5 blatt des Vorwärts Tienstag. den 20. September. 1898 Zlnterlj Nr. 184. (Nachdruck verboten.) 80] M,n die �Urviszeii. Geschichtlicher Noman aus dem deutschen Bauernkriege 1525 Bon Robert S ch K> e i ch e l. ■ Florian Geyer nahm den großen, mit dem Rathsiegel versehenen Brief, öifnete ihn und las. Eine zornige Rothe stieg in sein Gesicht; dann lachte er kurz auf und sprach, nach- dem er zu Ende gelesen hatte, mit Ironie zu Liesegang, der wie eine Schildwacht dastand:„Vermeldet dein wohl- weisen Rathe, daß ich, der hochgeborene edle Herr und Ritter Florian Geyer von Geyersberg, es mir zur höchsten Ehre schätzen werde, den Staub dieser gastlichen Stadt von den Füßen zu schütteln." „Werd' es pflichtschuldigst vermelden," antwortete der Bote und ging steif zur Thür hinaus. Florian Geyer reichte den Brief Stephan von Monzingen und sagte:„Da leset! Der Rath weiset mich aus; morgen früh soll ich die Stadt Verlasien." „Hölle und Teufel, das waget der Rath?" sichr Stephan von Menzingen auf und schlug mit der geballten Faust auf das Schreiben. „Brauchet Ihr einen Beweis, daß er bundesbrüchig ist, hier habt Ihr ihn," äußerte Florian Geyer, und sein Gast- freund schnob:„Und ich will's ihni in die Zähne rücken! Er und das ganze Stadtjunkerthum sollen hinweggeblasen werden wie Federn vom Wind." Gleiches gelobten die Bürger, die der lange Lienhart im Rothen Hahnen bei ihren Feiertagsschoppen fand. Allerdings waren auch sie über die fürchterliche Niederlage bei Ingolstadt höchlich bestürzt; der lange Lienhart richtete jedoch ihren Muth wieder auf, indem er ihrer Zaghaftigkeit den Helden- muth der Schwarzen im Dorf und Schloß Ingolstadt gegenüber- stellte, auf den Beistand der Haller und Gaildorfer deutete und seine Ueberzeugung aussprach, daß die Rothenburger Bauern wieder auf sein würden, sobald sie sähen, daß die Städter endlich Ernst machten. Die Hauptsache aber sei, daß Florian Geyer noch lebe und nicht daran denke, sein Schwert wegzuwerfen. Das übrige that der Wein, und mancher Becher ward auf das Wohl Florian Geyer's gestürzt. Der lange Lienhart war vorsichtig genug, mit dessen Ab- sichten, in die er auf ihrer langen Wanderung ein- geweiht worden, nicht offen herauszugehen. Unumwunden sprach er erst davon, als er später mit dem Metzger Fritz Dalk, dem Gerber Jos Schad, dem Weingärtner Hans Mack und noch ein paar ebenso entschlossenen Männern wie sie allein war. Sie wollten eher ihr Leben lassen, als daß die Patrizier und Protzen für sich die Fettaugen von der Suppe schöpften. „Aber itzt, wer hilft mir zu einem Gaul?" fragte der lange Lienhart noch, ehe sie sich trennten.„Ich und der Florian, wir haben beid' unsere Rösser nit mehr aus dem Schlosse retten mögen." Fritz Talk versprach ihm, daß er eines zu jeder Stunde in seinem Stall finden würde. Er hielt auch sein Wort und der lange Lienhart trabte am nächsten Morgen aus dem Kvbolzellcr Thor, vorüber an dem Wallfahrtskirchlein und über die steinerne Brücke, die in drei Stockwerten die Tauber überspannte, gen Schwäbisch Hall. Neuntes Kapitel. Noch am Abend des zweiten Pfingstfeicrtages beriethen Erasmus von Muslor und Konrad Eberhard mit dem Bürger- meister und ihren vertrautesten Gesinnungsgenossen. Nach den schweren Niederlagen d'r Bauern bei Königshofen und Ingolstadt glaubten sie der Furcht vor jenen ledig sein zu dürfen und Konrad Eberhard drang mit der ganzen Schärfe seines Wesens darauf, die Maske der Brüderschaft, welche durch die Abberufung der beiden städtischen Vertreter von der Versammlung zu Würzburg bereits sehr durchscheinend ge- worden, ganz fallen zu lassen. Man entschloß sich dazu. Die beiden Räthe und derAusschuß wurden zur gemeinsamen Sitzung berufen und Georg Bermcter trug vor, daß die Bürgerschaft nunmehr vor allen Dingen an ihre eigene Sicherheit zu denken habe. Man müsse daher unverzüglich den Frieden mit dem Schwäbischen Bunde suchen und zu diesem BeHufe eine Gesandtschaft an den Truchseß von Waldburg schicken. „Also das ist Eure Bundestreue gegen die Bauern?" erhob Stephan von Menzingen sich mit rollenden Augen. „Anstatt ihnen in ihrer Roth beizustehen, wollet Ihr sie feige im Stiche lassen." Em Murren erhob sich, es hatte aber nur zur Folge, daß er seinen Vorwurf der Feigheit mit dem Zusatz wiederholte:„Sie krönet nur Euren Wortbruch; denn Meineid war es bereits, daß der Rath den Geyer von Geyersberg der Stadt verweisen ließ.— Schreiet so viel Ihr wollt," fuhr er mit einer Löwenstimme fort, als ihn die Versammlung durch Geschrei und Lärmen am Weiter- sprechen zu verhindern suchte.