder im besten Gange. Um 19 Uhr kamen uns die Kürassiere wieder zu Gesicht, und waren gezwungen, uns wieder in Gefechtsformation zu setzen.— Alles ohne auch nur eine Minute ruhen zu können. Die Hitze war schrecklich, und die Mannschaften fielen allerorts um, aber dennoch gestattete uns der Oberst nicht, auch nur S Minuten uns zu erholen. Der Major stritt sich mit ihm darob und schrie ganz laut, daß er über das Vorkonimniß einen Bericht an das Ministerinin machen werde, daß er nicht der Mit- schuldige eines Mörders sein möge, und daß er das Regiment trotz allem»verde halten lassen. Der Weg ist mit Menschen überstreut, die an den Straßengräben hinsterben; das ist inehr als traurig mitanzusehcn. Wir brechen von neuein auf, ganze Stötten brechen zusammen. Schauerlicher Anblick! Der Oberst ge- stattete nicht eine einzige Stturde der Ruhe. Wir lagen auf der Erde ohne jedwedes Verlangen nach Rahrnng. Im Augenblick des Aufbruchs mochte die Zahl der Nachzügler etwa 399 betragen. Schou gab es vier Tobte. Der Oberst bedenkt die Nachzügler mit allen inöglichen Namen und will sein Pferd über einen aiif der Straße Liegenden wegschreiten lassen. Dieser erhebt sich und fällt, nachdem er zehn Schritte vorwärts gethan hat, todt zu- sammcn. Und so geht es bis Nancy, Ivo wir gegen 3 Uhr ankommen. Einwohner kommen auf uns zu mit Flaschen, mit Wagen, mit Eimern voll Wein und Bier. Mail trägt die Zusammenbrechenden in die Häuser. Die Frauen weinen, di« Kinder schleppen unsere Gewehre. Der Major marschirt an unserer Seite, singt, sucht uns auf alle mögliche Weise zu crmuthigen, er trägt selbst ein Gewehr und nimmt einen Tornister auf seinen Rücken. Er ist ein wirtlich braver Mann!— Der Oberst verbietet uns zu trinken. Aber der Major giebt uns doch das Recht dazu; er will den Kindern Geld geben, um Bier heranzuholen, aber jener wünscht, daß dies unterbleibt. Da der Oberst noch inuner keinen Halt machen lassen will, streitet sich der Major von neuem mit ihm; letzterer trägt selbst Sterbende in die Häuser. Man schreit:„Fluch denen, die Soldaten sterben lassen!" Die Straßen sind mit Menschen überfüllt— ein trauriges Schauspiel. Die Musik will zum Einmarsch spielen, aber sie bleibt liegen. Der Oberst nennt sie Simulanten. Er schreit ganz laut, daß er„die Kracken, die in die Gräben fielen, nicht bedauern könne!" Man bläst Signal, und da stellt es sich heraus, daß 459 Leute und nicht nur 299 fehlen.— Ans den Zimmern angekommen, brechen noch immer Leute zusammen. Man bringt sie auf Strohlagern unter, die ganze Nacht gehen Krankenwärter herum. Der General kommt schon zeitig anderen Tags in das Quartter; er giebt dem Regiment drei Tage vollständige Ruhe und dem Oberst fünfzehn Tage Arrest..." Theater. — Gerhart Hauptmann hat sein jüngstes BiiHnenwer! nunmehr vollendet. Es ist eine in Schlesien fpielende Bauern» t r a g v d i e im Dialekt.— Erziehung und Unterricht. kll e b c r dieAnschauungsarmuth d er Grohstadt- kinder machen die„Blätter für Knabcnhandarbeit" einige inter- essante Mittheilungen, aus denen hervorgeht, dag vielen der Kinder, die mit sechs Jahren in die Schule komnicn, einfach noch das An- schauungsmaterial fehlt, das eine Grundbedingung für die heute ind en Volksschulen gepflegte, leider noch viel zu abstrakte Lehr- Methode ist. In dem oben erwähnten Bericht heißt es: Wenn mau mit den zur Osterzeit in die Schule eintretenden Kleinen die ersten llntcrrichtsversuche macht, treten einem, neben geistig regen, eine große Anzahl solcher Schüler entgegen, von denen man an- nehmen möchte, sie seien bis dahin blind und taub gewesen. Auch später, wo immer wieder an die als vorhanden vorausgesetzten An- schauungen der Kinder angeknüpft wird, macht man dieselbe Wahr- nehmung. Besonders den Kindeni der Großstädte mangelt es an solchen Naturanschauungen, die die Grundlage unseres geistigen Lebens bilden: an Wahrnehmungen aus Wald und Feld, von Bergen, Thälcrn und Gewässern, von den einfachsten Beschäftigungen der Menschen u. s. w. So ergab es sich z. B. bei einer in mehreren Schulen Berlins veranstalteten friifung, daß von sämmtlichen gefragten Schülern von