Mnterhallimgsblatt des Dorivärts Nr. 174. Dienstag, den 6. September. 1898 (Nachdruck verboten.) 701 Mm die Freiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichel. Wilhelm von Grumbach, der mit seinem Bruder eine Kammer im östlichen Schloßgiebel theilte, sah aus dem Fenster den Arbeiten zu. Sein Bruder lag auf dem Bette und ver- suchte, den verlorenen Nachtschlaf wieder einzubringen.„An- genehme Aussicht das," sprach Wilhelm über die Schulter zurück,„eines schönen Tages in die Luft zu fliegen oder in den Main zu purzeln, wenn wir nicht früher vor Durst um- kommen." „Verdursten? Ist halt nicht möglich," erwiderte der ältere Bruder phlegmatisch.„Hab' mir mit dem Rotenhahn die Wein- keller angeschaut, könnten sie in etlichen Jahren nit leersaufen." „Die Weinfässer nicht, aber den Schloßbrunnen, zumal es nimmer regnen will. Ist doch seit Wochen kein Tropfen vom Himmel gefallen." „Hat nur auch schon Sorgen gemacht von wegen der Saaten," gähnte Hans von Grumbach.„Mögen schlecht genug stehen, unsere Felder." „Um unsere Felder brauchen wir uns schwerlich noch zu sorgen, die werden die Bauern ernten," antwortete Wilhelm mit bissigem Humor.„Wir werden von Glück sagen können, wenn wir von unseren Burgen noch einen Stein auf dem anderen finden." Sein Bruder fuhr mit dem Oberkörper im Bette auf. „Plagt Dich der Teufel?— Ach, Unsinn," fügte er dann hinzu und ließ sich wieder in die Kissen zurückfallen. Wilhelni kam zu ihm und sagte mit gedämpfter Stimme: „Wenn Du die beiden größten Esel sehen willst, so schau mich und Dich an. Denn das sind wir, weil wir hierherkommen, anstatt es wie der Henneberger und andere zu machen. Eine Schand' ist's, daß Edelleute bei Pfaffen zu Lehen gehen. Wenn unsere Vorsahren in ihres Herzens Einfältigkeit die Freiheit ihres Besitzes von den Kotten sich abschwindeln ließen, vielleicht für ein paar Seelenmessen, sollen wir darunter für alle Zeit leiden? Ich will's nit." „Denk' an den Sickingen," warnte Hans, indem er sich auf den rechten Ellenbogen stützte.„Wenn wir dazumalen dem Florian gefolgt wären, äßen wir heut' unser Brot im Elend." „Damals war es allerdings schon zu spät dazu. Aber heut' liegt's anders und günstiger. Die Bauern haben die Macht, und was der Götz sich zutraut, das können die Grum- bachs auch wagen, sollt' ich meinen. Mir frißt es die Leber ab, daß wir diesen vor Hochmuth stinkenden Thüngens Hofiren müssen. Mein Eisen in ihren Bauch l Was meinst Du, Hans? Noch könnten wir's wenden." „Laß' mich itzt schlafen; mir ist ganz dösig im Kopf," murrte Hans und drehte sich der Wand zu. Es lag nicht viel von brüderlicher Liebe in den feinen Zügen Wilhelm's, als er von dem Bette wieder an das Fenster zurücktrat. An seinem röthlichen Schnurrbart zupfend, schaute er brütend hinaus. Wie Hans vom Grumbach, so lag Simon Neuster zu Hcidingsfeld in seinem Quartier, das er bei einem Töpfer hatte, auf dem Bette, nicht Schlaf suchend, sondern fest schlafend. Auf einem Schemel zu seinem Fußende saß die schwarze Hofmännin, das Gesicht in die Hände gestützt. Sie hatte es eher bemerkt als er selbst, daß er verwundet, und war mit ihm gegangen, hatte die Wunde gereinigt und verbunden. Ein Streiffchuß hatte ihm das Fleisch des linken Oberarms aufgepflügt. An sich hatte er aber nicht eher gedächt, als bis er in Heidingsfeld die Mannschaft mit einem Wort der Anerkennung für ihre Tapferkeit entlassen und für die Verwundeten, die sie mit sich hatten nehmen können, nach bestem Vermögen Sorge getragen hatte. Die schwarze Hofmännin hatte es ihm nicht vergessen, daß er ihrem Enkel zugethan gewesen; ihm verdankte sie, was sie von dessen letzten Tagen wußte, und aus aller Verwüstung und Verwilderung, die das unsägliche Leiden in ihrer Seele angerichtet hatte, züngelte das Flämmlein weiblicher Barm- Herzigkeit auf. Ein dumpfes, dem Donner ähnliches Rollen, das näher und näher kam, störte sie aus ihrem Sinnen auf. Sie erhob sich geräuschlos und öffnete das Fenster, dem die dünne Haut einer Schweinsblase als Glas diente. Aber der Himmel war völlig heiter und jetzt erstarb das donnerartige Rollen in einem Jubelgeschrei. Es schien vom Marktplatze herzukommen. Darüber erwachte auch Simon.„Bleib' Du ruhig liegen; ich will nachschauen, was es giebt," ermahnte ihn die Hofmännin und verließ ihn. Die Erschöpfung wiegte ihn bald wieder ein. Ein Poltern schwerer Tritte auf der Stiege zu seiner Kammer weckte ihn abermals. Dann that sich die Thür auf und hinter der Hofmännin erschienen der lange Lienhart und Kaspar Effchlich. Simon fuhr in die Höhe und rieb sich die Augen. Waren das Traumgestalten, oder wachte er? „Ha, Bruderherz, was sind das für dumme Geschichten?" schlug die tiefe Stimme des Riesen an sein Ohr.„Aber bleib' liegen! Wir wissen schon alles l" Und er drückte Simon in die Kiffen zurück. „Das mit nur hat nix auf sich," versicherte Simon.