Hlnterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 201. Freitag, den 14. Oktober. 1898 (Nachdruck verböte».) »1 Veu�VArkhago. Roman von Georges Eekhoud. Gina war in ihrer Ungeduld schon die rechte verwöhnte Frau und zeigte bereits starke Unabhängigkeitsgelüste. Ihre Toiletten entbehrten selbst in dem Kreise, für den sie bestimmt waren, gar sehr der bescheidenen Einfachheit, wie sie das prüde Schicklichkeitsgefühl provinzieller Tugendheuchelei für ein junges Mädchen fordert, dafür zeugten sie aber von einem ganz eigenartigen Geschmack, und dazu kam noch, daß sie Gina in untadeliger Weise zu tragen und so überaus fesch zur Geltung zu bringen verstand. Die strahlende Schönheit der jungen Erbin machte von Tag zu Tag tieferen Eindruck auf Laurent, ohne daß er sich vorerst darüber klar zu werden ver- mochte, ob die Gefühle, die er ihr gegenüber empfand, der Liebe oder der neidgrünen Scheelsucht entsprangen. Die Aussicht auf das abwcchselungsreiche Gesellschaft� leben und die neuen Triumphe, denen sie entgegenging, hatten im übrigen eine günstige Veränderung in Gina's Wesen herbeigeführt, sie war jetzt ungleich mittheilsamer und liebens würdiger gegen ihre Umgebung, als das in letzter Zeit der Fall war. Und diese gute Laune und versöhnliche Stimmung gewann ihr auch die Sympathien Laurent's wieder, der jetzt gern in der Gesellschaft seiner schönen Base verweilte. Dann geschah es wohl, daß die junge Dame den EinsUbigen, der sich scheu in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen, heranrief, uni ihm von ihrem Vergnügungsprogramm und der Zahl der für den ersten Ball verschickten Einladungen ein Langes und Breites zu erzählen und ihre Einkäufe vor ihm auszubreiten; ja sie geruhte sogar, hin und wieder über Farbe und Muster eines Stoffes oder bei der Wahl eines Schmuckgegenstandes seinen Rath einzuholen:„Komm mal her, Bauer, wir wollen mal sehen, ob Du Geschmack hast!" Das Epitheton Bauer klang in ihrem Munde so gemüthlich und liebenswürdig, daß dem Spitznamen jede verletzende Bedeutung genommen wurde. Ob das schöne Wetter dieser familiären Vertraulichkeit von Dauer sein würde? Laurent ließ sich derartige Erwägungen vorläufig nicht durch den Kopf gehen. Er genoß sein unver- hofftcs Glück wie es sich ein abgehetzter Landstreicher in der behaglichen Ecke einer gastlichen Heimstätte wohl sein läßt, ohne der Stunde zu gedenken, die ihn wieder zwingt, seine Straße durch Sckmee und Frost weiter fiirbaß zu ziehen. Fuhren die Damen aus, dann stand Laurent hilfsbereit unten im Flur oder im Thorweg. Gina ließ sich seine Ritter- dicnste gefallen und nahm leutselig Umhang, Fächer und Schirm aus seiner Hand entgegen. Er sah sie behende in den Wagen springen und mit gefälliger Bewegung das kokette Gewirr ihrer Röcke zusammenraffen.„Kommst Du endlich, Mama?"„Guten Tag, Bauer!" Kousine Lydia kletterte athemlos in den Wagen, der Tritt quietschte unter der Last der gewaltigen Masse, und der Wagen neigte sich bedenklich auf die Seite. Nun hatte endlich auch die dicke Dame mit einem letzten stöhnenden Seufzer in der Ecke Platz genommen. Gina's fein behandschuhtes Patschchen ließ mit nervöser Hast das Wagen- fenster herunter, der Pförtner riß die Thorflügel auf und grüßte niit tief herabgezogener Mütze ehrerbietig die Damen, die im nächsten Augenblick Laurent's Blicken entschwunden waren. Neben den Vorbereitungen für die Gesellschaftssaison mußte man auch an die Ausstattung des jungen Ptmdael denken, der demnächst in eine internationale Erziehungs- anstalt des Auslandes geschickt werden sollte. Von dort sollte er erst nach Beendigung seiner Studien wieder nach der Heimath zurückkehren.. Kousine Lydia und die unvermeidliche Felicitas unterzogen zn diesem Zweck Herrn Dobouziez's Garderobe einer eingehenden Musterung. Mit der pedantischen Peinlichkeit gewissenhafter Archäologen prüften die beiden die Sachen, die der„Herr" nicht mehr trug; die einzelnen Stücke wanderten von einer Hand in die andere, wurden von allen Seiten betastet und gewendet und gaben Anlaß zu eingehenden Erörterungen, in denen das Für und Wider sorgsam gegen einander abgewogen wurde. Von der Festtagsstimmung, die das ganze Haus belebte, beeinflußt. hatte sich Frau Dobouziez sogar bereit erklärt, einen so gut wie neuen Gehrock und eine wenig getrage, unmodern gewordene Hose ihres Gatten zu opfern, damit beides von einem vor- städttschen Flickschneider für Laurent zurecht gemacht würde. Felicitas freilich fand das alles viel zu schön und zu elegant für einen Jungen, der„so wenig auf seine Sachen hielt."