Hlnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. Z90. Mittwoch, den 28. September 1893 Ä (Nachdruck verboten.) 861 Ttm die Feeikcit. Geschichtlicher Noman aus dem deutschen Bauernkriege 1525 Von Robert Schweichel. Es war noch vor dem Morgenessen. Von den festen Ver- sicherungen des Markgrafen beruhigt, lagen Frau Margarethe und ihre Tochter nach den vielen in Kummer und Thränen durchwachten Nächten in ihrem nach dem Hofe hinausgehenden Schlafgemach noch im Morgenschlummer. Sie vernahmen nicht den dumpfen Trommelschlag, der die Einwohner zu einem neuen blutigen Schauspiel auf den Markt rief. Stephan vonMenzingen, Dr. Teutschlin und der blinde Mönch bestiegen nach einander das Schaffot. Geistlichen Zuspruch verschmähten sie. Nur der blinde Mönch ergriff noch das Wort und sprach mit seiner weithinschallenden Stimme, der die Rothenburger so oft auf den Gassen und Plätzen gelauscht hatten:„Brüder, seid getrost, wir sterben für die Freiheit, aber die Freiheit stirbt nicht mit uns!" Stehend empfing er den Todesstreich. Nach ihnen fielen die Köpfe der vier Bürger und Hans Holmpach's, die vorläufig in den Thurm geschickt Ivorden. sowie die dreier Bauern-Hauptleute, welche den Fuß- knechten zufällig in die Hände gerathen waren. Sie alle starben, wie die Blutzeugen versicherten, mit der größten Srandhaftigkeit. Und weil man eben bei der Henkersarbeit war, so ließ der Rath gleich noch einen Schmied wegen Todt- schlages, der Markgraf einen widerspenstigen Lanzknecht und ein Edelmann zwei seiner abtrünnig gewordenen Hintersasien köpfen. Das Blut floß wie ein rother Bach über den Markt und die abschüssige Schmiedgasse hinab. Auch diese Leichen blieben sämmtlich bis zum Abendgcläute auf dem Marktplatze liegen. worauf sie von dem Todtengräber zu den bereits früher Gerichteten in die Grube auf dem Iudenkirchhof geworfen wurden. Als der Markgraf Kasimir von Brandenburg von seinem Spazierritte znrüatehrte, war das blutige Werk gethan. Die Betäubung und den Jammer der Frau von Menzingen und der Ihrigen zu schildern, als sie das Entsetzliche erfuhren, wer vermöchte es? Der Markgraf kam allein nach Rothenburg zurück. Die schöne Herodias setzte ihren Ritt im Geleit der Reisigen nach Schloß Onolzbach fort, um nimmer wieder- zukehren. Sie hatte alle Bande zerrissen, die sie an ihre Vaterstadt knüpften. Der Markgraf aber zog noch selbigen Tages mit seinem Kriegsvolke ab. um anderwärts seines Henkeramtes zu walten Bereits am Tage nach seinem Einzüge in Rothenburg hatte er je ein Fähnlein Fußvolk und 150 Reiter nach Brett- heim»nd Ohrenbach geschickt, um diese beiden Hauptherde der Revolution zu zerstören. Die Brettheimer stellten sich tapfer zur Wehr und es wurden ihrer viele erschlagen, auch Jörg Metzler fiel— eine traurige Sühne des Kleinmuthes, mit deni sie vor Königshofen sich zerstreut hatten, anstatt in die Schlacht einzugreifen. Das Kriegsvolk zog mit 600 Häuptern Vieh und 60 Wagen voll Beute aus dem in Flammen auf- gehenden Torfe ab. Ohrenbach war das einzige Dorf des Rothenburger Ge- bietes, das auf die Aufforderung des Rothes an die Landschaft, sich auf Gnade und llngnade zu ergeben, stumm geblieben war, trotzdem es durch den unseligen nächtlichen Sturni auf den Mancnberg und die Schlacht bei Ingolstadt den größten Theil seiner waffenfähigen Männer eingebüßt hatte. Durch Flüchtlinge der Schwarzen Schaar, die sich mit Florian Geyer durchgeschlagen hatten, kam die Kunde von diesen Geschehnissen so wie von dem feurigen Heldentode Simon Neuffcr's nach Reichardtsrode und Ohlenbach. Und als ob des Schrecklichen noch nicht genug wäre, er- schien an demselben Tage, an dem der Truchseß von Wald- bürg in Würzburg eingezogen war, die schwarze Hofmännin in Ohrenbach. Es war nach dem Abendgeläute und die Dörfler standen und saßen vor den Häusern wie bei der Linde, als die schwarze Hofmännin daherkam. Ihre Kleider waren zerfetzt und das graue Haar hing ihr in wirrer Auflösung um das dunkelbraune runzelige Gesicht. Sie war barhäuptig, hatte den Kopf gesenkt und sprach unaufhörlich mit sich selbst, der Neugierigen nicht achtend, die sich ihr auf der Dorfftraße anschlössen. Vor der Linde blieb sie stehen, hob den Kopf und blickte um sich, als ob sie aus einem Traum erwachte. Der Bann ihrer unheimlich glühenden Augen hielt die Leute stumm. Sie strich sich das greise Haar aus der Stirn, stützte sich schwer auf den weißen Stecken, den sie in der Hand hielt und fragte, indem sie sich nochmals langsam umschaute:„Feiert die Freude der Pauken? Ist oas Jauchzen der Fröhlichen aus? Jubeln sollt Ihr und springen; denn die Welt geht unter. Loset, wenn Ihr Ohren habt zu hören! Den Tod sah ich reiten auf einem fahlen Pferde und er trug den Ornat eines Bischofs. Der Bischof von Würzburg war es, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihm war Macht gegeben zu tödten— zu tödten mit dem Schwerte, mit dem Hunger und mit reißenden Wölfen. Und ich sah, wie sie tödteren, crbarmungs- los. dort, zu Würzburg in des Bischofs Stadt!" Sich hoch aufreckend und mit gesteigerter Stimme schilderte sie wild phantastisch die Gräuel des Blutgerichts, deren Augenzeugin sie am Morgen in Würzburg gewesen war, so daß den Hörern das Blut in den Adern gerann.