Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 200. Donnerstag, den 13. Oktober. 1898 "(Nachdruck verboten.) s] Neu � VnvktzAgo. Roman von Georges Eekhoud. Und trotz alledem gab sich Laurent über den Charakter seiner Kousine kindischen Illusionen hin. Er machte für diese Kälte und Theilnahmslosigkeit einzig die Erziehung verantwortlich. Wie hätte sie sich auch für diese Arbeiter interessiren sollen, von deren Existenz sie nur ganz unbestimmte Vorstellungen hatte! Nie war sie in Berührung mit ihnen gekommen, und von den Eltern hörte sie über die Leute nur in dem Sinne reden, als ob es sich um ein viertes Naturreich, ein Hand- werksgeräth, ein lebendiges Mineral handelte, das uninter- essanter als die Pflanzen und gefährlicher als die unver- nünftigcn Bestien wäre. Gina war allein im Speisesaal und war gerade dabei, die blühenden Hyazinthen im Erkerfenster zu begießen. Die Liebe, die Laurent Vincent entgegenbrachte, gab ihm den Muth, ohne weitere Umschweife nnt der Bitte herauszuplatzen: „Gina, liebste Gina, nicht wahr, Sie bitten Papa, Vincent Tilbak wieder anzustellen?" „Vincent Tilbak?" fragte Gina gleichgiltig und beschäftigte sich weiter mit ihren aristokratischen Blumen,„ich kenne keinen Vincent Tilbak." „Es handelt sich um den Aufseher im Polirsaal, den Herr . Saint-Fardier entlassen hat." „Ach so! Ja, jetzt weiß ich, wen Du meinst. Der „Schweizerische Robinson", der Mensch, dem Du's zu der- danken hast, daß wir so gegen Dich aufgebracht waren.... Und Dn schämst Dich nicht einmal, von dem sauberen Patron überhaupt noch zu reden? Nein, mein Lieber, Du darfst überzeugt sein, daß ich mich hüten werde, auch nur den Namen des Mannes vor Papa zu erwähnen!" Mit allen Zeichen sittlicher Entrüstung verließ Gina das Zimmer und trällerte im Weggehen die neueste Operetten- melodie. Laurent war ganz kleinlaut stehen geblieben und wandte seinen Blick instinktiv den koketten, hochstehenden Hyacinthen zu, für die Gina so hilfsbereit sorgte. Einen Moment wollte ihn die Lust übermannen, die prächtigen Zier- blumen zu vernichten, um seiner unbarmherzigen Freundin einen Schabernack zu spielen, denn in diesem Augenblick war er felsenfest überzeugt, daß er Gina in alle Ewigkeit hassen würde.— V. Die Ferien verliefen wie die anderen auch, mit dem einzigen Unterschied, daß Laurent in dem großen, neu ein- gerichteten Hause noch mehr vernachlässigt und auf sich selbst angewiesen"blieb als bisher. Er war fast so weit ge- kommen, die alten Möbel zu beneiden, die ausgedient hatten und im Schatten und Staub der Dachkammern der Ruhe pflegten. Erregten siÜ auch nicht mehr das Gefallen der Herrschaft, so setzte man sie doch wenigstens nicht der Berührung mit ihren Nachfolgern aus, während es ihm, der nie in Gunst gestanden hatte, vor- behalten war, unter all' den vornehmen Dekorationsstücken und kostbaren Gewächsen als Aergerniß erregender Schandfleck eine klägliche Rolle zu spielen. Von Tag zu Tag kam es ihm zu immer klarerem Bewußtsein, daß er in dieses reiche, aristokratische Milieu nicht hineinpasse. Wäre doch erst die Zeit gekommen, die ihm das Recht und die Freiheit gab, sich den anderen Enterbten, die seinesgleichen waren, zuzugesellen; aber in Erwartung dieser Befreiungsstunde mußte er sich daran genug sein lassen, so bald der Abend gekommen, seinen Winkel unter dem Dach und die dorthin verbannten Sachen aufzusuchen. Und doch, wie lang und eintönig ihm auch die Ferienzeit erschien, kaum war er wieder in der Schule, so gewährte es ihm ein eigenes Gefühl schmerzlicher Wollust, dieser grauen, widerwärtigen Stunden sehnend zu gedenken. Gerade die unerfreulichsten Momente, die ihni der Auf- enthalt im Hause des Vormundes brachte, waren es, die sich der Schüler mit besonderer Vorliebe ins Gedächtniß zurückrief, und ebenso waren es in der Fabrik auch nur die häßlichen Gegenstände, der Plunder und in die Ecke geworfene Abfall, deren er sich bei der Arbeit und in schlaflosen Nächten er- innerte. Die Hyazinthen, die ihm ein Sinnbild der Er- barmungslosigkeit feiner schönen Kousine für die Armen und Elenden geworden, haßte er im tiefsten Grunde seiner Seele, dafür sammelte er um so eifriger welke Sträuße und Feld- blumen und gab einem sauren, unter den Zähnen knirschenden Apfel den Vorzug vor den theueren Blutpfirsichen, die für Frau Lydia reservirt blieben. Und wie sein Geist all diesen Dingen ein treues Gedenken bewahrte, so wollte auch seine Nase den keineswegs lieblichen Fabrikgeruch los werden, vor allem nicht den Duft, der dem Abflußgraben entströmte, der das ausgedehnte Fabrikgelände umgrenzte und der das Gemisch von fettiger Unreinlichkeit, Aetzlauge und giftiger Fettsäure aufnahm, das bei der Scheidung und Reinigung als Abfallprodukt ausgeschieden wurde. Der Gestank von ranzigem Oel und Fett, der dem Sammelgraben entstieg, verfolgte Laurent in der Schule auf Schritt und Tritt mit der zudringlichen Beharrlichkeit eines gemeinen Gassenhauers. Und