Hlnterhaltungsb STir. 198. Dienstag. (Nachdruck verboteil.) sz Roman von Georges Eekhoud. Am anderen Tage aber waren die Dirnen, die so jämmerlich geschrieen und gequietscht hatten, frisch und kreuz- fidel wieder bei der Arbeit. „Was, Sie kennen den Poliersaal noch gar nicht?" schrie Vincent Tilbak.„Das ist ja doch der interessanteste Winkel der ganzen Fabrik I Nein, da müssen Sie meine Gesellschaft einmal bei der Arbeit sehen! Wie ein Bienenvolk, sag' ich Ihnen.. Tilbak war ehemaliger Seebär und Landsmann der guten Siska. So oft er ehedem von der Seereise zurückkam, war sein erstes, wenn er das Land betrat, dem Hause Paridael's zuzusteuern. Seinem grobfaserigen blauen Seemanns- zeug entströmte der Duft von Theer, Tang, Brom und allen Wohlgerüchen der See, und wie das.Aeußere, so belebte auch sein Inneres der frische Hauch einer kernigen, braven See- mannsnatur. Ilm sich einen guten Empfang zu sichern, ver- fehlte er nie, allerlei Wunder des Ozeans und Kuriositäten aus aller Herren Länder mitzubringen: fleischfarbige Muscheln und seltene Früchte für Laurent, orientalische Stoffe, ein japanisches Schmuckstück, ein Amulett, das einst ein Kannibale getragen, für Siska. Waren die Geschenke vertheilt, so begann Tilbak seine Abenteuer zu erzählen, die Laurent zu hören nicht müde wurde, so daß sich der Erzähler, wenn sein Vorrath an wahren Begebenheiten erschöpft war, seinem wißbegierigen, unersättlichen Zuhörer mit selbsterfundenen Wundcrmären aufzuwarten genöthigt sah. Aber wehe, wenn er sich einfallen ließ, seine Geschichte zu kürzen oder in anderer als der gewöhnten Gestalt wiederzugeben I Laurent ließ diese Aenderungen nicht durchgehen und hatte für jede Einzelheit der ursprünglichen Fassung ein untrügliches Gedächtniß. Es war ein rechtes Glück für den willfährigen Erzähler, daß sich der Sandmann zu rechter Zeit einstellte|unb dem kleinen Tyrannen trotz aller Aufmerksamkeit und Neugierde die Augen schloß. Siska trug den Schläfer dann hinauf in sein Zimmer, das neben dem des Vaters lag, und brachte ihn zu Bett. Waren die Beiden erst von dem lieben, aber mitunter auch recht unbequemen Zeugen befreit, dann nahmen sie die gute Gelegenheit wahr, endlich einmal von anderen Dingen als von Schiffbrüchen, von Walfischen und Menschen- fressern zu reden. So geschah es auch einmal, als der Junge unten ein- geschlafen war und Siska noch nicht Zeit gefunden hatte, ihn hinaufzutragen, daß Laurent das Geräusch eines schmatzenden Kusses, dem der klatschende Schall einer mit freigebiger Hand ausgethcilten Ohrfeige unmittelbar folgte, erweckte. Der Kuß war Vincent's, die Maulschelle Siska's Werk. Der ehren- wcrthe Vincent bewahrte bei diesem unliebsamen Ereigniß eine durchaus würdige Haltung. Laurent hatte den Streit geschlichtet und war nicht eher wieder eingeschlafen, bis sich die beiden Freunde ausgesöhnt hatten. Und wie oft hatte die strenge Siskm den gutmüthigen Kerl wegen des beißenden Tabaksqualms gescholten, der sie zum Husten reizte und das ganze Haus verpestete! Man mußte das de- und wehmüthige Gesicht sehen, das die„Thecrjacke", wie Siska den Seemann nannte, bei solchen Gelegenheiten machte! Und diesen Vincent, den wundersamen Seehelden, dessen Matrosenmütze, dessen Jacke mit dem breiten zurückgeschlagenen Kragen und Wasserstiefeln dereinst einen solchen Eindruck aus den jungen Paridael gemacht hatten, daß er am liebsten mit ihm als Schiffsjunge zur See gegangen wäre, mußte Laurent heute mit der prosaischen Arbeiterblouse bekleidet in dem dunstigen Maschinenraum der Dobouziez'schcn Fabrik wieder- sehen! Ja, wie war denn das möglich? Trotz seiner begeisterten Schlvännerei für die„Große Pfütze" und den gefährlichen Seemannsberuf, der den Menschen veredelt, der das Herz höher schlagen läßt und die erbärmliche Gemeinheit kleinlicher Lcbensanschauung nicht aufkommen läßt, hatte sich Tilbak Siska zu Liebe zu dem Opfer entschlossen, seine getheerten Hosen, die blauwollcne Jacke und den aus Wachs- Icinwand gefertigten Südwester abzulegen und eine Landratte zu werden. Dann hatten sich die beiden Landsleute gc- 11. Oktober._ 1898 heirathet. Von ihren gemeinsamen Spargroschen hatten sie die Lagerbestände eines Viktualienhändlers gekauft und unten im Schifferguartier in der Nähe des Hafens ein Ge- schüft eröffnet. Siska verkaufte im Laden, während Vincent eine Stelle als Aufseher bei Dobouziez angenommen hatte, dem er von seinem ehemaligen Kapitän warm empfohlen worden war. „Und Siska?" fragte der kleine Paridael ein um das andere Mal. „Wird von Tag zu Tag frischer und hübscher, Herr Lorki, Herr Laurent wollte ich sagen, denn Sie sind ja jetzt schon ein ganzer Mann!! Was die für eine Freude haben wird, Sie wiederzusehen! In den drei Wochen, die ich hier an Bord bin, hat sie mich mindestens tausendmal gefragt, ob ich Sie noch nicht gesehen hätte, was aus Ihnen geworden ist, wie ihr Lorki aussieht, denn, nichts