Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 175. Mittwoch, den 7. September. 1898 (Nachdruck verboien.) Ztm dio FvriZzeik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichs l. Florian Geyer blickte ihn überrascht an, dann drehte er seinen Schnurrbart in die Höhe und antwortete:„Es könnte mich fast gelüsten, es zu versuchen, wenn ich sehen muß, wie das Stillliegen hier die Leute ganz und gar verdirbt, und es in Würzburg mit jedem Tag ärger wird. Der Rath hat nichts mehr zu sagen und auch dem Benueter und seinen Freunden entschlüpfen die Zügel mehr und mehr. Bruder Ambrosius predigt vergebens und die Galgen bleiben leer. Aber ini Ernst, der Zweck heiligt ninuner die Mittel, auch nicht in politischen Sachen. Wenn ich mich wirklich der Gewalt bemächtigen wollte, so würde nichts anderes daraus entspringen, als neue Gewalt. Denn Unrecht und Gewalt können sich nur durch Unrecht und Gewalt behaupten. So lange die Welt steht, haben sie noch kein Volk zur Freiheit geführt. Im Gegentheil, die Folge widerrechtlich angemaßter Gewalt war stets neue Knechtschaft. Mag auch ein Mann vom lautersten Cha- rakter und in der edelsten Absicht der Herrschaft sich bcmäch- tigen, auch er ist nur ein Mensch, und wenn ihn nicht das Machtgefühl berauscht, so verderben ihn seine Helfershelfer und Gesellen mit ihren Schmeicheleien, Listen und Ränken, um ihren eigenen Vortheil durch ihn zu erlangen. Und noch eines will ich Dir sagen! Ist wo in einem Volke das Freiheits- gcfühl erstorben, da mag sich wohl ein Ehrgeiziger die höchste Gewalt anmaßen; ein zur Freiheit aufstrebendes Volk läßt das nimmer zu. Meine eigenen Schwarzen würden mich in Stücke hauen, wenn ich es versuchen wollte, und sie thäten recht daran." Simon blickte ihn bekümmert an.„Du wirst halt recht haben; ich will's Dir nachdenken," sagte er kleinmüthig. Fünftes Kapitel. Bruder Ambrosius hielt in der Kirche von Heidingsfcld einen Trauergvttcsdienst für die vor dem Marienberge Ge- sallenen ab. Er hätte gleich der 3000 thüringischen Brüder gedenken können, die selbigen Montags der Landgraf Philipp von Hessen, Emst von Mansfcld und Georg von Sachsen erschlagen hatten. Richtiger wäre, zn sagen: ermordet hatten; denn sie waren mitten ini Stillstand, den sie den Bauern be- willigt hatten, über die dem Fürstenwort Vertrauenden her- gefallen. 3000 erschlagen, 300 Gefangene gerichtet, Thomas Münzer und sein Freund Pfeiffer in der Gewalt der wort- brüchigen Herren! Aber noch wußte man davon in Heidings- seid nichts. Bruder Ambrosius bezeichnete die Gefallenen in seiner tief ergreifenden Predigt als die Blut- zeugen der Freiheit. Er verglich sie mit den Märtyrem des Christenthums, ohne deren Leiden und Tod dasselbe nie zum Siege gelangt wäre. Also werde auch dem seit Jahrhunderten geknechteten Volke aus solchem Blute der Baum der Freiheit erwachsen. Mit dieser Verheißung entließ er die tief erschütterten und erhobenen Zuhörer, für welche die Kirche sich viel zu klein erwiesen hatte, so daß viele vor den offenen Thüren hatten stehen müssen. Die Hauptleute und Räthe des Aus- schusfes blieben zurück. Denn derselbe hielt fortan seine Sitzungen in der Kirche von Heidingsfcld, da die Mainbrücke unter den Kanonen des Maricnberges lag. Florian Geyer und Pezold erstatteten einen kurzen Bericht über ihre Gesandtschaft, Ehrenfried Kumps überreichte das Aathsschreiben, das ihn und Georg Spelt als Vertreter Rothenburgs im Ausschusse beglaubigte. Runmehr fühlte sich Dr. Karlstadt zum Worte gedrungen. An die Predigt des Bmders Ambrosius anknüpfend, begann er darzulegen, wie mit der Polstischen Freiheit allein nichts errungen wäre, wenn nicht das gesammte Leben im Geiste der ersten Christen- gemeinden emeuert würde. Das gericth ihm übel, war er doch von Luther geächtet. Die Pfarrer fürchteten den Chffluß seiner Lehren auf ihre Bauern und fielen ihm daher mit lautem Geschrei in die Rede. Sie