HwterhaltimgMatt des vorwärts Nr. 187. Freitag, den 23 September. 1898 (Nachdruck verboten.) 831 Vm die �eeiheii. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525 Von Robert Schweichel. Er war nicht abergläubisch; dennoch dünkte ihn der Traum ein gutes Anzeichen. Es kam dazu, daß die Würz- burger sich allem Anscheine nach tapfer hielten, sonst hätten sie seinen Rath ja befolgt, und er schöpfte daraus die Hoffnung, daß sie sich behaupten würden, bis der lange Lienhart mit dem Entsatz erschien. Das dürfte jeden Augen- blick sich ereignen. So schied er denn nach dem Frühmahl in gehobener Stimmung von den Seinigen, um auch noch die nördlichst an der Wern gelegenen Walddörfer zu organisiren. Ueberall hatte er die Bauern zum Kampf entschlossen ge- funden. Frau Barbara trat mit dem Kinde auf dem Arme auf den Balkon und sah ihm nach, bis ihn der Wald auf- nahm, dessen höchstes laubumlocktes Haupt sonnig aus dem Blättermeer sich erhob. Seine ungewöhnlich heitere Stimmung hatte auch ihr sich mitgetheilt und die Nachwirkung eines bösen Traunies zerstreut, aus dem sie sein Morgen- kuß geweckt hatte. Sie hatte geträumt, daß er und sie mit dem Kinde von Feinden umstellt waren, so daß ein Entrinnen unmöglich war; da hatte er sein Schwert gezogen, um erst sie, dann den Kleinen und zuletzt sich selbst zu erstechen. Schon hatte sie die funkelnde Schwertspitze auf ihr Herz gerichtet gesehen, da war sie von seinem Kusse erwacht. Sie hatte ihm den Traum nicht erzählt. Etwa eine Stunde später kam ihr Bruder zu ihr auf die Stube und fragte nach Florian. Tlls er hörte, daß derselbe in den Gramschatzer Wald gegangen sei, machte er:„Hm l Hm l Er hätte nicht gehen sollen— wenigstens nicht alleinl" „Warum denn nicht?" fragte seine Schwester verwundert. „Weil mir zu Ohren gekommen ist, daß seit gestern Nach- mittag allerlei Gesindel in der Gegend ausgetaucht ist, auch im Dorf Rimpar. Nun, Dein Mann ist ja immer gut bewaffnet." Daniit entfernte er sich wieder, die Schwester in Un- ruhe zurücklassend. Nach kurzem Besinnen ließ sie durch die Wärterin Wendel zu sich bescheiden. Sie wollte ihn ihrem Gatten zu dessen Schutz nachschicken. „Wendel," redete sie ihn an, sobald er kam,„hast Du auch davon gehört, daß sich im Dorf und der Umgegend seit gestern allerlei Gesindel hat blicken lassen?" Er schüttelte seinen ergrauten Kopf.„Von Gesindel ist mir nichts bekannt, Herrin. Ich war just im Dorf. Es ist in dieser Nacht der Reitersbub von dem Ritter Hans von Grumbach dagewesen und zwischen Tag und Thau wieder fortgeritten. Ter soll erzählt haben, daß Würzburg über ist." Frau Barbara schrie erschreckt ans.„Seit gestern Morgen. Ja, hat der Junker Wilhelm der gnädigen Frau denn davon nichts erzählt? Weil ich wußte, daß auch aus dem Dorfe etliche sind in Würzburg gewesen, so Hab' ich dort erfragen wollen, ob's auch wirklich an dem ist." „Und es ist wirklich wahr?" fragte Frau Barbara in der schrecklichsten Erwartung. „Leider ja, Ew. Gnaden," bestätigte Wendel mit einem traurigen Kopfnicken.„Und es ist über alle Maßen grausig gewesen. Wer nit den Aufruhr mit dem Tod hat büßen müssen, solche sind aus der Stadt gewiesen worden. Weiße Stäbe haben sie halten müssen. Das hat ein Zeichen des Friedens sein sollen. Vor der Stadt ist aber da» Fußvolk raubgierig und blutdürstig über sie gefallen, hat ihnen ihre Hab und die Kleider vom Leib gerissen und sie mißhandelt, so daß ihrer nit viel init dem Leben davon gekommen sind. Dies haben sie mir in Rimpar erzählt, waren auch gar übel zugerichtet worden." Frau Barbara hatte für seinen weiteren Bericht kein Ohr gehabt. Daß Würzburg in der Gewalt des Truchseß war, bohrte und wühlte in ihrem Herzen. Sie begriff nicht, warum ihr Bruder ihr davon nichts gesagt hatte. Hatte er sie schonen wollen? Zartgefühl gehörte jedoch nicht zu seinen Eigenschaften, wie sie ihn kannte. Aber Florian mußte es ungesäumt erfahren, damit er seine Zeit nicht unnütz verlor. Sie bat Wendel, ihm nachzugehen, um ihn von der Einnahme Würzburgs zu benachrichtigen. Er würde ihn in den Dörfern an der Wern finden, und sie be- schrieb ihm den Weg durch den Gramschatzer Wald so gut sie vermochte. Er möchte sich ein Pferd geben lassen; vielleicht holte er ihn noch vorher ein. An die Gefahr, auf die ihr Bruder gedeutet hatte, glaubte sie nicht niehr. Wendel versprach ihr zu eilen. Sie ging auf den Balkon, um ihn fortreiten zu sehen. Es dünkte ihre Ungeduld eine Ewigkeit, bis sie ihn die Burg verlassen und den Weg nach dem Walde einschlagen sah. Und wenn Florian nun erfuhr, daß alles verloren war, daß er umsonst ge- kämpft, umsonst das Lebensglück der Seinigen geopfert hatte! Sie preßte die Hände gegen ihre Schläfen, in denen das Blut dumpf pochte, auf das Herz, das ihr zu zerspringen drohte. Ruhe- und rastlos ging sie in der Stube auf und ab. und schaute wieder und wieder durch die Fenster und vom Balkon, ob