für ungut, aber sie nennt sie noch immer mit dem Namen, den Ihnen Ihr lieber verstorbener Papa gegeben hat. Ja, Potzwetter, bei wem sollte ich wohl Erkundigungen über Sie ein- ziehen? Nehmen Sie mir's nicht übel, aber die Herrschaften hier sehen so bärbeißig aus, daß einem die Lust vergeht, das Wort an sie zu richten. Nein, wahrhaftig, es ist nicht gut Kirschen essen mit unserem Kapitän Dobouziez! Und nun gar der andere erst! Ein richtiger Stockmeisterl Und nun sagen Sie mir schnell, was ich Siska melden soll. Und vor allen Dingen, wann besuchen Sie uns?" Der braunhaarige Bursche, der wohl etwas iveniger sonn- verbrannt und etwas bärtiger aussah als früher, im übrigen aber der alte treuherzige Geselle geblieben, der noch immer die silbernen Ringe in den Ohren trug, erging sich des weiteren in freudigen Lobesäußerungen über das vorzügliche Aussehen des jungen Paridael, obwohl dessen Gesicht ganz und gar nicht mehr den frischen sorglosen Ausdruck von ehe- dem zeigte. Aber die Freude, Vincent wiedergefunden zu haben, war in dem Augenblick so groß, daß ein flüchtiger Sonnen- strahl über dieses vor der Zeit verdüsterte Kindergesicht huschte und die Schatten vergrämter Sorge verscheuchte. „Ich gehe nie allein aus," antwortete Laurent mit einem schweren Seufzer auf die letzte Frage seines Freundes.„Man führt mich nicht einmal zu nieinen änderen Verwandten. Der Vetter meint, das wäre nur verlorene Zeit und könnte mich von meinen Studien abziehen... Studiren und immer wieder studiren, von was anderem will der Vetter nichts hören!" „Wirklich? So, so! Das ist wirklich schade I" sagte Vincent, den diese Mittheilungen etwas aus dem Konzept gebracht hatten.„Aber wenn das alles zu Ihrem Besten geschieht, wird sich Siska eben dreinfinden müssen. Da werden Sie ja mit der Zeit ein rechter Gelehrter werden, was, Herr Lorki?" Wie gern wäre der Junge dem Matrosen an den Hals geflogen und hätte ihn unzählige Grüße und Küsse an die liebe Siska bestellen lassen. Aber hier zwischen den Mauern der mißgünstigen Fabrik, in unmittelbarer Nähe der Bureau- räume, in denen der selbstherrliche Vetter thronte,'in der Nachbarschaft der schrecklichen Felicitas und der spotffüchtigen Gina stand der Schüler zu sehr im Banne des un- behaglichen Zwanges und der scheuen Angst, um seiner überschwänglichen Hcrzensrcgnng nachzugeben. Und gleich- zeitig fiel es ihni auch schwer aufs Gewissen bei dem Gedanken, daß er sich nach des Vaters Begräbniß auch nicht ein einziges Mal nach Siska erkundigt hatte. Vincent errieth den Grund der Verlegenheit des Kindes. In Laurent's Alter versteht man die Kunst, seine Gefühle zu verbergen, herzlich schlechr, und dieses ernste Gesicht, diese verschleierte Stimme und vor allem diese Blicke, die mit dem Ausdrucke schwärmerischer Liebe auf dem Gesichte des theuren Genossen aus dem Vaterhause ruhten, redeten eine zu verständliche Sprache, als daß man sich über ihren Sinn hätte täuschen können. Und als dann gar in den schwermüthigen Kinderaugen die Thränen aufzusteigen be- gannen, ergriff der außer Dienst gestellte Seemann die Hände des Jungen und rief:„Aber, Herr Lorki, Sie werden do ch keine Geschichten machen! Nein, das wollen wir nicht ein- führen! Nur nicht die Segel streichen! Wenn's nicht anders geht, werden Sie mich wenigstens hin und her einmal oben auf der Drücke besuchen, wo ich die Wache habe. Ich erwarte Sie also, und fetzt Witt ici) wieder in See stechen, denn ich höre durchs Sprachrohr die grollende Stimme der„Neun- scbwäuzigen Katze", die wir auch den„Pascha" nennen... Sturm in Sicht!... Alle SNaun auf Deck!" Der Poliersaal, eine weite, von einein Wandelgange um- gebeue Halle im ersten Stockwerk des Hauptgebäudes, be- schädigte dreihundert Arbeirerinnen, der Mehrzahl nach frische, dralle, lebhafte Mädels, die den Mund auf dem rechten Fleck hatten. Die vollblütigen, lebenslustigen Geschöpfe mit dem lachenden Munde und den kecken Augen trugen alle die gleiche, blitzsaubere Uniform; blaugedruckten Rock, Katmnmieder, farbige Strümpfe, das Haar zum Knoten aufgesteckt und mit einem weißen Häubchen bedeckt, dessen langwallende Bänder weit über den Rücken fielen. Zu den Ob- liegenheiten der Mädchen gehörte es, die Kerzen, nachdem sie die Gießmaschine verlassen, zu putzen, gebrauchsfertig zu mackien und in die Kartons zu packen. An zwei oder drei langgestreckten Tischrcihen hantirten sie fleißig mit Polierholz und Drahtscheere, bis die Kerzen für würdig befunden wurden, auf Leuchtern und Kronen ihr Licht leuchten zu lassen. Die emsige Hast, mit der sie bei der Sache waren, niachte den Poliererivmen die drückende Hitze, die über dem Maschinenraum herrschte, noch unerttäglicher und zwang sie, sich's so bequem wie möglich zu machen. Der Fußboden des Poliersaals, der durch das beständige Feststampfen der Stcarinabfälle so glatt und blitzblank gebahnt war wie das Parkett eines Tanzsaalcs, war ein