dieser Duft stand in unlöslicher Wechselbeziehung zu der Arbeiterbevölkerung, den armen Leuten, denen die Aerolcindämpfe die Augen ausbrannten, die die Maschinen bedrohten und die Saint-Fardier mit grimmigem Hasse verfolgte, er erzählteLaurent von demPolirsaal undseinen halbnacktenFrauen.vonTilbakunddem„schweizerischen Robinson" und zauberte ihm das lebendige Bild der Vor- stadt anschaulich vor die Augen. So oft Laurent den Fuß auf das Pflaster seiner Vater- stadt setzte, war dieser Abflußgraben der Herold, der ihm die Nähe von Gina's Reich verkündete. Von allem, was in der Fabrik lebte und athmete, war der Graben der einzige, der ihm schon in der Ferne entgegenkam, er empfing ihn, wenn er dem Eisenbahnwagen entstieg und begrüßte ihn mit einer gewissen eilfertigen Geschäftigkeit, bevor der Schüler noch hinter den Baumreihen, den Dächern und Mühlen der Vorstadt die hohen, rothen Fabrikschornsteine zu Gesicht bekam, die sich' stolz in den Himmel emporreckten und deren verqualmte, rußgeschwärzte Köpfe dem Näherkommenden einen ironischen Willkommensgruß zuwinkten. Und dieser Stinkgraben gab auch dem Scheidenden wieder das Geleite, wie ein herrenloser, räudiger Hund, der hinter einem mit- leidigen Spaziergänger scheu einhertrottct. Die dunkle, von stumpffarbigen Streifen durchzogene Oberfläche der trüben zähflüssigen Fluth schickte ihre verpesteten Dünste längs des Seuchenwcges, der nach der Fabrik führte, in die Luft. Langsam und träge wälzte sich die widerliche Masse dem Flußarm zu, dessen Wasser sie verunreinigte. Das armselige Volk, das die Ufer des Grabens bewohnte, war ganz und gar von der mächtigen Fabrik abhängig. Die Leute murrten und schinipften daher wohl im stillen Kämmerlein, wagten aber nicht, ihren Unwillen lauten Ausdruck zu geben, und im Vertrauen auf diese feige Schwäche hatten die Besitzer bis zur Stunde die Kosten gespart, die ihnen die Ueberwölbung der Kloake verursacht hätte. Eine im Monat August aus- brechende Cholera-Epidemie rief ihnen indessen die leidige Angelegenheit wieder nachdrücklichst ins Gedächtniß. Durch die Miasmen des Schmutzgrabens genährt und begünstigt wüthete die Seuche in der Umgegend der Fabrik heftiger als in den meistbevölkcrtcn Bezirken der Stadt. Die unglücklichen Vorstadtbewohner fielen wie die Fliegen. Aber obgleich die Ueberlebenden sich auch jetzt hüteten, ein grollendes Wort über den Pestkanal laut werden zu lassen, hielten es die Dobouziez in Ansehung der dumpfen Mißstimmung, die alle ergriffen hatte, doch für angezeigt, sich bei den Leuten etwas beliebt zu machen und den Familien der Cholerakranken ein wenig unter die Arme zu greifen. Aber dieser fast erzwungenen Freigebigkeit fehlte der rechte Takt und die herzliche Gemüthsäußerung. Man hatte die liebens- würdige, von wahrer Menschenliebe erfüllte Felicitas mit der Vertheilung der milden Gaben betraut, und da das Dobouziez'sche Faktotum durch dieses Liebeswerk stark in An- spruch genommen war, so erfreute sich Laurent größerer Frei- heit als sonst. Er machte sich denn auch die Gelegenheit zu nutze und trieb sich nach Herzenslust im Freien herum. Der fahle, kupferfarbige Dämmerschein breitete seine düsteren Schatten über die Landschaft, als er eines Abends gemüthlichen Schritts der Fabrik zuschlenderte. Als er in die langgestreckte Arbeiterstraße einbog, über die hier und da eine am langen Pfahl schaukelnde, rauchende Laterne ein trübes, — 798— zitteriges Licht ergoß, schlug Plötzlich das dumpfe, verworrene Gemurmel einer schleppenden Klageweise an sein lauschende Ohr, das schärfer wie sonst wohl für alle Sinueseindrücke empfänglich war. Anfangs dachte er an ein Froschkonzert, aber da fiel ihm auch gleich wieder ein, daß dieser Pestgraben kein Leben athmendes Geschöpf beherbergte. Je näher er kam, desto klarer und schärfer klang das Geräusch an sein Ohr, und als er um die Ecke schritt und auf einen in der Nähe der Fabrik gelegenen kleinen Platze angelangt war, wurde ihn: die Erklärung des Räthsels. Im Hintergrund einer kleinen, am Treffpunkt zweier Straßenzüge errichteten Nische thronte nach Antwerpener Sitte die holzgeschnitzte, buntbemalte Figur der Madonna, die an die hundert kleine Kerzen und Talglichte mit einem slimrncrn den Heiligenschein umstrahlten. Tie uachtschwarze Dunkelheit der schlecht beleuchteten Straße gab dieser Illumination noch einen besonderen phantastischen Reiz. Das Postament der Statue war so niedrig, daß die züngelnden Flämmchen der Lichtdochte, die in der Stille der schwülen Nacht leise knisterten das Muttergottesbild, vor dem sonst nur ein bescheidenes Lämpchen brannte, nur schwach erhellte. Und im Schatten dieser kümmerlichen Beleuchtung kniete zu Füßen der Madonna ein dichtgedrängter Haufen von Frauen in schwarzen Mänteln und weißen Hauben, die die Kugeln des Rosenkranzes durch die Finger gleiten ließen und niit der kläglichen, tonlosen Stimme des Armen, die ihres Lebens Jammer erzählen, Gebete