„Weiß Gott, gnädige Frau, die Panttnen, die Bluse, die Mütze und die Lederhosen unserer Arbeiter würden eher für ihn passen." Der hoch beglückte Paridael mußte seiner mißtrauischen Kousine fast feierliche Eide schwören, daß er die schönen Sachen nach Thunlichkeit schonen würde. Angesichts der furchtbaren Verwarnungen und der schweren Verantwortlichkeit, die er sich zugleich mit der abgelegten Garderobe des Vetters auf den Rücken lud, hätte er wahrhaftig vorgezogen. die un- verwüstlichen und bequemen Sachen seiner Freunde, der Fabrik- arbeiter, anzuziehen. Es blieb nur noch über ein grün und blau gestreiftes Beinkleid zu verfügen, ein scheußliches Ding, das selbst der Vetter, der in Sachen seiner Toilette der anspruchsloseste Mensch von der Welt war, nach dreimaligem Tragen aus- gemustert hatte. Felicitas, die all' diese arg mitgenommenen Sachen beim Trödler zu Gelde machcnwollte, that diescVertheilungeinenbösen Streich durch die Rechnung, denn jedes Stück, das der Waise zugesprochen wurde, verminderte den Gewinn, der dem Faktottim aus dem Verkauf der abgelegten Garderobe des Herrn zufloß. Der Eingriff in da? Recht, das ihr von jeher zustand, trug natürlich nicht dazu bei, der Haushälterin den Eindringling sympathischer zu machen. Laurent hätte ihr freilich von Herzen gern den ganzen Plunder, vor allem das gräßliche Beinkleid überlassen, aber er durfte doch nicht wagen, der guten Kousine Lydia, die es sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, ihn glücklich zu machen, den Spaß zu verderben. Gerade jetzt erschien Regina, die die Mutter überall ge- sucht hatte, auf dem Absatz der Bodentteppe. „Aber das ist ja unerhört!" rief sie entsetzt,„Du denkst doch im Ernst nicht daran, Mamas Laurent mit diesem Trödelkram auszustatten! Dann würde der Bauer seinem Namen allerdings alle Ehre machen!" Einer gutmüthigen Regung folgend wählte sie rasch aus dem Haufen ein paar Stücke aus, die zur Roth noch dem Hausgebrauch dienen konnten.„Und jetzt komme, Mama! Ich habe noch zwei Besorgungen in der Stadt zu erledigen, da können wir ja gleich bei Saint- Fardier's Lieferanten mit vorfahren. Die werden schon Mittel und Wege finden, den Burschen etwas zurechtzustutzen. Also, vorwärts, Mama I" Gina Widerstand leisten zu wollen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Felicitas würgte ihren Ingrimm hinunter und tröstete sich über die übel angebrachte Gunstbezeugung, die das eigenwillige Fräulein an den Teufelsjungen ver- schwendete, durch Wegnahme der schrecklichen, zweifarbigen Unaussprechlichen. Es war das erste Mal, daß Laurent seine beiden Kousinen auf ihrer Ausfahrt begleitete. Der Kutscher wäre vor Schreck fast vom Bock gesttirzt, als er den Schüler heraufklettern und an seiner Seite Platz nehmen sah. Alle Nasenlang wandte Laurent sein glückstrahlendes Gesicht Gina zu, um ihr dankbar lächelnd zuzunicken. So war er doch endlich auch ein wenig in der Familie Dobouziez zu Ansehen gekommen! Die un- verhoffte Auszeichnung war ihm fast zu Kopf gesttegen. Er fühlte so etwas von Stolz in sich ausleben und sah von der Höhe mit Geringschätzung auf das armselige Volk der Fuß- gänger hinab. Alle die Demüthigungen und Verletzungen, die er sich vordem hatte gefallen lassen müssen, waren unter dem frischen Eindruck des'freudigen Augenblicks vergessen und ver- geben. Er dachte gar nicht mehr an Gina's und ihrer Eltern liebloses Benehmen im Falle Tilbak. Ja, er war sogar ganz geneigt, die Wohlthaten seines Vormundes rückhaltslos anzuerkennen, die Kousine Lydia als das liebevollste Geschöpf auf der Welt zu erklären und für das übellaunige Wesen des„Paschas" sein Leberleiden ver- antwortlich zu machen. Selbst die unliebenswürdige Felicitas erschien ihm heute in milderem Lichte. ..-'y--';i=ssaä»,,.-'iL'1 Alles athniete freudige Heiterkeit und milde Versöhnungs- stimmung. Das Wetter war prachtvoll, die Straßen schienen ein prunkendes Feiertagskleid angelegt zu haben, und es sah fast so aus, als ob die eleganten Damen in den Equipagen, die dem Wagen der Kousinen Dobouziez begegneten, die Grüße, die sie mit den Damen tauschten, auch nut an den jungen Herrn Paridael auf dem Kiuschubock richteten. Man fuhr nacheinander bei dem Schneider, dem Wäsche- Händler, dem Schuhmacher und dem Hutmacher der jungen Herren Saint- Fardier, den tonangebenden Richtern in Sachen des eleganten Modengeschmacks, vor. Der Schneider nahm Paridael Maß zu einem Anzug, für den Gina den besten und theuersten Stoff ausgesucht hatte, ungeachtet Frau Lydia's Ein- spräche, die nachgerade die geschäftigeFürsorge desTöchterchens für den armen Verwandten etwas gar zu kostspielig zu finden begann. Alle Augenblicke sah die sparsame Dame nach der Uhr:„Gina. es ist Frühstückszeit! Papa wird aus uns warten I" Gina hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt. die Toilettenfrage mit erschöpfendster Gründlichkeit zu lösen und entledigte sich dieses Geschäfts mit der eigenwilligen Heftig- keit. mit der sie bei Ausführung ihrer Pläne zu Werke ging. Hatte sie einmal einen Entschluß gefaßt, dann gab's für sie weder zauderndes Hinausschieben, noch nachdenkliche Ueber- legung.