„Ihr ächzet und stöhnt?" stlhr sie fort.„Aber also beschaffen ist die Ge- rechtigkeit Gottes und seine Barmherzigkeit mit uns armen Leuten." Sie lachte schrill auf. „Und wer bist Du?" fragte der alte Neuffer, der unter der Linde saß, sein Grausen niederdrückend. Die schwarze Hofmännin wandte ihm ihre Augen zu und fragte:„Weißt Du es noch, wer Du bist, alter Mann? Feuer, Thränen und Blut haben meinen Namen ausgelöscht." „Aber es ist die schwarze Hofmännin", rief einer, der bei dem Fähnlein des langen Lienhart gestanden hatte. Da nannte Martin Neuffer ihr seinen Namen und lud sie ein, auf seinem Gehöft zu übernachten. Der Name machte sie aufmerksam, wahrscheinlich war es die Erinnerung an Simon gewesen, die sie unbewußt nach Ohrenbach geführt hatte. Sie sah ihn nachdenkend eine Weile an. schüttelte dann aber den Kopf und seufzte:„Ich kann halt gar nix mehr behalten." „Was thut's?" ermuthigte der Alte sie.„Komm jetzt schon mit.„Ich Hab' Dicd allbereits gekannt, wie Du noch jung warst, zu Niklashaujen, und auch den Hans Böheim und Deinen Enkel." Da schrie sie auf:„Verbrannt, gemordet, und der Bischof lebt I" Der alte Neuffer faßte ihre Hand und wollte sie mit sich ziehen.„Du mußt etwas essen und schlafen," sagte er mitleidig. Sie aber riß sich los und rief:„Wer kann schlafen bei dem Jammergeschrei des zertretenen Volks? Es läßt mich nit ruhen. Ich höre es immer, es erfüllt die Welt. Horch I Horch! Der jüngste Tag bricht an. Ich muß Gericht halten. Wehe! Wehe l Wehe I" Mit großen Schritten enteUte sie in die sinkende Nacht. Die Täuschung ihrer felsenfesten Ueberzeugung. dort, wo Hans Böheim einst verbrannt worden, hatte sie irrsinnig gemacht. Noch länger als ein Jahr sah man die Unglück- liche im Lande Umschweifen, dann war sie verschollen.— Als der alte Neuffer zu Hause von ihr erzählte, bemerkte seine Schwiegertochter, sie wundere sich, daß sie nicht auch den Verstand verloren habe. Sie vermochte sich über den Tod Simon's nicht zu fassen und wies jeden Trost ab. Der Vater und Käthe hätten leicht ihr zusprechen, grümelte sie; denn deren Verluste wögen den ihrigen nicht auf. Sie hätte nicht nur den Mann, sondern auch den Vater ihrer Kinder verloren. Was nun aus diesen und ihr werden sollte? Sie hätte es ja von Anfang an gesagt, daß der Aufstand schlecht ausgehen würde, der Bauer sich aber nicht bedeuten lassen. Bei ihrem Hange, das Schwere sich noch schwerer zu machen, wühlte ihr Schmerz sich in eine an Feindseligkeit grenzende Bitterkeit gegen den Verstorbenen ein, daß er solches über sie und die Kinder gebracht hatte. Ihre Thätig- kcit erlahmte darunter, so daß Käthe zu der äußeren Wirth- schast auch die Sorge für die innere so gut wie ganz übernehmen mußte. Wanim sollte sie noch schaffen, sie mußten ja doch alle zu gründe gehen, jammerte Ursel. Der alte Neuffer trug den Verlust des Sohnes ohne zu klagen, aber er verfiel sichtlich und sein stilles Leid schnitt Käthe am wehesten ins Herz. Dazu lag oben auf der Kammer noch einer, der zwar ihres Trostes nicht bedurste, denn er lag — 7i im Wundfiebcr, um so mehr aber ihrer Wartung und Pflege. Das war ihr Vetter Kaspar Etschlich. Von Blut und Staub bedeckt, fiebernd, schwankend, so war cc plötzlich ans dem Gehöft erschienen, hatte den Namen Käthe's gelallt und war ihr ohnmächtig vor die Füße gefallen. Glück- iicherwcisc verstand sich der Dorfschmied Wicland etwas auf Wunden. Käthe ließ ihn rufen, sobald Kaspar zu Bett gebracht war. Eine leichte Hand hatte er nicht und der Schmerz rief den Kranken auf einige Minuten in das Bewußtsein zurück, während er die Wunde untersuchte. Es war eine bedenklich ausschauende Kopfwunde, über der das von Blut und Staub verfilzte Haar eine starke hartgewordene Decke bildete, die erst erweicht und weggeschnitten werden mußte. Käthe vergalt ihrem Vetter jetzt reichlich die Pflege, die er einst Hans Lauter hatte angedeihen lassen, und sie war um so sorgsamer, als sie sich bewußt war, daß ihre Liebe zu dem letzteren die Ursache war, aus der Kaspar den Scheergadcn niit dein Feldlager vertauscht hatte. Tank ihrer Pflege besserte sich der Zustand Kaspars allmälig. Es dauerte aber noch lange, bevor er ihr sein Geschick seit dem mör- derischcn Kampfe bei Ingolstadt erzählen konnte. Er war trotz des Hiebes über den Kops, den er bei dem erfolgreichen Vorstoß aus dein Gehölz erhalten hatte, mit den anderen noch eine Strecke gelaufen und dann niedergestürzt, mitten in einem blühenden Flachsfeldc. Die Fußknechte hatten die Fliehenden nicht verfolgt, die Reisigen hätten sie schwerlich entrinnen lassen, deuil sie waren wie Bluthunde auf die Bauern ab- gcrichtet.