NnterHaltungsblatt des WsrwSMs Nr. Z95. Mittwoch, den. 5 Oktober. 1398 (Nachdruck vcrboleu.) Roman von Georges Eekhoud. II. So wenig wie beim zweiten Besuch wollte es Laurent in der Folgezeit, die er während der Schulferien im Hause des Vormundes verbrachte, gelingen, sich in die neuen Ver- hältnisse einzugewöhnen. Er fühlte sich nach wie vor als Eindringling, der, unversehens hereingeschneit, allen im Wege steht. Ehe er noch seinen Koffer aus der Hand gesetzt hatte, er- kundigte man sich schon nach der Dauer seines Ferienaufenthalts, und während von seiner Person gar nicht die Rede war, beschäftigte man sich um so angelegentlicher mit dem Zustande seiner Sachen. Dem Empfang fehlte auch die Spur herz- lichen Entgegenkommens: Base Lydia bot dem Jungen theil- nahmslos die zitronengelbe Wange zum Shijj, Gina schien ihn seit dem letzten Mal vergessen zu haben, und was den Vetter Guillaume anbetraf, so konnte man dem Vielbeschäftigten im Ernst kaum zumuthen, seine Thätigkeit einer so geringfügigen Angelegenheit wie der Ankunft dieses Schlingels zu Liebe auch nur einen Augenblick zu unterbrechen. Er würde ihn ja bei der nächsten Mahlzeit noch früh genug zu Gesicht be- kommen!„Na, da bist Du ja wieder! Wirst Du endlich einmal vernünftig? Machst Du jetzt bessere Fortschritte in der Schule Immer und ewig dieselben im Tone des berechtigten Mißtrauens gestellten Fragen, nie ein Wort des austnunternden Lobes. Brachte Laurent Schulprännen mit nach Hause, dann hatte er die Auszeichnung natürlich nur einem zufälligen Glücksumstand zu danken, und dann erhielt er sie auch gerade immer in Fächern, auf die Herr Dobouziez am allerwenigsten Werth legte. Bei Tische blieben die runden Glotzaugen der unversöhn- lichen Base mit vorwurfsvollem Blick auf ihm haften, als wenn sie ihm aus dem gesunden Appetit seiner zwölf Jahre ein Verbrechen machten. Diese ständige Beaufsichtigung brachte es in der That zu Wege, daß das Glas, daß er zum Munde führen wollte, seinen zitternden Händen entglitt und die auf dem Teller tanzende Gabel die Fleischstücke nicht aufzuspießen vermochte. Und wenn Laurent für diese Ungeschicklichkeit auch nicht gescholten wurde, so ließ doch der verächtliche Ausdruck, der sich auf Base Lydia's Gesicht malte, nicht den geringsten Zweifel über die Gedanken, die die gute Frau nicht laut werden ließ. Aber dieses verächtliche Mienenspiel war nichts im Vergleich zu dem spöttischen Lachen, das die Lippen der untadeligen Gina bei solchen Gelegenheiten umspielte. Vetter Guillaume ließ lange auf sich warten, ehe er der Aufforderung, zu Tische zu kommen, Folge leistete. Kam er dann endlich, so nahm er mit nachdenklicher Miene und sorgenvollem Gesichtsausdruck Platz, wälzte in seinem Kopf Plane über neu einzuführende Erfindungen und Verbesserungen des Betriebes, die das Fahrikationsverfahren billiger und lohnender gestalten konnten, und zermarterte sein Hirn mit end- losen Berechnungen. Mit seiner Frau unterhielt er sich aus- schließlich über geschäftliche Angelegenheiten, wobei Dame Lydia staunenswerthe Kenntnisse entwickelte und mit barbarischen technischen Ausdrücken um sich warf, die das Entzücken des erfahrensten Fachmanns erregt hätten. Herr Dobouziez beschäftigte sich unaufhörlich mit seinen Zahlen und Berechnungen, nur wenn er sein schönes Töchter- lein bewundernd hätschelte, huschte ein heller Strahl sonniger Heiterkeit über das ernste Gesicht des grämlichen Geschäfts- mannes. Laurent wurde es mehr und mehr klar, welch' innige und überschwängliche Zuneigung die beiden Wesen mit einander verband. Wie der steifleinene Zahlenmensch menschlich wärmer wurde, wenn er sich mit der Tochter beschäftigte, so legte auch das verwöhnte Mädchen im Verkehr mit dem Vater sein hoch- müthiges Wesen ab und verzichtete auch aus den losen, recht- haberischen Ton, der sonst aus seiner Rede herausklang. Dafür ließ es sich aber auch Herr Dobouziez mit unermüd- lichem Fleiß angelegen sein, alle Wünsche des Töchterleins zu erfüllen und ihre tollsten Launen zu befriedigen, ja er ergriff selbst der Mutter gegenüber stets die Partei Gina's, mit der sich der praktische, nüchterne Geschäftsmann über allerlei thörichte Firlefanzereien wie ein Kind amüsirte. Bei jedem neuen Ferienaufenthalt fand Laurent seine kleine Kousine schöner, gleichzeitig aber vergrößerte sich auch der Ab- stand, der sie von ihm trennte, inimer mehr. Die Eltern hatten Gina aus der Pension genommen und ließen sie zu Hause durch geschickte und standesgemäße Lehrer für ihren dereinstigen Beruf als reiche Erbin vorbereiten. Das stattliche Mädchen fühlte sich nachgerade zu sehr als junge Dame, um sich in der bisherigen Weise mit Laurent abzugeben, es empfing und erwiderte jetzt die Besuche seiner Freundinnen, unter denen die kleinen Vanderlings, die Töchter des angesehensten Advokaten der Stadt, ein paar blonde, lebhafte Plappermäulchen, seine ständigen Gefährten beim Studiren wie beim Ver- gnügen waren. Und wenn sich Gina ja ausnahmsweise in Ermangelung anderer Zerstreuung