bedürsten seiner Ermahnungen nicht und wollten vollends von seinem christlichen Koinmnnismus nichts hören. Ehrenfried Kumps, der sich von des Doktors Gelahrtheit und Bercdtsamkeit viel des Fördersamen versprochen hatte, suchte zu vermitteln, aber seine Ermahnungen zu Frieden und Eintracht blieben ohnmächtig. Just um der Eintracht willen sollte Karlstadt ein Haus weiter gehen, rief ihm der Pfarrer Bubenleber ent- gegen; er trüge nur Sektirerei ins Lager. Jakob Köhl gebot mit seiner Stentorstimme Ruhe. Es sei halt genug des Gezänkes; der Doktor möge den Staub von semen Schuhen schütteln, sie hätten ihn nicht gerufen und begehrten seiner nicht» und ini Ausschuß hätte er nichts zu schaffen. Ehrenfried Kumps, welcher nach Würzburg mußte, um Bürgermeister und Rath die Grüße der neugewonnenen Bruderstadt Rothenburg zu überbringen, führte den Doktor mit sich aus der Kirche. Das war das Ende von Karlstadt's Ausfahrt, die schon unter einem üblen Anzeichen begonnen hatte. Denn unter dem städtischen Geleit der Geschütze war ein Knecht, dessen Gemüth der neue Glauben nicht erfüllte, vielmehr es mit dumpfem Fanatismus verfinsterte. Wie der unter dem Galgenthor des Doktors ansichtig geworden, war die Wuth über ihn gekommen.„Sollen wir mit einem solchen Bösewicht reiten?", war er ausgebrochen, und er würde Karlstadt vom Pferde gestochen haben, wenn Jörg Spelt den Lanzenftoß nicht noch glücklich abgewehrt hätte. Nun hatten die Bauernpfarrer den Doktor symbolisch gesteinigt.„Es ist also, daß die Pfaffen des neuen Papstes, als wie die des römischen voll blinden Eifers und Ueberhebung in allen Stücken sind. Alle Weisheit vermeinen sie in ihnen zu haben und stinken doch vor Unwissenheit, daß es ein Gräuel ist. Auf solchen Bäumen kann für die Mensch- heit keine süße Frucht erwachsen." Mit solch' bitteren Worten nahm Karlstadt von dem Altbürgermeister Abschied und kehrte mit dem Geleit aus Gattenhofen nach Rothenburg zurück. Die Wache am Galgenthor aber verweigerte ihm den Einlaß und der Bürgermeister Bermeter entschied: wer ihn hätte heißen hinausgehen, der sollte ihn auch wieder hereinlassen. Stephan von Menzingen erfuhr es glücklicherweife, eilte an'S Thor und befahl im Namen des Ausschusses, ihm zu öffnen. Fräulein von Badell gewährte dem Heimathlosen Herberge in ihrem Hause. Ehrenfried Kumps feierte dagegen auf dem Rathhause einen großen Triumph. Seine Begrüßungsrede gefiel männig- lich über die Maßen, besonders weil er es aussprach, daß Würzburg durch der Bischöfe Tyrannei von dem Reiche abge- drängt worden sei, zu dem es einstmals gehört habe, und deshalb das Schloß niedergeworfen werden müßte. Die Bürger- schaft erwählte ihn in ihrer Freude zu ihrem Schultheißen» und als solcher saß er fortan im Inneren Ausschuffe, Spelt im Bauernrathe. Der Altbürgenneister hatte Heidingsfeld kaum durch das Mainthor verlassen, als ihm zwei bewaffnete Bauern auf schäumenden Pferden entgegengerast kamen. Er wollte die Männer anreden, aber sie eilten ohne Aufenthalt an ihm vor- über. Es waren Jörg Metzler aus Ballcnberg und Hans Müller, genannt Fluj, der Hauptmann des Heilbronner Fähnleins. Mit Hochrothen Gesichtern von dem schnellen Ritt traten sie in die Kirche, wo sie der lange Licnhart mit dem scheltenden Zuruf begrüßte:„Ihr seid mir auch die rechten Brüder, daß Ihr erst jetzt kommt. Weil Ihr bei dem Sturm auf den Marienberg nit dabei wäret, lohnte es Euch nit, die Todtcn zu ehren. Was?" „Lieber," versetzte Hans Flux und nahm eine würdevolle Haltung an.