Wnterhaltlmgsblatt des Vorwärts Nr. t86. Doilnerstciq. den 22. September. 1898 (Nachdruck verboten.) 82] Utm die Freiheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523 Von Robert Schweichs l. Wilhelm Grumbach stieß einen Fluch aus, schenkte sich einen Becher voll, den er auf einen Zug hinunterstürzte, und lief in der Stube hin und her. Dann warf er sich in einen der beiden, nüt schwarzgewordcnem Leder bezogenen Lehn- stuhle, die zu Seiten des Kamins standen, und ächzte:„Was kann denn noch geschehen?" „Nichts, wenn Du nicht gesonnen bist, die Scheide Deines Schwerts wegzuwerfen," antwortete sein Schwager trocken. „Und wenn?" fragte Wilhelm von Grumbach mit ge- spannten Blicken. Florian Geyer verließ seinen Platz am Tische und setzte sich ihm gegenüber.„So höre denn," hob er an, und ent- wickelte ihm. wie Stephan von Wenzingen, seinen Feldzugs- plan, auf die Streitkräfte hinweisend, die zu dessen Durch- führung den Bauern noch zur Verfügung ständen. Den Ellenbogen auf die Seitenlehne des Stuhles, den Kopf in die Hand gestützt, hörte Wilhelm von Grumbach zu, mitunter einen scharfen Blick aus seinen stahlblauen Augen auf den Sprechenden zückend. Mit zusammengezogenen Brauen sagte er, ohne den Kopf zu heben, als jener schwieg:„Ich glaub's nit, daß sich Würzburg auch nur eine Woche lang gegen den Truchseß halten kann. Und nachher—?" „Auch dann ist noch nichts verloren, nur darf es sich nicht ergeben," erwiderte Florian Geyer ohne Zögern. „Es stehen dort noch 5000 Mann, während der Truchseß bei Königshofen und Ingolstadt bedeutende Verluste erlitten hat. Können sie die Stadt trotzdem nicht halten, bis der Entsatz zur Stelle ist, so müssen sie sich ohne Zeitverlust nnt allen Vor- räthen, die sie zusammenraffen können, herausziehen. Der Gramschatzer Wald ist bald erreicht, und er deckt den Rück- zug in die nur wenige Stunden entfernten Berge zwischen Röhn, Spessart und den Vogelsbergen. Dort stehen wir in einer uneinnehmbaren Veste. Die Reisigen, die der Bauer so fürchtet, vermögen nichts in den Waldgebirgen, die durch Verhaue und Ab- grabungen leicht zu schützen sind. Und auch die langen Spieße der Fußkncchtc sind in den Wäldern wenig nütze, abgesehen davon, daß sich eben jetzt erwiesen hat, wie wenig Verlaß auf das Fußvolk ist. Der Bauer, der seine Handwehr zu führen weiß, streckt es aus dem Gebüsch nieder, ehe es seiner noch ansichtig wird. Die Kriegskunst des Truchseß fällt dort nicht schwer ins Gewicht. Sie wird lahm gelegt durch die Ortskeimtniß der Bauern, die Weg und Steg im Gebirg wie ihre Kappe kennen und darum nach allen Seiten hin Ausfälle in fruchtbare Gegenden zu machen im stände sind. Zudem gebricht es dort nicht an Eisenschmieden, die leicht in Waffcnwerkstätten umgewandelt werden können, und abgehärtete Männer giebt es im Uebcrfluß. Dort sind wir unbesiegbar." „Lieber des Teufels als des Bischofs," rief Wilhelm von Grumbach, der den Oberkörper allmälig aufgerichtet hatte und Florian Geher mit Augen betrachtete, in denen sich etwas wie Bewunderung vcrrieth. Er sprang auf. „lind jetzt, bitte, schaffe mir Schreibgeräth und zwei zuverlässige Boten. Wir haben keine Zeit zu verlieren." „lind wohin die Boten?" fragte der Junker. „Nach Würzburg der eine, um Hans Bermeter zu benach- richtigen, was er zu thun habe. Nach Mclrichstadt der andere. damit Schnabel mit seinen Bildhäusern sogleich hierher auf- breche." Federn, Tinte und Papier gab es nur in der Amts- stube im Erdgeschoß. Wilhelm von Grumbach holte es selbst herbei und gab dann seinem vertrauten Diener Matthäus Lang den Auftrag, die Boten auszuwählen, während Florian Geyer die Briefe schrieb. Thcs Laug mochte um fünf bis sechs Jahre älter als sein Herr sein. Er war der Sohn eines Leibeigenen aus dem Dorfe Rimpar, als Hofjunge auf die Burg gekommen und hier in die Gunst Wilhelms als dessen Spielkamerad und Prügelknabe für alle dummen und schlechten Streiche hinein- gewachsen. Oft genug war er freilich nicht nur der Sünden- bock, sondern auch Mitschuldiger und Anstifter. Dabei war er ebenso geschickt in vielen Dingen, wie er, gleich dem Junker, unerschrocken, ja waghalsig war, wenn es darauf ankam. Für seinen Vortheil alles einzusetzen, war er ebenso bereit ivie sein junger Herr. Ein Ding, das man Gewissen nennt, besaß er nicht, und nur Verleumdung hätte von ihm behaupten können, daß er je eines guten Gemüthes gegen seine Nebenmcnschen gewesen wäre. Allerdings war er schlau genug, es zu ver- schleiern, wo er nicht frech sein durfte. Ob Junker Wilhelm ihn durchschaute, muß bezweifelt werden. Er war nicht der Mann dazu, über einen Leibeigenen sich den Kopf zu zerbrechen. Wenn es noch ein Pferd oder ein Hund gewesen wäre! Deren gute oder schlechte Eigen- schaffen zu erkunden, hätte der Mühe gelohnt. Es genügte