Nnterhalluttgsblatt des Jorwärts Nr. 180. Mittwoch, den 14. September. 1898 76} Mm die Fveiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichs!. Frau Margarethe mutzte Wider Willen lächeln. Fräulein von Badell spielte darauf an. daß die Dunkelmänner die Rückkehr Karlstadt's zu einem Schlage gegen die Reformation auszuuutzenversucht hatten. Sie hatten nämlich einen Schulmeister und zwei mindere Bürger mit einer Bittschrift um Wieder- einführung der Messe in der Stadt umhergeschickt. Es war ihnen auch gelungen, mehr als hundert Unterschriften zu sammeln, da den meisten das Schriftstück viel zu lang war, um es zu lesen, und sie daher blindlings unterzeichneten. Diesen Sammlern auf dem Fuße ließ sich der blinde Mönch, den man gememiglich den Fuchs nannte, von Haus zu Haus führen und eine kurz und scharf gefaßte Erklärung unter- schreiben, daß man von Karlstadt's Lehre nicht weichen wolle. Das Fräulein vernmthete, daß Valentin Jckelsamer der Ver- fasscr sei. Schärfer noch als diese Erklärung drangen aus den Schänken die lauten Drohungen zu den Ohren des Innern Ruthes, weidlich darcinzuschlagen, wenn die Messe wieder eingeführt würde. Da verschwand die erstere Bittschrift unter dem Rathstische. George Bermeter benutzte diese Vorgänge, um bei dem Aeußeren Rathe und dem Ausschusse vertraulich anzufragen, ob sie ihn nicht seines Amtes entlassen und andere Raths- Personen wählen möchten? Er war alles, nur kein Löwe und sah ein, daß seine Kraft zu schwach war, um dem vereinigten Andrang der Geschlechter und Wohlhabenden gegen den kaum geschlossenen Bund mit den Bauern erfolgreichen Widerstand entgegenzusetzen, auch sträubte sich sein Gewissen gegen den Eidbruch. Denn immer bedenklicher begann es um ihn zu raunen und zu flüstern:„Los von dem Bund!" Der Aeußcre Rath und der Ausschuß antworteten zwar, daß sie einem Bürger- meister und Rath alle Gewalt anheimstellten, denn auch sie wären des Regiments müde worden. Allein Erasmus von Muslor und Konrad Eberhard weigerten sich entschieden, in ihre früheren Aemter wieder einzutreten. Sie erachteten ihre Zeit noch nicht für gekommen. Mit ihrem Rathe wollten sie den Inneren Rath jedoch gern unterstützen. Sie hielten auch ihr Versprechen; denn auf ihre Einflüsterungen sandte die Stadt den Bauern nochmals Pulver und Kugeln, ließ aber den Befehl, Haltcnbcrgstedten zu zerstören, unausgeführt. Die seinerzeit gegen den Junker von Rosenberg bei dem Reichs-Kammergericht erhobene Anklage war bei den unruhigen Zeiten zur Makulatur geworden, und Erasmus von Muslor wollte es bedünken, daß die Freundschaft des Junkers auf dem Marienberge ihnen nunmehr nützlicher als die der Bauern sein könnte. Auch dieses ließ zum Erstaunen Sa- bine's ihre schöne Freundin völlig kalt. Während aber der regierende Rath noch den Schein der Bauernsreundlichkeit zu wahren trachtete, verriethen die Geschlechter ihre wahre Gesinnung offen durch die Gelage, mit denen sie auf der Herren-Trinkstube die Siege des Truchseß und seine eines türkischen Paschas würdige Grausamkeit gegen die Gefangenen und das unglückliche Weinsberg feierten. In dem Becher stecke ihre ganze Heldenschast, meinte die schöne Gabriele verächtlich. Sie beschuldigte den Rath der Zagheit, er treibe Krämerpolittk, und sie suchte ihren Vormund und Herrn Erasmus zu bestimmen, endlich einen entscheidenden Schlag zu führen.„Mir wäre es schon recht, aber wie, wenn er mißlänge?" fragte Konrad Eberhard.„Nun, dann ist's zu Ende und man weiß endlich, woran man ist," entgegnete sie mit wogender Brust. Seit dem Abschlüsse des Bündnisses mit der Bauernschaft war ihre Verachtung der Bauern zu einem Haffe geworden, über dessen leidenschaftliche Aus- brüche die gutmüthige Frau von Muslor mehr wie einmal sich entsetzte. Am Freitag vor Pfingsten befand sich Erasmus von Muslor mit den Seinigen nach dem Nachtessen in dem Garten hinter seinem Hause. Die Sonne stand bereits hinter den Häusern. Der Tag war heiß gewesen. Die beginnende Kühle othmend, die von dem Duste des blühenden Jasmins durch- würzt war, genoß Herr Erasmus seinen Abendtrunk, während die Hausfrau über den Küchenzettel für das Wngstsest brütete und Sabine von den Beeten einen Strauß sich pflückte. Gabriele saß auf der niedrigen Mauer, die den Garten gegen die tiefer liegende Vurggaffe mit den nur ein- und zweistöckigen Häusern der Hand- werker begrenzte. Das Geräusch der Gewerbe war ver- stummt und nur die frischen hellen Stimmen der Kinder, die auf der Gasse spielten, schollen herauf; dazu in der Luft das Pfeifen der jagenden Schwalben. Die niedrigen Stroh- und Schindeldächer hinderten das Auge nicht, südwärts weit, weit hinauszuschweifen in die von Feldern, Wiesen, Buchen und Tannen grünende Landschaft jenseits der Tauber. Gabriele hatte das linke Bein über das rechte geschlagen, das Knie mit beiden Händen umspannt und schaute mit etwas zurück» gebogenem Kopfe nach dem cyklopischen Pharamundsthurm in der südwestlichen Ecke der Hinterburg, um dessen von der Sonne noch goldig leuchtendes Dach die Schwalben im blitz- artig zuckenden Fluge hin und her schössen. Ein leiser Luftzug ließ dann und wann das schwarze Gelock Gabriele's aufwogen. Sie gewahrte es, daß Sabine, ihre Blumen ordnend, in ihre Nähe kam, und sie seufzte, indem ihre Augen die Schwalben verfolgten:„Wer doch auch fliegen könnte!" „Und wohin würdest Du fliegen?" fragte Sabine.