er noch nicht käme. Und wenn er nun wiederkam, welch ein Wiedersehen, nachdem er in der Frühe so ahnungslos, so heiter, zuversichtlich von ihr Abschied genommen hatte! Die Wärterin brachte ihr das Kind, das nach der Mutter verlangte. Sie nahm es, aber sie vermochte nicht wie sonst es zu hätscheln, mit ihm zu tändeln und zu kosen. Es begann zu weinen und sie konnte es nicht mit ihrer Zärtlichkeit still machen wie sonst. Sie gab es der Wärterin zurück und hieß sie mit ihm in den Garten gehen. Ihre Gedanken aber knüpften an das Kind an, was sollte jetzt aus seinem Vater, was aus ihnen werden? Sie versuchte es sich vorzustellen; es gelang nicht. Es war alles dunkel und verworren außer ihr, in ihr, und sie saß und starrte auf einen Fleck. Und Florian kam nicht! Stunden verrannen auf solche Weise. Barbara wußte nicht, wie viele. Ein dumpfes Gewirr von Stimmen schlug an ihr Ohr. Sie hob lauschend den Kopf und eilte auf den Balkon. Aber sie sah nichts weiterals einen Haufen Menschen, der in das innere Burgthor drängte. Als sie in die Stube zurück- trat, vernahm sie, wie in der Burg Thüren geräuschvoll zugeschlagen wurden, und ein Laufen auf den Gängen und Stiegen. Sie öffnete ihre Stubenthür und jetzt stieg von unten dasselbe Stimmengewirr herauf, das sie vorher ge- hört hatte. Wie ein Pfeil flog sie die Wendeltreppe hinunter. Die große Halle im Erdgeschoß war voll Menschen. Bauern, männliches und weibliches Burggesinde. Das Murmeln und Summen verstummte bei Barbara's Erscheinen. Man wich scheu bei Seite und sie erblickte auf einer Trage ausgestreckt, wachsbleichen Angesichts ihren Gatten. Mit einem mark- erschütternden Schrei warf sie sich über ihn. Er war todt. Er war meuchlings erschossen, die Kugel des Mörders war ihm durch den Rücken in das Herz gedrungen. Ein Waldvogt hatte ihn auf seiner Streife am Fuße jenes Berges gesunden, den die Sonne am Morgen zuerst be- grüßt und dem sie am Abend ihren letzten Kuß zuhaucht. Die Leiche hatte zum theil in einem Sumpf gelegen, Blut- spuren verriethen, daß sie von der Mordstelle dorthin geschleppt worden, der Meuchelmörder aber, aus Furcht selbst zu ver- sinken, den Tobten dann hingeworfen hatte. Darauf deuteten die tiefeingedrückten Fußspuren am Rande des Sumpfes. Weitere Spuren von dem Thäter waren nicht aufzufinden gewesen. So berichtete der Waldvogt dem Junker Wilhelm. Seine Schwester erfuhr alles erst später. „Man muß genauer nachforschen, ich werde selbst hin- kommen," sagte Wilhelm von Grumbach laut.„Kein Zweifel, der Thäter ist unter dem Gesindel zu suchen, das seit gestern in der Gegend umherstrolcht." „Mit Verlaub, gnädiger Herr," widersprach Wendel, „das kann nit sein, ansonst würd' die Leich' ausgeraubt sein. Das hat ein böser Bub' gethan." Er hatte sich auf seinem Hinritte im Walde verirrt, und der Unterförster, auf den er gestoßen, ihn auf den rechten Weg führen wollen, so waren sie beide an die Unglücksstelle gekommen. Wilhelm von Grumbach begnügte sich, stumm mit den Schultern zu zucken und trat dann zu seiner Schwester, die bei Wendel's letzten Worten den Kopf erhoben hatte und sich verstört umschaute. Der Junker zuckte unwillkürlich bei diesem Blick aus ihren trockenen, heißen Augen.„Gott wird den Mord nicht ungerochen lassen," sagte er.„Fasse Dich, arme Schwester; überlasse mir die Sorge für den Tobten!" Und da fic fortfuhr, ihn anzustarren, setzte er leise hinzu:„Bedenke, dast dieser beklageuswerthc Tod ihn vor dem schimpflicheren durch den Henker und Dich und uns alle vor der Schande bewahrt." Da schrie sie wie wahnsinnig auf:„Ein böser Bub' hat's gcthan. Hast Du s gehört?" und ihr 5lopf fiel schtver auf die Brust des geliebten Todten. Der Schrei ward von keinem wieder vergessen, der ihn hörte, und die Worte trugen den Keim eines Verdachts in sich, der wuch-Z und wuchs und den Namen Wilhelm v. Grumbach's brandmarkte. Der Berg im Gramschatzer Walde aber, an dessen Fuß die Leiche des reinsten und edelsten Freiheits- Helden jener Tage gefunden wurde, erhielt von dem Volke, für das er kämpfte und starb, den Namen der Geyersberg. Zehntes Kapitel. Es war am Morgen des 28. Juni, als der Wächter von dem Rathhausthurm den Schreckensruf erschallen ließ:„Sie kommen!" Jni Nu waren die Gassen von Rothenburg wie ausgestorben, alle Krambuden, Läden und Hausthürcn ge- schlössen. Denn derjenige, welcher kam, war der Markgraf Kasimir von Brandenburg. Der Truchseß war mit seiner Macht zum Rhein abberufen, wo die Revolution frisch auf- loderte, nachdem er im Bisthum Würzburg schrecklich mit Schwert und Feuer gehaust hatte. Der Markgraf und der Erbmarschall Joachim von Pappenheim waren von ihm be- auftragr worden, an seiner Statt das Strafgericht an Rothen- bürg zu vollziehen. Da hatte selbst den Herren vom Inneren Rothe das Herz gebebt, und sie hatten eiligst Konrad Eberhard, Hieronymus Hassel und noch einige von den Geschlechtern