ihm, daß Matthäus Lang ihm unbedenklich gehorchte, allen seinen Launen und schlechten Instinkten schmeichelte, ihnen auch durch die Thal Vorschub leistete und immer Rath wußte. Da Wilhelm von Grumbach vor ihm kein Geheimniß daraus gemacht, in welcher Absicht er Florian Geyer in Heidingsfeld aufgesucht hatte, so vertraute er ihm auch jetzt, welchem Zwecke die beiden Boten dienen sollten. „Hm," meinte Thes, indem er seinen breiten Unterkiefer mit der Hand umfaßte und die Augen zusammen kniff,„wenn die Briefe nicht von Euch, sondern von dem Ritter geschrieben sind, so können wir sie ja Ivegschicken. Ihr dürfet in diesen Sachen nix Schriftliches von Euch geben, gnädiger Herr. Ich will selbst nach Würzburg machen und scharf zusehen, wie's dort steht. Nach Melrichstadt wollen wir den Wendel 'schicken. Er ist klug und Eurem Schwager ergeben." So geschah es denn auch, und erst als die Briefe be- fördert waren, gestattete es sich Florian Geyer, den während dreier Nächte versäumten Schlaf nachzuholen. Thes Lang kehrte gegen Abend zurück. Er war über die Höhe gegangen, die bei dem Dorfe Rimpar allmälig zu einer weit aus- gebreiteten Hochfläche ansteigt und vor Würzburg in Wein- bergen ziemlich steil abfällt. Die Höhe war von dem Feinde noch nicht besetzt gewesen und er hatte seinen Brief für Bermeter am Pleichacher Thor abgeben können. Die Wache sei guten Muthes gewesen, berichtete er, und aus der Stadt sei stark gegen St. Burkhard, was der Truchseß besetzt habe, heraus geschossen worden. Auf das rechte Mainufer sei der Feind noch nicht übergegangen. Schlimm lauteten dagegen die Nachrichten, die Wendel am nächsten Tage aus Melrichstadt brachte. Der Churfürst von Sachsen hatte am Psingstsonntage den Bildhauser Hausen geschlagen, Wilhelm von Hcnneberg, seines Eidschwures ver- gessend, mit ihm sich verbunden, die Bürgerschaft von Meiningen, feig verzagend, Hans Schnabel gefangen ge- nommeii und für die Gewähr von Straflosigkeit der Stadt an den Henneberger ausgeliefert. Das Schlimmste aber sollte Florian Geyer nicht mehr erfahren, nicht, daß der lauge Lienhart in sein Verderben geritten war. Die Unterthanen von Schwäbisch-Hall hatten der Stadt neu gehuldigt, die Bauern der Schenken von Limburg, eingeschüchtert durch die blutigen Siege des Truchseß, mit ihren Herren sich vertragen und ihre Waffen abgeliefert, der Hausen der Gaildorfer sich zerstreut. Als der lange Lienhart trotzdem unverzagt seinen Auftrag zu erfüllen trachtete, wurde er eines Tages in einer einsamen Waldschänke von Knechten der Limburger überfallen und erstochen, nach- dem sein gewaltiges Schwert ihrer die Mehrzahl den dunkeln Pjad des Todes vorangeschickt hatte. Die Hiobsbotschaft Wcndel's vermochte die Entschlossen- heit Florian Geycr'L nicht zu beeinflussen. Er traf seine Vor- kchrungen auf alle Fälle, durchforschte den Gramschatzer Wald nach der geeignetsten und durch Verhaue am leichtesten zu schützenden Rückzugsliuie und bemühte sich, die Bauern der Walddörfer in die Waffen zu bringen. War der Tag voll Mühe und Sorge, um so wohlthuendcr die Ruhe am Abend auf Rimpar bei Weib und Kind. Wilhelm und Grumbach störte sie nicht! denn ihm waren kleine Kinder und vollends ihr Geschrei wider- wärtig. Frau Barbara verbarg ihre schweren Gedanken, wußte sie doch, daß ihren Gatten nichts davon abhalten könnte, das Schwert für die Freiheit zu führen, so lange noch ein Athemzng in ihm war. Für ihn waren es die glücklichsten Stunden, seitdem er aus seinem väterlichen Burghause aus- gezogen war, und sie sänstigten den Ernst und die Strenge seines Wesens zu einer grasten Ntüde. In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag nach Pfingsten wurde die Stille noch spät durch lautes Pochen an das äustere Burgthor unterbrochen. Ein reitender Bote mit eincni Schreiben für Wilhelm von Grumbach begehrte Ein- last. Thes Laug nahm ihm dasselbe ab und trug es zu seinem Herrn, den er erst aus dem Schlafe wecken mustte. Sein Dank dafür waren Schimpfwortc. Thes kehrte sich nicht daran, sondern meinte, indem er Licht machte:„Es ist viel- leicht gut, keinen unnöthigen Länn zu machen; der Brief kommt von Eurem Bruder, gnädiger Herr." Da fuhr dieser mit den blosten Füsten aus dem Bette, griff noch dem Briefe und zerschnitt die Schnur, die ihn umkuüpfte, mit seinem Dolche, der stets in seinem Bette lag. Wie krumme Türken- säbel und Zaunpfähle starrten ihm die ungefügen Schriftzüge entgegen. Thes mustte ihm das. Licht halten und er ent- räthselte laut lesend mit nicht geringer Mühe und niancher Stockung, die ihn ungeduldig machte, folgendes: „Lieber Bruder Wilm! „Viktoria! Aus ist der Bauernnimmel!