Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 178. Sonntag, den 11. September. 1898 (Nachdruck verboten.) 7� Am die Feeiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichel. „Werfet den Wisch ins Feuer I Was kümmert uns das Blaffen der Dorfköter?" rief Graf Wolf von 5lastell. „Es gehet auch uns an," erwiderte der Domprobst. „Denn es ist gerichtet an alle Kurfürsten, Fürsten, Grafen, Freiherren, Ritter, Knechte, Amtleute, Schultheißen, Bürger- meister, Räthe, Dorfmeister und Gemeinden." „Uff," machte Philipp von Finsterlohr, und der Hofmeister und Doktor der Rechte, Sebastian von Rotenhahn, bemerkte: „Das gehet ja schier an die ganze deutsche Nation, als ob ein Reichstag einberufen würde." „Lasset uns hören," sprach der Domprobst und Markgraf von Brandenburg und las:„Kund und offenbar ist es, wie bisher die Gewerbsmänner, die Kaufleute und wer sonst auf den Straßen zog, vielfältig beschädigt worden, wie ihnen Hände und Füße abgehauen und die Ohren abgeschnitten wurden, wie nian sie niederstach oder einkerkerte, plünderte und in den Block legte; daß ferner der arme gemeine Mann mit unerträglichen Beschwerden, Frohndiensten, Schätzungen, Auf- lagen und anderen Belästigungen unterdrückt und dermaßen geschunden wurde, daß der mehrere Theil des Landvolkes mit seinen Kindern in die bitterste Armuth gerathen ist—" Unter den Rittern und Junkern war ein Murren enk standen, das lauter und lauter wurde. Jetzt brach es in wüthiges Geschrei und Fluchen aus über die Frechheit der Bauern. Sie fühlten sich bis ins Innerste getroffen und wollten nichts weiter hören.„Jus Ferrerl Jus Feuer damit!" schrieen sie. Die geistlichen Herren aber schwiegen und warfen einander Blicke zu, in denen sich eine geheime Schadenfreude vcrrieth. Der Domprobst, dessen Stirn ebenfalls der Zorn röthete, ließ den Sturm eine Weile toben; dann gebot er mit einem Zeichen der Hand Stille und las weiter: ...„daß endlich, was das beschwerlichste ist— etliche geistliche und weltliche Obrigkeiten sich unterstanden haben, ihren Unterthanen das heilige Evangelium und das Wort Gottes, das eine Speise ihrer Seelen ist, zu entziehen, falsche Lehren wider die heilige Schrift öffentlich zu beschützen, die recht- schaffencn, christlichen Lehrer aber zu verjagen, sie in das Ge- fängnuß zu werfen und ihr Blut auf eine tyrannische Weise zu vergießen." „Quatsch!" rief der Domdcchant Guttcnberg dazwischen. Dxr Markgraf Friedrich fuhr fort:„Um nun diese unerträg- lichen Beschwerden abzuthun und solchem verderblichen Für- nehmen zu begegnen, und weil man Gott, dem Allmächtigen, mehr gehorsam sein muß als den Menschen, so haben wir uns in dem Namen Gottes zur Erhaltung des heiligen Evangeliums und zur Handhabung des Friedens und des Rechtes in eine freundliche und brüderliche Vereinigung zusammengethan und verbunden. Wir wollen ni�js anderes schützen und durch- setzen, als was das Wort Gottes gcbietoL md nichts abthun, als was ihm zuwider ist. Daran wollen w-s festhalten, so weit sich unser Leib, unsere Ehre und unser Vermögen erstreckt. Dabei sind wir auch gesonnen, alle-schädlichen Schlösser und Raubhäuscr, daraus den Gewerbsleuten und den Gemeinden so viel Nachthcil und Schaden begegnet ist, sämmtlich auszurcuten, wie wir es auch mit des Allmächtigen Hilfe bereits zur Zeit gethan haben, um dadurch den ge- meinen Frieden auf Straßen und Wässern zu fördern. Deshalb bitten wir Euch unterthänig und freundlich, uns in diesem christlichen Unternehmen Hilfe und Beistand zu thun und uns weder mit der That noch auf andere Weise aufzuhalten." Der Domprobst legte das Blatt still aus der Hand. Alle schwiegen, wie erdrückt von der Wucht der angeführten That- fachen und in einem unheimlichen Bangen vor dem Richter, vor den sie das Manifest in so kräftiger Sprache stellte. Scheu vermied jeder den Blick des Andern. Nur die Unschuld erträgt das Auge der Wahrheit. Hans von Grumbach brümmelte in seinen Becher:„Die Fänge kenn' ich, sie sind des Geyers". Er irrte darin auch nicht. Florian Geyer hatte darauf gedrungen, daß den unerhörten Grausamkeiten gegenüber, mit denen Fürsten und Feldherren ihre Siege schändeten, das Gewebe von Vorwürfen, Verdächtigungen, Anklagen, Lügen und Verleumdungen, mit welchen die Feinde unermüdlich die Bauernschaft umspannen, vor dem Angesicht der ganzen Nation zerrissen würde. Sie sollte hauptsächlich wissen, daß die Erhebung in Waffen gegen die Obrigkeit weder eigenmächtig, gewalt- thätig und frech, noch unchristlich sei, wie sie fortwährend gescholten wurde, sondern im Gegentheil auf die heilige Schrift und die Apostel sich stützte; daß die Bauern ihr Menschen- recht kraft des Christenthums, das durch spätere menschliche Satzungen gefälscht und unterdrückt worden sei, forderten. Der Gedanke war Florian Geyer's, die Feder des Bruders Ambrosius. An demselben Tage, an