Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 182.' Freitag, den 16. September. 1898 (Nachdruck verboten.) A»n die �eerlzeit. Geschichtlicher Nonian aus dem deutschen Bauernkriege 1525 Von Robert S ch w e i ch e l. Florian Geyer eröffnete an der Spitze seiner Schwarzen Schaar den Hcerzug. Ihr hatte sich der lauge Lienhart mit 50 frommen Knechten angeschlossen, welche die Barsiiffer zu Würzburg angeworben und besoldeten. Die Sonne des vierten Juni stieg herrlich am Horizonte herauf, wie das Heer die Berglehne sich aufwärts wand. Es verfolgte den Weg nach Röttingen; denn man glaubte, dag der Feind noch bei Königshofen stände; da die Flüchtlinge vom Tauberhaufen in ihren Aussagen darin übereinstimmten, daß ihm Hans Kolbenschlag äußerst schwere Verluste beigebracht hätte. Es war ein köstlicher Pfingstmorgen. In der balsamischen Luft trillerten die Lerchen, und Finken, Ammern, Meisen durch- tönten mit ihrem Schlagen und süßen Singen die Gehölze am Wege. Die Spielleute rührten fleißig Trommeln, Pfeifen und Dudelsack, und die Bauern stimmten wohlgcmuth ein Lied an, neckten einander und ließen manchen Jauchzer in die Luft steigen. Auf dem weiten Wiesenplan bei den Dörfern Ingolstadt und Sulzdorf, die kaum eine halbe Stunde tvestlich von Giebelstadt liegen, machten die Bauern zu einem kleinen Imbiß halt. Eine Bodenlvelle, auf der die Ruinen des einst von den Rothenburgern zerstörten Raubschlosses Ingolstadt sowie ein Wäldchen lagen, verbarg den Blicken Florian Geyer's die Heimath. Nördlich, im Rücken der Bauern, nahm bei dem etwa dreiviertel Stunde entfernten Dorfe Moos der große Guttenberger Wald seinen Anfang. Noch hatten die Bauern kaum ihre Schultern von den Handrohren, Büchsen, Spießen und zweihändigen Schwertern entlastet und die Reiter nur eben die Sättel verlassen, als in südwestlicher Richtung ein Flimmern und Blitzen sichtbar wurde. Ein Geschrei erhob sich:„Der Feind I"„Der Truchscß!" In rasender Eile wurde auf Florian Geyer's Befehl der ganze Wagenpark rings um das Heer zu einer Burg zusammengefahren und geschoben und in den Lücken die Geschütze aufgepflanzt. Schon rasselten die Eisenrciter der Nennfahne oder des Vortrabes heran. Ein mörderisches Feuer empfing ihn. Sie schwenkten rechts und links und versuchten die Bauern von zwei Seiten zugleich zu fassen. Es gelang ihnen aber nicht, die Wagen- bürg zu sprengen. Zweimal tobten sie heran und zweinial trieb sie das Feuer zurück, das manchen Sattel leerte und manches Roß niederstreckte. Da schwoll es wie eine schwarze Wetterwolke heran. Es war aber nicht das Fußvolk; denn dasselbe meuterte, weil der Truchseß ihm den Schlachtcnsold verweigerte, den es nach den Kricgsartikeln für die bei Königshofen gewonnene Schlacht forderte. Es waren die Hauptleute, Fähnriche, Waibel und Doppelsöldner, etwa 800 Mann, welche der Truchseß durch seine Beredsamkeit von der gemeinsamen Sache des Fußvolks abwendig gemacht hatte. Während der Truchseß persönlich sie heranführte, zogen sich die Reisigen bei dem Dorfe MooS zusammen, um den Bauern den Rückzug in den Guttenberger Wald abzuschneiden. Aber auch die erlesene Schaar ivurde von den Bauern gar übel empfangen. Verderblicher als das Geschütz- feuer wurden ihr die Büchfensteine der Schützen, besonders derjenigen der Schwarzen Schaar. Sie pflügten manche tiefe Furche durch den Haufen, der in zerhauenen Hosen, zerrissenen Wämsern und keck aufs Ohr gedrückten Federbaretts prunkte. Hei, wie die bunten Lappen in Fetzen gingen und mancher Mutter Sohn die Erde küßte.„Dran! Dran!" Aber die Erlesenen hatten keine Spieße und die bäuerlichen Schützen waren durch die Wagenburg gedeckt. Aber jetzt begann der Boden zu beben unter den Hufen des reisigen Hauptgeschwaders und dem Rollen der nahenden Geschütze. Da that sich hinterwärts die Wagenburg auf und heraus stürzten in panischem Schrecken die Bauern, der oberste Haupt- mann Jakob Köhl als einer der ersten, und suchten das Weite,„Jörgs Tod" aber stürzte über sie, unter sie, jagte ihnen weit und breit bis auf viele Stunden nach und erstach, erschlug, erwürgte ohne Maß und ohne Erbarmen alles, was er erritt. Wie Heinrich Truchseß, der Marschall des Bischofs Konrad, diesem nachher erzählte, war es gar lustig anzu- schauen gewesen, wie eine Sauhatz. Ein Eber aber kehrte sich gegen die Jäger. Gregor von Bnrgbernheini wollte nicht fliehen. Er hielt den Reitern mit einem Häuflein der Seinigen im Felde Stand und starb mit ihnen den Heldentod. Sechzig Bauern, welche die Reisigen gegen das Versprechen eines beträchtlichen Lösegeldes gefangen