— Heut um 7 Uhr in der Früh ist der Truchsest sammt allen Fürsten, Grafen und Rittern mit vieler Pracht, mit dritthalb Tausend Reisigen und etlichem erlesenen Fustvolk durch das Rcnnweger Thor, das allein aufgesperrt wurde, eingezogen in Würzburg. Alle Bürger waren auf dem Markt aufgestellt, die der Landstädte auf dem Judenplatze, die Bauern auf dem Rennweg. Alle ohne Waffen. Herr Jörgen liest zuerst die Würzburger mit gar rauhen Worten an und standen vier Scharfrichter mit ihren breiten Schwertern ihm zu Händen. Ihrer fünf wurden sogleich gcricht't. Zuvor muhte der Jakob Äöhl seinen Kopf lassen, war von Ingolstadt in einem Weg bis Eivelstadt entritten', aber von seinen Mitbürgern dem Rath zu Würz- bürg ausgeantwortet worden, auf daß selbiger ihnen Guad' voni Truchsest schaffe. Und wurd' er itzo aus dem grauen Eckardsthurni herausgeholt, allwo er in der Ge- fängnust gelegen. Und von den Bürgern aus den Landstädten wurden neunzehn ausgehämmelt und mit dem Schwert ge- richtet. Nachher auf dem Rennweg von den Bauern sechs- unddreißig Hauptleute und Fähndriche, und die übrigen mustten mit weihen Stöcken in den Händen aus der Stadt ziehen. Der Bermeter, was der Buben gröstter und Hauptursacher war, ist aber bei Zeiten entwichen. Mich nimmt's Wunder, daß die 5000 Bürger und Bauern, so in der Stadt gelegen, den Truchsest geduldig erwarteten, als wie die Hümmel den Metzlcr, und war die Stadt doch noch zwei Tage vorher auf dem rechten Mainufcr nit eingeschlossen. so daß sie Hütten entweichen können. Ist die Meinung, dast der Rath, der mit dem Truchsest unterhandelte, den dummen Teufeln vorgespiegelt hat, dast auch sie in die Begnadigung begriffen seien, so der Truchsest der Stadt bewilligte. Waren sie solchergestalt die Zugift bei dem Handel, dast der Truchsest die Würzburger also lind beim Schopf nahm.— Lieber Wilm, ich thu Dir dieses alles zu wissen, auf dast Du daraus ersehen magst, dast mit dem Truchsest nit gut Kirschen essen ist. Er ist einer von denen, die selbst beim Wein nit fröhlichen Gemüths werden. Wir haben ihm und den Fürsten auf dem Schloß ein Mahl Herrichten lassen, wie er in Heidingsfeld ist eingerückt. Und ist dabei unmenschlich gesoffen worden, so daß selbige Nacht schier Keiner in seinem Bett schlief, sondern an dem Ort, wo er unter den Tisch gefallen war. Den Truchsest Hab ich aber nit einmal lachen hören.— Datum am Donnerstag Medardus, Anno domini 1525. Hans von Grumbach." Der Bruder desselben ließ das Blatt sinken und seine Augen begegneten den lauernd auf ihn gcridsteten seines Vertrauten. Eine Weile schwiegen beide. Thes sprach zuerst. Das Licht auf den Tisch setzend sagte er:„Der Brief ist deutlick). Ihr müsset es auf eine gelegenere Zeit sparen, dem Bischof den Fuß auf den Nacken zu setzen. Glücklicherweise ist noch nichts von Euch geschehen, das Euch den Rückweg verlegt..." „Und meine Bruderschaft mit den Bauern?" fragte Wilhelm von Grumbach mit sorgenvoll gekrauster Stirn. „Aber darum weist keiner außer dem Ritter von Gehers- berg und der wird Euch nicht verrathen, ist ja Euer Schwestermann," suchte Thes ihn zu beruhigen.„Ueberdem wird er gut thun, sich irgendwo anders in Sicherheit zu bringen, nachdem sein Unternehmen zu Wasser worden ist." „Ja, er muß sobald wie möglich von Rimpar fort," pflichtete der Junker ihm bei.„Aber wohin?— Das ist freilich nicht meine Sache." Er sprang auf und lief auf nackten Füßen und im blosten Hemd hin und her. Thes nahm seinen mit Pelz gefütterten Morgenrock und hielt ihm denselben ausgebreitet entgegen. „Aber," verfolgte sich Wilhelm, in die Aermel hineinfahrend, „wo fände er einen Versteck, so gefürchtet wie er ist, in dem er nicht aufgespürt und verrathen würde, Thes?" Er setzte sich wieder auf den Bettrand und ließ es in seinem Grübeln achtungslos geschehen, dast Thes ihm die Morgenschuhe über die nackten Fiiste stülpte.„Er schweigt, gewiß." murmelte er. „Aber— aber, wenn er gefangen wird, wenn er auf die Folter gespannt wird?" Er riß die Augen weit auf und starrte seinen Vertrauten an.„Ach, die Qualen derFolter, Thes!" „Sie haben freilich schon manchen zum Sprechen ge- bracht," bemerkte dieser leise. „Sie haben den Thomas Münzer gräulich gefoltert, be- vor sie ihn hinrichteten," äußerte Wilhelm von Grumbach be- klommen und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. „Mancher hat schon auf der Folter Verbrechen gestanden, die er nie begangen hat. Es ist furchtbar." Er stand aus und schlurfte in der Stube hin und her.