dem die Bauernschaft ihr Manifest an die ganze deutsche Nation gleich einem Heroldsrufe ergehen ließ, folgte der oberste Hauptmann des Tanberhaufcns, Hans Kolbenschlag aus Mergentheim, mit 15000 Mann dem evangelischen Heere nach Kraut- heim. Früher schon war Gregor von Burgbernheim mit seinem Fähnlein gegen den Markgrafen Kasimir nach Windsheim aufgebrochen, während der lange Lienhart mit den Rothcnburgern nach Endsee ging und dort das Lager schlug, um den gegen seine eigenen Unterthanen mit Schwert und Feuer wüthenden Markgrasen von der Seite zu fassen. Gleichzeitig bewegte sich der Bildhänser Haufen in nördlicher Richtung, um von Melrichstadt aus in Verbindung mit der Bürgerschaft von Meiningen dem Grafen von Henneberg und dem Landgrafen von Hessen die Stirn zu bieten. Der knorrig zähe Johannes Schnabel war just der rechte Mann für den Henneberger. Als Kolbenschlag nach Krautheim kam, fand er daselbst anstatt des Evangelischen Heeres einen Befehl von dessen oberstem Feldhauptmann vor, ohne Zeitverlust über Oehringen auf Neckarsulm zu ziehen. Er verwunderte sich freilich, warum ihm dieser weite und beschwerliche Umweg über das Hohen- lohc'sche Städtlein vorgeschrieben wurde; allein er gehorchte und brach mit wegkundigen Führern auf, nachdem Mann und Roß sich gestärkt und verruht hatten. In der Nacht kam er an Oehringen vorüber; von Götz von Berlichingen und Jörg Metzler keine Spur. Plötzlich sah er in dem Thal zu seineu Füßen unzählige Wachtfeuer aufleuchten. Es war aber nicht, wie die vorsichtig ausgesandten Kundschafter berichteten, der Ritter mit der eisernen Hand, sondern der Truchseß, der vor Neckarsulm lag. Nach den weit verbreiteten Biwacht- feuern zu urtheilen, war dessen Macht zu überlegen, um einen Angriff mit Erfolg wagen zu dürfen, und Hans Kolbenschlag zog sich auf Oehringen zurück. Der Truchseß von Waldburg hatte aber in unbegreiflicher Nachlässigkeit sein Heer weit und breit zerstreut und Kolbenschlag würde ihn in den Neckar geworfen haben, wenn er auf ihn niedergestoßen iväre. Erschöpft von dem langen beschwerlichen Marsche und ausgehungert langte der Tauberhaufen bei Sonnaufgang wieder vor Oehringen an. Von dem Evangelischen Heere keine Spur. Die Stadt hielt ihre Thore verschlossen. Lärm- schüfse der Vorposten störten die Bauern von ihren Frühstückskeffeln auf. Von Westen wälzte sich eine ungeheure Staubwolke, aus der Waffen hervorblitzten, heran. An den Fahnen, die dann und wann aus der Staubwolke auftauchten, erkannte Hans Kolbenschlag, der wieder zu Pferde gestiegen und zu den Vorposten geritten war, daß es das Evangelische Heer war. Aber alle Ordnung desselben war in ein unbeschreib- liches Gewirr und Gewühl von Bewaffneten zu Fuß und zu Pferde, von Kanonen, Pulverkarren, Rüst- und Gepäckwagen aufgelöst. Es war wie ein Heer auf dem Rückzüge nach vcr- lorencr Schlacht und fast auf die Hälfte zusanimengeschmolzen. Hans Kolbenschlag fand kaum die Sprache, als jetzt Wendel Hipler und Jörg Metzler an ihn heransprengten, und ersterer, wie von einem Alpdruck befreit, ausrief:„Dem Himmel sei Dank, daß Ihr endlich da seid!" Jörg Metzler aber lachte, als hätte er den Verstand verloren, wie Kolben- schlag von seinem nächtlichen Marsch berichtete,„Und wir lagen denveil in Adolzfurt," ächzte der Kanzler.„Aber um Gotteswillen, was hattet Ihr denn dort abseits zu thun?" fragte der Hauptmann des Tauberhaufens, und sah sie ver- ständnißlos an.„Hätten wir uns nicht verfehlt, würden wir den Truchseß aufs Haupt geschlagen hgbeii. Oder seid Ihr — 710— etwan von ih:n geschlagen worden? Aber er steht ruhig bei Neckarsulm. Und wo steckt der Götz?" „Frag' ihn selber! Der Teufel läßt sich nit am Schwanz festhalten," antwortete der sonst so gelassene Metzler erregt, und Wendel Hipler sagte mit einiger Hast:„Ich muß in die Stadt; schaffet Ihr derweilen ein wenig Ordnung." Er galoppirte davon. Kolbenschlag erfuhr dann, indem er jenem mit Metzler folgte, daß das Evangelische Heer zu Neckarsulm gestanden aber aus die Kunde von dem Nahen des Truchseß mit großer Hast die Stadt geräumt hätte, nachdem es deren Be satzung verstärkt und ihr einen Theil seiner Geschütze zurückgelassen.„Warum wir nit geraden Weges au Oehringen zurückgingen?" fuhr Metzler mit finsterem Gesicht fort.„Reim's Dir selber zusammen! Der Götz wollt' Euch nicht begegnen; es Hütt' ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Denn wie wir diese Nacht zu Adolzstirt lagen, da hat er sich mit etlichen vertrauten Gesellen aus dem Staub' gemacht." Der andere griff seinem Pferde so jäh in den Zügel, daß es, so schwerfällig es war, hoch sich aufbäumte.„Ja, Bruder, das Ding schaut einem Verrath so ähnlich wie ein Ei dem anderen," rief Jörg Metzler grimmig.