„Und auch der Kaspar ist da? Na grüß' Euch Gott l Und bringt ihr die Stücke?" „Freilich," rief der lange Lienhart, während Kaspar dem Vetter die Rechte schüttelte. „Daß sie schon gestern hier gewesen wären," seufzte Simon.„Ich Hab' mir den ganzen ausgeschlagenen Tag die Augen nach Euch ausgeschaut." „Wären auch gegen Abend hier gewesen, wenn der Teufel sich nit ins Spiel gemischt hätte; muß überall dabei sein," schnob der lange Lienhart. „Kennst etwan einen anderen, der die Welt regiert?» fragte herb die schwarze Hofmännin. „Kenn' mich in denen Sachen nit aus," erwiderte jener, sie mit seinen Eulenaugen von der Seite ansehend.„Mußt die Schwarzröcke fragen. Das aber war ein außer alle Maßen schändlich Spiel von ihm. Bricht kurz vor Röttingen eines von den Stücken ein Rad und mußten wir darum bis heut früh dort liegen bleiben. Der Stellmacher und der Schmied in Röttingen werden an mich denken, so Hab' ich sie zur Eil' an- getrieben. Freilich, wie hätt' einer sich auch vorstellen mögen, daß Ihr stürmen würdet, ehe daß eine Bresche gelegt ist. ES ist halt zu dumm." „Nu, laß' schon," mischte Kaspar sich ein, schob sich den Schemel ans Lager und begann Simon von den Seinigen und von Ohrenbach zu erzählen. Der lange Lienhart wandte sich an die schwarze Hof- männin, winkte mit den Augen nach Kaspar und sagte:„Schau, der da war Deinem Hans sein bester Freund. Er kann Dir auch erzählen, wie ihn der Rosenbcrg erschlug: er war dabei." Ein langgezogener Seufzer zitterte über die welken Lippen der alten Frau, ihre Augen ruhten wie heiße Flammen auf dem Tnchschcerer. „Nur Muth," fuhr der lange Lienhart fort.«Jetzt sind die Pfefferbüchsen zur Stell' und wollen wir die Bischöflichen pfeffern, daß sie aus dem Niesen nimmer herauskommen.— Aber es ist halt Zeit, daß ich nach unserem Rothenburger Fähnlein mich umthu'. Adies, Simon, derweilen." Die schwarze Hofmännin lehnte sich mit dem Rücken gegen das Fenster und hörte zu, wie Kaspar von Ohrenbach erzählte. Auch theilte er dem Vetter mit, daß er bei den Schwarzen eintreten möchte. Dieser freute sich besten und bot ihm an, seine Kammer mit ihm zu theilen. Sie sei zwar eng, aber ein Bett fände wohl noch Platz darin. Die schwarze gofmännin übernahm es, wegen eines zweiten Bettes mit dem uartierwirth zu reden. Nick,, lange, so knarrte die Stiege wieder unter schweren, klirrenden Schritten. Es war Florian Geyer, der mit Tages- anbruch von Rothenburg fortgeritten war. Simon Neuster wurde bei seinem Anblick dunkel roth. Er aber sagte freund- lich:„Rege Dich nicht auf. Die Hauptsache ist, daß mir mein tapferer Leutingcr erhalten geblieben ist. Die Verluste werden sich ja ersetzen lassen." Simon athmete erleichtert auf; denn es hatte ihm vor der ersten Begegnung mit Florian Geyer nicht wenig gebangt. „Da steht gleich einer, der sich anwerben lassen will," sagte er, auf seinen Vetter deutend. Florian Geyer musterte den- selben aufmerksam. Die nicht große, jedoch kräftige Gestalt fand seinen Beifall, er nickte Kaspar zu und verwies ihn 694— wegen des weiteren an den Leutinger:„Und itzt vergönn' mir ein vertraulich Wörtlein, Hauptmann Geper," öat dieser. Kaspar schob Florian einen Stuhl an das Bett und folgte der schwarzen Hofmännin aus der Kaminer. „Versprich mir, Hauptmann, daß Du es nit übel aus legen willst, was ich Dir sagen möchte," begann Simon.„Es liegt mir schon lang auf dem Herzen; aber itzt, wo der Sturm verunglückt ist,- muß es heraus." „Was zum allgemeinen Besten dienen soll, mag mir immerhin bitter schmecken, das thut nichts," erwiderte Florian Geyer, der sich unterdessen gesetzt hatte.„Also sprich frei von der Leber weg I" „Schau, das Unglück in der verwichenen Nacht war' nimmer geschehen, wenn Dich der Ausschuß nit weggeschickt hätte." „Du willst doch nicht etwa sagen, daß die Hauptleute den Sturm vorher geplant hatten und ich absichtlich nach Rothen bürg geschickt wurde, weil sie meinen Widerspruch gegen ein so thörichtes Unternehmen befürchteten?" fragte Florian Geyer mit großen Augen. „Das just nicht; aber sie wollten damit nit warten, bis Du zurückkamst. Schau, es glaubt halt jeder die Sach' ebenso gut zu verstehn wie Du. Sie sind halt eifersüchtig auf Dich. Weil sie ein Ansehen unter den Bauern gewonnen haben, so möchte jeder in allen Stücken der Erste sein, und Neid und Ehrgeiz fressen an ihren Herzen und Du stehst ihnen im Wege." „Darum möcht' ich sie nicht schelten, Bruder Neuster; denn das ist nur menschlich," entgegnete Florian Geyer mit Ruhe.„So lange ihre Herren ihnen das Mark aus den Knochen quetschten und sie wie das Vieh behandelten, wie hätten sie sich da als Menschen fühlen sollen? Jetzt erwacht der Mensch in ihnen und sie wollen daher nicht minder gelten als diejenigen, zu denen sie früher aus ihrer End Würdigung mit knechtischer Furcht und Erbitterung aus schauten. Wir wollen uns dessen freuen; denn die Freiheit gedeiht nicht, wenn der Mensch ohne Selbstgefühl ist. Ueber heben sie sich in ihrem gährenden Freiheitsdrang, nun so wird der Most sich schon klären. Schlimm wäre es, wenn sie meinen ehrlichen Absichten mißtrauten." „Nein, nein, das thun sie nicht," versicherte Simon leb Haft.