Spiegel, der ein figurenreiches Bild des Thuns und Treibens der hurtig am Werke schaffenden Schaar zurückwarf. Die Lampen erhöhten des Abends noch den flimmernden Glanz und die Lichtwirkung der alles ins Uebergroße zerrenden Vcxirspiegel, die zusammen mit dem Durcheinander des Stimmengewirrs und dem Surren der Maschinen Laurent blendeten und verwirrten, so oft ihn sein Weg in den Polier- saal führte. Und alle diese Augen, die sich neugierig und forschend auf ihn richteten, trugen dazu bei, ihn die Fassung verlieren zu lassen. Roth wie ein Krebs zwängte er sich ver- legen und linkisch zwischen den Tischen durch, in beständiger Sorge, auf dem spiegelglatten Parket auszugleiten und be- strebt, den Hintergrund des Saales zu gewinnen, wo Vincent Tilbak auf einer Art Katheder, das er als seine Kommando- brücke zu bezeichnen pflegte, thronte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Huf dev Vougobuhn. Die Kongobahn ist vollendet und so eine direkte Verbindung zwischen den'ankommenden Ozeandampfern im Hasen von Matadi und dem 435 Kilometer entfernten Stanley Pool geschaffen. Der Fluß ist von seiner Mündung bis Maradi— das ist eine Entfernung von KX) Meilen— schiffbar; jenseits dieses Punktes sperren Strom- schnellen und Katarakte den Weg auf ca. 200 Meilen und diejenigen, die früher den oberen Strom zu erreichen wünschten, halten 20 oder 30 Tage über hügelige, steinige Wege, durch Wälder und Morast über Land zu gehen. Im Jahre 1386 wurde der Bau der Eisenbahn in Angriff ge- nommen, im Jahre 1893, etwa 24 Meilen vom Ausgangspunkte entfernt, die erste Station eröffnet. Im Jahre 1896 war die Hälfte des Weges erreicht und im Mai desselben Jahres die Tumba-Stanon für den Handel eröffnet. Von diesem Punkt aus trugen die Ein- geborenen während zweier Jahre die Lasten auf den Köpfen bis Stanley Pool. Jetzt ist die Linie fertiggestellt, und der Transport durch die Eingeborenen hat aufgehört. .Ich unternahm meme erste Fahrt auf der Eisenbahn," so be- richtet") Reverend Holman Bentley von der Baptisten-Mission am Kongo,„als dieselbe erst nur bis Tumba ging, und die Organisation noch viel zu wünschen übrig ließ. Die Gesellschaft bekundete in jenen Tagen ihren Passagieren gegenüber einen ergötzlichen Freimuth. .Sie reifen vollkommen auf eigene Gefahr." hieß es,.wir können keinerlei Verantwortung übernehmen, fondern uns allenfalls be- mühen, Sie möglichst sicher nach Ihrem Bestimmungsort zu bringen. Wir wünschen weder Passagiere, noch Frachtgüter, denn wir haben genug an den Schienen, Schwellen, Brückemnalerialien zc. zu trans- portircn, und die genügend hinreichen, unseren Bau zu erschüttern. Indessen, da Sie zu unseren künftigen Interessenten gehören, wollen wir Sie und Ihr Gepäck mitnehmen, doch müssen Sie sich mit den Unannehmlichkeiten der Fahrt abzufinden suchen." Die Frau und das dreijährige Töchterchcn des Missionars sollten die Heimreise nach England antreten, dach war es nicht rathsam, sie die Reise allein zurücklegen zu lassen. Es hatte anhaltend geregnet. die Dämme waren theilweise mit fortgeschwemmt worden, und Hunderte von Lenken waren mit der Räunuing der verschütteten *) In Chamber's Journal. Linie beschäftigt. Der Verkehr war erst seit 3 oder 4 Tagen wieder eröffnet; nichtsdestoweniger mußte die Familie reisen. Von Tumba bis zum Hafen von Matadi sind nur 114 Meilen, doch kostete das einfache Billet 230 Fr., macht also12 Fr. pro Meile, während Herr Bentley für sein Retourbillet von viertägiger Giltig- keil 350 Fr. zu zahlen hatte. Seine Nummer lautete: 0001. Es war das erste verausgabte Retourbillet. Der Zug sollte um halb fünf tlhr morgeits abgehen. Die Morgendämmerung war noch nicht angebrochen, als die Passagiere schon ihre Plätze einnahmen. Sie hatten Eile, denn es war nur ein Personenwagen vorhanden. Als Schaffiier fungitte ein Eingeborener von Sierra Leone, während der Maschinenführer und der Heizer Schwarze vom Senegal waren, die atif der Linie Dakas— St. Louis für ihren Beruf vor- gebildet waren. Sie hatten von den Eigenschaften des Damptes nur einen blassen Schimmer; wußten, daß es brennen würde, wenn der Dampf den Hähnen entsttömle, daß beim Umdrehen eines ge- wissen Hahnes ein Pfeifen ertöne, ein gewisser Hebel die Fott- bewegung der Maschine bewirke u. s. w. Die Züge waren also auf einer weiten Strecke einzig in den Händen der Afrikaner; nicht ein Weißer war im Dienst. Den Eingeborenen wird es gestattet, sich auf das Verdeck der Lowrys und der Gepäckwagen zu setzen, inmitten eines beständigen heißen Aschenregens, der von der Lolo- motivc ausgeht. Dafür bezahlen sie von Tumba nach Matadi 23 Franks. Der Weg wand sich über Hügel, welche durch Stürme nach jeder Richtung hin zerklüftet waren. Zehn Meilen nördlicher stiegen die Klippen und Abhänge des Plateaus von Bangu empor, wohl 800— 1000 Fuß über dem breiten Eisenbahnthal. Sodann gelangte nian zu der jähen Steigung von