„Es ist meine Pflicht als Ob- mann des Ausschusses, die Stadt vor dem Schaden zu be- wahren, den Ihr über dieselbe bringt. Denn durch Eure Hasenherzigkeit stürzt Ihr sie und Euch selbst ins Verderben, anstatt sie und Euch zu retten. Die Unterwerfung wird uns nichts eintragen als die Verachtung des Feindes, der uns nur um so ärger bedrücken wird. Unser Heil liegt in seiner Achtung. Wir müssen sie ihm abzwingen. Schon die Klugheit gebietet es, selbst wenn Ihr nicht mannhaft kämpfen, sondern nur erträgliche Friedensbedingungen erhalten wollet. Rothenburg ist fest und stark genug, um dem Truchseß die Stirn bieten zu können. Vor unseren Mauern wird er den leichten Lorbeer lassen, den er den kricgsunkundigen Bauern abgewonnen hat. Daher, so lasset uns die Stadt in den besten Vertheidigungszustand setzen, Kriegsvolk annehmen und uns mit aller Macht rüsten." Nicht seine Gründe, sondern die Kraft seiner Stimme hatte gesiegt, so daß es ruhiger und ruhiger geworden war. Jetzt brach der Lärm von neuem los, man wollte niemand mehr zum Worte kommen lassen.„Abstimmen! Abstimmen!" schrien die Gegner von Menzingen's, von den Sitzen auf- springend und mit den Füßen stampfend. Eine erdrückende Mehrheit erhob die Hände für den Vor- schlag Bermeter's und selbst von dem Ausschüsse stimmten nur wenige gegen denselben. Es sollte also um Entschuldigung und Gnade gebeten werden und Erasmus von Muslor, Konrad Eberhard und Thomas Zweifel, der Stadtschreiber und Chronist, wurden mit diesem Austrage an den Truchseß gesendet. Sie fanden ihn in Heidingsfeld im Pfarrhause.„Ei, kommt Ihr?" riefen ihnen die Fürsten, Grafen und Ritter, so bei ihm in der Stube waren, entgegen.„Kriecht Ihr zum Kreuz? Es ist just Zeit, wir wollten sonst selbst kommen sein und Euch daheim gesucht haben." Der Truchseß selbst warf ihnen ihre Treulosigkeit gegen den Schwäbischen Bund und ihren Vertrag mit den Bauern mit den härtesten Worten vor. Demüthig ließen sie den Sturm über sich ergchen, nur Thomas Zweifel beugte das Haupt nicht. Er gehörte seiner Gesinnung nach durchaus zu den Alten; aber er war ein Mann, ein ehrlicher, furchtloser Mann. Und unerschrocken trat er auch gegen die äußerst drückenden Friedensbedingungen auf, welche der Truchseß Rothenburg auf- erlegen wollte. Unterstützt durch die diplomatische Gewandtheit 's Herrn Erasmus und nicht zum geringsten durch ein albernes Kredenzgeschirr, welches der Rath dem Truchseß durch die Gesandten überreichen ließ, gelang es ihm, von den For- derungen manches abzuhandeln. Besonders gelang es, die verlaugte Brandschatzung von 60000 Gulden auf den zehnten Theil herabzumindern. Dagegen blieb der Truchseß unbeugsam dabei, daß die Stadt dem Bunde die Bestrafung der Bauern überlasse. Der Innere Rath krönte dann das Werk seiner Bot- schafter durch einen doppelten Mcisterzug der Perfidie. Er legte nämlich die Brandschatzung nicht nach dem Vermögen der Bürger um, sondern vertheilte sie gleichmäßig nach der Zahl der Häuser innerhalb der Ringmauern, wobei auf jedes bewohnte Haus 7 Gulden entfielen. Den Nichtzahler traf Strafe der Verbannung auf 30 Meilen Weges. Da mußten von den Aermsten viele mit Weib und Kind hinwegziehen. und entledigte sich der Rath auf diese Weise des un- ruhigsten Elementes der Stadt. Mit dem Einziehen der Steuer, die für die Wohlhabenden eine Kleinig- keit war, die Armen dagegen schwer drückte, wurde aber Stephan von Monzingen als einer der drei Steuerer Rothenburgs beauftragt und dadurch bei dem Volke allgemein verhaßt gemacht. Nach der Verfassung Rothenburgs durfte kein Bürger ein ihm vom Rathe übertragenes Amt ablehnen. Für Stephan von Menzingen war die Schlinge, in der man ihn fangen wollte, ein letzter Grund, um gemäß seiner jüngsten Besprechung mit Florian Geyer zu handeln. Wieder hielt er mit seinen getreuesten Anhängern im Hause des Kilian Etschlich geheime Zusammenkünfte, und wie er, so waren auch sie von der Nothwcndigkeit überzeugt, ungesäumt einen entscheidenden Schlag gegen den regierenden Rath zu führen. Nur Krätzer, der in seinem Rothen Hahnen die beste Gelegenheit hatte, die öffentliche Stimmung zu erkunden, war bedenklich. Noch am Pfingst- sonntage war es dem Komenthur Christan gelungen, der Ent- muthigung wegen der Schlacht bei Königshofen entgegen zu Wirken. Gewaltig hatte er in St. Jakob gegen die Obrigkeit gepredigt und ihr die Schuld an den blutigen Verfolgungen, welche die Bauern erlitten, zugeschrieben. Denn lediglich ihre unerträgliche Bedrückung hätte die armen Leute zur Empörung getrieben, und wer sie dafür verantwortlich machte, das seien Hund' und Schweine. Allein, die Kunde von der Niederlage bei Ingolstadt dämpfte die Wirkung nur allzubald wieder und selbst Christ Heinz, Melchior Mader, Lorenz Diem mußten bekennen, daß das Volk wie ein nasser Schwamm war und nicht Feuer fangen wollte. Es kam dazu, daß Erasmus von Muslor und Konrad Eberhard wieder an die