„Aber diese Eifersüchteleien zernagen die Einigkeit und daran scheitern die besten Rathschläge. Wir verpassen die günstigen Gelegenheiten und stärken damit bloß die Feinde. Das kann und darf nit so fortgehen. Einer, der einen starken Willen hat, muß sie zum allgemeinen Besten zwingen. Und der wärest Du, Hauptmann Geyer. Wenn Du im Ausschuß an Dein Schwert schlägst, sie werden murren, aber Du sollst sehen, sie gehorchen."_(Fortsetzung folgt.) Vie Amncn unv Elenden. In der Wellliteratur giebt es nur wenige Bücher, die ihren Werth und ihren erzieherischen Einfluß über die Zeitperiode hinaus behalten, in welcher und für welche sie geschrieben sind. Dichter und Schriftsteller, die von der Mitwelt bewundert wurden, ruhen vergessen und verschollen auf dem großen Friedhofe der Literatur. Aber die Sprüche Salomo's wie die Berpgrcdigt, Homerts Helden- gesänge wie Petrarka'sLiebesklagen, Shakespeare's Dramcnund Goethc's „Faust" werden wie des Helden Don Quixote Irrfahrten und Abenteuer erst in kommenden Zeiten Gemeingut der Menschheit werden, wie sie bisher leider nur Gemeingut einer Minderheit waren. Und warum? Weil sie uns die Goldader des Allgemein- Menschlichen bloßgelegt haben: des Menschen Lust und Leid, sein Lieben und Hassen, sein Fühlen und Denken, sein Hoffen und Kämpfen ist es, was in diesen Schöpfungen die Jahrhunderte überdauert; wo der Dichter nur den Einzelmenschen, nur die Kämpfe und Gedanken und Gefühle einzelner Menschen uns schildert, da vergehen seine Werke mit den Kämpfen und Anschauungen der Zeit- Perioden, die sie schildern, denen sie dienen. Und ganz besonders gilt das von der jüngsten Kunstform der Dichtung: dem Roman, vor allem dem Tendenz roman. Victor Hugo's Roman„Die Armen und Elenden"") ist ein solcher; sehen wir von den Partien ab, in denen der Dichter historische Vorkommnisse(z. B. die Schlacht von Waterloo, das Julikönigthum, die Julirevolution) schildert, so haben wir es mit einem Roman zu thun, der im Rahmen einer engbegrcnztcn Zeit den Kampf führt für die Erziehung und Befreiung aller durch Armuth, ") Dieser Roman erscheint gegenwärtig mit Illustrationen des Münchener Malers I. Dambcrgcr in der Jllustrirten Romanbibliothek „In freien Stunden", die zur Verdrängung der Schund- litcratur aus den Arbeiterkreiscn in gut ausgestatteten Wochen- heften von 26 Seiten von der Buchhandlung Vorwärts, Verl in, zum Preise von je 10 Pf. herausgegeben wird. i Unwistenheit, Ausbeutung und Gesetzgebung Unterdrückten und ihre Erhebung auf die Höhe des allgemeinen Menschen- thums, der Freiheit und Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt. Und niemand hat dies schöner und wirkungsvoller dargelegt als der Dichter selber in einem Briefe an den Uebcrsctzer seines Romans ins Italienische, Herrn Daelli in Mailand. Dieser Brief lautet: Hautcville-House, den 18. Ollober 1862. „Sie haben recht, mein Herr, wenn Sie mir sagen, das Buch „Die Annen und Elenden" sei für alle Völker geschrieben. Ich weiß nicht, ob es von allen gelesen werden wird, geschrieben aber habe ich es für alle. Es wendet sich an England so gut wie an Spanien, an Italien so gut wie an Frankreich, an Deutschland so gut wie an Irland, sowohl an die Republiken, wo Sklaven ge- halten werden, als auch an die Monarchien, wo es Leibeigene giebt. Die Schwären der Menschheit, die großen Schwären, die den Erdball bedecken, halten nicht inne vor den blauen und rothen Strichen der Londiarten. Uebcrall, wo der Mann in Unwissenheit und Verzweiflung schmachtet; überall, wo das Weib sich verkaust, uni Brot zu haben; überall, wo das Kind des lehrreichen Buches und des wärmenden Herdes crmangelt, klopft das Buch„Die Armen und Elenden" an die Thür und sagt: Macht mir auf, ich bringe Euch etwas. In der noch so trüben Periode der Zivilisation, die wir gegenwärtig durchmachen, bedeutet„der Elende" und„der Mensch" dasselbe; er leidet unter allen Himmelsstrichen und klagt in allen Sprachen. Ihr Italien ist so Ivenig von dem Uebel frei, wie unser Frank- reich. Ihr schönes Italien trägt auf seinem Antlitz alle Arten von, Elend. Haust das Banditcnthum, eine wilde Abart des Pauperismus, nicht in Ihren Bergen? Wenige Nationen sind von den Eiter- beulen des Mönchthums so furchtbar zerfressen, wie Ihr Land. Trotz Rom, Mailand, Neapel, Palermo. Turin, Florenz, Siena, Pisa, Mantua, Bologna, Ferrara, Genua, Venedig, trotz Eurer rühm- vollen Geschichte, trotz Eurer imposanten Ruinen, prachtvollen Denk- mäler, stolzen Städte, seid Ihr Nothleidende wie wir. Wunder- werke und Ungeziefer. Gewiß ist Italiens Sonne über alle Begriffe herrlich, aber ach! unter dem schönen blauen Himmelsdom wandeln Menschen in