Kimpcsc. um eine Hügclreihe zu kreuzen. Hier steigt die Bahn zwischen zwei Anhöhen und weiter auf gewundenen Wegen zwischen Felswänden empor bis zum höchsten Gipfel. Es sind kühne, wunderbar angelegte Wegebauten. Tann geht es einen langer gewundenen Abhang hinunter bis zu einer schönen Eisenbahnbrücke von etwa 80 Metern Spannweite über den Kwilu River. Die Brücke war noch nickt vollendet und so galt es, den Fluß auf einem provisonschen Holzgcrüst zu passiren. Dasselbe war mehrfach nach hefttgen Regengüsten weggeschwemmt worden, denn der Fluß steigt mitunter bis zu 20 Fuß. Nun sollte eine lcickte Maschine die Passagiere hinübersckaffen, die schwere Lokomottve aber mit einer Ladung Schienen, Gütcni und einem offenen Güterwagen für Rindvieh nach Tumba zurückkehren. „Ich ergriff," so erzählt Bentley.„die Gelegenheit, mir einige Nottzen zu machen, während die große Maschine losgekoppelt wurde, denn eine Reise wie diese schien mir des Beschreibens Werth. Innerlich wünschte ich mir interessante Abenteuer, hoffte jedoch meines Weibes und Kindes wegen, daß die Reise gut von statten gingen.— Ich hatte kaum sechs Reihen geschrieben, als sich etwas ereignete. Es gab einen Krach, dann eine heftige Erschütterung; mein Drehstuhl' wirbelte mit mir herum, die Deckenlampe flog gegen die Fensterscheibe, zersplitterte alles und schüttete einen Guß Petroleum über mich. Dann ein heftiger Stoß rückwärts, und ein verwirrter Knäuel von Reisenden erfüllte die Mitte des Wagens. Irgend jemand sagte, daß die Rangir» Maschine in uns hineingefahren wäre. Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, als wir das Ungethüm wieder auf uns zustoßen sahen. Krach!— Die Stühle wirbelten. Darauf wieder ein Stoß, und die Passagiere lagen wieder zusammengeschlagen auf der Erde. Leider kamen nicht alle mit heiler Haut davon. Ein Thürrügel sprang zurück, und man drängte sich durch die engen Fenster. Die Verletzten wurden untersucht. Die wildgewordenc Maschine kam jetzt ganz ruhig au den Zug heran, als wäre gar nichts vorgefallen. Der' Lokomotivführer schimpfte laut über die örtliche Be- Hörde; aber es war schwierig festzustellen, was sich ereignet hatte. Die Maschine war in voller Fahrgeschwindigkeit auf»inseren Zug gestürzt, jedes Mal aus einer Entfernung von 70 oder 80 Metern. Wir bestiegen unseren Wagen tviedcr, wurden über die famose Brücke gestoßen und setzten unsere Reise fott. Mein Durst nach Erlebnissen hatte sich aber merklich abgekühlt. (Schluß folgt.) Nleines — n.— Giuschnlung. In den beiden letzten Tagen>var es schon mit dem Kleinzeug gar nicht mehr ausznhalten. Alle fünf Minuten wurden Tafel und Schieferstift hervorgekramt und mit ungelenken Strichen eine Zahl oder gar ein Buchslabe hingemalt. Die Fibel sieht natürlich nicht mehr neu aus. da die beiden älteren Brüder dieselbe schon stark in Anspruch genommen haben. Endlich ist nun der ersehnte erste Schultag gekommen l Mutter hat die Frühstücksschrippe heute ausnahmsweise geschmiert. Dann nehmen die beiden älteren Brüder den kleinsten in die Mitte und poltern niit ihm im Galopp unter dem ohrenbetäubenden Ge« klapper der kleinen Holzpantoffeln die Straße zur Schule hinunter. Es ist ein rauher, unfreundlicher Herbstmorgen mit naßkalten Nebel, der sich aufdringlich und feucht auf Hals und Gesicht legt und durch das von keiner Kopfbedeckung geschützte Haar dringt... Im Klassenzimmer sind bereits viele von den neu- angemeldeten Schülern anivcsend; die meisten kennen einander bereits von der Straße her, oder auch vom gemeinschaftlichen Zeirungs- Act FrühstücksauZtragen. Das Hauptgespräch bildet natürlich der Lehrer, an dessen„handgreiflicher" Lehrmethode die älteren Brüder schon manche Erfahrungen gemacht haben... -- Die Schulstunden sind vorüber; so sehr schrecklich waren sie ganncht gewesen. Nun geht es heim. Die älteren Brüder warten bereits auf die Kleinen- allein diese sind jetzt stolz; sie haben in der Schule ihre alten Kameraden wiedergefunden, mit denen sie gemein- schastlich den Weg nach Hause antreten wollen. Der Heimweg ist gar zu schön. So viele Zuckerläden und Spielwaarengcschäfte. Mit sehnsüchtigen Blicken stehen die Kleinen vor den ausgebreiteten Herrlichkeiten.... Dort kommt eine Gouvernante; sie führt an jeder Hand ein elegant gekleidetes Kind: Zwillingsbrüder, welche heute gleichfalls zum ersten Male die Schule besucht haben. Vor dem Zuckerladen machen sie Halt. Die kleinen Gemeindcschüler rücken scheu bei Seite. Dann wählt sich jedes von den feingekleidcten Kindern elwns von den ausgestellten Süßigkeiten; die Gouvernante geht in den Laden und bringt zwei große Düten heraus; dann ziehr sie mit den beiden Kindern weiter. Die anderen bleiben noch einige Zeit vor dem Schmiflmster stehen und blicken mit stillem Verlangen der davoneilenden Gruppe nach. Dann seufzt einer von den Kleinen so recht aus tiesstem Herzen ans:„Du, die sind wohl reich?"