Spitze der Regierung traten. Georg Bermeter hatte mit der ungerechten Umlage der Brandschatzung und der Bestellung von Menzingen's, sie einzutreiben, der Reaktion den letzten Dienst geleistet. Belastet mit der Verant- Wartung für alle Maßregeln, welche die Stadt untreu gegen den Schwäbischen Bund, zweideutig gegen den Markgrafen Kasimir, treulos gegen die Bauern gemacht hatten, durste er jetzt sein Amt niederlegen und sich in sein hübsches Haus au der Herrengasse zurückziehen. Durch das Vertrauen aller Parteien und seinen wohlwollenden Charakter ins Amt ge- rufen, schied er dank seiner Schwäche aus demselben, verspottet und mißachtet von denen, die ihn mißbraucht hatten, gehatzt und verwünscht von dem Volke, das sich um die Freiheit be- trogen sah. Im Gegensatz zu Mephistopheles hätte er von sich sagen können, daß er stets das Gute gewollt und stets das Böse geschaffen habe. Wer sich irgendwie bloßgestellt oder mißliebig gemacht hätte, hielt sich fortan nicht mehr für sicher in der Stadt. Es kamen viele Bürger auf das Rathhaus und zeigten an, daß sie auf die Messe nach Nördlingcn oder sonst in ihren Geschäften verreisen müßten. Ehrenfried Kumps kannte den Haß, den ihm die Geschlechter trugen, eben weil er zu ihnen gehörte, zu gut, um für sich einen Schutz darin zu sehen, daß er nur auf inständiges Bitten des Inneren Rathes die Vertretung der Stadt in Würzburg übernommen hatte. Er that sich hinaus und sein ganzes Vermögen wurde mit Beschlag belegt. Selbst der junge Spelt entwich. Max Eberhard warnte das Fräulein von Badell wegen ihres Schützlings. Er selbst dachte nicht an Flucht. Wie hätte er in so gefahrvoller Zeit die Geliebte und ihre Mutter verlassen sollen? Da Dr. Karlstadt zu bekannt war, um nicht an den Thoren selbst in einer Verkleidung angehalten zu werden, so half Max deni Fräulein, den kleinen Doktor in der Dunkelheit aus ihrem Hause in einem Korbe über die Stadtmauer hinunter lassen.„Als wie einen Minnesänger, der zu seinem Lieb ins Fenster ge- stiegen ist," meinte das alte Fräulein und konnte bei dem Vergleich ein Auflachen nicht unterdrücken. Er entkam glücklich und beschloß sein durchstürmtes Leben friedlich als Professor in Basel. Auch Pater Melchior, dessen Hochzeit mit der Schwester des blinden Mönches das Fräulein in ihrem Hause aus- gerichtet hatte, Valentin Jckelsamer, der Lateinlehrcr, und selbst der Komenthur Christan entkamen noch in der letzten Stunde, trotzdem das ekelhafte Geschmeiß der Angeber, das die Reaktion aus ihrem eigenen Leibe er- zeugte, allerwärts umherkroch. Gabriel Langcnberger, der schwindsüchtige Wirth zum Bären, sammelte jetzt feurige Kohlen auf das Haupt des Herrn Erasmus und dieser dankte ihm nicht mehr mit nothdürftig verhehltem Ekel. Der Patriot wollte in seinem Gasthause haben munkeln hören, daß die Flüchtlinge mit Hilfe der Bauern und im Einverständniß mit ihren zurück- gebliebenen Freunden die Stadt zu überfallen be- absichtigten; den Verkehr sollten die Franziskaner vermitteln. Ohne Zeitverlust nöthigte der Rath die Mönche, ihr Kloster an der Burg mit einem Bruderhause im Herzen der Stadt zu vertauschen. Dem Stadthauptmann Albrecht von Adelsheim befahl er, um die Bauern ein- zuschüchtern, Schwarzenbronn, die Geburtsstätte des langen Lienhart, Leuzenbrunn, die Pfarre Leonhard Denner's, Spiel- dach und etliche andere Dörfer nieder zu brennen. Hierony- mus Hassel und noch einige Junker begleiteten ihn und seine Knechte wie auf einer lustigen Badfahrt. Nun entschloß sich auch Stephan von Menzingen, die Stadt einstweilen zu meiden. Es wurde ihm nachgerade deutlich, daß er auf Schritt und Tritt von des Rathes Spähern umschlichen wurde. Waren seine ehrgeizigen Pläne unaussührbar, so blieb ihm doch die Vergeltung an seinen Feinden sicher. Er wollte zu dem Markgrafen Kasimir. Seines Schutzes war er gewiß und nicht minder, wie er ihn kannte, daß er Rothen» bürg sein hinterhaltiges Benehmen theuer bezahlen lassen würde. (Fortsetzung folgt.) Aus dev Vergangenheit des ne-rddeuttihen Il'lnltzlnndes.