„Dem Hipler drückt's schier das Herz ab. Denn er hat den Götz zu uns gebracht und sich und unserer Sach wunder was von ihm versprochen. Krach, da liegt der Hafen in Scherben." „Fürwahr, den Einhänder hat die Hölle ausgespuckt, um uns zu verderben," rief Kolbenschlag, der inzwischen seinen Gaul beruhigt hatte. „Und es geschieht uns recht," bemerkte Mctzler trübselig. „Denn es hat uns einer schon dazumalen in Weinsberg vordem Götz und dem Bund mit den Edelleuien eindringlich ge warnt. Aber wir haben ihn nit damals, nit später hören wollen, niemals." „Du meinst den Geyer von Geyersberg?" „Just den mein' ich.— Wie es nun in der Frühe ruch bar wurd', daß der Götz uns im Stich gelassen habe, da gab's nur einen Schrei: Verrath I Die Neckarthaler rissen die Fahnen von den Stangen und verstoben bis auf wenige in alle Winde, als ob der Truchseß sie schon beim Schopf hätte. Auch der Hans Flux wurd' alle." Wie sie von ihren Gäulen stiegen, fand Wendel Hipler wieder bei ihnen sich ein. Die wackeren Bürger von Oehringen hatten selbst ihn nicht eingelassen, obgleich sie ihm es zu danken hatten, daß die Grafen von Hohenlohe ihnen manches Zugeständniß hatten machen müssen. Anstatt ihm das Thor zu öffnen, war der Schultheiß auf der Mauer erschienen und hatte ihm mitgetheilt, daß sie von dem Grasen keinen Befehl erhalten hätten, die Besatzung zu verstärken und die Stadt mit Lebensmitteln zu versorgen. Unter solchen Umständen könnten sie dem Truchseß keinen Widerstand thun und hätte ihre Stadt von ihm das schlimmste zu gewärtigen, wenn sie die Bauern bei sich aufnähmen. „Der Eine ist halt wie der Andere," fügte Metzlcr dem Bericht des Kanzlers hinzu.„Auch die Grafen von Löwen stein und der von Wertheim haben unsere Ausmahnung nicht befolgt. Nichts als Ausflüchte und doch haben sie alle auf den Artikelbrief dem Evangelischen Heer die Bruderschaft gelobt." „Wir wissen jetzt wenigstens, woran wir sind," raffte Hipler sich auf.„Esten wir, nach Krautheim zurück zu kommen." Jörg Metzler machte sich mit Hans Kolbenschlag daran, unter dem Nest des Evangelischen Heeres wieder einige Ordnung herzustellen; dann brach man auf. Kolbenschlag mit feinen Franken bildete die Nachhut. Noch waren sie nicht weit ge- zogen, so tauchten hinter ihnen die Reisigen des Truchseß auf. Der bergige Charakter der Landschaft mit den schmalen, ge- wundenen Flußthälern dünkte den Bündischen jedoch nicht geheuer, zumal bei der entschlossenen Haltung des Fränkischen Fußvolkes. Sie ließen von der Verfolgung ab. Den Bauern strömten unterwegs aus allen Dörfern frische.Kampflustige zu, auch fanden viele von den Flüchtlingen, die inzwischen den Schrecken über Götze's Verrath überwunden hatten,.sich wieder ein. Wendel Hipler gewann die Schnellkraft seines Wesens wieder und kauni in Krautheim angelangt, so liefen seine Boten in das obere Tauöerthal und nach Würzburg uni schleunigsten Zuzug. Als Saimnelplatz wurde aber das nördlicher an der Tauber gelegene Städtchen Königshofen bestimmt und dorthin brach auch Wendel Hipler auf, weil der Truchseß durch feine Bewegung von Neckarsulm auf Möckmtthl die Absicht verrieth. dem Bauernheer in die rechte Seite zu fallen und es von Würzburg abzudrängen. Jnwischen hatte die Versammlung zu Würzburg ihrem Manifest an die deutsche Nation ein Rundschreiben an alle Gemeinden in Stadt und Land Ostfrankens folgen lassen, worin sie dieselben aufforderte, allen zur Zeit bestehenden Obrigkeiten, wes Namens sie seien, unverbrüchlichen Gehorsam zu leisten. Hinzugefügt war, daß sie durch ihre Hauptleute nicht nur bei jeder Widersetzlichkest der Gemeindemitglieder gegen die Obrig- keit, sondern auch gegen diese selbst bei jeder Nachlässigkeit in bezug auf die Strafvollstreckungen unnachsichtlich einschreiten würde. Es war dieses dieselbe Erklärung, die ihre Gesandten schon in Rothenburg abgegeben hatten. Indem sie aber jetzt den gleichen Gehorsam von ganz Ostfranken forderte, stellte sie sich den Fürsten und Herren als die oberste Staatsgewalt gegenüber und sie that es kraft dem uralten Recht der Ge- meinfreien, welche der Ursprung und der Inbegriff aller Rechte in Deutschland waren. Ein Antrag des Schultheißen von Ochsensurt wurdeVeranlassung, daß die Versammlung entschieden als die Vertreterin der Gemeinfreien der fränkischen Landschaft sich aufthat. Pezold erinnerte sich des Tischgespräches im Hause Stephan's von Menzingen und er beanttagte, nicht nur die mit ihnen verbrüderten Landgenieinden und Städte, sondern diejenigen von ganz Franken, Bamberg und Nürnberg mit eingeschlossen, zu einem Landtage zu berufen. (Forrsetzung folgt.) SonnkÄgspscrudevei. Vor bald vierhundert Jahren lebte zu Worms ein Mann mit Namen Heinrich Ruffs. Gegen den herrschte große Empörung in westdeutschen Landen, und die Hüter und Sachwalter der bürgerlichen Ordnung wären am liebsten mit Stecken und Stangen gegen ihn ausgezogen. Denn er war der erste„große Auftreiber", Herr Heinrich Ruffs aus Worms, der„nrnd