Anterhallungsblatt des HsrwSrls Nr. 196. Freitag, den 7. Oktober. 1898 (NachdiHit verboim.) »l Lteu-MavkhAgo. Roman von Georges Eekhoud. In der Ebene zerstreut drehten drei Windmühlen lustig ihre Flügel, unbekümmert um das ihrer harrende Schicksal der vierten, deren altersschwaches Mauerwerk allein noch der Blockade der Hütten trotzte, die sie von allen Seiten um- klammerten. Ihre Flügel hatte sie bei dem Kampfe mit den Strauchdieben dieser Belagerungsarmee bereits eingebüßt, die. grausam wie betrunkene Vogelsteller, das armselige Ding der- stümmelt hatten. Laurent nahm gewiß herzlichen Antheil an dem Schicksal der armen verkrüppelten Mühle, ohne daß er darum den Wege- lagerern, die die Bevölkerung der Gassen der Hüttenkolonie bildeten, gram gewesen wäre. Ein Hausen verwegener, zu jeder Eewaltthat fähiger Ge- sellen, diese„Müller der Steinmühle" I Selbst die Polizei mischte sich nicht gern in das lichtscheue Treiben des gefähr- lichen Gesindels, das die häßlichsten Elemente des groß» städtischen Abschaums bildete. Die Strolche, die auf den Quai- straßen herumlungerten und die unter dem Namen„Ranners"') übel berüchtigten Haifische des Süßwassers rekrutirten sich vornehmlich aus den Kreisen dieser Gesellschaft. Aber auch abgesehen von dem Haufen der Verdächtigen und Unregelmäßigen, mit denen Laureut in derFolge noch näherbekannt werden sollte, ivar auch der übrige Theil dieser halb städtischen, halb ländlichen Bevölkerung, das arbeitende und in halbwegs geordneten Verhältnissen lebende Element ganz dazu an- gethan, die Sinne des Kindes anzuregen und seine Gedanken zu beschäftigen. Diese„Müller" gaben hier übrigens den Ton an und übten auf ihre Nachbarschaft einen verhängnißvollen Einfluß aus. Sie theilten ihre Gelvohnheiten den Ackerknechten mit, die ihr Dorf verlassen hatten, um hier als pfuschende Stuckateure und Tagelöhner ihr Brot zu verdienen, wie sie andererseits die sich fälschlicherweise als Bauern gebärdenden Städter unckrempelten, die Handwerker, die sich zu Milch- Händlern gewandelt hatten, und die Frauenzimmer, die aus Fabrikmädchen Kuhmägde geworden waren. Aufrecht auf dem Stuhle stehend, starrte Laurent hinaus auf die Landschaft und berauschte sich förmlich an den düsteren Eindrücken, die auf ihn einstürmten. Und nicht eher wich er von seinem Beobachtungsposten, bis es heiß in seiner Kehle aufstieg und ihm die Thränen den Blick verdunkelten. Dann warf er sich auf die Knie oder wand sich krampfhaft schluchzend auf dem Bette, und all das bittere Weh, das sein Herz be- drückte, machte sich in einem heißen Thränenstrom Luft. Das lustige Geklapper der Mühlen, das so frei und klar wie Gina's Lachen klang, und das dumpfe Ge- brumm der Fabrik, aus dem man den keifenden, auf- geblasenen Ton einer Felicitas'schen Strafpredigt heraus- zuhören vermeinte, begleiteten das Schluchzen und ließen die Thränen reichlicher fließen. Es war ein hämisches, peinigendes Wiegenlied, das in den spöttischen Refrain„Weiter.. weiter I" austönte. in. Felicitas hielt jetzt das Dachstübchen des Einsiedlers tags- über geschlossen und schickte den Jungen zum Spielen in den Garten. Dieser hatte den Vergrößerungsplänen der Neu- anlagen ein Stück nach dem andern zum Opfer gebracht und war dabei zu einem Wiesenplan zusammengeschrumpft, der in seiner ganzen Ausdehnung von den Fenstern des Wohn- Hauses aus zu überblicken war. So sah sich Laurent, der der ständigen Beaufsichtigung müde, von dem Wunsche beseelt war, sich den Späheraugen der lästigen Aufpasserin zu ent- ziehen, genöthigt, seine Entdeckungsreisen auf das Gebiet der Fabrik auszudehnen. Die fünfzehnhundert Köpfe des Dobouziez'schen Etablisse- ments beugten sich unter das Joch einer Fabrikordnung von drakonischer Strenge. Für das geringste Vergehen regnete es Strafgelder, Lohnabzüge und Entlassungen, ohne die Möglichkeit, durch Anrufung einer höheren ') Berüchtigte Sorte von„Heuerbaasen" und Hausirem, die die Seeleute wucherisch ausbeuten und zum Durchdringen ihres Lohnes verführen. Instanz eine Milderung dieser Strasivillkür zu erreichen. Die Justiz, die hier ihres Amtes waltete, befleißigte sich eines ebenso einfachen wie abgekürzten Versahrens. Keine schwach- herzige Rücksichtnahnie auf menschliche Unzulänglichkeit, sondern unerbittliche Kasernendisziplin, Strasbestimmungen. die in gar keinem Verhältniß zu der begangenen Strasthat standen, eine Wage, die sich immer auf die Seite der Arbeitgeber neigte. Saint-Fardier, ein dicker Herr mit einen Schauspieler- köpf und einem olivenfarbigen Gesicht mit wulstigen Mulattenlippen, durcheilte an bestimmten Tagen die Fabrik- säle, ein Rundgang, der von einem wüsten Höllen- lärm begleitet war. Er schrie wie ein Besessener, schleuderte wilde Basiliskenblicke, fuchtelte nnt den Armen in der Luft herum, warf die Thören krachend ins Schloß und fegte wie ein Wirbelsturm von Saal zu Saal. Jammer und Ver- zweislung bezeichneten den