Anterhaltmigsblatt des Horwärts Nr. 297. Sonntag, den 9. Oktober. 1898 (Nachdruck verboten.) KZ Aeu�Varkhetgo. Roman von Georges Eekhoud. Er stieg in das Kesselhaus hinunter, trieb sich in den Maschinensälcn umher und schritt von den Bottichen, in denen durch wiederholtes Schmelzen der Rohstoff einem Rcinigungs- und Läuterungsprozeß unterworfen wird, zu den Pressen, die die unbrauchbaren Bestandtheile ausscheiden und die flüssige Masse durch starkes Walzen zwischen Thierhäuten aufs neue erstarren und fest werden lassen. Unter den Räumen, die der Behandlung der Fette dienten, war der Aerolöin-Saal der iibelberüchtigste. Das Aerolein ist eine farblose, sich leicht verflüchtigende Substanz, deren schädliche Dämpfe den Augen der hier Beschäftigten der- hängnißvoll werden. Die Arbeiter lösten sich alle zwölf Stunden ab und nahmen wohl auch von Zeit zu Zeit einen kurzen Urlaub, um sich von den Folgen der Wirkung des Giftes einigermaßen zu erholen; aber all diese Borsichts- maßregeln erwiesen sich auf die Dauer als unzureichend und verhinderten nicht, daß das Teufelszeug schließlich ihnen die Augen ausbrannte. Schneller und gewandter wie die ätzenden Dämpfe, aber ebenso feig und hinterlistig benahm sich die Maschinenkraft bei diesem rachgierigen Vernichtungskampf. Gelang es ihr auch nicht allzu häufig, durch eine Explosion gleich ein Massenblutbad anzurichten, so lauerte sie dafür um so eifriger dem einzelnen der verhaßten Gesellschaft, die sie unterjocht hatte, auf und holte ihre Opfer eines nach dem anderen aus dem Haufen. Nicht dort wo die Maschine in voller Arbeit ächzt und stöhnend aufheult, wo ihr stampfendes Getriebe den dicken Mauerkäfig, in dem die gewaltige Masse von Stahl, Kupfer und Gußeisen wie ein lebendig eingemauerter Riese halb vergraben liegt, erzittern läßt, ist die eigentliche Stelle der Gefahr. Ihr Gebrüll hält die Wachsamkeit der Wärter stets rege, und wäre das Ungeheuer selbst im Begriff aus dem Käfig auszubrechen und, wild sich aufbäumend, alles zu zertrümmern, so verräth das Alarmsignal seine Absicht und der für das Be- freiungswerk aufgespeicherte Dampf entweicht machtlos durch das Sicherheitsventil. Nein, nicht hier, sondern fern von der Kiafterzeugungsquclle, von dem Räder- und Triebwerke der Maschine droht dem Arbeiter das Verderben. Einfache Leder- streifen lösen sich wie Polypenarme von der Hauptinassc ab, schlüpfen durch die Löcher der Wand in die Nebensäle und setzen dort all' die Maschinenräder in Bewegung, die die ab- hängigen Vasallen des großen Schwungrades sind. Diese end- losen Bänder gleiten so leicht und behende über die Trans- missionswellen, sie spulen sich mit solch' beweglicher Anmuth aus lind ab, daß jeder Gedanke an ihre bösivilligen�Attentats- gelüste thöricht erscheinen könnte. Sie laufen so rasch, daß sie stille zu stehen scheinen und ab und zu sind sie überhaupt nicht mehr zu sehen. Sie verschwinden, fliegen dahin, durch- eilen beständig denselben Weg, verrichten ungezählte Male die gleiche Arbeit und schwirren mit dem surrenden Geräusch eines flatternden Vögelchens oder einer behaglich schnurrenden Katze durch den Raum. Der Arbeiter, der sie bedient und überwacht, wird mit der Zeit sorglos und mißachtet ihre tückischen Angriffspläne, wie sich der Thierbändiger auf die erprobte Langmuth seiner Bestien verläßt. Im Eifer der überhasteten Arbeit läßt er sich durch ihr Murmeln und Surren bethörcn. Aber die Katzen mit schmeichelnden Sammetpfötchen wandeln sich schnell in blutgierige Tieger. Immer mif der Lauer, ihr Opfer zu packen, werden die hurtig sich drehenden Streifen jede unvor- sichtige Bewegung des Sorglosen im Fluge erspähen und sich mit schadenfroher Lust zu nutze machen. Eine kleine Nach- lässigkeit in der Kleidung, ein bauschiges Hemd, eine flatternde Bluse wird dem Unglücklichen zum Verhängniß und überliefert ihn den bcutehungrigen Polypenanncn. Haben sie erst einmal einen Zipfel erfaßt, so zerren und ziehen die Transmissions- riemen, die endlosen Ketten, am Stoff, verwickeln ihn mit blitzschneller Bewegung in ihr Getriebe und reißen den armen Teufel, der sich aus der Verstrickung nicht zu befreien vermag, in die Höhe. Der Arme kommt gar nicht zum Bewußtfein seiner verzweifelten Lage, kaum daß sich dem verzerrten Munde ein heiser gellender Angstschrei entringt. Der Verurtheilte hat die ganze Stufenleiter veralteter Hinrichtungsmartern zu er« dulden, er wird aufs Rad geflochten, skalpirt, gevicrtheilt, gliedweise in die Luft geschleudert oder zwischen den Riemen- scheiden wie eine Zitrone ausgepreßt. Und kein Mittel, der Bestie ihr Opfer abzujagen! Wenn die Maschine abgestellt lvird, ist schon alles aus und zu Ende. Der Mann ist schon todt oder verstümmelt, ehe man an dem ungleichen Gang der Maschine bemerkt, daß etwas nicht in Ordnung ist. In Laurent's Augen waren die vielgerühmten Wunder- thaten der modernen Maschinentechnik und der gewerblichen Chemie den scheußlichsten Folterwerkzeugen und Höllentränken der Jnquifitionsrichter