� Die Sommersonne liegt über dem norddeutschen Flachlande. Am Haidesaume ragt ein Granitblock im Schatten der Föhren aus dem blühenden Haidekraut empor. Der Wanderer, der die Gegend durch- streift hat und nun seinen Weg zur Stadt nimmt, die er jenseits der Felder an einem See erblickt, hemmt seine Schritte und setzt sich auf den Granitstein nieder. Sein Auge schweift über das Ge- lande, er sieht die Schnitter das Korn mähen, sieht über einen Damm einen Eisenbahnzug der Stadt zueilen und folgt mit dem Auge dem Rauche eines Schornsteins, der sich hinter einem Hügel, wo man Braunkohlen gräbt, erhebt. Wie er die Blicke sinnend über die Landschaft gleiten läßt, taucht in ihm die Frage auf, wie wird es in tausend Jahren, in zweitausend Jahren hier aussehen? Wie sah es vor Jahrtausenden hier aus? Ihm fällt die Gestalt Chidhers, des Ewigjungen, ein, der in langen Zeiträumen eine Gegend aufsucht und sie immer wieder verändert findet; und in seinem Geiste wird er selbst Chidher. Zu Ende war die Tertiärzeit, jene lange geologische Epoche mit ihrer großartigen Gcbirgsbildung durch Faltung der Erdkruste. Zu Ende waren jene langen Zeiten. in denen das norddeutsche Flach- land in wechselnden Kontouren Meer und Land war, wo über ihm ein subtropisches Klima, wie heute über Louisiana und Florida, herrschte, und in dem warmen mit Sumpf und Moor bedeckten Lande eine üppige Flora von Koniferen, Eichen, Magnolien, Ahorn- bäumen, Birken, Nußbäumen, Feigen, Palmen, Pinien, Zinunt- bäumen, Mimosen, Mhrthcn und Bambus gedieh, in der unter andern Thieren Giraffen, Antilopen, Affen, Hipparien, die Ahnen der Pferde, und schwerfällige Mastodous lebten. Jene reiche Pflanzenwelt lag unter einer Decke von Sauden und Thonen begraben und vermoderte, um nach langen Zeiten als Braunkohlen ans Sonnenlicht zurückzu- kehren. Eine neue geologische Epoche, das Diluvium, brach anund veränderte langsam, in langen, Jahrtausende umspannenden Perioden die Landschast. Die mittlere Jahrestemperatur war auf der nördlichen Halbkugel um einige Grade gesunken, sei eS infolge einer andern Land- und Wasser- vertheilung oder infolge großer Sonnenflecke, oder sei, was wahrschein- sicher ist, infolge der periodisch schwankenden Exzentrizität der Erdbahn. Die Periode der ausgedehnten diluvialen Vergletschcrungcn begann. Von den Bergen der skandinavischen Halbinsel stiegen die Gletscher hinab und überflnthcten Schweden, füllten das Becken der Ostsee und drangen wahrscheinlich bis zum baltischen Höhenzuge vor, wo sie zum Stehen kamen. Es war dies die erste Glacial- oder Eiszeit. Aus den vereisten Gegenden flössen die Glctscherströme nach Süden in die norddeutsche Ebene und trugen die aus den Grund- moränen ausgewaschenen Sande tief ins Land hinein, wo man sie später im südlichen Theile des Potsdamer Regierungsbezirkes fand. Nach verhältnißmäßig kurzer Zeit begann die Gletschcrmasse abzuthnuen, das Eis wich nach und nach zurück, und die Pflanzen- und Thierwelt nahm während der nun beginnenden ersten Jnter- glacial- oder Zwischeneiszeit wieder von den zuvor vergletscherten Gebieten Besitz. Ueber die Moränen der ersten Vergletscherung hatte sich längst der Pflanzenwuchs gebreitet, da brach' die zweite Vergletscherung mit Heftigkeit herein. In dieser zweiten Eiszeit füllte das Eis die Becken der Nord- und Ostsee, überstieg die baltischen Höhen und ergoß sich in das norddeutsche Flachland. In ihrer Grundmoräne 'choben die Gleffcher losgerissene und mitgenommene Gesteine ihrer nordischen Heimath, Gnei'ße, Granite, Syenite, Grünsteine, Porphyre und versteinenmgführende Sedimentgesteine der ältesten geologischen Epochen. Diese Gesteinsstücke wurden untereinander gerieben und ge- ritzt. Als das Inlandeis das deutsche Land erreicht hatte, begann es den Boden aufzuwühlen. Alles organische Leben wurde vernichtet, das *) Aus der„Kölnischen Zeitung." Ii anstehende Gestein zerdrückt, zerquetscht, zerwühlt, in die Grundmoräne gepreßt und als sogenannte Lokalmoräne mitgcschleift. So war die Grundmoräne des Inlandeises nach Ueberschreitung der baltischen Kreidegebiete mit Kreidestücken und Feuersteinsplittern gespickt. Wo der Fuß des vordringenden Eises auf weiche plastische Massen, wie Kreide oder Braunkohlenlager, einwirken konnte, da schob und faltete er diese zusammen und preßte sie zungenartig in den Sand und Schotter, den die Gletscherwasser vor ihm herführten, oder bettete sie als gewaltige, losgerissene Massen zwischen die Geschiebe oder thürmte sie empor, wie die Kreidefelsen auf Rügen, Moen und Wollin. Mit mancherlei Hin- und Herschwankungen des Gletscher- randes, wobei sich örtlich mehrere Moränen übereinander bildeten, drang das Inlandeis vor. Die Gletscherströme und-däche liefen voraus und spülten die feinen Sande und Thone aus der Moräne in die Seen und Vertiefungen, die sie vorfanden, und bildeten dort fein geschichtete Thonabsätze und Süßwasserkalke, die die Reste der damals lebenden Thiere bergen. Das Inlandeis wälzte dann dar- über seine ungeschichtete, aus Sand, Thon, Kalk und Gesteinsaeröll gebildete Gnmdmoräne. Nur selten bewegte sich das Äs aus an- stehendem Felsgesteine, denn dieses durchragte nur vereinzelt das norddeutsche Schwemmland. Wo aber das Äs festen, anstehenden Fels überschritt, wie den Kohlensandstein bei Osnabrück, die Sand- steine von Velpke zwischen Braunschweig und Magdeburg und von Gommern bei Magdeburg, die Porphyre bei Halle, Taucha, Lands- berg