° Die kalte Morgenluft brachte Kaspar zu sich. Vor- sichtig aber hob er nur den Kopf ein wenig, um sich zurecht zu finden, und dann kroch er auf Händen und Füßen von der Stelle, wo er gelegen hatte, eine gute Strecke seitwärts weg. Denn die Flüchtlinge hatten ihre Spur in dem Flachsfeldc nur allzu deutlich hinter- lassen. Eine Zeit blieb alles still, nur die Lerchen sangen über dein blühenden Felde. Dann vernahm Kaspar den dumpfen Schritt vieler Marschirenden und das Klirren von Waffen. Das Herz pochte ihm in heftigen Schlägen, aber er regte sich nicht. Das Geräusch zog sich am Rande des Feldes hin und jetzt erhob sich ein wildes Geschrei, Schüsse fielen häufig und häufiger. lFortsetznng folgt.) tNachdruck verboten.) Vmn Schlafe. Der Mensch verschläft durchschnittlich den dritten Theil seines Lebens. Diese Thatsachc hat bedeutende Geister in gewisser Hinsicht beunruhigt, und Kant war nicht der einzige, welcher meinte, daß man sein Leben durch Verkürzung des Schlafes zu verlängern be- strebt sein müßte. Man könnte aber noch eine andere Art von Bc- nnruhigung aus derselben Thatsache heraus erleiden. Wenn der Mensch cmcn so beträchtlichen Theil seines Lebens dem Schlafe widmet und dazu wohl unzweifelhaft durch eine Nöthigung seitens der Natnr veranlaßt wird, so muß der Zustand des Schlafes für das Bc- stehen und die Erhaltung des Organismus von außerordentlicher Be- deutung sein. Dem entsprechend sollte man glauben, daß die Wissen- schast, so langem man von einer solchen sprechen kann, sich eifrig damit'beschästigt haben müßte, die Bedingungen des Schlafes zu erforschen und aufzuklären. Dies ist nicht der Fall gewesen, und noch heute ist die Entstehung und das Wesen des Schlafes für uns in beträchtlichem Grade ein Näthscl. Diese Behauptung mag wunderbar klingen, sie ist aber zutreffend, und ihre Berechtigung ist auch erklärlich. Je enger ein natürlicher Vorgang mit der Gehirn- thätigkeit des Menschen in Beziehung steht, desto ferner liegt es dein menschlichen Geiste und desto schwieriger ist es für ihn, sie zu unter- suchen und zu erkennen.„Distanz gicbt Objektivität", und je ge- ringcr der Abstand ist, in dem sich ein Ding von unserem geistigen Auge befindet, desto mehr wird die richtige Erkcnnlniß desselben durch subjektive Erscheinungen, durch unbewußte Angewohnheiten und durch die Schwierigkeit des„Erkenne Dich selbst" beeinträchtigt. Anderer- seits kann man sich der Empfindung nicht verschließen, daß der Schlaf eine ganz vornehmliche Gesundheitspflege beansprucht und daß cS von größtem Nutzen wäre, zu wissen, ob bei den verschiedenen.slrankheitcn eine künstliche Förderung oder Einschränkung des Schlafes heilsam sein würde. Darüber fehlt den Aerzten so lange jedes Urtheil, als nicht die Vorgänge iin menschlichen Körper, durch die der Schlaf veranlaßt und unterhalten wird, genauer bekannt sind. Diese Lücke im menschlichen Wissen ist glücklicherweise in den letzten Jahre» durch den Aufschwung der exakten physiologischen Forschung merklich ver- kleinert worden, und wenn heute noch vieles Näthselvolle zu lösen bleibt, so ist doch der Anfang zur Lösung bereits erfolgreich bc- schritten worden. Es verdient besonderes Interesse, daß unlängst in einem Buche alle wissenschaftlichen Thatsachen und Unter- Eichungen über die Physiologie, die Pathologie, die Hygiene .8—| und die Psychologie dcS Schlafes mit großer Sachkenntniß behandelt und in einer für jeden Gebildeten verständlichen Sprache auseinandergesetzt worden sind. Dieses Werk verdanken wir der tüchtigen rnsfischen Forscherin Marie de Manaceine. Was thut der Mensch, während er schläft? Die Augenlider schließen sich über den Augäpfeln, diese richten sich aufwärts, die vom Willen abhängigen Muskeln erschlaffen, und der ganze Körper, vor- züglich aber das Antlitz nimmt das Aussehen vollständiger Ruhe an. Zu gleicher Zeit wird die Athmung mehr oder weniger verändert; sie wird langsamer und weniger kräftig, so daß der Schlafende oft nur ein Liter Luft einathmet, tvemi der Wachende 7 Liter Lust ver- braucht. Auch erfolgt die Athmuug hauptsächlich statt durch die Gegend des Unterleibs durch die der Brust und der Rippen, die Thätigkeit des Zwerchfells wird geringer, die Zeit der Ein- athmung gegenüber der der Ausathmung verlängert. Der Schlafende scheidet weniger Kohlensäure aus seinem Körper ans und nimmt dafür mehr Sauerstoff auf. Auch die Herzthätigkeit wird verändert, sie wird langsanicr und weniger energisch als im wachen Zustande. Der Puls schlägt langsamer und schwächer, die innere Körper- temperatur zeigt eine kleine Abnahme. Die Gefäße der Haut er- halten eine Neigung sich auszudehnen. Daher rührt z. B. die oft beobachtete Erscheinung, daß schon etwas vor dem Zubettcgehcn iin Zustande der Müdigkeit