Weg, den das Unwetter ge- nommen. Haufenweise hagelten die Strafen auf die Köpfe der bestürzten Leute. Das geringste Vergehen wurde mit der Entlassung des besten und ältesten Arbeiters geahndet. machte Saint-Fardier dabei keinen Unterschied, ob es sich um einen Aufseher oder den jüngsten der Lehrlinge handelte, ja, es wollte fast scheinen, als ob er seine Opfer mit Vorliebe gerade unter den alten treuen Dienern wählte, die sich noch keines Vergehens schuldig gemacht hatten und die in der Fabrik von ihrer Gründung an thätig gewesen waren. Die Arbeiter hatten ihm den Beinamen der„Pascha" gegeben, sowohl seiner despotischen Willkür wie seiner wollüstigen Begierden wegen. Wenn auch Dobouziez an Halsstarrigkeit und gehorsam- heischender Herrschsucht seinem Sozius nichts nachgab, so ent- sprach es doch seiner gemessenen Art ganz und gar nicht, sich zu auffälligen Kundgebungen hinreißen zu lassen. Er sprach als Richter das Urtheil, daS der andere vollstreckte. UebrigenS war sich Dobouziez, der standesgemäß erzogene Offizier, keineswegs im Unklaren über den Charakter seines rohen, un- gebildeten Theilhabers, der durch eine reiche Heirath in den Besitz eines der Vermögenslage seines Sozius entsprechenden Kapitals gekommen war. Der Offizier schätzte sich aber glücklich, den großmäuligen Patron mit den brutalen Hausknechtsfäusten zur Erledigung der ua- liebsamen Vorkommnisse zu verwenden, die' seiner ver- fcincrtcn, aller gewaltthätigen Krastäußerung abgeneigten Natur von Grund aus zuwider waren. Es war den Leuten im übrigen nicht entgangen, daß die Maßregelungen, die den Bestand des Arbcitcrpersonals verringerten, gemeinhin in der "dt erfolgten, wenn der Verkaufspreis der Erzeugnisse der abrik zurück- oder der Einkaufspreis der Rohprodukte in die whe ging. Herrn Dobouziez muß es indessen nachgesagt werden, daß er sich angelegen sdn ließ, den Uebereifer seines Sozius zu mäßigen, der in seinem durch ein Leberleiden gesteigerten Mißmuth die blindwüthige Verfolgungssucht eines Marius bekundete. Dobouziez blieb bei aller Geldgier doch stets der weit- blickende Industrielle, der gegen die Ausbeutung der Arbeits- kräste des Proletariats an sich nichts einzuwenden hatte, s« lange die Sache ohne unnöthige Härte und Aergerniß er- regendes Aufsehen abging. Er sah seine Arbeiter als niedergeartete Wesen an. als schaffenskräftige Nutzheerde, die man im eigenen Interesse thunlichst zu schonen hatte. Er war eben das Muster eineb kühlen Verstandesmenschen, der, frei von jeder schwachmüthigen Gefühlsregung und sentimentalen Duselei, wie eine untadelig arbeitende Gelderzcugungs- Maschine mit musterhafter Regd- Mäßigkeit sunktionirte. Sein ganzes Thun und Handeln war das Ergcbniß nüchterner Berechnung, die jede Mitwirkung vorübergehender Stimmungseinflüsse ausschloß, und sein Ge- wissen war nichts mehr als ein prächtiger Sextant, ein mit aller Kunst der Feinmechanik gearbeitetes Meßinstrument. Wenn er sich eines tugendhaften Lebenswandels befleißigte, so geschah es aus Achtung vor seiner Lebensstellung, auS ausgesprochener Abneigung vor allem Auffälligen, vor jeder Art Gerede und Skandal, vor allem aber aus dem Grunde, weil ihm seine Lebenserfahrung gelehrt hatte, daß die 'erade Linie noch immer der kürzeste Weg zwischen zwei Zünften ist. Seine Tugend war demnach durchgus ahstxgfter%£ Dem Manne des weisen Mabhaltens und der schönen Ordnung mußten natürlich die Wuthausbrüche seines allzu eifrigen Büttels von Grund aus zuwider sei»; das störte das normale Gleichgewicht der Dinge und brachte einen Mißton in die Harmonie. Führte Dobouziez sein Weg einmal in die Fabrikräume, was seltener und nur dann vorkam, wenn es sich um irgend ein neues Experiment oder die Erprobung einer neuen Er- findung handelte, dann geschah es wohl auch, daß er in einem oder dem anderen Saal das Gesicht, das er an der und der Stelle zu sehen gewohnt war, vermißte. „Ja, was ist denn das?" wandte er sich an seinen Be� gleiter,„ich sehe doch den alten Jef nicht mehr?" „Ausgemerzt!" knurrte Saint-Fardier. „Ja, weshalb denn?" warf Dobouziez ein.„Ein Ar- beiter, der seit zwanzig Jahren in unserem Dienst stand!" „Ach was!... Der Kerl soff... Er war mit der Zeit unordentlich und nachlässig geworden... Es ging eben nicht mehr I" „Was Sic sagen! Und sein Nachfolger?" „Ein strammer Bursche, der zudem nur ein Viertel von dem bekommt, was uns dieser abgewirthschaftete Alte gekostet I" Herr Saint-Fardier zwinkerte dabei gar verschmitzt mit den Augen in der stillen Hoffnung, auf dem Gesicht seines Sozius ein verständnißvolles Lächeln zu erspähen. Darin täuschte er sich nun freilich, der andere Augur lachte weder, noch ließ er ein mißbilligendes Wort über den Fall vernehmen, sondern brach das Gespräch kurz und gleichgiltig ab. Die Arbeiter hatten eine gehörige Dosis Lebensweisheit und Geduld nöthig, um ohne Murren den Hochmuth, die Verachtung, die Härte und die Willkür dieser