Mntcrhaltuiigsblatt des Isewärls Nr. 202. Sontttlig. den 16. Oktober. 1393 (Nachdruck verbotui.) io) Roman von Georges Eekhoud. VII. Wie glücklich Laurent war? Man muhte ihn am Landungsplatz der Dampfer in seinen neuen Kleidern Paradiren sehen! Den Kopf stolz emporgerichtet, bewegte er sich mit sicherem Selbstvertrauen und gefestetem Standes- bewußtsein, das er früher nicht gekannt, unter den eingeladenen Gästen, deren Zahl sich auf mindestens dreißig Personen belief. Die Damen in frischen, hellschimmerndcn Sommertoiletten, die Herren in eleganten Sommerkostiimen, Strohhut und weihen Piquebeinkleidern. Laurent war zweifellos der Bestgekleidetste unter ihnen, vielleicht zeichnete sich sein Anzug sogar durch ein Ucbermaß an Eleganz aus; die beiden jungen Saint-Fardier's, zwei von Stopf bis zu Fuß in schneeweißem Flanell gekleidete Zierbengel, wechselten wenigstens ein gar verständnißvollcs Lächeln mit Gina, als diese Laurent als einen yalbzivilisirten Wilden vorstellte, und dieses Lächeln hätte den jungen Paridael bei anderer Gelegenheit gewiß aus der Fassung gebracht, denn es bewies nur zu deutlich, daß dieser streng korrekte Salonanzug in Ansehung des Zweckes und der Zeit der Veranstaltung daraus nicht am Platze ivar. Gaston und Athanase Saint- Fardier, die unzertrcnn- lichen, stets gleich gekleideten Söhne des„Pascha", waren zwei Finger derselben Hand oder richtiger gesagt, zwei Spargelstangen aus derselben Büchse. Die schmächtigen, aus- gemergelten Kerlchen mit der bleichen ungesunden Gesichts- sarbe unipanzerten ihren Hals mit hochragenden Stehkragen, für deren übermäßige Höhe sie die hygienische Rüch'icht aus ihre empfindlichen Mandeldrüsen vorzuschützen pflegten. Die Wittwe Saint-Fardier, die Großmutter der beiden Gecken, hatte als die Maitresse eines gichtischen und fast idiotischen Edelmannes ihren starken Einfluß dahin geltend gemacht, daß der willenlose Liebhaber seine einzige Tochter, ein sanftmüthiges, gehorsames Geschöpf zwang, mit dem Sohne seiner Konkubine eine Heirath einzugehen. Die Lüsternheit des„Paschas" ließ sich demnach auf die moralische Belastung zurückführen, und auch das Leiden, das die junge Frau Saint-Fardier schon vor der Zeit dahingerafft hatte, war ein Erbtheil von väterlicher Seite. Athanase und Gaston hatten von der Mutter das ge- winnende Acußere und das vornehme Wesen geerbt, in geistiger Hinsicht waren sie indessen dem alte»» Baron La Bellone, ihrem Großvater mütterlicherseits, nur zu ähnlich, und die Ausschweifungen des Vaters hatten ihnen zudem jenes Kainsmal aufgedrückt, das den Stamm der Stönige von Frankreich dahinwelken ließ. Saint-Fardier verkörperten diese kläglichen Sprößlinge eine Fleisch und Blut gewordene Anklage und lästige Gewissens- Mahnung. Von der Wiege an war er ihnen schon gram ge- Wesen, aber sein Widerwille war im Grunde stärker als sein Haß und deshalb hatte er sie nie zu züchtigen gewagt. Er hielt sie sich möglichst vom Leibe, vertraute sie fremden Leuten an; versah sie reichlich mit Taschengeld, schickte sie auf Reisen, kurz, that alles, um sie so wenig wie nröglich zu Gesicht zu bekommen. So waren sie denn ihren eigenen Weg gegangen, wie der Alte den seinen ging, sie nahmen ihre Mahlzeiten nicht im väterlichen Hause ein, hatten ihre besondere Wohnung, und betrachteten den Vater nur als Einfachen Bankier, mit dem sie obendrein geschäftlich nicht so gern>vie mit dem Kassirer der Fabrik verkehrten. Es war wahrhaftig nicht des Vaters Schuld, wenn sie sich unter diesen Verhält- Nissen nicht zu elenden Subjekten, sondern nur zu faden Lebe- männern entwickelt hatten, die wohl stark von sich ein- genommen, im übrigen aber recht harmlose Gesellen waren. Ihrem lieben Papa brachten