i. S. und Brandis i. S., den Muschelkalk bei Rüdersdorf in der Provinz Brandenburg, da ritzte und kratzte es mit den Steinen der Grundmoräne Schrammen ins Gestein, die die radiale Vewegungsrichtung des Inlandeises anzeigen. Im Rüdersdorfer Muschelkalke haben die herabstürzenden Gletscherwasser Strudellöcher von 1—6 Meter Tiefe und V2— l�e Meter Durchmesser ausgehöhlt. Die Eismasse deynte sich weiter und weiter aus, bis die Schmelz- linie am deutschen Mittelgebirge bei 406— S(X) Meter Meereshöhe zum Stehen kam. Damals bedeckte das nordische Inlandeis in Europa eine Fläche von etwa zwei Millionen Quadratkilometer. Von Skandi- navien reichte es über die Nordsee und verhüllte fast ganz Groß- britannien. Auf dem Fcstlande zog sich seine Südgrenze von den Rheinmündungen zum rheinisch-westfälischen Schiefergebirge und von da am Nordrande des Harzes, Thüringer Waldes, Erzgebirges, Riesengebirges und der Karpathen vorbei bis nach Kiew am Dnjepr und nach Nischnei-Nowgorod an der Wolga und bog dann nach Norden um. Alles, was innerhalb dieses weiten Bozens lag, war ein ödes, todtes Gletscherfeld, aus dem kein Berg, kein Fels hervorsah. Zu gleicher Zeit bildeten auch die Alpen den Grundstock eines großen Gletzchergebietes. Aus allen Alpenthälcrn quollen die Gletscher hervor und schoben ihre Eismassen im Süden über den Gardasee, den Comersee, den Lago Maggiore und bis in die Nähe von Turin vor und hüllten nördlich das Land bis Lyon, bis zum französischen Jura, über den Bodcnsee und Ammersee und über Salzburg hinaus in Gletschereis ein. Von den Bergen deS Wasgenwaldes, des Schwarzwaldes, des Harzes, Erzgebirges, Riesengebirges und der Tatra senkten sich vereinzelte Gletscher in die Ebene. Kurz, statt des subtropischen Charakters der Tertiärzeit trug Mitteleuropa in der Diluvial-Epoche ein ausgesprochen arktisches Gepräge. Dem- entsprechend waren die subtropischen Pflanzenarten längst aus- gestorben, und die Wälder, die das Inlandeis vernichtete, bestanden aus Kiefern, Eichen, Buchen, Pappeln, Birken u. s. w. Diese Bäume bildeten zur Zeit der größten Vergletscherung auch den Waldbestand der deutschen Mittelgebirge, in denen eine nordische Thierwelt hauste. (Schluß folgt.) TUeiues Fouillekon — Eine Branntwein-Prophetin. Schon im Herbst 1834 be- richteten mehrere Zeitungen über einen sogenannten Branntwein- Propheten. Es war ein zunger Bursche aus Mahala bei Czernowitz (Bukowina), der die Bukowina nach allen Richtungen durchzog und gegen den Branntweingenuß, sowie auch gegen andere dort allgemein verbreitete Unsitten predigte. Wiewohl er von den Alkoholhändlern und auch von den Regierungsorganen behindert wurde, und ins- besondere ein Theil der Bukowiner Presse seine Thätigkeit theils als staatsgefährlich bezeichnete, theils ins Lächerliche zog, hat er bedeutende Erfolge erzielt. Er bewog zahlreiche Gemeinden zum symbolischen Vergraben des Branntweins, was in überaus feierlicher Weise geschah. Die Landleute schrieben ihm eine göttliche Sendung zu, sie nannten ihn xrorolr, d. h. den Propheten, und wußten von ihm bald allerlei Legenden zu erzählen. Durch die Assentirung des jungen Mannes wurde der mit Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse sicher sehr heilsamen Bewegung ein Ende ge- setzt. Wie die„Münch. Ällg. Ztg." mittheilt, ist vor kurzem in der Bukowina nunmehr wieder eine Prophettn(xroroc�Ira) aufgetreten. Dieses Mädchen predigt seit einigen Wochen unter den Huzulen (Gebirgsruthenen am Czeremoß) und hat einen großen Zu- spruch gefunden. Die Kunde von ihr drang erst vor kurzem in weitere Kreise. Die Prophettn hielt am ersten Sonntag im August in Marenici eine Predigt gegen die Branntweinpest, die Arbeit an Sonn- und Feiertagen, ferner die Zersplitterung der Bauerngründe! tausend bis zweitausend Leute sollen sich um sie auf dem Kirchhof versammelt haben. Ein Gendarm schritt ein, und da 5— die Leute nicht sofort sich zerstreuten, brachte er durch einen offenbar allzu übertrieben gehaltenen Bericht die Behörden des Landes in größte Aufregung, die indeß, wie es sich sofort herausstellte, ziem- lich überflüssig war: die Leute hatten sich nämlich nach der Predigt zerstreut, und auch die Prophettn zog sich in ihre stille Bergeinsamkeit zurück. Die weitere Entwickelung der interessanten Bewegung ist abzuwarten.