gleich zu achten. Er sah nur die Kehr- seite der Jndustriemedaille, an der Gina ausschließlich das funkelnde Schaugepräge bewunderte. Er errieth die ganze Lüge des Wortes„Fortschritt", das die Bourgeoisie beständig im Munde führt, und ahnte den plumpen Schwindel, der vom Geiste sogenannter Brüderlichkeit und abgedroschenen Gleich- heits-Phrasen erfüllten Gesellschaftsordnung, die die Herrschaft eines dritten Standes begründete, der noch raubgieriger und entarteter als die Feudalherren von ehedem ist. Und aus dieser Erwägung entsprang jenes Mitleid, die fast ans Hysterische grenzende schwärmerische Zuneigung, die Laurent der viel- köpfigen Legion der Parias im allgemeinen und im besonderen der Ärbeiterschaar der Dobouziez'schen Fabrik entgegenbrachte. Von Stund an hielt er es mit der Partei dieser von strotzender Urwüchsigkeit erfüllten Gesellen, die mit solch keckem Wagemuth Tag fürTag derKrankheit, der Giftmischerei und all den drohenden Gefahren ihres aufreibenden Berufslebens trotzten, ohne auch nur einen Augenblick ihre freie Ungezwungenheit und uugenirte Ver- traulichkeit zu verlieren. Im Verkehr mit ihnen wurde der Knabe gesprächig. Wenn er die rauchgeschwärzten, in Schweiß gebadeten Männer, die die Mütze vor ihm abnahmen, keuchend daherkommen sah, faßte sich der verschüchterte Junge ein Herz, heranzutreten und das Wort an sie zu richten. Nach all den Stichelreden, der Höhnerei und Quälerei, die er in den Salons seiner Pflegeeltern über sich ergehen lassen mußte, war es ihm, als träte er aus der dunstgeschwängertcn, den Athem be- nehmenden Atmosphäre eines überhitzten Treibhauses hinaus in die frische, reine Luft, deren kräftiger Hauch ihn belebte und seine Lungen weitete. Er sah in diesen Armen und Elenden seinesgleichen und fühlte sich mit ihnen solidarisch verbunden, denn zwischen seiner niedergeschlagenen Schwäche und ihrer lahmgelegten Kraft bestand im Grunde kein bemerkenswerthcr Wcscnsuntcrschied. So wurde er der theil- nehmende Freund dieser Heizer. Maschinenwärter, Aufseher und Tagelöhner, und die Annäherungsversuche dieses zurück- gesetzten, moralisch vernachlässigten, verkannten und der Elternliebe beraubten Kindes, von dem das liebedienernde Lakaicnpack. der trübe Bodensatz des Gesellschaftssumpfes, mit verächtlichem Achselzucken als von einer lästigen Bürde, die sich der„gnädige Herr" in seiner Menschenfreund- lichkeit aufgehalst hatte, sprach, fanden bei den Leuten das herzlichste Entgegenkommen. IV. „Und wenn ich bis ans Ende der Welt lebte," erzählte Laurent der Maschinenwärter, der gerade dabei war, den Eisenkoloß von dreihundert Pserdckrästen zu putzen und ab» zurciben.„in meinem ganzen Leben werde ich das Un- glück nicht vergessen! Ja, mein lieber Herr, die Bestie hier hat damals ein hübsches Stück Arbeit vollbracht. Wenn ich daran denke, möchte ich die Kanaille lieber in so viel Stücke zerschlagen, als sie damals aus meinem armen Ka- meraden machte, statt sie zu putzen und schön zu machen. Noch nicht mal zur ersten Gestellung war der arme Schlucker gewesen, und dabei gesund und frisch wie ein Fisch im Wasser, der blonde Prachtkerl! Nicht ein Fehler am ganzen Leibe l Und diesen Prachtkerl hat die Maschine hier in zehn, was sage ich, in zehn, in hundert Stücke zerrissen! Als es sich dann darum handelte, die armseligen, in allen Ecken und Winkeln mühsam zusammengesuchten Glieder zu bergen, haben wir. ich und zwei Kameraden, die herzhaft genug waren, die nicht leichte Pflicht zu erfüllen, erst fünf Fingerhüte reinen Jngwerschnapses hinter die Binde gegossen, um uns für das frtmrajr Geschäft Muth anzutrinken.... Wie Wurstfüllsel stopften wir das zerhackte Menschenfleisch in ein halb Dutzend Betttücher, die uns Fräulein Felicitas mit sauertöpfischer Miene zur Ver- fügung stellte. Und das war fast noch zu wenig, denn durch die sechs Leichentücher sickerte noch das Blut und tropfte zur Erde I..." Während der junge Paridael mit allen Zeichen tief- gehender Erregung dem in seiner rohen Wahrheitsschilderung doppelt erschütternden Bericht lauschte, hörte er hinter sich von einer dröhnenden Stimme, die sich vergeblich Mühe gab, ihren durchdringenden Klang zu dänipfen, seinen Namen rufen. „Heda, Herr Laurent... Herr Lorki l" Lorki! Seit des Vaters Tode hatte er diesen Kosenamen nicht mehr vernommen. Nur zögernd wagte er sich um- zudrehen, aus Furcht, ein Gespenst auftauchen zu sehen. Aber wie groß war seine Freude, als er den untersetzten, sonn- verbrannten Mann mit den blinzelnden braunen Augen und der zerzausten geringelten Bartkrause erkannte. „Vincent I" schrie er, vor freudiger Aufregung jäh er- bleichend.