Lumpen. Bei Euch wie bei uns herrschen Vorurtheile, Aberglaube, Tyrannei, Fanallsmus, blinde Gesetze, die sich zu Helfershelfern der Unwistenheit hergeben. Ihr könnt nie die Gegenwart und Zukunft genießen, ohne daß der bittere Nachgescbmack der Vergangenheit Euch die Freude verdirbt. Die soziale Frage lautet für Euch ebenso, wie für uns. Es sterben bei Euch weniger Leute Hungers und mehr an der Malaria; Eure soziale Hygiene ist nicht weiter vorgeschritten als unsere; ist der Obskurantismus in England protestanllsch, so ist er in Italien katholisch, aber trotz der Ver- schiedenheit der Benennungen ist der vesoovo identisch mit dem bisbox. Die Bibel schlecht erklären oder das Evangelium falsch verstehen, kommt auf eins heraus. Soll ich noch mehr Beweise bringen, noch vollständiger diese schaurige Uebereinstimmung erläutern? Habt Ihr keine Bedürftigen? Blickt nach unten. Keine Schmarotzer? Seht nach oben. Zittert nicht vor Euren Augen wie vor den unsrigen die grauenvolle Waage, auf der sich der Pauperismus und das Schmarotzerthum ein so leidenvolles Gleichgewicht halten? Wo ist Eure Armee von Schulmeistern, die einzige Arince, die der Zivilisallon gefällt? Wo sind Eure unentgeltlichen und obligatori- scheu Schulen? Kann in dem Vaterlands Dante's nud Michelangelo s jedermann lesen? Habt Ihr aus Euren Kasernen Prytaneen ge- macht? Habt Ihr nicht wie wir ein großes Kriegs- und ein lächer- lich winziges Unterrichtsbudget? Habt nicht auch Ihr den passiven Gehorsam, der so leicht soldallschen Charatter annimmt? Habt Ihr nicht einen Militarismus, der so konsequent ist, auf Garibaldi zu schießen, d. h. auf die Fleisch gewordene Ehre Italiens? Unter- ziehen wir Eure Gesellschaftsordimng einer Prüfung; sehen Ivir zu, was sie in bczug auf die Haupffache, die Fürsorge für das Weib und das Kind, leistet. Nach dem Quantuni Schutz, den sie diesen beiden schwachen Wesen angedeihcn läßt, mißt man den Werth einer Zivilisation. Ist nun die Prostitution weniger grauenerregend in Neapel wie in Paris? Welches Quantum Wahrheit ist in Euren Gesetzen enthalten, und wieviel Gcrechllgkeit spenden Eure Gerichtshöfe? Seid Ihr etwa so glücklich nicht zu wissen, was die fürchterlichen Wörter: Vindicta, Ehrlosiakeitserklärung, Zuchthaus, Schaffst, Henker, Todesstrafe bedeuten? Sehen wir crncr zu, wie es mit den Prinzipien Eures Staatswesens steht. jjabt Ihr eine Regierung, die begreift, daß Moral und Politik identisch sind? Es kommt bei Euch' vor, daß Helden eine Ainnestie gewährt wird! In Frankreich hat man etwa? Aehnliches gethan. Laßt uns doch einmal über die verschiedenen Arten Elend eine Musterung halten, bringe jeder herbei, was er hat; so werden wir sehen, daß Ihr so reich seid, wie wir. Giebt es nicht bei Euch wie bei uns eine religiöse, von dem Priester ausgesprochene, und eine soziale, von dem Richter verhängte Vcrurthcilung? O großes, italienisches Volk, Du gleichst dem großen, französischen Volke. Ach, liebe Brüder, Ihr 'eid>vie wir„Elende". Aus der Tiefe der Finsterniß, in der wir und Ihr schmachten, seht Ihr Edens lichte und ferne Pforten nicht viel deutlicher als wir- 695— Nur irren sich die Priester. Jene heiligen Pforten liegen mcht hinter, sondern vor uns. Ich fasse jetzt das Gesagte zusammen. Dieses Buch„Die Armen und Elenden", ist nicht weniger ein Spiegel für Euch, als für uns. Natürlich! Spiegel werden gehatzt, weil sie die Wahrheit sagen; das hindert aber nicht, daß es nützliche Gegenstände sind. Was mich anbelangt, so habe ich für alle geschrieben, mit inniger Liebe für mein Vaterland, aber ohne Frankreich mehr im Auge zu haben, als aiidere Länder. Je älter ich werde, desto mehr vereinfache ich mich und desto mehr werde ich Patriot der Menschheit..„ So will es auch die Tendenz un,erer Zeit und das Aus- strahlungsgesetz der französischen Revolution; die Bücher müssen, um der zunehmenden Erweiterung der Zivilisation zu entsprechen, auf- hören, exklusiv französisch, italienisch, deutsch, spanisch, englisch zu sein und europäisch, ja sogar rein menschlich werden. Woraus sich eine neue Logik der Kunst ergiebt, gewisse neue Regeln der literarischen Technik, die alles abändern, sogar die ehedem recht ciigherzigen, ästhetischen und sprachlichen Anforderungen an den Schriftsteller, An- schauungen, die wie alles aiidere sich erweitern müssen. In Frankreich haben mir gewisse Kritiker zu meiner grotzteii Freude den Vorwurf gemacht, ich hielte mich nicht innerhalb der von ihnen so genannten Grenzen des französischen Geschmacks; ich wünschte nur, ich hätte dieses Lob verdient. Alles in allem genommen, thue ich, was ich kann; empfinde schmerzlich das allgemeine Weh. und bemühe mich, Abhilfe zu schaffen. Ich habe nur die geringe Kraft eines Menschen und sage zu allen: Helft mir! Dies ist es, mein Herr, was Ihr Brief mich bewog, Ihnen zu sagen; ich sage es für Sie und Ihr Vaterland. Wenn ich das Thema so