„nur ein Wörtlein braucht' ich zu sagen und Du sperrtest das Maul auf, als wie der Walfisch, da er den Jonas verschlang." „Geh'," spottete Michael Hasenbart von Mergcntheim» „hättest Du vom Walfisch den Rachen, er wäre Dir nit weit genug, um Dich selbst zu rühmen." Hans Flux mußte es leiden, daß sich auf seine Kosten ein schallendes Gelächter erhob. Jörg Metzler aber rief:„Nu, lasset das Utzen: Just als wir reiten wollten, brachten di« Heilbronner zwei Gefangene ein, die wir erst verhören mußten. Es waren zwei Boten von Frauenberg. Der eine, den sie den langen Wilm hießen, kam von Heidelberg zurück; der andere wollte zum Bischof. Sie waren sich in Waldbüttel- brunn begegnet, saßen im Wirthshaus und schwätzen mit einander von ihren Geheimnissen." »Und hier ist das Schreiben des Bischofs an den Mark- grasen Friedrich," fiel Hans Flux ein und schwenkte ein Papier, das er aus seinem Wams gezogen, triumphirend in der Luft.„Im hohlen Spieß vom langen Wilm stak's." »Vorlesen! Vorlesen!" rief man von allen Seiten. Hans Flux willfahrte; was er aber mit einigem Stocken und Stottern vorlas, machte die Stirnen der Hauptleute und Räthe sehr ernst. Denn der Bischof schrieb, daß der Schwäbische Bund, der Kurfürst von Trier und der Pfalzgrw ihm die schleunigste Hilfe zugesagt hätten; daß ferner Graf Wilhelm von Henneberg einen Ausgleich mit ihm in die Wege geleitet habe und vereint mit den nach Koburg geflüchteten Edelleuten des Bisthums, sobald der Landgraf Philipp von Hessen aus Thüringen heranzöge, das ausständische Mciningen überfallen und von Norden her auf Würzburg rücken wollte. Kaum schwieg Flux, so brach Hans Schnabel, der Haupt- mann des Bildhäuser Haufens, der seinerzeit den Grafen von Henneberg auf dessen Begehr in die Bruderschaft der Bauern aufgenommen hatte, in bebender Wuth aus:„Daß ihn Gottes Marter schänd', den nieineidigcn Schuft. Den Handschuh hat er ausgezogen zu Bildhausen und zu Gott dem Allmächtigen geschworen, bei unseren Artikeln zu leben und zu sterben. Ueber alle Spiel- und Schellerplätze(Freuden- Häuser) ini ganzen Bisthum für Geld die Aufsicht zu führen, das verträgt sich niit seiner hochfürstlichen Ehre. Solches Geld stinket ihm nicht. Aber unS sein feierlich beschworenes Wort halten, das geht ihm wider die Ehr'." „Es stehen ja Galgen in Würzburg, schlagen wir seinen Namen daran," rief Leonhard Metzler. „Recht hast, und ich voill eine saubere Tafel mit seinem Namen niachen," stimmte ihm Hans Schnabel, der ein Schreiner war, zu. „Aber, Brüder, ich bin noch nit zu End," so nahm Hans Flux jetzt wieder das Wort:„Der andere Bote, den wir fingen, hatte nichts Schriftliches vom Schloß. Wie er bekannt hat, sollte er den Bischof bei allen Heiligen beschwören, nit eine Stund länger mit der Hilfe zu verziehen, wenn er helfen könnte. Ihre Bedrängniß sei gar groß, schon ginge ihnen das Wasser aus." „Nun, lieben Freunde," rief Florian Geyer in die frohe Erregung hinein, die jetzt Platz griff,„da die Rothenburger Stücke da sind, so dürfen wir uns wohl deß getrösten, daß der Frauenberg unser ist, ehe denn der Bischof kommt." Ein klirrender Schritt auf den Steinplatten veranlaßte ihn, einen Blick nach deni Eingang zu Wersen, und in höchster Ueberraschung rief er:„Der Wendel Hipler!" Wie war das möglich? Der war ja in Heilbronn.„Ich bin es aber wirklich, Ihr Brüder," erwiderte er mit rauher Kehle, Florian Geyer's Hand schüttelnd,„und wollet Ihr mich mit einem Trunk Wasser Willkomm heißen, so werd' ich's Euch danken." In einem Zuge war er von Heilbronn nach Heidingsfcld ge- ritten und eben vom Sattel gestiegen. Stiefel, Kleider, Haare, Bart, Gesicht trugen die überdcutlichen Spuren von dem Staube und Schmutz des weiten Weges. Jörg Metzler ver- ließ die Kirche, um den Wunsch des Kanzlers zu erfüllen, der sich auf der nächsten Bank erschöpft niederließ und fortfuhr, während die Räthe und Hauptlcute ihn neugierig um- ringten:„Der Verfassungsausschuß hat seine Arbeiten einstweilen einstellen und auseinandergehen müssen; denn in diesem Augenblicke ist der Truchseß wahr- scheinlich schon in Heilbronn und bedroht Weinsberg mit seiner Rache. Denn die liegt ihm zunächst am Herzen." „Oho, an Hcilbronn beißt er sich die Zähne aus," über- bot Hans Flux die Unruhe, welche ob dieser bedenklichen Mittheilung entstand. „Ihr würdet Recht behalten, wenn seine Bürger so fest wären, wie seine Mauern," antwortete Hipler.