soweit vergaß, mit dem Bauernjungen zu spielen, so war Frau Lydia gewiß bald bei der Haud, dem unschicklichen Vergnügen ein Ende zu machen. Dann erschien Felicitas auf der Bildsläche, um das gnädige Fräulein abzurufen; bald war der eine oder der andere Professor zu nielden, bald wollte die gnädige Frau mit dem Fräulein Einkäufe besorgen, oder die Schneiderin wartete mit der Anprobe, kurz ein Vorwand war stets gefunden, und gar oft kam die bewährte Stütze der Hausfrau auch zuvor und entledigte sich in weiser Erkenntniß der Absichten ihrer Herrin auf eigene Faust ihrer Aussichts- und Anstandspflicht mit einem Eifer, der einer besseren Sache Werth gewesen. Dobouziez's Fabrik befand sich in so blühendem Aufschwung, daß die Vergrößerung des Betriebes jedes Jahr Erweiterungs- bauten nothwendig machte, die ein Stück nach dem anderen des die Villa umgebenden Gartens in Anspruch nahmen. Laurent bemerkte nicht ohne Bedauern, daß das Labyrinth mit seinem Thurm und seinem Ententümpel verschwunden war. Er hatte das scheußliche Ding Gina's wegen ordentlich lieb gewonnen. Und wie das Fabrikgebäude, so erweiterte sich auch das Wohnhaus auf Kosten der Gartenanlagen. In Rücksicht auf den bevorstehenden Eintritt ihrer Tochter in die Gesellschaft hatten die Dobouziez's ihre Villa zu einem wahren Palast ausgebaut, dessen imposante äimnrerflucht die Lieferanten der feinsten Antwerpener esellschastskreise möblirt und ausgestattet hatten. Vetter Guillaume hatte die Verschönerungsarbeiten wohl geleitet, sich im einzeln aber ganz aus die Wahl und den Geschmack seines Töchterleins verlassen. Semem Liebling hatte er zwei mit erlesenem Geschmack eingerichtete Zimmer eingeräumt, die mit ihrer blau und silberfarbenen Ausstattung das Entzücken der verwöhntesten Salonlöwin erregt hätten. Der bauliche Umgestaltungsprozeß, der nichts unverschont ließ, hatte auch dem Winkel, der dem jungen Paridael als vorübergehendes Absteigequartier diente, ein verändertes Aussehen gegeben. Es war dem Schüler so wie so nur un- gern eingeräumt worden, und Felicitas hatte ihn just so weit aufgeräumt, um zur Roth eine eiserne Bettstelle aufstellen zu können. Da der Boden nicht mehr ausreichte, um die entbehrlich gewordenen alten Möbel aufzunehmen, so hatte die fürsorgliche Haushälterin, die die Kammer der Dienerschaft mit dem aus- rangirten Gerümpel nicht vollpfropsen wollte. alles auf Laurent's Stube schaffen lassen. Sie besorgte das Geschäft so gründlich, daß der Junge dem Augenblick entgegensah, wo er aus den Flur würde auswandern müssen. Im Grunde war Laurent die Sache gar nicht unangenehm. Das wüste Durcheinander allerlei Krimskrams, das sich in seiner Stube aufspeicherte, eröffnete ihm Ausblicke auf unverhoffte Unter- Haltung. Bestand doch zwischen dem hilflosen Waisenkind und den Gegenständen, die aufgehört hatten, der Herrschaft zu gefallen, eine gewisse Sympathie, die der Gleichartigkeit ihrer Verhältnisse entsprang. Aber Laurent mußte sich sorglich hüten, seine Freude über die Veränderung sichtbar werden zu lassen, der Hausdrachen hätte sich sonst gewiß beeilt, ihm fem Vergnügen zu nichte zu machen. So sah sich der Junge ge- nöthigt, allerlei verschmitzte Schmugglcrkniffe anzuwenden, um seine Schätze zu durchwühlen und die interessanten Funde, die er dabei entdeckte, bei Seite zu schaffen. Zur großen Freude des kleinen Einsiedlers häuften sich in seinem Dachstübchen auch die Bücher, die Herr Dobouziez als zu leichtfertig aus der Bibliothek hatte entfernen laffen. Es waren verbotene Früchte, wie die Blutpfirsiche und Him- — 7' beeren des Gartens. Die Mäuse battcn die Seitenränder der Bände bereits stark benagt, und Laurent ergötzte sich an den literarischen Resten, die ihm die gefräßigen Nagethiere gelassen. Oft genug war er so in seine Lektüre vertieft, daß er die ge- wohnte Vorsicht ganz außer acht ließ und um ein Haar von der auf den Fußspitzen heranschleichenden Felicitas erwischt wurde; und wenn ihn der Hausdrache auch nicht bei der That ertappte, so entging es der mißtrauischen Aufpasserin doch keineswegs, daß sich der Junge mit den Büchern zu schaffen gemacht hatte. Und dann begann ein Keifen und Schelten, ein Geschrei und ein Höllenlärm, der schließlich Frau Lydia herbeilockte. Einmal erwischte man Laurent gerade bei der Lektüre von„Paul und Virginie".