ausführlich behandelt habe, so wurde ich dazu durch eine Stelle Ihres Briefes veranlaßt. Sie schreiben mir: Es giebt Italiener und zwar viele, die da sagen, das Buch„Die Armen und Elenden", sei ein französisches Buch, das uns nichts angeht. Mögen die Franzosen es als ein Geschichtslverk lesen, wir lesen es als einen Roman. Ach! ob wir Italiener oder Franzosen sind, das Elend geht uns alle an. Seitdem die Geschichte erzählt und die Philosophie denkt, ist das Elend das Kleid der Menschheit; es wäre wohl Zeit, datz man endlich diesen Plunder herunternsse und das nackte Volk, statt mit den scheußlichen Lumpen der Vergangen- heit, mit dem großen Purpurgcwand der ZukunstSmorgenröthe um- hüllte..._ Victor Hugo. Vleinrs Fruillekern. gk. Indianer-Gesänge. Es ist bekannt, eine wie große Rolle der Gesang in dem Leben der Indianer spielt. Sie singen vor allem bei religiösen Zeremonien. Die Männer singen beim Aufbruch zum Kriege, in der Gefahr, nach dem Siege, bei der Arbeit; und die Frauen ermuthigen durch Gesang die in den Kampf ziehenden Männer. Erst in jüngster Zeit aber hat man begonnen, diese Gesänge auf ihren musikalischen Charakter hin zu prüfen. Alice Fletcher fatzt jetzt die bisher gewonnenen Ergebnisse im„Journal of Americain Folk-lore" zusammen. Die Stämme, um die es sich hier handelt, stehen nicht mehr auf der niedrigsten Swfe der Kultur, ihre Musik ist daher nicht völlig primitiv; aber es fehlt noch jede akustische Theorie, und die Ergebnisse gewinnen gerade dadurch eine besondere Bedeutung. Instrumente wurden nur drei in Gebrauch gefunden. Trommel, Knarre und eine Art Flageolett. Trommel und Knarre dienen zur Begleitung des Gesanges und zur Be- tonung des lTanz-s Rhythmus. Dagegen wird das Flageolett, ein ziemlich rohes Instrument von acht bis zehn Tönen im Diskantschlüssel von jüngeren Männern zu Solo Vorträgen benutzt, wobei auf starkes Vibriren des Tones besonders Werth gelegt wird. Einem Theil der Gesänge liegt ein bestimmter, in der Regel sehr einfacher Text zu gründe. Das Vcrhältniß von Wort und Melodie ist so eng, daß niemals, wie bei uns, dieselbe Melodie zu verschiedenen Versen eines Liedes gesungen wird. Daneben giebt es aber auch viele Lieder, in denen Worte, die einen Sinn gäben, überhaupt nicht vorkommen, sondern nur Laute. Es ist dies ein primitiver Versuch, Ge- fühle durch bestimmte Laute zum Ausdruck zu bringen. Die Laute werde» ebenso wenig wie die Worte den Me- lodien willkürlich und wechselnd untergelegt; sanften Melodien ent- sprechen z. B. stets aspirirende Silben wie be. ba, Iii. Man ver- gleiche etwa die Liebesseufzer, in die eiu junger Indianer seine Ge- fühle preßt: Hi— dha ho na hi— a he— na he I... Hi— ah he! in ihrem reicheren Tonfall mit den tieferen schweren Lauten eines Trauerliedes: I— ah dha— ha ah— i dha— he ah— ha hi.—ah! Uebrigens werden bei den Indianern derartige Laute auch zwischen die Worte gesetzt oder ihnen angehängt, um einen erwünschten Rhythmus zu erzielen. Da die Lieder in der Regel im Freien und bei Trommelbegleiwng gesungen werden, so wird die Stimme dabei so stark angestrengt, daß sie jede Ans- drucksfähigkeit verliert. Es giebt daher im allgemeinen keine Unter- schiede von piano und körte, ereseendo und decrescendo; nur bei Sologesängen ohne Trommelbegleitung und noch gewöhnlicher bei Liebesliedern werden solche Abstufungen beobachtet. Dem Aus- druck dient das tremolo, durch dessen verschiedene Ausführung etwa die Liebeserregung, der Galopp des Pferdes, das Trotten des Wolfes über die Prärie u. f. lv. dargestellt wird. In religiösen Gesängen nähert sich das tremolo dem Triller. Die Melodien selbst bewegen sich in Intervallen, die fast völlig denen unserer diatonischen Tonleiter gleichen. Abweichungen vom Grundton kommen vor, aber nur, weil es aii Instrumenten wie Stimmgabeln fehlt, ihn festzu- stellen. Die indianischen Gesänge werden unisono gesungen, sie be- wegen sich natürlich in Konsonanzen von zwei bis drei Oktaven, da Sänger mit verschiedenen Stimmlagen, wie Tenor, Baß, Sopran mitwirken. Musiktheoretisch von großer Bedeutung und auch bei dem gegenwärtig unter den Psychologen geführten Streit über den Begriff der Konsonanz lebhaft erörtert ist folgende Thatsache: Man hat versucht, die Jndianergesänge auf dem Klavier getreu darzustellen und spielte sie dann den Sängern selbst vor. Diese erkannten sie nicht wieder. Erst als sie durch ein paar zur Begleitung hinzugesetzte Akkorde harmonisirt wurden, waren die Sänger ganz überrascht und meinten, jetzt klängen sie„natürlich". In der That sind die Gesänge har- manisch gebaut und können zum theil sogar auf unsere Tonskala zurück- geführt werden. Es ist also falsch, die Harmonie als ein Ergebniß der Kulturmusik aufzufassen; sie ist ein wesentliches Mittel, ein Element des musikalischen Ausdrucks. Auch die Rhythmen stehen an Komplizirtheit der modernen Musik oft nicht nach und werden bis- weilen durch Körperbewegungen markirt. Daß die Jndianergesänge nicht, wie man früher wohl annahm, Improvisationen sind, hat man jetzt auch mit Hilfe des Phonographen festgestellt. Es besteht sogar eine Art Büreaus, in denen tüchtige Sänger angestellt sind, die ine heiligen Gesänge unverändert zu erhalten haben. Gute Sämer werden oft glänzend bezahlt.