gewisse enge Kleidungsstücke, unter anderem der Halskragen, unbequem werden. Der italicmsche Physiologe Angclino Mosso hat durch genaue Messungen festgestellt, daß in tiefem Schlafe der Umfang z. B. des Unterarmes zunimmt, und daß dieser dünner wurde, wenn man die betreffende Person im Schlafe durch Anrufen, durch ein Glockenzeichen oder ähnlickcs störte. Die wichtigste Dhatsache aber, die durch vielfache Be- obachtilngen bestätigt Worden ist, besteht darin, daß das Gehirn während des Schlafes einen Zustand der Blutleere aufweist. Derselbe zeigt sich an der blassen Farbe des Gehirns, wie man bei Menschen öder Thieren mit verletztem Schädel- dache oder, um einen gewöhnlichen Ausdruck zu gebrauchen, mit einem Loche im Kopf, geradezu wahrgenommen hat. Ferner wird auch der Umfang des Gehirns während des Schlafes geringer und nimmt alsbald wieder zu, wenn eine absichtliche oder unabfichlichc Störung des Schlafes eintritt. Ebenso vermindert sich nachweislich der Blutdruck in den großen Schlagadern des Halses, und die Ge- süße des Rückenmarkes finden sich in gewissem Grade zusammen- gezogen. Die Organe der Haut, besonders die Schweißdrüsen, treten in eine vermehrte Thätigkeit ein, und dies ist der Grund für die allgemein bekannte Erscheinung, daß die Lust in unseren Schlaf- zimmern weit schneller verdirbt und demgemäß eine Erneuerung verlangt, als die Luft unserer übrigen Wohnräume. Jedenfalls strömt das Blut bei Beginn des Schlafes besonders nach der Oberfläche des Körpers hin, während die inneren Organe, nicht nur das Gehirn, sondern auch die Eingeweide verhältnißlnäßig blutleer sind und daher im Zustande ver- minderter Thätigkeit sich befinden. Freilich tritt kein vollkommener Stillstand ein, was mit bezug auf die Eingeweide schon die That- fache beweist, daß die Verdauungsthätigkcit während des Schlafes langsam aber gut fortschreitet. Man kann also im großen»nd ganzen annehmen, daß alle Organe während des Schlafes mehr oder iveniger thätig bleiben. Machen nun aber die Nerven davon nicht eine Ausnahme? Im allgemeinen gewiß, aber doch nicht stets und nicht vollständig, wie wir gleich sehen werden. Was die Verände- rungen betrifft, die der Schlaf in der Zusammensetzung des Blutes erzeugt, so weiß man darüber noch besonders Wenig, einige Forscher haben behauptet, daß sich die Zahl der rothen Blutkörper vermehre, andere, daß sie im Gegenthcil abnehme. Die Untersuchung über den Znstand des Nervensystems während des Schlafes ist nun besonders schwierig. Um eine Vorstellung davon zu gewinnen, muß man sich zunächst daran erinnern, daß Menschen wie Thicre gewisse Vorbereitungen zum Schlafe treffen, die auf einen Schutz der Nerven vor Reizen von außen her abzielen. Einmal suchen sie einen ruhigen Platz aus, der fem von Geräusch, von Hellem Licht und überhaupi von allen Eindrücken liegt, welche die Sinnes- nerven erregen würden, zweitens schließt man zu besonderem Schutze der Angcuncrven die Augenlider, und drittens nimmt man eine be- queme Lage ein. die die Nothwendigkeit von Bewegungen und irgend welchen Muskelanstrengungen vermeidet. Diese Vorsichtsmaßregeln lassen schon darauf schließen, daß die Nerven und die Sinnesorgane auch Während des Schlafes fähig bleiben, auf äußere Eindrücke hin in Thätigkeit zu treten. Ein besonderer Beweis dafür ist noch da- durch erbracht, daß man den sogenannten„Knieschlag" auch bei Schlafenden beobachten kann; derielbc besteht in einer durch die Ncrvcnthätigkeit veranlaßten Bewegung des ganzen Unterschenkels, wenn man einen leichten Schlag gegen die Bänder der Kniescheibe iihrt. Die Behauptung von manchen Gelehrten, daß der Schlaf jede willkürliche Bewegung aufhebt, ist sicher irrig. Wenn nian einem Schlafenden ein Tuch über das Gesicht deckt, das ihn etwas an, Athmen behindert, so wird er dasselbe fortnehmen, ohne darüber aufzuwachen. Manche Personen stehen zu einer Verrichtung aus dem Bette auf und legen sich wieder nieder, völlig im Schlafe. Gewisse Vögel, die die Gewohnheit haben, auf einen, Beine zu schlafen, führen mit den Muskeln des- selben während des Schlafes gewisse Bewegungen aus, infolge derer sie sich langsam um sich selbst im Kreise drehen. Soldaten schlafen gelegentlich zur Nachtzeit oder nach besonderer Anstrengung auf dem Rücken des Pferdes oder selbst im Marschiren ein, während doch die Muskeln dauernd in Thätiqkcit bleiben. In Indien hat man häufig die eingeborenen Diener schlafen sehen, während sie mit dem Fuße oder der Hand die großen Fächerwedel, die Pankah, in Be- wcgung erhielten. Das Sprechen im Schlafe ist ganz außerordent- lich verbreitet. Drei amerikanische Gelehrte untersuchten einmal 200 Studenten beiderlei Geschlechts auf diese Fähigkeit hin und stellten fest, daß von den Männern 41 und von den Frauen 37 pCt. während des Schlafes sprachen und zum theil sogar auf Fragen zu antworten vermochten. Aus all