Anltthaltimgsvlatt des vorwärts Nr. 193� Sonntag, den 2. Oktober. 1898 (Nachdruck verboten.) i] Aeu�Vttvkszcrgo. Roman von Georges Eekhoud. I. Das Leichenbegängnis, das Herr Guillaume Dobouziez dem armen Jacques Paridael ausrichten ließ, war ganz dazu angethan, dem Veranstalter die Anerkennung seiner Standes genossen und die Bewunderung der kleinen Leute einzutragen. „Alles was recht ist, das hat er gut gemacht," war die ein stimmige Meinung der gaffenden Zuschauer. Er hätte wahrhaftig für sich selbst kein besseres verlangen können: ein Begräbniß zweiter Klasse(allerdings mit Fort fall der Leichenträger, aber wer kennt sich denn in diesen Dingen so aus, um die feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Abstufungen herauszufinden?), feierliche Seelenmesse unter Mitwirkung des Kirchenchors, aber ohne anschließende Absolution und Segenspeudung (wozu denn auch eine Zerenwnie verlängern, die die Leidtragenden aufregt und die anderen langweilt), so und so viel Meter schwarze, mit Silberfrausen verzierte Draperie und so und so viel Pfund gelbe Wachskerzen. Der verstorbene Paridael hatte es sich bei seinen Leb- zeiten garuicht träumen lassen, in dieser vornehmen Weise be- graben zu werden. Wie hätte der arme Teufel auch solche Ansprüche machen können! Nüchtern und korrekt in jeder Beziehung, den hageren Oberkörper in den soldatisch anliegenden, mit einem rothen Ordensbändchen geschmückten Gehrock gezwängt, schritt Herr Dobouziez, der trotz seiner fünfundvierzig Jahre den leicht ergrauten Kopf steifnackig emporrichtete, in nervöser Ungeduld hinter seinem Mündel, dem kleinen Laurent, dem einzigen Sohn des Verstorbenen, her. Der Junge gab sich seinem wilden, hysterischen Schmerze schrankenlos hin. Vom Sterbehause an hatte er nicht einen Augenblick zu schluchzen aufgehört, und in der Kirche vernrochte er erst recht nicht. an sich zu halten. Der wimmernde Ton der Todtenglocke inr Thurm und das abgehackte schrille Klingeln der Ministranten ließen ihm in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrechen, das seinen kleinen Körper wie im Fieber schüttelte. Vetter Guillaume, der ehemalige Offizier, der ganz und gar nicht rührselig und ein abgesagter Feind jeglichen Gefühls- Überschwangs war, verlor angesichts dieses fassungslosen Schmerzes, der sich in aller Oeffentlichkeit so überlaut ge- bürdete, schließlich die Geduld. „Alle Wetter, Laurent, nimm Dich zusammen!... Sei doch vernünftig I... Steh auf!.. Setz' Dich!.. Vorwärts!" Das waren die aufmunternden Worte, die er dem Jungen ohne Unterlaß ins Ohr tuschelte. Aber aller Liebe Müh' war umsonst. Alle nasenlang störte der Kleine durch sein Geheul und lebhafte Geberden die untadelige Ordnung der feierlichen Handlung, die obendrein noch einzig und allein zu Ehren seines PapaS veranstaltet wurde. Als Manu, der an alles denkt, hatte Herr Dobouziez, bevor sich der Leichenzug wieder in Bewegung setzte, seinem Mündel ein Zwauzigfrankstück, ein Füuffrankstück und ein Frankstück in die Hand gedrückt. Ersteres war für den Klingelbeutel, die beiden anderen für die Kollekte bestimmt. Aber der Kleine bewies bei Vertheilung der Spenden, daß er so tölpelhaft war wie er aussah: Er steckte das Goldstück, allem Herkommen entgegen, in die Armenbüchse, gab das Fünf-Frankstück dem Küster und das Frankstück dem Pfarrer. Und auf dem Kirchhofe wäre er um ein Haar in das offene Grab gestürzt, als er sich anschickte, die Hand voll gelber Lehmerde in die Gruft zu werfen, die mit solch unheinilichem Poltern auf den Sargdeckel auf- schlug. Der Vornmnd athmete ordentlich erleichtert auf, als er mit dem Unglücksjungen endlich in der zweispännigen Equi- Page Platz nehmen konnte, um nach der Fabrik und der Villa Dobouziez, die außerhalb der Festungswerke in der Vorstadt lagen, zurückzufahren. Bei der Familientafel unterhielt man sich über geschifft- liche Angelegenheiten, der Feierlichkeil vom Morgen geschah nicht die geringste Erwähnung. Ueber sonderlich freundliche Aufmerksamkeit hatte sich Laurent, der zwischen seiner Groß- tante und seinem Vetter Dobouziez saß, übrigens nicht zu beklagen. Letzterer richtete nur das Wort an ihn, um ihn eindringlich zu ermahnen, stets der Pflicht eingedenk zu bleiben und der Stimme der Weisheit und Vernunft Gehör zu schenken; abstrakte Worte, mit denen der Junge, der eben erst zur Firmung gegangen war, nichts Rechtes anzufangen wußte. Die gute Großtante hätte für ihr Leben gern ihrer auf- richtigen Theilnahnie herzlichen Ausdruck gegeben, wenn sie nicht mit Recht gefürchtet hätte, daß ihre Güte von der Tisch- gesellschaft als lächerliche Schwäche gedeutet werden möchte. Sie hätte sich dadurch nur eine Blöße gegeben und der Waise mehr geschadet als genützt. So bezwang sie lieber ihre Nüh- rung und begnügte sich, dem Untröstlichen gut zuzureden und ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ein fortgesetztes Weh- klagen auf diejenigen, die fortan