sie, nebenbei gesagt, dieselben Gefühle entgegen, die er ihnen gegenüber empfand. Die anrüchigen Praktiken des„Paschas" trieben ihnen die Schamröthe in? Gesicht. Am liebsten vermieden sie eS. von ihm zu sprechen, und in den Patrizierfamilien, in denen sie verkehrten, bezogen sie sich alS Empfehlung auf den Ramen der Mutter und ließen sich Saint-Fardier de la Bellone nennen. Der Anblick der gebrechlichen, lächerlich herausgeputzten Jüngelchen mit den verrunzelten Greisengesichtern gen, ahnte Laurent lebhaft an fein Aussehen in der Fastnachtsmummerek, wenn ihn die gute Siska in der Maske und Verkleidung cineS alten Herrn auf die Straße geschickt hatte. Lange vennochten übrigens die jungen Herren Saint- Fardier's Laurent's Aufmerksamkeit nicht zu fesseln. Die Schiffsglocke gab das Zeichen zur Abfahrt. Der Lauf- steg wurde zurückgezogen, die Maschine dehnte und streckte ihre Glieder, und die Herrschaften machten es sich auf den, Verdeck bequem, über das sich zum Schutze der vornehmen Passagiere vor den zudringlichen Strahlen der Augustsonne ein Leinwanddach spannte. Ueber das Wetter konnten sich die Ausflügler nicht beklagen. An dem türkisenblauen Himmel war auch nicht ein Wölkchen zu sehen. Der breite, hellolivenfarbige Strom bot das gewohnte sonntägliche Aussehen. Gegen Norden ruhten in, Hafen und in den Znnenbassins die großen Handelsschiffe, die Danchfer und Segelschiffe, denen heute der größte Theil der Mann- schaff den Rücken gekehrt hatte. Der Schiffsdienst ruhte, und die Kolonne der Schauerleute feierte. Selten, daß die Srauer noch auf einem Schiffe zu thun hatten, das Nachmittags in See gehen lvollte. Sonst belebte den Fluß ausschließlich die Flotte der Vergnügungs-Fahrzcuge, die für diese Sonderzwecke gebauten und aufgetakelten Rennyachten der Sportslcute und die kleinen Dampfboote, die den erholungs- bedürftigen Kleinbürger für billiges Geld nach den beliebten. am Scheldeufer gelegenen Ausflugsorten beförderten. Ganze Vereine, deren Mitglieder ausnahmslos im prunkenden Sonntagsstaat erschienen, nahmen diese kleinen VergnügungS- dampfer an Bord. Eine überlaute, von lärmender Aufdringlichkeit erfüllte Heiterkeit, ein fieberhaftes Hasten und Eilen belebte all das fröhliche Volk der von der Kette befreiten Städter, die die gute Gelegenheit wahrnahmen, sich als Scemannsdilettantcn ihres Eintagslebens zu freuen. Die Familien versammelten sich an der Uferböschung mit lautem Hallo wegen eines Gegenstandes, der in irgend einer Kneipe versehentlich liegen geblieben war, und die in Reih' und Glied aufmarschirenden Gesangvereine be- schleunigten ihre Schritte, so oft der Signalschuß der Strand- kanone das Zeichen zur Abfahrt giebt und ein Dampfer vom Ufer abstößt, um mit majestätischer Bewegung die Mitte des Flusses zu gewinnen. Die Danchfyacht, auf der sich die Dobouziez's mit ihren Gästen eingeschifft hatten, gehörte Herrn Bejard, einem reichen Rheder und Exporteur der Stadt, der der angesehensten einer unter seinesgleichen war. Er hatte das elegante und ge- räumige Boot den Dobouziez's liebenswürdigst zur Verfügung gestellt und als Entgell dafür die Einladung zur Theilnahme an der Luftfahrt angenommen. Zu Laurent's großer Freude lichtete die Jacht endlich die Anker. Die Scheide s Mit welchen Gefühlen der Bursche den lnß begrüßte, der wie ein aller lieber Bekannter an die eit gemahnte, als der Vater noch unter den Lebenden weilte. Wie oft waren die beiden Paridael's nicht unter den breitästigen Bäumen der Quaistraße dahingcwandelt und hatten in einer jener Herbergen gerastet, die des Sonntags- nachmittags solchen Zulauf hatten, daß die Gäste, die durch die dichtbetagerte Thür nicht in'S Hans gelangen konnten, ge- nöthigt waren, den