murmelten. Es war vorauszusehen, daß die Illumination vor Be endiguug der langen Fürbitte erlöschen würde. Schon zeigten sich hier und da schwarze Pünktchen in dem flimmernden Lichterkranz. Und jedesmal, wenn ein Flämnichen zuckend zu ersterben drohte, erhob sich das Ge murmel zu heißerer Inbrunst, und lauter und schneller flüsterten die bebenden Lippen die Gebctformeln, denn jedes dieser sterbenden Flänmichen versinnbildlichte den Armen die Seele eines geliebten Bruders, eines Gatten oder eines Kindes Hörten jene auf zu brennen, so that im selben Augenblick ein Sterbender seinen letzten Athemzug. So bedeuteten die flackernden Lichter, die eines nach dem anderen ausgingen ebensoviele letzte Seufzer mit dem Tode ringender Menschen und mit der zunehmenden Dunkelheit vergrößerte sich auch das Leichentuch, das die Opscr des Tages umschloß. Aber schwärzer noch als diese Todesschatten reckte sich, wenige Schritte entfernt, die Fabrik wie der Tenrpel einer böswilligen Gottheit in die Luft. Und den unheimlichen Eindruck dieses düsteren Nachtbildes, dem Ort und Stunde geheimnißvolle Deutung gaben, erhöhte noch der scheußliche Unrathgraben der, übelriechender als gewöhnlich, mit seinen giftigen Dünsten den Erfolg dieses Bitt- und Thränenopfers vereitelte. Der fromme Hymnus brach plötzlich schrill ab und erstarb in einem winnnernden Schluchzen. Auch das letzte der Lichter war erloschen. Der letzte der mit dem Tode ringenden Cholerakranken hatte die Augen zum ewigen Schlumnier ge schlössen. VI. Diesen Winter sollte Fräulein Dobouziez in die Gesell schaft eingeführt werden. Mit Besorgungen und Einkäufen gingen die Tage hin. Gina hatte eine ganze Zahl kostbarer, mit raffinirtem Luxus gefertigter Toiletten bestellt. Die Mutter, die die Tochter begleiten und ihr als Ehrcndame dienen mußte, fühlte in ihrem Herzen alte vergessene, gefallsüchtige Regungen wieder lebendig werden. Sie hatte den Ehrgeiz, sich wie ein junges Mädchen anzuziehen, helle, schreiende Farben zu wählen, und sich in der Wahl der Kleider und der Frisur nach der Tochter zu richten. Ihre unbändige Vorliebe ftir künstlichen Blumenschmuck und grellfarbige Schleifenarrangements ließ sie unaufhörlich in allen Modewaaren- Geschäften der Stadt herunilaufen, wo sie alle Kartons durchwühlte und ein Kunter- bunt von Bändern, Straußfedern, Blumen und Besatzflittern um sich breitete. Wäre Regina nicht immer bei der Hand gewesen, um die Verkäuferin bei feite zu nehmen und beim Weggehen ein gutes Theil der von ihrer Mama ausgewählten Sachen leise abzubestellen, die gute Dame hätte auf ihre Hüte Vor- räthe gehäuft, die genügt hätten, den Hochaltar im Dom würdig zu schmücken oder ein kleines Museum für Naturkunde aus- zustatten. Es gab oft genug harte Kämpfe, bis es Gina, die sich um nichts in der Welt lächerlich machen wollte, durch- gesetzt hatte, die buntscheckige Ausstellung, mit der Frau Dobouziez in den Kreisen der geldmächtigen Antwerpencr Gesellschaft Aufsehen zu erregen gedachte, einigermaßen zu lichten.(Fortsetzung folgt). Lm ITufklrnllott. Klapp, klapp— tönt es eben neben mir; unser liebenswürdiger Reisebegleiter, Dr. Biedermann, so entnehmen wir einem Berichte der„N. Z. Z." über die jüngste, von Sitten aus unternonunene Spelterim-Fahrt, hat bereits eine Reihe von Bildern auf der licht- empfindlichen Platte für immer festgehalten.„Höher I Zwei Säcke Ballast aus!" ruft Kapitän Spelterini;„nochmals zwei; noch mehr!" Wir steigen langsam auf IStX), dann 2000 Meter. Welch' wunderbare Pracht! Keiner von uns ist eines Wortes fähig. Unter uns liegt das ganze herrliche Rhoncthal, die flankirenden Höhenzüge sind stellen- weise in wundervoller Klarheit sichtbar, weiter draußen gegen Süden die Savoyer-Berge in lückenhaftem Wolkcnmeer, die tiefblaue Schale des Genfer Sec's grüßt zu uns hinauf. Das arme Wort ist nicht im stände, auch nur ein schwaches Spiegelbild zu geben von all' der großartigen Schönheit, die fich von Moment zu Moment dem trunkenen Auge einrollt. Nur die rapid fallende Linie des Registrir-Barometcrs läßt die rasch steigende Bewegung des Ballons erkennen, die mit bei- spielloser Sanftheit, unter völliger Abwesenheit jeglicher Luft- bewegung, eine unendlich angenehme Ueberraschung bietet. Die Bega hat fast genau nordwestliche Richtung: 11 Uhr 4Z Minuten, das Baro- mcter markirt bereits 4500 Meter Höhe, und die Lufttemperatur ist auf— 10 Grad Celsius gesunken; trotzdem durchaus kein Frost- oder Kältegefühl! Senkrecht unter uns liegt der Glacier de Zanfleuron der„Diablcrets", wieder ein prachtvolles Bild. Weit draußen vor dem Korbrand, an einen» eisernen Galgen aufgehängt, surrt friedlich mein Aspirations-Thennomcter. Es wird»Nittels eines durch Uhr- werk getriebenen kleinen Ventilators einem Dauerstrom der um- gebenden Luft ausgesetzt und dient zur Ennittelung der wahren Lusttemperatur. Die Ablesung der Therinometer-Skala geschieht durch ein kleines Fernrohr, das