bei ihm Vater- und Mutter- stelle vertreten sollten, den Eindruck eigensinniger Unart machen mußte. Aber rnit elf Jahren versteht man von der schweren Kunst der Selbstbeherrschung noch herzlich wenig, und aus diesem Gnindc trugen die halblaut geflüsterten Ennahnungen der braven Fran auch nur dazu bei, den Thränenstrom des Kindes reichlicher fließen zu lassen. Furchtsam und zitternd, wie ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen, musterte Laurent durch den Thränenschleier, der seine verweinten Augen umflorte, mit scheuen Seitenblicken die Tischgenosscn. Base Lydia, Herrn Dobouziez's Ehehälfte, thronte ihrem Gemahl gegenüber. Es war eine zwerghafte, unförmlich auf- geschwemmte Person, welk und verrunzelt wie eine getrocknete Pflaume, mit schwarzem, glänzendem Haar, das, glatt gescheitelt, die niedrige Stirn bis zu den buschigen, dunklen Brauen bedeckte, die zwei große, hervorquellende Glotzaugen von kohlschwarzer Farbe beschatteten. Ein ausdrucksloses Ge- ficht, männlich harte Züge, schmale, farblose Lippen und eine Stumpfnase, unter der sich vereinzelte schwärzliche Härchen breitmachten. Die Stimme hatte einen unangenehmen Kehl- laut, der an das mißtönende Gegacker eines Perlhuhns ge- mahnte. In seelischer Beziehung ein Bild nüchterner, platter Alltäglichkeit: hier und da ein gutmüthiger Zug, aber keine Spur von Feingefühl und theilnehmendem Verständniß, dabei ein kleinlicher, von engen Horizonten begrenzter Geist, der über die eigene Nasenspitze nicht hinaussieht. Guillaume Dobouziez, der schneidige Jngenieur-Offizier von ehedem, hatte sie des Geldes wegen'geheirathet. Die Mitgift der Tochter des Brüsseler Trikotagefabrikanten, der ich vom Geschäft zurückgezogen hatte, gestattete dem Offizier, nachdem er seinen Abschied genomnien, seine Fabrik zu gründen und dadurch den ersten Grund zu seinem ansehn- lichen Vermögen zu legen. Mit größerem Wohlgefallen, fast mit einem gewissen Vergnügen ruhte Laurent's Blick dagegen auf Regina oder Gina, dem einzigen Kind des Dobouziez'schen Ehepaares. Die schlanke, rassige Brünette mit den ausdrucksvollen schwarzen Augen, dem üppigen, leichtgewellten Haar und dem tadellos geformten Gesichtsoval war ein paar Jahre älter als der kleine Paridael. Die seingeschnittene Adlernase mit den nervös zitternden Flügeln, der sprechende, eigenwillige Mund, das prächtige, grübchengezierte Kinn und der rosige, durchschimmernde Teint, der den matten Farbenton einer Kamee zeigte, liehen dem schönen Gesicht bestrickenden Lieb- reiz. In seinem ganzen Leben hatte Laurent noch kein schöneres junges Mädchen gesehen. Gleichwohl wagte er es weder ihr anhaltend ins Gesicht zu sehen, noch das Sprühfeuer ihrer lustig blitzenden Schelmen- rnigeu auszuhalten. In die ungestüme Ausgelassenheit des schalkhaften, verhätschelten Backfisches mischte sich schon etwas von der steifleinenen Feierlichkeit nnd dem stolzen Selbst- bewußffein des Vetters Dobouziez, und in dem leichten Kräuseln dieser unschuldigen Lippen malten sich bereits ein gut Theil dünkelhafte lleberlegenheit und Spottlust, die auch aus dem hellen, harmlosen Kinderlachen heraustönten. Gina war sich des vortheilhaften Eindrucks, den sie auf den Jungen machte, wohl bewußt und ließ deshalb ihrem Ueber- muth heute noch mehr die Zügel schießen als sonst. Sie mischte sich in die Unterhaltung, befleißigte sich beim Essen — 71 eines möglichst ausfälligen Benehmens, kurz, wußte nicht, was sie anstellen sollte, um die Aufmerksamkeit aus sich zu lenken. Die Mutter war dem Treiben des Wildfangs gegenüber macht- los; eine scharfe Rüge wagte sie nicht auszusprechen aus Furcht, den kleinen Satan dadurch zum Widerspruch zu reizen. So begnügte sie sich denn damit, ihrem Manne kunimervolle Blicke zuzuwerfen, die ihn zum Einschreiten veranlassen sollten. Herr Dobouziez ließ das verzweifelte Minenspiel der Dame. so lange es halbwegs ging, unbeachtet, am Ende konnte er aber doch nicht umhin, der stummen Aufforderung seiner Frau Folge zu geben. Das Töchterchen, das für die mütterlichen Ermahnungen taub war, schenkte der freundlichen Zurede des Vaters im« verzüglich Gehör und unterwarf sich mit einer leiderfüllten Duldermiene, die überaus drollig wirkte. Wenn es sich um Gina handelte, legte das Familienoberhaupt die steife Förm- lichkeit, die ihn sonst auszeichnete, völlig ab. Es kostete ihn manchmal wahrlich keine kleine Mühe, über die Narrcnspoffen seines Lieblings stillschweigend hinwegzusehen. Er beschränkte sich bei solchen Gelegenheiten auf Vertheidigung und Abwehr. Und welch' ungewohnte Sanftmuth und Milde dann in Stimme und Blick zum Ausdruck kam! Laurent mußte unwillkürlich an den zärtlichen Ton und das liebevolle Lächeln seines ver- storbenen Vaters denken. War dieser Vetter Dobouziez. der da seiner Gina eine so zahme Predigt hielt, wirklich der strenge Pedant, der eben noch bei der Beerdigung den armen Lorki, wie ihn der Verstorbene imnier zu