an- nahmen, wurden auf Befehl des Truchseß bei der Wagen- bürg in einein Haufen erstochen, weil es ihm hinterbracht worden, daß die Bauern gelobt hätten, keinem Feind das Leben zu lassen. Eine kleine Schgar zog sich, fest geschlossen, ans der un- haltbar gewordenen Wagenburg nach dem Dörflein Ingolstadt zurück. Das waren die Schwarzen Florian Geyers nebst den 50 freien Knechten Würzburgs, die der lange Lienhart be- fehligte. Wiederholt prasselten die Eisenreiter heran, allein die langen Spieße verwandelten die Schaar in einen Igel, vor dessen Stacheln die Pferde scheuten, während die also gehegten Schützen ihr Blei mit tödtlicher Sicherheit versendeten. Glücklich erreichte die Schwarze Schaar das Dorf. Die Dorn- hecke, von der es umgeben war, bot jedoch nur dürftigen Schutz. Die Schaar theilte sich deshalb; Simon Neuffer be- setzte mit 200 Mann den ummauerten Dorfkirchhof und Florian Geyer ivarf sich mit den übrigen, deren etwa 400 sein mochten, in die einstige Burg des Raubritters von Elm, zu der vom Dorfe ein zertrümmerter Thorbogen führte. Die Ringmauer, um die sich ein versumpfter Graben zog, ivar noch ziemlich gut erhalten, auch stand noch ein Eckthurm. Auf dem Hofraum in den Rainen hatten sich nach der Zerstörung des Raubnestes durch die Rothenburger hcünathslose Leute angesiedelt; jetzt Ivareu von ihren elenden Hütten nur noch rauchgeschwärzte Reste übrig. Denn eine Streifpartei der Bauern, wohl dieselbe, die Florian Geyer's festes Haus ver- Wüstet, hatte sie niedergebrannt. Florian Geyer ließ das Thor mit Steinen verrammeln und erstieg den Thurm, um nach dem Feinde Ausschau zu halten. Er mußte leider Zeuge sein, wie im Dorfe, woher wildes Kampfgeschrei und Schießen erschollen, Simon Neuffer mit den Seinigen trotz des tapfersten Widerstandes von der überlegenen Schaar der Hauptleute, Doppclsöldner und Waibel gezwungen wurde, den Friedhof zu räumen und in die Kirche sich zurückzuziehen. Weiter konnte er den Kampf dort nicht verfolgen. Denn von der Wageilburg rückte der Pfalz- gras mit etlichen schweren Stücken gegen das Schloß an und der Truchseß Georg folgte ihm mit allen Grafen. Herren und Rittern, um Zeugen des blutigen Kampfspieles zu seil,. Die groben Geschütze lvarfcn ein Stück Ringmauer ein, so daß eine 24 Fuß breite Oeffuung entstand. Drei Bauern liefen hinaus und baten um Gnade. Sie wurden aber auf der Stelle niedergestoßen, als sollte den Belagerten vor Augen gestellt werden, welche Gnade ihrer harrte, wenn sie sich etwa ergeben sollten. Den Herren dünkte es jetzt ein leicht Stück, das Schlößlein zn gewinnen. Sie stiegen von den Rossen, die Ritter und die Grafen, und wateten in ihren schweren Rüstungen den Reisigen durch den zähen Schlamm des Grabens voraus. Hinter ihnen bliesen die Zinken und sie selbst schrieen:„Dran! Dran!" Aber in der Bresche starrten ihnen die Spieße und Hellebarden entgegen und schlugen die Kugeln der Schützen wie Hagel in sie. Da hielt der Tod gar reiche Beute und es half dem Truchseß nichts: er mußte zum Rück- zug blasen lassen. An hundert lagen todt oder schwer ver- wundet in dem sumpfigen Graben, darunter viele Grafen, Herren und Ritter. Die Ueberlebenden waren derart erschöpft, daß sie ruhen mußten. Der Spaß war ihnen vergangen. Sie banden die wuchtigen Helme und Sturmhauben ab und ver- kühlten die heißen Köpfe, während die Geschütze wieder zu spielen begannen und die Bresche erweiterten. Die Ringmauer bot den Schwarzen kaum noch Schutz: allein ihr Muth war ungebrochen und nianch derber Spott über die Herren, die gleich lahmen Kranichen abgezogen waren, ließ sie bei der eifrigen Arbeit zu ihrer Vcrtheidignng Hitze und Durst vergessen. Kaspar Etschlich hatte seinen Humor wieder- gefunden. Plötzlich verstummten die Kanonen. Die Herren traten zum zweiten Sturm an, dieses Mal nicht fröhlichen Sinnes, sondern mit Grimm in der Brust. Ohne Widerstand zu finden, drangen sie durch den Graben in die Bresche; denn die Schwarzen hatten weder Pulver noch Büchsensteine mehr. Die Herren brachen in ein Triumphgeschrei ans, schien ihnen doch das Schwerste überstanden. Aber siehe! vor ihnen stand noch eine Mauer, etwa einen Spieß hoch, mit einer kleinen Fensteröffnung und einer schmalen Thür, dahinter die Ruinen des Wohnhauses lagen, und auf der Mauer flatterte das Banner der Schwarzen Schaar. Die Thür war von Zinnen mit Steinen verbaut und auf der Mauer standen die todt- verachtenden Schwarzen und fünfzig freien Knechte. Und sie stachen mit ihren Speeren hinunter und warfen unaufhörlich wnchtigeSteine aus die Stürmenden, dieesnurihren