„Sie hier?" „Zu dienen, Herr Lorki! Aber beruhigen Sie sich nur, es sieht ja wahrhaftig fast so aus. als wenn ich Ihnen einen Schreck eingejagt hätte l... Ich bin Aufseher im„Polier- saal"... Sie wissen ja wohl, die Fraucnabtheilung.. Dieser Poliersaal war so ziemlich der einzige Raum der Fabrik, in den sich Laurent noch nicht hineingewagt hatte. Den Vorstadtmädchen gegenüber, die ein gut Theil lärmender, obendrein aber von des Lebens Ernst noch weniger an- gekränkelt als ihre männlichen Arbeitsgenossen, konnte der Junge seine Schüchternheit nicht los werden. Wie oft hatte er des Abends die Fabrikglocke zum Feierabend läuten hören. Die Arbeiterinnen wurden eine Viertelstunde vor den Männern entlassen. Wie eine Heerde von der Koppel befreiter Füllen stürmten sie durch den Thorwcg, der von dem Lärm aus dem Getrappel der übermüthigen Schaar widerhallte, dem Ausgange zu. Draußen auf der Straße aber schlenderten sie dann zögernd auf und ab und lungerten vor dem Fabrikthor herum. Bald ertönte die Glocke zum zweiten Male. Jetzt war die Reihe an den Männern, die schwerfällig einherschritten, mit alblauter Stimme Verabredungen trafen und truppweise auf ie Straße traten. Und nicht lange darauf erscholl von der Ecke der Straße her das schrille Gekreisch der bedrängten trauenzimmer und das Gelächter ihrer stürmischen Werber. aurent wollte sich manchmal zu Tode ängstigen. Ach, die rohen Kerle hatten sie gewiß überfallen. Das Kind hatte keine Ahnung, was das Geschrei und Lachen zu be- deuten hatte. Schwächer und schwächer erklang der Lärm. von den ferner gelegenen Straßen her hörte man noch hier und da verworrenes Geräusch, bis auch das nach und nach in den Krümmungen der engen Gassen leise erstarb und tiefes Schweigen in der Vorstadt herrschte. Langsam breitete die Nacht ihre dunklen Fittiche über die„Steinerne Mühle". (Fortsetzung folgt.) Sonntsgsplttndvvet. Die Ereignisse gehen manchmal ihren wunderlichsten Gang. Auf den vertraulichen Erlaß des Herrn v. d. Recke der Prozeß gcacu Arthur Stadthagen I Hier die Aufforderung zur verschärften Echneidigleit und da eine Zusammenstellung von Wachtstuben« AbeMeuern, die in der Rubrik vom Berliner Leben gerade keine helle Seite bedeuten. Als vor einiger Zeit selbst in der bürgerlichen Presse bis weit nach rechts hin das Schlagwort erklang:.Schutz vor den Schutzleuten", da hätte man denken dürfen, auch in die ver- schlossensten Bureauröume müsse der laute Ruf dringen. Wir haben es aber an dieser Presse oft erlebt. Es taucht ein sensationeller Fall auf. Ein rasches Flackerfeuer in der Presse entsteht darauf. Bald ist es ausgebrannt; und wieder kehrt der Geist der Unter- thänigkeit ein. ES sollte nicht vergehen werden, daß aller Groll sich damals gegen untergeordnete ausführende Polizei-Organe kehrte, daß in einzelnen lammfrommen Zeitungen sich etwas wie Blaukoller äußerte und daß man durchaus nicht auf das Wesen eines Systems einging, das in subalternen Köpfen so viel Verwirrung anstiften kann. Mit dieser oberflächlichen Manier hing die Vergeßlichkeit der Presse zusammen. Es war wiederum still geworden bei den Zeitungs- rebellen. Man dachte wohl gar, wenn wir uns so echauffiren, dann müssen die Dinge besser werden. Man verzeichnete wiederum mit Geimgthuung jede Galanterie eines Schutzmannes auf der Straße und freute sich im stillen bei dem eitlen Gedanken:»Das ist unser Werk". Niemand hat in dem Prozeß Stadthagen eigentlich einen schlimmeren Backenstreich erhalten, als diese eitle, selbstzufriedene Presse. Es wurden polizeiliche Mißgriffe bekannt. Man hatte an- ständige Bürgcrfrauen umsonst nach der Polizeiwache geführt. Man zappelte und schrie in der bürgerlichen Presse, als sei noch nie so Unerhörtes geschehen. Jetzt wurde man auch auf andere Abenteuer der Wachtstuben aufmerksam. Und der Erfolg des ganzen Lärmens? Die Aussage des Polizeipräsidenten gicbt eine unzweideutige Antwort darauf. Zu den maßgebenden Stellen war vom Preßlarm nichts durchgedrungen. Das ist das Ende vom Lied gewesen. Ob sie nun bescheidener werden, die Herrschaften von der Ordnungspresse, die sich und ihren Werth so gerne bei Festlichkeiten preisen lassen? Was mußten sie sich für Schmeicheleien von ganz schlauen Leuten, wie Herr v. Miguel einer ist, sagen lassen? Wie wurde ihre Eitelkeit gekitzelt und wie leicht steigert sich dabei in manchem Kopf das eigene Wcrthbewußtsein. Da glaubt man, mit ein paar geräuschvollen Phrasen, mit dem papiernen Ausruf: Schutz vor den Schutzleuten! die Würde der Reichshauptstadt gerettet und der Freiheil eine Gasse gebahnt zu haben. Aber dann kommt der wirkliche Effekt: Es war Zcitungs-Sttohfeucr. Man merkte an jenen Stellen, die es aufmerksam machen sollte, nichts von seinem Prasseln. Manch einer von den„einflußreichen Organen" bildet sich gerne ein, er fei ein Posaunenbläscr vor Jerichow, wenn er auf seinem Papier einmal einen kräftigen Ton riskrrt. Aber s einen Posaunen- donner vernimmt man nicht einmal, und die Mauern der Unfreiheit und des Zwanges erschüttert er nicht. Was nützt es, wenn er sich aufgeregt geberdct? Man weiß doch, er wird sich austoben, der Gute. Dann bleibt alles beim alten. Wo solche Gegensätze sich aufthun, tvie sie im Hiittergrund des Prozesses Stadthagen erscheinen, da bedarf es der Sammlung, der stetigen, zähen Ausdauer. Mit hysterisch-krampfhafter Erregtheit über