ziehet in denen Stedten und die Gesellen austüeret." Auf einem großen Schncidettag zu Oppenheim ging es dem besagten Individuum Ruffs besonders übel, und die verbündeten Meister vom Rhein, dem Main und der Wetterau hätten Herrn Ruffs, den gewissenlosen Hetzer, am liebsten gestäupt und dann geröstet, wenn sie nur den großen Antreiber in ihrer Gewalt gehabt hätten. Aber was wollten sie mit ihm machen? Er gehötte vermuthlich längst schon zu den„nachgeschriebenen Knechten". sKnecht ist hier im älteren deutschen Sinne für„Geselle" zu nehmen.) Die nachgeschriebenen Knechte waren jene unruhigen und verdächtigen Elemente, die zu Ausständen anreizten oder überhaupt Arbeits- einsteller waren. Die sollten beim Meister nicht setzen, noch Hausen noch Hofen, es sei denn, daß sie vorher dcmüthig der Zunft gebüßt und gebessert hatten. Heinrich Ruffs war aber schon unabhängig gemacht worden; und wenn irgendwo einer Bruderschaft der Gesellen die freie Verwaltung der Kassen, aus welchen bei Arbeits- einstellungen Unterstützungsgeldcr flössen, benommen werden sollte, da wird der unabhängig gemachte Bruder Ruffs jählings zur Hilfe berufen worden sein. So kam es, daß dieser Ruffs Ahnherr einer großen Familie wurde und so wurde der„große Auftteiber" der schwarze Mann für einen starken Theil der Bourgeoisie zu Ende des deutschen Mittelalters. Die Schneiderknechte hatten in der damaligen Zeit den Ordmmgs- mächten überhaupt viel Kopfzerbrechens verursacht. Denn ein hoch- wohlweiser Bürgermeister zu Wesel am Rhein klagte, da man der Arbeiterbewegung nicht Herr werden konnte: insonderheit, die Snyderknechte hau ein unruhiges Gemüth und sint zu Störungen und Uffläufcn mehr geneigt, denn andere Handwerksknechte."'Freilich plauderte der erwähnte Bürgermeister in seiner patriarchalisch naiven Weise auch aus: Die Meister hant viel schuld. Denn sie wollen, als der Geselle wohl verlangen kann, nit dreimal des Tags ordentlich zu essen geben und bürden zu viel Arbeit uff. Auch cntscheucn sie sich nicht, den Lehrjungen Haarfuchsen zu geben oder sie gar mit Fäusten zu schlagen, wenn die armen Buben den Sonntag nicht durch Be- wrgungen allerlei Art entweihen wollten. Ties Kulttirbildchen stammt aus dem Jahre 1503. Wenige Jahrzehnte vorher war man noch nicht so erbost und man suchte die nicht mit Stumpf und Stiel auszurotten, die zu Streitigkeiten an- reizten. Zu Gerolzhofen schlichteten die fürstlichen Vögte einen Ausstand der Schuhknechtc: man hörte auf die beiderseitigen Ver- trauewsmänner. Man entschied zum Schluß, woseru ein Knecht mit einem Meister„zwiestöckig" würde, so solle die Klage vor den Bürgermeister gebracht werden; der Knecht aber solle sich nicht unter- tehen, andere Knechte aufzureizen, so daß sie aus der Werkstatt gehen und dem Meister„aushusten". Es blieb also vorerst bei einent energischen Verweis; und noch nicht brach der wüthige Haß zogen Leute, die, wie Ruffs, der Profitgier entgegen für eine Besser- tellung der„gemeinen Arbeiterschaft" wirkten, so grimmig hervor, wie späkr. Freilich war eins zum andern gekommen. Die großkapitalistische EntWickelung war rapid gediehen. HandelSgeiiosscuschaften monopoli- jirten allerlei Verbrauchsgegeifftände. Fabelhaft hohe wucherijche Gewinne wurden eingeheimst; und wie das konsnmircnde Voll be- drückt wurde, das beobachteten auch Leute, die den Alltagsnöthen entrückt waren und deren ganzes geistiges Leben sich fernab von wirthschastlichen Dingen bewegte. Der berühmte Humanist Heinrich Bebel von Tübingen, ein Mann aus der Schriftstellergruppe, die sich vor allem für die klassisch- antike Literatur begeisterte, schrieb ein vernichtendes Urtheil über kaufmännische Machenschaften jener Tage nieder:»Die Kaufleute erwerben sich ihren Reichthum mehr durch Wucher, als durcki ehrliche Verträge." Und ein anderer Schriftsteller hat ein schlagkräftiges Gleichniß angewandt:.Wer hat solche Finanz und neue Fünd gehört, als jetzt in der Welt umfahren und alles an fich ziehen, wie Secias die Wolken?" Wie sich die Wolken zui'ammenballen, so sah man die mächtige,»durch Wucher und Für- kauf" entstandene Kapitalsanhäusung au. Ernste deutsche Kulturhistoriker haben in ihren Werken den Lohn- und Streikbewegungen zum Ausgang des Mittelalters eingehende Aufmerksamkeit geschenkt, und vor Jahren schon hat Johannes Jausten mit Bienenfleiß umsichtige archivalische Studien über jene Zeit gemacht, die mannigfache Äehnlichkeiten mit der unseligen auf- weist. Und Johannes Jansten war ein gläubiger, posittver Katholik. Gern spielt man ihn von Zentrumswcgen wider die„protestantische Wissenschaft" aus. Ob die Zenrrumsgelehrtcn ihn auch studirt haben? Und ob sie aus der Wissenschaft des Bergangenen Schlüsse für die Gegenwart ziehen können oder wollen? Längst sind die ehemaligen Meisterbiinde und Zünfte zerfallen; von dem merkwürdigen„grasten