— Langsam schleichen die kleinen Kerle nach Hause. All' ihr Jubel ist mit einem Male ver- stummt.-- Theater. Deutsches Theater. Es ist schlimm, wenn man in Deutsch- land einmal eingereiht und»nmmcrirt ist, dann kann es einem leicht so gehen, wie dem kleinen Toffel, der nach Jahren in sein Hciniaths- dorf zurücklehrte und, iviewohl er ein starker Bursche gcivordcn war, voni erstbesten alten Weib der kleine Toffel angesprochen wurde. Arthur Schnitzler, der Verfasser der„Liebelei", dessen neues Drama„V e r m ä ch t n i ß" am Sonnabend ini Deutschen Theater aufgeführt wurde, gehört ebenfalls zu den Abgestempelten. Ein Wteiier Plaudertalcnl, graziös, ein ivenig burschikos, in Leid und Freund gern spielerisch; das Wesen seiner kleinen Tichtungcit erinnert an die Weise des guten Wiener Walzers mit seiner auf- jauchzenden Gcnußsreude und seinem verhaltenen Weh. So ungefähr lanteto der literarische Steckbrief des Mannes. Nun will aber Arthur Schnitzler heraus ans seiner Reihe, er möchte sein Beobachtuugs- gebiet erweitern und flugs schallt ihm von niauchcr Stelle das Kommandowort entgegen: Stillgestanden l Das dulden wir nicht. Es ist die alte Geschichte I Das Wagniß, die engeren Schranken, innerhalb derer Schnitzler bisher gewirkt bat, zu durchbrechen, ist dem Wiener Poeten auf dem ersten Anlauf nicht gelungen. Wenigstens nicht durchaus. Auf einen vortrefflichen Aufbau folgen künstlerisch arme Flächen. Die warme Gestaltungskraft läßt nach, die kühlere Berechnung ivaltct vor. Trotzdent möchte man dem Manne, der den ersten Akt ini„Ver- mächtniß" geschrieben hat, zurufen: Schreite vorwärts, unbeirrt! Freilich, schon an der Voraussetzung des Dramas läßt sich im Grunde rütteln. Wiederum klaffen alte Klassengegensätze im Drama. Das„arme süße Mädel" hat sich in den Sohn aus gutem Hause verliebt. Aus der Liebelei ist eine tiefernste Sache geworden, und nian könnte den jungen Herrn Dr. Hugo Losatti fragen: Warum die Heimlichkeit des Verhältnisses? Es haben um geringerer Dinge willen, als ein liebevolles Weib es ist, erwachsene Söhne sich von ihrem Hause losgesagt. Steckst Du selbst so tief in Deiner Klassenempfindung? Indessen, wie die Sachen im Stücke liegen, ist die Zivitter- stcllung der Geliebten Hugo's nicht unwahrscheinlich. Vielleicht war der junge Mann noch nicht reif genug oder zum Entschluß noch nicht gedrängt worden. Vielleicht hatte er seine Vorbereitungen gcttoffcn, als ihn ein schiverer Unfall betraf. Man hat kauni die Familie Hugo's kennen gelernt, da wird Hugo tödtlich verletzt ins Haus ge- bracht. Cr ist während eines scharfen Ritts unglücklich gestürzt und hat nur kurze Zeit noch zu leben. Nun drängt in ihm sich alles zr ammen. Cr offenbart sich vor seiner Mutter. Seine Geliebte nnd sein vierjähriges Kind empfiehlt er sterbend seinen Eltern als sein thcnerstcs Vennächtnitz. Sie sollen die verlassene Toni und ihr Kind halten und hegen, als wäre Toni Hugo's legitimes Weib geweien. Jgnaz Auer hat neulich gesagt: Reichsiags-Abgeordnctcr zu sein, ist Wohl kein Vergnügen, aber gewiß auch keine Schande. In den jungen Tagen unseres Parlameiitarismus war der Parlamentarier ein bevorzugter Mann in der Literatur. In der Gegcmoartsliteratur pflegt es ihm ähnlich zu gehen, wie auf Voltsversaminluiige». Hugo's Vater, die saftigste, an individuellen Zügen reichste Gestalt des Stückes, ist zum Ucberfluß auch Reichstags- Abgeordneter. Das soll den selbstgefälligen Dummkopf noch näher kenn- zeichnen. Man könnte Auer'S Ausspruch etwa dahin variiren: Ein Abgeordneter braucht gerade kein Kirchenlicht zu sein; aber ebenso wenig braucht er als selbstgefälliger Tölpel zu erscheinen. Uebrigens dem liberalisirendcn Wiener Schwätzer, der noch nie jemanden beachtet und bewundert hat, als sich selbst, steht die Marke Deputirter nicht uneben an. Es ist möglich, daß Schnitzler diese Charakterfigur erst durch das Jbsen'schc Mittel sehen gelernt hat; wie er sie aber sah, ivic er sie auf Wienerischem Boden auf die Beine stellte, das ist sein eigenstes Künstlerwerk und es ist nicht wenig. Anfangs ist der alte Herr Loflitti noch gerührt nnd dünkt sich er- haben in der Rolle des Wohlthäters ohne Vornrtheil wider das„ge- fallene Weib". Bald aber erwachen seine Klasseninsttnkte.„Was iverdcn unsere Kreise davon denken?" fragt er. Jede Unbequem- lichteit ist diesem Manne ohnedies verhaßt; und als Toni's kränkeln- des Kind erst gestorben ist, da ist nun bei ihm die volle Klaffen- enrpfindung entfesselt. Man jagt die arme Toni hinaus, man will sie mit Geld abfinden, das bitterste Gnadenbrot möchte man ihr aufdrängen, und die Gequälte, Verbitterte geht„fteiwillig" in den Tod. Man wird hier mehr überredet, als durch künstlerische Schilderung von dieser Nothwendigkcit überzeugt. Nur e i n Familienmitglied, des alten Losetti unschuldige, junge Tochter, fühlt, was die arme Toni in den Tod getrieben hat.