Hliittthattmigsblatt des Worwärts Nr. 1 94. Dienstag, den 4. Oktober. 1398 (Nachdruck verboten.) 2] Ltvu-KAvthngol. Noman von Georges Eekhoud. Gina trug an dem Tage ihre Schuluniform: ein graues mit blauer Seide garnirtes Kostüm. Sie schilderte ihrem Be gleiter. der gar nicht müde wurde, ihr zuzuhören, die Eigew thümlichkeiten der Klosterschule in Mecheln, in der sie erzogen wurde; sie ließ sich selbst herbei, ihren Vortrag durch drollige mimische Darstellungen anschaulicher zu machen, indem sie die Absonderlichkeiten der Schulschwestern durch Gesichterschneiden und Glicdcrverrcukung nachäffte. Die hochwürdige Oberin schielte, Schwester Veronika sprach durch die Nase und Schwester Hubertiue schlief abends im Arbeitssaal ein und schnarchte, daß es einen Stein hätte erweichen rönnen. Tos Kapitel der kleinen Schwächen und Lächerlichkeiten ihrer Lehrerinnen hatte sie erst ordentlich iu Zug gebracht. Ihre übermüthige Laune, die jetzt keine Grenze mehr kannte, gefiel sich darin, ihren Zuhörer durch taktlose Fragen vollends in Verwirrung zu setzen:„Ist's wahr, daß Dein Vater nur ein einfacher Buchhalter war?.. Hatte' Euer Haus wirklich nur eine Etage und eine kleine Thür?.. Weshalb habt Ihr uns denn eigentlich nie besucht?.. Wir sind also Vetter und Base? Das ist ulkig, findest Du nicht?.. Paridael ist wohl ein vlämiicher Name? Kennst Du Gaston und Athanase Saiut-Fardier, die Söhne von Papa's Sozius? Das sind schneidige Burschen! Sie reiten jeden Tag aus und tragen keine Mützen mehr.... Die sehen freilich anders aus wie Du!... Papa erzählte mir, daß Du mit Deinen roihen Pausbacken, Deinen großen Zähnen und dem glatt gestrichenen Haar wie ein Bauerbursche aus- siehst.... Wer hat Dir denn die Haare so zugerichtet? Ja, Papa hat recht. Du siehst wirklich aus Ivie die kleinen Bauer- jungen, die hier bei der Messe ministriren!" Sie verfolgte ihr unglückliches Opfer mit erbarmungsloser Spottlnft. Jedes Wort traf den armen Laurent wie ein gut- gezielter Hieb. Einen Ton röther als gewöhnlich, gab er sich erdenkliche Mühe, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und harmlos zu lächeln, wie vorhin bei der Höhnerei über die Klosterschwestern, ohne daß ein Wort über seine Lippen gekommen wäre. Und doch hätte er der losen Spötterin gar zu gerne klar gemacht, daß man eine schlotternde Sackbluse, überlange und überweite Hosen und eine allzu reichlich gestärkte Halskrause, daß man eine ungeschickte Konfinnandenniütze, deren Trauerflor die geschmacklosen Besatzschnörkel und überladene Zierrath schlecht verhüllten, tragen, daß man mit einem Wort wie ein Pächterjuuge bekleidet sein kann, ohne darum einem Gaston oder Athanase Saint-Fardier au Fähigkeiten und Geistesgaben im geringsten nachzustehen. Die gute Siska, die ihn erzogen hatte, war gewiß kein Schneidergenie, aber wenigstens konnte man ihr nicht nachsagen, daß sie am Stoff gespart hatte. Und dann hatte Jacques Paridael seinen kleinen Laurent in diesem Anzüge am liebsten gesehen.„Du bist schön wie ein Prinz, Lvrkichen," hatte er gesagt, als er ihn am Firmelungstage in die Arme schloß. Er trug heute denselben Anzug wie damals, nur die merkwürdig ausgeputzte Mütze war schwarz umflort und statt der silber- besranzten weißen Moireebinde trug er heute einen Trauerflor unl den rechten Arm. Endlich fühlte das spottlustige Mädchen doch ein niensch- lichcs Rühren. Sie riß im Vorübergehen eine Aster mit ponceaurothen Blättern und glänzendem Blütheninnern ab und reichte sie Laurent.„Da, Du Bauernjunge, steck' Dir die Blumen ins Knopfloch." Mochte sie ihn immerhin Bauernjunge schimpfen, er trug's ihr Wetter nicht nach. Der farbeuichimmernde Blüthenstern, der seine schwarze Blnse schmückte, war das erste Lächeln, das seine Trauer erhellte. Hatte er vorhin seiner Verstimmung nicht Ausdruck geben können, so war er jetzt erst recht machtlos, seine freudige Ueberraschung in Worte zu kleiden; am liebsten hätte er sein Linie gebeugt und der kleineu Dobouziez die Hand geküßt, Ivie die edlen Ritter au thun pflegten, deren Bilder er im„Blatt für Alle" oft genug bewundert hatte, wenn man zu Hause an den langen Winterabenden geröstete Kastanien knabberte und den.dickleibigen Band der Zeitschrift durch- blätterte. Gina war ohne Laurent's Dank abzuwarten, davongetollt. Laurent machte sich im Sttllen heftige Vorwürfe, daß er sich so leichten Kaufs hatte kirre machen lassen, und im Unmuth über seine Schwäche zerrte er die prunkende Blume aus dem Knopfloch, aber statt sie fortzuwerfen, steckte er sie ehrfurchtsvoll in seine Hosentasche. Wie er so mutterseelenallein im Garten stand, kehrten seine Gedanken ins Vaterhaus zurück. Es war jetzt leer und wieder zu vermiethen. Der Hund, ihr braver Lion, war einem Nachbar überlassen worden, der sich bereit fand, sich des herrenlosen Thieres anzunehmen. Siska war nach Auszahlung ihres Lohnes ihrer Wege gegangen. Was mochte sie jetzt machen? Würde er sie wohl noch einmal wiedeizchen? Lortt hatte heute Morgen gar nicht ordentlich Abschied von ihr genommen. In der Kirche. hatte er sie noch einmal zu Gesicht bekommen, aus der hintersten Ecke des Chores lugte ihr Gesicht hervor, das liebe Gesicht, das just so verstört und veNveint aussah wie sein eigenes. Beim Herausgehen war ihm Vetter Guillaume so dicht auf den Hacken, daß er seine liebe Noth ge- habt hatte, mitzukommen und seinen Wunsch, die gute Siska noch einmal zu umarmen, beim besten Willen nicht ausführen konnte.