„Aber als ich mich auf die Reis' begab, war Euer eigener Schwager, der Bürgermeister Rieser, mit dem Stadtschreiber und Berle nach Stuttgart hinaufgeritten, allwo der Truchseß bereits sein auptquartier hatte, um mit ihm tvegen der Unterwerfung eilbronns zu verhandeln." „Pfui Teufel," rief der Bäck Hans Flux mit Purpur- rothem Kopf.„Wär' ich dort gewesen, ich hätt's nimmer gelitten." Das Gelächter, daS über diese Prahlerei entstand, bewies die hohe Spannung, in der sich die Gemüther der Anwesenden defanden. Jörg Metzler brachte einen Krug Wein aus dem Wirthshaus zum Hirschen, das neben der Kirche lag, und Wendel Hipler scuzte, nachdem er seinen Durst gelöscht hatte: »Es ist bitter zu gedenken, wie alles anders stünde, vorn Schwarzwald bis zum Untersee, wenn Ihr, wie es zu Weins- bcrg ist beschlossen worden, anstatt hier festzuliegen, dem Truchseß in die Flanke gefallen wäret. Er hätte alsdann das Oberland nicht dämpfen, das Unterland nicht überziehen können."_(Fortsetzung folgt.) Spaziergange eines Uaturfrenndes. September. Am Seerande führte, zwischen Ufergebüsch und Kiefernwald, ein kleiner Fußweg dahin. Es war kein künstlich gebauter Steg, die Landlcnte und die Waldarbeiter hatten ihn durch öfteres Hin- und Hergehen abgetreten, das Gras zerstampft und den Boden bloß- gelegt. Hier auf diesem Pfade wandelte Herr Tanzmann seelen-- vergnügt dahin, glänzend vor Freude und Wanderlust. Denn es war ein schöner, klarer Morgen, und am Morgen war Herr Tanzmann stets vergnügter als am Wend, wo die Rückkehr in die Stadt ihn immer zornig und zu bösen Reden geneigt machte. Obwohl es schon gegen 1V Uhr war, hing der Thau doch noch in dicken Tropfen am Gras. Denn die Septcmbersonne. wenn sie auch in heiterer Schönheit strahlte, war doch zu spät aufgestanden, und ihre Himmelslinic war zu kurz, als daß sie schon am Morgen den Thau aufgesogen hätte. Jetzt fielen ihre Strahlen auf den See. so daß dieser weiß erglänzte, und sie fielen durch das Ufer-- gebüsch auf Herrn Tanzmann'S Gesicht, so daß auch dieses noch niehr erglänzte und aussah wie der Vollmond in einer Frühlingsnacht. Herr Tanzmann wanderte an dem grünen Gebüsch dahin, indem er vorsichtig über die bloßlicgcndcn Kiefcrnwurzcln hinweg- stieg, die sich über den Weg reckten. Der Steg war etwas schräg nach dem See zu geneigt, und Herr Tanzmann konnte ganz genau beobachten,>vic etwa in der Mitte des Pfades zwei verschiedene Bodenarten aneinanderstießen, der schwarze humvse vom Ufer her und vom Walde her der graubraune Sandboden, auf dem die Kiefern gut gediehen. Das schwarze Humusland dagegen ließ wegen seiner fetten Feuchtigkeit den märkischen Nadelbaum nicht auf- kommen, hier dominirten breite Erlcnbüsche, mit Faulbaum und Kreuzdorn untermischt. Und um sie schlang sich in seilarttgcr Per- flechtung und in üppiger Fülle der wilde Hopsen, der mit halbreifen, weißgrünen Kätzchen über und über behängen war. Mit seinen großen Blättern, die er rings um die umschlungenen Erlen- büsche ausbreitete, nahm er seinen Opfern Luft und Licht hinweg. Aber auch ihm saß bereits ein tückischer Feind inr Nacken. Um ihn schlang sich mit ihren dünnen röth- lichen Stengeln die Seide, schnürte ihn zusammen und nährte sich von seinem Nahrungssafte, indem sie ihre Saugwurzeln in sein Gewebe senkte. Und wo die Seide kräftig auftrat, da kümmerte der Hopfen, und Ivo der Hopfen kümmerte, da athmeten die Erlen erleichtert auf. Da können Sie sehen, Herr Tanzmann, sagte der Wanderer zu sich, wie es mitunter in der Natur zugeht. Beinahe so schlimm wie unter den Menschen. Ein Schmarotzer wird von dcnr anderen auf- gezehrt. Bios daß den Pflanzen der Verstand fehlt, der beim Menschen immerhin manchmal vorhanden ist. Herr Tauzmann wanderte weiter am Gebüsch hin. Zwischen den einzelnen Sträuchern hindurch sah er die weite weiße