— Das Auftreten dieser Art von Propheten ist ein Symptom. Unter keinem Volke Europas wüthet nämlich die Schnaps- pest ärger als unter den Ruthenen Galiziens und der Bukowina. Und das Schnapstrinken wird von den polnischen Großgrundbesitzern und den Schnapshändlern mit allen Mitteln gefördert. Der ruthe- nische Bauer kommt thatsächlich die ganze Woche nicht aus dem Rausche. Junge gebildete Ruthenen agitiren seit längerer Zeit gegen diesen Unsilg, durch den ein ganzes Volk zu Grunde gerichtet wird. Aber das Predigen half nicht viel. Da beschloß man durch das Bei- spiel zu wirken. Anfang der achtziger Jahre traten in Lemberg, Krakau, Wien eine Anzahl ruthenischer Studenten zusammen und ver- pflichteten sich durch Handschlag und Ehrenwott, nie mehr einen Tropfen Alkohol zu trinken und mit aller Kraft dahin zu wirken, daß auch die Bauern und Arbeiter in der Heimath ein Gleiches thäten. Wie man aus dem oben Mitgetheilten ersieht, scheint die Bewegung mittlerweile Fortschritte gemacht zu haben.— — Grillparzer als Beamter. Die Zeitschrift„Alt- Wicn� bringt ein paar Erinnerungen an Grillparzer in seiner Stellung als Beamter. Es wird dem Dichter nachgesagt, daß er die Registratur des Finanzarchivs, die er hätte in Ordnung halten sollen, arg ver- nachlässiate und nur selten über ein Aktenfaszikel Auskunft zu geben wußte oder geneigt war. Einmal hatte er in« Amte den Besuch eines Freundes, und es war wieder die Nachfrage»ach einem Schrift- bllndel. Der Diener bekam die gewohnte Antwort:„Ich hab's nicht, weiß nicht, wo es ist," aber kaum hatte er den Rücken gekehrt, da öffnete Grillparzer eine Schublade zu seinen Füßen und zeigte seinem Freunde den Faszikel mit der ergrimmten Erklärung: „Da liegt er? aber jetzt soll er ihn just nicht haben!" Nach dem Erfolg der„Ahnfrau" tnig sich Grillparzer mit dem Gedanken, die ihm arg verleidete Beamtenlaufbahn überhaupt aufzugeben und als freier und unabhängiger Schriftsteller zu leben. Er trug die Sache seinem Vorgesetzten, dem Grafen Stadion, vor. Aber der Graf fuhr ihn hart an:„Was, ein unabhängiger Schriftsteller wollen Sie werden? was Ihnen nicht einfällt! Än unabhängiger Schriftsteller I Ein unabhängiger Literat; das kommt mir gerade so vor, wie ein Hund ohne Halsband." Diese Aeußerrmg seines„Gönners" depri- mirte den Poeten wieder derart, daß er den Gedanken fallen ließ.— Theater. •r. Schiller- Theater. Mit der Aufführung von Wildenbrnch's„Haubenlerche" hat am Sonnabend die Darstellungskunst des Schiller-Theaters Ehre eingelegt. Die Regie war nach Kräften um eine sorgfältige Abtönung bemüht; auch auf das Dekorative, das in dem Stück ja garnicht einmal eine besondere Rolle spielt, war sehr viel Sorgfalt verwendet worden, und unter den Mitwirkenden fand sich niemand, dem man nicht großen Eifer für seine Aufgabe hätte nachrühmen dürfen. Paula Levermann gab die Heldin des Stückes, die Fabrikarbciters-Tochter Lene, mit so viel Gemüth und Lerchentrillern, als der Dichter für diese un- fteiwillige Karnkattir nur zugelassen hatte; mit ebensolchem Auf- wand von Hcrzenstöncn spielte Herr P a t r h die Rolle jenes in sich gekehrten Büttgesellen, der gleichermaßen sowohl die Lene, Ivie seinen Prinzipal und Nebenbuhler leiden konnte, ohne zu klagen. Und das natürlichste Paar aus der Arbeitergruppe des Stückes, die Wittwe Schmalenbach und der Lumpenfaktor Ale war von Agnes Werner und Alfred Schmasow zu wirklichen Menschen verarbeitet worden, an denen jeder, mochte ihm die Dichtung auch noch so wenig behagen, seine Freude haben konnte. Unter den bourgeoisen Gestalten wirkte die von Herrn V a l l e n t i n gcschick' dargestellte Rolle des flotten Bruders Hermann entschieden air sympathischsten. Die Rolle deS unglücklichen Papierfabrikanten und Sozialreformers August Langenthal ward von Herrn G r c g o r i wohl in allzu getragenen Tönen deklamirt; sehr hübsch wußte Fräulein W i n ck e die bescheidene Kousine der beiden ungleichen Brüder dazustellen.— Geschichtliches. gk. Reklameblätter zur Heranziehung deutsch er K o l o n i st e n nach Polen im 17. und 18. Jahrhundert be- schreibt Warschauer in der„Zeitschrist der historischen Gesellschaft für die Provinz Posen." Seit den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts fand wieder eine Einwanderung deutscher Protestanten, besonders aus Schlesien, nach Polen statt, die so stark war, daß sie sogar eine Anzahl nicht unbedeutender neuer Städte ins Leben rief. Die neuen Kolonisatoren schlössen sich an das Vorgehen der mittelalterlichen an. Nur wandte sich der Grundherr, der Kolonisten heranziehen wollte, nicht mehr wie damals an einen Unternehmer(locator), sondern er erließ öffentliche Auftufe in Druck oder Schrift. Bisher sind indessen nur drei solcher Kundgebungen aufgefunden. Alle drei sind, obwohl von polnischen Grundherren ausgestellt, in deutscher Sprache verfaßt, und von diesen im 17. Jahr- hundert in jedem einzelnen Exemplar eigenhändig unter- schrieben und untersiegelt, jedenfalls um zu den gemachten Zu- sagen Vertrauen einzuflößen. Jedes Blatt enthält naturgemäß eine — Ti mebr oder minder ausführlich begründete Empfehlung des mit Kolonisten zu