— Theater. Im N e u e n T h e a t e r hat sich nun die neue, verfrömmerte Direktion Nuscha Butze-Beermann eingeführt. Nicht mehr arge fran- zösische Leckereien, sondern gute deutsche Hausmannskost soll den Be- suchern vorgesetzt werden. Man begann mit dem patriotisch-branden- burg'schen Drama„Reichsfürst und Landesherr" von E. v. W e i t r a.— Man soll gegen dies Werk nicht ans Haubitzen schießen. Das ist richtig. Auch nicht einmal aus Ileinkalibrigem Gewehr. Der Anfangsversuch des Neuen Theaters hat in gewissem Sinne nur eine soziale Bedeutung. Die künstlerische und schriftstellerische Impotenz des Menschen, der sein Hurrah-Drama unter dem Namen Weitra veröffentlichte, könnte Mitleid erregen. In einem jammervollen Kaufmanns- und Reporterdeutsch wird der„große Kurfürst" verherr- licht; und jedenfalls ist in dem dröhnenden Jambenschauspiel der Meisterrekord erreicht, so weit die Knechtseligkeit in Frage kommt. Warum soll's heutzutage, da alles zum Sport wird, nicht auch ein Wettkriechcn auf diesem Gebiet geben? Arg ist nur an dieser Erscheinung die lauernde Spekulation, die derlei, den flehenden Blick nach oben gerichtet, für deutsche Familienkost ausgeben möchte; und beschämend ist ferner die resignirte Haltung des Publikums, das zwar die Geschmacklosigkeit nicht mit Beifall be- lohnt, sich aber gegen das Widrige nicht mehr empört. Bedeutende Dramaturgen haben geirrt; aber das kindische Hurrah-Drama ist von der Art, daß für einen Menschen von Takt kaum ein Jrrthum mög- lich ist. Also bleibt die Annahme spekulativer Absichtlichkcit übrig. Ein ganz neues Ensemble hat sich ebenfalls vorgestellt, Herr Holthaus, ein Heldendarsteller, dem gutes nachgerühmt wird, spielte die überragende Rolle des Siegers von Fehrbellin. Es wäre unbillig, ihn und die anderen Sprecher nach den radaupatriotischen Szenen zu bcurtheilen, in denen sie mitzuwirken hatten. Msetropol- Theater! Welch voller Klang! lUnd die Tamtamschläge der Reklamejournalisten! Run weiß ich wenigstens, was echt weltstädtisch. Echt weltstädtisch ist die Vereinigung von Faunen und Nymphen, von unseren geldkräftigen Börsen- und Lebe- männern und ihren parftimduftendcn Freundinnen. Das alles im Prunktheater vereinigt und darüber ein Meer von elektrischem Licht gegossen! So stand'S im enthusiastischen Lokalblatt schwarz auf weiß gedruckt. Also muß es wahr sein, wie es wahr ist, daß nunmehr die vielgehetzte jiunst im Tingeltangel ein würdiges Asyl gefunden hat. Und es stand noch allerlei Necnsches schwarz auf weiß gedruckt in den allerrespektabelsten, durch Alter ehrwürdigen Blättern. Auf der Bühne ein Feenglanz und die Feen eine farbenprächtige Mädchen- schaar(CO Mark Monatsengagement) und das Auge des entzückten Zuschauers darf frei umherschweifend„anatomische Studien" machen. Aber Tantchen, Tantchen Schwerdtlein! „ Da s Frauen Paradies", so lautet der Titel der neuen Ausstattungsposse, die im Metropol-Theatcr zur Eröffnung gegeben wurde. Herr Schulz ist vom Zentral-Thcater ans frühere Linden- Theater übersiedelt. Der Ausstattungsrummel soll also einen etwa? reicheren Rahmen erhalten und darum sind noch etliche„Modelle zu anatomischen Studien mehr", um im„pikanten ZeitungSstil" zu bleiben, engagirt worden. Sonst ist die Geschichte dieselbe geblieben wie im Zentral-Theater; über Musikern und Dichtern, über Soubretten und Komikern, die insgesammt„nix tan seggen" haben, thront der Erhabene, der Damenschneider. Man ist geistig müde geworden von den Kalauern, dem Singsang, den forcirten Anstrengungen einzelner Kräfte, mit ihrer Spezialnummer doch einigermaßen auf sich aufmerksam zu machen. Die dünnen Späße mit dem schönen Kommis Isidor von Gerson(Gerson ist das Paradies der Frauen), auf den Asmodine, die Gattin des lebemännischen Teufels v. Satansky ver- sessen ist, werden zu Tode geritten, und dann kommen die Farben- fchaustücke mit ihrem schwülen Reiz. Nach dem zweiten Bild die Moden des Jahrhunderts, nach dem sechsten die satanische Apotheose „Eva's Vermächtnis." Trotz aller Behauptungen, daß die Kunst es auf dem Tingeltangelboden so trefflich habe, thut's mir doch um die Personen leid, die im rein mammonistischen Interesse sich ihres Könnens cnt- äußern müssen, um hohle Nummern im hohlen Spiel zu sein. Gern kann man glauben, daß Herr Tieischer, der schöne Isidor, im glänz- vollen Metropol-Tingeltangel besser entlohnt wird als im Deutschen Theater. Aber wozu zwingen der Direktor und seine kapitalistischen Hintermänner ihre komischen Kräfte und ihre Soubretten? Frl. Gisela Fischer