Austreiber" Heinrich Rusfs aus Worms meldet ein oder das andere Chronik- und Archiv- Blatt. Kein bestimmtes Lebensbild dieses Ruffs, eines freien Vertrauensmanns damaliger Arbeiterschaft, läßt sich heute mehr entwerfen. Bald kam die Periode der Reformatton, und es kamen die grasten agrar-sozialen Erschütterungen des Bauernkrieges. Aber trotz allein, ivas verschollen ist: ein ungewöhliches Maß von Kraft niuß in dem Schneiderknccht und späteren Arbeiterführer gesteckt haben. Sonst wäre die Hasses- Empörung nicht zu verstehen, mit der die vereinigten Arbeitgeber ihn verfolgten, und schon damals traten die Begleiterscheinungen auf, wie wir sie heute besonders charakteristisch bei der Soldprefle unseres Unternehmerthums vorfinden; und damit sind nicht etwa blas die Organe Stumm's gemeint. sondern es geht bis in die Reihen jener liberalen Zeitungen, die aus Furcht vor den gestrengen Inserenten nicht ja und nicht nein zu sagen fich erdreisten. Von den„parteilosen" Groststadrherrschern und Lokalanzeigern ganz zu schweigen. Die stellen sich völlig todt und stumm bei so einschneidenden Fragen, wie sie vor uns bestiinmcnd auftauchen. Die haben mit voUsoerdummenben Schauspielen die Hände voll zu thun; und es wäre jammervoll kläglich, wenn sich auch jetzt noch die Arbeiterschaft nicht energisch gegen sie empörte. Wenn heute selbst eine„Vossische Zeittmg" senttmcntal den Arbcitslvilligen, der behindert wird, bcniitleidct, und„im Prinzip" nichts gegen eine strengere Bestrafung der„Hetzer" und Bedrohcr hat, wenn sie Ausschreitungen, die in der Verbitterung vorgekommen find, verallgemeinert: so ist dies auch keine kulturgeschichtliche Neuig- kcit mehr. Der ausschweifende Hast engherziger Zünftler hat damals schon sicki nnt der warmherzigen Mitleidsthcoric umkleidet. Man hätte einen Ruffs vielleicht durch die Spieße gejagt, wenn man nur an den Vermaledeiten herangekonnt hätte: und dabei hätte man geseufzt, diese„erschröckliche Strafe" sei nothwcndig im Interesse der armen Irregeführten, die von gefährlichen Austreibern aufgewiegelt ohne Schuld in Brotlosigkeit und Jammer gcrathen. Immer wieder die- selbe Geschichte vom Sündenbock der herrschenden Gesellschaft. Man schlachtet den Sündenbock soder möchte ihn schlachten) und meint, nun ist die Gesellschaft wirklich entsühnt. Was hat mau mit drako- nischen Bestimmungen erreicht? Was mit den äußersten Zuchtmitteln gegen die Vertrauensmänner der Arbeiterschaft? Wie hätte der Auftrciber Ruffs je zu dem groß- gefürchteten Vertrauen„in denen Städten" rheinauf und rheinab und am Main, wo damals noch Dcusichlands Pulse am kräftigstcu schlugen, gelangen können, wie wäre seine materielle Unabhängigkeit gesichert gewesen, wenn die Gesellschaft nicht durch die Nothwcndig- keit hierzu verbunden gewesen wäre. Selbst den Fall zugegeben, daß die Persönlichkeit dieses Rufsis imponircn mochte und daß er über eine besondere Gluth der Rede gebot. Geschieht der alte Fehler nicht immer wieder? Begegnen wir ihm nicht auch da, wo er unsere Interessen nicht unmittelbar berührt? Als die Bevölkerung von Paris ihr:„Nieder mit Zola I" rief, da hieß es in einem nicht unbeträchtlichen Theil unserer Presse:„Seht die Brunnen- vergifter an, die Rochefort, die Drumont und wie die nieder- trächttgcn Hetzer heißen mögen, sie, sie ganz allein haben die edlen Anlagen des„Herzens von Frankreich" vergiftet, Man vergast, daß durch das Treiben der Reinach und Herz im Panama Paris wirklich mistttauisch und verbittert werden konnte. Wie rasch aber hat die Slimmung von Paris umgeschlagen, als das Vertrauen auf die militärischen Großsprecher und den Generalstab schwand? Wo ist nunmehr der Einfluß der Liochefort und der Drumont hin? Können sie wirklich Wind und Wetter nach Willkür machen, oder werden Schwanlungen der Volksseele nicht auf wirkliche Nothwendigkeiten zurückzuführen sein? Sehr empfindlich ist die Volksseele. Sie wurde scheu durch das Wirken bevorrechteter Ver- brechcr, wie Arton oder Cornelius Herz es ivaren. Leicht konnten so Mistttaucu und antisemitische Neigung wider Drcyfus genährt werden. Zu stark war der Prozentsatz gewisser Kreise am Panama. Jäh aber schlug die Stimmung kgctreu der Empfindlichkeit der Volksseele um, als man zu befürchten begann, e-Z sei ein großes Unrecht geschehen; da braucht mau an keine Wunder und an keine Agitatoren von mystisch-gehcimnistvoller Kraft zu glauben, wie man im Mittelalter an die„Teufelsbraren" von Kerlen glaubte. Rapid war die Lebenshaltung der Handwerksknechte nieder- gegangen. Der relattve frühere Wohlstand der gewerblichen Lohn- arbeiter war so weit geschwunden, daß man um bessere, nothwendige Verköstigung„zwiestöckig" werden mußte. Ebenso rapid wie hier proletarisirt wurde, ssieg die groß-bourgoise Entwicklung. Dabei vertheuerten Handels-Monopolgesellschaften die Lebensbedürfnisse, ja die