Arbeitgeber zu ertragen, denen sie wehrlos auf Gnade und Ungnade aus- geliefert waren. Und Betriebsschäden, Siechthum und Todes- fälle trugen ein weiteres Theil dazu bei, das Schicksal dieser geplagten Lohnsklaven noch jämmerlicher zu gestalten. War ja doch die ganze Natur der hier betriebenen Industrie wie geschaffen, an tückischer Gefährlichkeit mit dem Uebelwollen der Chess erfolgreich zu konkurriren. Laurent ließ es sich angelegen sein, den Fabrikbetrieb in all seinen Theilen kennen zu lernen und den Herstellungsprozeß der Stearinkerzen durch die verschiedenen Entwickelungs- stadien hindurch mit aufmerksamen jtzlugen zu verfolgen; von der Schmelze angefangen, wo aus der organischen Grundstoffen, aus Rinder- und Hammeltalg im umständlichen Verfahren das Weiße, marmorirte Stearin gewonnen wird, bis zum Abfertigungsrauni, in dem die Kerzen sortirt, in Kisten gepackt und auf die Rollwagen verladen werden. Diese eingehende Kenntnißnahme des Fabrikationsbctriebes führte ihn bald dazu, dem ganzen Milieu, all' den Apparaten und andwerksgebräuchen, bei denen alle nur denkbaren maschinellen ervollkommnungcn und die Erfindungen, die man der Chemie der Neuzeit verdankt, zur Anwendung kamen, einen geheimnißvollen, mystischen und verderbenbringenden Einfluß zuzuschreiben._(Fortsetzung folgt.) Dcv ZMivbelpkurm ttnf den wcstLndifchett Fnseln. London, 1. Oktober. Ueber den verheerenden Wirbelsturm, der in der Nacht des 10. September über den westindischen Inseln gewiithet hat. liegen jetzt zwei besonders anschauliche Berichte vor. Der eine ist in einem Briefe enthalten, den die Galtiii des Administrators von St. Vincent, H. Thompson, an ihre hier lebenden Verwandten geschrieben hat. Diesen vom Rcgicrungsgebäude auf St. Vincent, 52. September, datirten Brief, der ursprünglich nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt war, veröffentlichen heute die„Times" und wir entnehmen ihm folgende Abschnitte: „Ich kann die Szene nicht beschreiben, cS ist schon wie ein böser Traum. Zuerst gab es einen Erdbebcnstotz, dann gingen die Schiffe in der Bai von den Ankern los, einige trieben auf die See hinaus, andere scheiterten an der Küste. Die prachtvollen Palmen, unser Stolz und Entzücken, verloren ihre Kronen vollständig und nun stehen sie da wie hätzliche Vogelscheuchen. Von jedem grotzcn Baume flogen die Aeste fort, das Getöse war unbeschreiblich. Es war ein brausendes, pfeifendes Geheul, daS die Welt in Schrecken begrub. Man hörte nichts anderes, als den fürchterlichen Wind. Er kam in Stützen von rasender Heftigkeit. Die armen Pferde tvaren entsetzt, zitterten und wollten mit wahnsinniger Gewalt entkommen. Ich fühlte mich innerlich wahnsinnig vor Schrecke». Ilm �<12 Uhr trat eine Ruhepause ein. Wir glaubten, es sei vorüber und kamen heraus(die Familie hatte sich mit der Diener- schaft in den Keller geflüchtet). Welch ein Bild grätzlichcr Ver- Wüstung I Die herrlichen Gärten waren verwüstet und dort unten sah man nichts als kahle Baunistämme, zerbrochene Aeste und graues, dahineilendes Geivölk. Wir bemerkten sofort, datz zlvei Wohnhäuser zerstört waren. Während der ganzen Zeit regnete es stark. H. tagte, er müsse sich sofort in die Stadt begeben, um zu sehen, wie grotz der Schaden dort sei. Ungefähr eine halbe Stunde später wurde es wieder dunkel und der Wind kam zurück, dieses Mal von Südwesten wehend; das erste Mal war er von Nordosten gekommen. Ich Uetz alle wieder in den Keller hinuntcrstcigen und die Pferde wurden wieder herumgebracht, gerade noch zur rechten Zeit. Sie wollten nicht kommen, ich hatte sie alle zu treiben, es Ivar Ivie ein furchtbares Nachtgespenst, und dann brach es wieder los über uns mit hundert Mal grötzerer Heftigkeit. Meine quälende Sorge war die, datz ich wutzte, H. hatte noch nicht genügend Zeit gehabt, um in die Stadt zu kommen, und zwei Stunden lang war mir so, als sollte ich ihn nie wieder sehen. A. sagte, ich hätte während der schrecklichen zwei Sttmden wie eine todte Person dagesessen. Wir blieben bis siinf Uhr fitzen, es schien uns wie ein Jahr, und wir konnten dem allmäligen Nachlassen des Sturmes nicht trauen. Als wir herauskamen, war die Verwüstung hundert Mal größer. Der grotze Baum beim Stall war vollständig seiner gewalttgen Aeste beraubt. Der Mahagony- Hain droben ivar fast ganz zu Boden gelegt. Jeder Bergrücken in unserem Umkreise war entblotzt, Elend überall, und dann begann man zu empfinden, was es gewesen war. H. schickte mir eine gc- kritzelte Zeile, die meldete, datz er in Sicherheit sei. Das Haus hatte dem Sttirme wunderbar widerstanden, aber es sah aus, als ob ein Flutz hindurchgegangen wäre. Ich ritt(am folgenden Tage) vier oder fünf Sttmden weit hinunter, soweit ich konnte, und wir besuchten alle Zufluchtstätten und sprachen mit Hunderten von armen Menschen. Sie haben nur das Leben gerettet,»»d in vielen Fällen nur noch die nassen Lumpen, mit denen sie bekleidet