dem Markgrafen ent- gegeugcschickt, der von Bamberg heranzog, wo er. wie auch in den eigenen Landen, gleich dem Truchseß gewüthet hatte. Dem Bischof von Bamberg war damit nicht genügt und der Kirchenfürst fuhr noch fort, aus eigene Faust mit dem Henker Umzug im Visthum zu halten. Der Markgraf hatte die Abgesandten nicht empfangen, sondern seinen Marsch auf Rothenburg fortgesetzt und sie erst nach mehreren Tagen in Burg-Bernheim be- schieden, daß er mit seinem gesammten Kricgsvolk sein Lager in Rothenburg nehmen und den Einzug sich erzivingen werde, wenn man ihm denselben verweigere. Sein Geheim- schrciber Anton Graber hatte sie geflissentlich die Vollmacht des Truchseß lesen lassen, welche den Markgrafen und Joachim von Pappenheini beauftragte, das Gebiet Rothenburgs„mit der That zu beschädigen, mit Todtschlag, namentlich Brand und Plündcrschatzung. dazu in all andre Weg sie nach Ge- lcgepheit der Sachen und eines jeden Verschuldung zu strafen". Dennoch fehlte es in Rothenburg nicht ganz an solchen, die dem Markgrafen als Netter entgegenharrten. Frau Margarethe von Wenzingen und die Ihrigen er- hofften von ihm die Befreiung des Gatten und Vaters. Max Eberhard war, sobald er dessen Gefangennahme erfahren, zu den Angebörigen des Ritters geeilt, um sie mit Rath und That zu unterstützen. Else sank ihm von Thränen erschöpft an die Brust, die Mutter war wunderbar gefaßt. Die Wetterivolke, die drohend über ihrem Haupt gehangen, seitdem sie mit ihrem Gatten wieder vereinigt war, hatte den Blitz entbunden, furchtbar war er niedergefahren, aber er hatte allem ungewissen Bangen ein Ende gemacht. Ihr blondes Haar war unter der Folterqual durch unbestimmte Schreckensbilder völlig ergraut. Jetzt kannte sie das Schreckliche, das ihrcni Gatten bevorstand, und sie raffte sich zur That auf.„Seine Feinde wollen ihn tödten, und sie sind seine Ankläger und Richter zugleich, da kann nur ein Mächtigerer helfen I" So sprach sie in thränenlos bitterem Schmerz zu Max und er mußte ihr beipflichten. Denn hätte er es nicht bereits aus der Geschichte gewußt, so lehrte es ihn die Gegenwart, daß es im Bürgerkriege keine Gerechtigkeit giebt, sondern nur der Wahrspruch gilt:„Wehe den Besiegten!" sFortsetzung folgt.) Tlzeodov Fonksnv. Eine Frohnatnr ist mit Theodor Fontane dahingegangen. Eine Frohnatur nicht etwa im Sinne deutscher, genügsamer Stillvergnüg- lichkeit, obwohl die dem dahingeschiedenen Dichter nicht fremd war. Fontane's Wesen wehrte gewiß auch melancholische Reize nicht ab und begriff leidenschaftliche Tumulte. Aber zum Schluß drang eine Art von tapferer Heiterkeit durch. Sie erinnert an das, was man unter gallischer Freude, unter gallisch-unverwüstlicher Lebenslust ver- steht, mit der es freilich gegenwärtig übel bestellt ist. Vielleicht ist sie ein Erbtheil bei Fontane, der von sianzösischen Rsfugiäs abstammt. Auf dem Neu-Ruppincr Boden selbst, wo der Dichter l819 geboren wurde, findet sie sich nicht allzu häufig vor. Diese Form der inneren, zuversichtlichen Heiterkeit war es, die es erst möglich machte, daß Fontane, der„Alte" der jungen, an- fangs revolsirenden Literatur ein freundlicher Begleiter wurde. Ein Mahner, ein Rathgeber, ein Bahnweiser wollte Fontane nicht sein. Auch dazu fehlte ihm der Sinn für Feierlichkeit, der allem lehrhaften Thun gerne beigemengt wird. Aber es wohnte keine Alters- Verbitterung in ihm. In nichts erinnerte er an Jbsen's Baumeister Solneß, den die Furcht vor der nachdrängenden Jugend plagt. Er polterte nicht hinter den Neuen her, noch war er bemüht, es ihnen an Schneid gleich zu thun und sich als Stürmer zu gebcrden. Dazu war in ihm das Maßhalten in allen Dingen und die wirklich französische Furcht, lächerlich zu werden, zu sehr lebendig. Der Werdende wird immer dankbar sein, heißt es bei Goethe, und das werdende Geschlecht sah eben mit liebevollem Dank zum alten Foirtane empor, der ihm als Ausnahme erscheinen mußte,— innütten all' der Verachtung, all' der Angriffe, denen vor einem Jahrzehnt die literarische Jugend ausgesetzt war? So vergaß man denn, daß Fontane's ganze Geistesrichtung von anderen Ideen aus- gegangen war, als denen, die die Gegenlvart zum größten Theil bewegen; man freute sich am milden, reifen Realismus seiner Alter'swerke, an der schlichten, klar anschaulichen Wahrheits- schildcruug; und Wahrheit war ja damals der allgemeine Schrei der Sehnsucht. Es wurde dann der Siebzigjährige als Freund und Genosse gleichsam gefeiert. Es war das letzte wirkliche Schriftstellerfcst in Berlin und hatte mit den üblichen Gratulations- Jubiläen wenig gemein. Von der mitfeiernden Jugend fiel ein Glanz auf das Fest. Wenn die Alten noch jung zu werden vermögen, hieß es, was kann unS die Welt anhaben? Und das Merkwürdige geschah, daß ein Stück von dein hoffnungsscligcn Enthusiasmus jener Tage auf einen preußischen Minister, den damaligen Knltnsininistcr Goßlcr