festenHelmen und Harnischen zu danken hatten, daß keiner todt blieb. Arge Beulen, Quetschungen und Gliederbrüche trugen sie genug davon. Sic mußten abermals den Rückzug antreten, und der lange Lienhart sang ihnen von der Mauer mit seinem Baß in gräulich falschen Tönen das allgemein bekannte Spott- Ued nach: „Ach, Du armer Judas, Was hast Du gethan? Weiß ich doch sonst was, Das geht auch Dich an. Ach, Du armer Judas, Was hast Tu gcthan In das Gelächter darüber ertönte der Schrcckensruf: „Schaut die Kirche!" Kaspar hatte ihn ausgestoßen, indem er dabei mit der Hand nach dem Dorfe wies. Simon und die Seinigen hatten fortgefahren, sich grimmig zu wehren, selbst noch auf dein Kirchendache und dem Thurm, von denen sie Ziegel und Maucrstückc auf die Stünnendcn hinabwarfen und viele zu Tode schlugen, als sie ihr Pulver verschossen hatten. Jetzt stand die Kirche in Flammen und der Thurm loderte wie eine Riesenfackel gen Himmel, Simon und allen seinen Tapseren ein feuriges Grab bereitend. Im Schlosse waren aller Blicke dem Fingerzeige Kaspar's gefolgt. Erschüttert und stumm schauten sie auf die wirbelnden Flammen. Florian Geyer entblößte sein Haupt und die übrigen folgten seinem Beispiele. „Wie jene als tapfere Männer in den Tod gegangen sind," sprach er nach einer Weile, sich wieder bedeckend,„so lasset auch uns. lieben Brüder, mit einander sterben, wenn es sein muß. Sieg oder Tod, ein Drittes gicbt es für uns nicht." Und:„Sieg oder Tod!" erscholl es ihm aus tiefster Brust nack. Florian Geyer fuhr fort:„Jtzt aber verruht Euch, auf daß Euch die Kraft nit ausgehet. Lange werden sie nit säumen." Jeder setzte und legte sich, wie es die Gelegenheit bot. Die Mehrzahl harrte ernst des- Kommenden, manche aber hörte man auch scherzen und lachen. Der lange Lienhart und Kaspar saßen nebeneinander ans einem behauenen Stein des zerstörten Burghauses und schauten trüben Sinnes auf die bald hell auflodernden, bald durch den Qualm gedämpften Flammen der Kirche. Der Riese legte seine gewaltige Tatze Kaspar auf die Schulter; er wollte sprechen, aber er ver- mochte es nicht gleich. Es zuckte seltsam in dem raubvogel- artigen Gesicht. Kaspar sah ihn an und sagte mit einem schnierzlichcn Lächeln:„Laß gut sein, ich weiß schon, was Du sagen willst." Nun kam es wie ein tiefes Grollen über die bärtigen Lippen des langen Lienhart:„Der Teufel soll mich holen, wenn er nicht ein ganzer Kerl war, der Simon. Bei Gott, das war er!" Eine Thräne rollte aus seinen runden Augen in seinen Schnurrbart. Kaspar nickte stumni. Florian Geyer trat zu ihnen und redete den langen Lienhart an:„Gicb mir die Hand, alter Kriegskamerad I Wer weiß, ob wir später noch die Zeit dazu finden! Sei bedankt für die Treue, mit der Du zu unserer Fahne gestanden bist." „Aeh, Hauptmann." versetzte der Lauge, indem er ihm die Rechte reichte,„ist's ans mit der Freiheit, so mag der ganze Krempel zur Hölle fahren. An dem Bissel Leben ist halt nix gelegen. Aber hier, der Etschlich, um den würd's mir leid thun, hat was Liebes daheim." Kaspar wurde feuerroth. Florian Geyer aber sagte mit einem Lächeln, indem er auch ihm die Hand gab: Auf alle Fälle! Grüß' Dein Lieb von mir, wenn Du davon- konimst. Ich glaub's; denn Du schaust mir aus wie einer, der selbst den Tod narret." „Es geht wieder loS!" rief der lauge Lienhart aufstcheud und setzte leiser hinzu:„Wenn nur der Verdammte Durst nicht war'!" Da die Kugeln der Schwarzen Schaar nicht mehr zu fürchten waren, so hatten die Büchsenmeister die Stücke bis an den Rand des Grabens vorgeschoben. Das aus solcher Nähe erneuerte Feuer erweiterte nicht nur die bereits vor- handene Bresche in der Ringmauer beträchtlich, sondern legte auch von der inneren Mauer ein Stück der oberen Hälfte nieder, das glücklicherweise nach innen fiel. Die edlen Herren traten aber nicht wieder zum Sturm an, sondern begnügten sich mit dem Zusehen. Der Truchseß war nämlich nach der zweiten Niederlage nach dem Dorfe Ingolstadt geritten und brachte nun die erlesene Fußtruppe, welche dort ihr Werk gethan hatte, heran. Die adeligen Herren folgten ihnen und hetzten sie an wie Hunde. Weil aber die Hauptlcute, Fähndriche, Waibel und Doppelsöldner durch keine Eisen- kleider geschützt waren, so kamen sie nicht mit Beulen und Quetschungen davon, sondern es fanden ihrer viele in dem niederprasselnden Steinregen den Tod, und auch die Spieße und Hellebarden der Schwarzen thaten ihre volle Schuldigkeit. Mancher, der schon den Rand der Mauer erfaßt hatte und sich hinaufzuschwingen gedachte, fiel einhändig, oder durchbohrt. oder mit eingeschlagenem Schädel zurück.