sind. Viele Personen sind geschnitten und gequetscht wie von Granatschüssen. Es ist wie ein furchtbares Schlachtfeld, die Häuser sind ihrer Dächer und die Bäume ihrer Zweige beraubt oder umgerissen. Ich glaube, datz im ganzen nur sechs Häuser nicht gelitten haben. Es ist keine Üebettreibung, lvenn ich sage, datz die ganze Insel obdachlos ist. Man wagt nicht, aii die Zukunft zu denken. Die Menschen find noch dazu so hilflos: da satzen sie alle in der Kathedrale in einer Pfütze. bis ich selbst einen Besen»ahm, und dann fingen sie, weil sie sich schämten, an, mir zu helfen." „16. Sept. Ein anderer furchtbarer Tag war vorüber, und doch fängt das schlimmste erst an. Nachdem ich einen neuen Trupp Ar- beiter hier zusammengebracht hatte, will ich nach Cartiaqua hinaus und hatte einen außerordentlichen Tag dort. 300 Mensche» sind dort in der Polizcistation, es ist eine elende kleine Stadt, und der einzige Mann, der ihnen ihre Nationen auszuthcilen und sie in Ordnung zu halten hat, ist der eine Konstabier. Der Geruch war furchtbar, alle Abflüsse waren verstopft, Abfall in Haufen auf- geschichtet und nichts war entfernt seit dem Wirbelstunn. Das Volk wollte nichts selbst thun, die bessere Klasse hatte sich nicht gerührt, und nur ungefähr sechs Häuser standen noch. Es ist so schon ein elender sumpfiger Ort, und heute ivar es fürchterlich. Ich versuchte, die Leute zu beschämen, indem ich daranging, selbst llnrath wegzu- räumen. Das hatte einigen Erfolg. Ich sagte ihnen, sie würden am Fieber sterben, wenn die Abflüsse nicht gesäubert würden; sie sagten, das sei ihre Arbeit nicht, darauf sagte ich:„Dann ist es meine Arbeit", nahm eine Schausei und begann selbst. Einige Minuten darauf erschienen einige Leute mit Hacken, und ich sagte, ich würde den Ort nicht verlassen, ehe ich nicht ihren Abfall brennen sähe. Ich schaffte etwas Kalk herbei, der darüber geworfen wurde, und bestand darauf, datz sie die herumliegenden Thicrkadavcr bc- seitigtcn... Denkt Euch, einer Frau, die Ivir kannte», Frau Robertson, wurde der Kopf abgeschnitten, und man fand ihn erst am nächsten Tage wieder. Oh, es ist schauerlich, schauerlich. Viele der Leute kamen zu den Untcrkunftsstätten ganz nackt." Ein anderer sehr anschaulicher Bericht ist dem Neuter'schen Bureau aus Barbados zugegangen. In diesem heißt es: „Seit dem denkwürdigen 11. August 1831 ist Barbados nie von einem solch' fürchterlichen Orkane heimgesucht worden, wie von dem, der in der Nacht des Sonnabend, 10. September, über die Insel dahinfegte. Tage vorher war das Wetter unbeständig ge- wescn, und es war viel Regen gefallen. Aber das Barometer blieb beständig und erst am Sonnabend Abend zeigte es den herannahenden Orkan an. Ungefähr um 7 Uhr war es auf 29,069 gesunken, und die heulenden Windstöße kündeten das schnelle Nahen des Sttirmes an. Vorher schon hatte der Obscrvator des amerikanischen Wcttcrbureaus die Hafenbehörden gewarnt, und die Kapitäne der ver- schiedencn Fahrzeuge waren auch gemahnt, auf der Hut zu sein. Das englische Kriegsschiff„.Alört", das in der Carlislc Bat) lag, lichtete um 7'/? Uhr die Anker und dampfte, um sich zu retten, hinaus. Aber die grotze Masse der Eniwohner von Bridgetown und die Land- bewohner wußten nichts von den obwaltenden meteorologischen Bc- dingungcn, und als um'ftS Uhr der Urkan losbrach, waren sie ganz un- vorbereitet darauf. Es war Sonnabend Abend, und hunderte von Menschen waren ausgegangen, um für den Sonntag Einkäufe zu machen. Sie wurden vollständig vom Unwetter gefangen und waren gezwungen, die Nacht in den Läden zuzubringen. Eine Anzahl Menschen, die der Orkan unterwegs überraschte, suchten Zuflucht, wo sie konnten. Die Treppen und Korridore mehrerer Gebäude waren gedrängt voll von Flüchtlingen.„Der Sturm begann ungefähr um halb 8 Uhr am Sonnabend Abend und dauerte an bis vier Uhr am Sonntag Morgen Mcin kann sich seine furchtbare Gewalt vorstellen, wenn man erfährt, bah fünf Minuten hindurch die Schnelligkeit 62 engl. Meilen pro Stunde betrug, was einem Drucke von 21 Pfund auf den Quadratzoll entspricht, aber während einer Minute erreichte die Geschwindigkeit 75 Meilen per Stunde gleich 29 Pfund Druck auf den Quadratzoll. Einmal schien es, als käme der Sturm aus allen Richtungen der Windrose. Die Thiircn und Fenster der Häuser wurden aus ihren Befestigungen herausgerissen, und gleich tausend Dämonen kam der Wind hineingebraust, drinnen Verheerung und Zerstörung anrichtend, während dabei die Häuser selbst schwankten wie grohe Wiegen. Unheimliche Blitze schössen von Zeit zu Zeit über den Himmel und erleuchteten die tintenschwarzen Wolken über uns, während die Luft erfüllt war mit dem dumpfen Getöse des Donners und dem Gebrüll der See. Endlich graute der Tag, das Bild der Zerstörung und Verwüstung, welches sich den Bewohnern von Bridgctown dar- bot, war fürchterlich. Beinahe jeder Baum in der Stadt war umgeblasen. Die Telephonstangen