„Ein schlechtes Buch! Du thätest besser, die Nase in Dein Mathematikbuch zu stecken!" ließ sich die Pathin vernehmen. Und Herr Dobouziez bestätigte die Ansicht seiner besseren Hälfte mit dem Hinzufügen, daß aus dem frühreifen Bürschchen, das sich den Kopf mit allerlei un- nützlichem Wust vollpfropfte und thörichten Phantastereien nachhing, nie etwas Rechtes werden würde, daß er Zeit seines Lebens ein armer Teufel bleiben würde wie Jacques Paridael. Ein verträumter Phantast! Mit welch' unsagbarer Verachtung der Vetter das Wort aussprach! An den Winterabenden suchte Laurent, so zeitig es nur ging, sein Dachstübchen auf. Unten im Speisezimmer, das er auch nach eingenommener Mahlzeit nicht verlassen durfte, fühlte er sich unbehaglich und als lästiger Fremder. Mein Gott, warum schickte man ihn denn nur nicht ins Bett? Wenn er sich auffällige Mühe gab, sich zu würdiger Haltung zu zwingen, wenn er verstohlen gähnte oder die Blicke von seinen Schulbüchern erhob, bevor es zehn Uhr— die geheiligte Ruhestunde— geschlagen hatte, rollte Base Lydia gar wüthend die runden Augen, und Gina warf sich höhnisch in die Brust und ließ es sich mit Fleiß angelegen sein, im Gegensatz zu dem schlafmüden Jungen besondere Munterkeit zu heucheln. Immer gescholten und beständiger Schuhriegelei aus- gesetzt, flüchtete sich Laurent auch tagsüber, so oft es ihm möglich war, hinauf unters Dach. Da man ihm die Bücher entzogen hatte, vertrieb er sich die Zeit, auf den Stuhl zu klettern, das Schiebefenster herunterzulassen und in die Lande hinaus zu sehen. Die niedrigen, rothen Vorstadthäuschen schloffen sich zu festen Inselgruppen zusammen. Die sich stetig vergrößernde Stadt hatte ihren Wallgürtel gesprengt und bedrohte das Vorland, dessen Ackerflächen ihre lüsterne Beutegier weckten. Schon zogen sich durch die Felder die abgesteckten Linien neuer Straßenzüge. Die Bordschwellen der Bürgersteige umsäumten bereits den Acker, den sich der enteignete Bauer bis zum letzten Augenblick zu nutze zu machen suchte. Mitten unter den Feld- flüchten ragte hier und da wie eine Vogelscheuche an der Spitze einer langen Stange die Tafel mit der Auffchrift„Baustellen zu verkaufen" und wie richtige Späher, wie die vorgeschobenen Vorposten des anrückenden Häuserheeres hatten an den Ecken der neuen Straßen Gastwirthschaften Posto gefaßt und blickten von der Höhe ihrer einförmigen etagenreichen Fassaden, die trotz des neuen Anstrichs schon ihr gemeines Alltagsgesicht er- kennen ließen, gar hochmüthig und verächtlich auf die plumpen, uneleganten Bauernhäuser, die so kleinmüthig dreinschauten, als wollten sie das Mitleid der Eroberer wachrufen. Kein rührenderes und eindrucksmächtigercs Bild als dieses Zusammen» treffen der Stadt mit dem Lande. Wirkliche Vorposten- gefechte lieferten beide einander! Die üppige, kraftstrotzende Landschaft mit dem gezwungenen verschmitzten Ausdruck breitete sich im Schatten der Festungs- werke, die den wirkungsvollen Hintergrund bildeten: krcnelirte Thorbogcn, dunkel wie Tunnelgewölbe und unter aufgewor- fenen Erdwällen halb begraben, mit Schießscharten versehene Mauern, Kasernen, deren schwermüthige Signale der Fabrik- glocke Antwort gaben._(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Vottt Skeinzeik � Mtonsthon. Die emsig fortschreitende Durchforschung der nachtertiären Bodenschichten ist in den vergangenen Jahrzehnten von großen Erfolgen begleitet gewesen und hat uns in den Stand gesetzt, ein ziemlich vollständiges und getreues Bild des Lebens und Treibens jener Periode zu gewinnen, die wir als die Urzeit des Menschengeschlechts zu bezeichnen pflegen. Besonders drei Fund- statten, Taubach bei Weimar. Schweizersbild bei Schaffhausen und Brünn in Mähren nebst seiner Umgegend lassen uns vorzügliche Blicke in das Jägerleben und die Jagdbeute des Stcinzcit-Menschen thun. Die ältesten Spuren des Menschen in Deutschland enthalten die Kalktuffe oder Travertinschichten von Taubach. Fünf und mehr Meter unter der Oberfläche stieß man hier in niemals gestörten Schichten auf die Lagerstätte urzeitlicher Jäger, durch Kohle und Asche bezeichnete Feuerstellen mit angebrannten und zerschlagenen Thierknochen, paläoltthischen, d. h. mir durch Schlagen, nicht durch Schleifen hergerichteten Feuersteingeräthen; in derselben Tiefe und dem Alter nach zweifellos dazu gehörig wurden der Milchbackenzahn eines Kindes und der Backenzahn eines Erwachsenen gefunden. Die Thierwelt, welche den Menschen hier umgab, beweist, daß diese Jäger sich hier nach dem Rückgang älterer Gletscher während einer Zwischeneiszeit dauernd niedergelassen hatten. Der inter- glaciale Bewohner von Taubach stand auf der Kulturstufe primitiver Jäger. Er erlegte den Urelcfanten, das wollhaarige Nashorn, den Urwisent, den Bären, Kirsche, Biber und kleinere Thierc, indem er sich mit Vorliebe jüngere Individuen aussuchte, die leichter zu er- legen waren und saftigeres Fleisch boten. Die Riesenleiber dieses Hochwildes wurden an Ort und Stelle zerlegt und nur einzelne leichter transportable Stücke an die Lagerfeuer geschleppt, ein Elefanten- bein, ein Bärenschinken und ähnliches. Die Knochen nutzte man sehr geschickt zu den nöthigsten Geräthschasten aus. Der halbe Unterkiefer des Höhlenbären gab ein vorzügliches Beil, das Hirschgeweih lieferte Hacken, Knochensplitter mit einem Theil des Gelenkkopfes als Handgriff bildeten Dolch und Pfriemen; Gelenkpfannen benutzte man zu kleinen Schöpfbechern und Löffeln. Von Thongefäßen findet sich keine Spur. Die Stcmgeräthe, Schaber, Messer, Bohrer, Meißel sind äußerst roh aus Feuerstein oder ähnlichem Material hergestellt; durch Zahnung verstand man jedoch, ihnen eine kräfttge, leistungs- fähige Kante zu geben. Ein einziges„Schmuckstück", ein