„Dran I Dran! Dran!" schrien unaufhörlich die Herren. Am Fuße der Mauer häuften sich die Leichen, und sie dienten den Stürmenden zum Scheniel. Einer niit einem schwarz- gelben Fähnlein war der erste oben. Im Jubel darüber stockte der Sturm einen Augenblick. Da sprang Kaspar auf die Mauer, gab jenem, der sich dessen nicht versah, einen Stoß, so daß er taumelte, riß das schwarze Banner an sich und sprang damit hinunter. Doch dem Fähn- rich folgten mehr und mehr, an verschiedenen Stellen krabbelten sie hinauf, und mit wildem Geheul stürzten sie sich auf die Bauern, die nicht wankten und nicht wichen. Ein wüstes Ge- woge entstand. Man schlug einander mit den Speerstangcn, Büchsenkolben, Steinen auf die Köpfe, stach nnt Schwertern, Dolchen, Messern, rang miteinander Leib an Leib und würgte sich mit den Händen— alles in fast stummer Erbitterung, so daß man das Klirren der Waffen, das Knirschen der zer- schmetterten Gebeine, das Aechzen der Verwundeten und Sterbenden, den dumpfen Auffchrei der unter die Füße Ge- tretcnen vernahm. Florian Geyer und der lange Lienhart waren überall, wo die Roth der Ihrigen am größten schien, und ihre scharfen Schwerter fraßen gierig Leib und Leben. Roth von Blut war auch der lange Degen Kaspar's, der seine Büchse auf denr Schädel eines bündischen Hauptmanns zerschlagen hatte. Das Tuch der schwarzen Fahne mit den goldenen Strahlen hatte er von der Stange gerissen und sich um den Leib ge- schlungen.(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Drei Schmtfcln Svve. Von Peter Egge. Autorisirte Uebersetzuug von Adele Neustädter. (Schluß.) Nach einer Weile schluchzte Olava: „Was werden die Leute sagen?" „Pst, pst. Alte!" sagte Jvcr ängstlich und weich.„Niemand wird es erfahren. Heute Nacht gehe ich fort und begrabe sie." „Heute Nacht!?" „Ja, und dann nehme ich die Harmonika heraus." „Ach, die Harmonika!" „Still, still, Olava! Die Erde ist trocken und spröde; Du kannst sicher seilt, sie ist nicht naß geworden." Aber Olava schluchzte und weinte. „Beruhige Dich, Alle, unser Herr hilft uns noch. Er weiß, daß ich nichts Schlimmes gewollt habe." Es konnte zwischen elf und ztvölf Uhr sein, als der Mann und die Frau sich hinüber zur Kirche begaben. Olava hatte die Laterne angezündet und trug sie unter der Schürze, die sie fest darauf hielt, damit der Wind sie nicht zur Seite reiße. Iber trug die Kiste unter dem Arm. Nur einige Minuten brauchten sie bis zur Kirche, aber er sah sich oft mn. Wenn sie jcinand gewahrte und Argwohn faßte. Aergerlich, daß die Landstraße ein Stück längs des Kirchhofes sich hinzog! Aber wenn er vorsichtig war, warf er das kleine Grab auf. ohne daß es jemand sah. So tief war es ja nicht. Nur drei bis vier Fuß. Zwischen den Gräbern blies der Wind, und viele schwarze Wolken trieben über den Himnicl, so daß der Mond oft verschwand. Gerade unter dem hohen Steimvall. der die Kirche umschloß, lag das kleine Grab; Jver machte sich mit dem Spaten daran. Aber die Erde war hart und die Arbeit sehr schwer, und er wurde innner- fort gehemmt, so sehr er sicki ancki mühte. Der kleine Erdhaufen war bald fortgeschafft, und das Holzkreuz hob sich. Er nuißte nur ruhig fortfahren. denn wenn sie jemand hörte!... Das würde etwas für den Klatsch geben, wenn es hieß, er hätte mitten in der Nacht ein Grab aufgegraben. Olava stand mit dem Rücken gegen den Steinwall und klapperte und fror und hielt die Schürze vor, die der Wind jeden Augenblick über ihren Kopf hoch blasen wollte. Nur ein kleiner Schein von der Latenie durfte auf das Grab fallen. Aber sie sagte nichts. Einige Male mußte Jver den Rücken auftichtcn und aus- schnaufen, und da sah er sich um, machte einen Schritt nach dem Wall und spähte hinüber. Aber es war nichts Lebendes zu sehen, und das war auch nur natürlich; denn was sollten die Leute in einem solchen Hundewetter draußen? Und zum Himmel sah er aus, ob der Wind ihn etwas aufhellen würde. Aber die schwarzen Wolken fuhren mit großer Hast an dem Monde vorbei, der gerade hinter der Kirchthurmspitze stand. Und so beeilte er sich wieder. Nun mußte er bald unten an der Kiste sein. Horch, dort auf dem Wege ging jemand! In einem Nu kauerte Olava sich zusammen und Jver kroch längst des Steinwalles zu ihr hinüber. Aber der Spaten schlug an einen Stein, so daß man einen schwachen Klang hörte. Plötzlich hielten die Schritte auf der Landstraße an. „O Gott, was ist das!" sagte eine Frauenstimme. „War da etwas 1' fragte ein Mann. Olava preßte einen Arm hart an Jver. „Ja. gewiß I" „Ach nein doch, komm nur!" Und so