mit ihren Hunderten von Drähten lagen umgestürzt. Demolirtc und ihrer Dächer beraubte Häuser sah man allenthalben. Es ist natürlich ganz unmöglich, einen annähernd detaillirtcn Bericht von der durch den Sturm an- gerichteten Verwüstung zu geben. Berichte aus den Landbezirkcn liegen noch nicht vor, da der telephonische Verkehr unterbrochen ist, und nur eine ungefähre Anschauung von der dort angerichteten Zerstörung kann man sich bilden. Man glaubt aber, daß über 160 Personen auf der Insel getödtet sind. Bis gestern Abend wurden vierzig Tobte der Polizei gemeldet, darunter waren sechs Personen, die sich auf Upper Collhmore Rock in eine Kirche geflüchtet hatten, deren Dach einstürzte, wodurch sie getödtet wurden. Am Sonntag wurden 17 Personen in das allgemeine Hospital auf- genommen, am Montag 10, und alle hatten schwere und leichte Ver- wundungen dadurch erhalten, daß Häuser, Räume oder Telephon- stangen auf ste gefallen waren. Die Szene am Riff, wo die meisten Schiffe scheiterten, war austcrordcntlich. An eineni Ende lag der Schmier„Campauia" auf seiner rechten Seite, die linke Seite war ganz zertrümmert. Dem Dampfer„Ida" war das Hintcrthcil dem Anscheine nach gerade wcggcschlagen. Die„Elmo" lag auf der Seite und war ganz m Stücken. Dazwischen waren Haufen von Wrack- trllmmeni und zerbrochene Lichtcrkähne eingekeilt, das Ganze bot ein trauriges Bild der Verwirrung und Zerstörung."— („Frankfurter Zeitung.") LUvines Feuilleton u. Wassergehalt gerösteter Kaffeebohnen. Wenn man eine geröstete Kasseebohnc ansieht oder anfabt, sollte man meinen, daß sie ein von Wasser völlig befreiter Körper ist. Dem ist aber nicht so. Ein Nahrungsmittel-Chcmikcr untersuchte den Kaffee genauer und fand, das, wenn man ihn wirklich so lange trocknet, bis kein Gewichtsverlust mehr eintritt— und erst dann kann man sagen, wirklich trockenen Kaffee vor sich zu haben—, die Bohnen erheblich weniger wiegen als vorher, wo sie sich in dem Zustande befanden, in dem man sie zu mahlen und zum Kaffeckochen zu verwenden pflegt. Auf diese Weise wurde festgestellt, daß gebrannter Kaffee durchschnittlich einen Wassergehalt von nicht weniger als 10 pCt. besitzt; in einzelnen Kaffccsortcn waren sogar 14'/zpCt. Wasser entfalten. Man wird ein solches Resultat um so weniger er- wartet haben, als ja beim Rösten der Kaffee auf eine so hohe Temperatur gebracht wird, daß bei ihr das vorher in den Bohnen enthaltene Wasser längst hätte verdampft und entwichen sein müssen, Man muß aber bedenken, daß beim Rösten die Kaffeebohnen sich schnell mit einer Art glacirtcr Haut überzieht, ivelche für den Danipf des im Innern der Bohne dann noch befindlichen Wassers undurch- dringlich ist, so daß dieser in der Bohne bleiben und sich später, wenn die geröstete Bohne abgekühlt wird, wieder zu kleinen Wasser- tröpfchcn verdichten nmß.— Literarisches. — Die erste Nummer eines neuen Literaturblattes ist soeben im Verlage von F. Fontane it. Ko.(Berlin) erschienen. Die Halbmonatsschrift nennt sich etwas bescheiden„Das literarische Echo". Um so angenehmer enttäuscht ist man, wenn man es auf- schlägt. Das Blatt bringt Essais und Studien über einzelne literarische Fragcit, biographische Charakteristiken zeitgenössischer Autoren, regelmäßige Literaturbriefe aus allen Kulturländern, Re- Produktionen und' Auszüge interessanter Zeitungsartikel, eine Gesammtrevue der in- und ausländischen Zeitschriften literarischen Charakters, zahlreiche Besprechungen, Nachrichten, Notizen, Biblio- graphic u. s. w.— — Auf der Generalversammlung der deutschen Gcschichtsvereine in Münster hielt Professor Dr. I o st e s einen Vortrag über den „Heliand". Der„Heliand", eine im Auftrage Ludwigs des Frommen vorgenommene Versifizirung der evangelischen Geschichte, wird ziemlich allgemein einem Westfalen zugeschrieben, und zwar im besonderen einem Angehörigen des Klosters zu Verden. Der Vor- tragende wies nach, daß der Verfasser kein gelehrter Theologe sein könne, sondern wahrscheinlich ein berühmter Volkssängcr war, der in der Wahl des Stoffes sich nicht besonders glücklich zeigt, in der Geographie nur geringe Bcwandcrung vcrräth und auch in der Dogmatil nicht recht zu Hause gewesen sein muß. Der Verfasser des Heliand war nicht ungebildet und nicht unbegabt, jedenfalls aber kein Gelehrter. Die Frage nach der Herkunft läßt sich zum theil nach einzelnen Tialektstcllcn beantworten, die nach dem nordöstlichen Sachsen bimvcisen, statt, wie man sonst annimmt, nach Westfalen. Hätte ein Mönch aus dem Kloster zu Verden das Gedicht verfaßt, so würde das in den Klosteraitnalen sicher nicht verschwiegen worden sein. Der vatikanischen Handschrift ist ein Mainzer Kalender angebunden, in welchem die Eintragungen bestimmter Tage direkt nach dem Magdeburgischen, also nach Sachsen hinwiesen. Nach anderen Anhalts- punkteit kommt man unwillkürlich auf die Gegend zwischen Weser und Elbe, etwa an die Küste in der Nähe von Hamburg. Daß das Gedicht dort entstanden sei, dafür spricht die Alliteration, die in dieser Form nur im nördlichen Theile Ostsachens vorkommt.