diesen ganz bekannten Thatsachcn geht hervor, daß nicht nur die Nerven der Augen, des Geruches.', des Gehörs und des Geschmacks, sondern auch die Ncrvcnzcntren während des Schlafes eine gewisse Thätigkcit bei- behalten. Auch die Träume, in denen nicht selten Em- pfindungen von Geruch, Geschmack u. s. w. eine Rolle spielen, beweisen das. Sollten nun nicht aber wenigstens gewisse Theile des Gehirns während des Schlafes vollständig in Unthätigkeit vcr- setzt werden? Man hat gemeint, daß dies'mit der Fähigkeit des Willens und der Aufmerksamkeit der Fall sei, und doch kann auch dies nicht der Fall sein. Viele Menschen vermögen aus dem Schlafe genau um eine bestimmte Zeit aufzuwachen, behalten also eine gc- wisse Aufmerksamkeit auf den Verlauf der Zeit während des Schlafes bei. Es ist sogar nachgewiesen worden, daß mehr als die Hälfte der Menschen von geistig normaler Durchbildung diese Fähigkeit be- fitzt, Frauen scheinbar etivas seltener als Männer. Ziehen wir aus den bisher zusammengestellten Wahrnehmungen, die man bezüglich des Menschen und seiner einzelnen körperlichen und geistigen Be- standtheile bisher gemacht hat, das Facit, so kommen wir zu der Annahme, daß vielleicht keiner der wesentlichen Theile des OrganiS- mus während des Schlafes vollständig zur Ruhe kommt. Wir haben gesehen, daß man bereits ziemlich zahlreiche Untersuchungen über den Zustand des schlafenden Menschen angestellt und manches daraus gelernt hat, danüt ist aber das Räthscl des Schlafes, die Frage: wie entsteht der Schlaf? noch in keiner Weise gelöst. An Versuchen hat es aber auch nach dieser Richtung hin nicht gefehlt, von denen manche merklvürdig genug ausschauen. Ein Physiologe wollte, daß die Schilddrüse das eigentliche .Schlaforgan" wäre: nach der Vergrößerung zu schließen, die diese Drüse während der Ermüdung erleidet, eine Blutstauung in derselben sollte die Verbindung des Gehirns mit dem übrigen Körper ab- sperren und dadurch den Schlaf veranlassen. Diese ettvas wunder- liche Hypothese gilt als durchaus widerlegt. Von anderer Seite wurde der sogenannten Spinnwebcnhaut. die eine der Umhüllungen des Gehirns bildet, eine ähnliche Rolle zugeschrieben, zweifellos ebenfalls mit unrecht. Mehr Beachtung dagegen verdient die Theorie, wonach eine Blutleere des Gehirns die Ursache des Schlafes wäre. Da dieselbe, wie bereits erwähnt, nachweislich beim Eintritt und während des Schlafes vorhanden ist, so ist sie wahrscheinlich auch eine der Ursachen desselben. Man hat diese Annahme auch durch einige Experimente noch wahr- schcinlichcr gemacht. Wenn man einem Menschen die Halsschlagadern unterbindet' oder sie auch nur längere Zeit starl zusammenpreßt, so daß eine künstliche Blutleere iin Gehirn entsteht, so tritt eine starke Neigung zuni Schlafe ein, man hört ein sanftes Summen in den Ohre»,' ein leichtes prickelndes Gefühl schleicht über den ganzen Körper, und in wenig Sekunden tritt völlige Bewußtlosigkeit und Gefühllosigkeit ein, die so lange andauert, als der Druck auf die Adern ausgeübt wird. Aus diesen Erscheinungen mag sich auch die mehrfach gemachte Angabe erklären, daß das Erhängen, in den ersten Augenblicken wenigstens, gar kein unangenehmes Gefühl verschafft. Das wir den Kopf höher zu betten Pflegen als den übrigen Körper. geschieht nur in instinktiver Anerkennung der Nothivcudigkeit, das Gehirn vom Blutandrang zu entlasten, wenn wir schlafen wollen. Denselben Zweck verfolgen und erfüllen kalte und heiße Bäder. Sehr interessant sind auch die Theorien, wonach der Schlaf durch chemische Veränderungen entstehen soll. Das Gehirn verbraucht besonders viel Sauerstoff, und nach der Ansicht einzelner entsteht der Schlaf durch einen Mangel an diesem Gase im Gehirn und durch die Nothivendigkeit, dasselbe wieder neu aufzuspeichern. Der deutsche Physiologe Preyer sah die Ursache des Schlafes in der Anhäufung von gewissen chemischen Verbindungen im Blute durch die Ermüdung, die dem Gehirn besonders viel Sauerstoff entziehen und dadurch den Schlaf veranlassen. Professor Errara in Brüssel hielt den Schlaf gar für eine Folge einer eigentlichen Vergiftung, indem sich gewisse giftige Verbindungen durch' die beständige Thätigkcit des Organis- mus in den Geweben anhäufen sollten, die der Schlaf zu beseitigen hätte. Nach Rückardt bestehen die Nervenzellen aus kleinen amocbcn- ähnlichen Körpern, die spinncnartig nach allen Seiten Ausläufer aus- senden, so lange sie in voller Thätigkcit sind, während des Schlafes wären diese Ausläufer zurückgezogen, infolgedessen entstünde eine Aufhebung der Verbindung zwischen den Nervenzellen und dadurch die Aufhebung des Bewußtseins, wie sie im Schlafe gefunden wird. In all' diesen Thntsachen, deren Zahl noch gar nicht erschöpft ist, ist jedenfalls eine Hauptursache des Schlafes übersehen, nämlich die Ermüdung d e r A u f m e r i s a m k e i t. In einer langweiligen