bevölkernden Ortes. Im 17. Jahrhundert wird be- sonders darauf Gewicht gelegt, dag der Ort Gelegenheit biete, den Gottesdienst nach der Augsburgischen Konfession abzuhalten; im 18. Jahrhundert treten dagegen die religiösen Motive zurück und die wirthschaftlichcn in den Vordergrund. Die beiden ältesten Blätter werden jetzt im Posener Staatsarchiv verwahrt. Das erste stammt aus dem Jahre 1641 und betrifft das in der Nähe von Posen gelegene Städtchen Schwersenz. Es isi in kräftigen deuschen Typen gedruckt, während das zweite, das elf Jahre jünger ist und sich auf die Stadt Bomst bezieht, nur bandschriftlich auf uns gekommen ist. Am aus- führlichften behandelt ist das dritte' Beispiel, das von der Stadt Samotschin geboten.oird: es ging aus von dem Grundherrn Leo Raszinski und ist noch heute Eigenthum der Raszinski'schen Bibliothek in Posen. Diese Schrift ist ein in lateinischen Lettern gedrucktes Büchlein von 18 Blättern in Quart. Trotz eines sehr ausführlichen Titels ist Jahr und Ort des Druckes nicht angegeben, es lägt sich aber nachweisen, daß sie nicht vor 1751 und nicht nach 1755 gedruckt ist. Der Druck ist sehr schlecht und fehlerhaft. Der Ton ist vollkommen der der Reklame; in überschwänglichfter Art wird von der günstigen Lage und von der Vollkommenheit der künstigen Einrichtungen der Stadt gesprochen. Sogar eine Wasserleitung soll derart angelegt werden, daß sie sich bei allen Häusern durch- ziehe,„unifc den Leuten aller Commodität zu verschaffen'. Auch auf das Aussehen der Stadt wird bedacht genommen. Die Straffen sollen zur Nachtzeit beleuchtet, Vorsichtsmaffregeln gegen die Feuers- gefahr getroffen werden. Ein Kloster zur Pflege der armen Kranken, ein Posthaus, ein Schießhaus, eine Jungfernkaffe, eine Wittwcnkaffe, Armen- und Sterbckasse, alles das wird versprochen. Nicht weniger als 173 Erwerbszweige. die in der Stadt beirieben werden konnten, geht der Verfaffer, thellweise mit grobkörnigem Humor, einzeln durch und erschöpft sich in Anerbi'etungen von Uuterstützungen. Groffe Erfolge hat die Reklame in diesem Falle nicht gehabt. Als der Ort 1772 unter preußische Herrschaft kam, hatte er 312 Em- wohner.— Aus der Vorzeit. Kg. Ein neuer eig enartiger Pfahlbau, der sich von den bisher bekannten auffällig unterscheidet, ist nach einer Mit- theilung des„Athenaeum" von Donelly am Ufer des Clyde in Schottland aufgefunden worden Er bietet das erste Beispiel eines Pfahlbaues in fließendem Waffer, während diese sonst wie auch die irischen(crsumoges) an geschützten Seeufern erbaut sind. Der Umfang des Baues beträgt 184 Fuß. Bei hohem Wasserstande wird er oft mehrere Fuß hoch mit Waffer bedeckt, so daß die Forschung dadurch sehr erschwert wurde. Die äußeren Pfähle sind aus Eichenholz, das sich unter der schlammigen Oberfläche merk- würdig frisch erhalten hat. Für die Querbalken und die inneren Pflasterungen ist auch Holz von Weiden und Erlen verwendet. Die Steine im äußeren Umkreis und auf dem Damm, der zu dem Wohnplatze führt, zeigen eine methodische Ordnung. Man hat auch Spuren der ehemaligen Bewohner entdeckt, Feuersteinkiesel, Knochen von Hirschen und anderen Thiercn, auch Steinwaffen und Knochengcräthe aus- gegraben. Ferner wurde ein sehr schöner, 37 Fuß langer Baum- kahn, ein ausgehöhlter Eichstamm, gefunden. Sehr bemerkenSwerth ist es, daß sich nur Stein- und Knochenwerkzeuge fanden. Danach würde dieser Pfahlbau in die neolithische Steinzeit gc- hören, während die meisten Pfahlbauten, z. B. die wischen und britischen, deutliche Spuren der späteren Bronzezeit tragen. Erst kürzlich wurden wieder in dem britischen Dorf Glaswnbury Beispiele von altem Bronzefchmuck gefunden. Auch frühere Entdeckungen von Donelly sprechen dafür, daß dieser Theil Schottlands ehemals von den Menschen der neolithischen Periode bewohnt wurde.— Ans der Urzeit. — Ein merkwürdiger fossiler Säugethierschädel ist, wie die„Voss. Ztg.' mittheilt, kürzlich von Professor Scalabrnii im Tertiär der Umgebung der Stadt Parana aufgefunden und von dem hervorragenden Paläontologen Florentino Ameghino näher unter- sucht worden. Der etwa vier Zentimeter lange und fast ebenso breite Schädel zeigt sich in gewiffen Eigenthümlichkeiten dem Schädel der Leniuren(Halbaffen) verwandt; in anderen Merkmalen aber und auch in dem allgemeinen Aussehen kommt er den Fledermäusen nahe. Außerdem ist merkwürdig, daß sich vor den Augeiirändrrn eine große Höhlung findet und daß' ferner eine seitliche Höhlung an den Unter- kieferzwcigen vorhanden ist; dies find Merkmale, die man nicht ge- wöhnt ist, bei den Säugethieren zu finden, die vielmehr den Rep- tilien eigenthümlich sind. Endlich ist keine Spur einer vorderen Nasenöffmmg vorhanden: etwas derartiges hat man bisher weder bei Säugethieren noch bei Reptilien beobachtet. Das Thier, das mit Rücksicht auf seine Beziehungen zu den Lemuren von Ameghino Arliinolemur Scalabriui getauft worden ist, stellt also einen ganz neuen Typus der Säugethwre dar.