— Geschichtliches. — Die Abdankung eines deutschen Fürsten. ES sind jetzt 60 Jahre verflossen, schreibt man der„Franks. Ztg.", daß ein souveräner deutscher Fürst, Heinrich der 72., Fürst von Reutz- Lobenstein-Ebersdorf, Mitregent von Gera, infolge eines in seinem Lande ausgebrochencn Rcvolutiönchens abdantte. Es ist dies der- selbe Fürst, der 1826 seine gesammte Streitmacht gegen die bei dem Dorfe Harra zusammengetretenen Bauern marschircii ließ, die ihre Häufer nicht bei der Magdeburger Feuerversicherungs-Gcfellschaft versichent wollten, wie es der Fürft angeordnet hatte; es gab bei dieser Attacke siebzehn fTodte und viele Schwerverwundcte. Doch nicht durch die„Schlacht bei Harra" ist dieser Fürst be- kannt geworden, auch dadurch, daß Lola Montez eine Zeit lang in der Residenz Ebersdorf meist mit der Reitpeitsche in der Hand, an stelle des Fürsten das Reginient führte, bis der Fürst, ihrer überdrüssig, sie des Landes verwies. Int März 1848 entfachten eine Handvoll Studenten und Kandidaten die Revolution in Serenissimi Landen. Heinrich der 72. glaubte durch Proklamatiottett den Sturm beschwören zu können, doch mutzte er von Ebersdorf nach Gera flüchten und auch von dort wurde er durch eine Sturmpetition vertrieben. Er nahm seinen Ausenthalt auf dem Gute Guteborn in der Lausitz und erließ von da sein „Letztes Wort an sein Volk". Bald folgte eine Abdankungsanzeige, die mit den Worten begann:„Meinen zahlreichen auswärtigen Freunden und Bekannten die Anzeige, daß ich die Regierung niedergelegt habe." Später nahm der Fürst seinen Aufenthalt in Dresden und starb dort am 17. Februar 1863. Das Reußenland hat er nach seiner Ab- dankung nie wieder betteten.— Völkerkunde. gk. Von den Aepfelindianern, den südamerikanischen Manzancros, erzählt Professor Siemiratzki in den soeben erschienenen „Mittheilungcn der anthropologischen Gesellschaft" in Wien. Es sind lleittc zerstreute Horden von araukanischem Typus. Sie leben in den Thälern des Ostabhaugcs der Kordilleren. Eine Eigenthümlich- keit ihres Landes sind die großen Aepfelwäldcr, die sich oft meilen- weit erstrecken. Die verschiedensten Sorten von sehr schmackhaften, häufig saustgrotzen Acpfeln wachsen hier nebeneinander, ohne je von Gärttterhand berührt zu werden. Ihr rasches Gedeihen beweist, daß diese von Europa eingeführten Bäume hier ein äußerst günstiges Klima gefunden haben. Das überrascht um so mehr, als in Südamerika sonst die Aepfel sehr schwer gedeihen. Einen rechten Gebrauch von den Aepfeln wissen die Manzaneros freilich nicht zu machen, nur im Herbst bereiten sie aus ihnen ein berauschendes Ge- tränk. Dann wird regelmäßig ein mehrtägiges Trinkgelage ab- gehalten, an dem auch die änderen Araukattcr theilnchmen. Die Kolonisten verwenden die Aepfel zum Schweinefüttern. Die Manzaneros treiben weder Viehzucht noch Ackerbau. Sie leben von der Jagd und vom Pserdediebstahl. Ihr Oberhäuptling Kurll Huinca(der schwarze Dieb) ist der einzige Mann in der ganzen Gegend, der Ackerbau tteibt. Auch die deutschen Kolonisten, die bis dorthin aus Chile vorgedrungen sind, ttciben nur Viehzucht. Ei» sonder- barer Brauch der Manzaneros, den sie vielleicht von den Patagoniern übernommen haben, ist der folgende: Die hcirathsfähigen Mädchen malen sich einen dreieckigen Fleck mit rothcm Ocker aus die Wangen, der das ganze Gesicht von den Augen bis zum Kimt bedeckt und nicht eher gewaschen tverden darf, als bis das Mädchen heirathet. Die Araukaner waschen sich auch sonst niemals. Trotzdem zeigen die Manzaneros stark den Drang, sich zu zivilisiren. Sie vermischen sich mit der chilenischen Bevölkerung, sie sprechen fertig spanisch, und manche wollen sich überhaupt schon nicht mehr des Aräukanischen bedienen. Ihre Kleidung schon zeigt diesen Zug, viele tragen europäische Filzhüte und Lacksticfel mit silbernen Sporen.— Aus dem Thierleben. t. Uebcr Bandwurm-Epidemieti bei wildem Geflügel sprach neulich der Physiologe Mcgnin vor der Pariser Akademie der Medizin. Im vorigen Jahre und im Frühjahre dieses Jahres haben solche Schmarotzer besonders unter den Fasanen und den Rebhühnern in Frankreich außerordentlich stark auf- geräumt. Es bestand nun nicht nur die Befürchtung um die starke Verminderung des Hühnerwildes, sondern auch eine Sorge um eine Gefährdung der menschlichen Gesund- heit durch den Genuß solcher erkrankter Vögel. Eine genaue wissenschaftliche Untersuchung war daher nothwendig und hat insofern außerordeutlichc Erfolge gehabt, als nicht weniger als drei ganz neue Arten von Bandwürment entdeckt wurden. Unter den Fasanen, die besonders in gewissen Züchtereien der Umgebung von Ram- bouillet zu Hunderten zu gründe gingen, herrschte ein bisher im- bekannter Bandwurm, der von Megnm als Davainea guevellensis be- zeichnet ivurde. Dieser