aus dem Schivammgewebe' eines Knochens geschnitzter roher„Hänger", zeugt davon, daß auch damals schon der Mensch sich über das ünumgäng- lich Nöthige zum Angenehmen und Schönen zu erheben suchte. Obwohl in der Nähe eines Sees lebend, scheint dieser inter- glaciale Jäger keinen Fischfang getrieben zu haben. Dennoch mag er das Wasser nicht ohne Grund gesucht zu haben. Hier fanden sich zur Zeit der Abenddämmerung seine Beutethiere ein, die einen, um zu trinken, die anderen, um ihr Wild zu beschleichen. Zu den letzteren gehörten der Höhlcnlöwe, die Hyäne und der Wolf. Zu ihnen gesellt sich, im Schilf verborgen, der Mensch, der damals noch seines treuestcn Jagdgehilfen, des Hundes, entbehrte und des- halb mehr als späterhin auf das Auflauern und Beschleichen seiner Jagdbeute angewiesen war. Unter den Thonlagern von Klinge bei Kottbus befindet sich ein Torflager, das während einer Jnterglacial- Periode ein offenes Gewässer war und der Thierwelt in seiner Um- qebung als Tränke diente. Die ganze Fauna und Flora längst ent- schwundener Jahrtausende entsteht da vor unseren Augen. Die im Torf enthaltenen Reste zeigen eine Pflanzenwelt, die' der heutigen sehr ähnlich sah; mir wenige der damaligen Arten sind ausgestorben. Auf dem klaren Secspiegel entfalteten Mummel und Laichkraut, Jgellock und Nixkraut ihre Blätter und Blüthen. Dazwischen huschten Hechte und Schleie, Sumpf- schildkröten, kleine Schwimmkäfer, der pechschwarze Wasser- käfer und anderes Gcthier herum. Nun sinkt die Dämmerung herab, und durch das sie begleitende Schweigen dröhnt plötzlich der schwere Tritt der vorzeitlichen Nicscnhufthiere. Mit ihren Kälbern naht eine Elephantenheerde; ein Plätzchen abseits sucht sich das ein- same Rhinoceros; schnaubend jagt ein Trupp gewaltiger Bisons heran. Stolz wandelt der mit kolossalem Schaufelqehörn gekrönte Riesenhirsch; ihm folgen in Rudeln Elche und Hirsche. Vorsichtig nähert sich eine Schaar Wildpfcrde; eine Renthierhecrde löst sie ab. Und unbemerkt von allen lauert im Gesttüpp unweit des Trink- Platzes ein Häufchen nackter Gestalten, lautlos, stieren Auges, in den Händen das Steinbeil und den Speer mit der Hirschhorn- spitze, bereit, über ein sorgloses, vom Trupp abirrendes Stück herzufallen. In der That tragen mehrere Knochen- und Gelveihreste Einschnitte und Zertrümmerungen, die kaum anders als durch menschliche Thättgkeit zu erklären sind, während andere deutlich die Spuren der Zähne eines größeren Raubthieres zeigen. Eine etwas anders zusammengesetzte, aber nicht minder gewalttge Fauna finden wir, wenn wir uns den Ausgrabungen in Mähren zuwenden. Auch hier hat man, wiederum nicht vereinzelt, sondern an mehreren weit auseinandcrliegendcn Orten Herd- und Lager- stätten des Menschen der älteren Steinzeit aus einer intcrglacialcn Periode entdeckt. Am Südost-Abhange des rothen Berges bei Brünn fanden sich unter einer ursprünglich 10 Meter tiefen Lötzdecke die Reste einer Jagdmahlzeit, nämlich Fußwurzel- und Armknochen eines jungen Mammuth, Fußwurzeln, Extremitäten und ein Untertteferast des Rhinoceros, und zwar einer anderen Art als der norddeutschen, nebst vielen Skelettresten von Wisent und Urpferd, untermischt mit Holz- kohlcnstückchcn. DaS Fehlen von Rippen und Wirbellörpcrn dieser Thiere beweist, daß man nur die bequem zu tragenden Stücke an's Lagerfeuer brachte; auch hier zeigt es sich, daß nian vorzugsweise den jungen Thieren der großen Dickhäuter-Hcerdcn nachstellte. Die wichtigsten Jagdthiere in der Umgegend der heuttgen Hauptstadt Mährens waren das fossile Pferd, das Woll- Nashorn und daS Mammuth, das viel verbreiteter und uns zeitlich näherstehender ge- Wesen zu sein scheint als der Ur-Elcphant. Lange hat man an die Gleichzeitigkeit von Mensch und Mammuth nicht glauben wollen; schließlich sind jedoch der Beweise so viele geworden, daß ein Zweifel daran nicht mehr erlaubt scheint. Nächst jenen jagte man den Wisent, das Rennthier, die beide etwas seltener auftreten, und die noch seltenen Riesenhirsche und Edelhirsche, Mit dem Menschen konkur- rirten um diese Beute der Höhlenbär, die Löß-Hyäne, der Wolf und der Höhlenlöwe. Ein zu Brünn ausgegrabenes Skelett war zum theil von Knochen jener Thiers bedeckt, vielleicht Nahrungs- mittel, die man nach uralter Sitte dem Tobten als Wegzehrung für das Jenseits ins Grab gab; als Schmuck waren der Leiche aus Zähnen gearbeitete Ketten und ein Idol aus Mammuth- Stoßzahn mitgegeben. In merkwürdiger Weise waren die Beinknochen des RhinöceroS bearbeitet, welche keine eigentliche Markhöhle, sondern Zellräume mit ziemlich festen und starken Knochenbälkchen besitzen. Diese sind zerstört, und dadurch ist im Innern des Knochens eine einheitliche Höhle hergestellt, die, nach Professor Birchow's Meinung, dazu gedient haben könnte, die Enden der Hölzer aufzunehmen, die (liim Aufbau der Wand oder des Daches der einfachen Hütten be- timmt waren und so vor der Erdfeuchtigkeit und dem Verfaulen ge- schützt wurden. Ein wahres Mammuth-Leichenfeld bildete die prähistorische