den oder jenen Fall, der eine Dame betroffen, ist nichts gethan. Besonders wenn auf den momentanen Anreiz alsbald die Erschlaffung folgt. Unterthänigkeit und Staatsbürgerschaft, das sind die gegcnsätz- lichen Begriffe, die überall aus dem Prozeß Stadthagen hcrvorschen. Der Schutzmann, den eine Gegenrede des Sisttrtcn leicht als Wider- setzlichkcit erbittern kann, handelt fast instinktiv aus dem Begriff der Staarsunterthänigkeit heraus. War die Gegenrede nur ein wenig schroff ausgefallen, so sieht sein wachsames Mißtrauen rasch die Pflicht gebührlicher Unterthänigkeit verletzt. Aus dem Be- griff der Unterthänigkeit folgt das Gebot: Im Zaume halten, und der militaristisch geschulte Geist faßt das Gebot überdies gern straff und rauh. Selbst unsere Magistrat- liche Zivilbehördc rcagirt gegen diesen Geist nicht so empfindlich, als es im gemeiu-bürgerschaftlichen Interesse läge. Keine Woche und keinen Tag hätte man zaudern dürfen, nach dem Beschluß der Stadt- verordneten mit dcni Polizeipräsidium über die Sicherheitsverhält- nisje Berlins zu verhandeln. Und bis zu dieser Woche war dem Polizeipräsidium hiervon nichts bekannt. Auf dem Stuttgarter Parteitag sind manche persönlichen Differenzen, manche Meinungsverschiedenheiten über taktisches Verfahren zur Sprache gekommen. Ucber allein aber war mau darüber einig, daß man in der gegenwärttgen Lage keinen Anlaß zur Selbstzufriedenheit habe. Scharfe, schneidige Kampfesworte fielen, und in der That, so scheint es, braucht nun nicht darum bekümmert zu sein, daß die Gegeuivart mit ihren Anforderungen nicht genügend zum Kampfe herausfordern werde. Man müßte wirklich, um mit Fischer zu sprechen, hündisch- feige sein, um nicht seinerseits daran niitzuarbeiten, daß der freie, bürgerschastliche Sinn vor dem Rest der Hörigkeit, vor dem Unter- thänigkeitsbegriff zu Ehren komme. Jeder nacki seiner Kraft, nach seiner Fähigkeit! Das drängt sich auch dem Manne auf, der nicht mitten im Getriebe politischer Agitation steht. Auf allen geistigen Gebieten giebt es zu schaffen, zu fördern genug. Je dramattsch bewegter unsere Epoche wird, umso angespannter wird alle Kraftanstrcngung sein müssen. Wo wir auf Erden umherblicken, bereiten sich ein« schneidende Verschiebungen vor. Alte Kulturfattorcn, wie das spanische Reich, sinken nieder, in Oesterreich, in Italien steht man am Beginn folgenschwerer Tage. In Frankreich steht Militarismus in erbtttcrtcr Fehde dem modernen Bürgcrbewußtsein gegenüber; und so sensibel ist man gegen alle Gegenwartscrscheinungen ge- worden, daß man keine Gelegenheit vorübergehen läßt, ohne weit- reichende Vcrmuthungen an irgend ein Ereianiß zu knüpfen. WaS hat man nicht schon alles aus der bevorstehenden Kaiserreise nach Palästina für die Wcltstellung Deutschlands herauSkonstruirt I Zu- mindest ist derlei ein Symptom für die allgemeine Erregjamkeit unserer Zeit. Jedenfalls brauchen auch die vorauseilenden, ungeduldigenGeifter nicht verzagt zu sein, wie der königlicheKnabe Alexander verzagt war, als er wehklagte, fein Vater Philipp ließe ihm nichts zu erobern übrig. Eine solche Fülle von Problemen, äußeren und inneren, werfen die Zeitverhälmisse in der Gegenwart auf, daß jeder, der auf seinem Gebiet ernstlich schaffen tvill, in seiner Arbeit nicht zu verflachen und nicht die Hände in den Schootz zu legen braucht. Es wird auch den Kommenden noch Sorge und Arbeit genug übrig bleiben; und es wird noch mancher jene Enttäuschungen erleben, die der Wanderer im Hochgebirge erlebt. Es winkt ihm eine Zinne, schon glaubt er sein Ziel mit den Händen greifen zu können; da ficht er, daß er nur einen Vorsprung erklommen habe und daß ein neues Hinderniß zu überwinden sei. Den Willen, die Aussichtshöhe zu erreichen, muß man freilich mitbringen, sonst macht jedes neue Hinderniß unwirsch und setzt vor der Zeit matt. Manch' einer ist im Anfang so forsch ausgeschritten, daß man meinen konnte, er wolle den Berg im Sttirm nehmen; und in der Mitte wurd ihm der Athem zu kurz. Das ist eine trivial gewordene Er- fahrung. Im übrigen: So viel hat die Geschichte menschlicher Erscheinungen und menschlicher Wandlungen uns schon gelehrt: Der Elan läßt sich nicht zu jeglichem Augenblick bereit finden. Auch für ihn gilt das Wort: Reif sein ist alles. Ist die Anspannung der Volksseele so heftig, ist so viel Vorarbeit gethan, daß sich der vorwärts- stürmende Elan loslösen kann, dann wird es nicht so sehr aufs Individuelle oder das Völlertemperament ankommen. Dann braucht es keiner überhitzten Aneifcrung. Relativ kleine Bolksmnssen, die Niederländer und die nüchternen schweizer, haben es in ihren Be- freiungskämpfen, in ihren? entschlossenen Drang nach Selbständigkeit bewiesen. Auch ihr Elan mußte reif sein, ehe sie überwanden.