Bandwurm gehört ebenso wie die übrigen beim Geflügel entdeckten zu der Familie der Taenien, zu der unter anderen auch der gesürchtete Bandwurm des Menschen, die Tusni» sollum, solvie der Drehwurm der Schafe zu rechnen sind. Unter den Rebhühnern fanden sich besonders in den französischen De- partements Loiret und Scine-et-Marne zwei ähnliche Schmarotzer, die zahlreiche Opfer forderten; die eine Art davon war neu, die andere bereits bei der Haushuhnrasie von Bruhöre festgestellt. Die Vermehrung der Bandwürmer in dem Geflügel geschieht außer- ordentlich rasch, und ihre Verbreitung ist wahrscheinlich auf eine gegenseitige Ansteckung zurückzuführen. Glücklicherweise ist man gegen diese Epidemien nicht machtlos, sondern hat in der gepulverten �rsoa-Ilusii(Betel-Ituß) ein ziemlich sicheres Mittel gefunden, das, in kleinen Mengen mit dem Futter des Geflügels vermischt, dasselbe fast mit Sicherheit von den kleinen Schädlingen befreit und die Epidemie zum Stillstand bringt. Megnin ist nach seinen Untersuchungen des Glaubens, daß diese Bandwürmer dem Menschen nicht gefährlich werden können, ganz sicher ist dies indeß nicht, man muß sich wenigstens daran erinnern, daß man bei den Kindern in Madagaskar, in Indien und sogar in Amerika Band- Würmer entdeckt hat, deren Ursprung man zwar noch nicht kennt, die aber eine große Aehnlichkeit mit den Geflügel-Bandwiirmern haben. Wahrscheinlich verhindert aber eine sorgfältige Zubereitung des Geflügels nach europäischer Art jede Ansteckung.— Aus dem Gebiete der Chemie. — Eine eigenthümliche Wirkung des Queck- silbers auf Aluminium behandelt Margot im.Engineering and Mimng Journal". Reibt man auf die mit Sandpapier gereinigte Oberfläche einer Aluminimnplatte Quecksilber oder besser Quecksilber-Amalgam, so bildet sich unter Erwärmung der Platte auf deren Oberfläche in kurzer Zeit eine rasch wachsende Ausblühung von Thonerde, die nach einer halben Stunde etwa 1 Zentimeter hoch ist. Nach Entfernung dieser Ausblühung mit der Bürste erscheint das Aluminium an den oxydirten Stellen wie mit Säuren geätzt. Beim Verdampfen des Quecksilbers durch Erhitzen hört der Vorgang auf. Das Quecksilber scheint nur auflösend zu wirken und die Oberfläche des Aluminiums stark porös zu machen, so daß der Sauerstoff der Lust das Metall leicht und schnell zu oxhdiren vermag.— („Prom.") Bergbau. — Bebet die russische Goldgewinnung hat der Berg-Jngenieur Melnikoff eine Studie für das Museum des Montan- Instituts verfaßt, der die.Köln.- Volks-Zta." folgende Einzelheiten entnimmt. Die Goldgewinnung hat in Rußland sehr spät an- gefangen. Vielleicht war einer der Gründe dafür, daß die alten Slaven, wie Justin bemerkt, daS Werth volle Metall zunächst wenig schätzten. Ihrem obersten Götzen Perun machten die Slaven nur einen goldenen Schnurrbart; der arabische Reisende Jbu- Frazlan versichert, daß er an der Wolga Kauflcute gesehen habe, deren Kastane mit goldenen Knöpfen verziert waren, während die Weiber den Hals mit goldenen Ketten schmückten. Aber das waren schwerlich Rusien, sondern eher wohl Chosaren. Der Goldschmuck kam allerdings im Mittelalter auch bei den russischen Frauen bald in Mode; mir bestand derselbe nicht in daheim ge- wonnenem Golde, sondern das Gold wurde von den reichen.Gästen" sausländischen Kaufleuten) in Groß-Rowgorod gekaust oder von den russischen Theilfürsten und ihren Druschinen(Gefolgschaften) auf deren zahlreichen Beutezügen mit dem Schwerte ge- Wonnen. In dem Süden Rußlands fand man in den „Kurganh"(alterthümliche Grabhügel, besonders an der Wolga und Kama) viele Goldsachen, so daß die Russen auf die Bermuthung kamen, daß dieses Gold einheimischen Ursprunges sei, und unter dem Zaren Alexei Michailowitsch<1645—1676) eifrige Rachforschungen anstellten, woher dieses Gold stamme. Es erwies sich, daß die Tataren, Kalmücken, Baschkiren sich schon längst mit der Goldgewiimung beschäftigten, aber ihre Fundstellen sorgfälsig vor den Russen verheimlichten. Erst Peter der Große legte die erste Goldmine an, die Stelle war aber unglücklich gewählt, so daß die Arbeiten bald eingestellt wurden. Das erste russische Gold wurde bei der Schmelzung in Silberminen des Ncrdschinsker Bezirks gewonnen, aber in sehr geringen Quantitäten— im Jahre 1740 nur 27 Pfd.— Wie in Amerika, war auch in Rußland lange Zeit alles Werk des Zufalles. Im Jahre 1303 entdeckte ein Bauer das erste Gold im Ural am Tschussowa-Flusse, 26 Jahre später erkannte man, daß in West-Sibirien Gold vorhanden sei, indem ein Sekttrer Lesnoi bei der geheimen Goldsuche überrascht wurde. Daß die russische Regierung wissenschaftliche Expeditionen von Geologen und Berg-Jngenieuren aussendet, z. B. nach den Küsten des Ochotzki'schen Meeres, ist erst ein Werk der letzten Jahre. Von 1745— 1897 sind in Rußland insgesammt 115 859 Pud Gold gewonnen worden Aus diesem Golde sind bis Ende September Goldmünzen Mc 1 445 900 286 Rubel geprägt worden.