„Nur das Grab ist stumm," murmelte er nach einer Weile, trat an eines der Fenster und schaute in die vom Mond durchdämmerte Nacht hinaus. Wieder nach einer Weile fragte er, ohne sich dabei umzusehen:„Was sagtest Du, Thes?" Dieser, an dem Tische stehend, auf dem das Licht brannte, hatte nickst den Mund aufgetyan. Jetzt antwortete er: „Nichts; aber der Junker hat recht, daß nur das Grab stumm ist." Wilhelm von Grumbach wandte sich vom Fenster, maß die Stube ein paar Male auf und ab und begann dann wieder, vor Thes stehen bleibend, indem eine dunkle Nöthe sein Gesicht überzog:„Er kann seinen Feinden nickst lange entgehen. Sie haben ja ihre Spione überall. Und der Schande denken zn müssen, die sein Tod als Verbrecher über uns alle bringt, nicht nur über sein Weib und Kind, sondern auch über uns, seine Schwäher, und das ganze Gcsckstecht der Grumbach's! Hölle und Teufel! Das darf nimmer ge- schehcn, Thes I" „Freilich nit, wenn's einer hindern kann," pflichtet ihm jener leis und gedehnt bei. „Du sollst für frei erklärt werden," zischte Wilhelm von Grumbach, ihm noch nähertretend.„Ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf. Und einen Hof will ich Dir schenken—" Beider Augen tauchten tief in einander und dann sagte Thes Lang:„Meiner Treu, ick) verlang' nix Besseres, als dem gnädigen Junker zu Dienst zu sein." „Er ist mein Fluch, der Florian," sagte Wilhelm von Grumbach mit einem tiefen Athemzng und deutete auf einen Sessel am Tisch, indem er selbst auf den gegenüberstehenden sich setzte.„Du erinnerst Dick) wohl noch, wie er vor einigen Jahren zuerst nad> Rimpar kam? Damals hat er es mir, mir und dem Hans in den Kopf gehämmert, dast der Adel sür den Franz von Sickingen zum Schwert greifen müßte, wenn wir nickst für alle Zeit Pfaffen- und Fürsten- knechte bleiben loollten. Ja, mein Fluch, denn ohne ihn hätte ich an solche Geschichten nimmer gedacht. Aber lasj' uns Raths pflogen." „Aufgeschoben ist nickst aufgehoben," meinte Matthäus Lang mit einem Grinsen seines breiten Gesichts. Und beide pflegten Raths, bis der junge Tag grau in die Stube hereinkroch. In dem Burggarten erwachten die Vögel. Ihr Gesang scheuchte den Schlaf von Florian Geyer's Lidern; aber er blieb noch eine Weile still liegen. Er hatte einen schönen Traum gehabt. Die Bauern hatten sich im ganzen Reiche wieder erhoben. Sie kämpften jedoch nicht mehr in jeder Landschaft für sich allein, sondern als ein einig und durch die Einigkeit gewaltig Heer. Und er führte es von Sieg zu Sieg wider die Bedränger der armen Leute. Eine letzte ge- waltige Schlacht entbrannte, und gebrochen war der Feinde Macht für alle Zeit. Das wilde Kriegsgeschrei wandelte sich in froher Lieder Schall und er wanderte mit seinem Weibe Hand in Hand durch blühende Fluren. Die Burgen auf den Höhen, die Klöster in den Thälern waren verschwunden, ent- gürtet die Städte ihrer Mauern. Ueberall regte sich heiter der Fleiß. Es gab keine Herren und Knechte mehr, sondern nur noch freie Menschen(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verkoken) HsrbMsvb u ng. Wenn sie eS auch noch gut meint, die Sonne, fo hat sie doch nicht mehr die frühere schöpferische Kraft, und dichter und dichter zieht sich der Nebelschleier vor ihr strahlendes Antlitz. Der Herbst ist da! Kühler wehen die Lüfte, verstummt sind die Vogellieder, und, eindrucksvoller noch als dieses, an Strauch und Baum tritt an stelle des Grüns der Hoffnung das fahle Gelb des Siechthums und das hektische Roth des baldigen Endes Die herbstliche Verfärbung der Blätter ist das äußere Zeichen für die im Innern des Pflanzenkörpers vor sich gehenden Umwand- lungen und Veränderungen Die ausdauernden Gewächse beginnen sich einzurichten für die heraufziehende kalte Jabreszeit mit ihren Un- bilden. Der Verfärbungsprozeß wird dadmu eingeleitet, daß die Blattgrünkörner, die dem Blatt die grüne Farbe verleihen und an deren Anwesenheit die Fähigkeit der Kohlensäureversetzung geknüpft ist. zerfallen, so daß nun die Stärkebildung in den Blättern stockt. Anfänglich tritt der Zerfall nur an einigen Stellen auf. und es bleiben noch hier und da grüne Inseln auf der B.attfläche erhalten, die noch weiter Kohlensäure zersetzen und Stärke bilden Aber all- mälig schreitet der Zerfall der Blattgrünkörner mehr und mehr fort und verbreitet sich endlich über das ganze Blatt. Von den Blattgrün- körnern bleiben zuletzt nur noch winzige gelbe Körnchen übrig Diese find es, durch welche die gelbe Färbung der Blätter hervorgerufen wird. Außer diesen gelben Körnchen entsteht aber noch ein rother Farbstoff, der sich in dem Saft der Blätter löst, dieselben durchtränkt und sie dadurch roth färbt Je nachdem die gelben Körnchen oder der rothc Farbstoff überwiegen, gestaltet sich der Farbenton des be- treffenden Blattes. Die Rothfärbung wird begünstigt durch eine kräftige Beleuchtung. Betrachtet man eine» Zweig, so wird man in der Regel finden, daß diejenigen Stellen der Blätter, welche vom Sonnenlicht getroffen werden, geröthet sind Andere begünstigende Momente für den Eintritt der Verfärbung sind niedere Temperaturen und Trockenheit. Nainentlich wenn die Temperaturniedrigkeil unvermittelt aufh.n, läßt sich ihr Einfluß deutlich beobachten Ueberall