— Alpha. Nlrinrs Fenilleton h—. Die Unrechten. An der breiten Straße, die durch die Arbeitergegcnd nach den Vororten läuft, liegt zwischen den gleich- mäßig hohen Hauskästcn ein Ziergarten. Ein feingcschmicdetcs Gitter grenzt ihn ab. Das Gitter ficht aus, wie eine Reihe wohl- gezogener, seltsamer Pflanzen, die in der brennenden Sonne des Südens gewachsen sind. Aber sie haben keinen Geruch und sind nur starre, stachlige Wächter des Gartens. In dem Garten liegt ein Häuschen. Ja, gegen die klotzigen Nebenhäuser ist es nur ein Häuschen. Und doch ist es ein kleines Schloß aus der Mitte des Jahrhunderts, da der Fabrik- Herr sein Heim neben seiner Fabrik erbaute. Die Fenster des Häuschens sind in jeder Woche anders dekorirt. Hinter den blanken Spiegelscheiben leuchten in der einen Woche Gardinen im hellen, lichten Gelb des Frühlingssonnenscheins. In der anderen Woche wehren zarte, weiße Stores mit eingewebten eleganten Tulpen den eindringenden Blicken. Mit duftigen lila Wirkercien, die von glühenden Orangebändern gehalten werden, sind die Fenster in der nächsten Woche verhängt. Auch der Garten ändert oft sein Aussehen. Bald ist die große Freitreppe mit blühenden Schneebällen und Alpenrosen eingerahmt. Dann wieder stehen brennendrothe Tulpen oder unschuldweiße Lilien dort wie ein Spalier auf dem Wege zur Freude. Und nun erst auf den großen Beeten! Da steht in der Mitte eine ganze Gruppe Magnolien, die im warmen Hauch des Frühjahrs ihre hellen Kelche öffnen. Rund herum ziehen sich dichte Kränze blühender Rosen, unter denen große Schnörkel aus leuchtenden Nelken und Astern liegen. Oft, wenn ich vorüberging, dachte ich, welche schönheitsftendigen Menschen müssen hier wohnen, anordnen I Wenn ich die blassen Tapezirer bei ihrer Arbeit sah, wie sie mit glühenden Augen ihr Werk betrachteten und änderten und überlegten, oder wenn ich den alten, dürftigen Gärtner sah, ivie er mit künstlerischen Blicken seine Gewächse ordnete, srcntc ich mich, daß sie solche verständigen Gönner hatten, die ihnen Gelegenheit zum Wirken, zum Ausführen ihrer Ideen gaben und sich an den Schöpfungen erlabten. Neulich ging ich wieder vorbei. Es war Abend. Aus der Veranda saß eine übermüthigc Gesellschaft. Sic tranken. Einige Frauen kamen die Treppe herunter. Dick, aufgedonnert, auf den gemästeten Gliedern schwerer Sannnet und Seide mit Spitzen: dazu noch große Brillanten in den Ohren, ain Arm. auf dein Busen und an den Fingern. Die eine stieß bei ihrem achtlosen Gehen mehrere Blumentöpfe von der Treppe, die unten krachend zerschellten. „Ach lassen Sie doch! Das schadet ja weiter nichts... Der alte Kram 1" sagte die Andere geringschätzig.--- Theater. — r, Luisentheater. Nach dem mißlungenen Seitensprung in die Zirkusarena kam die Direktion gestern mit einer Neuigkeit von ernstem Aussehen. Gegeben wurde„Gefährliches Glück", ein Stück aus dem Leben von Maximilian Braun. Der Dichter will die alte Geschichte vom brechenden Herzen vorführen. Das arme Mädchen, das acht Jahre hindurch in nicht sehr sauberer Umgebung an ihrem Ideal festgehalten, sieht sich am Ende aller Prüfungen, als das Ideal ihr mittheilt, es sei nunmehr selbständiger Kaufmann geworden und bald könne Hochzeit gefeiert ivcrden. Es kommt natürlich anders. Der vorwärtsstrcbende Kaufmann findet. daß sein Fortkommen weit besser durch eine Heirnth mit der blühend- frischen Tochter eines reichen Geschäftsfreundes gesichert sei, als durch die Verbindung mit dem armen und dazu noch schwindsüchtigenMädchen. Während bis dahin dem Leben und der Wirklichkeit in der That manches abgelauscht und namentlich ein anrüchiges Brüderlein der Heldin recht hübsch charaktcrisirt worden ist, artet das Stück nunmehr in unheimliche Rührseligkeit aus. Wir sehen die Betröge, te langsam zum Schatten vergehen! und ganz am Ende, nachdem der Treulose Verzeihung erhascht, stirbt sie uns gar auf offener Bühne gcimu nach dem Rezept der Kameliendame. Das war natürlich ganz nach dem Herzen des Publikums. Redlich verdient war der überreich gespendete Beifall von einigen Darstellern, so von Herrn L a n d e ck. der den moralisch sehr minder- werthigen Bruder trefflich spielte. Auch Fräulein Martens suchte durch eine realistische Darstellung das traurige Ende der leidenden Margarethe möglichst packend zu veranschaulichen.— Musik. Konzerte. Die Zahl der einzelnen Künstlerabende wächst nunmehr so an, daß ein auch nur annähernd vollständiger Bericht bereits Phtzsisch unmöglich, und die richtige Auswahl allein schon eine schwierige Leistung ist, die ohnehin immer wieder auch durch Ncbcnumstände gestört wird. Unter den Konzerten der jüngsten Zeit, die uns so entgingen, befand sich auch ein, wie wir erfahren, Liederabend des Sängers Emil P i n k s lnm 1- Oktober im Saale Bechsteinj, dessen Programm u. a. Lieder des von Nietzsche ver- ehrten Peter Gast, eines anscheinend seltenen Programmgastes, enthielt. Am 4. Oktober konzersirtcn bei Bechstein eine Sängerin und eine Klavierspielerin. Diese, Emmy Riedel, war für die gegenwärtigen Konzertverhältnisse typisch. Statt ihre beschränkten Kräfte, ihr akzentarnrcs, nicht einmal genug deutliches, aber einfaches und zartes Spiel durch eine kluge Wahl passender älterer Stücke zu heben und dadurch zugleich