„Aber Du brauchst es mir nicht zu sagen, ich weiß es." „Dann weißt Du mehr als ich," antwortete Gabriele mit einem verwunderten Blick.„Ich zerbreche mir just den Kopf über das Wohin. Hilf mir also." „Damit täuschest Du mich nicht," rief Sabine, indem ihre Wangen sich höher rötheten.„Du verstehst Dich steilich trefflich daraus. Denn wie hätte ich sonst so lange an eine Freund- schaft glauben können, die Du nie für mich gehabt hast?" „Wie, sind wir noch in der Klosterschule?" spöttelte Gabriele.„Also, welchen Verbrechens an der Freundschaft Hab' ich mich schuldig gemacht?" „Daß Du mich noch fragen kannst, beweist, was ich Dir schon einmal sagte, daß Du kein Herz hast," versetzte Sabine gereizt.„Ich habe Dir aus dem meinigen nie ein Hehl ge- macht. Du weißt, daß ich den Adelsheim nicht liebe, daß ich nur gezwungen die seinige werde. Du aber merkst kaum, daß einem anderen mein Herz sich zuneigt, so drängst Du Dich dazwischen und suchst ihn für Dich zu gewinnen." Die Thränen traten ihr in die Augen. „Also eifersüchtig I" sagte Gabriele, ihr Knie freigebend. Mit einem Achselzucken fügte sie hinzu:„Wenn ich mich des- halb verantworten soll, ja. Liebste,-warum seid Ihr alle auch so langweilig?" „Verantworten sollst Du, daß Du mich Deinen Zeit» vertreib bezahlen läßt," rief Sabine, deren blaue Augen zornig durch die Thränen zu blitzen begannen. Gabriele schwieg. „Und wenn Du ihn noch liebtest!" begann Sabine wieder. Gabriele sah sie finster an.„Und wenn ich ihn liebte?" fragte sie, die Worte dehnend.„Narrheit!" schloß fie nach einer kurzen Pause scharf. „Aber für mich ist's keine!" entgegnete Sabine mit zuckenden Lippen.„Dir freilich gilt er nichts. Hassest Du doch die Bauern tödtlich, wie könntest Du ihren Führer lieben!" „Ja, das ist wahr," gab Gabriele zu und glitt von der niedrigen Brustwehr auf den Boden.„Ja, ich hasse sie, wie ich mich selbst Haffen würde, wenn— wenn's anders wäre. Weißt Du denn nicht, daß hier in Rothenburg ausdrücklich ist festgestellt worden, daß keine Zinsen, Gülten und Renten mehr bezahlt werden sollen? Und daraus besteht mein ganzes Vermögen. Soll ich etwa diejenigen lieben, die mich zur Bettlerin gemacht haben? Wo soll ich itzt einen Unter- schlupf finden? Daran dacht' ich vorhin, als ich mir Flügel wünschte." Die Gutmüthigkeit drängte bei Sabine die Eifersucht zurück und sie rief:„Ach, verzeih', daß ich daran nicht dachte l Aber bfft Du nicht in unserem Hause geborgen? Gehörst Du nicht zu uns? Ob Du reich oder arm bist, das macht doch keinen Unterschied. Warum willst Du uns also verlassen?" Wieder schwebte es auf Gabriele's Lippen:„Weil Ihr alle tödtlich langweilig seid." Sie bezwang sich jedoch und et» widerte, sich stolz aufrichtend:„Ein Almosen soll ich an- nehmen? Denn ein solches wäre es, selbst wenn es die Liebe bietet. Niemals! Ich würde es nicht einmal er- tragen, hier arm zu sein, wo man mich in meinem Reichthum gekannt hat. Und nun bewahre, was ich Dir an- vertraut habe und sprechen wir nicht weiter davon." „Im Gegeutheil, sprechen wir itzt erst recht davon, ich muß Deinen Stolz bezwingen," rief Sabine. Gabriele aber unterbrach sie:„Da kommt mein Vormund. Laß' uns hören, was ihn noch so spät herführt." Sie schritten beide aus den alten Ahorn zu, unter dem Herr Erasmus und seine Gattin saßen und sich eben erhoben, um den Gast zu begrüßen. „Meine Neuigkeit ist kein Geheimniß," beantwortete � dieser den fragenden Blick des Hausherrn und reichte Sabine und seiner Mündel die Hand.„Hieronymus Hassel war eben bei mir." „Wie, schon aus Schweinfurt zurück?" rief von MuSlor erstaunt. „Die Tagsahung ist aus; sie war ein Fehlschlag und ist unvcrrichteter Sache auseinandergegangen." „Und der Menzingcn?" „Ist auch wieder da," antwortete Konrad Eberhard.