Elefantcnjägerstation von Predmost in Ostmährcn. Jahrhunderte hindurch muß der Mensch während der letzten Jnterglacialzeit hier gehaust haben. Seine ganze Habe an Waffen und Werkzeugen ist neben den zahllosen Knochenrestcn der obengenannten Thiere, zu denen hier noch Mitglieder einer hochnordischen Fauna, Eisfuchs, Bielftaß, Moschusochs, Halsbandlemming kommen, zu finden. Von höchstem Werthc sind die mit eigenartigen Gravirungen versehenen Elfenbein- und Geweih-Artefakte. Nicht selten mag es zu feindlichen Zusammenstößen des Steinzcitjägcrs mit seinen" thierischen Jagd- konkurrcnten gekommen sein. Ein in den Sloupcr Höhlen ge- fundener Bärenschädel trägt auf dem Scheitelkamme eine schlecht verheilte Knochenwunde, in die ein nahebei gefundenes Silexbruch- stück, die abgebrochene Spitze einer aus rothcm Jaspis gefertigten Lanzenspitze genau patzte. Der Jäger muß den Stoß mit dem Speer aus unmittelbarer Nähe mit.gewaltigem Kraft- aufwande gegen den Kopf des Thieres, vielleicht auf das Auge oder den Rachen zielend, geführt haben. Er traf jedoch den Scheitel, so daß die Spitze durch Pelz und Muskeln tief in den Knochen drang und dort abbrach. Wahrscheinlich ist ihm sein Angriff, vielleicht war's auch mir Nothwchr, schlecht bckoinmcn, falls er keine Gefährten bei sich hatte; denn der Höhlenbär übertraf an Größe und fürchterlichem Gebiß den Eisbären und den Grifelbärcu bedeutend und gab der Flcischnahrung den Vorzug. In den untersten Kulwrschichtcn der Niederlassung am Schweizersbild, Ivo der Mensch in verschiedenen Jahrtausenden bald einkehrte, bald dauernd hauste, thut sich uns das Ende dieser großartigsten Jagdpcriode der europäischen Menschheit kund. Die Thiere der untersten Schicht repräsentircn eine hoch- nordische Tundrafauna � wie sie am Fuße der Mpen nach dem Rückzüge der großen Gletscher lebte. Seitdem mögen mindestens 25—30 000 Jahre verstrichen feilt. In der folgenden Schicht finden sich das Mammuth und das Nashonr nicht mehr. Sie waren wohl zum theil ausgestorben, zum theil durch den Menschen ausgerottet. An ihre und ihrer Begleiter, besonders des Rcnnthiers Stelle treten Thiere, die zum großen Theile auch heute noch bei uns heimisch sind, zum theil aber eine subarktische Steppenfauna repräsen- tircn und sich bei fortschreitender Bewaldung Europa's wieder in die Stcppcnregionen des Südostens zurückzogen. Dann bricht nach langer UebergangSzeit die Periode der jüngeren Stein- zeit, charaktcrisirt durch geschliffene Steinwerkzeuge, die Anfänge der Töpferei, der Weberei und des Ackerbaus sowie der Viehzucht an. Die Riesen der paläolithischen Zeit waren den milder gesitteten Menschen dieser Zeit schon zum Mythus geworden, wie uns die Jagdthiere, denen Siegfried seinerzeit nachstellte: Darnlteb sluog er"schiere einen wisent und einen eich, starker üre viere und einen grimmen schelch.— Hermann B e r d r o w. Nloinvs Fouillvkon. Wie es gemacht wird, schildert T o l st o i drastisch in seiner auch sonst lesenswcrthen Schrift„Patriotismus und Christen- thum":„Als Alexander II. noch Thronfolger war und, wie es Her- kommen ist, das Preobraschensky-Regiment kommandirte, stattete er cinntal dem Regiment, das sich damals im Lager befand, einen Besuch nach Tisch ab. Sobald seine Kalesche in Sicht kam, liefen die Soldaten, die sich damals nur im Hemde befanden, hinaus, um ihren„erhabenen Kommandanten", wie die Phrase lautet, mit Enthusiasmus zu begrüßen. Alle rannten dem Wagen nach, und viele schlugen während des Laufes, den Prinzen anblickend, das Kreuz. Alle, die dem Empfange beiwohnten, waren von dieser ein- fachen Anhänglichkeit der russischen Soldaten an den Zaren und seinen Sohn und durch die echt religiöse und offenbar spontane Bc- geiftcnmg, die sich in ihren Gesichtern, Bewegungen und durch das Krcuzschlagen ausdrückte, tief gerührt. Aber all' dies war in folgender Weise künstlich vorbereitet worden. Nach einer Revue am vorhergehenden Tage thcilte der Prinz dem Brigadckommandantcu mit. daß er das Regiment am nächsten Tage noch einmal inspizircn würde. „Wann haben wir Eure kaiserliche Hoheit zu erwarten?" „Wahrscheinlich abends, aber bitte, mich nicht zu erwarten, cS sollen auch keine Vorbereitungen getroffen werden." Kaum war der Prinz fort, so berief der Brigadc-Kommaudant alle Hauptleutc zusammen und gab den Befehl, daß am nächsten Tage alle Soldaten reine Hemden anzulegen hätten und in dem Momente, wo der Wagen des Prinzen in Sicht käme(zu diesem Zwecke sollten besondere Signallcute ausgestellt werden), sollten alle ihm entgegenlaufen, mit Hurrnhrufen nacheilen und jeder zehnte Mann einer jeden Kompagnie sich bekreuzigen. Die Fähnriche stellten die Kompagnien auf und kommandirten jeden zehnten Mann, sich zu bekreuzigen.„Eins, zwei, drei... acht, neun zehn— Sirodcnko, Du hast Dich zu bekreuzigen. Eins, zwei, drei... Iwanow, be- kreuzigen!" So wurde!der Befehl ausgeführt, und der Prinz und Alle, die es sahen, sogar die Soldaten, Offiziere, der Brigadier selbst erhielten den Eindruck einer spontanen Begeisterung."