„Wir haben ihr Gnaden erwiesen, wo wir hätten gut sein sollen," sagt sie. Die Darstellung im Deutschen Theater kam dem modernen Wiener Trauerspiel sehr zu Hilfe. Sic brachte dem halbgclungenen Versuch Schnitzler's bei dem Premierenpublikum wenigstens einen ganzen Erfolg. Allen voran sei Reiche r mit seiner Mcisterstudie des Teputirtcn und Professors Losatti genannt. Der Toni Weber des Fräuleins Else Lehmann hätte etwas mehr wienerische Weich- heit und Wärme genützt.—— ff. Im Schauspielhaus wird eine neue Arbeit der Firma Blumenthal und LH a d e l b u r g aufgeführt, die nun Hoftheater- fähig geivorden ist.„Auf der Sonnenseite" heißt der Schwank, der übrigens einem alten, schon vielfach gewendeten und aufgebügelten Kleidungsstück gleicht. Ein Baron, der all sein Geld verjuxt hat, wird durch Liebe kurirt. Er lernt arbeiten und in der Arbeit die wahre Sonnenseite des Lebens schätzen. Mit rührsamer Dankbarkeit freut sich das Publikum der ollen Kamellen. Mit künstlerischen Dingen stehen derlei Handelsprodukte in keiner Be- ziehnng mehr. Ob sie nun zwanzig, ob fünfzig Mal in der Saison gegeben werden, das geht nur die Marttintcressenten des Theaters an, dem, wie der Börse, ein stehender Markt- und Kursbericht zu wünschen wäre.— -r. Das Schiller-Theater hat am Sonnabend mit der Aufführung von Philipp Langmann's„Bartel T u r a s c rj" einen seiner besten Erfolge errungen. Daß der starke Eindruck, den das Stück voriges Jahr im Lcfting-Theater auf ein blasincs Publikum ausübte, auch hier erzielt wurde, will nicht viel bedeuten in einer Zeil, wo die soziale Frage selbst den verzopften Philister zuiveilcn arg im beschaulichen Genießen stört; und so hätte wohl auch eine mittelmäßige Darstellung an dieser Stätte noch Spuren hinterlassen. Bartel Turaser ward im Schiller- Theater aber gut gegeben, was um so mehr besagen will, als einige der markantesten Rollen Kunst- lern überlassen waren, die sich bis jetzt im Ensemble dieser Bühne kaum bemerkbar gemacht hatten. Wohl war anzunehmen, daß Herr P a t e g g für die grübelnde Natur des Turaser der rechte Mann sein würde; eine angenehme Enttäuschung war es aber, daß der Schauspieler Gustav Olm er, ein Herr, dessen Name unseres Wissens am Sonnabend überhaupt zum ersten Male auffiel, den Ausstandsleiter Mcixner in so einfacher und dabei scharfer Charakteristik gab, als ob— er selber schon einen Streik geführt hätte. Da war keine Spur von dem polternden Bramarbas, in den die heutige Bühne sonst gerne in den wenigen Stücken, welche den Klaiffenkampf berühren, auch den verständigen Arbeiter einkleidet; der Kasscufiihrcr des Herrn Olmcr erschien als der schlichte Man», der ohne phrasenhaften Anstrich mit ruhigem Selbstbewußtsein seines verantwortungsvollen Amtes waltet. _ Erwähnt sei noch, daß das Weib des Turascr in Therese L e i t h n c r eine tüchtige Darstellerin fand, daß der Sohn der beiden von dem kleinen B o t t st e i n rührend gespielt wurde, und daß Herr E y b e n und Frau Röcke das alte Ehepaar, welches die ab- gestorbene Zeit der verderblichen Resignation im Elend charakterisiren soll, in wahrheitsgetreuer Zcichnnna gaben. Vortrefflich gelang die schwierige Versammlungsszene im zweiten Akt. Wenn wir am Schluß noch unsere Meinung dahin äußern, daß die Aufführung im ganzen wohl etwas weniger auf den senti- mentalen Ton hätte gestimmt sein können, so soll damit an sich die brave Leistung vom Sonnabend nicht im geringsten verkleinert werden.— -Id. Die Neue freie Volksbühne brachte am Sonntag eine Novität heraus:„Die Agrarkom Mission" von Kurt A r a m. Es ist eine Sattrc, eine aktuelle, die Regierungspolitik verhöhnende Satire. Doch ist sie zu einseitig auf den Ulk gerichtet, um zu peitschen. Warnie, ernste Töne, die auch die Satire haben muß, soll sie erregen, fehlen gänzlich.— Zwei Regierungsräthe gehen auf den jetzt so beliebten Bauernfang. Die Bauern des hessischen Dorfes Hungerichenhain, die sich über eine sehr schlechte Lebenslage zu beklagen haben, glauben, die Herren kämen, um zu untersuchen, ob sich der gewünschte Bau einer Eisenbahn nach ihrem Dorfe lohnen würde. Und um die Bahn zu erhalten, suchen sie bei den Regierungsvertretern die Meinung zu erwecken, als schwämme das Dorf nur so im Wohlstande. Die versprechungsreiche, aber thatenlosc Regicrungspolitik wird gerächt, indem die Bauern die Regienmgsbcrtrcter hinters Licht führen. Das ist nicht allzu schwer bei' der grenzenlosen Bcschränttheit der vom Verfasser vorgeführten Räthe. Schulrath Diller ist einfach ei» Trottel, während Herr v. Kripper wenigstens ein bischen der gouverne- mentalen Durchtriebenheit besitzt. Die Darstellung des Buicaukraten als reinen SchwachkopfcS ist leichtsinnig. Sie verführt dazu, seine gefährliche Böswilligkeit zu übersehen. So kamen denn auch die Schauspieler in schiefe Situationen. Als die Bauern vom gouverne- mentalen Freibier trunken sind und ihre lvahre Stellung zur Agrar- kommission ausplaudern, konnte