„Jetzt oder nie!" lautete der Wahlspruch, der ihr Thun und Lassen bestimmte. Im Wäschegeschäft wurden sechs allcrfeinste Shirtinghemden noch Maß bestellt und ein Paar prächtige Kravattcn gekauft. Beim Hutmacher tauschte Laurent seinen schäbigen Filzhut gegen eine untadelige Kopsbedeckung ein, ein gleicher Tausch vollzog sich im Schuhladen. Die neuen Stiesel und der Hut wurden sofort in Gebrauch genommen. Und damit hatte der Umwnndelungsprozeß von Laurent's äußerem Menschen seinen verheißungsvollen Anfang genommen. Im Handschuhladen hatte Gina. der dieses Einkleidungsgeschäft unbändigen Spaß machte, zum ersten Male wahrgenommen, daß der Junge auffallend kleine Hände und Füße hatte. „Sieh doch. Mama, er sieht schon garnicht mehr so bäuerisch aus l Es ist fast nichts mehr an ihm auszusetzen, was?" Dieses„fast" that der Freude Laurents Wohl ein wenig Abbruch, gleichwohl durfte er sich der berechtigten Hoffnung hingeben, daß Gina seine Salonfähigkeit uneingeschränkt an- erkennen würde, wenn er erst von Kops bis zu Füßen um- gekleidet sein würde. Mochte das alles immerhin auf Narrethei und Selbsttäuschung hinauslaufen, das hinderte Laurent nicht. den Tag zu den glücklichsten seines Lebens zu zählen. Da Gina den Ton angab, so beeilte sich alle Welt einschließlich des Vetters Guillaume und der unversöhnlichen Felicitas, dem Schüler freundlich zu begegnen und ihn mit der üblichen Schul- meisterei zu verschonen. „Das gnädige Fräulein scheint noch mit der Puppe zu spielen," begnügte sich das giftgcschwollenc Geschöpf vor sich hin zu murmeln, als Gina Laurent hin und her drehte, um ihn dem Vater von allen Seiten zu zeigen. Das junge Mädchen schien in der that an dem Spiel be- sonderes Gefallen zu finden, deshalb setzte es Gina auch durch, daß Laurent, der inzwischen seinen neuen Anzug erhalten hatte, an der Wasscrpartie nach Hemixem. wo die Dobouziez ihr'„Landhaus" hatten, theilnahm. Da er am folgenden Tage seine Reise nach dem Auslande antreten sollte, so thaten die Eltern dem Töchterchen auch diesen Gefallen, in der Vor- aussetzung. daß sich der Junge durch musterhaftes, gesittetes Betragen der Ehre, die ihm damit widerfuhr, auch würdig zeigen würde. Angesichts dieser unverhofften Auszeichnung schwand bei Laurent auch die letzte Spur mißtrauischer Voreingenommenheit, die er im tiefsten Herzensgrund noch bewahrt haben mochte. Glückliche Jugendzeit, die über der geringsten Aufmerksamkeit die Jahre der demüthigendcn Zurücksetzung vergißt I (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck oerboten> Vevmchk. Von Hans O st>v a l d. Der Wind tost um den Haidcgästhof. vor dem der Wirtb in Hemdsärmel» steht und den Weg hinuntcrschaut. dessen ausgefahrene Geleise sich hinter einer Bodenwelle verlieren. Auf der nächsten Er- höhung scheinen sie wieder aufzutauchen doch kann man sie zwischen der verdorrten Erika nicht mehr erkennen. Am gelblich grauen Himmel jagt der Wind dunkle, schwere Wollen herauf. Die dürren, geweißten Obstbäume, die jenseits des Weges hinter einer entblätterten Hecke stehen, ächzen, sie beugen sich unter der Wucht des Windes, der über die Erdwellen fegt und alles biegt, nur den Wirth nicht, der fest und aufgerichtet in die Feme schaut. Seine starken, störrischen Augenbrauen ziehen sich zusammen über den kleinen, dunkelgrauen Augen. Die sehnigen, verarbeiteten Hände fahren ungeduldig in dem struppigen braunen Haar hin und her. Jäh Ivendet er sich zum Haus zurück und kommt mit großen harten Schritten ins Gastzimmer) seine Holzschuhe klappen auf dem rothen Ziegelbodcn. Mit einem Fluch läßt er sich auf die hellgelbe Holzbank fallen. Die knochigen Arme stützt er auf den Tisch und starrt vor sich hin, ab und zu mich, sein Gegenüber, mit einein kurzen Blick streifend Nach einigen Minuten ivird die ivciße Thür im Hintergrunde geöffnet und eine eckige dunkle Frau in hellblauem Kattuuklcid schaut fragend hinein: „Willst Du mich auch ärgern!" knurrt der Mann.„ES ist noch nichts zu sehen schreit er plötzlich zornig auf.„Mach', daß Du hinanskonimst!" Die Frau zieht den Kopf zurück und schließt die Thür. Er spuckt wüthend aus. Dann starrt er wieder vor sich hin. Draußen jagt der Wind immer mehr Wolken herauf, die scheinbar schwer drückend auf den Erdwellcn des Haidemceres liegen bleiben. Mit einem Mal sieht der Wirth erstaunt auf. Er lächelt: „Ja. manchmal vergeht einem hier die Geduld... Da, da sitzt man und Ivarict auf Gäste, zu thun giebt's jetzt auch nichts. in dieser Einsiedelei vergeht einen schließlich dazu die Lust"... Er wird lvicder zornig und droht nach der weißen Thür:„Die Hexe!... Wenn ich daS gewußt hätte!... Aber wenn man als arbeitsloser Handwerksbursche ein Unterkommen findet.... Hi, hi! Sic wußte ganz gut, ivarum sie auf einmal so viel zu mauern hatte an der alten Baracke!... Als ich erst ihr Mann war. da war sie ja nicht mehr einsam.... Aber ich bin nun hier in die todte Ecke geiveht!