— Aus der Vorzeit. — Ein interessanter Fund ist an der bekannten„Heiden- mauer" im Elsaß gemacht worden. Dr. R. Forrer in Straß- bürg hat, wie er in den„Nachr. f. deutsche Alterthumsf." mittheilt, um das noch nicht sichergestellte Alter der„Heidenmauer" bestimmen zu können, am Odilienberg, dessen Plateau diese in einer Ausdehnung von mehr als zehn Kilometer umzieht, Ausgrabungen vorgenommen und ist dabei auf Felsenrestc gestoßen, die nach ihrer Aufdeckung sich als die antiken Steinbrüche erwiesen, aus denen die Erbauer der„Heidenmauer" ihre mächtigen Stcinguadern ent- nommen haben. Diese Felsen zeigen tief eingegrabene künstliche Rinnen, spitzwinkelige Durchschnitte, mittels deren man unter Zuhilfenahme von Hebcbäumen u. dergl. die Felsen lossprengtc. In manchen Fällen erwies sich der Fels durch mehr als fünf Rinnen sowie auf diese gezogene Querrinnen in eine größere Anzahl Quadern zcrtheilt. Die Bruchtechnik entspricht etwa der neolithischen Steinzeit, zeigt aber weit größere Verhältnisse und läßt auf Metall- Werkzeuge schließen.— Völkcrkmtde. gk- MalayischeSeeräuber auf den Philippinen. Es kommt immer wieder vor, daß Handelsschiffe im Sunda-Archipel von Seeräubern angefallen werden. Diese Räuber sind Malayen, und ihre Hauptsitze befinden sich auf den Philippinen. Durch zwei- einhalb Jahrhunderte hindurch haben sie hier in beständigem Kampfe mit den Spaniern gelegen. Erst in den letzten Jahrzehnten gelang es, durch eine Wache Von Kanonenbooten, sie etwas in Schach zu halten und einen bewaffneten Frieden zu erzwingen, der fteilich oft genug gebrochen wurde. Einem amerikanischen Gelehrten, Prof. Worcester, der sich mit einem Begleiter längere Zeit in ihrem Lande aufgehalten hat, verdanken wir genauere Nachrichten über diese Stämme. Die Beiden fanden als„Engländer" wider Erwarten eine nicht unfteundlichc Aufttahme. Gegen die Spanier zeigen sie dagegen einen fanatischen Haß. Vor allen sind die Bewohner der Sulu-Jiffeln wegen ihrer Grausamkeit berüchtigt. Die Sulu-Moro sind ausschließlich Krieger; sie verachten die Arbeit und überlassen sie den Frauen und Sklaven. Nur ihre Stahlwaffen, die oft sehr schön hergestellt und immer ihrem Zweck vorzüglich angepaßt sind, stellen sie selbst her. Am meisten verwendet wird für den Nah- kämpf der harong. Er hat große Aehnlichkeit mit einem Fleischhack- messer, hat einen dicken Rücken und eine Schneide, die so scharf ist wie ein Rasirntcsser. Er kann fürchterliche Verwundungen beibringen. Der kräftige und geschickte Moro rühmt sich selbst semcr Fähigkeit, einen Gegner mit dieser Waffe zu Halbiren. Daneben verwenden die Moros noch eine ganze Reihe von Waffen, den geraden kris, ein zweischneidiges Schwert zum Hauen und Stechen, den gewundenen kris zum Stechen, und den campilau, ein mit beiden Händen zu führendes Schwert, das sich nach der Spitze zu beständig verbreitert. Die Aus- rüftung wird im Kriege vervollständigt durch einen Schild von Holz und eine Lanze mit' breiter Spitze. Auch Kettenpanzer können sie herstellen. Vcrhältnitzmäßig wenige Moros aber tragen Feuer- Waffen, und die, die welche besitzen, sind gewöhnlich schlechte Schützen. Seinen Schild benutzt der Moro sehr geschickt: dabei bewegt er seine Beine beim Kämpfen fortwährend, so daß sie kaum'durch einen Stoß unterhalb des Schildes getroffen werden können. In der Schlacht ist er absolut furchtlos. Seinen Feind bemüht er sich zu erschrecken, indem er ihm scheußliche Fratzen schneidet. Er ist unmenschlich grausam und ist im stände, einen Sklaven hinzuschlachten, nur um die-Klinge eines treuen harong zu probircu. Von eigenartiger Konstruktion sind die Wohnungen des Moros. Sic bauen ihre Häuser mit Vorliebe auf Pfählen über dem Wasser. Für die Anlage eines Dorfes wählen sie eine ruhige Bucht, damit nicht heftige Wellen die Häuser beschädigen. Rohe Brücken dienen zur Verbindung mit dem Ufer. Die Boote sind an die Thülen gebunden, so daß ihre Eigenthümer sofort an Bord gelangen und in kürzester Frist abfahren können. Die Kinder schon verbringen den größten Theil ihrer Zeit im Wasser; sie schwimmen und tauchen wie kleine Enten. Die Männer sind sehr geschickte Bootsleute und Segler, ihre Boote sind klein und sehen zerbrechlich aus(die größten Segelboote fassen nicht mehr als 6 bis 7 Tonnen), und dabei fahren sie manchmal mit ihnen bis Singapore. Die Perlenfischerei ist eine Art der Arbeit, auf die die Moros sich noch einlassen.— Aus der Pflanzenwelt. — Die in Arabien vorkommende„Lach pflanze" hat ihre Benennung von der Wirkung erhalten, die das Essen ihrer Samen- iörner hervorbringt. Von mittelmäßiger Größe, trägt die Pflanze — 7* schöne große gelbe Blumen und weiche sammetartige Samcnschoten, von denen jede 2 oder 3 Samenkörner enthält, die kleinen schwarzen Bohnen ähneln. Die Eingeborenen trocknen den Samen und stampfen ihn dann zu Pulver. Nach einer Mittheilung des Patent- und technischen Bureaus von Richard Lüders in Görlitz ist es nun gerade dieses Pulver, welche so wunderbare Effekte hervorbringt. Eine kleine Dosts deS Pulvers genügt, um eine völlig ruhige und nüchterne Person zu tollen Sprüngen zu verleiten, sie wild, laut und unbändig lachen zu machen und' sie in einen an wilde Narrheit grenzenden Zustand zu versetzen. Dieser Zustand hält eine Stunde an, nach welcher Zeit die in Extase gerathcne Person in mehrstündigen Schlaf verfällt, nach dessen Beendigung dieselbe von ihren» wilden, tollen Treiben nichts mehr»veiß. Bei wiederholtem Genuß tritt Nerven- Zerrüttung ein, die schließlich zu Wahnsinn oder Selbstiuord führt.