fiel. Auch er besang hochgcstimmt das Recht der literarischen Jugend. Der Schreiber dieser Zeilen, der heute über seine damalige Raivetät lächelt, hatte seinem Gedächtniß die Tischrede Goßlcr's Wort für Wort eingeprägt und sie wie ein wichtiges Dokument betrachtet. Es sind inzwischen andere Tischreden preußischer Minister von künst- lerischer und wissenschaftlicher Freiheit erklungen, und es war nichts damit, wie mit dem Toast Goßlcr's. Ucbcr Fontane's Schriftstellcrei selber sind viel Schlagworte ge- münzt worden. Sie treffen und umschreiben das Wesen dieses viel- beweglichen Geistes nicht. Man hat ihn den Dichter der Mark und des Preußenthums genannt und dabei hat man sich doch vielfach nur an das Stoffgebiet, das er beackerte, gehalten. Seiner Kiinstlcr- schaft nach war Fontane nicht„preußisch", wenn man schon auf diesen Schlagwörtern herumreiten will, die stets lediglich eine halbe Wahrheit bedeuten. Ihn zeichnet die straffe, markige. aber zur Sprödigkcit neigende Zucht nicht aus. Er ist vielmehr sehr sensibel und fein empfänglich für wandelbare Ein- drücke jeder Art. Er befeuert nicht, aber er erwärmt. Schnrf-kantigcs liebt er zu mildern, wie es dein heiteren Grundklang seiner Seele am besten entsprach. Er war ferner eins jener Plandertalente, die auf schwerem deutschen Boden selten wachsen. Gefällig, ohne seicht zu werden; ironisch, ohne Bitterkeit. Fontane's äußeres Leben verlief, wie seine Dichtung, ohne stürmische Erregungen. Sein Vater, dem er ein Denkmal in seinen Jugendmemoiren setzt, war Apotheker. Er muß eine ori- ginelle Gestalt gewesen sein. Die Engländer würden ihn mit sammt seinen Schrullen und genialischen Wunderlichkeiten einen Humoristen nennen. Apotheker sollte auch Theodor werden. Er hielt auch tapfer und pflichttreu aus, bis er als mannbarer Jüngling in Berlin sich völlig dein literarischen Beruf widmete. Den elementaren Drang des echten, starken Genies kannte das feinsinnige Talent Fontane's nicht; andererseits war es zu gesund, um sich in krampfhaften Anstrengungen der Scheingenies zu gefallen; und so schuf Fontane denn die längste Zeit im Dienst des Journalismus. Seine politischen Instinkte waren niemals stark. Auch als er lange Jahre hindurch an der„Kreuz-Zeitung" thätig ivar, hätte niaii ihn sicher nicht mit einem„Kreuz-Zcitungs-Mann" verwechselt, dazu ivar er doch zu wenig im Vorurtheil befangen und menschlich zu milde. So wurde seine prcußisch-patriotische Grundgesinnung nie aufdringlich. Dazu kam ein Aufenthalt in England, der den Blick des„Stockpreußen" weiter und freier machen mußte. Die Mark hatte Fontane, wie ein Poet, durchwandert und ihre landschaftlichen Heimlichkeiten mit liebevollem Dichterauge aufgestöbert. Hier wurde er mit alter Geschichte vertraut, hier entstanden die Anregungen zu seinen frischesten Balladen. Sie sind, wenn man will. aus altpreußischcm Geist geboren und sie haben sicherlich mit unserer modernen Welt nichts zu schaffen. Aber wie unterscheiden sie sich in ihren Humorcn, in der schlichten Kraft ihrer Sprache so weit von irgend einem Wildenbruch'schen Geschmetter! Die Gabe, anschaulich und interessant zu schildern, kam Fontane's Kriegsberichten 1366 und 1870 sehr zu paß. In Frankreich wurde Fontaue auch„Kriegsgefangener". Man behandelte den„Zeitungsschreiber" wie einen höheren Offizier. Er imponirte schon durch sein äußeres Gehaben, ohne imponiren zu wollen. So war's auch mit seiner äußeren Erscheinung in den letzten Jahren. Wer ihn ini Theater sah, oder im Thiergarten ihm begegnete, mochte sich manchmal denken: Es ist eine altfränkische Grscheimmtr Aber man mochte nicht lächeln über sie. Im französischen Krieg war Fontane für die„Bossische Zeitung" thätig und in dieselbe Zeitung trat er dann auch als Theaterkritiker ein. Er blieb durchaus individuell in der Kritik, individuell bis zum Bizarren, wemVs sein sollte. Freilich hatte er den modischen Wahn- Witz ekelerregender Novitätenhctze nicht durchzumachen. Da er ein überlegener' Kopf war, so konnte er natürlich nicht in der theatralischen Fachenge bleiben und nicht, wie die Rezensenten niedersten Schlages über gleichgiltige Komödianten die gleich- giltigsten Zensuren verhängen. Dafür wurde er von den Dressur- menschen, die sich gegen jeden Eigeuton empören, als„Theater- Fremdling" bespöttelt. Das war eine Anspielung auf seine Chiffre Dir. F. In seinem späten Alter erst fand er Muße, das Beste zu prodliziren, was er als Erzähler zu sagen hatte. Von seinen früheren Vorbildern sagte er sich gänzlich los und in lebendige Gcgemvart setzte er um,>vas er mit klugem, sicherem Auge betrachtet hatte. Er wurde nicht der Schöpfer des Berliner Romans, wie ein thörichtcs Zeitungswort es ausposaunt. Seine Erzählungen haben mit einer Schulgattnng überhaupt nichts zu schaffen. Auch nicht mit der naturalistischen. Als die erste in der Reihe der Erzählungen, die Geschichte„Irrungen und