Nnterhaltungsblatt des Vorwlirts Nr. 1 99. Mittwoch, den 12. Ottober. 1893 (Nachdruck verboten.) Roman von Georges Eekhoud. War er erst dort glücklich gelandet, dann stellte sich im Schutze seines Freundes auch das Vertrauen wieder ein. Er überwand sich dann soweit, den kritischen Blicken der hunderte von hellen und dunkelen Augen, die auf ihn gerichtet waren, zu trotzen, das ermunternde Lächeln all dieser grübchen- geschmückten Gesichter zu erwidern und wagte es selbst, sich den Arbeitstischen der Polirerinnen zu nähern und das fleißige Regen der rosigen Händchen zu beobachten, die so glatt und glänzend wie das Stearin, das sie handhabten, waren. Eines Tages fragte ihn Tilbak, ob er noch immer so ver sessen auf Geschichten wäre.„Mehr als je!" rief Laurent. Der Matrose holte darauf unter seiner Weste zwei dicke Bände hervor, die auf seiner Brust eine unförmliche Beule gebildet hatten. Es war der„Schweizerische Robinson".„Hier, bitte, nehmen Sie Bücher zur Erinnerung an Siska und Vincent. Ich erbte sie von einem Steuermann, der auf den Antillen am gelben Fieber gestorben. Ich kann sie nicht lesen, denn, sehen Sie, HeL-r Lorki, mit neun Jahren hütete ich mit Siska die Lühe und mit zwölf Jahren war ich schon Schiffsjunge!" Laurent ließ sich nicht träumen, welche Verdrießlichkeiten ihm aus dem hannlosen Geschenk erwachsen sollten. Felicitas' Späheraugen hatten die annseligen beiden Bünde, so gut sie auch der Schüler in der tiefsten Ecke seines Koffers versteckt zu haben glaubte, bald entdeckt. Er hatte sie noch nicht ein- mal zu Eiioe gelesen. Den ungleich und ungeheuerlich ge- bundenen verwahrlosten Schmökern entströmte jener anfdring- liche Tabaks- und Schiffsgeruch, den alle Gebrauchsgegenstände der Seeleute anzunehmen pflegen, und es bedurfte für Felicitas somit keiner besonderen Findigkeit, um auf die Ver- mnthung ,u kommen, daß die beiden Bände nicht den Be- stünden.,er Dobouziez'schen Bibliothek entnommen sein konnten, die im übrigen auch seit den letzten Ferien unter Verschluß gehalten wurden. Die ungeschminkte Volks- thümlichkeit und die abenteuerliche Phantasrik dieses„schweize- rischcn Rvbinson's" verfehlten des weiteren nicht, den Un- willen und den Enkel der würdigen Haushälterin zu erregen, denn es ist ja eine bekannte Thatsache, daß gerade so geartete Naturen ihr stolzes Selbstbewußtsein und sittenstrenge Ge- sinnung Untergebenen gegenüber besonders stark hervorkehren, um ihre eigene Uebcrlegenheit und Ausnahmestellung auf- fälligst zu bekunden. Felicitas bethätigte in dem gegen Laurent eingeleiteten Ermittelungsversahren die ganze Kunst eines pfiffigen Untersuchungsrichters. Der Junge wurde einem Ver- hör nach dem andern unterzogen, und da er sich beharrlich weigerte zu bekennen, wer ihm die Bücher gegeben hatte, so wurden diese Herr.. Dobouziez zum Zwecke der Weiterführung des Strafverfahrens übergeben. Da sich Laurent weigerte, der Vorladung des Vetters Folge zu leisten, so war ihm zunächst der Nachtisch entzogen worden, und später hatte man ihm gar bei Wasser und Brot in ein finsteres Zimmer gesperrt, ohne daß diese Zwangsmaßrcgeln vennocht hätten, den Jungen zum Geständniß zu bringen. Was? Er sollte Vincent Tilbak denunziren? Nein, eher hätte er sich von dem Räderwerk der menschenmörderischen Maschine kurz und klein hacken lassen. Ter Gedanke, das Schicksal d�s blonden„Prachtkerls" zu theilen, ließ ihn muthig der„Neunschwänzigen Katze" trotzen, die Dobouziez zrpHilfe geholt hatte, nachdem er selbst seinen Vor- rath an Einschüchterungsmitteln erschöpft hatte. Der„Pascha" hatte dem Jungen mit dem raschen Griff des erfahrenen Zuchtmeistcrs die Hosen hernntergestreift und hielt den Kopf des Delinquenten, der nicht den leisesten Klagelaut laut werden ließ, fest zwischen seine Knie gepreßt. Schon er- hob der Büttel den Stock, um dem Widerspänstigen eine ge- hörige Züchtigung angedeihen zu lassen, als Dobuziez, dem doch Gewissensbedenkcn aufsteigen mochten, oder der sich von der Szene, die seinem Standesbewußtsein unwürdig erscheinen mußte, angewidert fühlte, seinem Sozius in den Arm fiel. „Mir fällt da eben ein besseres Mittel ein. Deinen Hart- schädel zu brechen", erklärte er Laurent, ehe er von Felicitas in seine Zelle zurücktransportirt wurde.