nennen pflegte, so widersprechende Weisungen ins Ohr gezischt hatte, daß das verängstigte Kind gar nicht mehr wußte, was es thun sollte? Und wie kurz und in welch gebieterischem Ton diese Befehle ausgedrückt wurden I Aber wenn sich das Herz der Waise auch bei diesem Vergleich schmerzlich zusamnienkrampfte, so konnte der Lorki von gestern und der Laurent von heute seiner schönen Base darum nicht böse sein. Sie war eben doch gar zu entzückend. Ja, wenn es sich um irgend ein anderes Kind, wenn es sich beispielsweise um einen Jungen wie ihn gehandelt hätte, dann hätte diese offenkundige Bevorzugung sehr dazu beigetragen, dem Verwaisten den schweren Verlust, den er erlitten, in aller Deutlichkeit zum Bewußtsein zu bringen. Aber hier lagen die Dinge ja doch ganz anders I Laurent erschien Gina wie eine dieser Prinzessinnen und Feen, von denen die Märchenbücher berichten. Die kleine Fee wußte sich vor Ungeduld schon nicht mehr zu lassen. „Na, Kinder, steht auf und geht spielen." rief ihr der Vater zu, Laurent gleichzeitig ein Zeichen gebend, der eiligst Davonstürmenden zu folgen. Gina schleppte den Vetter in den Garten. Die regel- mäßig wie bei einem Bauernhofe abgezirkelte Einfriedigung, die ein mit weißem Mörtel beworfener, von grünem Spalier umrankter Mauerzaun abgrenzte, diente als Küchen-, Obst- und Ziergarten zugleich, und wenn sie auch an räumlicher Ausdehnung mit einem Park wetteifern konnte, so fehlten ihr doch die ebenen Wiesenflächen und schattenspendenden Baum- gruppen. Die einzige Sehenswürdigkeit dieses Gartens bestand aus einem aus rothen Klinkerzicgeln erbauten Thurm, der sich an einen Hügel lehnte und zu dessen Füßen sich der Wasser- spiegcl eines von zwei Entenpaaren bevölkerten Tümpels ausbreitete. Fußpfade, die sich wie die Windungen eines Schneckenhauses um den Hügel schlängelten, führten auf den Gipfel der Anhöhe, von dem aus man eine hübsche Aussicht auf den Garten und den Entenpfuhl genoß. Die ganze seit- same Anlage nannte sich gar großsprecherisch das„Labyrinth". Gina war Laurent eine liebenswürdige Wirthin. Mit den überhasteten Bewegungen eines vielbeschäftigten Fremden- führers zeigte und erklärte sie die Dinge, wobei sie den wohlmeinenden Ton fürsorglicher Gönnerschaft anschlug. „Gieb acht, daß Du nicht ins Wasser fällst... Hier sind Himbeeren, aber Mama gestattet nicht, daß man welche pflückt..." Laurent's linkische Unbeholfenheit ließ sie aus dem Lachen gar nicht heraus kommen. Zwei oder dreimal nahm sie auch Veranlassung, die allzu volksthümliche Ausdrucks- weise und den wenig eleganten Dialekt des Vetters zu ver- bessern. Darüber wurde der Junge, der an und für sich schon nicht gerade gesprächig war, nur noch wortkarger und schüchterner. Er hätte sich prügeln mögen, daß er vor der Vase eine gar so lächerliche Rolle spielte. (Fortsetzung folgt.) 0— Sotttttar�plttuderei. Galanterie und Frivolität finden sich gern einträglich bei ein- ander. Zu den militaristischen Tugenden zählt man die Ritterlichkeit gegen das Frauengeschlecht. Das heißt in Wahrheit(das äußerliche Zuvorkommen, die galanten Uebungen. Im inneren Widerspruch hierzu steht dennoch die Mißachtung der Frau, sobald das galante Mäutelchcn gefallen. In nicht militaristischen Staaten ist die Selbst- ständigkeit und persönliche Ehre der Frau in den Anschauungen des Volks höher gesichert, als bei den Nationen mit Militärkultur. Es sei hier nur auf die Stellung der Amerikanerin hingewiesen. Der Schuß der Frau Paulmier in Paris hat nicht blos den Chronisten der Pariser Boulevardblätter das Thema von der Frau und der Oeffentlichkeit nahegelegt. Es haben auch weiterstrebende Beobachter an den Fall allerlei Betrachtungen ge- knüpft. Die Verwilderung der Presse ist nur eine Theilerscheinung des gesammten literarischen Lebens in Frankreich, so weit es sich mit dem Stoffgebiet vom Weib beschäftigt. Aus der Gesammt- literatur sickert das hämisch wegwerfende llrtheil über das Weib durch. Die sensationslüsterne Presse thut das ihrige hinzu und so kommt es, daß in einem Lande, wo von jeher die Boudoirpolitik mit der Frau als treibender Kraft keine kleine Rolle spielte, Ehre und Privatleben der Frau oft schonungslosem Gewitzel preisgegeben sind. Damit sei nicht gesagt, daß Frau Paulmier etwa wie eine heldenhafte Rächerin ihres Geschlechts erscheine. Auch ihre That hat viel vom Komödiantischen, daS dcu Zersetzungsprozcß der herrschenden Klassen in Frankreich begleitet. Zunächst'geht sie in jener echt blasphemi- schen Lkirchlichkeit gewisser Pariser Kreise von heute zur Kircbe und kniet zum Gebet nieder, daß ihr Werk ihr gelinge. Daim schreitet sie zur Blutthat, dringt in die Redaktion von Millerand's Blatt und schießt auf einen Unschuldigen, den„ersten besten von der sozialisti- schen Bande", wie sie sich ausdrückt. Spektakel, recht viel Spektakel ist dabei; besonders, wenn man erwägt, wie verbittert im all- gemeinen der heutige Kampf für und