Waarenverfälschung war schon im großen Stil im Brauch. In einem Fastnachtsspiel heißt eS: „Dein saffran hast zu Fenedig gesackt Und hast rintfleisch drunter gehackt; Und meist unter negelein sGewürznelken) gepets(gebähtes) Brod Und gipst für lorper hin gaistlot, Und fichtenspän für zimmetrinten Tust unter mandel pfirsingkern" u. s. w. Die Lebensnoth war über die Handwerksknechte gekommen, und aus ihr erwuchsen die Ausbrüche; nicht nach Agitatorenwillkür wurden sie geschaffen. Man hat gedroht und alle Härte Mittelalter- sicher Strafen hat man in Aussicht gestellt; und was sich kultur- geschichtlich vollziehen mußte, hat sich doch vollzogen. Es ist in schweren Zeiten nützlich, der Vergangenheit zu ge- denken. Man kann aus ihrer Wissenschaft Trost und Sicherheits- gefühl für die Zukunft schöpfen.— Alpha. Nleiues Fienillekon. -d. Langeweile. ES dämmert in dem langen, schmalen Zimmer. Wenn draußen, im verlöschenden Tageslicht ein Wagen mit seinen Laternen vorübergleitet, leuchten die blanken Möbel und Spiegel auf. Auf dem Divan liegt eine Frau. Sie erhebt sich und geht matt, lansam zum Fenster. Der dicke Teppich verschlingt den Schall ihrer Tritte. Auf der Straße treibt der Wind einzelne dürre, zusammen- geschrumpfte Blätter im Rinnstein dahin. Nur wenige Menschen kommen vorbei. Selten rollt ein Wagen über den glatten Asphalt, der sich wie erstorbenes, todtes Wasser ausdehnt. Die Frau Ivendet sich und tastet nach der Mitte des Zimmers. Eine Ampel zieht'sie herunter, das Aufblitzen eines Zündhölzchens, ein mildes, rothes Licht breitet sich aus, das nur schlvach bis in die Ecken dringt. Ein Damenzimmer. An den hellblauen Wänden Kalender, Fächer, Tanzkarten, Bleistifte. Tombola-Nippes, alles an Rosa- Bändchen hängend, mit Rosa-Schleifen verziert, lieber Bildern mit Rosa-Sammttahmen weiße Shaivls. Aus den Tischchen, auf dem Bett und auf dem Schreibtisch gestickte Deckchcn. Die Frau setzt sich lässig vor den Schreibttsch, schiebt einige Porzellan-Nippes bei Seite und schreibt, nachdem sie sich in dem seitwärts stehenden Schmuck- spicgcl beschaut hat, mit zierlichen. verschnörkelten Buchstaben: „Liebste Mimi I Ich schreibe schon wieder. Ich weiß nicht, was ich sonst anfangen soll. Mein Mann hat im Regiment zu thun und außerdem mit seinen Pferden. Ich aber habe nichts weiter als jeden Abend Opernhaus oder Gesellschaft. Heute bleiben wir zu Hause, weil meinem Mann nicht ganz wohl ist. Denke Dir, sie mußten heute früh schon um 4 lihr antreten! Ich habe so gar nichts. Nur Deine Briefe und das bischen Gesellschaft. Nun lass' bald was von Dir hören Deiner Dich liebenden Hertha." Sie schreibt die Adresse, steckt den Brief in den Umschlag und sieht ihn an, sieht ihn an... Ein Dienstmädchen erscheint:„Wir können den Tisch nicht allein decken. Es wird zu spät, gnädige Frau." „Aber wozu habe ich denn mein Personal?" fragt sie gedehnt. Das Mädchen erröthet und geht wieder. Die Gnädige sitzt noch vor dem Brief— und sieht ihn an.-- Theater. Das Schiller-Theater hat am Freitag einen literar- geschichtlichen Versuch gewagt und Holberg's Komödie vom „politischen Kannegießer" aufgeführt. Der Versuch konnte nicht voll gelingen, die Welt im„politischen Kannegießer" ist der unsrigen zu fern. Doch war die Aufnahme der Posse aus dem vorigen Jahrhundert leidlich günstig. Holbcrg ist zu Ausgang des 17. Jahrhunderts geboren. In der dänischen Nattonalliteratur nimmt er einen Ehrenplatz ein und gewist ist er ein dcrb-krästiger, germanischer, ftohgclauntcr Geist. Stur sollte man ihn nicht immerzu den dänischen Moliöre nennen. Ein Charaktergemälde von so psychologischer Feinheit zu schaffen, wie etwa Moliöre's„Misanthrop" ist, das wäre im breiten, volksthümlichen Lachen Holberg's unmöglich. Er war der Dichter des kleinbürgerlichen, germanischen Spaßes. Er konnte die Leiden einer vielbesuchten Wöchnerin, die Französelei seiner Landsleute, das Hoch-hinauswolleu gewisser Kreise imd die politische Kannegießerei sein Begriff, dem wir seiner Komödie zu danken haben) iromsiren. Immer aber blieb es beim grobdeutlichen, beim handfesten Humor. Nie wird das Tragikomische gestteift, wie im„Geizigen" etwa Y«n — 712— Molidre, und ein tieferes, individuell-poetisches Bekenntnis; abgelegt, wie im„Menschenfeind" des französischen Klassikers. Durch Lachen belehren, das ift die Moraltcndcnz Holberg's. Bon Holberg's Zeit ans ist der politische Kannegießer zu der- stehen. Einer demokratischen Welt muß die Posse als'verstaubt und überlebt vorkommen. Ihr Lehrinhalt sagt etwa: Schuster, bleib' bei deinem Leisten und nörgle nicht an Dingen, die nur die vor- nehmen Geschlechter und ein wohlweiser Rath verstehen. Sorge du um dein Geschäft und laß die Rechtens walten, die in ihrem Amt von den Dingen mehr verstehen, als du. Natürlich ist der geulktc politische Kannegießer ein Mustertölpel. Solche