„Ich werde Dich niorgen in das Besserungshaus von Saint-Hubert schicken, wo Tauge- nichtsc Deines Schlages mit jugendlichem Diebcsgesindel zu- sammen Unterkunft finden!" Laurent dachte, daß ein Gffängniß so gut wie das andere wäre und daß jenes aus dem Grunde den Vorzug verdiente, weil er dort Felicitas nicht mehr sehen würde. Inzwischen hatte Tilbak, durch das Ausbleiben seines jungen Freundes beunruhigt. bei den Dienstboten Er- kundigungen eingezogen, und sich, nachdem er den Sachverhalt erfahren, unverweilt bei seinem Chef in einer dringlichen An- gelegenheit melden lassen. Herr Dobouziez hatte, nachdem er den Urtheilsspruch über sein Mündel gefällt, in aller Gemüthsruhe vor seinem Schreibtisch wieder Platz genommen und, den Rücken der Thür zugewandt, mit der gewohnten umsichtigen Geistes- klarheit die unterbrochene Arbeit wieder aufgenommen. Tilbak zog seine Holzschuhe aus Rücksicht auf den kostbaren Tournai-Teppich aus und blieb mit der Mütze in der Hand an der Thür stehen. Der Herr Fabrikbesitzer geruhte kaum einen Seitenblick auf den Eintretenden zu werfen und knurrte ohne die Augen von der vor ihm ausgebreiteten Zeichnung zu erheben, ein kurzes„Treten Sie näher heran! Was wollen Sie?" „Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, aber ich wollte nur melden, daß ich Herrn Laurent die Bücher gegeben habe, die Sie so gegen ihn aufgebracht haben." „So? Sie warcn's also?" bemerkte Dobouziez trocken, indem er auf den Knopf des elektrischen Läutewerks drückte. Lassen Sie sich, bitte, von Fräulein Felicitas die Sachen geben, die man Paridael abgenommen hat l" rief er dem Stift zu, der auf das Signal herbeigeeilt war. Als die Beweisstücke herbeigebracht waren, erhob sich der Fabrikbesitzer ärgerlich vom Stuhl, betrachtete mit sichtlichem Ekel die erbärmlichen Schmöker, die seinem Auge den häß- lichen Anblick einer Qualle oder irgend eines anderen schleimigen Seegethiers boten, und da er gerade keine Zange bei der Hand hatte, um die scheußlichen. Bände ohne Gefahr für seine Hände aufzuheben, machte er Tilbak ein Zeichen, sein Eigenthum wieder an sich zu nehmen. „Von nun an werden Sic es gefälligst bleiben lassen, meinem Mündel solch albernes Zeug einzuhändigen>" „Versteht sich, gnädiger Herr! Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, daß der liebe Kleine wegen der dummen Bücher Unannehmlichkeiten haben sollte, hätte ich nüch gewiß ge- hütet, sie ihm zu geben. Aber, nicht wahr. Sie werden's ihm nicht weiter entgelten lassen? Er kann ja nichts dafür... Wenn Einer schuld an der Sache ist, dann bin ich's allein..." Herr Dobouziez wandte dem Zudringlichen, dessen Für- spräche ihm augenscheinlich auf die Nerven ging, den Rücken, setzte sich und machte sich daran, seine Reißfeder nach allen Regeln der Kunst mit chinesischer Tusche zu füllen, um an 'einer Zeichnung weiter zu arbeiten. „Eins möchte ich noch erwähnen, gnädiger Herr," begann Tilbak aufs neue, nachdem er vergeblich versucht hatte, die Aufmerksamkeit des Chefs durch anhaltendes Husten auf sich zu lenken.„Ihr Schützling ist alles andere eher als ein nichtsnutziger Schlingel! Die Leute, die Ihnen das vorreden. täuschen Sie... Meine Frau kennt den Jungen besser, die kann Ihnen am besten sagen, was an ihm ist!... Ist es wirklich Ihr Ernst, das Kind mit jugendlichen Verbrechern zusammensperren zu lassen? Gnädiger Herr, ich wende mich an Ihr Ehrgefühl, es ist unmöglich, daß Sie den braven Burschen verurtheilen, weil es kein Judas fem will, jawohl, kein Judas..." Herr Dobouziez war bei der Herausforderung, die ihm da in's Gesicht geschleudert wurde, jäh zusammengezuckt, er erhob sich mit aschfahlem Gesicht halb vom Stuhl und wies mit nicht zu mißdeutender Geberde nach der Thür. Es lag o viel Gebieterisches in dieser stummen Aufforderung und aus dem Blick, der dabei auf Tilbak fiel, sprach ein solches Ucbcrmaß von stahlharter Eigcnwilligkeit, daß der Seemann, aus Furcht, seinen Freund noch tiefer hineinzurudern, vorzog. wieder in seine Holzschuhe zu schlüpfen und wortlos seiner Wege zu gehen. Es niag dahingestellt bleiben, ob Tilbak's Vermittelung aus Dobouziez' nüchternen Sinn Eindruck gemacht hatte oder ob der Mann des weisen Maßhaltcns das Aufsehen fürchtete, das die strenge Durchführung der angedrohten Strafe in der Oeffentlichkeit erregen mußte: Laurent blieb das Gefängniß von Saint-Hubert erspart. � Nur vermehrte der Vormund die zahlreichen Verordnungen, die Laurent's Leben regelten, um das neue Verbot, die Fabrikräume fernerhin zu betreten, und mit den Arbeitern zu verkehren. „Als wenn er nicht so schon schlecht und gemein genug wäre!" knurrte Felicitas, die die Weisung erhielt, den ver- wahrlosten Jungen fernerhin noch strenger als bisher zu halten. „Hüte Dich, Bürschchen, daß ich Dich nicht noch einmal beim Herumlungern in der Fabrik erwische", drohte Saint- Fardier und ließ dabei seinen Spazierstock durch die Luft sausen. Die Aussicht, eine tüchtige Tracht Prügel einzuheimsen, hätte Laurent gewiß nicht davon abgehalten, das Verbot zu übertreten. Er versuchte mehr als einmal Tildak wieder- zusehen und ihn seiner unverminderten Zuneigung zu ver- sichern, leider aber ließ man den Schlüssel in der Verbindungs- thür zwischen Garten und Fabrik nicht mehr stecken, und die Ferien gingen zu Ende, bevor Laurent Gelegenheit gefunden hatte, über die Mauer zu klettern, um zu seinem Freunde zu gelangen. Als Laurent die nächsten Ferien wieder in das Haus des Vormundes führten, überraschte ihn Felicitas als Willkommens- grüß mit der Nachricht, daß sein vielgeliebter Matrose nicht lange nach