wider den Militarismus in Frankreich geführt wird. Die Gencralstabspresse hat mit Koth beworfen, mit Injurien, Gewaltandrohung und Verleumdungen gearbeitet: so war es denn begreiflich, daß in der hitzigen Erbitterung auch die Gegner der gegenwärtigen militärischen Skandale in Frankreich über's Ziel schießen konnten. Es sind Moralisten in Paris aufgestanden und haben das Ge- sammtschaffen der Literatur für die Verachtung der Frau verairtwort- lich gemacht. Längst vertrmite Phrasen sind wiederholt worden und manchmal mochte man glauben, man lausche den Stimmen, die bei uns eine lex Heintzc für Werke der Kunst und Literatur begründen wollten. Da wird ans die Zahl der Frauen hin- gewiesen, die kernfest dem bürgerlichen Haushalt vorstchen. Sie arbeiten tapfer an der Seite des Mannes, sind geschäftig, sparen Groschen um Groschen, wollen von allen Thorhcite» der „Pariser Welt" nichts wissen und kennen nur das eine Hauptziel, ein kleines Vermögen, eine bescheidene Rente sich zu sichern. Warum bekümmere sich die Literatur, nicht um diese„Tugendsamen" und warum wühle sie mit so häßlr�er Vorliebe im Scknnutze? Immer wieder dieselbe Geschichte. Die Literatur, ein Spiegel der Lebensvorgänge, wird zum ll r h e b e r des Nebels gemacht. Das Dasein eines Sechsdreier-Rentiers(Berlinisch gesprochen) und seiner werthcn Frau Geinahlin kazi»- den Ordnungssinn eines Menschen sehr wohl befriedigen; nur(st es gleichsam ein Vcgetircn. Welchen Vorivurf kann dies Dasein der Zeitliteratur bieten, als einen leise ironischen oder idyllischen? Nichts löst sich aus solchem vegetativen Leben hervor, was bewegliches Interesse, heftigen Zcilcharaktcr, lebhaft individuelle Züge offenbarte. Das ist todtes Material für die Literatur ün großen Sinn. Die muß aus Aeußerungen achten, die sich ihr als bemerkenSwcrthe zeitliche und menschliche Dokumente aufdrängen. Sie kann sich keine will- kürliche Sprache erschaffen. Sie kann in die soziale Welt ihrer Tage nicht hineintragen, Ivos sie nicht zuvor aus den Tiefen dieser Welt geschöpft hat. Lebe» und Literatur durchdringen einander. Dann freilich bleibt die Einschätzung der Frau in der Gcgcnwarts- literatur der Franzosen nicht ettvas, was frei in der Luft schwebt. Dann ist diese Erscheinung durch das Gesellschaftslcbcn der herrschenden Klassen bedingt; und dann stehen wir abermals vor der Thatsache, daß äußerliche Galanterie und innere frivole Zersetzung sich so vortrefflich vertragen. Die längste Zeit war man jetzt in Frankreich geradezu verliebt in seinen Militarismus. Der brave General, der brave Offizier, der brave Soldat, sie alle Ivaren Gegen- stände der Gloireschwärmcrci. Wie Held Cyrano in der französischen Komödie zu sein, daS war das Ideal. Ein Eisenfresser dem Mann gegenüber, im Umgang mit dein„zarten Geschlecht" ein galanter RitterSmann. Diese Galanterie selber ist am Ende aber nur eine lose verkleidete militaristische Uebcrhebung. Man spielt ein rücksichts- volles Spiel und demüthigt doch. Daß dann die Eigenheiten der Gedemüthigten hervorbrechen, ist kein Wunder; und so stößt man auch in der Literatur so häufig auf das skrupeUose Weib, auf die spekulative Halbdirne, die der Scham- lostgkeit mit gleicher Schamlosigkeit begegnet, ans das weibliche Gegenstück zum männliche» Streber, auf die Frau, die auf krummen Wegen Macht erschleicht. Die Literatur an sich macht nicht gut und nicht böse. Jedenfalls kann man sie nicht auf Kommando„gutgesiunt" öder„übelgesinnt" haben; und gut zureden hilft auch nicht. Wir haben ja ein lehr- reiches Beispiel an dem Alten, den wir neulich zu Grabe getragen haben, an dem Preußcu-Foutane. Und dem können die Sittlichen nicht einmal das vorwerfen, was der französischen Literatur von einzelnen vorgeworfen wird, sie werde zum großen Theil von durch- aus nicht einwandfreien Junggesellen geschrieben, wie zum Beispiel Maupassant einer war. Herr Theodor Fontane war aber wirtlich kein Schwerenöther und Durchgänger. Er selber lebte in stiller, friedlicher Ehe. Nur hätte er keine sinnende und gestaltende Poeten- natur sein müssen, wenn ihn die mannigfaltig-gährenden Lebens- vorkommnisie unserer Tage stumpf gelassen'hätten. Auch in ihm, der von strammer Preußendisziplin allsgegangen war, fanden sie eine» feingestimnlten Widerhall. Nicht laut, nicht lärmend nieldeten sich in seiner beobachtenden Seele allerhand Fragen und Zlveifel, und an manchem rührte er in späten Lebenstagen, was ihm krast seiner Preußendisziplin hätte heilig bleiben sollen. Nicht in energischer Aktion rührte er daran, denn im vorgerückten Alter erst und init einem Temperament, das Grelles milderte und den gedämpften Ton liebte, wagte er sich an soziale Probleme im Roman. Und da ver- rannen vor ihm manche geweihten Begriffe, wenn er auf modernes Ehe- und Familienleben blickte. Man überging bei den offiziellen Grabreden diese Seite des Wesens von Theodor Fontane. Das mochte dem Eigcnthllmer der„Voss. Ztg.", Herrn