unsere Kenntnisse zu bereichern, trat sie zunächst mit Wagncr-Liszt's Spinncrlied auf, dessen technische und geistige Welt ein ganz anderes Können verlangt, und versöhnte uns — soweit wir sie hören konnten— auch durch zwei der schönsten Nociurnen Chopnüs, trotz reichlichen Beifalls, nur wenig. Möchten solche, anscheinend am Mangel eines Ueberblicks über unsere Musik- literatur an, nicisten leidende Konzcrtgcber sich wenigstens bester be- rathen lassen! Ihre Gcsangskollegiu, Frl. Hedwig Hart mann, besitzt wedcre ine große Stimme»och eine besondere Größe des Vor- trags: allein ihr Mezzosopran ist recht gut ausgeglichen, hat eine wohlklingende ziemlich dunkle Färbung, die man nur vielleicht in den höheren Lagen ebenso dunkel oder genauer noch dunkler tvünschcn möchte, und das melancholisch Zurückhaltende, ja Matte ihres Vortrages bewährt sich zwar weniger in Schubert's„Grctchcn", desto wirkungsvoller aber in drei überaus schönen Liedern von Franz, den unsere Konzertprogramme immer»och mehr berücksichtigen könnten.— Einen scharfen Gegen- satz zu ihr bot die am selben Abend in der Singakademie konzer- tirendc Sopranistin Marie Blomck-Peters. Mit einer ziemlich hellen Stimme, deren Kopftöne weniger verschleiert sein könnten, und die für die dunklen Vokale noch mehr Deutlichkeit übrig haben sollte, verbindet sich ein geschickter Ausdruck. Die Säugerin neigt vorwiegend zum Lyrischen und verfügt über eine reiche Koloratur, bewährte jedoch schon durch ihr von A. Scarlatti(geb. IllSllj bis zu Berliner Musikrefcrenten von heute reichendes Programm(aus welchem Richard Strauß'„Traum durch die Dämmerung" hervor- gehoben sei) eine bcachtcnswerthe Vielseitigkeit.— Ain nächsten Abend(Mittwoch, den 5. Oktober) sang bei Bechstein die Altistin Anna Kuznitzkh aus Wiesbaden. Ihr Vorzug ist eine große Feinheit in den Abstufungen der Stärke der Stimme, verbunden mit einem guten, tragfähige» Piano; diese wcrthvollcn Eigenschaften sollten sich allerdings ergänzen durch eine ebensolche Abstufung der Unruhe des Klanges, die sie, abgesehen von dein dadurch manchmal erzeugten Anschein des Unreinen, besser für einzelne Fälle aufsparen würde, und durch ein sympatischereS, manchmal weniger schneidendes Forte. Wohl die wichtigste Konzertleistung dieser Woche war das Auf- treten des bisher in Weimar, jetzt in Berlin seßhaften Komponisten und Klavicrvirtnosen Ernst Hutcheson. Physiognomiker mögen aus seinen kurzen Haaren und seinem ernsten Kandidatenaussehen seine gewissenhafte Art, deutlich, verständlich und prägnant zu kom- poniren und zu spielen, voranSbcstimmen. Allein sein Klavierkonzert in 15-clur op, 6 hat außerdem noch die Vorzüge des Farbenprächtigen, Temperamentvollen, elementar Wirkenden. Es ist keine neue Offenbarung, es vereinigt das Gefällige Mendelssohn's(von dem z. B. der zweite Satz der schottischen Symphonie das Finale des Konzerts beeinflußt haben mag) mit den reicheren Ausdrucksmitteln eines Liszt. Für dessen beliebtes Klavier- Konzert in Es-dur, das uns ebenfalls geboten tvurde, scheint Hutchcson's Technik doch noch bester zu passen, als für Bccthoven's Es-ckur-Konzert, das den Anfang machte; bei diesem Werk die reichen Figurationen(übrigens auch eine Kompositions-Eigcnheit des Konzertgeb crs) so zu spielen, daß die unter ihnen hier verborgenen motivischen Formen in aller Größe und Plastik heraustreten, ist eine gewaltige Aufgabe. Sie verlangt entsagungsvollen Verzicht auf die Unruhe des Zeitmaßes, die auch dieser Künstler, bei aller richtigen Anlage der Tempi selbst, nicht ganz vcnnied, und noch schärfere, sprechendere Akzente. Das Phil- yarnronische Orchester gab sich Mühe, den Spieler richtig zu begleiten, und traf mit ihm häufig am Schluß wieder zusammen. Ein reich- sicher Beifall ließ uns noch Chopin's Präludium vss-äur als Zu- gäbe hören. Zwei Jnstrumcntal-Virtuosen, den Violinisten Max WokfS- t h a l(Wien) und den Cellisten Georg Schneevoigt(Heising- fors), der u. a. das v-moll-Konzert des wohl zu wenig gewürdigten Franzosen L a l o, des Komponisten der fast vergessenen Oper „Es roi d' Ys" spielte, konnten wir leider ebenfalls nicht hören.— sz. Kultnrhistorisches. ie. U e b e r die Urgeschichte des Bieres hat Dr. Eduard Hahn in der„Wochenschnst für Brauerei" einen Aufsatz veröffentlicht, der auf die Entstehung dieses Getränkes und seiner Verwandten, sowie auf seinen Gebrauch bei den Völkern der Vorzeit ein theil- tveise ganz neues Licht verbreitet. Wir sind heute gewohnt, als Bier eine aus Malz und Hopfen durch Gährung hergestelltes Getränk zu bezeichnen. Wenn man daS Bier jedoch bis in die Urzeit seiner Entwickelnng zurück verfolgen will, so mich man den Hopfen preisgeben, da er ein verhältniizmäßig neumodischer Zusatz ist, so sehr wir uns auch daran gewöhnt haben, ihn als eine Nothwendig- keit in den Begriff des Bieres einzuschließen. Das Bier, welches Odin mit seinen Einheriern nach der nordischen Sage in Walhall zechte, war honigsüß wie Meth und enthielt keine Spur von Hopfen; so