Wasser- fläche vor sich liegen, die rings, soweit sein Auge reichte, von dunkclem Kiefernwald eingerahmt war. Nur dicht am Ufer zog sich ein niederer Streifen grünen Laubgcbüsches hin, das hier und da von einer weißstämmigen Birke überragt wurde. Das ganze jen- seitige Ufer aber spiegelte sich in sanften Linien im See: Die breiten Nadelbaumkronen und die zierlichen Laubzweige der Birken hingen hinab inS Wasser, in dem das blaue Himmelsgewölbe in träumen- der Tiefe lag. Herr Tanzmann blieb öfters stehen, und sein Auge hing an diesem weiten, weißen Wassermccr, das so sehnend einsam in den düstcrn Kiefernwaldrahmen cingcschlosson war. Als Herr Tanzmann weiter ging, schnitt ihm für eine Weile dreimeterhohes Schilf die Aussicht auf den See ab. Das Schilf mit seinen rötlichen Rispen ragte wie eine grüne Mancr aus dem Wasserhervor und lehnte sich dicht an daS Ufergebüsch an. Es ging ein leichtes Rauschen durch daS Rohr, obwohl der Wind nur ganz schwach wehte. Jetzt schwirrten ein paar Vögel durch die Schilfstcngcl und dann plötzlich erhob sich ein Plätschern und Schnattern, und ein Volk Wildenten floh aus dem Rohrdickicht hinaus ins offene Wasser. Als Herr Tanzmann näher an das Schilf herantrat, sah er, wie auf seinen Blättern Schnecken und Rohrkäfer behaglich ruhten. Auch das Wasser zwischen dem Schilf war von allerhand kleinem Gethicr erfüllt. Muscheln und Schnecken hingen an faulenden Pflanzenrestcn, Rückenschwimmer und schwarzgrünc Wasserwanzen gondelten geschickt durch das feuchte Element und die rothe Spinne taumelte in kapriziösen Bewegungen durch die Fluth. Beim Weitergehen wandte Herr Tanzmnnn auch der anderen Seite des Fußsteges seine Aufmerksamkeit zu. Wo der Kiefernwald hoch und luftig war, da standen in dem grünen Rasen rothe Gras- nelken und blaue Glockenblumen. Von Stamm zu Stamm aber hatten die Kreuzspinnen ihre kunstvollen Netze gespannt. Der ganze Wald war mit diesen Netzen erfüllt, die silbern im Sonnenscheine leuchteten. Selbst über den Fußweg war das Gewebe gespannt, so daß Herr Tanzmann nach und nach mit Spinnenfaden ganz behängt war und Mühe hatte, sie von Gesicht und Händen, auf denen sie em leichtes Jucken wie Haare verursachten, zu entfernen. Wo der Kiefernwald jünger und dichter war, da war der Boden mit brauner Nadelstreu fcedWi Aus ihr aber erhob sich jetzt ein Heer von Pilzen. Am auffälligsten Waren die großen Aliegenpilze, deren zinnoberrothe weitzgehtpsts Hüte dem Waldboden ein merkwürdig fremdartiges Gepräge gaben. An manchen Stellen stand eine dichte Vegetation von Farrnkraut, dessen Wedel der nahende Herbst an den Spitzen bereits braun gefärbt hasje. Im übrigen fand Herr Tanzmann Laub und Kraut noch leidlich frisch. Die Früchte an den Büschen waren nun alle gereift und prangten in schwarzen und rothen Farben in den inannigfaltigsten Formen und Anordnungen zwischen dem grünen Laube. Herr Tanz- mann freute sich wie ein Kind an der bunten Pracht, er kannte von klein auf alle Beeren und Früchte des Waldes und wußte ihre vielfältige Verwendung für Haus und Hof, für Vogel- fang und Spiel. Jetzt kam er an einer Menge von Haselbüschen vorüber, die, auch mit trockcnein Boden vorliebnehmend. sich vom Ufer an und dann an der anderen Seite des Fußweges bis weit hinauf in den sanft ansteigenden Kiefernwald hineinzogen. Hier wehte es Herrn Tanzmann doch bereits herbstlich an. Denn die Haselbüsche hatten bereits jene bräunlich-grüne Färbung, die bei vielen Sträuchern das erste Anzeichen des nahen Blättertodcs ist. Der Wanderer suchte nach Nüssen, aber er fand keine. Wer weiß, vor wie langer Zeit die schon von der Jugend der umliegenden Dörfer weggeholt worden waren. Er wenigstens hatte es, als er noch bei der Frau Tanzmann, seiner Mutter wohnte, als Ehrensache betrachtet, bereits Ende August alle Haselbüsche der Umgegend zu durchstöbern und die Früchte zu ernten, noch bevor sein Freund Mewis daran dachte, daß