„Wohin fahren wir denn, Vetter?" hatte er im Wagen schüchtern zu fragen gewagt.„Wo- hin sollen wir denn fahren, natürlich nach der Fabrik!", war des Vetters barsche Antwort, die den Kleinen nicht ermuthigte, die Bitte, von seinem Kinder- mädchen Abschied zu nehmen, laut werden zu lassen. Herr Dobouziez hätte ihn gewiß gehörig angefahren, wenn er ihm mit einem solchen Anliegen gekommen wäre. Da ihr wiederholtes Rufen unbeachtet blieb. mußte sich Gina wohl oder übel entschließen, zu dem Traum- verlorenen zurückzukehren.„Du bist wohl taub?" rief sie, ihn hefttg am Arme schüttelnd.„Komm schnell, ich will Dir die Blutpfirsiche zeigen. Das sind Mamas Lieblingssrüchte. Felicitas zählt sie jeden Morgen. Es sind zwölf. Nein, anfassen darffl Du sie nicht!" Daß Laurent die Blume nicht mehr hatte, bemerkte sie gar nicht. Dieses unaufmerksame Uebersehen kam dem Jungen zwar ganz gelegen, aber andererseits wäre es ihm auch wieder lieb ge- ioesen, die kleine Fee hätte sich nach dem Verbleib ihres Ge- 'chenks theilnehmend bei ihm erkundigt. Aber er schlug sich die Sache bald aus dem Kopfe und 'olgte willig Gina's Weisungen Sie waren übereingekommen, nach Jungenart zu spielen und tollten wie ausgelassene Rangen herum. Um dem Mädchen zu gefallen, schoß Laurent Purzel- bäume, stieß ein wildes Kriegsgeheul aus, wälzte sich auf Beeten und Wegen ohne Rücksicht auf seine guten Sachen und schmierte sich den Staub im Geficht herum, der auf den schweiß- und thränenfcuchten Backen bald zur dicken Schmutzkruste wurde. „Mein Gott, wie drollig er aussieht!" kicherte das über- müthige Ding. Sie tauchte die Ecke ihres Taschentuches ins Wasser und versuchte Laurent zu säubern. Sie mußte dabei aber so un- bändig lachen, daß sie die Sache eher schlimmer als besser machte. Er ließ alles mit sich geschehen, ganz glücklich, daß äe sich, überhaupt mit ihm zu beschäftigen geruhte. Die hinter- listige Person benutzte die Gelegenheit, ihm allerlei krauses Figurenwerk ins Gesicht zu malen, sodaß er bald wie eine tätowirte Rothhaut aussah. Inmitten der Operatton kreischte Mötzlich eine schrille Fistelstimme:„Fräulein, der gnädige Herr erwartet Sie im Salon. Die Herrschaften wollen aufbrechen... Und Du kommst mit! Es ist Zeit, daß Du ins Bett kommst. Morgen geht's wieder in die Pension. Du hast lange genug herumgetrödelt!" Kaum hatte die ge- ürchtete Felicitas, die Vcrtrauensperson des Hauses Dobouziez. zen jungen Paridael aber ordentlich ins Auge gefaßt, als ie auch schon loszeterte:„Pfui Teufel, wie sieht denn der Junge aus?" Sie hatte Laurent Tags vorher aus der Schulanstalt abgeholt und sollte ihn morgen wieder hinbringen. Mürrisch, zanksüchttg, kriechend, lüstern und immer geneigt, dem Stolz ihrer Dienstherrschaft zu schmeicheln und sich ihren Schwächen anzupassen, hatte sie mit untrüglichem Spürsinn ohne — 7 1 weiteres hcrauZgeftmden, welche Stellimg dem Kinde im Hause zugedacht war. Dame Lydia hatte dieses Muster einer Dienerin damit betraut, für den Eindringling zu sorgen und sein Thun zu überwachen. Der junge Paridael bot unklugerweise Felicitas will- kommene Gelegenheit, ihre erzieherische Thätigkeit allsogleich wirksam zi» beginnen, eine Gelegenheit, die sich die Tantippe selbstverständlich nicht entgehen ließ, ohne ihre liebenswürdige Gesinnung unzweideutig zu bethätigen. Gina, die ohne Unterlaß lachte, überließ ihren Unglück- lichen Spielgefährten den Püffen der keifenden Wirthschafterin, und lief spornstreichs in den Salon, eilig wie sie es hatte, die spaßhafte Geschichte den Eltern und der Gesellschaft zum besten zu geben. Laurent machte eine Bewegung, um der davoneilenden Schelmin nachzulaufen, wurde aber von der rasch zupackenden Felicitas an der Ausführung seines Vorhabens gehindert. Sie trieb ihn vor sich her, der Treppe zu, und machte ihm unterwegs eine so grauenhafte Schilderung des Abscheus, den Herr und Frau Dobouziez Schmutzfinken seiner Art gegen- über empfänden, daß der Kleine schaudernd die Dachstube, in der man ihn untergebracht hatte, zu gewinnen trachtete, um so rasch als möglich unter die Bettdecke zu schlüpfen. Felicitas hatte ihn nach Herzenslust gestoßen und gepufft. Er ließ gleichmüthig alles über sich ergehen und liey keine Klage laut werden, nach