beschaffen muß also auch das Bier unserer Mtvordern gewesen sein. Man kann sich wohl aber denken, daß ihren nicht gerade süßlich veranlagten Gemüthern ein solches Getränk allmälig zuwider geworden ist und ihnen wohl auch häufig eine Art von Katzenjammer hinterlassen hat, die wir heute sogar in den schlimmsten Fällen nach Biergenuß kaum mehr kennen dürften. Man versuchte infolge dessen alles, um den Geschmack des Bieres etwas kräftiger und gcwürzigcr zu machen. Man griff zu allem möglichen, z. B. zu Wachholderbeeren; in der Mark Brandenburg weiß man noch heute von einem Wachholderbier im Volksmund. In Amerika würzte man das Bier mit Sprößlingen der Schicrlingstanne und in Irland und Island mit dem Samen der wilden Mohrrübe. Der Hopfen, der so siegreich alle Nebenbuhler in dieser Richtung aus dem Felde ge- schlagen hat, wurde vermuthlich von den Finnen eingeführt, in deren großem Heldengedicht der Kalewala die Rolle des Hopfens bei der Bierbereiwng ausführlich geschildert ist. Nach Deutschland ist der Gebrauch des Hopsens wahrscheinlich zu der Zeit zwischen dem Ab- zug der Angelsachsen nach England und dem Kaiscrthunl Karls des Großen gekommen. Dies ist daraus zu schließen, daß die Angelsachsen noch keine Kenntniß von der neuen Bierwürze nach England mitnahmen, wo vielmehr noch lange bloßes Malzbier gebraut wurde; in Urkunden aus der Zeit von Pipin und seinem Sohne Karl werden jedoch Hopfengärten zum ersten Male erwähnt. Welches Alter hat das Bier nun überhaupt? Bei den alten Griechen und Römern scheint es kaum beträchtliche Bedeutung gehabt zu haben, dagegen waren diese Völker von Nachbarn umgeben, die aus Getreide- körnern ein berauschendes Getränk zu kochen wußten; dies war ebenso bei den alten Kelten in Frankreich wie bei den Iberern in Spanien und bei den Völkern Nord- Afrika's der Fall. Hier muß die Erzeugung und Verwendung des Bieres schon sehr alt gewesen sein, wie uns besonders die eghptischen Urkunden gelehrt haben.„Lanze zuvor," sagt Hahn,„ehe überhaupt von griechischer Kultur die Rede war, hatte schon in dem sehr viel älteren Egypten ein bejahrter Schreiber einen jüngeren Kollegen gewarnt vor dem allzuhäufigen Biergenusie und vor dem häßlichen Gerüche der Bierkneipe". Aus Egypten brachte Schweiufurth Todten- kränzc aus geleimtem Malz mit, und zur Zeit der Ptolmäer hat sogar wahrscheinlich eine Biersteuer daselbst bestanden. Man kann aber die Urgeschichte des Vieres vielleicht noch weiter zurück verfolgen, denn wahrscheinlich erhielten die Egypter Kenntniß von der Bereitung dieses Getränkes aus dem innersten Afrika, von welchem Erdtheile Hahn sagt, daß er ohne jede Ucbertreibung ein durchweg biertrinkender Kontinent zu nennen sei. Noch heute finden wir bis in die innersten Theile Afrika's bei den Neger- Völkern die Herstellung eines eigentlichen Bieres aus Malz. Sieht man aber auch noch von der Kenntniß der Malzbereiwng als einer nothwcndigen Vorbedingung ab und versteht unter Bier jedes aus einer gekochten, sehr stärkehaltigen Flüssigkeit durch Gährung her- gestellte Getränk, so verlegt sich sein Ursprung bis in die fernste Vergangenheit und in die' Zeiten der ersten Kulturanfänge zurück. Dann war nicht einmal die Kenntniß des Ackerbaues von Nöthen, denn wie noch heute zahlreiche Naturvölker die stärkehaltigen Samen wilder Gräser roh oder in geröstetem Zustande genießen, so könnte aus solchen durch Kochen und nachträgliche Gährung der- selben auch eine Art von Vier gewonnen werden. Die Kunst des Kochens, wie wir sie heute verstehen, konnte freilich nicht früher ausgeübt werden, als bis man Gefäße aus einem Stoff zu bereiten wußte, der die Gluth eines Feuers aushielt; dazu gehört also schon eine gewisse Kenntniß in der Verarbeitung der Metalle. Hahn macht aber' darauf aufmerksam, daß es noch ein Mittelding zwischen Rösten und Kochen geben kann und gegeben hat, das in dem Vcr- fahren bestand, glühende Steine in eine Flüssigkeit zu werfen und sie dadurch zu erhitzen. Ein solches„Steinkochen" isi noch heute bei manchen Völkern sehr verbreitet und ist sogar in der Gegend der Save und Drau noch bis zu einer garnicht so lange zurück- liegenden Zeit auch zur Bierbereitung in Gebrauch gewesen, man nannte das auf diese Weise hergestellte Getränk Steinbier. In Kärnten giebt es noch heute den Namen„Steinbier-Brauereien". der sogar tn der amtlichen Biersteuer-Statistik zu finden ist. So verlegt sich der Anfang des Bierbrauens bis in die älteste Zeit der Menschheit hinauf, bis in eine Zeit, in der weder der Ackerbau noch die Kunst des eigentlichen Kochens noch die Erfahrung in der Verwendung der Metalle bereits bestanden zu haben braucht.