„Wie mir der Hassel erzählte, ist er mit ihm zurückgekommen und mit ihnen der Geyer von Geyersbcrg. Der Landtag hat die beiden an den Markgrafen Kasimir abgeordnet, um zwischen ihm und der Bauernschaft den Frieden zu vermitteln. Sie wollen hier seinen Bescheid abwarten, wo er sie empfangen könne." Gabriele war bei der Erwähnung Florian Geycr's erst todtenblaß, dann seucrroth geworden, während Sabine, die ebenfalls erröthet war, sich eiligst nach dem Hause ent- fernte, um für die Bewirthung Konrad Ebcrhard's zu sorgen. Als sie nach einiger Zeit mit einem reinen Becher und einem Teller gewürzten Gebäckes, um den Durst zu reizen, wieder- kam, war Gabriele verschwunden. Später sah sie dieselbe aus einer Geisblattlaube kommen und laugsam dem Hause zugehen. Gabriele legte sich zu Bett, obgleich es noch früh war, und als Sabine nach einer Stunde ebenfalls ihr Lager aufsuchte, schien sie bereits fest zu schlafen. Es war am folgenden Tage in der Stadt wenig davon zu merken, daß es Sonnabend vor Pfingsten war. Das Gerücht von der Vergeblichkcit des Landtages zu Schweinfurt und ein zweites, das sich erst jetzt zu verbreiten begann, nämlich, daß der Innere Rath die beiden Vertreter der Stadt aus Würz- bürg abberufen habe, erfüllten die Gemüther mit einer un- bestinunten Unruhe. Man hatte das Gefühl, als ob man in einem Boote führe. das auf einem äußerlich glatten Strome schneller und schneller einem Katarakt entgegenglitt. Auf den Märkten hatten sich auffallend wenig Bauern eingefunden. Um so zahlreicher hatte das Pfingstfcst die Bettler in die Stadt gelockt und unter ihnen altbekannte Gestalten, die keinen Sonnabend in Rothenburg fehlten, bestimmte Viertel absuchten und an Sonn- und Feiertagen an den Thüren bestimmter Kirchen zu finden waren. Einer mit einem langen schneeweißen Barte, den man den Patriarchen nannte, pflegte nur bei den Geschlcchterhäusern zu betteln, wo er meistens reich- liche Almosen erhielt. Seinen festen Stand hatte er vor der Klosterkirche der Dominikanerinnen, einem geschmackvoll ein- fachen Bcku aus der Epoche der ersten Gothik mit schlanken Thünnen auf beiden Giebolseiten. Diesen Lumpcnpatriarchen fand Florian Geyer an der Hausthür seines Gastfreiindes stehend, als er am Vormittage ausging, um Dr. Deukschlin und den Kömmcnthur Christa» aufzusuchen. Während er aus seiner Kürteltasche eine kleine Münze hervorsuchte, reichte ihm der Bettler einen zusammen- gelegten Zettel.„Lesen, Ew. Gnaden," sagte er dabei leise und machte Miene, sich zu entferüen. Florian Geyer hielt ihn jedoch nüt einem:„Halt!" zurück und fragte, wer ihn schicke? „Wenn's nit der Schreiber von dem Zettel ist, dann weiß ich's nit, gnädiger Herr," anttvortcte der Weißbart mit verstellter Einfalt.' Florian Geyer hatte unterdessen einen Blick auf das Papier geworfen, das nur die wenigen Worte enthielt:„Ich muß Euch sprechen. Um 6 Uhr in der Kirche der Domini- kanerinnon." Als er aufsah, entfernte sich schon der Patriarch und er ließ ihn ohne weitere Erkundigung gehen, würde er doch zeitig genug erfahren, von wem die Botschaft kam. Die Mittheilungen Kaspar Christan's und des Predigers an St. Jakob über den Geist, der unter den Geschlechtern Rothenburgs sich bemerkbar mache, gaben Florian Geyer viel zu denken.'Am Nachmittage ging er nochmals fort, um endlich Max Eberhard auch von Angesicht kennen zu lernen. Wendel Hiplcr hatte ihn in seiner guten Meinung von Max Ivesentlich bestärkt und dieser überdies an Else einen reizenden Anwalt gefunden, als Florian Geyer das Gespräch aus ihn gebracht. Max Eberhard sprang lebhaft von seinem Arbeitstische auf, an deni er saß, und begrüßte Florian Geyer mit seinem Namen, indem er ihm beide Hände entgegenstreckte. Else hatte den Zug der Gesandten auf das Rathhaus gesehen und Max den Ritter auf das genauste beschrieben.„So kennt Ihr mich also schon von Ansehen?". fragte Florian Geyer mit einiger Verwunderung. Max gcrieth in Verlegen- hcit und sein Gast lächelte, denn er erinnerte sich der Wärme, mit der Else ihm von Max gesprochen hatte. Er er- rieth das Geheimniß der beiden jungen Menschen, und es wehte ihn lvohlig an, in all den politischen Wirren und Leidenschaften den reinen Hauch des ewig Menschlichen zu ver- spüren. Das war etwas, das ihn den Unmuth und die schweren Gedanken, mit denen ihn sein Morgcnbesuch erfüllt hatte, einigermaßen vergessen ließ. Damit in einem inneren Zusammenhang stand die lächelnde Frage, indem er auf ein offenes Buch wies, von dem Max bei seinem Eintritte sich erhoben hatte:„Ihr laset wohl eben einen alten Dichter?" „Ich möchte ihn eher einen Propheten nennen, denn er malt Zeiten, die erst kommen sollen." antwortete Max, ein wenig erröthend.„Auch ist er nicht alt, sondern athmet noch im Licht der Sonne. Es ist die Utopia des vortrefflichen Thomas Morus, wenn Ihr vielleicht davon gehört habt." „Freilich Hab' ich davon gehört," rief Florian Geyer leb- Haft.