Umgebung, bei monotonen Geräuschen werden wir schläfrig, wir thun noch etwas anderes: wir gähnen. Das Gähnen ist' eine Folge der Ermüdung der Aufmerksamkeit, indem man durch die Bewegungen des Mundes und das gleichzeitige Strecken der Glieder sich unwillkürlich gegen die Ermüdung zu wehren sucht. Die Erschlaffung der Ausincrksamkeit ist ohne Zweifel die Hauptursache des Schlafes, und man kann den Schlaf als»die Ruhezeit deS Bewußtseins" auffassen. Daher zeigen auch die niederen Thicre, denen wir kein Bewußtsein nach Art desjenigen der höheren Thiere zusprechen, auch keinen eigentlichen Schlaf; aus demselben Grunde schlafen Thiere, die des Gehirns beraubt sind, niemals. Je schwächer beim Menschen das Bewußtsein entwickelt ist, desto leichter wird es ermüdet und desto mehr schläft er, daher das starke Schlasbedürfnitz der Kinder und der uukultivirten Menschen. Ist mit dieser Erklärung des Schlafens auch nicht alles gesagt, das Räthsel weitaus nicht gelöst, so gewinnt man doch wenigstens eine Vorstellung von der Ursache des Schlafes.— Dr. E. T. Mleines Fenillekon ck. Die Geduldigen. Es war ein Heller Herbsttag. Die Sonne durchleuchtete die grünen und angebräunten Blattmassen der Bäume zu beiden Seiten des Weges, der sich über den steinigen Boden auf- wärts wand. Ich hatte Halt gemacht an einer Stelle, wo mehrere Bäume vom Sturm umgebrochen waren. Unten lagen die Felder und Häuser von einem dünnen Nebel überhaucht. Nicht der leiseste Schall kam von den Fabriken am Fuße des Berges herauf. Die Baumwipfel standen so still, wie wenn sie aus dem Stein des Berges gcnicißclt wären. In diese Ruhe tönten seltsame, zärtliche Worte:„Komm', mein Liebchen, komm!... So ist's schön.... Komm', Du sollst auch eine neue, bunte Decke be- kommen... und Zucker... o, soviel Zucker!... Nun, komm', komm' Liebchen!" Dazwischen hörte ich regelmäßiges Gestampfe. Aber nirgends war etwas zu sehen. Die Worte schienen manchmal unter' mir, manchmal über mir gesprochen zu werden. Ein andermal klangen sie, Ivic ivcmi sie aus dem Felsen neben mir kämen. Von allen Seiten tönten sie: Komm', mein Liebchen!... Dn sollst auch eine neue Decke bekommen... und Zucker!... Komm', mein Liebchen!..." AIS ich oben, vor dein Hanse des Waldhüters auf der Bank saß, wohl schon eine halbe Stunde, kam plötzlich aus dein Weg heraus ein Mann mit einem bcladenen Pferde. Das Thier war alt, seine Glieder waren geschwollen und der Rücken eingesunken. Der Mann lachte, als er bei mir vorbeikam, nachdem er sein Pferd in den Stall gebracht hatte:„Solche Kreatur ist doch geduldig l Schon seit zwölf Jahren muß es>nir meinen Bedarf hcrauffchleppen. Manchmal will es nicht mehr, aber wenn ich ihur dann Zucker verspreche und eine neue, bnnte Decke, klettert es weiter. Dabei hat es bis jetzt kaum den Zucker gesehen! Aber es glaubt innner wieder an ihn!.. Ach ja, es ist schön, wenn man so einen Lastträger hat..." Ich sah auf die Niederung hinab.'Die Sonne hatte den dünnen Nebel wcggcbraunt. Nun konnte ich deutlich die Kicchte sehen, die das Feld umpflügten. Drüben zogen sich die Furchen so gleich- mäßig über die Ackerstreifen, als ivärc ein Riesenkamm über die weiche Erde gezogen worden. In den Steinbrüchen, auf den Holz- Plätzen der Schneidemühlen ani Flusse und auf den Fabrikhöfen krabbelten die Menschen durcheinander. Drüben aber, auf der Chaussee, an dem blinkenden Schloß, fuhr eine Equipage. Und eS ging wie ein Leuchten über die Erde. „Solche Kreatur ist doch geduldig I.. Es ist schön, wenn man so einen Lastträger hat!"-- — Ein Zwiegespräch. Alfred CapuS bringt im„Figaro" folgende Straßcnszcnc: Zlvei Herren gehen über die Boulevards. lebhaft mit einander konvcrsirend. Plötzlich bleiben sie stehen. Die Konversation ist in einen erregten Wortwechsel ausgeartet, und einer der beiden Bürger, Mr. A.. apostrophirt seinen Gegner mit den Worten: Sic sind einfach ein Narr, das haben Ihre letzten Worte bewiesen.— Mr. B.: Und Sic. Sie sind ein gewissenloser Meilsch, ein Schuft!— Mr. A.: Seelenverkäufer!— Mr. B.: Verräther!— Mr. A.: Schmutzige Kanaille!— Mr. B.; Spion!— Mr. A.; Sie sind ein ganz gewöhnlicher Lump!— Mr. B.; Und Sie ein ehrloses Individuum!— Mr. A.: Sie Polizeispitzel!— Mr. B.: Feigling!— Mr. A.: Mörder!— Mr. B.: Spitzbube!— Mr. A.: Dieb!— Mr. B. (nach einer neuen Insulte suchend): Sic... Sic...ver von uns beiden recht und wer unrecht hat.— Mr. B.: Das ist ein prächtiger Einfall. Und man braucht sich dabei nicht zu echauffircn.— Mr. A.: Und zu beleidigen.— Mr. B.: Zumal einem ja auch die nöthigen Worte fehlen.— Mr. A.: In der That»nan muß sich rein wiederholem — Mr. B.: Wirklich lächerlich I(Nach einer Pause): Wo gedenken Sie zu friiksliicken?— Mr. A.; Ich babe keine Ahnung... ick! liin noch allein i» Paris...— Mr. B.: Wie wär's, wenn wir zu- sammen frühstückten?