Lessing, sehr lieb sein. Um so rückhaltloser durfte er, der hochmögende Besitzer, jene Tugenden preisen, die der Unternehmer an seinem Arbeiter am meisten zu schätzen versteht: den Fleiß und den uneigennützigen Pflichteifer. Es waren Worte voll köstlicher Naivetät'selbstgesälligen Unternehmerthums. Oh, man hat Herrn Fontane geehrt und gefördert(und um billigem Preis). Die„Vossische Zeitung" war für ihn das Picdestal seines Ruhmes, und der Mann that nur seine Schuldig- keit, war uneigennützig, war pflichteifrig und allzeit arbeitswillig, wie Herr Lessing schmunzelnd versichert. Wie die repräsentative Verkörperung der Unternehrnerwelt, wie die gewaltige.Vossische" zur Person geworden, so stand Herr Lesfing da. Von cineni Dank der .Vossischen Zeitung" an den Dahingeschiedenen kein Wort! Eine Thräne für den genügsamen fleißigen Kuli auf offenem Grab. Das ist alles. Wer im Glauben lebt, ein Großnnternehnier sei eine Schicksalsmacht, wie käme der auf den Gedanken, daß e r, er zunächst dankbar zu sein hätte. Wie sähe er die Möglichkeit ein, daß der verstorbene Poet, wiewohl er ein armer Teufel blieb, der„Voss. Ztg." zur besonderen Zier nnd Ehre gereichte, nicht umgekehrt? Nicht blos die Arbeit des Schriftstellers kauft der Verleger(zu möglichst niedrigen Löhnen). Er legt nacbher noch dessen Ruhmesmantel an nnd geht stolz darin spazieren. Dann meint er gnädig und herab- lassend: Wir haben ihn glücklich zu ellvas tüchtigem gemacht. Dafür war er auch brav, der Gute, und was die Hauptsache ist, m i r treu im Dienste. Wie sollte es auch anders sei»? Der eine ist ein Erbe und der andere mußte sich jeden Thalcr zum Lcbcnsunrcrhalt neu erwerben. Der betont stocksteif nnd pathetisch ein Aristokraten- beimißt?' ein, das ihm der Besitz gewährt; der andere bescheidet sich in seiner Tüchtigkeit und wie er über so viele dieser Dinge ge- lächelt hat, so hätte er auch über den Reichthum, der das Talent nicht blos in seiner Arbeitsleistung, sondern sammt seinem Ruhm in Pacht nimmt, ironisch gelächelt. In seiner Bc- schaulichkeit hätte er vielleicht gesagt: Das sind so Dinge. Was ist dagegen zu machen. Theodor Fontane's Kinder erben freilich nichts, als,' wie es Freiligrath in seinem Gedicht von den geistigen Proletariern ausdrückt, des Vaters guten Namen.— .Alpba. Mlrittrs Feuillekon. st Ter erste Umzug. Endlich waren alle Sachen in die neue Wohnung heraufgeschasft. Alles lag noch kunterbunt umher und übereinander. Den ganzen wüsten Kram beleuchteten mehrere Küchen- lampen und Stehlampen ohne Glocken. Frau Kreisler saß erschöpft auf einem Stuhl und sah zu, wie die Zichlcute das Pianino an die Wand rückten. Dann tranken sie aus dem Weißbierglase, das auf dem Salontisch stand. Frau Kreislcr sah sich unterdessen»m, was ihr die Leute wohl noch an den richtigen Platz rücken könnten. Als sie so an den kahlen Wänden entlang sah, die Möbel musterte nnd überlegte, wo wohl das Büffet hin müßte und wo das Sopha, fiel ihr Blick auch auf die nackten Fenster. Da konnten nun die Nachbarn ihr auf den Tisch sehen und jedes Stück ihrer Wirthschast zählen. Sic schauerte zusammen. In dem neuen Hause war es so ungeinüthlich, so kalt. Farbengcnich und Mörtel- und Kleisierdunst füllten die Zimmer. Und die Fenster dursten auch nicht geöffnet werden; draußen regnete es, und dann würde es noch unangenehmer werden. Ihre Gelenke und ihr Kopf schmerzten. Am liebsten hätte sie sich auch auf dem Sopha oder den Matratzen auL- gestreckt, wie die Kinder, die abgespannt, blaß dalagen. Das Dienst- mädchen hatte sich mit dem Oberkörper gegen die Wand gelehnt und starrte vor sich bin. Aber Frau Kreisler gab sich einen energischen Ruck und befahl den Ziehlcuten, das Büffet an die gegenüberliegende Wand zu stellen, nicht dort stehen zu lassen, wo sie es erst hatte haben wollen. Die Männer sahen einander an. Sic waren schon dabei, die Acrmel über die entblößten Anne herabzuziehen. Einer von ihnen trat vor und sagte:»Run, liebe Frau, wir sind nun ooch müde. Seit frieh um simfe sind wir unterwejens. Wenn Se nu noch'ne klecne Kramerei anfangen wollen, müssen Se schon noch'n bisken wat zulejcn zu det jewöhnliche Drinkjeld. Bei die Schinderei..." „Aber Sie müssen mir doch die Sachen an Ort und Stelle bringen!" „Ja woll doch! Da stehffl sc ja! Wir haben se ja dahin jestellt, wo Sie se hinhaben wollten. Denken Sie, wir kramen nn det Janze noch mal uni?!" Ihr ward ganz ängstlich. Diese rohen Menschen! Das sah ja so drohend aus. Daß auch ihr Mann sie allein gelassen hatte! Er war es zwar gewesen, der hier draußen in den neuen Straßen ge- miethet hatte. Er wollte alle Annehmlichkeiten der modernen Bau- weise auskosten; aber um die Unannehmlichkeiten des Umzuges kümmerte er sich herzlich wenig. Als das Ziehfuhrwerk am Nach- mittage noch nicht gekonimen war, hatte er sich nach seinem Stamm- lokal begeben. Ja, und nun konnte sie sich mit diesen Menschen herumärgern.... „Aber die Bettstellen schlagen Sie mir doch wenigstens noch auf," sagte sie halb bittend. „Jott, darauf soll et uns nich ankommen!" meinten die Männer und machten sich an die Arbeit. Als sie damit fertig waren, gab Frau Kreisler dem einen drei Mark. Die andern hielten auch die Hände hin. »Der Herr dort hat schon!" sagte sie verwirrt. „Wat, det soll für uns alle sin? Sie sind woll...5 War'n Se untern Leierkasten?" ftagten die Männer erregt. „Ruhig, Kinderkens, ruhig!" ermahnte der, der schon vorhin uuterhandelt hatte.