war auf einem großen deutschen Stadttheater in Oper und Operette beschäftigt und nun soll sie in Exzentrik» Komik machen. Frl. Rosau soll eine temperamentvolle Soubrette sein. Schön l Diese und andere künstlerische Kräfte sind im Metropol-Theater vereinigt, aber sie machen ihre Paradenummern ab und geben doch nicht, was sie geben könnten, die Tingeltangeln wird nicht geadelt; aber die jlünstlerschaft wird geistig prostituirt. Wer anders"spricht, der lügt! Zum Schluß noch die Hauptsache: Der welfttädtische Zauberer, er, der über allem thront und die Kostüme liefert, heißt Baruch, Baruch u. Ko. Ihm sei der Gruß zugerufen, den die öfter- reichischen Urgermanen unter Schönerer's Führung modern gemacht haben: Hcilo, Baruch u. Ko. Heilol Heil, Zauberer von Berlin I —ff. Die Frei� Volksbühne hat nun diesmal ein festes Standquartier im Lessing-Theater bezogen. Dort sind zu- gleich ein neuer Direktor und ein neuer, wie es scheint, sehr streb- sanier Oberregisseur, Herr Steinert aus Hamburg, eingekehrt. Herr Steinert hat sich neulich mit Erfolg eingefiihrt und führt, was von günstiger Vorbedeutung ist, die Regie auch für die Borstellmigen der Freien Volksbühne. Man gab am Sonntag Echegaray's„Gnleotto'. Ueber Echegarah, den Führer der spanischen Neuromantiker, einen ungewöhnlich ftucht« baren Bühnenschriftsteller, sind eingehende Studien auch in Deutsch- land von Fastenrath, Dr. A. Zacher u. a. verössentlicht worden. Als Echegarah mit seinem.Galeotto" in einer Bearbeitung von Paul Lindau m Berlin bekannt wurde, war er ganz irrthümlich von deutschen Naturalisten als Verwandter angesehen worden. Seither lernte man andere Werke Echegaray's, des Versgewandten, kennen und gewann richttgere Anschauung. „Galeotto" allein hat sich aus deutschen Bühnen erhalten. Man ist dem Schauspiel schon auf zwei Berliner Bühnen begegnet und demnächst wandert es an's Hoftheater. In den Blättern, auch im »Vorwärts", wurde es mehrfach erörtert. Echegarah ist von Hause aus Mathematiker. Man merkt es seinen Bühnendichtungen an. Wie die Franzosen, vor allen der junge Dumas, ihre Thesen aufzustellen liebten, so übt auch Echegarah gern das Thesendrania, spitzt es mit äußerstem Raffinement zu und führt es mathematisch scharf durch. Im„Galeotto" ist das Problem psychologisch ttefer gestaltet, als es bei den Pariser Thesenstücken zu sein pflegt und darum hat sich das Drama vom großen Galeotto, dem Allerwelts» Kuppler, der so lange tuschelt, schwatzt und nimmer rastet, bis er die Ahnungslosen zusammen- führt, bis er Unschuldige zu Schuldigen stempelt, bisher dauernd auf deutscher Bühne erhalten. Das Drama ist mit großem Scharfsinn aufgebaut. Der Hörer muß den Sieden der handelnden Personen mit raschem, schlagfertigem Verständniß folgen können; und wo es auf die Fcinhett und Sicherheit der Diktton ankommt, muß auch von der Regie und den Darstellern viel Kunstfleitz, also schwere Arbeit, angewendet Iverden. Regisseur und Darsteller stehen sich vorläufig im neu eröffneten Lessing-Theater noch nicht völlig verttaut gegen- über; mit den Proben setzt eS allerhand Schwierigkeiten; kurz, man kann einen ersten Versuch noch nicht als Vollbeweis gelten lassen und muß wohl mit einem anständigen Durchschnittsmaß zufrieden sein. ES wird dann keine schauspielerischen Schöpfungen geben, wo man über dem Gebilde den Schauspieler vergißt, aber brave „Leistungen", wie man im Theaterjargon sagt. Am tüchtigsten gelang das dem sicheren Takt des gewandten Herrn Waldow, Don Maimcl. Von warmem Sweben erfüllt war Herr Nissel(Don Ernesto). Ein Frl. Lange gab die Gattin Don Mamiels. Ihre Sprache klang relativ am wenigsten unfrei; sie klang nach eben Erlerntem. Manches dürfte ja bei den folgenden Vorstellungen schon besser ausgeglichen sein.——ff. Geographisches. — Ueber das Vordringen der Nordsee an den östlichen Gestaden Englands schreibt ein englisches Blatt: Das Bordringen des Meeres, welches bereits die Goodwinn Sands überfluthct, dauert noch weiter an und bewägt, wie auf einer Versammlung der In- genieurgesellschaft festgestellt wurde, jährlich etwa zwei Fuß zwischen Westgate und Margate. In Norfolk und Suffolk sind an der Küste liegende Ansiedelungen verschwunden, oder müssen sich nach und nach landeinwärts zurückziehen, indem man neue Häuser als Ersatz für die den Wellen preisgegebenen Gebäude errichtet. Der Ort Cromer, aus der Römerzeit, liegt zwei Meilen weit in die See hinein; das Cromer des Mittelalters, wie es im Domesday Book verzeichnet ist, war eine binnenländische Stadt, eine Vorstadt des arötzcren Ortes Shipden. Letzteres ist heut« verschwunden- die jhuinen seiner Kirche, die vor hundert Jahren bei kleinem Waffer noch fichtbar waren, erscheinen heute auch nicht mehr. In Kent und Sussex zeigt sich der gleiche Vorgang: von Reculver ist nur noch eine von der See in Trümmer gelegte Kirche sichtbar, und die heuttge Stadt Deal wird mtt Unterspülung der Felsen bedroht, auf denen sie steht. Eine entgegengesetzte Bewegung des Meeres ist an anderen Stellen- zu beobachten, und Sandwich, einer der„Fünf Häfen", liegt mit seinem verschlammten Hafen jetzt eine Meile von der See entfernt.