— Mr. A.; Mit Vergnügen!: Ick habe es natürlich nicht nolhwendig, Ihnen zu betbeuern, dast es nie in meiner Absicht gelegen war. Sie zu beleidigen.— Mr. 33.: Ich bitte Sic, die gleiche Versicherung von mir emgegeNzrmehme» I(Sie gehen Ann in Ann ins nächste Restaurant.)— —1. Unter den theuersten Büchern, die im englischen Buchhandel in den Jahren 1790 bis 1898 verkauft wurden, sind, wie aus der in einer englischen Wochenschrift veröffentlichten Liste hervorgeht, einige, die ganz erstaunliche Preise erzielten. Interessant ist dabei auch die Steigerung der Preise im Laufe des Jahrhunderts. So brachte eine Gulcnberg-Bibel im Jahre 1824 3989, 1847 bereits 19 999, 1873 53899 und 1882 sogar 78 999 M. Neben dieser erzielte ein Psalterium von 1459 szweitc Ausgabe von Fust und Schoffcr) im Jahre 1882 einen auffcrordentlicheii Preis: 99999 M. Sehr oft trifft man in der Liste mich die ersten Folio-Ausgaben von Shakespearc's Werken. Der höchste Preis ist hier(1878) für die erste Ausgabe mit 9999 M. gezahlt worden. Die Originalausgaben einzelner Dramen blieben nicht weit dahinter zurück. Im Jahre 1892 brachte eine 3lnsgabe Richardis III. 7959, der„Lustigen Weiber von Windsor" 6929 M.— Völkerkunde. —(sin sonderbares rumänisches Liebesorakel besteht in dem Backen der„neun Zlnchcn". Professor Kaindl schreibt darüber in der„Franks. Ztg.": Durch dieses Orakel ivill das Mädchen erfahren, ivclchcr Jüngling um seine Hand anhalten wird. Dies geschieht auf folgende Weise: das Mädchen muff den ganzen Tag vor dem Andreasfeste fasten. Hierauf bäckt es am Vorabende des Festes die neun Kuchen, die auf folgende Weise zubereitet werden: Der Teig muh aus einem Tchcil Mehl und zwei Theilen Salz bestehen. Das Wasser muh das Mädchen dreimal im Munde von dem Brunnen bringen. Wenn dies geschehen ist, so knetet das Mädchen den Teig und bcrtheilt ihn auf neun Kuchen. Um sie zu backen, muh es vier Feuer über Kreuz machen, so also, dah sie ein Kreuzzeichen bilden; zwischen ihnen. also im Mittelpunkte des Kreuzes, werden die Kuchen gebacken. Sind sie gar, so iverden sie tüchtig mit Schmalz eingefettet. Nun denkt das Mädchen an neun Jünglinge, von denen sie einen als ihren Bräutigam wünschen würde. Jeden Jüngling bezeichnet sie durch einen der Kuchen, indem sie diese in eine lUcihe legt, und zwar in einer Stube, in der sich sonst niemand besindct. Wenn alles fertig ist, gcmeht das Mädchen endlich ihr Abendmahl. Hierauf bringt es in das Zimmer einen grohen Kater, der den ganzen Tag noch nichts gefressen hat, und läht ihn zwischen die Kuchen. Da der Kater sehr hungrig ist, so ergreift er sofort einen der Kuchen und läuft davon. Nun springt das Mädchen rasch zu den Kuchen und untersucht, welchen Jüngling der vom Kater fortgeschleppte Kuchen vorstellt! dieser wird ihr zustinftiger Bräutigam sein.— Ans dem Thierleben. — Ein interessantes Schauspiel gewährt seit einiger Zeit all- abendlich die Gegend des Schilfteiches bei Fraukenbcrg. In der fünften Stunde kommen von allen Seiten, oft aus weiter Ferne, größere Schwärme Staare hcrbeigeflogen, die sich zunächst m den Aesten und Zweigen einer unweit des Teiches befindlichen Baumgruppe niederlassen. Fast ununterbrochen fliegen neue Schaaren der gleichen Vogelart zu und es erhebt sich unter der nach vielen Tausenden zählenden befiederten Versammlung eine so lebhafte und allseitige Unterhaltung, dah das Schwirren und Lärmen weithin hörbar ist. Wenn der Zuzug neuer Staare stockt, erhebt sich von Zeit zu Zeit ein Theil der früher gekommenen Vögel und umkreist bald in ivciteren, bald in engeren Bogen den bisherigen Ruheplatz, anscheinend, um neue Schaaren heranzuziehen und ihnen den Versammlungsort anzuzeigen. Erschreckt aber irgend ein ver- dächtiges Geräusch die Vogelvcrsammlung, so schwirrt dieselbe auf einmal auseinander, und es scheint, als entrolle sich vor dem Zu- schauer von der Baumgnippe aus ein ungeheurer schwarzer Schleier weit nach beiden Seiten und zu enormer Höhe hinauf. Aber schon nach kurzer Zeit nehmen die Vögel ihre alten Plätze wieder ein. Wenn der Abend weiter herangebrochen ist, und neue Zuzügler nicht mehr zu erwarten sind, erhebt sich unter gewaltigem Gebrause die ganze riesige Vogelschaar und eilt dem Schilfteiche zu, um in dessen Schilf Nachtquartier zu halten. Mit dem frühen Morgen eilen dann die Staare wieder nach allen Richtungen auseinander. Er- wähnenswerth ist noch, daß die Staare' je nach dem zeitiger er- folgenden Untergang der Sonne auch von Tag zu Tag früher dem Orte ihrer„Volksversammlungen" zufliegen.