sicher an» Korbrand befestigt ist, mir jeden Augenblick den Stand des Quecksilberfadcns abzulesen gestattet. Die Bega fliegt weiter nordwestwärts, oirckt über den Rochcr de Nahe gegen Chatel St. Denis; 12 Uhr 45 Mümten, wir sind schon über Montblanc-Höhe, und es fängt ai», kälter zu werden 16 Grad Celsius, rufe ich Professor Heim zu. Unser guter Kapitän reicht mir ein Gläschen Henessy-Kognak, sonst mundet er trefflich, aber jetzt schmeckt er unangenchin bitter in dieser Höhe und brennt in der gänzlich ausgetrockneten Kehle. Hoher! Wir überblicken fast die ganze nördliche Schweiz bis hinaus zum SäntiS durch lückenhaftes Wolkenmccr, ein gut Stück über das letztere ragen Rigi, Pilatus und Säntis hervor. Die Berner-Obcrländer-Riescn, Jungfrau, Mönch und Finsteraarhorn, sind theiltveise in Wolken, aber doch erkennbar. 1 Uhr 30 Minuten, 6200 Meter! Wir stehen über Oron, das Thennometer zeigt auf — 20 Grad Celsius und das Barometer markirt kaum noch 340 Milli- mcter Luftdruck. In dieser enormen Höhe treiben wir eine volle Stunde lang dahin. Ich fühle, daß ich zusehends schwächer werde; zeitweise befällt mich eine starke Schlaffnchl, ans der ich mich energisch aufraffen muß. Leichtes Herzklopfen stellt sich ein, ich fühle einen stechenden Kopfschmerz, die schon stark verdünnte Lust fordert gebieterisch ihre Rechte. In den Höhen von 5000 bis 6000 Meter ist letztere bereits so verdünnt, daß durch die Athmung nicht mehr die zur Er- Haltung des Lebens erforderliche Menge Sauerstoff den Lungen zu- geführt werden kann, wie die unglückliche Fahrt des ftanzösischen Ballons Le Zenith am 15. April 1875 gelehrt hat. Auf dieser Fahrt, bei der eine Höhe von 8000 Metern erreicht wurde, haben zwei der Lustschiffer, Sivel und Croce-Spinclli, wegen Mangel an Sauerstoff ihr Leben eingebüßt. Es ist deshalb eine unerläßliche Fordenmg, genügenden Sauerstoff zur Einathmung in so großen Höhen mit hinauf zu nehmen. Mit Sauerstoff gesättigte Lust in kleinen Stoffballons für diesen weck mitzuführcn, wie es bei jener unglücklichen Hochfahrt des cnith geschah, ist nicht empschlenswcrth. Vielmehr wurden von der Bega inehrere mit je 500 bis 800 Liter reinen Sauerstoffs gefüllte Stahlflaschen»nitgenoinmei», in denen das kostbare Lebcnsgns auf 120 Atmosphären komprimirt war. Das Druck-Reduktionsvcntil der Flaschen gestattet, den Sauerstoff unter beliebiger Pression bis zu zwei Atmosphären ausströmen zu lassen, worüber ein an dem Ventil- gehäuse angebrachtes Manometer Auskunft giebt. Ich setze einen laitgen Gunnnischlauch an das Ventil und sauge das belebende Gas in langen gierigen Zügen in die Lungen. Der lästige Kopfschmerz, das zeitweise leichte Herzklopfen nehmen sofort ab, und ich fühle unmittelbar die erftischende belebende Wirkung des Gases auf den geschwächten Körper. Unterdessen sind unser Ballonchef Spelterini und die beiden anderen Herren unablässig bemüht, die reizvollen Bilder der Um- ebung durch die Suttcr'schcn Moment-Apparate auf der Platte zu xiren. Professor Heim notirt und zeichnet dabei eiftig; er befindet ich, auch ohne Sauerftoffathinung, verhältnitzmäßig ganz wohl; sein Bart ist voll Eiszapfen, wachsgelb sein sonst sehr ftffcher, rosiger Teint, liebet Spelterini's energische Züge legt sich eine tief dunkele, chwarzbraune Färbung, seine sonore Stimme klingt hohl und dumpf. Jetzt erst werde ich der unheimlichen, geisterhaften Stille gewahr, die uns alle umgiebt, jener eisig-stillen, ewigen Ruhe der höchsten Schichten des Luftmeeres, zu denen kein Geschöpf und kaum noch ein Laut der Erde hinaufdringt. Das schwache Surren des Uhr- Werkes am Aspirations-Thermometer, das Ticken der Uhren in unseren registrirendcn Barometern unterbrechen kaum hörbar die feierliche Stille dieser hohen Regionen. Die Bega zieht ruhig ihres Weges gen Nordwest; 1 Uhr 15 Minuten stehen wir über Iverdon, dann über�St. Croix, dem Jura, fliegen weiter gen Bcsanyon, das wir in steflem Abstürze in ungefähr 2500 Meter Höhe um halb drei Uhr erreichen. Der Ballon hebt sich neuerdings in raschem Fluge aufwärts, um halb vier— über Gray— gelangt er in die maximale Hohe zwischen 6300 und 6400 Meter. Spelterini möchte noch höher, bedeutend höher gehen; er fühlt sich immer noch im Vollbesitz seiner herkulischen Llvrperkraft, trotz der bedeutenden Höhe und ohne jegliche Sauerstoffalhmung! Die Situation wird kritisch Spelterini verlangt gebieterisch von mir den Schlüssel zum Oeffnen der neben ihm stehenden Sauerstoff- flasche; er will, unter Einwirkung des belebenden Gases, unbedingt höher gehen. Ich widerspreche energisch, denn über 7000 Meter weiß ich bestimmt, daß mir unter den obwaltenden Umständen höchste Lebensgefahr droht, wahrscheinlich ebenfalls den beiden anderen Be- gleiteru, während die elastische Lebenskraft unseres gestählten Äcronautenchefs vielleicht 8000—0000 Meter vertragen hätte. Professor Heim legt sich schlichtend iuS Mittel, auch er fühlt den Ernst der Situation. Also