der Geschichte mit dem„Schiveizerischen Robinson" an die frische Luft gesetzt worden war. Er war das Opfer der Ver- folgungssucht Saint-Fardier's geworden, der ihn so lange quälte und schuhriegelte, bis der brave Kerl, so geduldig und gleichmüthig er auch war, schließlich die Geduld verloren und aufgemuckt hatte, was von seinem Peiniger als willkommener Vorwand benutzt wurde, den unbequemen Störenfried zu entlassen. In seiner Bestürzung machte sich Laurent unverzüglich auf die Suche nach Gina, um diese zu bewegen, für Tilbak und die Seinigen, der Arme hatte Frau und Kinder, ein gutes Wort einzulegen. Gina hatte im Verlaufe des Dramas, das mit der Ent- lassung Tilbak's zum Abschluß gelangt war, nicht den ge- ringsten Antheil an den Vorgängen genommen. Weit ent- sernt, für das vermeintliche Vergehen Vincent Tilbak's einen Milderungsgrund zu suchen, hatte sie nicht einmal ihren Einfluß zu gunsten Laurent's geltend gemacht. Sie zeigte sich im Gegentheil nur noch stolzer und unzugänglicher, seit sie von den Beziehungen, die zwischen ihrem Vetter und den„gemeinen Leuten" bestanden. Kennt- niß erhalten, und vermied es selbst, auch nur ein Wort über den Skandal, der das ganze Haus in Aufruhr brachte, zu verlieren. Während der Junge, den Tilbak mit seiner ver- gifteten Lektüre augenscheinlich verseucht hatte, Quarantäne hielt, hatte sich das hochmüthige Fräulein auch nicht ein ein- ziges Mal nach ihm erkundigt. Und als er endlich dem Ver- kehr wiedergegeben war, geruhte sie kauni, ihn als Haus- genossen anzuerkennen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdaten.) (Schluß.) Nach einem Weg von 30 Meilen über hügeliges Land erreichten wir die auf halbem Wege liegende Station Songololo. Nun säße« wir fest!—.Alle absteigen!" hieß eS..Der Zug geht heute nicht weiter: diese beiden Zelte stehen den Reisenden zur Verfügung." Davon hatte man uns in Tumba allerdings kerne Mitthcilung gemacht; wir hofften Matadi noch am selben Tage zu erreichen. Zwei große, einfach bedachte Zelte wurden uns in der brennenden Sonne angeboten. Da rneiue Frau und mein Kind bei mir waren. wurde eine hölzerne Hütte für uns ausfindig gemacht. Jedermann war höflich und bemühte sich, Hilfe zu leisten. Läden waren nicht vorhanden, Nahrungsmittel nicht zu be>chaffen. Nur mit Wasser konnten wir versorgt iverden. Endlich gegen Abend brachte uns der ankomniende Dienstzug Brot aus einer vierzig Meilen entsemt liegenden Bäckerei. Songololo ist ein hübscher, ebener Flecken inmitten einer Wild- niß. schwach bevölkert und mit viel Wild versorgt, da sehr viele Elcphmiten. Büffel und Antilopen zu finden sind. Uebcr zwei- hundert schwarze Eiscnbahnarbciter haben dort ihre Feldhütten. Auch größere Holzhäuser für die weißen Ingenieure fanden sich dort. Ich fragte einen der Eingeborenen nach dem ivirklichcn Grunde unseres Aufenthaltes..Keine Kohle»; nicht ein Pfund findet sich auf der Station. Auf den Ncbengelcisen stehen hrei Züge, die nicht vorwärts können." Man vennvche sie mir mit der Hälfte Nation Kohlen zu versehen, bis eine neue Ladung au? Europa kani. Am Abend war ein Kohlenzug zu erwarten. Wir kamen indessen erst um neun Uhr morgens fort. Alle Lust nach weiteren Erlebnissen war mir jetzt vergangen." Man hatte außerordentliche technische Schwierigkeiten überwunden, um die Bahn zum Hafen in diesem gebirgigen Lande zu Wege zu bringen. Es geht durch herrliche Wälder und gebirgige Szenerien, bald folgte man einem reißenden Strom in seinem Lauf, schnell mit ihm bergab jagend: dann wieder mühsam zwischen Schluchten nach einem anderen Gipfel empor und wieder hinab in ein anderes Ge- biet wildrauschender Gießbäche. Es ist ein Musierwerk verwegener Jngenieurkunst. Zuletzt hielt man in einer Schlucht. Es war keine Station, nur ein Nuhcpunkt, um die Züge der eingcleisigen Bahn aneinander vorbcipassiren zu lasten, da der ankommende Direktor der Bahn mit seinem Zug voraus mutzte. Man hatte Zeit genug, um in dem nahen Strome zu baden. .Wie angenehm ist es doch," so äußert sich unser Gewährsmann, .inmitten einer solchen Fahrt an einem heißen Tage rasten und sich durch ein Bad erquicken zu können. Weit besser als die fieberhafte Eile der Eisenbahn-Fahrten daheim!" Eines Tages verlor der Maschinenführer seinen Hut auf der Fahrt: er hielt den Zug an und lief eine Viertclmeile zurück. Der Direktor kam und man setzte die Reise fort; aber nach acht Meilen hatte man wiederum einen langen Aufenthalt. Hier befand sich das erste Waarenlagcr; es gab Erftischungen und Büchsen mit herrlicher sterilisirter Milch. Es galt, noch vimmdzivanzig Meile» bis Matadi zurückzulegen. Man gelangte nach Statton La Mia am Mpalabala- Gebirge, das die größten technischen Schwierigkeiten bot.