„Ulrich von Hutten hat uns auf der Ebcrnburg oft und eingehend von dem Werke unterhalten und manche Stelle daraus verdeuffcht. Er las uns auch den Brief, worin der berühmte Erasmus ihn auf die Utopia aufmerksam machte und von ihr sagte, daß Monis sie in der Absicht verfaßte, zu zeigen, woran es läge, daß die Staaten in so schlechten Zu- ständen seien." „Was Morus denn auch in bezug auf sein Vaterland England griindlich thut," fügte Max hinzu. „Nur in einem Punkte kann ich seine Hoffnungen nicht theilen und auch er wird enttäuscht werden. Wir kennen ja die Fürsten, sollte ich meinen, und ich bestritt es schon damals Hutten und Sickingen, daß es ihm je gelingen werde, einen Fürsten zu gewinnen, der einen Versuch machte, ein so vor- zügliches Gemeinwesen, wie er es ausmalet, ins Leben zu rufen." „Ihr haltet die Utopia also für keine Träumerei, sondern für wirklich erreichbar?" fragte Max, und Florian Geyer er- widerte:„Höret, lieber Doktor! Ihr werdet es ja den Karl- stadt wiederholt haben predigen hören, daß die Welt im Geiste des Evangeliums sich erneuern und zum Kommunis- mus der ersten christlichen Gemeinden zurückkehren müsse. Ich bin des Dafürhaltens, daß die Menschheit nie wieder zu Erscheinungen, zu Einrichtungen zurückkehrt, die sie einmal überwunden hat. Das Ziel, dem sie in ihrer Ent-. Wickelung zustrebt, liegt oft in unabsehbarer Ferne, aber immer vor ihr, nie hinter ihr. Der religiöse Kommunismus ist abgethan, unser Ziel ist der soziale Kommunismus der Insel Utopia. So fest meine Schwcrtklinge ist, so fest bin ich überzeugt, daß wir einst dort lande» werden. Schon sind wir auf der Fahrt dorthin. Warum sonst hätte sich der Bauer im ganzen Deutschen Reiche empört?" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) GroßstadtKi«der und Kleinstadtkinder nach ihrem Vorstellungskreise. Den Vorstcllungskreis der in die Schule eintretenden sechs- jährigen Kinder kennen zu lernen, ist deshalb Ivichtig, Iveil im Unter- richt alles Neue an das Alte, schon Bekannte anknüpfen mutz. Von den Grotzstadtkindern nimmt man vielfach an, datz ihr Vorstellungskreis im allgemeinen reicher sei als der der Kleinstadt- kinder. Allerdings übt das vielgestaltige Leben großer Städte auch auf das Kind seinen Einfluß aus. Aber die Eindrücke, die die. Großstadtfugend empfängt, sind in der Regel mehr zahlreich als nachhaltig. Die Fülle und rasche Aufeinanderfolge all' der Bilder, die auf das Kind der Großstadt eindringen— ivobei leicht ein Bild durch das andere vcrivischt wird— lassen nur selten eine größere Tiefe des Eindrucks zu. Dazu kommt, datz gerade in der Großstadt dem Kinde eine ganze Reihe wichtiger Anschauungen entzogen bleiben. Mindestens von den Naturanschauungen wird man von vornherein vermuthen dürfen, daß sie bei der großstädtischen Jugend weder sehr zahlreich noch sehr deutlich sind. Wie es in Berlin bei den in die Schule eintretenden Sechs- jährigen um den Reichthum an Naturanschauungen steht, zu dieser Frage ivurden kürzlich, in der Unterhaltlingsbeilage voin 4. Sep- tember, einige statistische Angaben gemacht. Die dort mit- getheilten Zahlen sind freilich schon aus dem Jahre 1863, Damals lvurdc durch den Berliner„Pädagogischen Verein" eine sorgfältig vor- bereitete, aber unvollkommen ausgeführte Aufnahme über den Vor- stellungstreis der sechsjährigen Schulkinder veranstaltet,(Der Gedanke einer folchen Statistik war schon 1856 durch Berthold Sicgismund in seinem Buche„Kind und Welt" angeregt worden). Heute dürfte eS in den Köpfen der Berliner Kinder nicht mehr ganz ebenso aus- sehen, Ihr Vorrath an Natilranschauungen wird in manchen Beziehungen noch kleiner, in anderen aber gröster geworden sein— kleiner, weil das Häusermeer sich seitdem immer ivciter ausgedehnt hat— größer, weil die Vermehrung und Verbillignng der Fahr- gclegcnhciten lPferdcbahncn, Vorortzüge) weitere Ansflüge erleichtert haben, Neuere Untersuchungen sind nach jenem Berliner Versuch, der sich auf 2233 Kinder erstreckte und übrigens nicht blas die Vor- slelluugen aus dem Naturlcbcn betraf, nur in mittleren und kleineren Orten gemacht ivorden. Veröffentlicht sind die Ergebnisse der Aufnahme», welche veranstaltet wurden: 1878 auf Anregung des Schuldircktors Dr. Lange sPlauen) an über 566 Elcmcntarschul- Kindern von Plauen im Vogtland und an über 366 Kindern aus 21 Dorfschulen der Umgegend, 1886—84 durch Bürgerschul-Direktor Dr, Hartmann(Annaberg) an 1312 Bürgerschul-Kindern von Annaberg im Erzgebirge, 1886/87— 88'89 durch Bürgerschul- Lehrer Bergmann lWcimarj an 186 Bürgerschul-Kindern von Weimar, Die Ergebnisse sind insofern überraschend, als sie zu zeigen scheinen, daß die Naturanschauungen auch bei den Kindern tlciuer Orte recht mangelhaft sind, zum theil sogar— gegen alle Erwartung— noch mangelhafter als in Berlin. Dabei sind freilich die Schwierigkeiten der Aufnahme in bctracht zu ziehen, die sich aus der Schüchternheit oder sprachlichen Unbeholfcnhcit— oder andererseits