Ventil los! Die Bega wird durch Gasverlust rasch zum Fallen gebracht. Jetzt erst merke ich — irotz der starken Sonnenstrahlung am tiefblauen Himmel— die heillose Kälte, die mir die Finger fast zum Erstarren gebracht. Wir fallen fortwährend stark, die steil abfallende Kurve des Registrir- Barometers läßt darüber keinen Zweifel mehr aufkommen. Ein, zwei Säcke Ballast werden hinausgefeuert und überschütten alle In- fassen und Instrumente mit einem dichten Staubregen, denn unsere Bega fällt weit rascher als der fein geschlemmte Flußsand der Rhone, der unsere Ballastsäcke füllte. Doch wo sind wir? Weite Strecken Wald mit kleinen Lichtungs- flecken sind erkennbar. Da heißt es höchste Vorsicht. Wir machen zur Landung klar, die wegen des ziemlich starken Unterwindes durchaus nicht leicht erscheint. Die Erde konnnt uns in rasender Eile immer näher, scheint auf uns zuzufliegen; das scharf spähende Auge des Kapitäns hatte ein günstiges Brachfeld entdeckt, der Anker fällt. Ich berge noch mit Blitzesschnelle, so gut es geht, meine mobilen Instrumente im Korbe. „Achtung! Klimmzug!" Mein blonder Nachbar zur Rechten und ich fassen nach oben und ziehen uns mit den Armen an den Korbseilen in die Höhe; Professor Heim hängt sich mit Leibeskräften an die Bcntilleine, während Spelterini, zum Sprunge bereit, nach der Reiß- leine greift, die den Ballon durch Aufreißen zum raschen Stillstand bringen soll. Da schlägt die Gondel mit Gewalt auf den Boden auf, die Ballonkugcl erhebt sich noch einmal rmd schleift ein Stück weiter. Unser Ballonführer Spelterini springt aus der Gondel in das Netzwerk und faßt glücklich wieder die ihm aus den Händen ent- schlüpfte Reißleine. Zum zweiten Mal ein starker Aufftoß, dann ein kräftiger Zug, der Anker hat fest gefaßt, der Ballon neigt sein stolzes Haupt und schmiegt sich der Erde an. Alle sind unversehrt, auch die meteorologischen und photographischen Apparate haben kaum ncnncns- Werth gelitten, dank der ausgezeichneten Führung und Geschicklichkeit unseres Aeronautchefs Spelterini, der bis zum letzten Moment seine eiserne Ruhe und Geistesgegenwart voll bewahrte. Wir waren bei dem kleinen Dörfchen Riviere um halb fünf Uhr niedergegangen, auf der Grenze der Hante-Marne und des Departements Cote d'Lr zwischen Dijon und Langres.— Mlrittrs Isvttillekon dg. Ein interessantes Dokument wird auf der Universitäts- Bibliothek zu Krakau aufbewahrt. Als gegen Ende des 16. Jahr- Hunderts unter Ladislaus IV. der polnische Reichstag zusammentrat, machten die Frauen Großpolens und Litthaucns eine Eingabe an denselben, in der sie durch allerhand Vorschläge eine Verbesserung ihrer sozialen Lage forderten. Diese sogenannten„Jungfrauen- Artikel" enthalten einige zwanzig Forderungen._ Artikel 1 verlangt:«In anbctracht, daß es zur allgemeinen Sitte wird, daß die Herren Jünglinge in der Brautwerbung allzuviel Zeit vcr- wenden und uns mit dem endgilttgen Ehcschluß allzu lange hinhalten. haben unsere Gesandttnueu Fürsorge zu treffen, daß ein „Präklusionstermin" hinsichtlich der Werbung bis zum thatsächlichcn Eheschlutz, d. h. längstens bis zum Juni jeden Jahres festgesetzt werde." Die beiden nächsten Abschnitte fordern eine Bc- strafung der Geldheirathcn, sowie das Recht, nach eigener Jniliative und ohne Bevormundung des Vaters einen Gatten wählen zu dürfen. Artikel 5 verlangt für die Jünglinge, die in der Faschingszeit um ein Mädchen werben und es bis zum Juni nicht Heirathen, eine Geldstrafe von 1000 polnischen Gulden, zahlbar an eine Kasse für verwaiste polnische Jungfrauen. Artikel 6:„Aus Anlaß dessen, daß viele von den Herren Jünglingen die Familien- wirthschaft vernachlässigen und somit ohne eine Ehe einzugehen ein allzu hohes Älter erreichen, drängt sich die Roth- wendigkeit auf, gewisse Termine in jedem Bezirk viennal im Jahre in einem bestimmten Ort zur allgemeinen Versammlung zu bestimmen, Ivo sich Jünglinge und Jungfrauen einzufinden haben, um eine wechselseittgc Bekanntschaft nach gegenseitiger Herzens- neigung einzufädeln. Wer von den Herren Jünglingen ohne Grund ausbleibt, ist der Ehre für verlustig zu erklären." Artikel 10 nimmt die Wittwcn vor. Da sich nämlich die Wittwen trotz des Verlustes eines oder mehrerer Männer nicht entblöden, junge Muttersöhnchen anzulocken, wünschen wir, daß den Wittwen dies nach zurückgelegtem 40. Lebensjahre unter der Strafe der Ehrlosigkeit verboten werde, und zwar ans dem Grunde, weil derartige Wittwen anstatt Jüng- lingc anzulocken, dem Spinnen obzuliegen und das Gebet nicht außer acht zu lassen haben. Der Häßlichen erbarmt sich Artikel 13, indem er zollfreie Einfuhr und Steuerfreiheit für Schminken, Salben und andere Schönheitsmittel begehrt, denn:„da nicht jede Jung- ftau mit blendender Schönheit ausgestattet ist, seien den Minder- begünstigten die Mittel zur Hebung'ihrer Reize keineswegs zu ver- sagen. Artikel 18 verlangt, der hohe Reichstag möge dafür sorgen, daß nur Lerne von gleichem Charakter einander heirathcn, dumme Männer einfältige Mädchen, schlechte Männer auch schlechte Frauen; für den Heeresdienst aber sollen nur alte Männer Ver- Wendung finden oder doch nur solche,„die aller Lebens- energie bar und mit auffälligen Gebrechen behaftet sind." Artikel 20 sagt:„Da es Ehemämmer giebt, welche ihren Frauen Tanzbelustigungcn, Scherze und sonstige Kurzweil verwehren, so mögen unsere Gcsandtinnen darauf sehen, daß uns dieses Alles bis auf 10 Jahre»ach unserer Verheirathung gestattet werde. Die Schlußartikel legen dem„hohen Reichstag" noch einmal kurz zusammengefaßt die üble Lage der Frauen mi das Herz.