gingen die Beiden weiter. Lange blieben Jver und Olava sitzen, ehe sie sich zu erheben wagten. „Herr Gott!" „Still, still Olava! Sei ganz ruhig, die Harmonika ist ganz unversehrt, denn die Erde ist trocken." Wieder arbeitete er, und bald sah sie, daß die Kiste nach oben kam, an den Rand des Grabes. „Her mit der Leiche!" In einem Nu war sie bis auf den Grund hinabgelassen. Und Jver kletterte auf und ab, um Erde in das Loch zu schaufeln. Fort ging es. Frühmorgens wollte er das Grab putzen und schmücken. Dazu war jetzt keine Zeit. Beide schlichen heimwärts. In dieser Nacht schliefen sie spät ein. Am nächsten Morgen besichtigte Olava zuerst genau die Kiste und die Harmonika; denn es wäre doch Spott und Schande ge- Wesen, wenn Joakim sie bei seiner Rückkehr in irgend einer Weise verletzt wiedergefunden hätte. Aber Jver war schon vor sieben Uhr draußen auf dem Kirchhofe und arbeitete, damit das Grab bis zum Frühstück hergerichtet war. Er mußte an etwas denken, dessen er in der Nacht nicht ledig werden konnte, als er schlaflos dalag. Und das waren die drei Schaufeln Erde. Er mochte es drehen und wenden wie er wollte: die Har- monika und nicht die Kinderleiche, die hatte die drei Schaufeln Erde erhalten. Und während er das Frühstück nahm und später, als er in der Werkstatt stand und an einem schonen Kindersarg hobelte, konnte eres auch nicht leugnen, daß es die Harmonika war, die mit drei Schaufeln Erde beworfen worden. Aber vielleicht kamen sie nun dem Kinde zu gute, nachdem es seinen Platz hatte, und die Harmonika fort genommen war. Und außerdem waren doch drei Schaufeln Erde keine Seligkeitssrngc. Mehrere Tage dachte Jver darüber nach! aber er sagte nichts zu seiner Frau, so daß sie nicht wußte, was ihn plagte. Olava war noch zu weltlich: aber der Herr erreichte sie wohl auch einmal! Und eines Tages saß Jver in der Stube dcS Pastors und erzählte, wie es mit der Kinderlciche zugegangen war; aber er ivagte nicht, dem Priester in die Augen zu sehen, und das Weinen zitterte in der Stinnnc, che er es merkte. „Tu bist ein ehrlicher Mann. Jver!" „O ja, Gott Lob, in aller Schwachheit. Ich wollte keinen christ- liehen Menschen um drei Schaufeln Erde betrügen. Es ist ja das letzte, Ivas mau hier bekommt." „Aber sei ein anderes Mal vorsichtiger!" „O ja, aber wenn es nur nicht unter die Leute kommt!" „Das ist nicht»öthig, da es ja keiner neuen Beerdigung mehr bedarf!" „Doch, ich würde gern den Priester bezahlen fiir eine neue Beerdigung." Aber der Priester sah zum Fenster hinaus und lächelte. „Ich sehe. Du bist Dir im Kleinen treu geblieben. Man wird Dich einmal über Viele erheben!" „O ja, das habe ich auch immer gehofft!" Und Jver sagte viele Worte des Dankes und der Freude und ging.— Vleine-s Feuilleton — Eine blaue Grotte im Kleinen hat H. Carrington Bolton am Minnewaskafce im Staate New-Dork entdeckt. Der See liegt in den Shawaugunkbergcn etwa 500 Meter über dem Meeresspiegel; sein zur Eiszeit ausgehöhltes Becken ist ungefähr 800 Meter laug, 400 Meter breit und 21 Meter tief. Das Gestein besteht auf allen Seiten aus weißem Ouarzit, der auf Thonschiefer ruht; doch tritt dieser nirgends zu tage. Während die westlichen Ufer gut bewaldet find, wird die Ostseit'e des Sees von kahlen, bis 45 Meter hohen Klippen begrenzt. Hier befindet sich die Höhle. Sie lvird von gewaltigen überhängenden Felsen gebildet; den Raum zivischeu der Unterseite dieser Felsen und der Wasserfläche wechselt zwischen 60 und 5 Zentimeter. Die Höhle ist nach Südwesten gekehrt; sie hat eine sehr unregelmäßige Gestalt, und an einer Stelle hallt es von der Decke und den Wänden wieder, wenn eine tiefe Baßnote gesungen wird. Gerade am Eingänge der Höhle ist das Wasser 20 Meter tief und bis in eine beträchtliche Tiefe sehr klar. Da die Felsen das Wasser so dicht überhängen, so können die optischen Erscheinungen nur von einem Schlvimnier wahrgenommen werden. Nähert man sich schwimmend der Mündung der Grotte, so tritt die blaue Färbung deutlich hervor, aber die schönen Lichtwirkungeu werden am besten gesehen, wenn man in die Ocffnnng eindringt und nach außen gegen das Licht blickt. Das Wasser' wechselt in der Farbe vom Nilgrün durch Türkis- und Himmelsblau bis zum ttefcn Indigo und zeigt in allen diesen Schattiruugen, wenn es bewegt ivird, den der Grotte von Capri cigcnthümliclicn silberigen Schimmer. Ein in das Wasser getauchter Körper erscheint in schönem Silbcrglanz, ähnlich dem re- flektirtcn Mondlicht. Das Wasser zeigt diese Farben zu allen Stunden; sie sind am stärksten, wenn die Sonne im Zenith steht, und am schwächsten des Nachmittags, wenn einige Sonnenstrahlen in die Höhle dringen und sie erhellen. Das Wasser behält die eigen- thümliche Farbe(aber ohne den Silberglanzf au tvolkigen Tagen und sogar während des NcgeuS; werden die direkten Sonnenstrahlen durch weiße Wolken aufgehalten, so erscheint die Farbe besonders stark. Der Zusammenhang zwischen den verschiedenen grünen und blauen Farbcnschattirungcu und dem Zustande des Himmels, ob klar oder bezogen,>var nicht festzustellen.