Kräften bemüht, vor dieser bösen Sieben eine würdige Haltung zur Schau zu tragen. Der stürmische Ausgang des Tages lenkte die Gedanken der Waise von dem Trauerfall ab. Aufregung, Müdigkeit und die Bewegung in der �frischen Luft brachten ihm einen schweren Schlaf mit wilden Träumen, in denen die wider- sprechendsten Phantasiegebilde in tollem Wirbel durchein- ander tanzten. Einen Zauberstab in der Hand, eröffnete die ewig lachende Gina den Reigen, sie spielte" mit einem armen Sünder Katze und Maus, den sie bald den Teufels- krallen einer alten Hexe, in der sich die böse Felicitas verkörperte, überantwortete, bald wieder entzog. Im Hintergrunde schwebten die bleichen Schatten des Vaters und Siskas, des Tobten und der Abwesenden, und streckten der- langend die Arme nach ihm aus und schon wollte er freudig ihnen entgegeneilen, als ihn Vetter Dobouziez mit einem ironischen„Halt, Du Schlingel, wohin so eilig?" rasch zurückriß. In der Ferne läuteten die Glocken, Paridael warf die Aster, Gina's Geschenk, in den Klingelbeutel. Die Blume schlug mit dem seinen Klingklang eines Goldstückes auf den Boden auf, und gleichzeitig mit dem hellen Klang ertönte Gina's lustiges Lachen. Das Geräusch verscheuchte die höhnisch grinsenden Schemen, trieb zugleich aber auch die mildherzigen Erscheinungen der guten Geister in die Flucht. So begann Laurent Paridael's neues Leben bei der Familie Dobouziez. (Fortsetzung folgt.) Spaziergänge eines Uatnrfvenndes. j: Oktober. Durch den Kiefernhochwald führte ein breiter Fahrlveg. Dicke Ahornbäume, in regelmäßigen Abständen gepflanzt, zogen sich an den Rändern der Straße hin und bildeten mit ihrer milden, schwefel- gelben Belaubung einen eigenthümlichen Kontrast zu dem rauhen Grün der Nadcllroneu. Die Frische des Herbstmorgens vereinte sich mit dem Duft des Waldbodcns und dem Kiengeruche zu einem Hauche urwüchsiger Kraft, der wiederum in grellem Gegensätze stand zu dem Nebel, der die ganze Natur in einen ungewissen leichten Schleier hüllte und auf etwa hundert Meter Entfernung den Ge- fichtskreis mit einer dichten Wand versperrte. Herr Tanzmann prüfte den Nebel mit durchdringendem Blick. Es giebt hier zwei Möglichkeiten, sagte er zu sich. Entweder der Nebel steigt auf und verdichtet sich oben zu Gewölk, dann bekomnien wir einen trüben Tag, oder er fällt als Thun herab, dann wird die Luft rein, und wir bekominen das herrlichste Wetter I Und nun suchte er durch den Nebel hindurch ein Stückchen blauen Himmels zu erspähen. Wirklich schien es ihm, als ob die weiße Dunstmasse nach oben zu dünner würde und einen flimmernden und bläulichen Widerschein erhalte. Und während nun Herr Tanz- mann an dem thaufrischen Grasrande des Weges entlang, an den gelbbelaubten Ahornbämnen vorüber, munter drauf los niarschirte, wurde die Nebelschicht nach oben zu immer dünner und dünner, immer lichter und lichter. Allmälig konnte Herr Tanzmann direkt über sich kleine Flecken blauen Himmels erkennen, während die Sonne wegen ihres tiefen MorgenstandcS noch ganz verhüllt war, denn in wagercchter Richtung wurde der fallende Nebel immer dichter und dichter: was er an Höhe verlor, gewann er an Undurchdringlichkcit. Herr Tanzmann tonnte jetzt kaum zehn Schritt weit sehen, sein Horizont war so eng geworden, daß er nur ein Stück graubraunen Weges, fünf Meter Ärasrand. einen und einen halben Ahornbaum und sechs Kiefern, davon zwei auch nur zum theil mit seinem Blicke umfassen konnte. Wir gehen bösen Zeiten entgegen, seufzte Herr Tanzmann. Wir werden immer dümmer und beschränkter. Es liegt ein dichter drückender Nebel über dem Land, der jeden Blick nach vorwärts hemmt. O weh, man wird uns noch ganz die Augen verbinden! Der Nebel wurde immer noch kompakter. Aber nun zeigte sich ein seltsames Naturspiel. Drüben in einiger Entfernung erblickte Herr Tanzmaun plötzlich eine bewaldete Höhe, deren grüne Kiefern von ziemlich hellem Lichte bestrahlt waren. Er war einigermaßen überrascht. Hier unten alles in Nebel förmlich eingewickelt, daß man nur ein paar Schritte weit sehen konnte, und da drüben, sicher nur eine halbe Stunde entfernt, dieser Hügel ganz deutlich sichtbar und dabei strahlend und heiter wie ein glücklicher Traum von Zukunft und Hoffnung. War es wirklich nur ein Traum, nur eine Vision? Herr Tanzmann litt nicht an Visionen, träumte nie, trank selten und war überhaupt nicht p oerisch veranlagt. Die Sache war, wenn vielleicht auch selten vorkommend, doch ganz klar: Der Nebel war eben so weit gefallen, daß er sich nur bis zu einer geringen Höhe über dem Boden erhob. Alles was darüber hinausragte, war nebelftei und auch für den sichtbar, der nahe genug war, um die Höhe noch in einem hinreichend großen Sehwinkel durch die nach oben zu mrr wenig dicke Nebel- schicht zu erblicken. Jetzt aber ging überhaupt die Herrschaft des Nebels zu Ende. Denn nun drangen