sind die Blätter noch frisch und grün; da sinkt das Thermometer plötzlich beträchtlich in der Nacht, und am nächsten ST orgen ist der Laubschmuck fahl. Große Trockenheit beschleunigt die Verfärbung außerordentlich, so daß sie zuweilen sehr frühzeitig auftreten kann. In den außer- gewöhnlich trockenen Sommern der Jahre 1834 und 1842 verfärbten sich die Bäume bereits im Juli und August Ebenso wirkt die Trockenheit des Standortes auf die Farbenveränderung ein. Auf dem Nordabhang der schwäbischen A.p zieht sich ihrer ganzen Länge nach ei» schmaler Laubwaldstreifen, der nur in einer flacheir Erdschicht ivurzelt, die durch Felsboden abgeschlossen wird Es steht demnach hier den Bäumen nur sehr wenig Feuchtigkeit zur Vcr- fiigung Infolge dessen legt dieser Waldstreifen regelmäßig das herbstliche Gewand einige Wochen früher an. als die darüber und darunter befindliche Waldregion. In der Hauptsache enolgt aber die Verfärbung aus inneren Ursachen Im Lmr'e der Jahrtau ende haben sich unsere Lmibhölzer den klimatischen Verhältnissen vollständig angepaßt und sich Eigen- schaften erivorbeu, die unabänderlich von Generation zu Geiierarion vererbt werden Zn ihnen gehört auch die Laubverfärbimg Der Farbenwechiel der Blätter würde daher auch dann eintreten, wenn die begünstigenden Ilmstände, wie Lichtmangel. Tempcraturabnahme und Trockenheit, nicht einwirken So verfärben denn auch in der Thal Bäume, wie Buchen und Eichen, die man aus Nordeuropa nach Madeira verpflanzt hat, ihre Blätter zu der Zeit, wo bei uns der Herbst anbricht, obgleich hier die klimatischen Verhältnisse dazu keinen Anlaß bieten Diese Beobachtung beweist schlagend die innere Gesetzmäßigkeit der ganzen Erscheinung Es wurde bereits erwähnt, daß je nach dem Mengenverhältniß der gelben Körnchen und des rothen Farbstoffes sich der Farbento» der Blätter bestimmt. Das ist die allgemeine Regel. Es gicbt aber Gewächse, die nur die gelben Körnchen erzeugen und deren Blätter sich darum nur gelb färben. Dies ist der Fall bei der Erle, Birke, Linde, Roßkastanie, der sogenannten Akazie, der Walnutz und dem Bergahor». Rothfärbung weisen namentlich auf die Berberitze. der Hartriegel, der Birnbauni, der Spitzahorn und verschiedene aus Amerika eingeführte Pflanzen, wie der Essigbaum, getvisse Eichen- arten»nd der ivilde Wein. Die Rothsärbung hat übrigens für die Pflanzen einen nicht un- wesentlichen Werth. Der rothe Farbstoff verschluckt kräftig Wärme- strahlen und führt daher den von ihm erfüllten Blattzellen und ihrer Umgebung Sonnenwärme zn. Bekanntlich wandert die in den Blättern gebildete Stärke aus nach anderen Theilen des Pflanzenkörpers, wo sie aufgespeichert wird, um später im Haushalt der Pflanzen nach Bedarf verwendet zu werden Die Auswanderung der Stärke wird nun unterstützt durch Erwärmung. Da diese, wie erwähnt, durch die Rothfärbung ge- fördert wird, so geht auch in den rothgefärbten Blättern die Aus- Wanderung der Stärke schneller vor sich, worin für die betreffenden Pflanzen bei der allgemeinen niedrigen Temperatur der Herbsttage ein nicht geringer Nutzen liegt. Als Speicherräume für die aus- wandernde Stärke dienen alle jene Knollen-, Zwiebel- und Wurzel- stöcke, die wir in unserer Küche verwenden, wie die Kartoffeln, die Speisezwiebeln und die Mohrrüben. Bleiben diese unterirdischen Organe in der Erde, so wandert im nächsten Frühjahr, wenn neue Laübsprossen hervortrciben, die Stärke ivieder aus und wird zum Aufbau der neu entstehenden Pflanzentheile verwerthct. Bei den Bäumen bewegt sich die aus den Blättern auswandernde Stärke in der Rinde fort. Sie wird in l n Wurzeln, gewissen Theilen des HolzkörperS und in der Rinde selbst abgelagert. Unter- sucht man im Herbst, nachdem die Wachsthnmthätigteit erloschen ist, einen Rüsternzweig, so findet man die Rindenzellen dicht mit Stärke erfüllt, die den Ucberschuß der von den Blättern erzeugten, sommer- lichen Bedarfsmenge darstellt. Bis gegen Anfang November bleibt die Stärke hier unverändert liegen. Dann aber erfährt sie eine Um- Wandlung, die bei den einzelnen Baumartcn eine verschiedene Form annimmt Bei den hartholzigenLaubbäumen wird die abgelagerte Stärke der Rinde in Zucker aufgelöst. Dies ist beispielsweise der Fall bei den Eichen, den Platanen, den Ahornarteii und den Eschen. Dagegen wird bei den weichholzigen Bäumen, wie der Linde und der Birke, die Stärke in Oel umgesetzt. Man kann daher nach dieser Richtung hin Zuckerböume und Oelbäumc unterscheiden. Der Vortheil, welchen die Umwandlung der Stärke in Zucker und Oel den Bäumen bringt, liegt in einer Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegen die Winter- liche Kälte. Der vermehrte Zuckergehalt des Zelliafies der Rinde erschwert die Bildung von Eis e.niso, wie ölhaltiges Wasser tief unter dem Nullpunkt