—.Aus dieser Strecke hatten wir eine» weißen Maschinensührer: nichtsdestoweniger entgleiste unsere Maschine und alle ihre acht Ztäd-r versenkten sich an einem sehr ungelegenen Platze in den Kies. Pflöcke, Hebel und alle sonstigen Werkzeuge wurden mitgeführt, denn derartige Vor- kommnisse waren nichts Seltenes. ES war augenscheinlich, daß nian die Lokomotive vor den frühen Morgenstundet« nicht wieder flott machen würde. lim fünf llhr morgens setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Der Weg wand sich jetzt 300 Fuß auflvnrrs auf die große Anhöhe und stieg die 830 Fuß auf der andern Seite ganz vorsichtig bergab. Hier passirt die Bahn eine 80 Fuß über einem Gicßbach gelegene Gitterbriicke, kreuzt den Mpozo-Fluß, der zum Kongo hinabtost und setzt daun hart an den steilen Abhängen der Mpozo-Sckilucht ihren Weg fort. Der Weg ist so schmal, daß man an einigest Stellen von den Wagenfensteni aus den Mpozo nur 100 bis 150 Fuß unter sich schäumen sieht, während die Bahn so fürchterlich schürfe Kurven nimmt, daß die Geschwindigkeit auf den Spazierjchritl eines Fuß- gängers herabgemindert werden muß. Um halb sieben Uhr am nächsten Morgen langte der Zug cnd- lich in Matadi an. Der Reverend machte nun auf die Thatsache aufmerksam, daß die Giltigkcitsdaucr des Rctourbillets bereits ver- striche» ivärc, und so wurde ihm eine Verlängerung gewährt. Die Stadt Matadi ist ein steiniger Platz, auf steilen Ufern erbaut: Häuser, Fabriken und Magazine find reickilich vorhanden. Der Fluß ist dort etwas iveniger als eine Meile breit. Dort befinden sich auch Reparattirtverkstätten der Eisenbahnen. .Auch aus der Rückreise," so heißt es Iveitcr in der Schilde- rung des Missionars,.hatte ich meine Erlebnisse. Als«vir eine Anhöhe mit vielen Kurven erklommeii. bleiben wir plötzlich stehen. Die Lokomotive>var entgleist. Ich sammelte Reisig und Gras für mein Nachtlager und traf Vvrkchriingc», um die Rächt im Freien zuzubringen. Aber nach einer Stunde war die Maschine wieder im Geleis. Wir fuhren ab. legten ein oder zwei Meter zurück und ent- gleisten wieder an derselben Stelle. Es war flinf Uhr, und erst um halb acht gelang es, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Run setzten wir, uns in Bewegung und zwei Fuß weiter waren wir wieder entgleist; die Pflöcke wurden wieder gestellt, aber erst um balle zwölf Uhr konnten wir losfahren. Diesmal gelang es uns wirklich, die schlimme Stelle zu passircn und glatt vorbei zu kommen, aber es war eine böse Fahrt." Aber damit ivaren die Schwierigkeiten keineswegs überwunden, immer wieder mußte man Station machen, immer wieder unter großen Gefahren gegen die steilen Abhänge ankämpfen, und um die letzten 24 Meilen(engl.) nach Tumba zurückzulegen, brauchte man nicht iveniger als< Stunden.-- Die Gefahre» und Mühen der ersten Zeit sind jetzt überwunden. Das Matena! ist verbessert, und die Maichinen arbeiten gut und sicher. Die Eisenbahn ist bis Dolo, Stanley Pool, vervollständigt worden und geht bis Lcopoldvillc. das ist eine Entfernung von 250 Meilen. So ist man der Natur Herr geworden und die große» ausgedehnten Flächen am oberen Kongo'sind mir der zivilisirten Wett in Verbindung getreten. Ein rascher Dampfschifisvcrkehr legt den Weg von Antwerpen nach dem Kongo in achtzehn Tagen zurück, und die Eisenbahn mutz die ganze Entfermmg von Matadi nach Stanley Pool in zwei Tagen bewältigen. Ein schneller Dampfer iür den oberen Kongo wird in Stanley Pool gebaut, um die Ent- 'erming von dort bis zu den Stanley Falls(1000 Meilen) in elf Tagen zurückzulegen: so wird es möglich werden, die Reise von Antwerpen nach den Stanley Falls, im Herzen von Afrika, in ein- unddreißig Tagen zu machen.— Fred. H o o d. —<; Rlvineo Fenilleton — Zoll-Ulk.(Nachdruck verboten.) Einen drolligen Spaß leisteten sich kürzlich zwei Sonntagsausflügler(Arbeiter aus München) im Bahnhof zu Kufstein, die es aus die bayerischen Zöllner abgesehen hatten. Der Portier forderte bereits zum„Einsteigen nach Rosen- Heim-München" auf, da kamen die zwei Ausflügler in die Nevisions- Halle hereingctrollt, von denen jeder zwei Flaschen sorgsamst in den Händen trug. Nach Pflicht und Vorschrisl fragte einer der Revisions- aufleher nach dem Inhalt dieser vier Flaschen und bekam die über- raschende Antwort, das; Wasser, tirolisches Wasser drinnen sei. Das glaubt natürlich der stärkste Gendarm nicht, und ein Zöllner im Dienst schon gar nicht.