Komödien müssen gewissermaßen in Holzschnittmanier auf der Bühne dargestellt werden. In der Gesammtdarstellung des Schillcr-Theaters wirkte man dahin. Von Einzelnen gelang es am besten Herrn S ch m a s o w, dem Meister Kannegießer. —ff. Ans dem Thierreiche. ie. Ein verkannter Schatz im Meere. Im ganzen nördlichen Atlantischen Ozeane von Grönland bis Nord-Afrila, bis hinein in die großen Buchten des Mittelländischen Meeres und der Ostsee findet sich zahlreich ein kostbares Thier, den Schiffern wie den Fischern wohlbekannt, den ersteren ein Vergnügen, den letzteren ein Greuel. Es wird nicht jedem, sollte er schon einmal die Ostsee durchquert haben, bekannt sein, daß er dort auf der Fahrt Wale antreffen kann, echte Wale von der Familie der Delphine. Es ist der B r a u n f i s ch, wie er in Deutschland und Holland genannt wird, das Meerschwein der Engländer, Franzosen und Schweden und der Tümmler der Dänen, von den eigenartigen Namen zu geschweigen, die die Norweger, Isländer und Grönländer diesem merkwürdigen Thiere beigelegt haben. Selbstverständlich ist es kein Fisch, sondern ein Säugethier, das eine Länge bis zu 2 Meter und ein Gewicht von etwa 1 Zentner erreicht. Ihr Bau ist, wie der Name Meerschwein besagt, ein wenig plump, und ihre Bewegungen sind daher weniger elegant wie die der eigentlichen Delphine. Immerhin gehört die Beobachtung der Tünimler zu den fesselndsten Schauspielen, die sich den; Ostseefahrer auf diesem Binnemeer darbieten können. Ein Segelschiff begleiten sie in der Nähe der Küste fast regelmäßig, dagegen scheinen sie durch das qualmende und fauchende Dampfschiff beunruhigt zu werden und zeigen sich in dessen Nachbarschaft seltener.' Besonders lebhaft ivird das Thier vor und während eines Stunucs, es führt dann in den hohen Wogen die tollsten Kapriolen aus und wälzt sich mit Womic, ununterbrochen Purzelbäume schlagend, durch die Wellen hin. Während der Paarungszeit werden sie wie wahnsinnig und blind, es kommt nicht zu selten vor, daß dann ein Tümmler sich selbst den Tod giebt, indem er in unverständiger Wildheit durch die Brandung bis weit auf den Strand hinausschießt oder sich den Kopf an einer Schiffs- wand zerstößt. Der Braunfisch ist für die Fischerei eines der schäd- lichsten Thiere unserer heimischen Meere, er nährt sich vorzugsweise von Heringen, dann auch von Makrelen, Lachsen und anderen Werth- vollen Fischen, außerdem zerreißt er häufig die dünnen Netze der Fischer, prellt diese um ihren Fang und führt sich denselben selbst zu Gemüthe. Der Braunfisch hat daher die Gunst des Menschen ver- scherzt und dürfte um so eher ein Gegenstand der Verfolgung werden, als er in großen Schaaren vorhanden ist und in seinem Leibe einen höchst werthvollen Stoff birgt. Es ist weniger sein Fleisch, das zwar von den Alten sehr geschätzt und in Italien zum Beispiel zu wohlschmeckenden Würsten verarbeitet wurde, während es heute nur im Falle der Roth gegessen wird. Das eigentlich Werthvolle ist auch nicht die Haut, obgleich dieselbe ein ganz gutes Leder abgiebt, sondern das Fett, das unter der Haut sitzt. Dieses Fett läßt sich zu einem Oel verarbeiten, das an Feinheit für die Ver- Wendung im Maschinenwesen ganz unübertroffen dasteht. Das Fett des Wales muß in Streifen geschnitten und unter einer Schrauben- presse zerdrückt werden. Das erhaltene Oel ist so fein, daß es Töpfergeschirr und sogar Holz durchdringt. Es wird deshalb für die zartesten Maschinen und Apparate als Schmiermittel verwandt, z. B. auch für Uhren. Gegenwärtig wird es nur aus den Vereinigten Staaten geliefert.— Astronomisches. — Neber den neuen Planeten wird der„Franks. Ztg." geschrieben: Der durch den Astronomen der Urania- Sternwarte in Berlin entdeckte neue Planet ist in mehrfacher Hinsicht von ganz besonderem Interesse für die astronomische Wissenschaft. Er nimmt eine so isolirte Stellung unter den Gliedern unseres Sonnensystems ein, daß es zweifelhaft erscheinen kann, ob man ihn überhaupt einer Planetengnippe zuthcilen darf, und ob man ihn nicht vielmehr als den Vertreter eines ganz eigenarttgen, bisher von ihm allein dar- gestellten Typus von Begleitern unserer Sonne auffassen muß. Der Planet verdient aber unser ganz besonderes Interesse dadurch, daß wir durch ihn ein neues vorzügliches Mittel bekommen haben, die»och immer nicht genau bekannte Sonnen- Parallaxe und damit die Eni- fernung der Erde von der Sonne genauer zu bestimmen. Da uns nach den Berberich'schen Rechnungen der neue Planet auf 15: 100 des Abstandes der Sonne von der Erde nahekommen kann, also be- deutend näher als die anderen kleinen Planeten und als„Venns" und„Mars", so werden wir, tvenn einmal eine Oppositton des -Planeten nahe mit seinem Pcrihel zusammenfällt, seine Entfernung von der Erde und damit die mittlere Entfernung der Sonne von der Erde nnt ungewöhnlicher Schärfe bestimmen können.