— Literarisches. — Die große Heidelberger Liederhandschrift, früher die Pariser, auch die Manessische genannt, wird jetzt, wie die„Nat.-Zrg." mittheilt, von Dr. Friedrich Pfaff, Universitäts- bibliothekar in Freiburg, mit Unterstützung des badischen Unterrichts- ministeruims, in getreuem Textabdruck herausgegeben.(Verlag von Karl Winter, Heidelberg.) Diese berühmte Liedersammlung besteht aus 426 Pergamentblättcrn von 0,355 Meter Höhe und 0,25 Meter Breite, die von verschiedenen Händen der ersten Hälfte des vier- zehnten Jahrhunderts in zwei Spalten beschrieben sind. Fast alle der hundertvierzig Dichter des zwölften bis vierzehnten Jahrhunderts, welche die Handschrift in einziger Vollständigkeit enthält, ziert zu Anfang ein blattgroßcs Bild, das den Dichter bei der Arbeit oder in einer seine gesellschaftliche Stellung kennzeichnenden oder in seinen Liedern angedeuteten oder sonst aus seinem Leben bekannten Handlung darstellt. Es sind mehrere Maler zu unterscheiden. Den meisten Bildern ist das Wappen des Dichters beigegeben. Eine große Initiale ziert das erste Lied eines jeden. Die Anfänge der einzelnen Strophen sind bei jedem Liede bald mit blauen, bald mit rotheu Initialen bezeichnet. Die Verszeilen sind nicht abgesetzt, sondern meist durch Punkte von einander geschieden. Ohne genügenden Grund hat man in dieser Handschrift die Zu- sammcnstellung der Liederbücher erblicken wollen, als deren Besitzer der Dichter Hadlaub den Züricher Rüdiger Manesse rühmt. Aller- dings mag die Handschrift in der Gegend von Zürich entstanden sein; dafür spricht neben anderen Umständen die Mund- art der Schreiber. Sichere Nachricht von ihr hat man jedoch erst um die Wende des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts. Sie befand sieb damals im Besitz des Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz in Heidelberg. Wahrscheinlich ist sie bei der Einnahme Heidelbergs im Jahre 1622 entwendet worden. Erst 1657 erscheint sie plötzlich wieder als Geschenk der beiden frauzösischeu Alterthumssammlcr Pierre und Jacques Dupuh an die königliche, jetzt National-Bibliothek in Paris. Im Jahre 1888 wurde sie vom Deutschen Reiche erworben und an ihrer alten Hei- mathSstätte, unter den Handschriftenschätzcn der Heidelberger Uni- versitätsbibliothek, niedergelegt. Von dem auf fünf Abtheilüngen berechneten Werke ist die erste soeben erschienen. Die letzte Abtheilung wird getreue Nachbildungen von Proben der hauptsächlichsten Schreiberhände bringen, sowie eine ausführliche Einleitung, und au deren Schluß das alte, dem Text der Urschrift vorausgehende Dichtcrverzcichniß.— Kulturhistorisches. — Eine saftige St ras rede gegen die Bart moden im 17. Jahrhundert hielt einst Philander von Sittcwald.„Wenn". sagte er,„Deine ehrlichen Vorfahren es für den schönsten Schmuck und Zierrath hielten, einen rechtschaffenen Bart am Maule hangen zu haben, so ahmet Ihr itzund den wälschcn unbeständigen Narren und Hanswursten nach und laßt alle Wochen Eure Bärte beropfen und bescheeren, ja alle Tage und Morgen mit Eisen und Feuer peinigen, foltern und martern und hin und her ziehen und zerren und mit Fett und Salbe einschmieren. Da isfls jetzt ein Zirkclbärtel, dann ein Schneckenbärtcl, ein Jungfernbärtel, ein Tellerbärtel, ein Pumbsbärtel, ein Spitzbärtel, ein Fcderwedclchen, ein Schmalbärtel, ein Zuckerbärtel, ein Türkenbärtel, ein Spanischbärtel, ein Jtalienischbärtel, ein Sonntagsbärtel, ein Saubärtel, ein Ostcrbärtel, ein Lullbärtel, ein Spielbärtel, ein Stutzbärtel, ein Trutzbärtel und ein Hahnrei- bärtel. Hast Du nun genug. Du Bart-Affe? Zu unseren Zeiten hat mau an den Federn erkennen gelernt, was für ein Vogel Einer war, jetzt am Maule; denn der Bart zeigt es. Wie wollt Ihr das heutzutage, Ihr Fatznarren und hoffärtigen Dummlinge, da, je älter einer wird, er je mehr seinen Bart quetschen und stummeln läßt, um die Welt und das tugendsame Frauenzimmer zu überreden und zu bethören, als ob er noch ein Jüngling oder Junggeselle wäre."