des Thermometers abgekühlt werden kann, ohne zu erstarren. Bringt man einen Zweig eines Baumes im Januar oder Februar in ein erwärmtes Zimmer, so erfolgt eine Rückivandlung des Zuckers oder Oeles in Stärke, und zwar um so schneller, je höher die Temperarur ist. Bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius tritt die Stärke bereits nach zwei Stunden auf. Wie hier durch das Experiment, so vollzieht sich die RückWandlung der ge- nannten Schutzstoffe in der freien Natur im Frühling, wenn die Sonne kräftiger zu wirken beginnt. Schon Homer hat die Blätter des Waldes mit den Geschlechtern der Menschen verglichen. Sie kommen und sie gehen. Und auch darin stimnie» beide überein, daß, wie iin Greiscnaltcr des Menschen noch einmal kurz vor dem Ende scheinbar die Kräfte von neuem sich steigern, auch im Leben der Blätter äußerlich ein bestechender Wechsel erfolgt, bevor sie fallen und vergehen.— Theo Seelmann. Nloinrs Ifrttillrktcm- ce Neue Getreidearten. Die Erfolge der englischen Vieh» zucht sind aller Well bekannt Jederniann weiß, daß die englischen Hornviehartcn die fleisck,- oder milchreichsten sind, daß die englischen Schafe berühmt sind wegen ihres hohen Schlachtwerthcs und ihrer feinen schweren Vließe. Es ist deshalb in allen Viehzucht treibenden Ländern stets große Nachfrage nach englischen Zuchtthieren zur Verbesjeruug der Rassen. Diese Vortrefflichkeit der englischen Zucht- f iere ist die Frucht jahrhundertelanger Sorgfalt in der Auswahl und häufiger Kreuzungen zwischen verschiedenen Arten, durch welche nach Nöglichkeil die guten Eigenschaften mehrerer Rasjen in dem Zuchtprodukt vereinigt wurden. Aehnliche Erfolge hat man auch im Obstbau und in der Gemllsegürtnerci aufzuweisen. Man möchte sich fast tveigern, in dem Holzapfel den Stammvater der herrlich difftenden Pippins, in der Schlehe die Urahne der fleisch- und saftrcichen Pflaumen zu sehe» Es sind durch zweckmäßige Kreuzungen ganz neue Fruchrarten entstanden, die mit ihren Stamm- eltern kauni noch etwas gemein zu haben scheinen. Dagegen hat man sich in der Geircidekultur zumeist darauf beschränkt, die be- kannten Arten zu verbessern durch Auswahl der kräftigsten Nehren und Körner zur Aussaat Man hat dadurch die Getreide- Arten schon ganz bedeutend veredelt, die auf diesem Ge- biete erzielten Erfolge blieben jedoch hinter jenen, welche die Viehzucht und der Gartenbau aufzuweisen hat, zurück. Nun ist aber auch für den Getreidebau die Zeit neuer unvergleichlich wcrtbvollerer Arten gekommen. Zwei Brüder in Lancashire(Englands, die sich die Schaffung neuer Getreide- und FuuergraSarten zur Lebensaufgabe machten, sollen nach 18jährigcc schwerer und finanziell ertragloser Arbeit Erfolge erzielt haben, ivelche versprechen, den ganzen Getreidebau zu„revolutionircn". Die Brüder John und Robert Garton«vollen durch diese Arbeit eine Weizenart erzielt haben, deren Körner im Durchschnitt um 60 pCt. schwerer wiegen als die Körner der gewöhnlich angebauten Weizen- arten i sie schufen eine Hafcrart, die um 30— 40pCt. höheren Ertrag verspricht als die bekannten besten Haferjorten, und gleichen Erfolg sollen sie in bezug auf Gerste und Futtergräscr erzielt haben. Um zu diesem Erfolge zu gelangen, haben sie die ganze Erde nach Samen der verschiedenen Getreideartcn abgesucht. Sie haben auf diese Weise nahezu 3S0 verschiedene Weizenarten ausgetrieben, und zwar fanden sie 36 in England, 25 in Deutschland, 26 in Frankreich, 4 in Rußland, 15 in Ungarn, 104 in Griechenland, 65 in Italien, 60 in Indien, 12 in Australien, 2 in Japan und 45 in Amerika. An die hundert Arten Hafer und 70 Gerstenarten vervollständigten die Ausbeute, welche so ziemlich jede Abart einschloß. Alle diese Arten werden gesäet und sorgfältig aufgezogen und mehrere Jahre hindurch ivurden ihre charakteristischen Eigenschaften aufnotirt; dann ging man an die Kreuzungen, welche nach und nach zu den oben angedeuteten Erfolgen führten.— Literarisches. — Theodor Fontane, der getreue Eckart der jungen deutschen Dichter- und Schriftstcllcrgeneration, ist am Dienstag Abend g e st o r b e n. Wir bringen morgen eine eingehende Würdigung des Dahingegangenen.