—(„Voss. Ztg.") aK. Ei» Kriiinerdttch ans dem Ende des 12. Jahrhunderts wird im„Neuen Lausitzer Magazin" beschrieben. Das eigenartig eingebundene Manuskript in Quartformat befindet sich jetzt im Gorlitzer Nathsarchiv. Der ursprüngliche Besitzer Ivar ein Görlitzer Krämer, Hans Brückner, der in der Zeit von 1476—1431 auch mit gedruckten Büchern handelte. Der Umsatz darin betrug einige hundert Gulden. Brückner kaufte fast alle Bücher auf der Leipziger Messe und als Verkäufer hatte er verschiedene„äisnsr" oder „buebfurer". Seine Abnehmer waren fast ohne Ausnahme Geist- liche. Die meisten der Bücher waren in Straßburg, Nürnberg oder Basel gedruckt.— Theater. Deutsches Theater. Hätten wir EdmundRo stand'S Komödie. C h r a n o von B e r g e r a c" vor zehn Jahren kennen gelernt, wer weiß, ob sie den Beifall erzwungen hätte, dessen sie am Mittwoch während der Erstaufführung iin Deutfchen Theater theil- hastig wurde. Damals sollte die Welt, die Scheinwelt des Theaters Ivenigstens, von einem neuen Geschlecht erobert lverdeu. Man war der überzuckerten Kunstspielercicn satt geworden. Man dürstete nach wirklichem Leben, und erschiene es in der rauhestcn Form. Ibsen spricht im„Volksfeind" davon, daß eine normal aus- gewachsene Wahrheit ihre zwanzig Jahre oder etwas darüber lebe; und wie kurzweilig sind dann erst unsere sogenannten Kunststtömnngen. Sic dauern oft nicht länger, als eine sparsame Hausfrau ihre Hut- forin benützt. Und dennoch beharren Schwärmer auf ihrer Meinung, daß wir trotz aller Schwankungen und Irrungen mitten in der großen Kunst steckten! Gclviß lvar der Naturalismus sammt seinen Auswüchsen nur eine nothwendigc Reaktion gegen die Zuckerkand- Poesie, in die wir gerathen waren. Aber stürzt man in Zeiten großer, stetiger Kunst cntlvicklnng fast unvermittelt von einem Extrem ins andere? Run holt man ivieder zur Ergötz- lichkeit des großen Krudes, des Publikums, das alte romantisch über- kleidete Spielzeug hervor. Ich sage mit Bedacht„romantisch über- kleidet", denn mit der sehnsüchtigen, das Vergangene verklärenden Romantik, die dem Scclcnbcdürfniß einer Zeit entspringt, hat die modische Maskerade eigentlich wenig gemein. Herr Rostand ist ein junger Mann. Im verarmten Frankreich von heute kam er früh zu großem literarischem Ansehen; und auch in Deutschland lvurde von ihm viel Aufhebens gemacht. Daran ist zum großen Theil eine lärmende deutsche Korrespondcuten-Klique in Paris Schuld. Dieselben Menschen, die in Dreyfus-Augelcgcn- hciteu das französische Volk als eine verderbte Horde darzustellen lieben, wedeln und kriechen, wenn irgendwo auf dem Theater oder in de» Journalen ein gefälliges Talcntchen auftaucht. Es ist eine Taktik, in der eine gcivisse Methode nicht zu verkennen ist. So erhielten wir denn im Vorjahr Knude von der großen Dichtung„Ehrano von Bcrgerac"; und unser Vctterlcin für alles, der formgewandte Ludwig Fulda, übertrug Rostand's Verse in deutsche Reime. Das gab denn einen„großen Prcmiören-Abcnd". Wir haben auch bei uns in den letzten Jahren romantisch über- zuckerte Süßspiele gekannt. Ich erinnere nur an die Schönthan'schcn Reimereien in der„Renaissance". Veredelt und stilisirt man diese Gattung mit feineren! Geschmack, so kommt man ans den Weg, den Herr Rostand betrat. Man braucht den anmuthigen Esprit des französischen Plauderers Rostand nicht zu verkennen und geht am Ende doch hungrig weg von des Dichters Tisch. Die Kultnrbildchen aus der Vergangenheit, die zierlich zugespitzten Anekdoten und Epi- gramme interessiren ein Weilchen; aber es ist Arabeskenwer�, tmd jeder größere Inhalt fehlr. Wir besitzen in unserer Literatur aus dem vergangenen Jahr- hundert eine Besonderheit: Das sind die Epigramme ans Herrn Wahl's ungeheure Nase. Ein solches Nasemnonstrum nennt auch Herr Chrono v. Bergerac sein eigen; und er selber macht Epigramme auf das Naturwunder in seinem Antlitz. Weh dem aber, der diese Nase scheel anblickt oder sich Spöttereien erlaubt. Flugs muß er zur Meirsur und Herr Chrono führt die meist gefürchtctc Klinge in Paris. Ein Gaskogner von edlem Blut gehört Chrano zu jener Gattimg von Helden, die alle männlichen Tugenden in romanlischer Vollendung offenbaren. Ein Muster an Tapferkeit, Freundschaft und Liebe ist Chrano, zugleich ein geistvoller, warmblütiger Poet.