„Immer vernünftig bleiben. Schimpfen? Nee... dadurch erreicht Ihr nischt." Er wendete sich au Frau Kreisler r„Nee, sehn Se. wir sind fünf Mann; da käme ja uff jeden blos sechzig Fennige. Det is doch'» bisken wenig bei fünf Stunden Arbeit; det müssen Se doch selber sagen." „Aber ich habe doch zwanzig Mark bezahlt." „Ja, liebe Frau,"— die Männer lachten—„denken Se denn, der Wagen un de Fcrde kosten nichts? Nee, wir haben uns redlich mit Ihrem Kram jepuckelt, nu müssen Se doch mindestens pro Mann zwee Mark schmeißen. Eigentlich dhnn wir's nich untern Dahler bei die Zeit und die Schufterei." Und Frau Kreisler zog ängstlich ihr Portemonnaie.«Ach, so ein Umzug!"-- Literarisches. kg. Zwei Phantasievögel, die orfrais nnd der aleyon, spuken in den Dichtungen der französischen Roni antiker herum. Von diesen beiden reden sie wer weiß wie oft, sie schreiben ihnen bestimmte Attribute zu und verwenden sie für gewisse Stim- mungen fast stereotyp— wie sie sie beschreiben, existircn sie aber nur in ihrer Phantasie. In dem soeben erschienenen Heft der„Zeit- schrift für französische Sprache und Literatur" macht Schultz-Gora darauf aufmerksam, daß die orfraie bei Victor Hugo, Gausicr, Stendhal, Sainte-Beuve, auch bei Balzac und Baudelaire imnier als ein häßlicher, in wilden Gegenden hausender Nachtraub- Vogel erscheint, der unheimliche Schreie ausstößt, also wie geschaffen ist für romantische Stimmungen. Ethymo- logisch aber führt orft-ais unzweifelhaft auf ossikraga l Beinbrecher) zurück und bezeichnet einen See- oder Fischadler. Eigene Anschauung kann sie also nicht zu der häufigen Verwendung dieses Thieres gebracht haben— das ist charakteristisch— die Vorstellung ist vielmehr älteren Dichtern entlehnt. Sie läßt sich zurückverfolgen bis auf Schriftsteller des 17. Jahrhunderts, bei denen die orfraio auch schon als Nachtvogel mit Schauer erregenden, Unglück ver- kündenden Schreien und in Verbindung mit Spukgestnlten auf- tritt. Es handelt sich augenscheinlich um eine Volks- anschaunng, die diese älteren Dichter übernommen haben. Das Volk hat sich offenbar unter der orfraie eine Art Eule vor- gestellt, nnd zwar mag es darauf gekommen sein durch eine Ver- mengung von orkraiv mit kresai«, welch' letztere eine Kauzart ist. Die gewisse Aehnlichkeit der Wörter und die Thatsache, daß der See-Ädler, der natürlich bei Tage den Fischfang betreibt, recht Hätz- liche, heisere Schreie ausstößt, wird diese klebertragnng veranlaßt haben, die sich dann bis auf die Romantiker fortgepflanzt hat. In noch höherem Grade gehört der aleyon lEiSvogel) zum Rüst- zeug des Romantikers. Auch von diesem scheinen sie eine beut- sichere Vorstellung nicht gehabt zu haben; was sie von ihm anführen, beruht auf schon bei den Alten verbreiteten Sagen, die ebenfalls von den älteren französischen Dichtern wieder aufgenommen waren. Der aleyou, heißt es dort, baue zur Winterszeit sein Nest auf dem Meere, und während er brüte, seien die Wasser eben und ruhig. So wurde er das Sinnbild der Sicherheit und des tiefen Friedens, von allem leicht und ruhig Dahinziehenden, von allem Weichen nnd Zarten. Zu dieser Bedeutung hat besonders auch eine andere Eigenschaft beigetragen, die man ihm zuschrieb: daß er sanfte, klagende, seufzerartige Töne von sich gebe; auch dieser Zug findet sich schon bei den Allen. Die Art. wie die Romantiker ihr Anschauungsmaterial bildeten, tritt aus solche» Beispielen scharf hervor.— Theater. — r. Im Schillertheater breitete sich am Freitag Abend bei der Aufführung von B l u m e n t h a l- K a d e l b u r g' S „Mauerblümchen" jene behagliche Stimmung aus, die sich fast imnier einfindet, wenn die Direktion milde ist und mit Stücken konunt, die dem Intellekt des Publikums möglichst wenig zumuthen. Das angenehme Märchen, daß ein reicher Unternehmer sich nicht allein mit seiner armen Buchhalterin verlabt, sonder» voller Grotzmuth dies „Mauerblümchen" sogar seinem goldherzigen Neffen überläßt, ward denn auch so plausibel, wie unter den Uniständen nur denkbar, gegeben. Frau Hachniann-Zipser spielte die Rolle der Heldin mit der paffenden Annmth und Zurückhaltung, während Herr E y b e n als S6 jähriger Bräutigam mit recht feiner Komik den bangen Sorgen Ausdruck verlieh, die in dem Alter selbst einen wohlkonservirten Hcirathsknndidaten befallen können, wenn er ernsthaft an der Zu- lunft Pflichten denkt. Auch die übrigen Hauptdarsteller, die Herren Pahlau.Laurence und Th urne r, sowie die Damen G r e t h e Meyer und Agnes Werner zeigten, daß sie mit Blumenthal und Kadclburg weit passabler auskommen, als mit den bösen filassikern.