— Physikalisches. io. L e u ch t e n d e Z u ck e r k r tz st a l I e. Es ist eine seit längerer Zeit bekannte wunderbare Erscheinung, daß gewisse Stoffe bei ihrer Umbildung aus Lösungen in Krystalle einen Lichtblitz aussenden. Das bekannteste Beispiel dafür, welches sich zu einem Experinient besonders eignet, ist eine weiße gesättigte Lösung von arseniger Säure, in der sich beim Abkühlen unter iinmer erneutem Aufleuchten Krystalle von weißem Arsenik ausscheiden. Die Bildung jedes einzelnen Krystalles wird von einen» scharfen, kurzen Aufglühen be- gleitet, das die Befreiung einer gewissen Menge verborgener Energie in der Form von Lichtstrahlen anzeigt. Dasselbe Phänomen ist noch einfacher zu erzeugen, wenn man zwei Stücke Rohrzucker schnell gegen einander reibt; es entsteht ein sehr deutliches bläulich- weißes Licht, das bis Weit unter die Oberfläche in den Stoff hinein zu leuchten scheint. Diese kleinen Bcrsuche sind aber»»ichts gegen die prachtvolle Vorführui»g, die der englische Gelehrte John Burke auf der letzten Zusammenkunft der Britischen Bereinigung zur Förderui»g der Wissenschast sich abspielen ließ. Burke schneidet aus ememZuckerhut runde Scheiben und befestigt eine derselben auf der Winde einer Drechselbank. Wenn dann ein Hammer gegen die Fläche der Zuckerschcibe gedrückt»vird, so ei»tsteht ein fast forigesctztes Leuchten, vorausgeictzt daß die Zuckerscheibe dem Hammer allmälig in dem Maße genähert wird, als sich die Krystallfläche abnutzt. Das Licht war so beständig, daß man ein Spektruni desselben sehen und photographisch fest- halten konnte. A»is diesen Untersuchungen ging hervor, daß das Leuchten nicht durch roth- oder weißglühende Zucker- thcilchcn veranlaßt sein konnte, daß der Grund desselben viclinehr entweder einer gewissen Umbildung in der Gestalt der Zucker- krystalle oder einer Art von chemischer Wirkung zwischen dem Zucker und der uingebenden Lust an der immer auf's i»eue frisch gebildeten Oberfläche zuzuschreiben wäre. Die letztere Erklärung wurde indessen durch die Feststellung ausgeschlossen, daß es für die Stärke und die Farbe des Lichtes aa>»z gleichgiltig ist, ob der Zucker während des Experimentes von Lust oder von einem anderen Gase umgeben war. Können also chemische Veränderungen nicht die Ursache des Leuchtens sein, so muß man auf die erstere Annahine zurückkommen, daß die Hauptursache in gewissen Gestaltänderungen der Zlicker- krystalle selbst zu suchen ist. Die Erforschung dieser Erscheinung soll weiter fortgesetzt werden und kann vielleicht noch einmal von peak- tischer Bedeutung werden. Burke schloß seinen Vortrag mit dem Hinweis, daß die häufige Entstehung von Licht aus rein physikalischen Veränderungen es wahrscheinlich erscheinen ließe, daß»vir das Licht für Beleuchtungszwecke eines Tages einmal auf einem ganz anderen, viel einfachere»» und weniger ungeschickten Wege gewinnen werden als gegenwärtig.— Meteorologisches. — Das sonnig st e Land Europa'» ist Spanien. Dort giebt eS, der.Romanwelt" zufolge, in eineni� Jahre durch- schnittlich 3000 Stunden, in denen man sich am hellen Sonnei»schein er- freuen kann; Italien hat deren 2300, während in Deutschland die Sonne an 1700 und in England, dem Lande der Nebel, nur an 1400 Stunden scheint, also um die'Hälste weniger als in Spaniei». Das ist erklärlich, ist doch Großbritannien das regenreichste Gebiet Eriropa's, da die jährliche Regenmenge im schottischen Hochland 8830 und im englischen Tief- lande 6000 Millimeter beträgt. Ein Vergleich mit den Mederschlags- Verhältnissen anderer Länder zeigt, wie kolossal diese Regci»fälle sind. Die Mark Brandenburg, die doch auch nicht gerade regenarm ist, hat nur 543, Mecklenburg 604? und das Elsaß, die regenreichste Gegend Deutschlands, 1360 Millimeter jährlicher Niederschlagsmenge. In» Gebiet der Alpen ist der Bernhardin mit 2564 Millimeter der regenreichste Punkt, in Italien ist es Mailand mit 966 Milliineter. Was Fra>»kreich anbetrifft, so hat dort Paris im Jahre 579, das Städtchen Joyeuse an der Rhone 1241 Millimeter Regemnenge. Bei weitem an» nieisten regnet es also in England, und ein»vahres Dorado für Schir»nn»achcr mliß London sein, beim dort giebt es in einem Jahre nicht weniger als 173 Regentage.