auch ans entgegengesetzten Eigenschaften— mancher der befragten Kinder ergaben. Ein Kind kann eine Vorstellung bereits haben, ohne das; etwas darüber aus ihm herauszubringen fft. Umgekehrt wurde in Berlin durch einen Theilnehmer an der Aufnahme beobachtet, daß bei Befragung bor der ganzen Klasse beinahe doppelt so viel Kinder die betreffenden Vorstellungen zu haben behaupteten als nachher, wo sie in kleineren Gruppen noch einmal befragt ivurden, Muß man auch aus diesem Grunde besonders die Berliner Zahlen mit einiger Vorsicht aufnehmen— sie sind ivohl fast durchiveg als noch zu hoch anzusehen— so wird es doch lehrreich sein, eine Auswahl davon nebe» die Zahlen kleinerer Orte zu stellen, Unter allen befragten Kindern hatten, den Ennittelungen zufolge, z, B, die Vorstellung'„Sonnenaufgang" in Berlin nmd 30 pCt,, in Plauen 18 pCt,. auf den Dörfern 42 pCt,(in Weimar und Annaberg ivurde nicht danach gefragt). Die Vorstellung„Sonnenuntergang" hatten iir Berlin 46 pCl,, Weimar 7 pCt,, Annaberg 12pEt., Plauen 23 pCt,, auf den Dörfern 58 pCt. Die Berliner dürften hier etwas stark„aufgeschnitten" habe», namentlich hinsichtlich des„Sonnen- oufganges". Die Vorstellung„Mond" hatten in Berlin 62 pCt,, Weimar 36 pCt,.„Mondphasen" in Amiaberg 28 pCt.,„Sternen- Himmel" in Berlin 81 pCt,, Weimar 166 pCt,(also säinnitliche Ltinder), Annaberg 62 pCt.,„Mond und Sterne" in Planen 84 pCt., auf den Dörfern'82 pCt. Es versteht sich von selbst, daß auch unter denjenigen Kindern, bei denen die Vorstellungen nicht als vorhanden waren, doch noch viele— und wahrscheinlich sogar die meisten— den Mond, die Sterne u. s, w. gesehen, aber nur keinen bleibenden Eindruck davon empfangen hatten, Bis zu einem gewissen Grade darf daS wohl auch von einigen der folgenden Vorstellungen gelten, ES hatten, angeblich, die Vorstellung„eines im Freien laufenden Hasen" in Berlin 25 pCt,, Weimar 13 pCt., Annaberg 16 pCt,.„einer Lerche bezw, ihreS Gesanges" in Berlin 18 pCt,, Weimar 5 pCt,, Annaberg 12 pCt.. Plauen 26 pCt,. auf den Dörfern 76 pCt,,„eines im Waffer schwim- inenden Fifches" in Berlin 59 pCt,. Weimar 22 PCt,. Annaberg 20 pCt,. Plauen 72 pCt., auf den Dörfern 83 pCt,.„einer iin Freien kriechenden Schnecke" in Berlin nmd 47 pCt,, Weimar 27 pCt,, Anna- berg 31 pCt. ES behaupteten gesehen zu haben„eine Eiche im Walde" in Berlin 26 pCt,, Plauen 18 pCt,, Dörfer 57 pCt,,„eine Birke im Walde" in Berlin 13 pCt,, Weimar 11 pEt„ Annaberg 3 pCt,,„eine Kiefer im Walde" in Berlin 18 pCt.,„eine Fichte im Walde" in Weimar 76 pCt., Annaberg 22 pCt.,„ein Achrenfcld" in Berlin 41 pCt,, Annaberg 22 pCt,,„das Kornbinden" in Weimar 12 pCt,, „ein Kornfeld" in Planen 64 pCt,, auf de» Dörfern 92 pCt, Wie aus Getreide Brot wird, wußten in Plauen 28 pCt,, auf den Dörfern 63 pCt, Bei manchen dieser Vorstellungen ist anscheinend ein Einfluß zufälliger Umstände(Nähe von Wasser, von Wald oder Parkanlagen mit bestimmten Banmartcn) anzunehmen. Die Berliner Zahlen aus der Thier- und Pflanzenwelt sind wahrscheinlich viel zu hoch, Einen„Fluß" wollten in Berlin nur 11 pCt, kennen(obwohl vermuthlich die meisten die Spree gesehen hatten), in Weimar 63 pCt,, Annaberg 23 pCt. In Plauen erinnerten sich 71 pCt.. auf den Dörfern 82 pCt,, schon einen Fluß oder Bach gesehen zu habe». Die Vorstellung„Berg" ließ sich in Berlin nur bei etwa 33 pCt, er- mittel»: in Plauen waren ihrer Aussage nach 48 pCt,, auf den Dörfeni 74 pCt, auf einem Berge gewesen,(In Berlin wurde bei einer Umfrage, die damals probeiveise auch in tEr oberen Klasse einer nahe dem Roscnthaler Thor gelegenen Mädchenschule gemacht wurde. von allen der„Pfefferberg" und nur von einigen außerdem noch der Windmühlenberg und der Kreuzberg genannt. Es ergab sich, daß die Kinder überhaupt ein Vergnügungslokal als wesentliches Merk- mal des Begriffes„Berg" betrachteten.) Die Vorstellung„Dorf" lvar in Berlin nur bei 34 pCt, festzustellen, aber 31 pCt, bez. 25 pEt, und 12 pCt, wußten sogar, daß sie in Treptow bezw, Stralau und Ruminelsburg gewesen' waren. Von den Kindern Plauens waren 43 pCt. in einem Dorfe gewesen. Weniger anfechtbar als die bisher genannten Zahlen sind die folgenden, Ihre Wohnung konnten angeben in Berlin 96 pCt,, Weimar 32 PCt,, Annaberg 86 pCt.; den Namen des Vaters kannten in Berlin 85 pCt,, den Stand des Vaters in Berlin 89 pCt,, de» Namen und Stand des Vaters in Weimar 38 pCt., Annaberg 61 PCt. Was eine Kugel ist, wußten in Berlin 76 pCt,, Weimar 36 pCt., Annaberg 86 pCt.; was ein Dreieck ist, in Berlin 42 pCt,, Weimar 10 pCt.. Annaberg 16 pCt,; was ein Viereck, in Berlin 55 pCt., Weimar 26 pCt,, Annaberg 15 pCt. Auch nach religiösen Vorstellungen tvurde geforscht. Die Vor- stellung„Gott" hatten in Berlin 66pCt,, Weimar 83pCt., Annaberg 59 