(Es hat in Wirklichkeit einen halbverschollencn Dilbtcr Chrano von Bergerac ge- geben.) Nur die Nase ist das allzu Menschliche an ihm. Daraus konnten sich humoristische Situationen ergeben. Rostand ist aber nicht Humorist im gernianischen Wortsinn. Er knüpft Witze und eine semimcn- talische Geschichte an Cyrano's Nasen-Mißgeschick. Der geistvolle Dichter liebt seine Kousine Madelcine Robin, allein Madelcine ahnt nichts von der komischen Liebe des häßlichen Chrano und schenkt ihre Neigung einem bildhübschen Schwachkopf. Chrano entsagt, als er das merkt; und in seiner Innigkeit opfert er sich sogar fiir den Geliebten Madeleine's. Er sinnt und dichtet für den Bevorzugten. der mit Geist und Feder nicht recht umzugehen weiß; und während der Idiot ans dem Balkon mit seiner Schönen kost, muß unten Held Chrano lauern und frösteln. Das Bewußtsein, daß sein Esprit gesiegt, tröstet wenigstens seine Poetencitelkeit. Mit fester Hand darf man an diese bunffchillcniden Sächelchcn nicht rühren. Es wäre, als wollte man Seifenblasen einsangen. Sonst könnte man fragen: Wie will der entsagungsfrohe Chrano seine geistvolle Base glücklich machen, wenn er sie einem Hohlkopf anvertraut? Und wie deckt sich die Entsagungsfrcude mit dem tollen Gaskognerblut, von dem Herr Chrano' so vieles zu sagen weiß, was nicht nach Enthaltsamkeit schmeckt? Genug die Geschichte endet tragisch, ohne tragisch zu ergreifen. Der Geliebte und Gatte von Madelcine fällt im Kricgslager und Held Chrano konnte nun sein Lcbensglück gewinnen, da Madeleine wirklich in ihm den geistvollen Mann lieben gelernt hat. Zu spät für ihn! Auch er wird dahingerafft. Das figurenreiche Schauspiel hat die einzige tragende Rolle des Chrano. Diese Rolle mutz ein Schauspieler geben, dem das Publikum vertraut. Sonst erweckt sie leicht ein unerwünschtes Gelächter— an ungehöriger Stelle. In Paris gab sie Meister Coquclin. im Deutschen Theater der Meister der Sprache, Herr K a i n z. Wenn er die Gas- kognaden rührte,"wenn er enthusiastisch sein durste, so schöpfte er aus voller, überquellender Freudigkeit. Wenn der kecke Bursche zum schmachtenden Flenncr swurde, da versagten eben Beide: Dichtung und Darsteller.—— fi'. Volkskunde. kg. Die.Weiner"-Jnnung und der„Gurken- könig" in Saaz. Seit unvordenklichen Zeiten schwingt der „Gurkenkönig" sein Szepter über die durch Gemüseknltur und Hopfcnbau weltberühmten Gemarkungen von Saaz. Der Ursprung dieses Brauches ist im Mittelalter zu suchen, das Volksspicl, Humor und heiteren Scherz mit Vorliebe pflegte. In den neuesten„Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen" schildert Professor Mach, wie der Gurkenkönig gewählt wird.„Weiner"-Zunft(auch„Zeche" oder„Gilde") wird die Innung genannt, weil ihre Mitglieder sich ehemals vorwiegend mit Weinbau beschäftigten. Seit dem Uebergang zur Hopfen- und Gemiisckultur, der sich schon im 17. Jahrhundert vollzogen hat, unterscheidet man „Hopfenweiner" und„Gurkcnweiner". Die letzteren heißen im Volle auch„Gorkenpelzer" oder gar„Gorkcnlvtscher". Alljähr- lich nehmen sie mit feierlichen Zeremonien die Wahl des„Gorkenkönigs" vor. In den letzten Jahren erfolgte noch eine Zweitheilung der Weiner-Jnnung, die Zeremonien bei der Wahl haben beide Parteien mit nur kleinen Abweichungen beibehalten. Beide „Reiche" haben an einem Faschingssonntäg ihren„Gurkenball", während dessen die Wahl und Krönung des neuen„Königs" er- folgt. Vor der Wahl wird an beiden Orten eine Ansprache des „Reichskanzlers" gehalten. Bei der einen Innung wird seit alten Zeiten immer dieselbe kurze Rede an die„mächtigen Vasallen des Saazer Gurkenreiches" gesprochen, bei der anderen arbeitet man immer neue Reden aus, manchmal sogar in Knittelversen, in denen eine Ueberschan über das letzte Jahr gegeben wird. In dem„Sang" i»?m Jahre 1830 kamen folgende„Verse" vor: „Darum war das vor'ge Jahr so ganz verdraht, Weil der König schlecht regieret hat."