sie reif waren. Denn dieser hielt sich genau an die alte Regel, daß man vor dem 1. September keine Haselnuß abpflücken darf. Herr Tanzmann aber besorgte sein Geschäft so gründlich, daß Mewis tagelang um- herirrte und nichts fand und Jahr für Jahr klagte, daß die Eich- kätzchen die Haselnüsse bereits alle gefressen hätten. Herr Tanzniann stimmte ihm bei, einmal merkte Mewis aber doch, daß der Sack, der aus Tanzmann's Dachboden hing, voller Haselnüsse war. Von dem Tage an stellte Mewis zwei Wochen lang seine Besuche bei Tanzmann's ein, ein Verlust, der von Herrn Tanzmanir sehr schlver, von Frau Tanzmann dagegen leichter ertragen wurde, zumal zu jener Zeit Mewis die Leidenschaft hatte, große Steine in den Schmalzbimenbaum hinter der Scheune zu werfen und mit voll- gefüllten Taschen allabendlich den Heimweg anzutreten.- Herr Tanzmann schritt weiter auf den? Fußwege dahin. Noch blühten zwischen den Büschen die zarten Vergißmeinnicht und die krautarftge Wasiernnnzc. Aber Weidenröschen und Wasscrhanf waren bereits mit dichtem, weißem Flaum bedeckt, in dein sich ihre Samenkörner verbargen. Und jetzt gelangte er zu einer jungen Linde, deren Blätter bereits recht gelb geworden waren. Merkmürdig, sagte Herr Tanzmann zu sich, daß die Linde der Baum der Liebenden geworden ist. Sic treibt zwar früh im Lenz, doch blüht sie im Sommer und bleicht zuerst im Herbst. Aber daran sieht man eben, daß die Liebe blind ist und daß es dabei auf lange Dauer nicht abgesehen ist. Dennoch war der Baum ihm lieb, und die gelben Blätter brachten einen stimmungsvollen Ton in die Scptember-Landschaft. Er lehnte sich an den Lindenstamm und sah von neuem zwischen den früchtebeladcncn Büschen hindurch auf die weihe Wasserfläche des Sees, der ruhig, wie selbstvergessen dalag in der dunklen Uni- rahmung des Kiefernwaldes. Die stille Ruhe lud zum Nachdenken ein, und Herr Tanzmann kramte in dem Schatze seiner Erinnerung. Manchen See sah ich auf meinen Wanderungen, sagte er zu sich, den azurblauen Gardasce und den düsteren Ammcrscc, die lieblichen Teiche Frankreichs und den vornehmen Vicrwaldstättcrscc. Aber ich kann nicht sagen, daß ich euch weniger liebte, ihr flachen weißen Seen der Mark mit eurer unendlichen Sehnsucht und cureni stillen Heimweh, mit eurem nielancholischcn Kiefernwald- Ufern, deren dunkle Schatten euch einschließen und abschließen von allem Lärm der Welt! Plötzlich Vernahin Herr Tanzniann schwere Tritte und ein schnaufendes Fauchen, das aus eincni dicken Körper kommen niußte. Er ging langsam vorwärts, um dem Keuchenden Zeit zu lassen, ihn zu überholen. Bald wurde denn auch ein dicker Mann sichtbar, der schweißtriefend und schnaufend sein wohlgcmästetcs Bäuchlein vor sich berschob. Er grüßte den Wanderer und fragte leutselig: Sic müssen wohl auch laufen? Herr Tanzmann wußte nicht recht, wie die Frage gemeint war, und da er böse Absichten witterte, so guckte er den Fragenden ziemlich ungeduldig au. Dieser aber sagte: Mir hat nämlich der Arzt verordnet, jeden Tag einmal um den verwünschten See herumzulaufen. Denken Sie sich, drei Stunden über Wurzeln, durchs Gebüsch,'s ist zum Verriicktwerden! lind dabei ist's von unserem Stäbchen bis zum See auch noch eine halbe Stunde. Der frühere Arzt war ja vernünftiger, der hat mir wenigstens was Ordentliches verschrieben, jeden Tag eine große Flasche voll. Und zu laufen brauchte ich garnicht. Hat's denn was geholfen? fragte Herr Tanzmann. Das ja gerade nicht, antwortete der dicke Mann. Aber es war doch auszuhaltcn. Der neue nun, der hat nur furchtbare Angst ge- macht. Nicht ein Jahr sollte ich's mehr treiben, wenn ich nicht täglich hier um den verwünschten See herumgehe. Na und hilft denn das? Es ist ja niöglich, sagte er, ich gehe heute erst zum fünften Male. Es ist mir ja, als wäre mir ein bischen leichter. Aber ich bitte Sie, wenn so eine Pferdekur nicht helfen soll I Natürlich muß das was helfen