— Musik. — o n z e r t e. Die Zeit der schweren Roth musikalischer Reichthümer beginnt. Erst kommen die Programme und Berichte unserer Konservatorien mit den fett gedruckten Namen der großen Künstler, von denen innner die Sage geht, daß sie ebenso' große Lehrer seien, und mit dem mannigfachen dahinter lauernden Verderb. Dann die ersten Opernneuheitcn i dann auch allmälig alle jene weniger beachteten Zuthaten, wie die eiutrittsfrcicn Kirchenkonzerte, und nun die ersten der zahllosen geschlosseneren Konzerte. Einen 'glücklichen Anfang machten diesmal ein modernes Kompositiouskonzert und ein altklassischer Symphonie-Abend. Herrn Martinus van Gelder würden wir gern nochmal hören. Er gab am 28. September im Saale Bechstein mit de» Seinigen ein Konzert eigener Kompositionen. Seine Schöpfungen bleiben im allgemeinen bei älteren Formen und verschmähen nicht ein üppiges Passagenwerk; Ivas sie auszeichnet, ist der Stimniuugs- gehalt. Nicht daß mit diesen oder jenen einzelnen Kniffen einer sogenannten„darstellenden" Musik gearbeitet wäre i davor bebütet den Künstler schon sein Sinn für Einheitlichkeit der Komposition. Er hält sichvorwicgend an das Cantilenhafte; sein Klavicrtrio(Cello: Herr Kammermusiker L ü d e m a n n) hat in der Hauptsache die Form eines innigen Duettes der beiden Streicher, das vom Klavier- pari gestützt wird. Der Komponist, der selbst als tüchtiger Geiger und Klavierbegleiter mitwirkte, bewährte im Schaffen und Wiedergeben eine große Vielseitigkeit. Dem Zarten in seiner Musik wurde die Klavierspielerin, Frau Rosa van Gelder. dem Gewaltigen die Sängerin, Frl. Marie van Gelder (Sopran) besonders gerecht; sie besitzt eine im allgemeinen wohl- gebildete, anscheinend mehr dramatische als lyrische Stimme, die diesmal unter Indisposition litt; eine gewisse Herbigkeit und Unruhe des Tons war vielleicht nicht blos darauf zurückzuführen. Eine größere Wärme des Publikums hätten die Leistungen des Abends doch wohl verdient.— Bemerkt mag werden, daß bis in die. letzte Zeit von diesem Komponisten nichts erschiene» ist als das Lied„Die Kapelle"(vor etwa IV Jahren zu Stuttgart), das auch in dem dies- maligen Programm enthalten war. Die S y m p h o n i e- K o u z e r t e der kgl. Kapelle im Opern- Haus sind eine längst anerkannte und erfolgsichere Einrichtung. Um dem Uebclstand zu' begegnen, daß der Eintritt immer schon von vorn herein fast ganz vergeben ist, wird zu jedem Konzert die letzte Haupt- Probe gegen bürgerlich geringe Preise zugänglich gemacht, und auch bei dielen Proben ist der Saal schon früh reichlich gefüllt. Wollte sich doch die Leitung der Konzerte entschließen, noch einen Schritt weiter zu gehen und nachherige Wiederholungen ihrer Programme einzuführen, an Sonn- und Feiertagen vornnttags oder mittags und zwar zu ganz billigen Preisen! Wir glauben, es wäre damit so- wohl eine künstlerische als auch eine materielle Wirkung zu erzielen, und die Würde des Hauses könnte dadurch ebenfalls nur gewinnen. Der 1.„Symphonie-Abend" der kgl. Kapelle fand, zum Besten ihres Wittwen- und Waisenfonds, am 3V. September statt und bot, soweit wir nach Anhören der Probe urtheilen können, einen im besten Sinn klassischen Genuß. Die Haupinummer war ein Konzert von Händel. Seit längerem bemühen sich Prattiker und Theoretiker der Musik, diesen Frühklassikcr zu neuen Ehren zu bringen. Er greift uns nicht sehr aiüs Herz, er hat für uns keine Volks- thüinlichen Töne; allein seine gewaltige Einfachheit und sein durchdringend gewichtiger Rythmus ldcr sogenannte„Elefanten- tritt") machen ihn immer wieder, gut verständlich. Auf der Höhe seines Ruhmes als Voknlkomponist schrieb er neben vielen anderen Jnstrumcntalwerkcn auch(1737) ein Dutzend Konzerte für Streich- orchester. Die erste Hälfte dieses Dutzends ist„konzertant" ge- halten, d. h. mit Stimmen, die als Soli hervortreten; hier sind es zwei Violinen und ein Cello. Kogel hat drei davon in der Ausgabe Peters bequem zugänglich gemacht; das zuletzt herausgekommene (v-ckur), früher von Kogel' in Frankfurt a. Main aufgeftihrt war sozusagen die Novität des Abends. Daneben standen noch drei andere Meisterwerke, unter ihnen Mozarfs Ls-ckur-Symphonie, die „dritte", deren Großartigkeit Wagner„entdeckt" hat. Herr Felix Weingartner dirigirte mit seiner wohl nicht erst einer Rühmung be- dürftigen Kunst; das Orchester begleitete seine Leistung mit vollem Verständniß.