— Und man kommt nicht weg, man kommt nicht weg!... Sie rückt keinen Pfennig heraus... Am Haus hängt man auch, weil man soviel daran geschafft hat... Aber ich möchte wohl wissen, ivie's jetzt in den Städten aussieht, mit dem elektrischen Licht, den schnellfahrenden Stratzenbahneil und dem Asphaltpflastcr." Ettvas Sinnendes, Weiches zieht in sein Auge, aber sein Nacken bleibt steif. Ich hatte ihm viel erzählen müssen von den großen Städten, von der wirklichen Welt, wie er meinte. Wohl über eine Stunde habe ich erzählt, während er vor sich hin nickte. Der tosende Sturm verjagt wieder die über der Haide an- gehäuften Wolken. Sonnige Helle zittert über dem Haidekrant und durch die nackten Zweige der Obstbäume, von denen der Wind die letzten Blätter zaust und sie über die Hecke wirbelt, sie über das graubraune Haidekraut weht. Der Wirtb zeigt wieder die alte Unruhe. Plötzlich springt er auf und reißt den einen Flügel des qnadratfönnigen Fensters aus. Der Wind schlägt dem Hinausschauendcn die langen Haar- strähnen ins Gesicht, doch er sieht fröhlich aus. „Jetzt werden wir wieder einen Gast bekommen!" sagt er, indem er sich mir halb zuwendet. Bald hört man den Tritt eines Mannes auf dem festen Boden des Haideweges. Jetzt taucht er vor dem Hause auf. Es ist ein hochgewachsener, schlanker, blonder Mann, der auf seinem Rücken eine neue Reisetasche trägt. Freundlich grüßend will er vorübcrschreiten. doch der Wirth ruft ihn an:„Na. wie ist's?— Eine Viertelstunde Rast?!" Der andere zögert, er erröthcl über das ganze glattrasirte Gesicht. Dann kommt er mit kleinen Schritten herein. Der Wirth ist gleich bei ihm, nimmt ihm seine Reisetasche ab und nöthigt ihn zum Sitzen. Der Blonde, ein einfacher, sauber gekleideter Mensch in den dreißiger Jahren, bestellt sich eine Flasche Bier. „Ein SchiiäpSchcn auch?" lächelt der Wirth. Der Blonde wehrt ab:„Nein, nein! Keinen Fusel!" Der Wirth setzt sich zu ihm und wird gesprächig. Der Blonde trinkt, ohne daß er's beim Plaudern merkt, die erste Flasche sehr rasch aus. � Unter seinen Augen zeigen sich rothe Flecken, auf seiner Stirn ebenfalls. Der Wirth bringt die zweite Flasche. Jetzt spricht auch der Blonde; in gesuchter Weise, glatt und fließend erzählt er.„Nun". meint er zu dem Wirth.„ich will vor Ihnen keine Geheimnisse haben. Sie wissen es ja jedenfalls auch, daß ich aus dem Arbeits- Hause komme." Er lächelt und hebt sein dunkelgrünes Glas mit vornehmer dbcwegung nach mir hin. „Dahin kann der beste Mensch kommen", sagt er. indem er sich den Schaum von den Lippen mit seinem gelben'Taschentuche wischt. „Ich hätte auch gelacht, wenn man mir, als ich noch studirte. gesagt hätte, daß ich einst ins Arbeitshaus kommen werde.... Ja. ja! Ich habe studirt! Theologie sogar... Dann kam ich als Hauslehrer zu einem großen Bergwcrksbesitzer... Wie das aber heiterer Brauch in den Musenstädten ist. ich war auch bei einer Burschenschaft gewesen und hatte stets fröhlich geliebt... DaS gab's auf dem Bergwerk nicht. Schließlich aber— warum soll ich nicht die Geschichte erzählen? Da hatte ich mit der älteren Schivestcr meines Schülers ein kleines Berhältniß... Und wissen Sie. warum sie mir ihre Gunst zu- wandte? Weil ihr Vater geizig war, und ich ihr hier und da kleine Schmucksachen verehrte, die ick von meiner Mutter geerbt hatte. Als ich keine mehr besaß, wollte sie mehr... Ich verschaffte mir das Geld dazu. Einige Wochen später wurde ich verhaftet, weil ich den Berg- Werksbesitzer bestohlen hatte... Nachdem ich meine Sttafe verbüßt hatte, bekam ich keine Stellung mehr. Mit mehreren Landstreichern, die ich im Gefängniß kennen gelernt hatte, ging ich auf die Wanderschaft. Das gefiel mir. Ich wollte es nicht wieder lassen, aber sie steckten mich in die Arbeiter- tolonie. Da habe ich Tischlerei gelernt und nun will ich arbeiten und mir endlich einen Hausstand gründen. Ein kleines Weibchen zu haben... „Prosit I" sagt er nnd erhebt sein Glas:„einen Ganzen!* Mit einem Zug stürzt er den Inhalt hinunter und stellt das Gefäß mit einein Ruck dem Wirth hin. Der lächelt und fragt:„Auch ein Schnäpschen „Auch ein Schnäpschen!' nickt der Blonde.