„Hergeben!' Die Ausflügler stellten die Flaschen auf die Revisions barricre, der Zöllner entkorkt eine Flasche, riecht, kostet den Inhalt. Kein Zweifel, Wasser, gewöhnliches zollfreies Wasser! Unglaublich! Zwei Miiuchencr, von Tirol heimkehrend, führen Wasser mit sich! Der Beamte lästt sich nicht verblüffen, er prüft jede Flasche auf ihren Inhalt. Schon drängen die Eiken- bahner zum Einsteigen, es ist„höchste Zeit' �zur Abfahrt. Einer der Ausflügler höhnt:„Glauben Sie's noch nicht, daß es Wasser ist?!" „Unglaublich!' meint der Zöllner und läßt ans Versehen eine der Flaschen fallen. Ein Klirren, ein Patschen, die Flasche ist zcr- schellt, das Wasser näßt den amtlichen Boden. Jetzt kam Leben in die zwei Ausflügler, welche mit großer Bc- stimmthcit— Ersatz der vom Beamten zerbrochene» Flasche ver- langten. „Lächerlich, eine wcrtblose Wnssertlasche!" „Höchste Zeit zur Abfahrt! Der Zug geht in einer Minute ab!" „Wir bestehen auf Schadeiiciintz!' „Sie versäume» den Zug und müssen hier übernachten!' „Das ist gleichgiltig! Wir bleiben ans Kosten des Zollamtes hier, bis Schadcuerfatz geleistet ist!' Nun mischte sich der jourbabcnde Zollassistcnt darein und erklärt. daß das Zollamt keinerlei Entschädigung leiste. Ueberdies handle es sich doch nur um eine Bagatelle! Die Ausflügler lassen nicht locker, sie fordern das Beschwerdebuch. Während der Assistent erklärt, daß es im Zollamt kein Beschwerdebuch gebe, fährt der Zug, der letzte des Sonntags, ab. Der Streit nni Ersatz einer zerbrochenen Wasserflasche imercssirt nun das ganze Eiscnbahnpcrsonal, Süd- und Staatsbahner, Kellner, Gäste eilen herbei. Alles freut sich wie Schneekönige über den Streit, der mininchr als grandioser Zollulk zu erkennen ist. Nur begreift man nicht, daß die Ausflügler den letzten Zug unbemitzt ließen und den Streit fortsetzen, also in Knfstcin auf eigene Kosten übernachten niüssen. Der Assistent mußte fort, sein Dienst ist bis zum nächsten Nacht- schnellzug beendet, ebenso wollen die Revisionsanffchcr austreten. Tie Ausflügler fordern energisch Ersatz, protcstircn und erklären, so lange auf der Gepückrevisionsbank zu verbleiben, bis ihnen der Bc- trag von— zehn Pfennigen für die amtlich zerbrochene Flasche ver- abfolgt wird. Das Auditorium grinst vor Bergungen; man befürchtet aber, daß der Zollassiftcnt dem Ulk dn.rch Zahlung des verlangten Nickels ein Ende bereiten werde, doch der Beamte thut es nicht und verläßt mit den Aufsehern die Halle. Nun richten sich die Ausflügler auf der Bank häuslich ein. Der Nachtschnellzng nach Italien ist gekommen und Iviedcr abgedampft, es ist Zeit, den Bahnhof bis 4 Uhr 1ä Mirntten früh abzuschließen. Der Eüdbahn-Portier fordert die Käuze zum Verlassen des Bahn- Hofes auf, stößt aber auf entschiedenen Widerstand. Die Aus- flügler wollen bleiben, bis ihnen die verlangte Entschädigung zu thcil geworden. Hilflos steht der Portier; ein solcher Fall ist noch nicht vor- gekommen, seil der Bahnhof steht! Was nun beginnen? Ein rettender Gedanke! Der Stationschef der Sndbahn als Hausherr des Bahnhofes nnrd aus den Federn geholt und kommt herbei. Die Witzbolde veriveigcrn dem„Zivilisten' jede Auskunft. Der Chef droht mit Entfernung durch die Gcndarinerie. „Erst Unifonn anziehen!' In der Hoffnung, dw Leute doch noch auf gütlichem Wege los- znwerdcn. eilt der Stationschef in die Kanzlei, zi-ht die Uniform an, setzt das Dienstkävpi ans und verfügt sich in die Rcvisionshnllc zu den Ulkbrüdern. Jetzt wird AnSkunft gegeben, aber der Protest erneuert. Klipp und klar verlangen die Ausflügler. daß das Ministerium von München hierher zitirt werde und den Eni- schädigungsvetrng mitbringen solle. Der Stationschef weint vor Vergnügen, die Ulkvrüder lachen mit. Die Heiterkeit steigert sich durch die Versicherung des Hausherrn, daß� der bayerische Finanz- minister mit Vergnügen die zehn Pfennige StaatSgeldcr mitbringen werde, nur müßten die Herren die Depesche im Tclcgraphciiamt der Stadt Knfstcin aufgeben. Das leuchtete ei»; die Witzbolde verließen den Bahnhof, der augenblicklich Himer ihnen abgeschlossen wurde. Weiteres ist nicht bekannt geworden; aber ganz Knfstcin lacht über den Ulk.— Arthur Ach leitner. Musik. Montag, 10. Oktober. 1. Philharmonisches Konzert, Dirigent: Arthur Rilisch.— In der prächtig ncngepntzten„Phil- Harmonie' haben die unserer„elegantesten' Gesellschaft gelvidntete» Konzerte begonnen. Die Neuigkeit des Abends war die(übrigens schon in mehreren deutschen Städten, auch in Berlin aufgeführte) „Scheherazade", eine„symphonische Suite" von Rimskh-Korsakow, dem wohl modernsten rufsischen Komponisten(geboren 1844, in leitenden musikalischen Stellnngen zu Petersburg thüligi. Aus der Märchenwelt von Tausend und Eine Nacht sind einige Stimmungen und Momente lediglich als Grundlage für eine musikalische Phantasicwelt genommen, die äußerlich an Unsere deutschen Programimnnsikcn wie die von Liszr erinnert und jedenfalls all den Rcichthum an Mitteln der Jnstrnmentinmg u. s. w. benutzt, den wir von daher kennen. Verschieden ist sie von ihnen schon durch die größere melodische Erfindung, wenngleich auch hier die Themen zur Knrzathmigkeit neigen; dann durch ein im ganzen, nicht im einzelnen arbeitendes Darstellen; endlich durch ein üppiges Hervor- treten der Solostellcn. Ter Komponist, dem Ausbildung durch Selbst- sludinm nachgerühmt wird, verlangt ersichtlich, daß wir an sein Werk ohne die Erwartung gewohnter Formen herantreten und auf das äußerste an Sprunghaftigkeit im Rythmus, in den Harmonien zc. gefaßt sind; speziell ein deutsches Gcbör hat es nicht leicht, diesem Aneinanderreihen der allermannigfachsten