— Meteorologisches. — Z u Witterungsbeobachtungen in höheren Luftschichten werden seit einigen Jahren auf dem Blue Hill Observatory in Amerika mit gutem Erfolge Drachen verwendet, die mit selbstschrcibcndcn Meßeinrichtungen verschen sind, und da- durch eine größere Tragfähigkeit erhalten, daß an das Hauptseil in passenden Abständen die Schnüre kleinerer Drachen geknüpft werden. Am 26. August haben die Herren Clayton und Ferguson wieder ein solches„Drachen-Tandem" aufsteigen lassen, das mit der Spitze die ! Höhe von 12 124 Fuß— 3695 Meter über dem Meeresspiegel e» reickte. D er Drackcn an der Spitze hatte eine Fläche von 61'Z Geviert- meiern, die anderen Drachen waren zusammen l4Ouadrarmeter groß. Alle waren mir selbstregelnden elastischen Zügeln versehen, durch die verhindert werden jollre. daß die Drachen einen gefährlichen Zug ausüblen. Fünf englische Meilen Seil, im Gewichte von 75 Pfund, wurden abgelassen, während das Gewicht der Drachen sammt den Instrumenten und den Nebcnseileu 37 Pfd. betrug, so daß im ganzen 112 Pfund in die Höhe gehoben wurden. Der von Herrn Ferguson hergestellte Mereorograph bestand aus Aluminium, wog nur 3 Pfund und verzeichnete Tenrperatur, Lustdruck. Feuchtigkeit und Wind- geschwindigkeit. Der Ausstieg begann um 11 Uhr vormittags, der höchste Punkt wurde 4'. 4 Uhr nachmittags erreicht. Die Drachen kamen in einer Höhe von etwa einer englischen Meile über der Erd- oberfläche durch Wolken; oberhalb der Wolken war die Lust sehr trocken. Aus dem höchsten Punkt betrug die Temperatur 3'/» Grad Celsius, während am Boden das Therniomeler 24 Grad Celsius zeigte.— Technisches. is. Die japanischen Pagoden als Riesenpendel. In Japan ist bekanntlich kein Hans und kein Mensch vor der Verletzung durch Erdbeben sicher, und in kurzen Zwischenräumen folgen solche Kala- strophen einander, zuweilen eine gewaltige Zerstörung hinterlassend. Es würde überhaupt keine alten Gebäude in Japan geben, wenn nicht die Baumeister wenigstens bei Errichtung der Pagoden auf ein eigenartiges Mittel verfallen wären, sie vor dem Einsturz durch Erdbebenstöße zu schützen. Da viele der japanischen Pagoden 799 bis 899 Jahre alt sind und noch heute so fest stehen, als ivärcn sie eben erst errichtet, so müssen die Beivohner des Landes schon sehr frühzeitig die Nochwendigkcit empfunden haben, ihre Tempel gegen solche Naturereignisse zu sichern. Das Mittel ist ebenso einfach wie genial. Eine japanische Pagode besteht eigentlich ans einem Gerüst von schweren Balken, das sich auf einer großen Grund- fläche erhebt und schon an sich eine bedeutende Festigkeit bietet. Nun ist aber noch innerhalb des Gerüstes an dem höchsten Punkte des- selben ein langer, schwerer Balken von 2 Fuß und mehr Dicke auf- gehäugt. An dem freihängeuden Ende ist dieser schwebende Baum nach allen vier Seiten mit vier schweren Balten verriegelt, und wenn die Pagode sehr hoch ist, so werden unten noch mehr solche Quer- Hölzer angebracht. Das Ganze bildet ein riesiges Pendel, das bis 6 Zoll über den Boden reicht. Wenn ein Erdbebenstoß die Pagode erschüttert, so schwingt das Pendel hin und her. dem Stoße folgend, und hält den Schwerpunkt immer in der Grundfläche des Gedäubcs. Infolge dessen wird das Gleichgewicht des Baues niemals gestört, und nur durch diese Einrichtung ist es erklärlich, daß die allen Pagoden überhaupt noch heute stehen.— Humoristisches. — Der Bader. Bäuerin:„Bader, geh' bffinn Di, ob Dir gor nix mehr ei'fallt, daß da Baua net stürbt." Bader(nach längerem Besinnen):„Ja mci, Bäuerin, g'schröpst Hab' i'n scho', Ader lassen Hab' i'n aa scho', aber an Zahn kunnt ma cahm no' ziag'n."— — Gin Schwärmer.„Du süßes, prächtiges Geschöpf, wie ich Dich liebe, wie ich Dich achte! Miezl,— wenn Du jetzt noch Geld hättest,— wahrhastig, ich könnte Dich heirathcn!"— — C o m m e n t. G i r g l(zu einigen des Weges kommenden Studenten):„Dumme Jungens!" Studenten:„Slber, was erlauben Sie sich; was fällt Ihnen eigentlich ein?" G i r g l:„Gelts, i woaß, was sich g'hört I— Raffa(Raufen) möcht i l"— („Simplic.") Vermischtes vom Tage. — Die M a s e r n k r a n k h e i t hat in Gr. W a r t e n b e r g (Schlesien) einen solchen Ilmfang angenommen, daß sämmtliche Klassen der Schulen geschlossen werden mußten.— — In Barmen wurden am Montag ein Taglöhner mit Frau und Kindern vergiftet aufgefunden. Alle hatten Leuchtgas ein- geathmet. Die Frau und zwei Kinder sind todt, der Mann und die übrigen vier Kinder wurden bewußtlos nach dem Krankenhaus gebracht.— — Gegen hundertfünfzig Personen sind in San d e r s l e b e n an der T r i ck i n o s i s erkrankt.— — Bei Obcrursel zündeten Kinder auf dem Felde Kartoffel- kraut an; ein kleines Mädchen kam den Flammen zu nahe, die Kleider fingen Feuer, und das Kind verbrannte.— — In Foca(Bosnien) ist vor einigen Tagen ein Kaufmann im Alter von 117 Jahren gestorben.— ce. In Eupatoria haben die Wellen mehrere Leichname ans Ufer gespült, die Zeichen von gewaltsamem Tod an sich tragen. Die Ermordeten sind, wie festgestellt wurde, Matrosen der russischen Handelsflotte.— — Die reichen Londoner Weiber lassen jetzt ihren Lieblingshunden ihr Wappen oder ihren NamenSzug auf- tätowiren. Verantwortlicher Redakteur: Hugo Poetzsch in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.