— Aus dem Thierleben. — Ein Elch mit einem Halfter wurde kürzlich bei Gamla Upftla erlegt. Man wundert sich darüber, wie das Thier zu dem Halfter gekommen sei. Nun stellt sich heraus, daß vor zwei Jahren ein junger Elchochse von Bauern vom Tode des Ertrinkens Verantwortlicher Redakteur: Wilhelm Schröder in Hol errettet und im Viehstalle untergebracht wurde. Man legte dem Thier ein Halfter um und gedachte es zu zähmen. Aber der Freiheits- drang war bei dem Elch zu groß. Eines schönen Tages riß er sich los und eilte in den Wald hinaus, wo er sich zwei Jahre mit dem Halfter herumtrieb, bis ihn eine Kugel niederstreckte.— Aus der Pflanzenwelt. ie. Die Soja-Bohne. Die Heimath der Soja- Bohne (Glycine hispida) befindet sich im südöstlichen Asien; sie wird dort. besonders in Japan und in China, seit den ältesten Zeiten als wichtigste Art der Leguminosen angebaut. Es giebt zahlreiche Spiel- arten derselben, die gewöhnlich nach der Zeit ihrer Reife und nach der Gestalt und Farbe der Bohnen unterschieden und benannt werden. Der Nähr- und Futterwerth der Pflanze ist ein außerordentlich hoher. Die grünen Theile haben etwa dieselbe Zusammensetzung wie Klee und köimen also als gutes Grünftitter Verwendung finden. Die Bohne selbst enthält-mehr Futter- und Eiweißstoffe als die Erbse, über dreimal mehr als Hafer und Roggow Das aus diesen Bohnen bereitete Mehl ist leicht verdaulich. Außerdem hat der Anbau der Pflanze für die Landwirthschaft noch den Vortheil, daß sie wie alle Leguminosen als Stickstoffsammlerm zur Verbesserung des Bodens beiträgt. Nach einer in Japan hergestellten Analyse enthalten die Samen 71/2 pCt. Ssickstoff, und nach einer anderen Untersuchung 23' /2 pCt. Eiweißstoff. Die Samen werden in Japan zur Bereitung zahlreicher Nahrungsmittel verwandt, indem mau mit Hilfe von Schimmelpilzen eine Gährung herbeiführt; die wichtigsten derselben führen die Namen Tosu, Natto, Miso, Kuba und Shoyu. Brot aus dem Mehl von Soja-Bohnen wird Zuckerkranken empfohlen. In der Schweiz findet man die gerösteten Bohnen als Ersatz für Kaffee, ebenso auch in Amerika, und als Gemüse werden sie bereits in verschiedenen Ländern genossen.— Humoriflisches. — Kein Zutrauen. Nachbar:„Na hat Dir der Maler, der bei Dir logirt, die Thür- und Fcnsterstöck' angestrichen?"— Bauer:„Nix ist d'raus worden! Z'ersi hat er g'meint, er thut so was Ordinär's net, und wie ich dann seine Bilder gffeh'n Hab', Hab' ich selbst d'rauf verzichtet!'— — Das gute Herz. Mutter:„... Und gut ist mein Kleiner! Allen armen Kindern auf der Straße giebt er von seinem Le b e r t h r an."— — Beim Heirathsvermittler.„Glauben Sie, daß diese Dame mir eine treue Gattin sein wird?' „Selbstverständlich! Für zwei Jahre garantiere ich!" Vermischtes vom Tage. — Im Deutschen Reiche soll es drei Millionen Radfahrer geben.— Klingt etwas nach Radler-Latcin. Uebrigens Fall— Heil!— — Nach Erkundigungen, welche die„Hamburgffche Börsenhalle' eingezogen hat, ist die Meldung nicht richtig, daß in Altona fünf angesehene Bürger verhaftet worden seien, welche im Hamburger Freihafcngebict und auf dem ganzen Elbestrom seit Jahren nach Millionen zählende Tabakschwindeleien verübt haben sollen; es handle sich vielmehr um eine Vertvechslung mit der vor kurzem vorgenommenen Verhaftung von fünf Einbrechern in der Ottensener Tabakfabrik.—• — In Svabojeden bei Tilsit wurde ein Gutsbesitzer und sein Dienstmädchen unter dem Verdachte eines vollendeten und zweier versuchten Giftniorde verhaftet.— Am Weichselufer bei S a k r a u, nördlich von Graudenz steht ein Wachholder, dessen Höhe zehn und dessen Umfang ein Meter beträgt.— — Im Vogtlande, namentlich in der Gegend von O e l s n i tz, werden, wie zu derselben Zeit im Vorjahre, erhebliche, andauernde E r d st ö ß e wahrgenommen.— — Die älteste Zuckerfabrik Bayerns, Firma Rose in Bayreuth, stellt nach Aufbrauch der Rohmaterialien-Bestände den ganzen Betrieb ein. Den Arbeitern lvurde bereits gekündigt.— — Mit ihrem Kinde im Rhein ertränkt hat sich in Mannheim die Frau eines Architekten.— — Der Wiener Bildhauer Franz von Moser hat sich v e r» giftet.— — In Warschau wurde eine Frau zu 15 Jahren Zwangs- arbeit verurtheilt, weil erlviesen wurde, daß sie innerhalb ftuff Jahren gegen 30 ihr zur Pflege Lbergebene Kinder theils vergiftete, theils verhungern ließ.— — Der Betrieb der Jungfraubahn, Strecke Scheidegg-Eigergletscher, ist durch Beschluß des Bundesrathes, unter gewissen Bedingungen gestattet worden.— nsee. Druck und Verlag von Nkax Babing in Berlin.