I Aber dazu braucht man doch keinen Arzt. Wenn ich mir einen Arzt nehme, dann soll er sich doch Mühe geben, mich zu heilen, dann will ich mich doch nicht auch noch anstrengen I Nicht wahr? Das ist ganz meine Meinung I sagte Herr Tanzniann. Doch entschuldigen Sic, ich muß nach der anderen Seite zurück! Er drückte dem dicken Manne die Hand, der ihn erstaunt anguckte. Ja, sagte Herr Tanzmann, mir hat mein Arzt befohlen, zwei- mal um den See herumzugehen! Dem dicken Manne iratcn Schweißperlen aufs Gesicht bei dem bloßen Gedanken, daß jemand doppelt so viel gehen müsse wie er, und ein Gefühl ticfften Mitleids mit Herrn Tanzmann legte sich auf seine dicken Wangen. Dieser aber eilte schnell zurück, in der Absicht, so lange zu warten, bis der Dicke in gehöriger Entsernnng sei. Es ärgerte ihn. daß er dem Keuchenden nicht besser seine Verwünschung des Sees heim- gezahlt hatte. Immerhin war es ein. schöner Genuß gewesen, das Mitleid auf denr Gesichte des fetten Rentiers zu beobachten. Herr Tanzmann ging zur Linde zurück, lehnte sich von neuem an ihren Stamm und blickte auf die weite weiße Wasserfläche des Sees. _ Curt G r o t t e w i tz. Vleinrs Feuillokon. — I.— Fahrende Leute. ES ist um die Mittagsstunde. Arbeiter, kleine Geschäftsleute und Subalternbeamte hasten über den großen, belebten Platz, dessen Damm mit einem wirren Netz von Eisen- schienen bespannen ist, auf denen unaufhaltsam Pscrdebahnwagen und clcktrisckic Motorwagen dahinrollcn; Lastfuhrwerke, Droschken, Omnibusse, Hand- und Hundewagen, sowie das unaufhörliche Rasseln und Donnern der in der Nähe befindlichen Stadtbahnbrllcke vervoll- ständigen das großstädttsche Bild. Die dürftigen Parkanlagen dcS Platzes machen in ihrem herbst- lichen Aussehen einen kläglichen Eindruck: strnuchlosc, gelbgrüne Rasenflächen und in der Mitte und an den Ecken kümmerliche, iveiß- bestaubte Hecken. Die vier- und fünfstöckigen Häuser, mit Firmenschildern und Ncklamcn übersät, glänzen matt und langweilig in der September- sonne. In den Straßen knarrt, surrt, poltert und klingelt es un- aufhörlich. An den Ecken des Platzes, dort, wo die wenig belebten Neben- straßen einmünden, stehen die„fahrenden Leute" mit ihrem Hand- karren, auf dem sie die wunderbarsten, nützlichsten und unent- bchrlichsten Dinge für einen„Spottpreis" feilbieten. Es sind meist stellungslose Arbeiter oder Kauflcute. Eine dicht gedrängte Meng? umgiebt ständig ihr fliegendes Waarenlager. Schulkinder und halberwachsene Fabrikarbeiterinnen bilden den Haupttheil der Schau- lustigen. Hin und wieder sieht man auch einen wirklichen Käufer mit gutmüthig lächelndem Gesicht. Alle scheinen sich lebhaft an der- originellen Redegewandtheit des Händlers zu ergötzen. Hier ist es ein fliegender Buchhändler, der in„Antiquariat" macht: Die neuesten und modernsten Erscheinungen des Bücher- Marktes zu zehn und zwanzig Pfennigen. Der Händler steht ruhig neben seinen? Wagen und kontrollirt nur mit Kenneruriene die Finger der Wisscnsdurstigen, die sich ab und zu erlauben, in ein auf Gut- dünken herausgenommenes Brich sich eingehender zu versenken. Ge- kauft werden ineistcns irrir Bücher mit verdächtig klingendem Titel. DaS kaufende Publikrim rckrutirt sich in der Hauptsache aus sechzehn- bis achtzehirjährigen Burschen. Neben den? Buchhändler steht der Mcsscrverkäufer mit der„echten Solinger Stahlwaarc für nur fünfzig Pfennig". Mit großer Zunge??- fcrtigkeit preist er die Vorzüge seiner Messer an, indem er die vier Klingen, das Champagnernresser, die Miniatursäge und den Korken- zieher demonstrirt. Den Hauptausschlag allerdings giebt der amerika- nische Glasschneider. Da der Vorrath zu Ende geht, soll heut aris- nahmswcise der Preis wiedcrun? herabgesetzt werden:„Dieses Messer kostet Sie heute keine Mark, nicht fiinfundsiebzig Pfeiririge, auch nicht füirfzig, sondern, sage und schreibe, rrur fünfundvierzig Pfennige! Wer kauft, meine Herrschasten?" Wieder ein paar Schritt weiter. Die berühmte Fleckseife. Der Nächste verkauft Schuh-Glanzpomade; dann koinmen Kopirbleistifte, Federhalter mit echt vergoldeten Federn. Diesen Dingen folgen die unzerbrechlichen Bernsteinspitzen aus der ueucn patentirten Glasmassel dann kommen Pettschaststempel und Speise-Eis. Auf der anderen Straßenseite wiederholt sich dasselbe Bild: „Hier, meine Herrschaften I Gleich zum kosten, die verschiede??