Wirrungen", in der„Voss. Ztg." erschien, da ivar ein Theil der Abonnenten perplex. Erstens ein Roman in der„Vossischen"— erst neuerdings bringt das Blatt fortlaufende Erzählungen,— und dann diese großstädtische Liebelei zivischcn dem armen Mädel und dem„besseren" Herrn! Irrungen. Wirrungcn könnte man füglich als Motto über die meisten dieser Spätromane fetzen, von denen„Effi Briest" als der reifste gilt. Altersmilde Sinne spüren in seelischen Irrungen und Wirrungen nach. Sic haben viel begriffen, also vergeben sie viel. Die sozialistischen Ideen der Neuzeit trasen und konnten dem alten Fontane nicht unmittelbar berühren. Wohl aber vermochte er ihr Rauschen zu fassen und er verstand es, wenn sie bei der dichtenden Jugend mitklangen. Als Hauptmannes„Vor Sonnenaufgang" unter fürchterlichem Skandal auf der Freien Bühne auf- geführt lvurde, war Fontane, der„Preuße", der einzige unter den Alten, der von der gährcnden sozialistischen Grundstimmung des Drauta's nicht erschrak, sondern er erkannte als einer von den Ersten den Dichter in Hauptmann. Er hatte jene Frohnatur des Alters, die mit der Jugend gleichsam ein neues Leben zu leben scheint; er hat sich niemals von der Welt mürrisch ab- gewandt, und ein heiterer Tod ward ihm nach arbeitsreichem Leben beschiedcn. Ein Herzschlag rührte ihn. Schmerzlos schied er.— Alpha. JUcincs* jrciiillcfcm. gk. Wer war Zarathnstra? In der„Deutschen Rundschau" bringt Hermann Oldenberg eine Studie über Zarathnstra. Soweit sich die Forschung mit seinem Leben bcschäfttgt, kann immer nur von neuem festgeiiellt werden, wie schwankend und haltlos alle über- lieferten Angaben darüber sind. Am unsichersten ist die Zeit, in der er gelebt; es scheint aber, als ob ein Ansatz auf etwa RK) oder 800 v. Chr. sich nicht allzu weit von der Wahrheit entsernt. Etwas mehr läßt sich schon über den Schauplatz seines Wirkens sagen. Fest steht, daß er kein Perser gewesen ist und seine Lehre nicht in Persicn gepredigt hat. Wahrscheinlich ist vielmehr, daß das östliche Iran, etwa die Landschaft Baktra, die Gegend war, in der er vornehmlich gewirkt hat. Dagegen hat sich die Sage des Propheten bemächtigt und sein Leben mit einer Fülle von Wundern aus- geschmückt. Vor seiner Geburt zeigen wunderbare Träume der Mutter die unvergleichliche Größe ihres Sohnes an. Als er geboren wird. weint er nicht wie andere Kinder, sondern er lacht— das altberühmte, auch den antiken Autoren bekannte Lachen Zarathustra's, das nicht erst die Phantasie Nietzsches hat erschallen lassen. Unter Zeichen und Wundern, in der Einsamkeit auf einem Berge empfängt er von Ormazd die Offenbarung der heiligen Lehre. So bewegen sich denn auch große Thcile des Avcsta in der Darstcllungs- form des Gesprächs zwischen dem Gott und dem Propheten: dieser fragt und jener antwottet. Auch der böse Gott naht Zarathnstra leibhaftig; im Avesta wird eine Versuchungsgeschichte erzählt. Angra Mainju sAhriman), der Todbringer. der Dämon der Dämonen, stürzt von den Fernen des Nordens herbei und schickt einen bösen Geist aus, denProphctcn zu tödtcn. Aber vor dcrHcrrlichkeit Zarathustra's und seinem heiligen Wort muß der Geist fliehen. Da redet Angra Mainju selbst zu ihm:„Vernichte nicht meine Schöpfung, heiliger Zarathustra. Du bist des Pourushaspa Sohn, und vonDcincrMutter bin ich angerufen worden. Schwöre dem guten Gesetz des Mazda ab. Du sollst die Gnade erlangen, die Badhaghana, der Herr der Lande (ein böser König der Sage, der tausend Jahre lang die Erde be- herrschte) erlangt hat." Aber Zarathustra weist den Versucher schroff zurück. In den Sagen erscheint er stets als Priester, der von Wunder zu Wunder schreitet. Ein jüngerer avestischer Text beschreibt ihn„das (heilige) Feuer besorgend und Hymnen singend".— Theater. Das Thalia-Theater wurde am Mittwoch mit der großen Gesangsposse„UnserlustigesBerlin" von Sonder- mann und Bischofs wieder eröffnet. Direktor Hasemann hat in den Blättern erklärt, die Berliner Poffe bedeute das neue Programm des Thalia-Theaters. Wir haben manches schon auf diesem Gebiete erlebt, aber grausamer ist uns noch nicht mitgespielt worden, als mit dem„luftigen Berlin". Adolf Ernst fah ein, daß es mit der Berliner Posse so nicht recht mehr gehe, wiewohl er es in der Thenrcrverdummung ziemlich weit gebracht hatte. Nun löste ihn Direktor Hasemann ab und brachte im gutgeschulten Ensemble fran- zösische Singspiele und das Volksstück der neuen Wiener Schule. Etwas Werth und Kunstübung steckte wenigstens in all diesen Dingen. Es„zog" aber nicht. Vielleicht wäre es nun logisch zu denken,'wir leiden an theatralischer Hypertrophie, an einem Ucbcrmaß von „Theater". Statt dessen denkt der Direktor: Zurück in den Taumel der Verdummung. Aber Adolf Ernst hatte Kapital und Schneider- Kräfte zur Verfügung und so wurden die tauben Nüsse mit Rauschgold überklebt. Im„lustigen Berlin" aber gicbt sich die kalauernde Nüchternheit dürftig und arm. Es war ein schweres Leiden, das„lusttge Berlin". Und darum mußte Pusselbach ans Treuenbrietzen, der alte gute Provinzial- Onkel, nach Berlin kommen, um sich zu amüsiren. Man sieht, die ewig gleiche Grundidee, und noch immer sinden sich Autoren, die sich nicht schämen, das uniforme Thema wiederzukäuen. In welchen"/ „Vcrjniejungslokal" Pusselbach strandete, weiß ich nicht. Ich hielt's nicht aus.