Wendungen zu folgen. Hat man sich einmal.hineingehört", so kann man der in diesem Werk liegenden Kunst ancki mit einem ihr abgewcndetcn Geschmack gerecht werden; am wenigsten aber wird man hoffen dürfen, auf diesen Wegen fruchtbare Fortschritte der Musik zu bekommen, besonders wenn es sich um deutsche Kunst handelt. Unsere Dirigenten, Direktoren zc. mögen immerhin ans dem Ausland Stücke für das Publikum und für die Kasse holen; dann aber sei rasch wieder zur einheimischen Produktion zurückgekehrt! Meister ihrer Kunst wie Herr Nikisch werden ja wissen, was alles noch fehlt; an Material und an Rath- schlügen wird's jedenfalls nicht fehlen. Neben jener Novität glänzte Frau Marcella Sem brich durch den wohl unbestrittenen Glanz ihrer Stimme und ihres Vor- trags. Sic steht über den nngczühltcn Sängerinnen, die uns die kleinen Konzertabcnde füllen, ungefähr so hoch, wie das Publikum dieser Küiistlerabende über dem in langen Reihen angefahrenen, protzigen, schmuckflnmncritden, kvnvcrsirendcit und anscheinend für alles, nur nicht für Musik interessirten Publikum einer solchen. Pom- pöscn Konzertaufführmig steht, das natürlich nicht im stände ist, in dem geradezu absurd„gemischten' Programm eines derartigen Kon- zcrts sein eigenes Spiegelbild zu erkennen.— lieber die herrliche Tonfülle der Sängerin auch in den höchsten Höhen; über den Rcichthum an Klangfarben, der ihr zu Gebote steht; über ihr musterhaftes Vokalifircn, das sich niemals„Plattheiten" erlaubt; über die Kunst des Ausdrucks, mit der sie„Koloraturen" so ansgestallet, daß man diesen Begriff ganz vergißt: über all das ist ja kaum mehr SHiics zn sagen. Wollte uns nur auch die Künstlerin etwas Neues sagen! Sie sang einen„Mozart" und einen „Verdi"; aber auch das wohlig schöne Lied von Franz Nies:„Der Abend schaut durchs Fensterlein', das sie zugab, konnte uns natürlich nicht davon in Keiintniß setzen, wie sich ihre Kunst gegenüber dem bewähren würde, was nnsere musikalische Lyrik längst über das Niveau der Scmbrich'sche» Programme hinaus geleistet hat.— Etwas Entsprechendes wie den dieser Künstlerin gespendeten Beifall haben die braven Jiistrumentalisten, znmal die Bläser, für ihre außergewöhnlichen Leistungen zn gnnstcn Riutsky-Korsaköw's leider nicht gefunden. Wagner's„Kaiscrmarsch" und Bccthoven's„Siebente" ergänzten den Abend. Ans die zn diesen Konzerten regelmäßig ausgegebenen zU'eckmäßigen„Programm-Bücher" und auf die zugänglichen „Oesfentlichen Hauptproben' sei»och eigens aufmerlsaiu gemacht.— • az. Kunst. — ll c b c r die Herstellung der japanischen Farbe n Holzschnitte berichtet„Rcclam's Universum': Der geistige Urheber des ganzen, der Künstler, schneidet niemals selbst, ja er zeichnet nicht einmal auf den Holzblock, ivie dies viele von iiiiscrcn Künstlern thnn, sondern entwirft nur alles mit dem Pinsel ans ganz dünnem Papier. Das tlcbt der Holzschneider kurzerhand mit der Bildseite auf den Block und schneidet nun seine Druck- platten ans, indem er ganz genau den durchschimmernden Linien der Zeichnung mit dem Messer folgt. Durch dieses unmittelbare Verfahren wird die Eigenart der Künstlerhand ganz nnvenniiidert wiedergegeben, und darin liegt zum großen Theile der Schlüssel dafür, daß die japanischen Holzschnitte immer wie Original- slizzen aussehen. Da die Japaner auch in farbigen Darstellungen schwarze Kontnrlinien zu sehen wünschen, entwirft der Künstler zu- nächst eine Umrißzeichnung. Die schneidet der Holzstecher in Kirsch- daumholz und giebt die Platte dem Drucker, der davon dein Künstler einige Abzüge liefert. Ist der Abzug nicht nach Wunsch, so muß der Stecher ändern und der Drucker' wieder abziehen; ist er nach Wunsch, so trägt der Künstler die erste Farbe darauf ein und giebt das Blatt dein Holzschneider zurück. Der klebt es wieder auf, aber aus einen anderen Stock, schneidet die erste Farbenplatte danach und schickt sie zum Drucker, der auf einen Schwarzdruck nun die erste Farbe fetzt. Dieses Blatt wandert zum Künstler, erhält von ihm den zweiten Farbenanftrag und geht wieder zum Holzschneider. der danach die zweite Farbenplattc anfertigt. Die druckt nun wieder der Drucker mit einen Abzug, der bereits die schwarze und erste Farbenplattc enthält, und übersendet den Neu« druck dein Künstler, damit dieser ihn prüfe und die dritte Farbe eintrage. So geht das Wechselspiel zwischen Künstler, Holzschneider — 7 und Drucker fort, bis säinmtlickie Forbenplatten geschnitten sind und das fertige Bild den Absichten des Künstlers entspricht.