— Physiologisches. ie. Der Wider st and des nienschlichen Körpers gegen den elektrischen Strom ist neulich von dem englischen Forscher I. E. Boyd gemessen worden. Bekanntlich seht jeder Körper dem Durchgange des elektrischen Stromes einen anderen Widerstand entgegen, wie man z. B. an Drähten an>Z verschiedenem Mcrall nachweisen kann, und dieser Widerstand wird nach der Einheit des sogenannten Ohm gemessen. Für den mensch- lichen Körper war der elektrische Widerstand bisher nicht genau sest- gestellt. Boyd versuchte ihn dadurch zn ermitteln, daß er die vier geschlossenen Finger jeder Hand in einen Krng mit Salmiaklösung tauchte»nd einen elektrischen Strom von bestimmter Stärke in einer Richtung durch den Körper hindurckigehen ließ. Der Widerstand, den der Strom beim Durchgang durch die Arme und den Rumpf fand, zeigte sich als verschieden für einen Wechselstrom und für einen bc- ständigen Strom. Er betrug für den Wechselstrom von 2 bis 3 Volt 1500 Ohm und für einen solchen von 6 bis 7 Volt 1550 Ohm, wenn der Strom 02 Mal in der Sekunde unterbrochen Ivurde. Gegen einen beständigen Strom war der Widerstand des menschlichen Körpers noch bedeutender, nämlich 1700 Ohm. Boyd versuchte nun weiter den besonderen Widerstand der einzelnen Körperthcile zu er- Mitteln. Er fand den Widerstand ans der Strecke zwischen dem rechten Handgelenk und dein Ellenbogen gleich 200 Ohm, zwischen Handgelenk und dem Ende des Schulterblattes 207 Ohm und von der Schulter bis zum Rückgrate 291 Ohm. Dazu kommt nun der Widerstand der menschlichen Haut gegen das Eindringen des elektrischen Stromes, der um so größer ist je kleiner die dargebotene Hautfläche, und mit dem Grade der Feuchtigkeit und auch mit der Natur der zur Elektrisirung benutzten Leitungskörper wechselt.— Ans dem Thierleben. — E i n Kampf im Meere. Einen ganz eigenartigen und merkwürdigen Kampf zweier Meeresbeivohner beobachtete die Be- mannung des Kriegsschiffes„Leopard" im Hafen von Candia, als dieser Torpedokreuzer im Vormonate daselbst vor Anker weilte. Eine Riescn-Schildkröte von anderthalb Metern Länge wurde von einem jungen, nahezu drei Meter langen Haifische angegriffen. Der Kampf währte eine halbe Stunde' und spielte sich in unmittel- barer Nähe des Schiffes ab, welches des hohen Seeganges wegen kein Boot aussetzen konnte. Der Hai attaquirte die Schildkröte, in- dem er pfeilschnell von unten herangeschossen kam, sich im letzten Momente unidrehte und ihr einen Biß am Kopfe oder an den Füßen beibrachte. Nach jedem solchen Angriffe hob die Schildkröte ihren kleinen Kopf senkrecht, wie hilfesuchend, aus den, Wasser heraus. Mit einer schweren Wunde am Halse ging sie endlich, vom Hai ge- folgt, unter.—'(„N, Fr. Pr.") — Interessante Beobachtungen a n Termiten hat, wie die„Köln. Ztg." mittheilt, G. F. Haviland angestellt sowohl in Südafrika als auf Borneo und der Halbinsel Malakka. Das Flugvermögcn der Tenniten ist nur schivach entwickelt, die meisten lasten sich vom Winde fortführen. Am Boden werden die Flügel bald abgeworfen, und zwar geschieht dies einfach dadurch, daß die Thiere dieselben mehrmals kräftig aufwärts be- wegen. Die Ursache dieses Abwerfens hat der Beobachter darin erkannt, daß die Vögel den geflügelten Termiten besonders nachstellen, die ungeflügelten aber inehr verschonen. Bei den meisten Tenniten genügt ein' Paar zur Begründung eines neuen Stammes; bei manchen Arten findet man in neu angelegten Nestern sogenannte Soldaten. Ihre Aufgabe ist nach Haviland eine defensive? sie sind übrigens in Gestalt und Bewaffnung bei den verschiedenen Spezies verschieden. Bei zahlreichen Arten be- fitzen die Soldaten als Waffe vorn am Kopfe zwischen den Kiefern ein Ausschcidungsorgan, das eine klare, aber zähe Flüssigkeit ab- sondert. Ein einziger Tropfen derselben, der auf die Fühler einer angreifenden Anicise gelangt, macht diese kampfunfähig, weshalb die Ameisen diese Soldaten meiden. In den einzelnen Nestern fand der Beobachter meist den fünften Thcil der Insassen aus Soldaten bc- stehend, unter diesen sowie mich unter den Arbeitern wurden nicht selten blinde Individuen angetroffen.— Aus dem Pflnnzcnleben. K. Die Sonnenliebe der Pflanzen. Man braucht nur an die Sonnenblume zu denken, um sich an die Thatsachc zu erinnern, daß die Pflanzen sich gewöhnlich dem Sonnenlichte zu- wenden. An allen Gewächsen, ob groß, ob klein, kann man Beob- achtungen machen, daß sie gcwiffcrmaßen der Sonne entgegen- wachsen. Dufour sprach in einer der letzten Sitzungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Waadt über interessante Versuche, durch die er den Einfluß ver- schiedencr Farben auf die Wachsthumsrichtung von Pflanzen festzustellen suchte. Er säcte Samen von Gräsern in drei verschiedene Gefäße und stellte dieselben, bevor der Same aufgegangen war, in drei größere Pokale. Den Zwischenraum zwischen den beiden Ge- säßen füllte er im ersten Falle mit reinem Wasser, im zweiten mit einer Knpfcrbirriollösung und im dritten Falle mit einer Lösung von doppeltkohlensaurem Kali. Dadurch erhielt das erste Gefäß weißes, das zweite blaues und das dritte gelbes Licht. Die Oberseite Ivurde derart mit schwarzem Stoff bedeckt, daß kein anderes Licht hinzutreten konnte außer dem durch die Flüssigkeits- schicht