— Auch in die neue Schauspieler- Gesellschaft des Herrn Hasemann kam kein flottes Tempo. Einer Soubrette, dem Fräulein Willy S a n d r o ck, der Schwester von Fräulein Adele Sandrock vom Wiener Burg- Theater, ging so viel Reklame-Tamtam voraus; und sie gab eine italienische Sängerin vom„Wintergarten" mit so vielem holländischen Phlegma, daß man beruhigt ans dem Theater gehen konnte. Die wird den guten Pusselbach aus Treuenbrietzen nicht verführen.— Völkerkunde. ie. Die ersten genauen Nachrichten über ein Zwergvolk im Hinterlande von Kamerun hat die diesjährige Bulu- Expedition der Schutzttuppe gebracht. lieber diesen Völker- kundlichen Fund erhalten die„Allgemeinen Wissenschaftlichen Berichte" folgende Mitthcilung aus Kamerun: Auf Veranlassung des Kommandeurs der Schutztruppe wurden Bemühungen gc- macht, einige Exemplare der Zwergvölker aus den Urwäldern Kameruns, von denen bisher noch nichts Genaueres bekannt war, zu erlangen. Durch Vermittclung des Ngumba-Häuptlings Tunga gelang es mit vieler Schwierigkeit, 7 Vertteter dieses räthsel- haften Zwergvolkes in das Lager zu schaffen. Die Größe dieser Neger schwankte zwischen 160 und 124 Zentimeter, einzelne von ihnen ließen deutlich eine Vermischung mit anderen Rassen erkennen. die eine Steigerung der Körpergröße zur Folge hat. Ein junges Weib dieses Stammes, der den Namen der Bagelli führt, wurde anthropologisch genau gemessen, da gerade diese Negerin den Charakter des Zwergvolkes noch in voller Reinheit darzustellen schien; dieses Weib, dessen Alter wenigstens siebzehn bis neun- zehn Jahre war. lvurde daher auch nach der Küste mitgenommen. Die ganze Höhe dieser Negerin, Manduba mit Namen, beträgt 124 Zentimeter. Die Hautfarbe ist cho.koladebraun bis kupferfarbig, nur die Innenfläche der Hände hat eine gelblichweiße Färbung; die Haut fühlt sich sammctartig an. Tätowirungcn in der Form von Mandelkernen sind auf der Mitte der Stirn vorhanden. Die Augen sind oval, schräge gestellt und tiefliegend, die Regenbogenhaut von sehr dunkelbrauner Farbe mit innerem blauen Rande. Das Haar ist tiefschwarz, kleingekraust, dick und weich, die Kopsform ist breit und hoch, das Hinterhaupt flach; die Stirn schräg, breit und gelvölöt, die Lippen voll und wulstig, die Waden dünn und schwächlich, die Füße groß und breit, lieber die Lebensweise dieses Zwergvolkes weiß man bisher nur folgendes: sie wohnen familien- weise beisammen, aber an keinem festen Platze, sondern ziehen nnstät im dichten Busch umher, sie sind sehr scheu und vermeiden ängstlich die häufig betretenen Karavanenstraßen. Angeblich sind sie sehr geschickte Jäger und eifrige Gummisammler, bringen aber ihre Waaren niemals selbst zur Küste, sondern verhandein sie zu- nächst an andere Stämme, z. B. an die Ngumba, die die Land- schaftcn Lolo, Gobayang, Epossi, Magoa bewohnen. Lieutenant Morgen sprach in seinem Reisewerke von kleinen gelben Zwergen des Kamerun-Urwaldes, er hatte viel von ihnen gehört, sie aber selbst nie gesehen. Von den anderen Stämmen werden sie„kleine gelbe Buschleute" genannt. Von besonderem Interesse wird es sein. festzustellen, ob diefes Zwergvolk im Zusammenhang mit den von Stanley erwähnten Pygmäen in den Urwäldern des Kongo-Beckens steht. Da der große Urwald, der die ganze westliche Hälfte des Kamerungebietes erfüllt, ohne Zweifel mit dem ungeheuren inner- afrikanischen Busch zusammenhängt, so ist diese Annahme wahrschcin- lich.— Geographisches. — ss— Argentinien früher ein Meer. Der Vorsitzende der geographischen Abtheilung beim Kongresse der britischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft, G. Earl Church, hielt einen fesselnden Vortrag über die Verhältnisse des südlichsten Amerika in der jüngsten Vergangenheit der Erdgeschichte. Die bedeutsamste Be» hauptung dieses Geographen ist, daß das ganze Gebiet der argentini- schen Ebene, die sogenannten Pampas, vor nicht ferner Zeit, das heißt vielleicht vor einigen zehntausend Jahren, vom Meere bedeckt gewesen sei. Auch im heutigen Staate Volivia müßten damals ganz andere Verhältmsse als heute bestanden haben. Die Ebene von iÜtniirui öfttiu Dun dcm Zuge der Anden wird gegenwärtig zum' croßten T heile»ach dem Amazmienstrome hin entwä'icrl, und nur der südlichste Theil dieses Gebietes entsendet seine Wasser zum La Plara- Strome. TaS war früher erheblich anders. Als sich aus der argentinischen Ebene noch keine Gräser im Winde wiegten, sondern die Wellen eines Meeres hin und her