— Völkerkunde. kg. Zahlen-Mystik im alten Mexiko. In dem letzten Heft der„Zeitschrist für Ethnologie" macht Edouard Seler inter- essante Mittheilungen über das Zahlensystem der alten Mexikaner. Den indianischen Philosophen waren verschiedene Zahlen wichtig. So die Zahl 4, weil sie der Zahl der Himmelsrichtungen ent- spricht, die Zahl 5, weil man die Mitte auch als fünfte Gegend zählte und dann, weil fünf das über das Normale(vier) Hinausachende, das Uebermäßige bezeichnete. Interessant ist es, datz die Zahl 3. die in der Zahlen-Myslit der alten Welt eine so große Rolle spielt, hier von geringer Bedeutung ist. Nur bei den Maya tritt sie als mystische oder rituelle Zahl auf. Ebenso ist es mit der im europäischen Aberglauben so wichtigen Zahl 7. Nur bei den Stämmen der Maya- Familie wird sie öfters erwähnt. So heißt es in den Cakchiguel-Annalcn, daß man dem Dämon alle 7 und alle 13 Tage Speise brachte. Äuznmaz. der Zanberfürst steigt sieben Tage zum Himmel, sieben Tage zur Hölle, sieben Tage ist er eine Schlange, sieben Tage ein Adler?c. Eine ganz besondere Rolle spielen aber in der Mystik des alten Mexiko und des alten Zentral-Amerila die 0 und 13. 9 übereinander geschichtete Himmel und 9 Unterwelten zählten die Mexikaner, und an dein Eingang der untersten Hölle fließt der neunfache Strom. Im obersten neunten Himmel herrschen die Urgötter, von denen alles Leben seinen Nr- sprang hat. Es wird aber auch von ihnen gesagt, daß sie im 13. Himmel wohnen. In den Traditionen der Maya werden die neun Generationen und die 13 Gencrasionen genannt. Die neun Generasionen sind der Ausdruck für eine Gottheit, ihre Vereinigung mit den 13 Generationen ist noch in der heutigen Sprache der Ausdruck für„ewig". Die Maya sprechen von den 13 Schichten der Wolken. In dem mexikanischen Kalender, dem Toualamatl gicbt es 20 verschiedene Tageszeichen. Damit werden 13 Ziffern regelmüßig aufeinander folgend koinbinirt.'— Meteorologisches. — S t. Elmsfeuer. Vom kurischen Haff schreibt man dem „Mem. Dampfb.": Die sehr seltene elektrische Erscheinung des St. Elmsfeuer ist kürzlich auf dem kurischen Haff beobachtet worden. In einer Nacht der Vorwoche wurde der Schiffer K. aus Lohe auf der Heimreise von Memel von einem kurzen, aber sehr schweren Ge- wittersturm überrascht, der ihm aber weiter nicht gefährlich wurde, da er sich unter dem Schutze der Nehrung befand. Plötzlich bemerkte der Schiffer trotz der siefen Dunkelheit an der Spitze des Mastes einen weißen Gegenstand, der immer heller wurde. Es war die Flagge des Kahnes, die von einem bläulichen, phosphoreszirenden Scheine erleuchtet wurde, der sich immer weiter verbreitete, so daß schließlich der ganze obere Mast und die daran befestigten Leinen in dem gespenstischen Lichte leuchteten. Der Schiffer war anfangs zwar sehr erschreckt, faßte aber bald wieder Muth, da er seinerzeit diese Erscheinung als Matrose im indischen Ozean zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Anders der jugendliche Matrose; er weigerte sich trotz alles Zuredens auf das ent- schicdenste, irgend eine Leine oder das Segel, dessen oberer Theil ebenfalls leuchtete, zu berühren, so daß der Schiffer alle Kraft zusammennehmen mußte, uni des stampfenden Kahnes Herr zu bleiben. Die ganze Erscheiramg hatte die Dauer von 20 Miimten und verblaßte allmälig, als das Wetter vorüber war, wiederholte sich aber nach etwa 1'A, Stunden auf dem offenen Wasser, ivenn auch in schwächerem Maße und während eines kürzeren Zeitraumes Das St. Elmsfeuer ist auf dem Haff eine sehr seltene Erscheinung daher der Fischerbevölkerung auch wenig bekannt und wird von derselben mit abergläubischer Scheu betrachtet.— ZTcchnisches. — Die Beverthal-Sperre am Oberlaufe des Wupper- flusses ist am 8. Oktober in Betrieb gesetzt worden. Die Sperre wurde von der„Wupperthalsperren-Gesellschast" durch den Professor Jritzo aus Aachen gebaut. Das Werk soll im Verein mit den im Bau begriffeneu Sperren im Lingeser- und Herbringhauser-Thale. sowie den dazu geplanten Ausgleichbecken bei Beyenburg und Buchenhofen dazu dienen, die Ueberschwemmungsgcsahren der Wupper zu vermindern, den, Flusse eine konstantere Wasscrmnsse zu verschaffen und damit auch die an seinen Ufern gelegenen 437 in- dustriellen Werke befähigen, selbst während der wasserarmen Zeit ihren Betrieb aufrecht erhalten zu können. Die Bever ist ein linker Nebenfluß der Wupper und hat mit ihren seitlichen Zuflüssen ein Niedcrschlagsgcbict von 22 Quadratkilometern. Ucber die Größenverhältnisse der Sperre berichtet die„Frkf. Ztg.": Durch eine Sperrmauer von 17 Metern Stauhöhe und 250 Nietern Kronlänge wurde ein Becken geschaffen, das nahezu 4 Millionen Kubikmeter Waffer aufzunehmen im stände ist. Die Sperrmauer ist im Grundriß gekrümmt nach einem Sperrbogen von 250 Metern Radius, hat in der Untergrundsohle eine Dicke von 17 Nietern und in der Krone noch eine solche von 4 Metern. Ihre Herstellung er- forderte 30 000 Kubikmeter Mauerwerk, dessen Mörtel aus 1 Theil Fettkalk, 1'/, Theilen Traß und 1�/« Rheinsand bereitet wurde. Die Entlastung des V2 Million Quadratmeter umfassenden Beckens erfolgt durch einen Ueberlauf von 53 Metern Breite, außerdem sind zwei Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Ber Ablaßrohre von 80 Zentimetern Durchmesser vorgesehen, und um ganz sicher zu erreichen, daß eine