Weg durchs Fenster zu nehmen, das sie auf einer gegen die Mauer gelehnten kleinen Stehleitcr erkletterten. Aber war es erst einem einmal geglückt, an einem der Tische in der Wirthsstube ein Plätzchen zu erobern, dann ließ es sich hier auch gut sein, und der Anblick der Uferstraße, auf der sich die Spaziergänger schoben und drängten, und des von zahlreichen Segeln belebten. Flusses bot reichlich Zerstreuung und Unterhaltung. Wie viele Jahre waren vorüber gegangen, seit er den lieben Strom nicht mehr gesehen hatte! Laurent ist das erste Mal auf einem Schiff uud die neuen Eindrücke, die auf ihn einstürmen, lassen ihn den trüben Gedanken, die da in ihm lebendig werden, nicht weiter nach- hängen. Mit der koketten Bewegung eines Vogels, der erst seine Schwingen probirt, che er sich in die Lüfte erhebt. hat sich die Jacht graziös ein paar Mal im Kreise gedreht, um dann die Mitte des Flusses zu gewinnen und mit Bolldampf ihren Kurs zu steuern. Das Panorama der großen Swdt mit den gewaltigen, kühnen Proportionen ihrer Monu- mente zieht an den staunenden Augen Laurent s vorüber. Als wenn sie ans k>em Erdboden emporwachsen wurde: die Bäume der Uferstrane richten ihre Blätterkroncn in die Höhe, und über dem grünen Laub lugen die Dächer der Häuser hervor. Hinter den hohen Hausgiebeln erscheinen die fest- gefügten Mauern der Kirchenschiffe, die über die Dächer der Speicher und die historischen Hallen hinwegsehen: höher und höher recken sich dann Kirchen-, Festungs- und Glockenthnnne in die Luft, als ob sie sich in den Himmel einbohren wollten, aber bald halten sie erschrocken inne, bis auf den Thurm der Kathedrale, der, unbekünimcrt um das schwächliche Volk unter ihm, seinen Auffticg fortsetzt. Aber auch er giebt endlich die Sache auf und verharrt in starrer Ruhe, die Stadt und das Land ringsum beherrschend. Die schlanke, zackige Thurm- spitze hat die mitstrebenden Bewerber glänzend besiegt, sie allein ist dem Auge noch sichtbar, denn Antwerpen ist hinter einer Biegung des Flusses den Blicken entschwunden, und nur der Thurm seines Domes richtet sich wie ein gewaltiger Leuchtthurm als Merkzeichen der mächtigen Metropole auf. Laurent's Blicke bleiben auf den Thurm„Unserer Lieben Frau" gerichtet, bis auch er in der blaffblauen Nebelferne des Horizonts langsam zerfließt, dann wenden sie sich dem Ufer- gelände zu. Fettige, lehmige Ackerflächen der„Polders", Ziege- leicn, die aus dem Saftgrün der Dämme wie rothe Punkte hervor- leuchten, wechseln mit Landhäusern, deren Weiße Fassaden durch den grünen Vorhang der Bäume schimmern und deren Parks in sanft geneigter Fläche zum Flusse abfallen. Aber mehr noch als die Umgegend fesselt die Scheide selbst das Interesse des Schülers. Ueber das Geländer des Hinterdecks gelehnt, betrachtet er heiteren Auges den schäumenden Gischt, den die arbeitende Schiffsschraube ausspritzen läßt, den Flug der Möwen, die, dicht über dem Wasser schwebend, mit schrillem Geschrei einander zurufen, die schweren Lastkähne, die den Weg der Jacht kreuzen, und die Segel, die im Hintergründe des Bildes wie leuchtende Wahrzeichen auf- tauchen. Dann wendet er den Blick wieder seiner näheren Um- gebung zu und freut sich über das Treiben auf der Kommaudo- brücke und das hurtige Hantiren der drei oder vier Matrosen, die Herr Bejard unter den schönsten und kräftigsten Burschen seiner Mannschaft ausgesucht hat, denn der Besitzer der Jacht ist gleichzeitig auch der Begründer zweier Linien, die einen regelmäßigen Verkehr zwischen Antwerpen und Melbourne und Antwerpen und Batavia unterhalten, und verfügt über ganz andere Schiffe als dieses schwimmende Spielzeug. (Fortsetzung folgt.) SonttkagsplÄttdevei. DaS wichtige Kapitel„Polizei und Presse", das