«» Fruchtsäfte. Zitronen, Waldmeister und Himbeer l Probircn Sie doch inal! Gift ist es nicht!" Der nächste Wagen hat den berühmten„Blick in die Z?lk?lnft", der an Personen ui?ter achtzehn Jahren nicht verka?ift werden darf. Hierzu erhält man: drei Airsichts-Postkarten, zehn Briefbogen mit Kouverts, einen Kalender für das Jahr 1899, ztvei hochinteressante Nummer» eii?cs Witzblattes und, um die Ka?lfl?lst des Publikums noch mehr zu stciger??, fünf der neueste» Kouplets: Komm Kar- lii?ekeir!, O Einma, o Ei??nia I, Weißt Du Mutter, was mir träumt hat? u. s. w. Der letzte Wagen besitzt entschieden die meiste Anzichringskraft. Ob das der»Blick in die Zukrlnst" oder die.Kouplets" mache??, fft schwer zu ergründen. Jedenfalls wird die immer mehr anwachsende Menschenmenge dem in der Nähe postirten Schutzmann zu viel. Er komnrt an den Wagen heran, fordert die Menge auf, sich zu zer- streuen, und den Händler, weiterzufahren. So geht es den ganzen, langen Tag. Fast niemals wird es um die Wagen herum leer, so dag sich die Obsthändler und Zeitungs- Verkäufer, die gleichfalls auf dem belebten Platze ihre Stellen haben, innerlich über das gute Geschäft der„da drüben" ärgern. Für die anderen aber, die von Arbeit zu Arbeit gehetzt werden, um den Bissen Brot für sich und die Ihrigen zu verdienen, sind jene Wagen der„fliegenden Händler" ein lieber, wenn auch nur flüchtiger Rasrort. Dort vergessen sie, wenn sie auch nicht im stände find, etwas zu laufen, auf Augenblicke die drückenden Tagcssorgen, und über ihre harten und ausgemergelten Gesichtszüge huscht manchmal ein Lächeln, als ob sie die tragische Komik des Lebens begriffen hätten.-- Psychologisches. kg. D i e Erziehung einer taubstummenBIinden, der jetzt achtzehnjährigen Miß Helen Keller, behandelt Tissot in einem interessanten Aufsatz der letzten„Revue Bleue". Im Anschluß an ihre Autobiographie schildert er, wie sie zu einem so hohen Grade geistiger Thätigkeit gelangt, daß sie„ewig leben möchte, weil es so viel Schönes zu lernen giebt". Als gesundes und intelligentes Kind im Norden von Alabama geboren, wird sie ini Alter von 19 Monaten nach einer Krankheit blind und taub, infolge dessen natürlich auch bald stumm. Mit 7 Jabren wird das mißmuthig gewordene Kind der Erziehung einer erprobten Lehrerin übergeben. Diese geivinnt sogleich ihre Liebe: sie schenkt ihr eine Puppe, giebt ihr diese in die Hand und lehrt sie, init der andern durch Zeichensprache das Wort„doli"(Puppe) zu buch» stabiren. So lernte das Kind in 10 Tagen 20 Worte, nicht lange darauf auch ihre Beziehung zu den berührten Gegenständen. Bon den unmittelbar verständlichen Worten schreitet die Lehrerin zu solchen Ausdrücken und Redewendungen fort, deren Sinn nur durch den Znsammenhang klar wird. Helen kann sich bald leicht mit ihrer Lehierin verständigen. Da sie sehr schnell auch Buchstaben in Relief lesen lernt, so kann sie sich auch mit andern unterhalten, indem sie auf getrennte Papierstreifen ge- druckte Worte zu Sätzen zusammenfügt. Schreiben dringt man ihr bei, indem man ihr zuerst die Hand führt. Leidenschaftlich ist sie der Lektüre ergeben, wobei sie sich des Systems Braille, der mit dem Grabstichel gestochenen Buchstaben, bedient. Sie liebt besonders Gedichte. Sie ahnt die Musik des Verses, ohne jemals den Rhythmus eines Verses gehört zu haben. Longfellow ist ihr erklärter Lieblingsdichter.' Im Alter von zehn Jahren lernte sie auch sprechen. Zuerst erklärte ihr die Lehrerin den Vau