wogten, flost von Norden her in jenes argentinische Meer ein bedeutender Strom, der die ganze boliuische Eoene durchzog und von den Gewässern, die von den dortigen Anden Herabflossen, gespeist wurde. Der Madeira, der grojze Nebenfluß des Amazoneiiftromcs, der heute alle diese Gewässer aufnimmt, uin sie nach der entgegengesetzten Richtung zu führen, war damals ein ver- hältnistinäßig kleiner Strom. Die Bergkette des westlichen Matto Grosso dehnte sich wahrscheinlich bis zu der Gegend aus, wo heute der berühmte Esperanza-Wasserfall die Finthen des Beni- Flusses dem Madeira zuführt, und diese Bergkette verhinderte die Flüsse Boliviä's, nach Norden durchzubrechen und zwang sie vielmehr, dem Argentinischen Meere sich zuzuwenden. Die Eerölle aber, die die Bergwässer von den Anden herab brachten, füllten die Ebene von Bolivia in der Gegend, Ivo beule der Ort Santa Cmx de la Sierra liegt, mit ihren ungeheuren Massen auf, bis sie den Gewässern den Weg nach Süden versperrten. Dann erst bahnten sich letztere nach Nordosten zum Amazonenstrome ihren Weg. Das große Meer der Pampas aber trocknete nllmälig aus, und immer mehr stieg das Land empor, während früher nur die Berge von Cordoba, die heute bis zu 7öl)0 Fuß über das Meer aufragen, eine Gruppe von felsigen Inseln gebildet haben können. Solche durchgreifenden Veränderungen auf der Erdoberfläche haben sich in jenem Gebiete noch zu einer Zeit zugetragen, die der Geologe die jüngste Vergangenheit in der Erdgeschichte nennt.— Physiologisches. «. Magennerven und Verdauung. In unserem nervösen Zeitalter machen sich die geschwächten Nerven auch vielfach in Form von Verdauungsstörungen und Magenbeschwerden bemerkbar. Mit den vielen Klagen über nervöse Magenverstimmung schien aber eine Beobachtmig unvereinbar, die der Phpsiologe Schiff machte. Bei einem Thier nämlich, das aller Magennerven beraubt war, zeigte sich dennoch eine ungestörte Verdauung. Danach hätte man meinen können, daß der Magen überhaupt von Nerven unab- hängig arbeitet, daß also auch kranke oder schwache Nerven nicht die Verdauung stören könne», daß also die nervösen Magenleiden nur in der Phantasie der Leidenden bestehen. Nun erinnerte man sich aber, daß Leuten, die am Magenkrebs litten, der ganze Magen herausgenommen war, und daß diese Leute dennoch mit leidlich guter Verdauung existirten; durch solche Fälle war nachgewiesen, daß Ine Magenverdauung überhaupt fehlen darf und dann durch die Darmverdauung ersetzt wird. Zweifler meinten, daß auch bei der Schiffschen Beobachtung der seiner Nerven beraubte Magen über- Haupt nicht arbeitet und nur die Darmverdauung exijtirt. Der Schiff'schc Versuch wurde unter Anwendung aller Vorsichtsmaßregeln wiederholt, und es zeigte sich in der Thai,'daß der entnervte Magen in völliger Unthätigkeit verharrt. Damit ist also die Abhängigkeit der Magenthätigkeit von den Nerven nachgewiesen, und die nervöse Magenverstimmung existirt nicht nur thatsachlich, sondern auch wissen- schastlich.— Ans dem Thierleben. — Der gemeinsame Herzrhythmus derKolonie- Mantelthiere ist neuerdings von A. Pizon studirt worden. Bekanntlich gruppiren sich viele Seescheiden-Arten, die sogenannten Synascidien, um einen gemeinsamen Mittelpunkt sSternascidien) oder um eine Walze(die Feuerwalzen) und haben dann gemeinsamen Blutumlauf in dem die ganze Kolonie umkleidenden cellulosehaltigen Mantel, einen gemeinsamen Ausfllhrungsgang u. s. w. Als Pizon solche Kolonien der Traubenascidien in seinem Laboratorium am Janson-Lyceum von Sailly beobachtete, fiel ihm die besondere Lebenskrast der Herzen auf. Die Zusammenziehungen dieses Organs dauerten lange über den Tod des Einzelthieres hinaus, und blieben, obwohl sich die das abgestorbene Thier mit den lebenden verbindenden Oefsnungen geschlossen hatten, noch lange im gleichen Takte mit den übrigen"schlagenden Herzen der Kolonie, als hätte das abgestorbene Herz ebenfalls noch das Blut in die Organe der Peripherie zu treiben und dann von dort zurück zu empfangen. Noch eine geraume Zeit, nachdem die Verwesung begonnen hat, dauert diese Theilnahme am Kolonie-Herzschlag fort. Es heißt hier nicht blos: Zwei Herzen und ein Schlag, sondern viele Herzen und ein Schlag und noch über den Tod hinaus.—(„Prom.') Bergbau. K. Neb er die neuentdeckten Erdöllager am Kaukasus enthalten die soeben erschienenen„Mittheilungen der Geographischen Gesellschaft in Wien" sehr interessante Ausführungen. Es heißt dort: Ein neues Baku wird wahrscheinlich bald auf der Baku gegenüberliegenden Seite des Kaukasus am Schwarzen Meer entstehen, denn dort find neue Quellen von Erdöl entdeckt worden. Das neue Petroleumgebiet liegt in der Nähe des Ortes AnaNija an der Mündung des Flusses Jngur in das Schwarze Meer; der Boden gehört dcm Prinzen von Mingrelien, während das Recht der Ausbeutung ein Kapitalist aus Moskau erworben hat. Seit Mitte Mai waren zwei Geologen dort mit Untersuchungen beschäftigt und stießen dabei bald auf die mit Naphta getränkten Sandschichten, deren Vorhandensein sich dadurch verrieth, daß sich das aus dem Boden dringende Wasser mit einer Schicht von flüssigem Raphta bedeckte. Die genaue Untersuchung der Lager durch Bohrungen soll alsbald vorgenommen und dann an die Gewinnung des Erdöls gegangen werden. Wonukow meint, daß Anaklija sogar die berühmte Petroleumstadt Baku überflügeln könnte, weil es durch seine Lage am Schwarzen Meer nach allen Seiten hin Schiffsverbindungen besitzt, während Baku durch seine Lage am Kaspischen Binnenmeer von allen weiteren Schiffsverbindungen ab- geschnitten ist.