— Technisches. Dil Eisenbahnen der Vereinigten Staaten von Amerika. Dem Berichte des Bundes-Verkehrsamtes in Washington über die Entwickelung der nordamcrikanischen Eisen- bahnen entnimmt das„Handelsmuscum" folgendes: Die Eisenbahnen -der Vereinigten Staaten hatten Ende Juni 1896 einen Umfang von 182 777 Meilen. Die Zahl der Eisenbahn-Gesellschaften, von denen fieses Netz betrieben wurde, betrug 1985, davon waren aber nur 782 selbständig. Die Anzahl der Gesellschaften, deren Umfang über 1000 Meilen betrug, belief sich auf 44 mit insgesammt 103 346 Meilen— 56,89 pCt. des Gesammtnetzes. Auf 100 Quadratmeilen entfielen 6,15 Meilen und auf 10 000 Einwohner 26 Meilen Eisen- bahnen; 10 685 Meilen waren zweigeleisig, 990 Meilen dreigeleisig und 764 Meilen viergeleisig. Die Anzahl der Lokomotiven betrug 35 950, die Anzahl der Wagen 1 297 649, darunter für den Expreß- verkehr 44 701; die Anzahl der im abgelaufenen Betriebsjahre auf den Eisenbahnen Getödteten belief sich auf 6448, der Verletzten aus 38 687; die Anzahl der Beamten betrug 826 620.— Humoristisches. g. Eine Blütenle se von Stilproben aus Kinder- a u f s ä tz e n giebt der Lehrer Alexius Becker in der letzten Nummer der„Deutschen Frauenzeitung". Einzelnes davon ist so drastisch, daß es weitere Verbreitung verdient. Da heißt es:„Die Vertreter der Industrie theilt man ein in: erstens Schafwolle, zweites Baum- ivolle, drittens Lumpen."„Ein Balkon ist ein fteier Raum, der an einem Hause angebracht ist."„Wenn jemand von einer Kreuzotter gebissen wird, sauge man dieselbe aus."„Das Pferd ist ein Thier, das vier Füße hat. an jeder Ecke einen."„Der Hahn nährt sich von Brot, Erdäpfeln, Würmern und anderer menschlicher Nahrung."„Das sächsische Erzgebirge ist in ganz Böhmen verbreitet."„Zur Hochzeit war Jung und Alt geladen und wurde gekocht und gebraten."„Der Kürassier ist vorn mit Blech beschlagen."„Es giebt auch Hunde, die im Meer leben, solche sind der Seehund und der Rollmops."„Kolumbus stand un- ermüdlich auf dem Hinterthcil und spähte nach Land aus."„Die Eier der Nachtigall werden vom Männchen und Weibchen abwechselnd gelegt."„Ceres lehrte die Menschen das Nothdürftigste zu verrichten." Zu dem Thema„Die Frau und die Henne" orakelte ein Knirps: „Eine Mutter hatte eine Henne und legte täglich ein Ei. Aber sie war unwillig und hatte damit keine Zufriedenheit und wollte an jedem Tage drei Eier legen. Deshalb gab sie ihr viel Gutes, wurde von fett und log gar nicht mehr." Köstlich ist auch eine„Schilderung des Schulzimmers".„Das Schul- zimnier besteht aus der Wandtafel, den Bänken, den Tintenfässern, dem Lehrer und dem Stock. Die meisten Sachen sind sehr alt und abgenutzt, nur der Stock muß immer neu sein. Wer noch später als der Lehrer in die Schule kommt, ist der größte Faullenzcr und wird durch diesen bestraft. Auf der Wandkarte sind Flüsse und Städte an- gemalt, damit wir sie auswendig lernen müssen. Der Lehrer hat mit dem Stock ein Loch ins gelobte Land gestoßen. Mit dem Globus macht er die Sonnenfinsterniß. In der Schule hängt auch ein Thermometer, mit diesem macht man es im Sommer heiß bis frei ist; der Lehrer sieht so lange darauf, bis 20 Grad sind. Dann können wir nach Hause gehen. In der Freiviertclstnnde essen wir eine halbe Stunde unfer Butterbrot. Der Schulinspektor lobt uns immer, aber der Lehrer ist doch froh, wenn er ivieder fort ist.— Bermischtes vom Tage. — Ein Musiker in Oberhausen kam am Mittwoch abends angetrunken nach Hanse und gerieth mit seiner jüngeren Schwester in Streit. Die Mutter tvolltc vermitteln; der sonst ruhige junge Mann schlug aber mit einem harten Gegenstand um sich und traf seine Mutter so unglücklich, daß der Tod sofort eintrat.— — Infolge des niedrigen W a s s c r st a n d e s sind die Kölnische sowie Düsseldorfer Dampfschiffsahrts-Gesellschaft gezwungen worden, die gesammteu Fahrten oberhalb Koblenz einzustellen. Die Einstellung der gesammteu oberrheinisch e» Schifffahrt steht bevor.— — Die er sie internationale Katzen-Aus st cllung ist in Stuttgart am 6. Oktober eröffnet worden. Mehr als 100 Nummern, die fünfzehn verschiedene Arten angehören, sind ausgestellt. Das intereffanteste und wcrthvollste Exemplar soll 2000 M. kosten.— — Ein achtjähriges Mädchen in Nürnberg, das seit mehreren Tagen vermißt wurde, ist auf dem Boden eines Schul- Hauses erhängt aufgesunden worden. Es scheint Selbstmord vorzuliegen.— — Auf dem Rade zur Trauung hat ein Fahrradfabrikant in Königgrätz seine Braut gefiihrt. Das Brautpaar, die Kränzet- mädchcn, die Trauzeugen, kurz alle Hochzeitsgäste bewegten sich auf Rädern, die mit Blumen und Fähnchen geschmückt Ivaren.— — In A a r h u s sDänemarks e x p l o d i r t e n bei einer Artillcrie-llcbung mehrere Geschosse. Ein Artillerist wurde gctödtet, sieben schwer verwundet.— — Nicht weniger als 119 Personen, darunter auch Frauen, haben in der Zeit vom 21. Juni bis zum 16. September den Montblanc erklettert. Ein neuvermähltes Paar aus Orleans machte sogar seine Hochzeitsreise hinauf.— — Iii der Chinesenstadt in H a n I a n wüthete eine verheerende Feuers b r u n st. ES wurden etwa zehntausend Häuser zerstört; tausend Menschen sollen umgekommen sein. Die Zerstörung erstreckt sich auf eine Flüche von fast zwei englische Quadratmeilen.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Berlag von Max Bading in Berlin.