Herr d e N o l t c, der den Schulrath spielte, wenn er in der Rolle bleiben wollte, nur ungeschickt sein. Sonst hatten es die Darsteller nicht zu schwer, da sie nur feststehende, altbekannte Karikaturen zu geben hatten. Die einzige originelle Figur, der durchtriebene, ehemalige Student und jetzige Lehrer Schneider, der die Bauern zu ihren Lügen anreizt, wurde von Herrn G ü r g a s mit mehr Frische aus- gestattet, als davon im Stücke zu finden ist. Sein Kollege, ein idealer Schwächling, wie er wohl im Buche und auf dem Seminar, aber nicht nach jahrelangem Dorflcbcn cxistirt, ward durch die Dar- stellung des Herrn Rothenburg noch blasser. Die Masken, namentlich die der Herren Leo F o r st und Starnburg— Re- gicrungsrath v. Kripper und sein Sohn, der Assessor— waren vorzüglich. Auch die Szenerie war den im Ostend- Theater vor- handencn Mitteln gut abgerungen. So blieb denn der Beifall nicht aus; und der Regisseur, Herr Cord H a ch m a n n, konnte für den nicht anwesenden Verfasser danken. Man munkelte, hinter dem Aram stecke ein Pastor.— Volkskunde. gk. Künstlerische Bauernhäuser in der Mark. Bei dem Interesse, das man in der Gegenwart wieder dem alten Bauernhause entgegenbringt, ist eine Arbeil Robert Miellens über das Bauernhaus der N u t h e- N i e p l i tz- N i e d e r u u g, die er in der„Baugcwcrks-Zeitimg" veröffentlicht, von besonderem Interesse. Wir stehen hier vor einem Höhepunkt der bäuerlichen Kunst in der Mark. Die Niederung liegt nur wenige Meilen südlich von Pots- dam, ist aber wenig bekannt, da sie zum theil durch große Sümpfe von der Umgebung abgeschlossen ist. Ein landwirthschaftliches Still- leben hat sich hier entwickelt, das bisher noch ungestört fortdauert, da der Verkehr noch nicht über die lokalen Verhältnisse hinausgelvachsen ist. Städtische Gemeinwesen liegen nur an der Grenze dieses Gebietes. Die Eigenart dieses Wirthschaftslebens hat auf das Bauernhaus bc- stimmend eingewirkt. Jeder Hof ist durch einen Bretterzaun von der Straße abgetrennt. Das Eingangsthor ist mehr oder minder verziert, stellenweise auch durch ein hohes geräumiges Thorhaus ersetzt. Um einen quadratischen Hof gruppiren sich die Gebäude: rechts steht in der Regel das große zweistöckige Wohnhans, ihm gegenüber der Stall und nach hinten als Abschluß die Scheune. Das mit dem Giebel der Straße zugekehrte Wohugebäudc weist unverkennbar auf das sächsische Bauernhaus zurück, wie es sich in reinster Gestalt in Westfalen, Hannover und in der Altinark er- halten hat; wie bei diesem war früher der Kuhstall unter dem- selben Dach, und nur für die Pferde war ein eigener Bau errichtet. Die Anordnung der Räume ist sehr übersichtlich und zweckdienlich. Bei vielen Häusern findet sich an der Giebelseite noch ein Vorbau, der wahrscheinlich ursprünglich als Remise oder als Stall diente; jetzt wird als sein Zweck Altsitzerwohnung angegeben. Alle Gebäude sind ausgebildete Fachwerkbauten, deren Gefache, wie es in der Mark üblich ist, mit Holzstaken und Lehmbewurf gefüllt sind. An der der Straße zugekehrten Gicbelscitc ist Bretter- Verkleidung häufig. Heute wird indessen die Lehmfüllung oft schon durch Backsteine ersetzt, wie auch die früheren Strohdächer vielfach von den Ziegeldächern verdrängt sind. Die Behandlung des Balkenwerks zeigt auch im einzelnen, daß die ländlichen Archi- tekten ein gesundes Stilgefühl besaßen. Bei den oberen Schwell- ballen ist die ästhetische Funktion durch reiche Profilirung hervor- gehoben, so daß die Horizontale stark betont erscheint. Das Dach- gesims tritt, wenigstens bei den älteren Häusern als mehrfach ge- gliedertcr Holzkehlenbalken auf. Das charakteristische Merkmal der Bauernhäuser in der Niederung aber ist der Lauben- und Gallerien-Bau. Diese Laube findet sich bisweilen am Wohnhaus, und dann immer an der Giebelseite, häufig am Thor- häufe und ist bei den Ställen zur Regel geworden. In der Mark ist es allgemein üblich, den oberen, für das Futter bestimmten Theil des Stallgebäudes bedeutend hervorzukragen, und an einzelnen Stellen, besonders im Spreewald, hat sich daraus schon ein Laufgang entwickelt. In der Nuthe-Nieplitz-Niedcrung ist dieser Laufgang nicht nur die Regel, sondern man hat ihn auch durch Profilirung und Abkanten der Balken, durch Einfügen von Spann- riegeln zu einer künstlerischen Vollendung gesteigert, die überaus reizvoll wirkt. Gewöhnlich ist der Gang durch eine Brustlvehr ab- geschlossen, die nach zwei oder drei Gefachen von einer ganzen Oeffnung unterbrochen ist. Heute dient er zur Aufbewahrung von Ackcrgeräthen und zum Ausführen kleiner landwirthschaftlichcr Ar- betten wie Dengeln. Alles in allem vereint der Bauernhof so Zweck- dienlichkeit und künstlerische Wirkung.