— Erziehung und Unterricht. — Volksthü in liche Universitätskurse in Wien. In den drei Jahren seit Bestehen dieser volksthümlichen Unterrichts- iurse wurden 186 regelmäßige Kurse von 23 6(10 Personen besucht. Die Kurse über Geschichte wurden von 21-23, die über Literatur-, Sprach- und Kunstgeschichte von 2836, die über juristische Fächer von 845, Geographie und Volkskunde von 364, Naturwissenschaften von 4347, theoretische Medizin von 2666, mathematische und technische Fächer von 1514 und Philosophie von 583 Hörern besucht. Wie aus diesen Ziffern ersichtlich, wurden die naturwissenschaftlichen Gruppen doppelt so stark besucht, wie die humanistischen. Was das Verhälwiß der Geschlechter anbelangt, so beträgt der Antheil der Frauen an den volksthümlichen Universitätskursen 28,3 pCt. Am meisten bevorzugt von ihnen werden die Kurse über Literatur und Kunstgeschichte, Krankenpflege und Kinderkrankheiten. Sehr inter- essant sind auch die Daten über das Alter, das von 14 433 Hörern angegeben wurde. Von diesen standen im Alter von 15— 26 Jahren 2346, von 21— 36 Jahren 5949. von 31—46 Jahren 3689, von 41— 66 Jahren 2274 und von über 66 Jahren 131. Die über- wiegende Mehrzahl der Hörer lieferte die proletarische Klasse, die wenigsten Theilnehmer der Gewerbestand. Von den Arbeitern sind die Buchdrucker mit 12,7 pCt., die Metallarbeiter, Professiouisten und Handarbeiterinnen mit 6,2 pCt., die Tagelöhner und Fabrikarbeiter mit 9 pCt. und die Bauarbeiter mit 16,8 pCt. vertreten.— Kulturgeschichtliches. ie. Unfall st atione n im 15. Jahrhundert. Die Unfallstationen und Genossenschaften freiwilliger Krankenpflege sind nicht erst eine Errungenschaft des modernen Zeitalters. Ein Mit- arbciter des Pariser„Progrss Medical" macht darauf aufmerksam, daß es bereits im 15. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Toskana die sogenannten Brüderschaften des Mitleids gab, bürgerliche Ver- einigungen. die nicht den Charakter eines Mönchsordens trugen. Diese Genossenschaften standen unter der Verwaltung eines Nathes, der theils aus Geistlichen, theils aus Laien bestand. Eine Glocke be- nachrichtigtc durch ihre Schläge die Brüder des Mitleids, wenn ein Unglücksfall ihre Anwesenheit erforderte. Von den Mitgliedern dieser Brüderschaften wurde eine Art von Examen verlangt, in dem sie gewisse Kenntnisse zu einer ersten Hilfeleistung für Kranke und Verunglückte nachweisen mußten. Jede Brüderschaft besaß eine voll- ständige Ausrüstung zum Krankentransport, auch Leichenwagen, da die Brüder des Mitleids ihre Kranken erst nach der Genesung oder am Rande des Grabes zu verlassen pflegten. Sie trugen ein eigen- artiges Gewand, bestehend aus einem schwarzen Domino, einem Hute und einer Maske, die sie vor der Erkennung bei der Verrichtung ihrer Pflichten schützte.— Aus dem Thierleben. — Aus Texas wird der„Köln. Volksztg."' geschrieben: Der graujäckige Straßenjunge unter den Vögeln, der Spatz, welcher hier erst aus Europa eingeführt wurde und sich dann so schnell ver- mehrte, daß er jetzt bitter verfolgt wird, kommt in unserem Baum- woll-Lande wieder zu Ehren. Er hat nämlich eine besondere Vor- liebe für die B a u m w o l l- R a u p e, unserem größten Landschaden, gefunden. Seitdem man das erkennt, genießt er hier fast die Ehren eines heiligen Vogels, während er in den übrigen Theilen der Union verachtet und rücksichtslos ausgerottet wird.— Astronomisches. — Der neue Komet. Man schreibt der„Franks. Ztg.": Es liegt jetzt die erste Berechnung der Bahn des Kometen Perrine vor, die von Berberich in Berlin ausgeführt ist. Danach ist er der Kometengruppe mit geringem Sonneiiabstande in der Sonnennähe zuzurechnen, die für gewöhnlich auf diesem Theile ihrer Bahn Pracht- volle Schlveife zu entivickeln Pflegen. Die Bahn liegt leider so, daß der Hauptthcil der Sichtbarkeit des Kometen auf die Süd-Halbkugel zu entfallen scheint. Immerhin ist der Komet jetzt schon im Fernrohr eine schöne Erscheinung, einen sternartigen Kern mit einer Nebelhülle zeigend, die eine Bogenminute im Durchmesser mißt. Einen Schweif zeigt er noch nicht. Seine Helligkeit nimmt, da er silh der Sonne und Erde gleichzeitig nähert, stark zu und wird Ende September schon die dreifache der Entdeckung sein. Es ist zu erwarten, daß er bald nach Anfang Oktober am Morgenhimmel dem unbewaffneten Auge sichtbar werden, dann rapid unter Entwickelung eines Schweifes an Helligkeit zunehmen wird und in solche Nähe der Sonne rückt, hinter der er von uns aus gesehen, durchgeht, daß er von dieser überstrahlt wird. Der Komet geht jetzt um 2 Uhr auf und durch- zieht das Sternbild des kleinen Lötven in der Richtung auf den Stern F im großen Löwen, bei dem er am 23. d. M. ein klein wenig nach Südosten steht. Dort ist er für kleine Fernrohre jetzt schon zu sehen.