— Kulturhistorisches. — England hatte lange Zeit ein Monopol für Blei- stiftfabrikation, weil es allein im Besitz eines den geeigneten Graphit liefernden Bergwerks war. Die Grube lag im Hochthal Borrowdale in Cumbcrland und war mit festungsartigen Bauten umgeben, die anderthalb Meter dicke Mauern mit Schießscharten und vergitterten Fenstern aufwiesen und von Soldaten bcivacht wurden. Bergleute und Sortirer mußten sich nach vollendeter Schicht einer Leibesvisitation unterziehen, damit sie auch nicht kleinere Mengen des kostbaren Minerals entwenden konnten. Das Kilo Graphit kostete durchschnittlich 70 bis 80 M., ausgezeichnete Sorten sogar 800 M. Um den Preis des Roh- Materials zu halten, wurde jährlich nur etwa sechs Wochen lang Graphit gebrochen. Die verhältnißmätzig geringe Menge, die in dieser kurzen Frist gewonnen wurde, kam in London zur Ver* steigerung und brachte dann jedesmal eine hohe Summe, in der besten Zeit fast eine Million Mark jährlich. Dann nahm die Güte und Menge des Minerals ab, Graphit wurde auch anderswo, zu- nächst in Sibirien entdeckt, die Grude wurde nach etwa dreihundert- jährigem Betriebe verlassen und verfiel, und nur die Trümmer der mächtigen Befestigungswerke erinnern noch an den kulturgeschichtlich merkwürdigen Bergbau von Borrowdale.— Aus der Pflanzeuwelt. SS. Eine Gift Wirkung des Eibenbaumes. � Der Eibenbaum wird in Deutschland überall besonders gern geseben, und er verdient diese Schätzung sowohl wegen seines schonen Wuchses und der prächtigen Form und Farbe seiner Nadeln als auch ivcgen seiner verhältnißmätzig geringen Häufigkeit. Er hat aber auch eine unangenebme Eigenschaft, die bisher wenig bekannt sein dürfte und erst neulich von: Roßarzt Schüler in der„Zeitschrift für Veterinär- künde" klargestellt wurde. Er kann nämlich unter Umständen den Hausthiercn gefährlich werden. Unser Gewährsmann wurde vor einiger Zeit nach einem Hause gerufen, wo zwei Ziegen erkrankt Ivaren. Er fand die eine mit stark aufgetriebenem Leibe, alle Viere fort- gestreckt, zuckend auf dem Boden liegend, während sich die andere noch auf den Beinen hielt, aber kein Futter nahm. Da die elftere nicht mehr zu retten war, so wurde sie geschlachtet, ohne daß ein weiteres Anzeichen von Krankheit gefunden wurde als eine Milz- geschwulst. Auch die andere Ziege wurde nun schlimmer und verfiel in einen schlafsüchtigen, bctäubnugsähnlichen Zustand. Der Arzt machte einen Stich in die linke Seite und zog dabei zu seinem Er- staunen mit der Kanüle grüne Nadeln bcraus, deren Abstammung vom Eibenbaum er sofort erkannte. Die Hausfrau gestand nunmehr, daß sie den Ziegen am voraufgehenden Abend eine 14 Tage alte Gnirlande aus Nbenzweigcn als Futter vorgeworfen hatte. Die geäußerte Gifrwirkung der Eibe rührt von einem nach ihrem Namen (Taxus baccita) als Taxin bezeichneten Stoffe und außerdem von der in den Nadeln enthaltenen Ameisensäure her.— Humoristisches. — Auch eine Reklame. Für st er szu einem Herrn, der Plakate an die Bäume klebt):„Was machen Sie denn hier?" Herr:„Entschuldigen Sie, das ist nur eine Gcschästsempfehlung fiir die Herren Sonntagsjäger.___ Ich habe nämlich eine Wildpret- Handlung in der Stadt!"— — Leidensgefährten. A.:„Mein Name ist Müller, seit drei Tagen verbeirathct!" B.:„Mein Name ist Meyer, seit acht Tagen verheirathct, auf der Hochzeitsreise hier." A.:„Da sind wir ja Leidensgefährten!"— — Aus dem Aufsatz einer„höheren Tochter": „Die Giraffe hat einen langen Hals; sie ist der Schwan der Wüste!"— Vermischtes vom Tage. — Das Dorf Soltau dieck in Hannover ist durch eine FenerS- brunst gänzlich zerstört worden.— — In Fi n st erwalde ist am Montag Abend die Tuchfabrik von Bicger vollständig niedergebrannt.— — In Te rs z e g lKomirat Bihar, Ungarn) sprang der Pastor der Rcformirtcn vom Kirchthurm herab; er blieb todt liegen.— — In Wasen bei Sumiswald(Schweiz) leben zur Zeit sieben G e s ch w i st e r Wißler, welche zusammen das respektable Alter von 581 Jahren aufweisen.— — Fiir die transsibirische Eisenbahn sind von 1893 bis 1897 insgcsammt 940 Millionen Franks verausgabt worden. Dazu kommen noch 30 Millionen Franks, die für topographische und astronomische Operationen, Bewässerungen, geologische Nachforschungen, Instrumente-e. verwendet worden sind.— — Die Kohlenproduktion Indiens betrug im Jahre 1897 4 063 127 Tonnen. Es sind 145 Minen im Betriebe, davon 128 in Bengalen; 60 000 Arbeiter werden von den Zechen be« schästigt.— — Der Geologe Dcwindt und der Goldsucher Knisley von der wissenschaftlichen 5kongo-Expedition sind im Tan- ganyikasee ertrunken.— — Am letzten Sonnabend wurden die Inseln Barbados und St. Vincent(Westindien) von einem furchtbaren Orkan heim- gesucht. Hunderte von Menschen wurden getödtet, zwanzigtausend Personen sind obdachlos. Alle Schiffe, die in den Bereich des Un- Ivetters geriethen, zerschellten.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- tag, den 18. September. Verantwortlicher Redattcur: Hugo Poetzsch in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.