— Geologisches. — Erdbeben in Sachsen. Unerwartete Ergebniffe haben die Untersuchungen gehabt, die Professor Dr. Credner in Leipzig über die m den letzten zwanzig Jahren vorgekommenen 3ö sächsischen und insbesondere vogtländischen Erdbeben angestellt hat. Diese Ergebnisse sind soeben in den Abhandlungen der mathemattsch-physischen Klasse der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften veröffentlicht worden. Professor Credner stellt fest, daß die Ausgangspuntte der Erdbeben aus den Jahren 1878— 1897 an Gebiete größerer tektomscher Störungen gebunden und deshalb der Gruppe der tettonischen Beben beizuzählen sind, daß aberder eigenaNigeGesteinsaufbaudesbettoffenen Gebiets dieses zwar für Erdbeben-Entstehung besonders empfänglich macht, die eigentliche Ursache der Erschütterung jedoch in anderen Ein- Wirkungen als dem gebirgbildenden Druck zu suchen sein dürfte. Dies wird dadurch wahrscheinlich gemacht, daß die sächsischen und mit ihnen die vogtländischen Erdbeben sowohl in ihrer Zahl wie in ihrer Stärke einer gewissen Periodizität unterworfen find. Sie drängen sich nämlich m beiden Beziehungen zusammen: 1. ans den den Winter einschließenden Jahresabschnilt von September bis März, und zwar namentlich auf die Monate Oktober, November und De- zember; 2. auf den die Nacht einschließenden Tagesabschnitt von 3 Uhr abends bis 8 Uhr morgens, und zwar namentlich auf die Zeit von Mitternacht bis früh 9 Uhr. Ueber die Ursache dieser Periodizität der bisher von ihm aufgezeichneten Erdbeben will Pro- fcssor Credner Vermuthungen zur Zeit noch nicht äußern.— („Köln. Ztg.") Technisches. — Ueber eine großartige Felsensprengung, die am 27. August abends am Breitcnberg(bei Dornbirn) von der Bau- Unternehmung der R h e i n r e g u l i r u n g vorgenommen wurde, berichtet die„Feldk. Ztg.": Das abzusprengende Gestein umfaßte gegen 80 000 Kubikmeter; in die gebohrte Mine waren nicht weniger als 40 Kilozentner Sprengmateriäl sJanit) je. versenkt worden; die Abfeucrung wurde auf elektrischem Wege ausgeführt. Die Kosten dieser Sprengung dürften sich auf etwa 10 000 Gulden belmifen haben. Ein prachtvolles Schauspiel bot sich der großen Zahl der von überall herbeigeeilten Zuschauer. Langsam hob sich der gewaltige Felsblock, losgelöst von der übrigen Fe'lsmasse, und senkte sich ganz behaglich zur Erde, ohne etwa besonderen Donnerschall zu erzeugen, wie manche gefürchtet hatten, und ohne Steine in die Luft zu schlendern. Erst die nachfolgenden Abstürze von Felsblöcken erzengten weithin hörbaren donnerähnlichen Schall.— Humoristisches. — Pech.;3ch Hab' kein Glück auf der Welt I Heute, wo ich früher und nüchtern z' Haus komm', schläft meine Frau schon!"— — I n der Kunstausstellung. Fremder(im Katalog lesend):„„Dido giebt sich selbst den Tod!"" Heißt mer a' Erklärung I Die do! Warum und wer is se?"— — Eine verzwickte Sa ch'. Kaufmann:„Es geht nicht mehr, ich muß mir eine Hilfe ins Geschäft nehmen!.... Schlag' ich nun aber das neue Ladenfräulein auf den Syrup, auf den Käse oder auf die Eier?"— (Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Eine„Reihcschule" besteht noch in Lutterloh bei Unterlüß (Station an der hamburg-hannoverschen Bahn). Es giebt dort zwei Hofbesitzer, jeder hat sich sein eigenes Schulhaus eingerichtet, und Schulhaus und Schulhof wechseln jahrweise ab. Der Lehrer, der nur ein lediger Mann sein darf, wohnt und ißt in dem einen Jahr bei dem einen Hofbesitzer und im folgenden Jahre bei dem andern.— — Ans der katholischen Kirche in S ch a l m e y bei Elbing sind Pfandbriefe im Werthe von 40 000 M. gestohlen worden.— — In Birken bei Düsseldorf hat ein Arbeiter seine Frau, seine Tochter und hierauf sich selbst erschossen.— — In H a g e n sind zwölf Kinder unter starken V e r g i f t u n g s- e r s ch e i n u n g e n erkrankt. Die Kleinen hatten bei einem Ausflug schlechte Milch getrunken.—_,, — Eine große Feuerkugel wurde am 8. September gegen 3 Uhr 58 Minuten abends in K ö l n gesehen. Das Meteor flog etwas östlich vom Scheitelpunkte in der Richtung von Nord nach Süd über den Himmel und leuchtete wie mit elektrischem Lichte. Einen langen Schweif zog die Feuerkugel hinter sich, und zuletzt trennten sich leuchtende Theile vom Kopfe desselben ab und schienen sich in den Schweif hinein zu bewegen.— — In Mannheim ist ein siinfzehnjähriges Mädchen ins Wasser gegangen, weil zwei Frauen ihm nachsagten, es hätte ein Verhältniß".—__ — Die Stadt M a k o w im Gouvernement Lomsche ist völlig eingeäschert. Sieben Personen sind verbrannt.—____ — In Spanien herrscht ungeheure Dürr e. Die Flüpe Guadalquivir, Guadiana und Tajo sind ohne Wasser; die Mühlen und Fabriken an ihren Ufern stehen still. Die Felder sind aus- gedorrt und versengt.—_,__ Lerantivortlichcr Redakteur: Hugo Poehsch tu Berlin. Druck und Verlag von Sttnx Bnding in Berlin.