in dem markanten Prozeß Stadthagcn berührt wurde, ist in der Berliner Chronik dieser Tage um ein paar neue Zusätze bereichert worden. Sie stehen mit dem jüngsten Kapitalverbrechen im Zusammenhang; und sie wären gewiß mehr aufgefallen, hätte die letzte Blutthat in der Lokalgeschichte Berlins die öffentliche Meinung lebhafter erregt, als sie wirklich that. In der Menge großstädtischer Erscheinungen, wie sie uns jeder neue Tag bringt, muß natürlich viel Trübes sichtbar werden. Da wird die grausige Kindestragödie enthüllt: Vcrtbierte Eltern mißhandeln Kinder im zartesten Alter, daß sich alle Menschlich- keit dagegen empört. Dort erfährt man vom kraß bestialischen lieber- witz eines Mannes, der seiner bösen Krankheit im Verkehr mit einem reinen Mädchen lcdig sein will. So begegnen wir überall noch der Macht der Finsterniß. Man gelvöhnt sich� an das Trübste und wird stumpfer. Man ist sogar zu einem großen Thcil in der öffentlichen Meinung fast resignirt darüber, daß so manche Blutthat der letzten Jahre völlig unaufgeklärt blieb. Bei dem neuesten Mord m der ZionSkirchstraße handelt es sich steilich nicht um einen Justizrath, sondern„nur um einen alten treuen Dienstboten". Also brauchte nicht so viel Lärm geschlagen und nicht so viel moralische Entrüstung verbraucht zu werden. Darum ließ man auch einzelnes unbeachtet, was sonst wohl zur Sprache gekommen wäre. Alte, festgewurzelte Anschauungen und moderne Bedürfnisse machen sich nirgendwo so wunderlich, als in der Behandlung der Presse. Einmal glaubt man die Presse völlig ignoriren zu dürfen. dem Polizeipräsidenten z. B. macht nach seiner neulichen Erklärung die Zeitungslektüre gewiß keinen Spaß; dann sieht man doch wieder, daß es so nicht gehe und die strenge Amtsmiene mildert sich zum freundlichen Lächeln gegenüber der Presse und den Massen, auf die die Presse lvirkt. Als es daraus ankam, den Ueber- zicher des muthmaßlichen Mörders zur Schau zu stellen, um die Spuren des Thäters verfolgen zu können, wie liebenswürdig wurde man da und zwar von feiten der Polizei. Da hieß es durch Vermittelung der Presse: die Leute mögen sich ja nicht scheuen, das Kleidungssttick anzusehen. Man wisse ja. die Menschen gingen nicht gerne'nach den Polizeiämtern; darum stellte man eben den Ueberzieher in einem freien Durchgang auf. Niemand sollte belästigt, niemand durch harte Polizeiaugen gestört werden. Es klang förmlich wie eine Lockung, wie der milde Zuspruch: Nur herein, meine Herrschasten! Ein cigenthiimliches Zugeständniß lag in dieser Manier.„Wir wissen ja, man hat nicht allzu gerne mit uns zu thun." Und es handelt sich um die schwerste Blutthat, um einen Mord. Ist es nicht seltsam, daß man da in süßen Tönen auffordern muß: Treten Sie nur näher, ohne Angst und Scheu. Ueberwinden Sie nur gütigst Ihre Voruriheile! Wenn mau das nun weiß, warum sieht man nicht öfter dazu, die Scheu zu zerstreuen und warum wartet man erst auf einen be- sonderen Fall, in dem man der öffentlichen Meinung als Mit- entdeckerin eines Verbrechers dringend bedarf? Warum störst man dann das Autoritätsbewußtsein selbst der untergeordneten Beamten um jeden Preis, und io sehr, daß die innerliche Entfremdung zwischen Polizeibeamten und Publikum entstehen konnte? Steht dann das notbwendige Autoritätsbewußtsein noch im Einklang und in dem richtigen Verhältniß zu der ebenso nothwendigcn Empfindung, zu- nächst zu Schutzdicnsten für die Bürgerschaft ersehen zu sein? Ost schon wurde diese Angelegenheit kritisch erörtert; und immer wird die Krittk hier aufs neue einzusetzen haben. Das ist gewiß eine moderne Aufgabe von Wichtigkeit: und die Presse selber wird man nicht mehr so von oben herab behandeln dürfen, wenn man ihre energischere