eintretende Hochfluth das Becken niemals vollständig gefüllt vorfindet, ist in der Mtte des Ueberlänfers ein Schlitz von 1 Meter Höhe und IVs Meter Breite, der in den ivasserreichen Wintermonaten geöffnet bleibt und nur im Sommer geschlossen wird. Es ist dadurch ein Schutzraum' von rund Ve Million Kubikmeter Inhalt gegen plötzlich eintretendes Hochwasser gesichert, von dem erwartet wird, daß er die Spitzen der Hochfluthen ausitimmt und diese dadurch weniger gefährlich macht. Die Kosten der Gefammtanlagen waren auf 1 800 000 M. veranschlagt und er- fordern jährlich etliche 72 000 M. an Unterhaltungskosten, Zinsen und Tilgung. Dazu steuern die Stadt Elberfeld und Barmen jähr- lich je 10 000 M. bei. während die übrigen 52 000 M. von den Werksbesitzern nach Maßgabe ihres Nutzens zu tragen sind.— Humoristisches. —„Der Kürassier mit die Jans." Ein in den Ruhe- stand getretener dicker Bäckermeister besucht mit seiner ebenso starken Ehehälfte das Berliner Opernhaus. Es wird der„ L o h e n g r i n" gegeben, und für theures Geld bekommen sie gute, weiche Plätze. Der einschlafende dicke Herr wird von Zeit zu Zeit durch geschickt verabreichte Rippenstöße seiner Frau zum Erwachen gebracht, bis ihm die Sache zu dummj und langweilig wird, und er gähnend zu ihr sagt:„Laß doch man den Quatsch— ick jeh nach Hause." „Nu wane doch man noch ncn bisken, es muß ja jleich der Kürassier mit die Jans kommen."— — Darum! Bursche(zur Schlächtcrsfraii):„Der Herr Lieutenant läßt fragen, ob er den Leberkäs(billigstes Münchener Volksnahningsmittel) nicht im Abonnement billiger bekommen kann. Er hat diesen Monat wieder ein Sektfrühstück geben müssen."— — Der Kenne r. Michel:„Du, Loisl, sell schaug hi, do geht mei Advikat." Loisl:„Dami. dami! Der is aber zaunrackerdürr." Michel:„Des hon i mit Fleiß tho. Woaßt, Loisl, balst amal an Advikatcn brauchst, derfst koan foasten(dicken) net nehma, de speren(mageren) san de schärfcrn."—(„Simplic.") Vermischtes vom Tage. — Ein G e e st e m ü n d e r F i s ch d a m p f e r geht nach dem M i t t e l l ä n d i s ch e n M e e r e. Es soll untersucht werden, ob sich das Adriansche Meer in ähnlicher Weise zur Befischung mittels Dampfer eignet wie die Nordsee.— — Auf dem Dominium Waldvorwerk bei Guhrau erkrankte infolge des Genusses giftiger Pilze eine Anzahl russisch- polnischer Arbeiter. Zwei Männer und ein Mädchen sind bereits gestorben. — An einem Neubau in S o r a u, der kürzlich erst gerichtet wurde, mußte der Weiterbau polizeilich untersagt werden, weil das Gebäude einzustürzen droht. An demselben prangt inniitten von Blumenschmuck die Inschrift:„Gott schütze dieses Haus und die da gehen ein und aus!" und heute verkünden breite Risse in den Mauern den Zerfall des Hauses. Das dreistöckige Gebäude muß Voraussicht- lich wieder abgetragen werden.— — Der von Scheffel im„Trompeter von Säkkingen" be- sungene Säkkinger B e r g s e e ist Vers ch wunde n. Die Fabriken von Säkkingen haben sein Wasser geschluckt.— — In der Menagerie zu S ch ö n b r u n n bei Wien wollte eine Dame dem Bären ein Stück Zucker mit ihrem Sonnenschirm zu- schieben. Da entriß ihr der Bär plötzlich den Schirni und zog ihn in seinen Käfig, kletterte aus den Baumstamm und arbeitete solange daran herum, bis er sich öffnete. Unter dem Gelächter der Zu- schauer schwang er den offenen Schirni über seinem Kopfe. Länger als eine halbe Stunde dauerte das Schauspiel.— — Bei einem Zivilpro, zcß, der in Wie» dieser Tage gegen den jungen Millionär G u t m a n n geführt wurde, stellte es sich heraus, daß G u t in a n n d i e A u f f ü h r u u g e i n e s von ihm v e r s a ß t e n Trauerspiels. Konradin" in Berlin 20 000 Gulden g c I o st e t habe.— — Im Eilzuge O st ende- Köln ergriff ein Reisender plötzlich die Reisetasche einer Dame, mit der er allein in einem Wagen fuhr, wars diese zum Fenster hinaus und sprang dann selbst aus dem in voller Fahrt befindlichen Zuge. Man fand ihn mit zerschmettertem Schädel neben dem Geleise liegen.— — In S t. A u st c l l, einer kleinen Stadt Cornwalls, ließ dieser Tage ein Mann ausschellen:„Gesunden wurde außerhalb der Gorrankapelle die Summe von sechs Pcnce(50 Pfennig). Wer sie verloren hat. möge sich an Herrn Whitehair, Kcsselmacher und Orgelbläser, Easthill. St. Austell, wenden."— Es kostete dem guten Mann eine Mark, seinen Fund so bekannt zu machen.— c e. Bon der Russischen Geographischen Gesellschaft wurde die Ostspitzc Asiens, das O st! a p, in„K a p D e s h n e w" umbenannt, zum Andenken an den russischen Seefahrer Ssemen Deshncw.— — Nach dem städtischen Vcrwaltungsbcricht zählt Brüssel ohne Vorstädte bei einer Bevölkerung von 205 000 Seelen 3631 Gasthöfe, Schenkwirthschaften, Branntwein-Kleiiihandlungen und Logir- Häuser, so daß auf 56 Einwohner ein W i r t h s h a u s kommt. Allerdings werden in 1316 dieser Häiffer keine geistigen Gettänke verabreicht.— in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.