— Technisches. u. Beseitigung von Cyankali aus der Industrie. Das Cyankali oder blausaure Kali gehört bekanntlich zu den furcht- barsten Giften, namentlich darum, weil seine tödtliche Wirkung, die schon nach geringen Dosen eintritt, sich so schnell zeigt, daß es kaum mehr möglich ist, irgend welche Gegenmittel in Anwendung zu bringen. Ilm so unangenehmer war es, daß gewisse Industrien bis- her auf die Verwendung von Cyankali angewiesen waren. Aus der Photographie zwar ist die Blausäure so gut wie völlig verdrängt, da man gelernt hat, harmlosere Stoffe zu den Zwecken zu ver- wenden, zu deren Erreichung man früher auf die Blausäure an- gewiesen ivar. Aber in vielen Metallindustrien ist auch heute noch die massenhafte Verwendung von Cyankali an der Tagesordnung, so besonders bei den Vorarbeiten zur galvanoplastischen Bearbeitung der Metalle. Da erscheint es nun als ein wahrer Segen, daß sich in jüngster Zeit andere, völlig harmlose Substanzen als geeignet erwiesen, das Cyankali in der galvanoplastischen Metallindustrie zu ersetzen; es ist dies die Milchsäure und deren Salze. Es hat sich gezeigt, daß diese Salze bei Zink, Britannia- Metall, Neusilber, Tombak, Kupfer, Messing, Bronce, also bei den Metallen und Metalllcgirungen, die für galvanoplastische Verwendung wesentlich in Frage kommen, die Vorarbeiten mit Cyankalinm völlig überflüssig machen. Es ist unier diesen Umständen zu erwarten, daß die be- theiligten Industrien im eigenen Interesse die Verwendung des Cyankaliums schleimigst aufgeben werden, und daß andererseits die Gesetzgebung die Beseitigung eines so gefährlichen Stoffes, wo die Verwendung nicht mehr iiöthig ist, fordern wird.— Humoristisches. — Eine feine Firma. Chef(zu dem stellesuchenden Kommis):„Gehalt gebe ich Ihnen nicht: nur freie Station!" K o m m i s:„Und zu Weihnachten?" Chef:«Da können Sie mir schenken, was Sie wollen!"— — Eine Vergnügungsreise. Der Wind peitscht den Regen klatschend an die Koupeesenster, der Zug fährt mit einer Ver- spätung von zwei Stunden, die Mutter zankt mit den Kindern und der Papa, bereits über die Maßen unwirsch, giebt seinem Jüngsten eine Ohrfeige. Heulend flückstet sich derselbe zwischen die Knie eines Mitreisenden. „Laß gut sein," sagt derselbe, ihn beruhigend,„der Papa hat's nicht so schlimm gemeint, Buberl I Wo fahrt ihr denn hin?" Der Kleine(weinerlich):„Wir— wir machen— eine Vergnügungsreise!"— —«Hat ein Herz in derBrust..." Ausgeplün- derter(zum Räuber):«Wenn Sie ein Weilchen warten wollen— mein Freund Schulze kommt hier auch gleich vorbei."— Vermischtes vom Tage. — In Erfurt wird am 1. Oktober eine von der Stadt und dem Staate gemeinschaftlich errichtete Handwerker- und K u n st- gewerbe-Schule eröffnet.— — EinlLjährigerKnabe hat sich in Neuhausen(Amt Villingen) erhängt. Er hatte den Religionsunterricht geschwänzt und fürchtete sich vor der angedrohten Strafe.— — Eine F e n e r s b r u n st hat in M a s m ü n st e r(Oberelsaß) 20 Gebäude in Schutt verwandelt.— — Ein Jäger von Adelboden(Bern) erlegte in der letzten Woche in 4'/s Dagen 7 Gemsböcke.— — Konkurrenz. Der«Einsiedler Anzeiger"(Schweiz) be- klagt sich darüber, daß der Wallfahrt nach E i n s i e d e l n durch verschiedene Wallfahrtsorte Nord- und Sllddeutschlands Konkurrenz gemacht werde. Besonders die Wallfahrt nach Kevelaer nehme fort- während an Besuch zu. und suche den ausländischen Pilgcrbcsuch möglichst von Einsiedeln abzuivenden. Es wird daher als Pflicht jedes Bewohners von Einsiedeln erklärt, das„Interesse der Industrie und Wallfahrt" zu fördern, und zu diesem Zivecke mit Kirche und Kloster Hand in Hand zu gehen.— — Das Petroleum schiff«Stadt Berlin" ist in R o u e n total ausgebrannt. Glücklicherweise war das Schiff, das 2500 Tonnen Petroleum von Philadelphia brachte, schon größtentheils ausgeladen.— — Die belgische Südpol-Exedition ist seit vielen Monaten ganz verschollen. Jetzt hat das Postamt in Punta-Arcnas im Feuerlande alle für Mitglieder dieser Expedition eingegangenen Postsachen als unbestellbar nach Antwerpen zurückgesendet.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- tag, den 25. September.__ Verantwortlicher Redakteur: Hugo Poeysch in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.