auch die Strahlen der Sonne siegreich durch. Von ihr erwärnit, gingen die kleinen Nebelbläschen in dünne Wasser- stäubchcn über, die ciiie Zeit lang in der Lust umherwogten, und dann nach und nach zur Erde sielen. Und nun glänzte die Sonne am milden blauen Oktoberhimmel, und die recht kühle Morgenluft erwärmte sich rasch. Am Grase des Wegrandes und des Waldbodens strahlte der Thon, und Habichtskraut und Glockenblumen öffneten ihre durch die nächtliche Kälte zusammengezogenen Blüthen von neuem der leuchtenden Sonne. Dem Kiefcrnwalde sah inan nur wenig die Spuren des Herbstes an. Hier und da freilich erinnerten die braunen Wedel des Farn» krauts, die rothen Blätter an den Brombeersträuchern und das gelbe Laub einer Birke an die vorgerückte Jahreszeit. Aber im ganzen hatte er in dem Immergrün seiner Nadelftonen auch jetzt denselben Charakter unvergänglicher Frische, den er das ganze Jahr hindurch zeigt. Das Bild der Natur änderte sich jedoch sofort, als die Straße den Wald verließ. Herr Tanzmann sah vor sich ein weites Gelände brauner Sturzäcker und lichtgrüncr Saatfelder, auf denen der vor wenig Wochen gesäete Roggen eben in dünnen Halmen hervor- gebrochen war. Das ganze Gelände lag ziemlich hoch, nur an einer Seite senkte eS sich in sanftem Abhang nach Wiesen herab, deren saftiges Herbftgrün von schwarzen Torftümpeln unter- brechen war. Herr Tanzmaun wandte sich auf einem Seiten« Wege nach diesem Abhänge hin, wo inmitten von bimtbclaubten Bäumen ein kleiner Hof sichtbar wurde. Herrn Tanzniann ichlug das Herz etwas schneller, als er sich dem kleinen Hause näherte. Hier wohnte Frau Tanzmann, seine Mutter. Die Hütte sah noch immer so traulich aus wie früher, als er selbst hier wohnte. Das verhältnißmähig hohe Ziegeldach, die grünen Läden zur Seite der kleinen Fenster, die drei Sandsleinstufen vor der braunen Hausthür. alles war wie ftüher. Vor dem Hause zog sich eine Mauer aus Findlingssteinen hin, die ganz mit purpurrotem wildem Wein umzogen war. Herr Tanzmaun trat durch die kleine Holzthiir, die neben dem großen Thor lag, in den Hof, wo vor der Scheune und dem Stallgcbäude Hühner, Gänse und anderes Federvieh sich tummelte. Ein großer schwarzer Hund kroch knurrend aus seiner Hütte und bellte den Ankommenden laut an, unterbrach sich jedoch schnell und niachtc mit den Beinen und dem Kopfe wiegende bewillkommnende Bewegungen. Herr Tanzmaun streichelte das Thier, um dann nach Dorfgebrauch durch die Hinterthür in das Wohnhaus einzutreten. Die Frau Tanzmaun war gerade in der Küche und schabte Mohr- rübcn. Als sie ihren Sohn bemerkte, fiel ihr das Messer aus der Hand, sie sprang auf und rief:„Herr Tanzmann, Du!" Dann rannte sie an das Waschbecken, wusch die Hände, trocknete sie ab und streckte ihm dann die Rechte entgegen. Und während Herr Tanzmann sie herzlich begrüßte und sie fragte und auf sie ein- redete, sprach sie fast kein Wort, lief einmal zu ihren Mohrrüben, dann rückte sie ihre Blumentöpfe mit den Küchenkräutern am Fenster zurccht, dami stocherte sie mit dem eisernen Haken in dem Feuer der Maschine herum, aus dem ein gemüthlichcr Torfgcruch hervor- stieg. Herr Tanzmann kannte sie, sie war in voller Aufregung, und man mußte ihr Zeft lassen, um ihrer Gefühle der Freude, die sie nicht ausdrücken konnte, mit diesem seltsamen Gebühren Herr zu werden. Er wußte aber, wie ihr am besten!beiz«kom»ien war. Er wies auf die Kartoffeln hin, die in einem Korbe neben dem Küchen- spind standen. „Na, sind die Kartoffeln alle ausgebuddelt?" „Ja," sagte sie,„damit sind wir ichou lauge fertig.� „Diese hier sind nicht schlecht; sind sie alle gut gerathen?" „Es könnte schon besser sein," antivortete sie. Sie gehörte zu denen, die niemals zugeben, daß etwas gut ist, wohl aus Besorgniß, daß sie es„berufen" könnte. Herr Tanzmann mußte deshalb fragen: „Waren viel faule darunter?" „Das ja gerade nicht," meinte sie. „Sind viel kleine dabei?" „Ach, das nun gerade auch nicht." Herr Tanzmann schloß daraus, daß ihre Kartoffelernte vorzüglich gewesen sein mußte. Dann kam er auf die Runkelrüben zu sprechen, wobei seine Mutter von einer völligen Mißernte sprach. Durch Kreuz- und Querfragen erfuhr er aber, daß nur das Kraut durch einige Septemberfröste etwas beschädigt worden war. Mit den Pflaumcii war sie auch nicht zufrieden, die wären alle madig gewesen. Doch mußte sie ans Herrn TanzmamVs geschickte Fragen zugeben, daß sie ein paar Zentner mehr verkauft hatte als andere Jahre und daß sie einen recht annehmbaren Preis bekommen hatte. Bei diesen Ge- sprächen aber wurde sie zusehends nmntcrer und lebendiger, denn nun sah sie, daß ihr Sohn in der Stadt nicht hochmüthig geworden war und noch ein Interesse für Kartoffeln. Runkelrüben, Hof, Garten und Feld bewahrt hatte. Trotzdem guckte sie ihn noch nranchinal mißtrauisch an und einmal nahm sie ihn zur Seite und sagte