— Technisches. — Seit Freitag besitzt Paris seinen vierten artesischen Brunnen, auf' dem südlichen Rand des Molsffe-Bcckcns, in welchem die Hauptstadt liegt. Die Stelle heißt Luits aux cailles(Wachtelberg) und liegt im 13. Bezirk. Der Brunnen wurde 4863 in Angriff genommen, aber 1865 wegen einiger Unfälle liegen gelassen. Erst 1892 wurden auf Betreiben der Presse die Arbeiten wieder aufgenommen, die nun zum Ziel geführt haben. Bei 571.56 Metern wurde die Wasser führende Jura-Schicht erreicht. Da? Wasser hat 28 Grad Wärme, im Winter werden es jedenfalls nicht unter 26 Grad sein. Man berechnet, daß, nachdem Sand und andere Hindernisse ausgeworfen sein werden, der neue Brunnen sechs Millionen Liter Wasser in 24 Stunden liefern wird. Dieses hat die für Bäder erforderliche Wärme. Deshalb sollen große unentgeltliche oder doch ganz billige Vollsbäder eingerichtet werden, ebenso auch Waschanstalten. Aber hierdurch wird nur der kleinere Theil des Wassers verbraucht werden, das meiste verbleibt für Gewerbebetrieb und als Trinkwasser, nachdem es in einigen Becken abgekühlt worden ist. Sollte indessen die Wassermengc der älteren artesischen Brunnen in den Außcuvierteln Grenelle, Passy und La Chapelle— sich verringern, so will der Ingenieur Arcault 56 bis 66 Meter weiter bohren, um eine tiefere Wasscrfchicht zu erreichen, die durch keine der bisherigen Bohrungen angezapft worden ist. Die Geologen haben das Vorhandensein dieser Schicht nachgewiesen und bisher bei all ihren Voraussagen Recht behalten. Durch diese Vertiefting des Bohrloches würde der neue Brunnen zehn Millionen Liter Wasser täglich liefern. Freilich ist man dann immer noch weit von dem durch den Gelehrten Berthelot gesteckten Ziel entfernt, aus 3666 Metern Tiefe Wasser zu holen, das 166 Grad Wärme hat und sofort zum Kochen und allen möglichen gewerblichen Zwecken, zur Heizung der Wohnungen u. f. w. verwendet werden kann. Hier- durch würde also die Wärme des Erdinnern oder doch der tieferen Erdrinde in Gebrauch genommen und nutzbar gemacht. Das muß noch kommen, sagt Herr Berthelot, denn in Schlesien(Paruschowitz) ist ein Bohrloch 2606 Meter tief getrieben. Vorläufig ist der neue Brunnen eine große Wohlthat ftir das Viertel, wo er sich be- findet. Dessen Bewohner erhalten warme Bäder, kaltes und warmes Wasser umsonst oder für geringes Geld. Im Viertel La Cbapelle liefert der vor einigen Jahren erbohrte Brunnen Schwefel und andere Stoffe enthaltendes warmes Wasser, das sich zu Bädern und zu gewerblichen Zwecken und zur Straßenreiniguug verwenden läßt.— („Voss. Ztg.") Humoristisches. — Erste Sorge. D i e n st m ä d ch e n:„Herr Professor, ich soll melden, der Storch ist soeben eingekehrt!" Professor:„Um Gotteswillcn, verstecken Sie schnell das Glas mit dem Laubfrosch, sonst ist mir mein Wetterprophet verloren!"— — Gefaßt. Pastor:„Nun, liebe Frau, gebieten Sie Ihren Zähren, suchen Sie Trost in pietätvoller Erinnerung und tragen Sie Ihren herben Verlust mit Ruhe und Ergebung." Die trauernde Wittlve:„Machen wer!"— — E i n„Ausstattungs-Stück". Schmieren- Di- r e k t o r(während der Pause' vor die Ranipe tretend):„Meine Herrschaften, im nächsten Akt wird der Andreas Hofcr erschossen, aber mit verbundenen Augen. Darf ich vielleicht um ein reines Schnupf- tuch bitten?"—(„Lust. Bl.") Vermischtes vom Tage. —„A u f verbotenen Wegen." Unter diesem Titel wird im Oktober bei B r o ck h a u s in Leipzig ein reichillustrirtes Buch erscheinen, in dein der Forschmigsrcisende L a n d o r seine Reisen in Tibet schildern wird.— Wir haben vor Jahresfrist von den Abenteuern des jungen Engländers, der in Tibet von fanalischen Priestern gefoltert worden, Notiz genommen.— — Die Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Düsseldorf wählte München als Ort für die nächstjährige Versammlung. Geheimer Admiralitätsrath Professor Dr. Neumayer-Hamburg wurde zum ersten Vorsitzenden gewählt. Es wurde beschlossen, eine permanente Kommission zur Erforschung und Bekämpfung der Tuberkulose zu wählen.— — In Dort m u n d hat ein entlassener Gefaugenwärter seinen zweijährigen Knaben getödtct.— — In Bitterfeld hatten zwei Knaben an einer Hofmaucr einen Strick befestigt, um sich eine Schaukel zu machen. Auf einmal stürzte die einen halben Stein starke Mauer ein und erschlug die beiden Kinder.— — Auf der Bahnstrecke L e i p z i g- M e u s e l w i tz tvnrden S t r e ck e n a r b e i t c r v o n e i n e m Z u g e erfaßt. Einer tvar sofort todt, ein zweiter starb beim Transport ins Krankenhaus, ein dritter erlitt Verletzungen an den Beinen.— — Der Ort Mihalyhaza illiigarn) ist gänzlich ab- gebrannt. Sechs Männer und 24 Kinder kamen in den Flammen um.— c. e. Das erste Haus aus Papier in Rußland wurde dieser Tage auf einem Gute in S z a r i n o w k a in Podolien bezogen'. Das Haus ist in Newyork gebaut, hat 16 Zimmer und lostet 36 666 Rubel. Das ganze Meublement besteht gleichfalls aus Papier.— Vom nächsten Jahre an muß auf Madagaskar jeder Mann, der das 25. Jahr zurückgelegt hat, ohne nachweisen zu tömic». daß er der Bater eines legitimen oder illegitimen Kindes ist, eine Steuer von jährlich 26 M. zahlen. Jedes weibliche Wesen, das mehr als 26 Lenze zählt und weder als verheiralhete Frau noch als ledige Person einem Kinde das Leben geschenkt hat, mutz die Hälfte der obigen Summe zahlen.— Verantwortlicher Redakteur: Hugo Poetzsch in Berlin. Druck und Verlag von N!ax Bading in Berlin.