— Astronomisches. b. Der rothe Fleck auf dem Jupiter. Vor etwa 20 Jahren zeigte sich plötzlich auf dem großen Planeten Jupiter ein großer röthlicher Fleck, dessen Erklärung den Astronomen viel zu schaffen machte. Ziemlich allgemein neigte man zu der Annahme, daß er infolge eines ungeheuren vulkanischen Ausbruches auf dem Jupiter entstanden sei.' Dieser Planet ist in seiner Abkühlung ja noch lange nicht so weit vorgeschritten wie etwa die Erde, sondern leuchtet noch schwach in eigenem Lichte. Ein mächtiger Ausbruch glühender Gase aus dem Innern könnte wohl im stände sein, die Ausbruchsstelle intensiver leuchten zu lassen Und so das Erscheinen der röthlichen Stelle zu erklären. Seit seinem Austreten ist der Fleck aus dem Potsdamer Observatorium sorgfältig be« obachtet worden, und soeben veröffentlicht Prof. Lohse die Resultate dieser zwanzigjährigen Beobachtungen. Darnach hat der Fleck in dieser Zeit eine eigcnthümliche Bewegung gezeigt, die nicht etwa von der Rotation des Jupiter abhing. Schon in 10 Stunden dreht sich die gewaltige Jupitcrkugel, die 1200 Erdkugeln in sich fassen könnte, einmal vollständig um ihre Are; in dieser Zeit war der Fleck auf dem Jupiter in der Drehrichtung etwas fortgewandert. Diese Wanderung dauerte, wenn auch nichtmit gleichmäßiger Geschwindigkeit, sodochinder- selben Richtung. 13 Jahre lang an, so daß der Fleck über 3/4 des Jnpiterumfanges zurücklegte. Dann aber ging er nicht weiter, sondern kehrte um und geht nun nach der entgegengesetzten Richtung wieder seinem früheren Standorte entgegen. So überraschend dies Resultat ist, so sehr setzt es die Astronomen in Verlegenheit. Denn bei dieser Bewegung des Fleckes kann die Annahme, daß er durch einen Gluthausbruch aus dem Innern ent- standen ist, kaum noch festgehalten werden. Somit fehlt für ihn und seine Beivegung bis jetzt jede Erklärung.— Technisches. t. c. Ein neuer Apparat zur Verminderung der Strandungsgefahr. Alljährlich finden viele Hunderte von Menschen durch die Strandnng von Schiffen den Tod in den Wellen. Die Ursache der vielen Unglücksfälle dieser Art ist die Thatsache, daß die als Warimngszeichen dienenden schwimmenden Seezeichen oder Bojen, die an allen gefährlichen Stellen, z. B. in der Nähe von Sandbänken, Riffen ze., verankert sind, bei Nacht oder starkem Nebel nicht zu sehen sind, und daher auch nicht ihren Zweck erfüllen können. Durch die Erfindung des englischen Ingenieurs Morley Flctcher wird hierin eine Ivefcntliche Aenderung eintreten, denn seine Bojen sind mit einem von ihm konstruirten Wellcnmotor ausgerüstet, der durch die nimmer rastende Bewegung der Meeres- wellen getrieben wird. Der sehr einfach konstruirte Apparat setzt eine Luftpumpe in Thätigkeit, durch die fortwährend Lust in das Innere der ieffelförmigen Boje gepreßt wird. An der Boje ist ein Nebelhorn angebracht, das durch die kompriinirte Luft zum Tönen gebracht wird und dadurch den Seemann zu jeder Zeit vor der ihm drohenden Gefahr warnt. Ein großer Vortheil liegt auch noch darin, daß es möglich ist, für jede Boje ein Nebelhorn mit einem anderen Ton zu verwenden, weil der Seemann dadurch an dem Ton der Boje genau erkennen kann, wo er sich befindet, was von allergrößter Wichtigkeit für die Sicherheit des Schiffes ist. Die kürzlich von dem Erfinder mit seinen Apparaten an der spanischen Küste östlich von Bilbao an- gestellten praktischen Versuche habe» ganz ausgezeichnete Resultate ergeben.— Humoristisches. — Schöne Aussicht. Arzt:„... Nächstens werde ich meinem zukünftigen Schwiegerlohn meine Praxis über- geben!" Patient:.Sooo!... Da gehör' ich wohl auch zur Mit- g i f t Ihrer Tochter? 1"— — Ein Milderungsgrund. Richter:„Der Zeuge verlangt für die Kopfverletzung, die Sie ihm beigebracht haben, eine Entschädigung von hundert Mark." Angeklagter(erregtl:„Was. hundert Mark für so einen däinligeii Schädel?... Lassen Sie sich'mal, Herr Gerichtshof, die Schulzeugnisse von dem da zeigen!"— — Bissig. Mann:„Für wen strickst Du denn die Strümpfe?" Frau:„Für einen Wohlthätigkeitsvercin!" Mann:„Weißt Du, von dem könntest Du mir'mal die Adresse geben... vielleicht wendet man mir auch ein Paar zu!"— („Flieg. Bl") Vermischtes vom Tage. — Die Große Berliner Kunstausstellung 18 03 am Lehrter Bahnhof wird am nächsten Sonntag, den 1ö. Oktober, geschlossen.— y. Ein Schwalbenpaar, das in Flensburg schon seit mehreren Jahren in einen, Kohlenschuppen sein Nest inne hatte, machte in diesem Jahr den Flug nach dein Süden nicht mit. Jetzt sind drei Junge im Nest.— — Bei einer Feuersbrun st in Schmalkalden fanden drei Menschen ihren Tod.— — Vom 156. Infanterie-Regiment in B ri e g sind 60 Mann am Typhus erkrankt; zwei sind bis jetzt gestorben.— — Der K a s s i r e r der Sparkasse in Jungbunzlau hat 107 000 Gulden veruntreut und ist nach Amerika geflohen.— — An verschiedenen Stellen Südtirols und in Serajewo wurden heftige Erdbeben verspürt.— — In der Ortschaft Lötänfalu(Szcpeser Komitat) äscherte eine F e u e r s b r u» st 45 Häuser ein. Große Vorräthe an Feld- früchtcn sind dabei verbrannt.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.