--- Die Nacht kommt mit breitem Mantel über die Haide. Ucbcr unserem Tisch brennt eine Hängelampe, ans die der Wirth eine zerbrochene Milchglasglocke gestülpt hat. Ihr Schein fällt aus dem Fenster über den Weg; ein Obstbaum, den die Strahlen treffen, leuchtet gespenstisch auf. Der siopf des Blonden, der mir noch gegenüber sitzt, glüht, seine Augen sind geschwollen. Vor ihm steht eine geleerte Wein- flasche. Der Wirth pries sie ihm an als etwas vornehmes, er müsse doch den ersten Tag seiner Freiheit feiern. Das neue Leben wäre doch eine Flasche Wein Werth. Jetzt will der Blonde sein Nachtlager aufsuchen. Er steht taumelnd auf und streift seine Aerniel hoch. „Hab' ich nicht Muskeln zum Arbeiten?" lallt er und schlenkert mit den schlaffen/ dünnen Armen. Der Wirth will erst die Zeche bezahlt haben, ehe er ihm ein Nachtlager giebt. Der Blonde taumelt hin und her.„Ich kann... doch... arbeiten I" Er zieht eine gelbe, eckige Ledertasche hervor, die er an einer Schnur um den Hals trägt. Einzeln zählt er dem Wirth das Geld auf. Der wird un- geduldig, als der Blonde inimer wieder lallt:... Und... dann... kann ich... arbeiten... und hei... heirathen...* Schließlich nimmt der Wirth dem Blonden die Geldtasche fort und schüttelt sie ans. Der sieht erstaunt zu, als der Wirth das Geld zählt. Plötzlich schreit der Wirth wülhcnd auf:„Hä! Das Geld reicht ja nickt mal für Deine Sauferei I Nun soll ich Dir noch Nachtlager geben?!" Er packt den Blonden an der Hüfte und schüttelt ihn. Der torkelt und will sich am Tisch halten, während er mit der Linken seine Reisetasche umhängt. Der Wirth reißt ihm die Tasche fort:„So, für die Zeche 1" Tann schiebt er den Taumelnden mit starken Armen durch den Flur hinaus in die Dunkelheit. Die Thür ivirft er hinter ihm zu, daß das ganze Haus zittert und die Thürklingel lange schellt. „So'n Ztcrl!" schimpft er. alsj er mit vor Zorn blassen Lippen wieder im Zimmer steht.„Erst stecken sie ihn aus Mitleid in die Kolonie, um einen ordentlichen Menschen aus ihm zu machen, Kaum ist er'raus. versäuft er die paar Spargroschen. So'n Hund l Säuft und kann mich nicht mal bezahlen I Der bleibt doch immer ein Landstreicker." Draußen im Lichtschein taumelt der Blonde am Fenster vorüber, zornlos, mit stieren Augen, starrt er herein.— Vlcincs Iseuillekon — Ein angeblicher Robinson. Der„Köln. Bolksztg." wird aus London geschrieben: Seit etwa zwei Monaten hat eine un« geheuere Reklame die„Abenteuer" eines„neuen Robinson" zum Gegenstände de» öffentlichen Unterhaltung ganz Englands gemacht. Die von den unwahnchcinlichstcn Erlebnissen handelnden Berichte eines Herrn Louis de Rougemont erschienen in dem„World Wide Magazine", und es gelang der schreienden Reklame des Verlegers, den Helden sogar vor die in Bristol tagende„British Association" z» bringen, eine hochaiigcschcnc wissenschaftliche Körperschaft, wo er einen Vortrag halten durste und von Geographen, Anthropologen und Naturforschern ganz ernsthaft genommen wurde. Ja. es hat sich sogar eine Gesell- schast gebildet, um die vorgeblich von dem Abenteurer aufgedeckten Schätze an Gold, Diamanten und Perlen auszubeuten. Die Zweifel, die freilich die mehr als romanhafte Erzählung weckte, wurden lauter und bestimmter, und die„Dailh Chroniclc" hat sich der nicht ge- ringen Mühe unterzogen, den Helden bis in seine Wiege zurück zu verfolgen. Nunmehr ist der Beweis gelungen, daß Mr. de Rouge- mont nichts ist als ein ungewöhnlich frecher Betrüger, der von dem, was er als Erlebniß schildert, weitaus den beträchtlichsten Theil der Phantasie oder wilden Mären verdankt. Er ist ei» Schweizer von Geburt, heißt nicht de Rougemont, sondern Grin, und hat seit sieb- zehn Jahren in Sydney sehr fragwürdige Geschäfte gemacht. Von der Angabe, er habe dreißig Jahre unter Kannibalen zugebracht, ist erwiesenermaßen nur so viel richtig, daß er drei Jahre unbekannt blieb, und als er wieder auftauchte, kein Wort von borgeblichen Abenteuern zu sagen wußte. Der Verleger hat inzwischen eine halbe Million der Nummern, in denen der neue Robinson fabelte, verkauft.— u. Die Veränderlichkeit der Tageslänge. Daß die Tage nicht sänimtlich gleich lang sind, weiß jeder aus der Schule, und wer es da nicht gelernt haben sollte, der erfährt es gerade jetzt durch eigene Beobachtung, nnd die Hausfrauen noch dazu durch den be- denklich gesteigerten Verbrauch von Petroleum. Aber wie wir in der Schule gelernt haben, daß die relative Dauer deS Tages und der Nacht sich mit den Jahreszeiten ändert, so haben wir auch ge- lernt, daß ein Tag und die darauf folgende Nacht zusammen- genommen eine unveränderliche Länge von 24 Stunden haben. Dies letztere wird nunmehr in unserer skcpttschen Zeit angezweifelt, und veimuthlich haben die Zweifler recht, d. h. die Zeit, in der unsere Erde eine Drehung um ihre Axe ausftihrt, ist nicht, wie man früher annahm, unveränderlich. Bekanntlich