leise: „Du, Herr Tanzmann, Du kannst mir's offen eingestehen: Kommst Du noch manchmal heraus aus Berlin... ins Freie?" Als ihr ihr Sohn nun feierlich versichert hatte, daß er noch der alte Sonntagswanderer sei wie immer, war sie zufrieden und nun plauderte sie weiter über allerlei. Herr Tauzmann ging in Haus und Hof umher, um alles zu besichligeu. In der guten Stnbc trug sie ihmß dann ein Frühstück auf. alles Produkte ihrer Wirthschaft: Bauernbrot, das sie selber gebacken, Butter und Käse von ihrer Kuh, sodann Rcttige nnd ein Glas Johannisbeerwcin, den sie so köstlich bereitete. Und während Herr Tanzmann mit dem Appetit aß. der ihm eigen und durch die Wanderung noch verstärkt war, zeigte sie ihm ihre Zimmcrblumcn. Palmen,.uaktecu und blühende Gewächse aller Art. von denen sie die meisten selber aus Samen gezogen hatte. Dann gingen sie hinaus in den großen Garten, ein Mittel- ding zwischen Nutzland und Wald. Denn Frau Tauzmann, in ihrer Liebe für die Natur, hatte von jeher eine Leidenschaft gehabt, die verschiedenartigsten Pflanzen Bäume, Sträuchcr, Blumen. Nutz- geivächsc in ihrem Garten anzusiedeln, und so lagen regelmäßige Gcmiiscrabatten neben Bluntcnrondells, ein dichter, etwa einen Morgen umfassender Laubwald erhob sich inmitten von Grasflächcn, Obstbäume wechselten ab mit wilden Straiicharuppen. Jetzt prangte der Garten in den prächttgitcn bunten Farben des Herbstes. Born in der Nähe des Hauses blühten noch die Spät- linge der Blumenwest, duftende Lcvkoyen, gelbe Ringelblumen und hohe buschige lilafarbige Hcrbstastern. Dann kamen große Beete Sonnciiblnmcn, die ihre gebräunten Riesenköpfe senkten. Frau Tanz- mann zog sie der Kerne'wegen, mit denen sie ihre Hübner fütterte. Jetzt naschten bereits Spatzen und Meisen von.den ölhaltigen Samen der Blumen. Die Gemiisebeete waren bereits leer und zun, theil umgegraben, nur der Grünkohl, Rosenkohl und Sellerie grünten noch in regelmäßigen Reihen. Hinter der Scheune, deren nach Süden gerichtete Wand mit Wein überzogen war, befand sich ihr „Treibhaus". Hier in diesem Winkel, der vor rauhen Winden geschützt war, und zu dein die Sonne den ganzen Tag Über ihre Strahlen niedersenden tonnte, herrschte jederzeit eine unr mehrere Grad höhere Temperatur als im übrigen Garten. Hier standen Psirsich- und Aprikoscnbäumchcn noch im fast vollen grünen Schmucke ihrer Blätter, hier befanden sich einige Apfel- Pyramiden, voller herrlicher großer Früchte, hier prangten noch knall- rorhe Tomaten an ihreni etwas durch die Kälte verunzirten Kraut, hier wuchsen Artischocken, Eierpflanzen nnd andere jttndcr eines südlichen Klimas, die hier in diesem warmen Winkel recht gut ge- diehen. Sogar einige Tabakpflauzcn bemerkte Herr Tanzmann hier. „Na, na, Mutti," sagte er lächelnd,„Du rauchst wohl gar neuer- dings?" „Ei behüte und bewahre!" rief sie entsetzt. Und sie entschuldigte sich lange und bemühte sich, ihm klar zu machen, daß sie die Pflanzen „man nur so wachsen sehen möchte". So mußte sie sich oft ent- schuldigen, denn ihre Freundinnen vom nahen Dorfe, die sich häufig bei der erfahrenen Frau Rath holten oder ihr Gesellschaft leisteten, wollten freilich nichts gelten lassen, als was Nutzen brachte. Herr Tanzmann streichelte ihr sanft die Wange und sagte: „Mütterchen, vor mir brauchst Du Dich nicht zu entschuldigen, Dein Sohn ist ein so kurioser Kerl, daß er oft meilenivcit rennt, um irgend ein schäbiges Unkraut zu sehen," „Na ja, ich kenn' Dich ja." sagte sie.„Ich will Dir aber eine Lehre geben. Herr Tanzmann: Man lernt in der Natur nie aus, ich nicht und Du nicht!" Sie wandte» sich nun dem Theil de? Gartens zu, der mehr einer waldigen Landschaft glich, aber einer Landschaft, die die Kenn- zeichen der verschiedensten Gegenden in sich vereinigte. Da kamen sie an einer großen Buschgruppe vorüber, in der die verschiedenarttgsten Hcrbstsarben. gleichsam vereint, einen wunderbaren Effekt inachtcn. Das fcuerrothe Laub der amerikanischen Scharlacheiche vermischte sich mit dem hellen Gelb einiger Ulmen und dem Braun eines breit- kronigen Kastauienbaumes, und darunter bildeten Hartriegel mit dnnkelviolettem Laub, eine Oelwcide mit silbergrauen Blättem und Essiabäumchcn mit roth-gelb-grün changirendeni Laube ein färben- fteu'diges Buschwerk. Trotz der schillernden Buntheit hatten die Farben dieser Blätter doch jene milde weiche Nüancirung, die das Hcrbstkolorit zum Ausdruck des ruhigen Entsagens, des wehmüthigen Hinsterbens macht. Frau Tanzmann ging mit ihrein Sohne weiter durch einen kleinen Birkenhain. Die weißen Stämme der schlanken Bäume reckten sich, oft ivunderlich gebogen, hinauf in den blauen Oktober- Himmel, und das zierliche gelbe Laub umfing ihre Zweige wie in gebrochener Kraft. „Du warst lange nicht hier, Herr Tanzmann", sagte sie.