pCt,. Plauen 51 pCt,, auf den Dörfern 66 pCt. In Berlin war den aus Kindergärten und Bewahranstalten kommenden Kindern die Vorstellung„Gott" und überhaupt die religiösen Vorstellungen wcnigc'r geläufig als den Kindern, die direkt aus der Familie kamen. Man sollte das Gegentheil erwarten, und heute dürfte es auch in der That umgekehrt sein. Im übrigen zeigte sich, daß die Kinder aus Kindergärten und selbst die aus Bewahranstalten vor- stellungsreicher als die aus Familien kommenden Kinder waren. Auch waren bei weitem die meisten Vorstellungen(etwa drei Viertel aller Erfragten) bei den Knaben häufiger als bei den Mädchen. Zu Vcrglcichnngen am besten zu brauchen sind die Erhebungen aus Plauen und Umgegend, da sie nach einheitlichen Gesichtspunkten veranstaltet sind, Sie zeigen deutlich, daß das Landkind dem Stadt- kinde an Anschaunngsreichthum überlegen ist. Selbst die Fragen. wer schon einen Schuhmacher, einen Tischler, einen Maurer habe arbeiten sehen, ivurden in den Dörfern öfter mit ja beantwortet als in der Stadt(Schnhniacher: Plauen 79 pEt,, Dörfer 86 pCt.; Tischler: Plauen 55 pCt,, Dörfer 62 PCt.: Maurer: Plauen 86 pCt.. Dörfer 92 pCt,). Dabei ergab sich, daß die Kinder reiner Fabrikdörfer ziemlich auf gleicher Stufe init denen der Industriestadt standen. Auch in Berlin zeigte sich übrigens, daß der Vorstellungsvorrath der Kinder in den verschiedenen Stadtthcilcn je nach der dort vorherrschenden Gesell- schaftsschicht verschieden war, was zu der gleichfalls damals gemachten Beobachtung stimmt, daß die Bildungsfähigkeit der Kinder ver- schiedener Stadtgegenden auffallend ungleich ist; doch sind zahlen- mäßige Belege dafür nicht veröffentlicht worden. Zur Frage nach dem praktischen Nutzen solcher Erhebungen thcilt Hartmann folgende drei Musterbeispiele mit. Ein Knabe aus gebildeter Familie brachte von 166 Vorstellungen, nach denen gefragt ivurde, 75 mit und besuchte die Schule mit gutem Erfolge. Ein Mädchen ans einer Handwerkerfamilie, die ihr Auskommen hatte, brachte von 166 Vorstellungen 41 mit und machte ebenfalls ganz hübsche Forffchritte, Ein Knabe, armer Leute Kind, Sohn eines Posamcntcnarbciters, brachte nur 12 Vorstellungen mit in die Schule und machte trotz Aufmerksamkeit, Ordnungsliebe und Fleiß anfangs sehr geringe, später bessere, aber doch recht mäßige Fort- schritte.„Freilich, die mangelnden Anschauungen", sagt Hartinann, „Iverden sich schwerlich ganz ersetzen lasse», und bei allem Ehrgefühl wird der arme Junge, mit dem sich offenbar die Eltern wenig de- schäftigt haben, zeitlebens hinter de» meisten seiner Altersgenossen einhertrotte» müssen,"— dm. Vt l eines» Isrulllekon gk. Ein Schnittmnsterbnch a„S dein 17. Jahrhundert, daS dem Germanischen Naiioiialmnseum in Nürnberg geschenkt wurde, wird in den Anzeigen desselben abgebildet und beschrieben. Die Kunst des Schnittzeichncns ist keine Erfindung der Neuzeit sie hat sich vielmehr entwickelt. sobald man anfing. anliegende Kleider zu tragen. Schnittmusterbücher auS früheren Jahrhunderten sind aber sehr wenige erhalten. Das vorliegende haben die vier Meister von Bruck(Oberpfalz) im Jahre 1682 dem Handwerk der Schneider zu Nittcnau geliefert. Es sind Zeichnungen für Gewänder von Geist- lichen, Edcllentcn. Bürgern und Bauern darin enthalten. Das Manuskript umfaßt acht Blätter in Quart mit derben Federzeichnungen; einige Erlänternngen sind beigegeben, die zum theil in, zum theil neben die Zeichnungen gesetzt sind. Die Zeichnungen sind ungenau, die angegebenen Maße stimmen nur annähernd oder garnicht mit ihnen überein. Stücke, welche über den Rand des Stoffes hinausstehen, haben Zeichen, unter denen sie auf dem Stoff nochinals gezeichnet sind, Liegt der Stoff an einzelnen Stellen doppelt oder mehrfach, so ist dies geivöhnlich den Zeichnungen eingeschrieben, liegen Vordertheil und Riickthcil übereinander, so sind die Verschiedenheiten des Schnittes beider kenntlich gemacht.— Erziehung und Unterricht. kg. Die K u n st in der Schule, In seinem Buch „Uebungen in der Betrachtung von Kunstwerken" erstattet Alfred L i ch t>v a r k, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Bericht über die Versuche, die man in Hamburg gemacht hat, dieses Problem, Aber das schon so viel geredet und geschrieben wurde, prattisch zu fördern._ Mit vierzehnjährigen Schulmädchen wurden vor Gemälden der Kunsthalle Hebungen veranstaltet, deren Resultate in 10 Lektionen ausgearbeitet vorliegen. Die bisherige Art, einfach Kunst- geschichte in der Schule zu lehren, hält Lichtwark für direkt schädlich. Nicht auf die Bereicherung des Wissens lonnnt es ihm in kiinst- lerischen Dingen an, sondern auf die Anleitung zur scharfen und oenauen Beobachtung. Auf dieses Ziel arbeiten die Hebungen hin. Alle möglichen