ist die frühere Annahme, daß die Erdaxe, d. i. die Linie, welche den Nordpol und den Südpol miteinander verbindet, stets dieselbe Richtung im Weltenraum einnehme, durch die in den letzten Jahren'geniachten Beobachtungen als falsch erkannt worden. Man weiß jetzt, daß die Erdaxe gewisse, allerdings nur kleine und nur mit den feinsten Instrumenten meßbare Schwankungen vollzieht. Da aber die tägliche Drehung der Erde eben um ihre Axe statt- finden muß, liegt der Gedanke nahe, daß mit der Veränderung der Richttnig der Erde auch die ganze Natur der täglichen Erddrehnng, und namentlich ihre Daner, Aendernngen unterliegt. Und die Rech- nungen des bedeutenden Asttophysikers S. Ncwcomb zeigen allerdings, daß in den letzten 200 Jahren die Tageslänge sich mehrfach bis zu den für praktische Zwecke zwar unerheblichen, aber immerhin doch deutlich meßbaren Betrage von 10 Sekunden geändert hat. Be- sonders scheint zwischen den Jahren 1679 nnd 1789 eine Verlangsamung der Erddrehung stattgeftinden zu haben, ebenso zwischen 1849 nnd 1861 von 1862 folgte darauf plötzlich eine stark aus- gesprochene Beschleunigung der Erddrehung, die bis zum Jahre 1879 etwa anhielt. Um zu erfahren, wie die Tageslänge sich seitdem bis jetzt verhielt, bedarf es noch genauerer, auf die jüngsten Beobach- tungen gestützter Berechnungen.— Theater. — r. Das Schiller-Theater hat zur Erinnerung daran, daß das Theater zu Weimar vor hundert Jahren zum ersten Male „W a I l e n st e r n' s Lager" aufführte, am Mittwoch gleichfalls dies dramatische Gedicht gegeben. Die Sache ging pietätvoll nach dem am 12. Oktober 1798 gegebenen Muster von statten: Herr Bach, der Darsteller des Max, ttat im Piccolominikostüm vor den Souffleur- kästen nnd sprach die schönen Verse des Schiller'schen Prologs, die Musik fiel ein und schmetterte das Soldatenlied herunter, und dann begann die Aufführung des Vorspiels zu Wallensteiu. Wie gesagt, sehr hübsch und pietätvoll, aber wenig animirend für die Zuschauer, die noch immer am vergnügtesten waren, wenn die Direttion Schiller Schiller sein ließ und Herren wie Moser, Kadelburg und Schönthan zu Ehren brachte. Wir sind überzeugt, daß dieser leidige Umstand der Direktion recht fatal ist, aber ändern kann sie es nicht, und ihr bleibt als Trost nur die von ihr auf dem Programm verzeichnete Erinnerung, daß auch schon vor hundert Jahren in Weimar neben Schiller's Dichtungen die gleichgiltigsten Schmöker auf dem Nepertoir standen.— Musik. — Interessante und die Entwickelung deS deutschen Konzertlebens kennzeichnende Angaben bringt diesmal die Rückschau ans die Konzertspiclzcit von 1897/98, welche Max Hesse'S Deutscher Musikcrkalender für 1899 enthält. Den breitesten Raum sacht Scitenj nimmt nach wie vor Beethoven ein; der Raum von vier Seiten, den Stich. Wagner beansprucht, wird diesmal noch von Brahms erfordert. Es folgen Mozart und Mendelssohn mit je 3>/„ Schumann mit 3 Seiten. Es schließen sich an Haydn mit 2V2, Schubert mit 2, Max Bruch mit l3/«, Bach, Händel, Liszt und Weber mit je l'/e, Dvorschak, Gabe, Grieg. Saint- Saö ns und Tschaikotoöky mit je 1, Berlioz, Raff, Karl Reinecke, Rheinberger und Rubinstein mit 3,« Seiten. Nur je Seite haben Alb. Becker, Chcrubini, Gluck, Goldmark, H. Hofniann, Klughardt, Arnald Krug, D Popper. Smctana, Spohr. Rich. Sttauß, Svendsen, Vieuxtemps und Wieniawski in Anspruch genommen.— Völkerkunde. kg Von den Volks st ämmen in Kamerun, die zwischen Mpundu und Bali wohnen, erzählt Conrau in den„Mit- thcilungeii von Forschungsrcisenden und Gelehrten aus den deutschen Schutzgebieten". Eine merkwürdige Ansicht über die Weißen und die Handelsartikel, die sie von ihnen erhalten, haben die Leute aus der Umgegend von Mundane, Mokonye und Keinde. Sie behaupten, die Geister ihrer Verstorbenen gingen in das Land der Weißen und wohnten dort, von ihnen ungeiehen, in der Erde. Sie wären es, die all die schönen Dinge verfertigten, die die Sehnsucht der Schwarzen ausmachen; dann brächten sie diese an einen bestimmten Ort und riefen durch ein Glockenzeichen die Weißen. Die Europäer könnten selbst nichts anfertigen, sie besäßen nur die Dampfer, mit denen sie die von den Geistern der Väter für ihre Kinder be- stimmten Güter an ihren Bestimmungsort brächten. So verfertigt' nach der Meinung der Keinde-Leute der Geist ihres verstorbenen Schmiedes die kleinen Haumesser, die in Nundane verkauft werden. Alle Krankheiten werden bei diesen Stäunnen Verzauberungen zu- geschrieben. Gewisse Leute können sich auch in Thiere verwandeln, namentlich in Elephante» und Leoparden. Oeffner man einem Manne, der solch einen Zauber besag, nach seinem Tode den Leib, so sieht man darin in kleinem Magstabe das Thier, in das er sich verwandeln konnte. Wahrscheinlich