„Wirst Du nicht einmal wieder ganz zurückkehren hierher zu nrir, mein Sohn?" „Ich weiß es nicht," sagte er trübe. Und er dachte an die Stadt, an deren Steinmauern er min einmal gebunden war. Bielleicht würde er doch eimnal zurückkehren, später, später, wenn er einmal gefunden, was er suchte. Dann würde er zu diesem stillen Frieden zurückkehren. Aber jetzt, jetzt suchte er keinen Frieden.— Sie setzten sich beide ans eine Bank unter einem alten Hasel- busch. und während sie ihm von all den lieben Stätten des Gartens erzählte, die er von Kindheit an kannte, sah er gedankenvoll zn, wie drüben ein Blatt von einem Birkcnzweige sich loslöste, wie es in langsamem Falle in der Lust umherwirbclte und sich überschlug, wie es dann ruhig herabschwebte und lautlos niedersank ins dürre Gras.— Curt Grottewitz. Nleinrs Isouillekon. Wie soll man singe«? Man sollte meinen, die Beant« worttmg dieser Frage wäre kinderleicht:„Singe, wie Dir der Schnabel gewachsen ist!"— Die Gesangslehrer haben darüber freilich eine andere Ansicht, und es ist ganz interessant, von den einzelnen zu erfahren, wie man eigentlich fingen soll.„Der Ton", sagt der eine,„muß jederzeit vorne sitzen.' sonst trägt er nicht. Das iverden Sie nur erreichen, wenn Sie etwas durch die Nase singen. Ziehen Sie also gefälligst die Oberlippe möglichst hinauf, färben Sie den Ton möglichst hell und lassen Sie ihn oberhalb der Borderzähne anprallen!"—„Nein," behauptet ein anderer,„der Ton darf, wenn er wirklich edel klingen soll, nur am Gaumen resoniren, muß gedeckt und möglichst dunkel gefärbt werden!"—„DaS macht sich alles von selbst," meint ein Dritter, „wenn Sie nur hübsch in den Kopf hinauf singen und daim den Ton etivaS durch die Nase heruittersttcichcn lassen."—„Sie dürfen um des Himmels willen nicht hinauf singen, mein Lieber, inrmer herunter— der Ton muß gleichsam noch einmal zurückkehren, unr drunten zu resoniren, worauf er leicht und elegant herausgeschleudert wird!"—„Sie quetschen und knödeln entsetzlich, Bcrehrtestcr,..bringerr Sie doch schöne offene Töne! Ziehen Sie die Oberlippe möglichst hinauf, die Unterlippe möglichst hinunter, und bringen Sie die beiden Kiefer einander bis auf fünf Millimeter nahe, wozu Sie kräftigst„i" singen! Sie werden sehen, das allein bringt den Ton vor."—„Grundfalsch l" ruft ein anderer,„die beiden Lippen ge- hören wie zn einer Schallttompcte verlängert und möglichst West vorgestreckt— nur die kleine Form des Mundes bringt' die großen Töne!"—„Alles Unsinn I Färben Sie jeden Ton nach„u", und Sie bekommen die schönsten Kopftöne; singen Sie nicht hinaus und nicht herrmter, sondern schnurgeradeaus•, lasten Sie den Ton an der unteren vorderen Zahnrcihe resoniren, schleudern ihn dann auf den vorderen Theil des Gaumes zurück, worauf Sie ihn erst aus dem Munde entsenden!"— ß,M. N. N.") Theater. —hl. In der Freien Volksbühne wurde am Sonntag Grillparze r's Trauerspiel„Des Meeres und der Liebe Wellen" vor der ersten Abtheilung aufgeführt. Die Vorstellung war diesmal im Friedrich-Wilhelmstädtischcn Theater, für die wichttgen Rollen hatte man jedoch Gäste von anderen Theatern gewonnen. Man kann sich wohl vorstellen, daß das Stück an dieser Stelle einen tiefen Eindruck hinterlassen könnte. Sein Inhalt ist einfach: das Lied von den Liebenden, die auch das breite Meer nicht zu trennen vermag. Es käme alles darauf an, den inneren Gehalt des Stückes, die. seelische EntWickelung der Hero, und seine dichterische Schönheit, die in den Versen, der glänzenden griechischen Szenerie und nicht zuletzt in der Schönheit der Menschen selbst lebt, herauszuarbeiten. So würde daS Stück wirken— aber auch nur so. Wie es am Sonntag dargestellt wurde, ließ es die Zuschauer kalt; man hatte sehr stark die Enipfindung, daß eine Beziehung zwischen der Bühne und denr Publikum sich nicht einstellen wollte. Es wurde in schleppendem Tempo gespielt. Die dramatische Steigerung kann eben nur durch eine glänzende Darstellung der Rolle der Hero gebracht werden; fällt sie fort, so ist damit dem Trauerspiel schon der beste Theil seiner Wirkung genommen. Frl. Eisenhut war bei aller Herrschaft über die schauspielerischen Mittel doch nicht die Hero, wie der Dichter sie sich dachte, jenes traumverlorene, durch die Liebe wie in eine andere Welt ver- setzte Weib, und nur zum Schluß, im Ausdruck des Schmerzes, ver« mochte sie eine wärmere Wirkung auszuüben. Auch die Jnszeuirung wurde dem Charakter des Stückes nicht gerecht. So ivurde, um ein Beispiel für viele zu erwähnen, der Schluß des vierten Auf- zrigcs ganz verdorben. Ein dramatisch sehr wirksames Bild: Es ist Nacht geworden. Das Licht aus Hero's Zimmer dringt allein durch die Finsterniß, ein Leitstern dein kiihnen Schwimmer. Hero ist, von den Anstrengungen des Tages übermüdet, unten eingeschlafen. Da erlischt das Licht, das der Priester dem heranziehenden Sturm aus- gesetzt hat, man weiß, Leander schwimmt über das wild erregte - Meer— in der Nacht, ohne das leuchtende Ziel... Statt dessen blieb die ganze Bühne ziemlich hell, und das Licht leuchtete frenild- lich weiter.