— Technisches. gr. Eine schwimmende M a s ch i n e n w e r k st a t t. Unter den Sckiffen der amerikanischen Flotte vor Santiago spielte eines eine wichtig« Rolle, obwohl es in den Kriegsberichten kaum er- wähnt worden. Der„Vulkan", so hieß dieses Fahrzeug, war kein Schlachtschiff, sondern eine schwimmende Maschiiicnwerkstatt. Das Schiff, uZprünglich ein Frachtdampfer, ist nach den Angäben des „American Machinist" 106,7 Meter lang. 17,7 Meter breit und hat Ärraiitwortlicher Redakteur: Aug», st Jacobey in Ber eine Wasserverdrängung von 6630 Tonnen bei 7 Metern Tiefgang. Seine Bunker fasten 1000 Tonnen Kohle, seine Maschine leistet 12 000 Pferdestärken und reicht für eine Geschwindigkeit von 20 Knoten aus. An Bord sind alle Einrichtungen vor- Händen, die eine größere Reparaturwerkstatt enthalten muß: Gießerei, Schiniede und Maschinenlverlstatt. Die Gießerei enthält einen Kupolofen von 1,054 Meter Durchmesser für 1360 Kilo Eisenguß, der im Hauptdeck aufgestellt ist und dessen Schacht d»irch das Ober- und Promenadendeck ragt. Ebenfalls im Ha»iptdeck be- findet sich ein Ticgelofen für drei Tiegel von je 45 Kilo Inhalt. Die Schmiede ei»thält eine Dnickwaffer-Schmiedepresse, ein Löthfeuer für Kupferschmiede-Arbeiten, ein freistehendes, zwei gelvöhnliche und zwei tragbare Schmiedefcuer, 6 Ambosse und die erforderlichen Hilfsgeräthe. Die Kesselschmiede ist unter anderem mit einer Stanz- und Scher- Maschine, einer Bicgemaschme und 6 Wärmöfcn fiir Niete ausgestattet. An Werkzeugmaschinen sind vorhanden: 9 Drehbänke, deren größte 1143 Millimeter Spitzenhöhe und 6 Meter größte Spitzenwcite auf- weist, 3 Hobelmaschinen, 3 Feilmaschinen, eine Radial- und 4 ge- ivöhnliche Bohrmaschinen, eine Schraubenschiieidemaschine, eine Schinirgclschleifmaschinc, Schleifsteine zc. Abgesehen von seiner Be- stimnlung als Reparaturwerkstatt diente der„Vulkan" noch als Vorrathsschiff für daS Minenlegen, fiir elektrische Einrichtungen und Torpedos. An Bord befanden sich 50 Maschinenarbeiter, 25 Kessel-, 6 Grob- und 6 5dlpferschmiede, 6 Gießer, 6 Modelltischler, 2 Ziminerleute und 40 Hilfsarbeiter. Die Leute ivarrn zugleich als Geschütz- Mannschaften»»nd für de»» Ji»fanteriedienst ausgebildet. Die Leitung lag in den Händen von 2 Oberingeuicureii und 4 Ingenieure»,. Die Thätigkeit auf dem Rcparaturschiff»var außerordentlich rege. Besonders Torpedoboote nahmen seine Hilfe oft in Anspruch. Unter anderem wurden ein Getriebe für ein Maschinengelvehr und eine Reihe von Dampfleitungen neu hergestellt. Der Tiegelofen»var täglich im Betrieb, und der Kupolofen hat mehrfach recht schwierige Gußstücke geliefert.— Humoristisches. — Die Hauptsache. Er st er Bauer(im Wirthshaus«, erregt):.Wem» Du jetzt net still bist, werf' ich Dir mein' Matz» k r u g an den Kopf!" Zweiter Bauer(ruhig):„Mir gleich; wenn er aber z er» brichl— i' bezahl''n fei net!" — Schrecklich! A.:„Ist der Müller noch Vorsitzender von Eurem„Klub der Dicken?" B.:„I bewahre, der Lump hat uns schmählich hintergangen!" A.:„Hat er Gelder verui»treut?" B.:„Das nicht; aber denken Sie... der Kerl war aus- g e st o p f t I"— — Ein guter Anfang. Junger Arzt(deffen erster Patient gestorben ist):„Der Anfang lväre gemacht!"— Vermischtes von» Tage. — In Altona erschlug ein von einer läi,gercn Seereise heim- kehrender Seemani» seine Fräu mit einein Besenstiel. Er hatte sie betrunken angetroffen.— — In Hamburg wurde ein junge» Mädchen von zwei Mäimcrn bei einer Brücke ins Wasser geivorfen. Ihre Hilferufe wurden noch gehört; es gelang aber»»icht, sie zu retten. Die Thäter sind«»»tkomnien.— — In Schleswig will man eine neue Wildart ein- führen, den Axishirsch(Cervus axis), der in England gut gedeiht.— — Während der Pfarrer in G ü n t h e r s d o r f bei Görlitz sich zur Abhaltung des Gottesdienstes in der Kirche befand, kain ein Mann mit einem Wagen ain Pfarrgarten vorgefahren, schüttelte die Aepfel von den Bäume»», stillte einige� Säcke mit Obst und fuhr »veiter. Einigen Le»lten, die ihn zur Rede stellten, sagte er, er habe die Apfelbäume gepachtet,»vorauf er»»»behelligt abfubr.— — Bei einer Kurve stürzte in Laurahütte infolge schnellen Fahrens ein Penonenivagen der elektrischen S t r a ß e n b a hsn um. Ein Streckcmvärter wurde so schwer verletzt, daß er bald darauf starb. Außerden» wurden zlvei Personen schlver und mehrere andere leicht verletzt.— — Der am Montag von Sitten(Sch>veiz) aufgestiegei»e Lust- ballon„Bega" gelangte nicht in das R h e i n t h a l. Er landete in der Nähe von Dijön, nachdern er eine Höhe von 6300 Meter erreicht hatte.— — Ein furchtbarer Sturm wüthete mehrere Tage an der Südtvestküste des A s o w' s ch e n Meeres. Bei dem Leuchtthurm von Kertfch- Jenikale sind 14 Segelschiffe untergegangen, »vobei 120 Menschen ertranken. Auch aus A n a p a und T a m a n kominen Nachrichten über den Untergang von Schiffen und Menschen.— — Fünf Millionen Mark zur Förderung des med i« z i n i s ch e n Studiums hat ein Anlerikaner der Cornill-Uni- versität gestiftet.— — �n der letzten Woche haben sich die Todesfälle an der B e u l en» p e st in B o in b a y stark vennehrt, von 127 in der Vorivoche auf 209. Auch in der Stadt Bangalore nimmt die Pest einen epi- demischen Charakter an.—_ in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.