— Technisches. — Die Heizkraft der Hölzer. Daß Hartholz größere Heizkraft besitze als Weichholz, ist eine weitverbreitete, aber irrige Amiahme. Nach den eingehenden Untersuchungen über diesen Gegen- stand besitzt von den Hölzern, wie das Patentbüreau von H. u. W. Pataky, Berlin, mittheilt, Lindenholz mit 99 pCt. die größte Heizkrast; es folgen sodann in abnehmender Reihe zunächst die Fcldrüster und die Fichte mit 93 pCt. Heizkrast; sodann Weide, Kastanie und Lärche mit 97 pCt., Ahorn und Föhre mit 96 pCt., Schwarzpappel mit 95 pCt.; Weißbirke mit 94 pCt.; hiermit ist die Reihe der Weichhölzer erschöpft, und man sieht, daß das weichste Holz, das Lindenholz, den größten Heizwerth mit 99 pCt. aufweist; erst nach der Weißbirke folgen in wieder abnehmender Reihenfolge die bekannten Harthölzer wie Eichenholz mit 92 pCt., Weißbuche mit 91 pCt. und Rolhbuche mit nur 90 pCt.— Humoristisches. — Ein G' s ch e i t I e. Schultheiß:.Wie g'sagt, Ihr Herre', der Doktor von Bräglinge thät hieherziehe', wenn m'r ihm sechshundert Mark Wartgeld aussetze' thätet. Was ischt Dei' A'sicht, G'meindspfleger?" Gemeindepfleger:.I mei' einfach, mir wollet de Doktor lasse', wo'n er ischt und umsonscht st erbe', wie bisher auch I"— — Das Nothwendigere. Onkel(zu Besuch):„Nun, Otto, was willst Du denn werden?" Otto(Sohn eines Diurnisten):„Ich, Onkel, Kanzleidirektor I" Onkel:.Und Du, Fritzchen...?" Fritz:„Satt!"- („Meggendorf. hum. Bl.") — Abgefertigt. Am Stammtisch einer süddeutschen Klein- stadt ist der Hof-Metzgermeister Kalbte mit dem Redakteur des Orts» blättchcns in eine heftige politische Auseinandersetzung gerathen. Als Herr Kälble gegen den überlegenen Widersacher gar irichrs Stich- haltiges niehr anzuführen weiß, schleudert er ihm als letzten Trumpf das Donnerwort entgegen:„Was willsch denn. Du Blättlesschreiber, Du kannscht jo not e mol e Säule abschtechel"— Vermischtes vom Tage. — In der letzten Sitzung der zoologischen Sektion des West- fälischen Vereins für Wissenschaft und Kunst theilte Dr. Landois mit, daß der Besitzer zweier Ziegen in dem Orte Telgte bei Münster auf die Wahrnehmung hin. daß die Thicre immer weniger und schließlich fast gar keine Milch mehr gaben. aufmerksame Be- obachtungen anstellte und so dahinter kam, daß die in demselben Stalle untergebrachten Kaninchen das Melkgeschäft kunst- gerecht besorgten. Man entfernte die Kaninchen, und sofort lieferten die Ziegen das frühere Quantum Milch.— — Eine Polizeiverorduung im Landkreis Emden sucht die Verminderung der Sperlinge durch folgende Bestimmungen zu erreichen:„An Sperlingen oder Sperlingsköpfe» sind zu liefern: a) von jedem Laudwirthe, welcher 25 Hektar oder mehr Land bewirthschaftet, 12 Stück; b) von jedem Laudwirthe, welcher 12 bis 25 Hektar bewirthschaftet, 6 Stück; o) von jedem Laudwirthe, welcher 1 bis 12 Hektar bewirthschaftet, 3 Stück. Die Lieferung von Sperlingen oder Sperlingsköpfen hat alljährlich in der Zeit vom 1. Oktober bis 1. Dezember an die Gemeindebehörde zu erfolgen. Uebertretungen der vorstehenden Bestimmungen werden mit Geldstrafe bis zu 6 Mark, im Unvermögeussalle mit ensprechen- der Haft geahndet."— — Bei D r i e w e r in der Nähe von Papenburg ertranken drei Knechte beim Kahnfahren, drei andere konnten sich retten.— — Bei der im Hause Zola's in Paris vorgenommenen Pfändung find die Gerichtsvollzieher in der rücksichtslosesten Weise vorgegangen. Ein Gemälde von dem berühmten Landschafter C l a u d e M o n e t taxirten sie auf— 25 Francs!— — In der Nähe von Clermont-Ferrand brannte eia Gehöft nieder. Fünf Personen kamen in den Flammen um.— — In H e m i x e n bei Antwerpen traf ein mit Färbeholz beladencS Schiff ein. Bei der Entladung entdeckten die Arbeiter plötzlich im unteren Schisssraum eine mächtige Schlange. Das Schiff wimmelte von Schlangen. Sofort wurden alle Luken geschlossen. Leute des Antwerpener Zoologischen Gartens sollen die Schlangen einzufangen suchen— t. Eine Ge>ellschaft f ü r Volkspoe sie hat sich in diesem Sommer in London gebildet. Ihr Zweck ist, Volkslieder, Balladen und Melodien im Volke aufzusuchen, zu sammeln und zu veröffentlichen.— — In dem kleinen Salon eines Dampfers in Bri gh to n (England) fand sich an der Decke eine Tafel aufgehängt, die über einem Sitz baumelte und die Inschrift trug:„Hieß saß Se. Kön. Hoheit Albert Edward, Prince of Wales, als er sowohl mit dem Dampfer hinaus als zurück fuhr." Verschiedene junge Damen konnten später mit großer Genugthuung erzählen, daß auch sie„auf demselben Fleck" gesessen hätten.— — Nach einer Meldung des„B. T." ist der unter japanischer Flagge fahrende frühere Dampfer des Norddeutschen Lloyd„Lübeck" auf der Reise von I a p an nach Formosa in einem Taifun untergegangen. 70 Personen sind ertrunken.— Die nächste Nummer des Unterhalwirgsblattes erscheint Sonn- tag, den 9. Oktober. Verantwortlicher Redakteur: Slngrtst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.