werden die Windungen des DarmeS so gedeutet. Stirbt ein Kind, und es findet sich in seinem Leibe ein solches Thier, so ist es von einem Erwachsenen verzaubert; denn ein Kind kann nicht an seinem eigenen Zauber zu Grunde gehen. Wird jemand von einem Elephanlcn gelobtet, so zweifelt man nicht daran, daß das Thier ein„Mann-Elcphant" gewesen ist. Den Schuldigen finden kundige Männer in Visionen heraus. Der von ihnen Beschuldigte leugne: natürlich, er musz vor der Gemeinde die giftige Rinde von Erythrophleum guineense essen. Bricht er sie aus, dann ist er unschuldig, und die kundigen Männer haben sich eben einmal geirrt; dagegen macht sein Tod seine Schuld offenkundig, und natürlich findet man auch in seinem Leibe den Miniatur-Elephanten, der die letzten Zweifel zerstreut. Wie eine Parallele zur Sage von Bineta liest sich eine Geschichte, die von der Entstehung des Sees Edimesä. in den Bakossibergen erzählt wird. Der kleine, runde, hoch und einsam gelegene See hat etwas Unheimliches. Im Südwesten begrenzt ihn eine etwa 100 Meter hohe, steile Basallwand, an den anderen Seiten zieht sich ein nur 10— kö Meter hoher, mit Gras bewachsener Wall hin, den ein Bach, der Abflust des Sees, durch- graben hat. Man sagt dort, dag, wer darin bade, sterben müsse; aller- dings würde jeder, der versuchte, sich dem Wasser zu nähern, unfehl- bar in der trügerischen Grasdecke, die das osicue Wasser von dem festen Lande trennt, auf Nimmerwiedersehen versinken. Vor langer, langer Zeit, so lautet die Sage der Neger, stand ein blühendes Dorf an der Stelle des Sees. Eines Tages goß ein böses Weib Wasser in das Feuer, an dem sie gekocht. Der Mann wollte ihr das wehren, doch hörte sie nicht auf ihn. Da begann mit einem Male das Wasser unaufhaltsam zu strömen; es flog und flog, bis das ganze Dorf mit Wasser bedeckt war. Auf dem Grunde des so entstandenen Sees aber cxistirt noch heute das Dorf mit seinen Menschen und seinen Viehheerdcn, und hin und wieder sieht es ein Wanderer, der die einsamen Ufer des Sees besucht. Das merk- würdigste an dieser Sage ist, das; dem Wasser wirklich Feuer vorher- ging, da das Becken des Sees seinen Ursprung zweifellos vulkanischer Thätigkeit verdankt. Das Gewitter wird nach Ansicht der Wald- landbewohner auch durch Zauberer heraufbeschworen. Der Geist des Zauberers fährt in der Wetterwolke. Bei schwerem Gewitter schießen sie daher in die Wolken, um den Urheber zu tödten und den Zauber zu breche».— Geographisches. — Ein«llmälig verschwindender See in Süd- t i r o l. Die Rivisk» Geografica Italiana macht auf daS rasche Kleinerwerden des langgestreckten, schmalen Sees von Terlago auf dem Wege von Trient nach Vezzano aufmerksam. Im Jahre 1837 maß Bastian den Umfang des Sees zu 4,5 Kilometer, seine größte Länge zu 1,6 Kilometer, die größte Breite zu 0,33 Kilo- meter, seine Fläche zu 0,38 Quadratkilometer und seine größte Tiefe zu 18,8 Meter. Im Jahre 1897 aber ergaben die Messungen von Trencr und Batisti für den See-Umfang 3,5 Kilometer, die größte Länge 1,45 Kilometer, die größte Breite 0,3 Kilometer, die Fläche 0,29 Quadratkilometer und die größte Tiefe 9,3 Meter. Findet die See-Abnahme weiterhin so rasch statt wie im letzten Jahrzehnt, so wird der See bald in zwei durch eine Landzunge von einander getrennte Becken zerfallen, von denen das eine 6—7 Meter, das andere 2—3 Meter tief sein wird. Der Rückgang des Sees ist eine Folge seines Wasserverlustes in unterirdischen Abflußgängen, die das Seewasser im dortigen Liaskalkgcbirge nach dem Etschthale sich gegraben hat.— Medizinisches. t. Durck den Blitz erblindet. Auf der Jnhresversamm- lung der amerikanischen Vereinigung für elektrische Heilbehandlung in Buffalo nm Mitte September des Jahres spracb Dr. Ryerson aus Toronto über den Blitzstrahl als Ursache von Augencrkrankungen. Solche Fälle find selten und der Vortragende kannte selbst mir zwei Beispiele, wo Personen durch Blitzschlag Augenleiden davontrugen. Vor sieben bis acht Jahren wurde ein Farmer nebst Frau und Kind nachts, während die Familie in den Betten lag, vom Blitz getroffen. Das Kind war sofort todt, der Vater starb nach einigen Tagen, und die erst 2öjährige Frau wurde nach einiger Zeit nahezu vollkommen blind. Als der Arzt sie zum ersten Male untersuchte, stellte er einen Staar auf beiden Augen fest. Nachdem derselbe nach einigen Wochen reif geworden war, wurde er opcrirt, und die Frau erhielt ihr Augenlicht wieder, allerdings mit einiger Schädigung für ihr ganzes Leben. Der zweite Fall betraf ebenfalls eine Frau, die während eines starken Gewitters unter die Thür getreten war, wo sie von einem blendenden Blitzstrahle empfangen wurde. Der Arzt sah sie bald darauf in dem Krankcnhause von Toronto und fand eine außerordentliche Erweiterung der Pupillen auf beiden Augen, sowie starken Blutandrang zu der Bindehaut und den Augenkidenl. Die Frau konnte nicht einmal Licht von Schatten unterscheiden. Die Behandlung bestand hauptsächlich in der innerlichen Anwendung von Strychnin und der äußerlichen Anwendung von Eserin seine Ver- Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Ber bindung ans dem Safte der Calabar-Bohncn) und eS trat eine all« mälige Besserung ein.