einfallenden. Nach drei Tagen gingen die Samen in allen drei Gefäßen auf. Nach einem weiteren Tage mar es deutlich zu erkennen, daß im ersten Gefäße bei weißem Licht die Spitzen der jGrashälmchen sämmtlich dem Lichte entgegengewachsen waren, ebenso in der zweiten Vase bei blauem Licht, in der dritten bei gelbem Licht dagegen nicht. Bei weiterer Forffetzung der Beobachtung wurde es immer deutlicher bemerkbar, daß das Gras unter dem Einflüsse des gelben Lichtes ganz senkrecht in die Höhe wuchs, während es in den anderen Gefäßen sich dem Lichte zuneigte. Wabr- scheinlich hängt diese Erscheinung mit der Bildung von Blattgrün (CWoropbvIt) zusammen, die unter weißem Licht am stärksten, etwas geringer bei blauem und viel schwächer bei gelbem Lichte ist. Dufour untersuchte noch die etwaige Wirkung von Röntgen'schcn Strahlen auf die Wachsthumsrichtung der Pflanzen, konnte jedoch nur fest» stellen, daß eine vierstündige Bestrahlung mit diesen keine sichtbare Wirkung auf das Wachsthum von Gräsern hervorruft.— Humoristisches. — Berlinische Neubildungen. Bilde einen Satz mft „Fatalist": „Det Maul muß ick halten, wenn V a t a I i e st." Einen Satz mir„Haken": „Da h a' k e n aber eins übcr'n Kopp jejcbcn!" Einen Satz mit„Wahnsinn": „Sagen Sie mal, w a'n Sie'n schon mal in unse'n Jartcn?"— — Der Weiberfeind. Dame:„Ob wohl in unseren Tagen noch jemand aus Liebe wahnsinnig wird?" Herr:„O gewiß, wer würde sonst wohl heirathen?"— — Eine absurde Geschichte. Es Ivar schon H e r b st, als Fräulein Frühling von Sommer feld nach Winter- thur reiste, wo die Familie Viereck einen netten Kreis bildete. Besonders gefiel ihr ein Roth gerber aus Braun schweig, der am blauen Montag in Weißen sce am gelben Fieber erkrankte und in Grau denz am G r ü n donnerstag beinahe an den schwarzen Pocken gestorben wäre. Rasch schlössen die beiden schlanken Menschen dicke Freundschaft, zur Verlobung spendirte Herr Silbe r mann K u p f e rberg Gold und fünfundzwanzig Jahre später redete Herr Gold stein auf ihrer Silber Hochzeit B l e ch.— („Lust: Öl.") Vermischtes vom Tage. — Im Dorfe Lemkendorf bei Burg wurden vier Kinder, die in einer Sandgrube spielten, von herab- stürzenden Sandmasten verschüttet. Nur zwei konnten sich noch aus dem Sande herauswühlen, die beiden anderen erstickten.— — In D ü r c n stürzte am Dienstag am Neubau des Blinden- heims das Erkergerüst ein. Zwei Arbeiter wurden getödtet, einer verletzt.— — Ein früherer Oberstuhlrichter, bei dem eine Pfändung vor- genommen wurde, erschoß bei Blasendorf einen Anwalt der Rumänischen Bank und dann sich selbst.— — Die Verhandlungen Frankreichs, Belgiens und Deutschlands betreffend die Anlage einer Telephonlinie Paris- Brüssel-Berlin sind abgeschlossen. Die Linie besteht aus starkem Bronzcdraht von 5 Millimetern Durchmesser.— — Ein Wal von ansehnlicher Größe ward dieser Tage im Alfens und bei Sonderburg wahrgenommen, nachdem man ihn früher schon im Kleinen Bett, südwärts schwimmend, beobachtet hatte.— — Ein neuer französischer Postdampfer hat zur Ucberfahrt von Calais nach D o w e r nur 57 Minuten gebraucht und damit die bisher schnellste Fahrt aus dieser Strecke gemacht.— — In der Nacht zum Mittwoch fand im Kanal ein Z u- s a m m c n st o ß zwischen dem belgischen P o st s ch i f f„Princeste Joscphine" und einem Dreimaster statr. Das Postschiff erlitt schwere Beschädigungen, über das Schicksal des Dreimasters, der ein ameri» kanischeS Schiff sein soll, ist noch nichts bekannt.— — Die City von London war am Freitag Abend für volle zwanzig Minuten in Finsterniß gehüllt, da das elektrische Licht versagte. Gas konnte zur Aushilfe nur an wenigen Stellen verwendet werden. Wachs- oder Talgkerzen mußten aushelfen, reichten aber bei weitem nicht aus.— — K o n st a n t i n o p e l ist die einzige Hauptstadt in Europa, in welcher die Elektrizität noch nicht eingeführt ist, tvcder zu Bc- leuchtnngs- noch zu sonstigen Zwecken. Das Telephon für den Allgemeiiiverkehr ist als„gefährlich" verboten, nur die Ottonwn- Bank besitzt ein solches zwischen den Bureaus von Galata und Stambnl. Die erste Telcphonleitung, welche vor einigen Jahren von einem Geschäfte in Pera eingerichtet ivurde, zerschnitt die Polizei als ein Werk des Teufels. Elektrische Beleuchtung hat nur die Ottoman-Bank in ihrem Gebäude. Jetzt bewerben sich zwei Gesellschaften, eine deutsche und eine französische, um die Konzession für die elektrische Beleuchtung Konstantinopels.— — Eine amerikanische Verlagshandlnng hat soeben ein neues Werk unter dem sehr aktuellen Titel: Euba und andere Inseln des Meeres, von E. M. C. Kellogg veröffentlicht. Bei näherer Besichtigung zeigt sich, daß das Buch schon im Jahre 1897 erschienen und daß nur ein neuer Titel vorgeklebt ist. Früher hieß das Werk Australien und die Inseln des Meeres. Der neue Titel paßt zwar nicht zum Inhalt, aber er ist entschieden zeit- gemäßer.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing w Berlin.