— Musik. — Von Joseph Scheu liegen uns aus dem Verlag I. Günther(Dresden) mehrere Männerchöre vor.— Neue Kunsl- fonnen sind am ehesten aus neuen Kulturelcmenten heraus zu . erhoffen. Was an solchen die sozialen Bewegungen erzeugt haben, das hat uns noch immer keinen eigenartigen Ausichwung der Kunst gebracht, vielleicht einiges Kunstgewerbliche ausgenommen. Auch die vorliegenden Kompositionen zeigen noch keine aus unseren neuen Welten geholten Keime neuer musikalischer Formen. Sie bewegen ' sich innerhalb des alten Männcrgcsangsstilcs und seines an Märsche und dergleichen erinnernden mechanischen Rythmus; doch gerade mit einer Ueberwindung dieses Mechanismus scheint uns der Fort- schritt zu einer weniger gekünstelten und mehr natürlichen Volkskunst der Töne einsetzen zu können. Allein inner- halb dieses Rahmens bieten die vorliegenden.Leistungen sehr Anerkennenswerthes. Stainmen sie doch von einem Manne, der seit 1868(da sein.Lied der Arbeit" zum ersten Mal aufgeführt ward) zu Wien mitten in reicher Thätigkcit als Gesangs- und Chormeiftcr und als Vorkämpfer der„Arbeiter-Gesangvereine" steht(eine Broschüre dieses Titels ist von ihm ebenfalls bei Günther erschienen). Er ivcisi auch treffliche Texte zu finden: wir nennen besonders Dehmells „Nur Zeit", das vom„Simplicissimus"(1896) als„das beste, sang- bare Lied aus dem deutschen Volksleben" preisgekrönt wurde. Scheu's Chöre stellen den Ausführenden immerhin tüchtige Aufgaben, aber keine übennäsiigen Anforderungen und sind gut sangbar. Nehmen wir noch die mäßigen Preise dazu, so können sie den cnt- sprechenden Vereinigungen empfohlen werden; allerdings mit dem Rath, ihr Repcrtoir nicht etwa auf Tendenzstücke einzuschränken.— KZ. Kunstgewerbe. — Preisausschreiben. Zur Erlangung eines N m- s ch I a g e s fiir die„Berliner Ar ch i t e k t u r w e lt" wurde von der Finna Ernst Wasnmth(Berlin, Markgrafenstr. 36) ein all- gemeiner Wettbewerb ausgeschrieben. Zur Vertheilung kommen drei Preise: Ein erster Preis von 600 M. und zwei zweite Preise von je 260 M.— Völkerkunde. Kg. UeberSchädelmasken, die sich bei den Eingeborenen auf den Inseln der Südsee finden, bringt Frobenius im neuesten Heft des„Internationalen Archiv für Ethnographie" interesiante Mittheilungen. Die SchädclmaSken sind aus den vorderen Schädel- beinen hergestellt, auf denen das Gesicht, den Formen des lebenden Menschen entsprechend, mit Kalkmasse aufgearbeitet ist. Ein Knochen oder ein Stückchen Holz dient dazu, vom Träger mit den Zähnen gepackt zu werden. Ihre Bedeutung ergiebt sich aus den einfachen Motiven und Sitten der Schädelverehruug. Mit Hilfe der Schädel- maske glauben die Eingeborenen, durch Inspiration Gewalt über die Geister zu gewinne». Wenn z. B. auf Mabiae bei Cap Uorl die Knochen des verstorbenen Häuptlings»ach einigen Monaten wieder ausgegraben werden, tritt der Häuptling mit dem Schädel in den Kreis der Männer, und nun ist ihm alles, selbst Todt- schlag erlaubt, weil er im Namen des Tobten handelt. In einer Mythe auf Badu, einer Insel der Torrcsstraße, wird einem von allen Seiten verfolgten Jüngling endlich Hilfe durch zwei Schädel, die er aus einer Leichcnhlltte nimmt und die ihm jede Macht vcr- leihen. In beiden Fällen geht die Geistermacht auf den Schädel- träger über. Damit sind auch die ldu-Unnau, die Dicbesamulctte der Neubritannier erklärt: es sind amulettartige Miniaturausgaben der großen Schädelmaskcn, durch die Geistcrgcwalt übertragen wird. Nach. Bastian werden diese auch an einem Gehänge im Munde gc- tragen, und zwar von denen, die vom Häuptling das Recht, ungestraft zu stehlen, erlaugt haben, lieber die Frage, wie weit die Schädel- maskcn verbreitet sind, ist von den Forschern viel gestritten worden. Soviel steht fest, daß der Verbreitungskreis einst ein größerer gewesen ist als jetzt. Auf Neuirland, Reubritannien bis zu de» Inseln der Torresstraße hin und auf den Neue» Hebriden wurden in den Grund- formen übereinstimmende Schädelmasken gefunden. Bei vielen späteren jedoch dient der aufgeklebten Masse statt des Schädelgerüstes «tzle rohe Holzarbeit zur Unterlage.— Geographisches. t. In den Veröffentlichungen der Kommission für Erdbeben- Untersuchung in Japan veröffentlicht Kimura einen vorläufigen Bericht über seine Untersuchungen bezüglich der geographischen Breite von Tokio. In den letzten Jahren ist es an ver- fchiedenen Orten Europa'? und Amerika's durch sehr genaue Messungen festgestellt worden, daß die geographische Breite der be- treffenden Bcobachtungsortc nicht immer dieselbe ist, sondern in kurzer Zeit um einen kleinen Betrag schwankt. Kimura hat dasselbe nun auch von der japanischen Hauptstadt nachgewiesen. Die Schwankungen betrugen innerhalb zwei Jahren bis zu einer halben Bogcnsckunde. Zu erklären sind dieselben nur durch gewisse Ver- fchiebungen der Erdpole.