— Aus dem Thierleben. — Ein Beispiel von dem Denkvermögen und dem Rechtlichkeitssinn der Elephanten erzählt der Reisende Tancra in der neuen Wochenschrift„Mutter Erde In Birma werden Elephanten als Hilssarbeitcr beim Schneiden von Teak- hölzern verwendet. Nachdem der Forschungsreisende die Anstelligkeit der Elephanren bei dieser Arbeit geschilden, fährt er fort: Ich ftagte einen Manager, ob denn alle Elephanten so gutrnülhig seien wie der, den ich gerade beobachtete. Er antwortete:„Die anderen ja. Dieser aber hat vor 3 Jahren seinen Mahut sWärtert gctödtet. Das ging so zu. Um 5 Uhr endet die Arbeit. Eine Glocke giebt das Zeichen, und die Elephanten kehreu in ihre Ställe zurück. Eines Tages wollte ein Manager der Sägemühlen einer Dame noch die Elephanten arbeiten zeigen. Es läutete die 5 Uhr- Glocke. Der Mann befahl dem Mahut dieses Elephanten, ihn weiter sägen zu lassen. Das Thier sträubte sich. Der Mahut, veranlaßt durch Spotrreden des Managers, trieb ihn immer niehr an und stachelte ihn schließlich heftig mit seinem kleinen Spieß. Da riß der Elephant ihn mit dem Rüssel herab und zerstampfte ihn in einer Sekunde zu einem blutigen Brei. Dann lief er nibig in seinen Stall. Am anderen Morgen, zur gewohnten Stunde, stand er wieder hier und begann die Arbeit unter einem anderen Mahut. Seit dieser Zeit arbeite: er ohne jeden Widerstand tadellos. Aber wenn die 5 Uhr-Glocke tönt, läßt er alles liegen und stehen und rennt in seinen Stall. Kein Mahut wagt mehr, ihn aufzuhalten. Man nennt ihn jetzt den Sozialdemokraten."— Humoristisches. — Der boshafte Förster. Förster:„Da nehmen Sie das Haserl, Herr Pulvermayer, damit Sie nicht immer mit leeren Händen nach Hause kommen!" Herr Pulvermayer(zu Hause):„Frauerl, heut' Sab' ich einmal einen„Kapital"-Hasen geschossen... Lina, nehmen Sie ihn gleich in die Küche zum Ausweiden!" Lina hi ach fünf Minuten aus der Küche zurückkommend): „Vitt' schön, gnä' Herr, der Has ist ja voller Sägspähn...!"— — Ergänzung. Medizinischer Sachverständiger: „Nach all dem glaube ich. daß die erbliche Belastung des Angeklagten seine freie W i l l e n s b e st i m m u n g beeinträchngte..." Angeklagter(einfallend):„Und außerdem habe ich eine Frau."'— — Schnell abgeholfen. Direktor:„Sic wollen den „Wilhelm Tell" spielen? Sie können ja Ihren sächsischen Dialekt nicht lassen!" Schauspieler:„Macht doch nischt, kutester Herr Direktor. Spielen wir einmal den Wilhelm Tel! aus der sächsischen S ch w e i z 1"—(„Meggcnd. hum. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Der hohe Rath der Bürger der Drcihelmen-Stadt Lands« Hut hat in den Kontrakt mit' dem Th e a t e r d i r e k t o r einen Paragraphen hineingcsetzt, der besagt,„daß eine Herabwürdigung der Stadtgemeinde durck den Direktor oder durch Mitglieder der Theatergruppe auf der Bühne, z. B. durch Kouplets oder in der Presse öder außerhalb, die sofortige Auflösung zur Folge hat".— — In H a m m i. W. ist ein großes S ä g e>v c r k durch Feuer total zerstört worden.— — Beim Anzünden einer Acetylengas-Latcrnc epplo- dirte in Bunde bei Papenburg der für die Aufnahme des Carbids bestimmte Behälter. Ein Radfahrer wurde getödtct, einer schwer verletzt.— v. In der Ortschaft Pribbenow bei Stavenhagen erschoß ein Zimmerer seinen zwölfjährigen Bruder beim unvorsichtigen Hanlircn mit einem geladenen Tcrzerol.— — In Flandern ist seit sieben Wochen kein Tropfen Regen gefallen. Infolge dessen herrscht große W a s s e r n o l h. In G e n t ivird der Eimer Wasser mit 2 Cents verkauft.— — Bei einem Gesangwettstreit in der Gemeinde B r e s s e u x bei L ü t t i ch st u r m t e n die Mitglieder eines Vereins aus Tillcur. der bei der Prcisvertheilung leer ausgegangen war, das Rathhaus. Zugleich kam es auf der Straße zu einem all« gemeinen Handgemenge zwischen den„Sangcsbrüdcrn" der verschiedenen Gesellschaften.' Als der Sängerkrieg zu Ende war, zeigte es sich, daß das Gemeindehaus kein ganzes Fenster mehr hatte.— c. e. Die Zahl der jüdischen Kolonien in Palästina beträgt nach einer russischen Zeitung 32; sie besitzen etwa 25 000 Deßjatinen Land. Es sind etwa 5000 jüdische Kolonisten darauf ansässig.—_ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 16. Oktober._ in. Druck und Verlag von Max Babing tu Berlin.