— sz. Astronomisches. b. Der neue von Witt entdeckte Planet hält die Astronomen noch fortgesetzt in Athem. Nach seiner Bahnberechnung muß er nämlich alle sieben Jahre der Erde so nahe kommen, daß Verantwortlicher Redakteur: Hugo Poetisch in Berl er als Stern sechster Größe erscheint, also mit bloßem Auge zu sehen ist. Für gewöhnlich erscheint er als Sternchen neunter Größe, zur Zeit seiner Entdeckung aber hatte er fast den größten Abstand, den er von Sonne und Erde erreicht, so daß er nur als Sternchen zehnter bis elfter Größe erschien. Nun sind seit Beginn unseres Jahrhunderts mehrere Hundert kleine Planeten durch direkte Nachforschung mit dem Fernrohr gefunden worden, weiter werden seit fast 30 Jahren photographische Himnrelsarifnahmen gemacht, bei denen Sterne 12. und 13. Größe ohne jede Mühe auf der Platte festgehalten werden. Da erscheint es doch wunderbar, daß man diesen hellen Planeten, der alle 7 Jahre sogar dem unbewaffneten Auge sichtbar wird, nicht früher entdeckte, obgleich der Himmel so planmäßig und sorgsam abgesucht wurde. Dr. Ristenpart stellt daher die Vermnthung auf, daß der Planet früher gar nicht in seiner jetzigen Bahn lief, sondern erst jetzt durch den Einfluß des Mars in sie hineingezwungen ist. Er meint, es könne sich hier um einen bisher unbekannten Planetoiden handeln, der dem Mars besonders nahe gekommen ist. Es ist eine Annäherung bis auf wenige Ivvv Kilo- meter nothwendig, damit die Einwirkung, die ein solcher Körper vom Mars erleidet, die Bahn vollständig ändert; eine solche Annäherung liegt aber durchaus nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit, und der Umstand, daß die Bahn des Mars von der neuen Planetenbahn geschnitten wird, spricht entschieden für eine solche Aimahme. Bei Kometen ist schon öfter die Bcobachttmg gemacht worden, daß sie durch die Einwirkung des Jupiter bei ihrer Annäherung an diesen riesigen Planeten in eine vollständig andere Bahn gezwungen wurden. Ist diese Annahme richttg, so wäre es leicht möglich, daß der Planet bei einer erneuten Annäherung an den Mars iviedcr in eine ganz andere Bahn geworfen wird, die ihn viel weiter von der Erde entfernt und unseren Blicken wieder entzieht. Bcstättgt sich diese Hypothese, was die weiteren Beobachttmgcn wohl in kurzer Zeit er- geben werden, so würden wir hier einen im Weltenraume herum- irrenden Planeten vor uns haben, der, wie ein Meteor, wohl auch gelegentlich auf einen großen Planeten stürzen könnte, wodurch er seine vollständige Existenz verlieren würde.— Bergbau. ie. Ein Asphaltlager in den Appenninen. Der Londoner„Engincer" veröffenilicht eine Mittbeilung über ein wenig bekanntes Vorkommen von ausgezeichnetem Asphalt mitten im Ge- birge der Provinz Salenio. Oestlich von dem höchsten Gipfel dieses Gebietes, dem Monte Cervialto in über 13VV Meter Höhe, liegt der wenig niedrigere Monte Laviano. Dieser Berg besteht aus Kalkstein, der in manchen Theilen mit Asphalt gesätttgt ist, zuweilen sind auch asphaltgefüllte Sandsteinschichteii dem Kalk eingelagert. Die Qualität des Asphalts soll ausgezeichnet sein und brauchbar für alle die zahlreichen Anwendungen, die der Asphalt überhaupt findet. Neuerdings wird das Werk mit Elektrizität betrieben, für deren Er- zeugung eine Wasserkraft von 600 Pferdestärke» zur Verfügung steht. Das Werk befindet sich in dem Orte Olevano, wohin das gebrochene Gestein auf Mauleseln hcrabgeschafft wird. Der Bergbaubetrieb liegt gegenwärtig in einer Höhe von 1500 Metern im Gebirge.— Humoristisches. — Gemüthlich.„Melde gehorsamst, Herr Kommandant, daß es im vierten Stock brennt, tvähreud unsere Spritzen und Leitern nur bis zum zweiten reichen!"— „So I Na, da Watten wir halt, bis das Feuer im z>v e i t c n Stocke ist!"— — Heirath? lustig. Fräulein Laura(mit einem Radler an einer Straßenecke zusaminenpralleud):„Soll das vielleicht ein H e i r.a t h s a n t r a g sein?— — Im Dusel. B u mm l e r(der auf die Uhr gesellen, nach mehreren, vergcbliillen Versuchen, dieselbe wieder in die Tasche zu stecken):„Sacra, mir scheint, i' Hab' mein Wcstentaschl dcrlor'n!"— (.Flieg. Bl") Vermischtes vom Tage. — Die Altmark wird von einer großen Raupenplage heimgesucht. Große Kohlfelder sind völlig abgefressen. Auf der Bahnstrecke O e b i s f e l d c- M a g d e b n r g ivurde ein Eisen- b a h n z u g durch ivandcrndc Raupen gefährde t.— y. Ein Schlvaneir kämpf wurde in der Nähe von H a in- bürg beobachtet. Ztvei Schtväne fielen geineinsam über einen drittelt her und setzten ihm mit Schnäbeln und Flügeln so lange zu, bis er verendete.— — In Adlersruh bei Nudelstadt ließ sich ein dreizehn- jähriger Junge von einem Zuge überfahren, weil er nicht mit zum Jahrmarkt gehen durfte.— — Nach einem Wortwechsel schoß ein Grubenarbeiter in Königs Hütte(O.-S.) mit eiiiem Revolver auf seine Mutter und jagte sich dann selbst eine Kugel in de» Kopf.— —' In der Nähe der Station N a s a r a w k a ist ein Personenzug der Moskau- Riäsanbahn mit einem Güterzug zusanimeugestoßen. Vierzehn Personen verloren dabei ihr Leben, sechs wurden schwer verletzt.— — Der Radsport hat sich auch bei den Tonga-Jnsu- lauern seit ungefähr zwei Jahren sehr schnell Bahn gebrochen. Sogar die Radfahrrennen sind dort schon eingeführt.—_____ i. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.