Stoffe werden darin behandelt, Genrebild und Portrait, moderne Bilder, Landschaften und Straßenbilder, und immer in verschiedener Weise angefaßt, je nachdem es der Stoff erfordert. In ein Spiel von Fragen und Antworten wird der Stoff aufgelöst. Auf die Bewältigung des fach- lichen Inhalts wird der Hauptton gelegt. Das Kind soll lernen, sich genau Rechenschaft zu geben über das, was es sieht. Da>vird jede Figur in ihren einzelnen Zügen durchgesprochen, aus ihrer Bc- toegmig, ihrem Geberdenspiel die Art der seelischen Erregung, die der Künstler ausdrücken wollte, erschlossen! da wird das Verhältniß der einzelnen Figuren zu einander und der Zusammen- hang des Ganzen ermittelt. Jede Ausdrucksbewegung wird auf ihre ursprünglichste Bedeutung zurückgeführt. Bei der Besprechung des Bildes„Der verlorene Sohn" von Vautier z. B wird die abweisende Handbewegung des alten Bauern dadurch zum Verständniß gebracht, daß sie genau nachgemacht wird. Ist der sachliche Inhalt erschöpft, so wird die Beleuchtung und die Farbe betrachtet, der Hnterschied zwischen direktem Licht, Reflexen und zer- streutcm Licht herausgesucht. Hier und da fließen auch geschichtliche Ausblicke und Beziehungen in die Unterhaltung ein. Durch diese Anleitung zur elementaren Beobachtung allein wird, was an Empfindungsvermögen vorhanden ist, wachgerufen. Ob das Kind überhaupt im stände' ist, rein künstlerische Qualitäten zu empfinden, läßt Lichtwark dahingestellt. Es muß genügen, wenn ihn, eine Ahnung aufgeht, daß jenieits des mit Worten zu deckenden sachlichen Inhalts noch etlvas Anderes im Kunstwerk steckt, daS man nur fühlen kann und das eigentlich die Hauptsache ist.— Hydrographisches. — Hm eine genauere Kenntniß der Bewegung der Ober- stäche des Meeres, insbesondere des Atlantischen Ozeans, zu gewinnen, werden seit längerer Zeit auf Veranlassung des„Hydro- graphischen Bureaus der Vereinigten Staaten" von den verschiedenen Seeschiffen„schwimmende Flaschen" ausgeworfen, auS deren Reise sich die Geschwindigkeit der Meeresströmungen berechnen läßt, da die Schiffe das Datum der Aussetzung und Auffindung dieser Flaschen notiren. Die jüngsten Veröffentlichungen des Hydrographischen Bureaus über die„schwimmenden Flaschen", die Zeit von, 1. Juni vorigen Jahres bis 1. Juli dieses Jahres umfassend, geben ein klares Bild über die Strömungen im nord- atlantischen Ozean. In den äquatorialen und tropischen Strichen, wo Passatwinde herrschen, ist die Strombewegung westlich. Der Rordostpassat bewirkt den nördlichen Aequatorialstrom, der sich bis in die nördliche Hemisphäre erstreckt. Oestlich vom Kap San Roque theilt sich der südliche Aequatorialstrom in zwei Zweige, von denen der südliche' sein Wasser gegen die brasilianische Küste führt, während der nördliche der Nordküstc Südamerika's folgt und in das Karaibische Meer geht. Dieser Zweig der Aequatorialströme hat eine schnellere Durchschnitts- geschwindigkcit als irgend ein anderer Strom des Atlantischci, Ozeans, nämlich 21 Seemeilen auf den Tag. Die Flaschentrift zeigt östliche Richtung, also dem Aequatoriasitrom entgegengesetzt, und die Geschwindigkeit in diesem Theil des Ozeans ist sehr ver- schieden. Der Einfluß der außerhalb der tropischen Striche im nordatlantischcn Ozean herrschenden westlichen Winde gicbt sich in einer stetigen östlichen Bewegung zu erkennen, und die Flaschen- trist zeigt auch hier eine Abweichung in der Stromrichtung. Flaschen, die auf den transatlantischen Linien ivestlich von 55 Grad westlicher Länge ausgeworfen wurden, sind längs der West- küste von Europa und Afrika vom Kap North bis zu den Kanarischen Inseln wiedergefunden worden, während man die- jenigen, die östlich von diesem Meridian ausgeworfen wurden, an den Küsten von Großbritannien und Frankreich wiederfand. Flaschen, die bei Island landeten, hatten eine Durchschnitts- gcschwindigkeit von vier Seemeilen täglich, und ungefähr ebenso viel diejenigen, die bei Norwegen gefunden wurden. Die bis zu den Faröer, ShetlandSinseln und Schottland gekommenen Flaschen hatten eine tägliche Durchschnittsgeschwindigkeit von sieben Seemeilen. Flaschen, die nach Irland, England, der Kanalküste von Frankreich trieben, legten sechs Seemeilen täglich zurück; die nach dem viseayischen Meerbusen gehenden Flaschen hatten fünf und die nach Westindien gehenden Flaschen acht Seemeilen Ge- schwindigkeit. Eine der Flaschen wurde bei Nantucket Shoal aus- geworfen und in Argylshire(Schottland) nach Verlauf von 512 Tagen wiedergefunden. Die Entfernung zwischen diesen beiden Punkten beträgt 2587 Seemeile», was eine Durchschnittsgeschwindig- keit von fünf Seemeilen täglich ergiebt. Von besonderem Interesse ist die Trift dreier Flaschen, die alle zu gleicher Zeit auf 52 Gr. nördlicher Breite und 41 Gr. westlicher Länge ausgeworfen wurden. Man fand sie in kurzen Zwischenräumen in derselben Woche an der Westküste Schottlands nach einer Trist von 1200 Seemeilen wieder auf. Ihre Durchschnitts- Geschwindigkeit war 10 Seemeilen täglich. Zwei Flaschen, die auf 26— 40 Gr. nördl. Breite und 30 bis 00 Gr. westl. Länge ausgeworfen wurden, folgten verschiedenen Rich- hingen, indem die eine an der Küste von Devonshire, die andere an der Küste von Florida wiedergefunden wurde. In diesen Strichen werden ausgeworfene Flaschen seltener wieder aufgefunden, obgleich die Gebiete lebhaft befahren werden.