— Aus dem Pflanzenleben. t. Pflanzenleben b ei der Temperatur flüssiger Luft. In deni Laboratorium der berühmten Gärten von Kew bei London haben zwei Botaniker, Brown und Escombe, die Wider- standsfähigkeit verschiedener Pflanzensamen gegen außerordentlich medrige Temperawren untersucht. Die Samenkörner wurden in dünne Glasröhren verschloffen und diese in flüssige Lust getaucht und 110 Stunden darin belassen, so daß sie während dieser ganzen Zeit eine Temperatur von— 183 bis— 192 Grad Celsius zu ertragen hatten. ES wurden ausgewählt die Samenkörner von Weizen, Hafer, Kürbis, der amerikanischen Kürbisart Czxlantworg. cxplodens, Hornklee, iErbse, Griechisch-Heu, Balsamine, Sonnenblume, Bärenklau, Winde und der Liliengattung?unleis.. Die Samen waren vorher lufttrocken gemacht, so daß sie nicht mehr als 10—12 pCt. Feuchtigkeit enthielten. Nach ihrem langen Aufenthalte in äußerster Kälte wurden die Samen langsam wieder aufgcthaut, was 50 Stunden in Anspruch nahm. Dann wurden sie gesäct und nnt anderer: gleichzeitig gesäten Samen verglichen, die nicht der Kälte ausgesetzt gewesen waren. Das Ergebniß ivar, daß die Samen, die so lange jene außerordentlich niedrige Temperatur auszuhalten gehabt hatten, genau dieselbe Keimkraft besaßen Ivie die anderen, und daß auch die aus ihnen entwickelten Pflanzen ebenso gesund waren und ebenso reiften. Bereits früher wurden von De Candolle und Pictet 1884 ähnliche Versuche gemacht, aber nur bei — 100 Grad, und 1895 hatte De Candolle Pflanzensamen 118 Tage lang in der„Schneebüchse" einer Kältemaschine belassen, wo sie — 37 bis— 53 Grad auszuhalten hatten, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Die beiden englischen Botaniker hatten iir erster Linie die Abficht, festzustellen, ob das Protoplasma der Pflanzenzellen unter der Wirkung äußerster Kälte im Zustande der Starre irgend welche chemische Veränderungen durch Gasaustausch mit der um- gebenden Atmosphäre erleidet oder ob dasselbe in einem Zustande vollkommenen Scheintodes verharrt. Sie kamen zu dem Schlüsse, daß das Protoplasma in ruhenden Samen vollkommen unthättg ist, sich gar nicht verändert und trotzdem seine Lebensfähigkeit in außer- ordentlicher Widerstandskraft bewahrt.— Humoristisches. — Eine Ganz-Gescheidte. Do gieht e Bauer äff Gräz (Greiz) und will sich en Ufen fOfen) lasen. Unterwags kahrt er oivcr emoll bei sein Gevatter Hansgerg ein, und dar sogt:„Kaf Der»er en Rechelirufen(Regulirofen), nischt schennersch sclls gar riet gaam, do sport mer de halbe Feiering(Feuerung)!" Wie im der Bauer zum Ufcnhändler kimmt, do frogt er a ne de Rechelirufen un mänt: „Sell denn des wahr sei, daß mer blus de halbe Feiering braucht?" —„Ganz gewiß," Hot der Ufenhändler g'saat, un der Bauer Hot en last. Wie er im derhäm seiner Alten die Geschichte nrit der Halm (halben) Feiering erklärt hatt, stenimt de Gette de Arm nei de Seiten und sogt(er stand nämlich c wing untern Pantoffel):„Ei, Du Schofzipfl, Du Dummer, wos kafst derr denn do net gleich zwaa, daß mer de ganze Feiering dersparn?"—(„Unser Vogtland".) — Verfehlte Wirkung. Richter(ärgerlich):„Ich bitte mir Ruhe ini Gerichtssaale aus I Wer hier noch einen Laut von sich giebt, den lasse ich durch den Gerichtsdiener an die frische, freie Lust setzen!" Der Angeklagte:„Hurrah!"— Vermischtes vom Tage. I. Am„schwarzen Brett" des Postamtes einer Kleinstadt Mittelbadens prangt gegenwärtig folgender Anschlag:„Am 27. v. Mts. wurde im B r i e f k a st e n des Postamts ein Fünf- Pfennigstück vorgefunden. Der unbekannte Eigcnthümer dieses Geldstückes wird hierdurch aufgefordert, sich innerhalb vier Wochen zu melden und nach erfolgtem Nachweis seiner Be- rechtigung das Geldstück in Empfang zu nehmen, widrigenfalls dasselbe an die kaiserliche Postanstalt zu weiterem Verfahren ein- gesandt werden nmß."— y. Bei einem Stubenbrande in Gehrden bei Zerbst sind vier Kinder erstickt. Junge Katzen hatten beim Spielen die bannende Pettoleumlampe umgeworfen und so den Brand ver- ursachr.— — Unter der Ueberschrift Danksagung meldet in einem Münchener Blatt ein Herr C. H., daß seine Gatttn„in ein beffcreS Jenseits abgerufen sei".— — In Brüssel erschoß der 20 Jahre alte Sohn eines Küster? einen Priester.— — In der Umgebung von P o l a(Jstrien) fordert die M a l a r i a besonders unter den bei den Forttfikationswerken beschäftigten Arbeitern furchtbare Opfer.— ce. In Aladei Sardi(Sardinien) wurden fünf Stadt» verordnete verhaftet. Sie sollen sich an der vor einigen Tagen erfolgten Ermordung des Bürgermeisters betheiligt haben.- Berimtwörtlicher Redakteur: Hugo Poetzsch in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.