— Aus dem Thierleben. — Die Analdrüsen der Insekten in den letzten Hinterleibs ringen sondern meist Vertheidigungsstoffe ab, wie das Wespen- und Bienengift, scharfe oder übelriechende Stoffe, die oft nach Blausäure oder Buttersäure duften, wie die der Vom- bardirkäfer und anderer Carabidcn und Silphiden. Sehr entwickelt sind diese Drüsen, wie L. Bordage neuerlich gefunden hat, bei den breiten Wasscrkälbchen(Dyticiden), bei denen sie in einen geräumigen Sammelbehälter münden. Durch die schnelle Zusammenziehung der muskulösen Wände dieses Behälters werden sie plötzlich in reichlicher Menge ins Wasser ausgestoßen und bilden dort eine bräunliche Wolke, hinter welcher sich der Käfer seinen Verfolgern entzieht. Er bedient sich also eines ähnlichen Fluchtmittels, wie die Tintenfische und gewisse Flossenschncckcn, auch besitzt die Ausscheidung der Wasser- käfer einen penetranten, an den Fingern lange haftenden Geruch. Bei den Gallwespen erzeugt die Ausscheidung derselben Drüsen den Reiz, welcher die Gewebewucherung(Galle) der Pflanzen verursacht, die der jungen Brut dieser Insekten als Schutz und Nahrung dient. Die Funktion der Analdrüsen ist somit eine ebenso vielseitige als wichtige für die verschiedensten Ordnungen der Kerbthiere.— („Prometheus.") Humoristisches. — Berliner Junge. Vater(zu seinem Erstgeborenen): „Kiek mal, Fritze, det is Dein neuet Schwesterkc», wat der Storch heute Nacht jebracht hat." Fritz(4 Jahre alt, verächtlich auf das Liimenknänel blickend): „Hat se Beene?"— — Ein Vergnügen. Rodlerin(hat einen Baum an- gefahren und sitzt nun neben ihrem verbogenen Rade auf der Erde): „Ach du lieber Himmel I Wenn mir das Radfahren nicht so viel Vergnügen machte— ich hätte diese Schinderei schon herz- lich satt!"—(„Jugend".) — Fatale Verwechselung. Dr. Hinter:„Da ist mir vor ein paar Tagen eine fatale Verwechselung passirt. Ich war zer- streut und gab von zwei Patienten jedem die Medizin, die der andere hätte kriegen sollen. Natürlich verlor ich beide. Freund:„Gestorben?" Dr. Hinter:„Nein, gesund gelvorden."— Vermischtes vom Tage. — Unter einer Wildenten plage hat in diesem Herbst das Dorf Rethwisch an der Ostseeküste zu leiden. Die Enten sind auf einzelne Schläge zu Hunderten eingefallen und haben erheblichen Schaden angerichtet.— — In Bayreuth durchschnitt ein Spimrerei-Nrbeiter seinen drei jsindern die Hälse und ließ sich dann von einem Eisenbahnznge überfahren.— — In Graßlfing(Bayern) verkaufte ein Besitzer sein Haus, weil er sich vor Nattern nicht mehr retten konnte. Bei einer gründlichen Durchsuchung des Hauses wurden 156 Nattern zu tage gesördcrt und getödtct.— — Zu S t. Georgen in Baden ist eine große M ü h l e abgebrannt. Ein Ivjähriger schwerhöriger Mann kam in den Flammen um.— — Ein früherer Student der Philosophie verübte in Heidelberg und Baden-Baden 17 Einbrüche.— — Ans Sitte u(Schweiz) wird gemeldet: Der�L uftschiffer Spelterini, der das ganze A l p e n m a s s i v j,voil Sitten bis zum Bodensce mit seinem Luftballon überfliegen will, ist am 3. Oktober, vormittags 11 Uhr, hier a u f g c st i e g e n. In der Begleitung Spelterini's befinden sich Profeisor Heim-Zürich. Dr. Maurer vom meteorologischen Bureau in Zürich. Professor Forel- Morges, Professor Berg-Escll von Straßbnrg und Dr. Biedermann aus Rußland. Die Ballon-Expcdition trägt einen rein Wissenschaft- lichcn Charakter; der Ballon ist mit ivisscnschastlichcn Instrumenten reich ausgestattet. Spclteriiii rechnet auf eine Fahrt von 10 bis 11 Sttmdcn und hoff: bei günstigem Wind im Rbeiuthal zn landen.— — Ein Genosse in Krakau erhielt während des BclagcrungS- zustandcs einen Brief aus Czernolvitz. Darin theilt ihm ein Ge- nossc mit, sein Sohn wäre„radikaler als sein Vater, ein fönnlicher Anarchist im Hause". Der Brief wurde von der Polizei auf- gefangen. Eine Untersuchung wird eingeleitet, ein ganzer Apparat von der Polizei in Bewegung gesetzt, und es wird festgestellt, daß der Anarchist im Hause— drei Jahre alt ist.— — In einem von Rom kommenden Zuge wurde in Rieti ein etwa dreißigjähriger Manu todt aufgefunden. Er hatte zwei Dolchstiche in Kopf und Hals erhalten. Das Portefeuille des Todten war leer, die Uhr und die goldene Kette zerbrochen.— — Drei Tage anhaltende heftige Regengüsse verursachten in C» n e o ein Anschwellen der Flüsse. Die reißenden Ströme richteten gewaltigen Schaden an, zerstörten die Eisenbahnbrücke auf der Linie C uneo-Limone und die Brücke auf der Landstraße Cuneo-Turin.—.�. — Chinesisch. Der jetzige Herzog in K i u g- f u m China zählt sechsundsiebzig Ahnen und führt seine Abstammung direkt auf C o n f u c i u S zurück. Da kommt keiner mit I—_ Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Atnx Babing in Berlin.