—(„Voss. Ztg."). Aus dem Thierleben. d. Interessante Versuche über die Vernichtung eines Getreideschädlings, der Getreide-Wanze, durch einen Schimmelpilz, den Muscardine-Pilz, sind in Amerika durch S.A. Fordes angestellt worden. Die Getreide-Wanze richtet dort zeitweise große Verheerungen in der Saat an. Da nun die Getreide- Wanze von dem genannten Pilze befallen und gctödtet wird, so war Fordes bestrebt, diese Krankheit unter den zahlreichen Wanzen eines Feldes künstlich zu verbreiten. Der Muscardine-Pilz wurde auf Maismehl künstlich gezüchtet; die Sporen desselben, durch welche seine Verbreitung bewirkt wird, brachte man mit einer Anzahl der Wanzen zusammen in verschlossene hölzerne Schachteln. Die Wanzen erkrankten bald; sie winden dami auf dem Felde verbreitet und andere noch gesunde an ihre Stelle gesetzt. Dies Verfahren setzte man einige Zeit hindurch fort. Es trat dann bald der gewünschte Erfolg ein. Sämmtliche Wanzen des be- treffenden Bezirkes erkrankten und gingen zu gründe, indem sich der Pilz von den kranken Thieren auf die gesunden verbreitete.— Technisches. —ss—. Ein Wasservorhang gcgenFeuerSgrfahr. Der Schutz eines großen Gebäudes gegen Feuersgefahr ist an der öffentlichen Bibliothek in Chikago auf eine neue und sehr praktische Art erreicht worden; die Anlage ist zu gleicher Zeit sehr einfach. Rings um das Gesims des Gebäudes ist ein sieben Zoll starkes stählernes Wasserrohr gezogen, zu dem das Wasser durch starke Pumpen vom Erdgeschosse aus hinausgehoben wird. Gcräth das Gebäude in Brand, so tritt das Wasser in Strömen durch zahlreiche Oeffnungen aus und überschüttet die Mauern vom Giebel bis zum Pflaster mit einem daueniden Wasserstrome. Die Einrichtung ist so getroffen, daß sie für jeden Theil des Gebäudes einzeln in Thätig- lest gesetzt werden kann. Außerdem find kleine Röhren über die inneren Wände, die Thüren und Fenster gezogen, um auch hier sofort die Wasserleitung in Wirkung zu setzen.— Humoristisches. — Zum Abrll st ungsvor schlag. Die Vereinigung deutscher Gymnasiallehrer hat beschlossen, bei der allerhöchsten Stelle gegen die geplante Abrüstung vorstellig zu werden:„Ohne Kriege würde die Weltgeschichte einen beklagenswerthen Mangel an Jahres- zahlen aufweisen, ein Hmstand, der geeignet wäre, durch das dadurch bedingte Fehlen pädagogischen Erziehungsstoffes den historischen Sinn der heranwachsenden Jugend von Grund aus zu zerstören und somit unsere Kultur auf das denkbar niedrigste Niveau herab« zudrücken."—(„Simplicisfimus.") — Zusammengefaßt...„Diese Frau war durch ihr Mund- und Backwerk berühmt."— — G ü n st i g e r H m st a n d.„Ra, wie war's beim gestrigen Festessen?" Großartig! Wir waren nur acht Personen, und für zwanzig war gekocht worden!"— Vermischtes vom Tage. — Am Bahnhof in Diessen wurde kürzlich ein Plakat an- geschlagen:„Das Vorausgehen vor derLoko motive auf dem Geleise ist bei Strafe verboten, ebenso das Auf- und Abspringen während derFahrt." Der Missethäter wurde nicht entdeckt.— — Seinen Bruder im Streite erschlagen hat in S p e i e r ein 2Sjähriger Ziegler.— — Die DiphtheritiS wüthet in Maulbronn so arg, daß alle Schulen geschlossen werden mußten.— — Bei der Grazer Finanz-Landesdirektion ist ein Fräulein als Kalkulantin angestellt worden.— — Der bekannte Alpinist und Dolomitenkletterer N e r u d a- N o r m a n n ist beim Abstieg von der Fünffingerspitze abgestürzt und bald darauf gestorben.— — In der Nacht zum Dienstag ist in Budapest ein am Westbahnhof gelegenes Petroleumlager ausgebran n t. Dabei ist auch die riefige zum Bahnhof führende Holztreppe in Flammen aufgegangen.— — Jmschweizerisch-italienifchenGrenzgebiete haben sich in diesem Jahre Bären in größerer Anzahl gezeigt.— — Meunier's Bronzegruppe„Das schlagendeWetter" ist auf der Bahn zwffchen Wien und Brüssel gestohlen worden. An stelle des Kunstwerkes sand sich ein Haufen zerschlagenen Gipses in der Kiste.— — Der erste elektrische Fiaker— er trägt die Nummer 10 000— ist am vergangenen Donnerstag auf dem Pariser Pflaster aufgetaucht.—'_ Verantwortlicher Redakteur: Wilhelm Schröder in Halensee. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.