Hand und Macht verspürt Man kann es ja wieder bei der letzten Mordthat beobachten, wie wenig man im burcau- statischen Sinne noch die Nothwendigkcit der Presse einschätzt. Dutzend und aberdutzend Male ist es erwiesen worden, daß dunkle und kranke Stellen im gesellschaftlichen Körper um so deutlicher er- kaiint wurden, je rascher und je breiter das Licht der Ocffentlichkeit auf sie fiel. Das wirkte, wie die Beleuchtung mit Röntgenstrahlen. Im burcaukratischen Glauben hat man das immer noch nicht recht einsehen gelernt, sobald es sich um ein begangenes Verbrechen dreht. Man kalkulirt häufig noch überschlau: Zunächst nmß nian seine Geheimnisse wahren, um den Verbrecher nicht vor der Zeit aufmerksam zu machen. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die Polizei-Untersuchung schon seit mehreren Tagen den dringendsten Verdacht Wider den jungen Wegener ergab. Aber wozu soll man verhalten sein, der Presse alles mitzuthcilen, was man weiß? Nein, man beschließt lieber, an dem und jenem Datum dürfe die Presse die Nachricht bringen. Man diktirt, die Sache hätte bis dahin reif zu sein. So gewinnt der muthmaßliche Thäter, vom Dunkel begünstigt. Vorschub und Zeit, llnd das olles trotz der vielfältigen Erfahrung, daß die weiteste Ocffcnt- lichkeit alle Polizei-Agenten und Spitzel an Wirksamkeit hundertmal überstcffe. Aus völlig anderem Gebiet liegt ein zlveites Ereigniß, das die Berliner Lokalchronik dieser Woche zu vcrzeicbnen hat. Im Westen der Stadt, inmitten des Viertels, das die Geldaristokratie bevorzugt, ist das neue Künstlerheinr(Bellevuestr. 3) entstanden. Man werde seinesgleichen vergeblich ein zweites Mal in den Großstädten suchen, so berichtet überscbwängliche Reporterphantasie in einem unpolitischen, aber um so lokalpatriotischeren Blatte. Lange genug hat es gedauert, bis dies Haus der Künstlcrschast in Berlin aufgebaut wurde: jetzt ist es aufgebaut— und wer kümmert sich viel darum? Rtan wird die Küiistler ihr ständisches Fest feiern lassen: aber es wird eben das Fest einer bestimmten Zunft bleiben. Die Allgemein- hcit unserer Bevölkerung nimmt nicht inniger theil daran. Das ist begreiflich. DaS künstlerische Wirken in Berlin geht seine besonderen Wege. Der Volksseele gegenüber verhält es sich vielleicht noch spröder, als anderswo. Die künstlerische Beschäfttgung ist zu einer Art von Gelehrtenthum gelvorden. Ab und zu revoltiren ein paar Unzufriedene gegen die„Akademischen". Sie möchten gern den Zusammenhang mit dem modernen Leben nicht verlieren. Aber ihrer Revolte fehlt die Kraft. Wenn sie selbst durchdrängen, wäre dann im großen Sinn in dem Verhältniß zwischen Künstlerschäst und Bevölkerung viel gewonnen? Es steht in älteren Kulturstädtcn, als Berlin ist, schlimm darum. Wie sollte es im klasscnzersprengtcn Berlin besser sein? Da hat neulich ein Künstler und Schwänner, der Bildhauer Eberlein, einen phantastischen Plan ersonnen. Er stäumte, wie der seltsame Russenzar vom Frieden, von einem Prachttempel der Einigung in Berlin. Das sollte ein großer, großer Monunientalban werden: und darin sollten sich die Menschen die Hand reichen, die im hcuttgen Berlin, das keine gemeinsame Gesell- schaft und-keine gemeinsame Geselligkeit kennt, schroff in Stände ge- gliedert sind. Die geistigen Arbeiter vor allem sollten sich näher treten. Es war ein Traumbild, eine flüchttge Illusion. Wie sollte es auch anders sein, bei den so vielfach geschiedenen sozialen Elementen? Was bedeutet heutzutage die Gemeinschaft der bildenden Künstler zum Beispiel ftir die großen Volksbedürfnisse? Die Auftraggeber der Künstler sind eine verhältnißmäßig kleine und arg zusammengewürfelte Minderheit. Der Geschmack des Enrpor- köminlings, der'sclber keinen Zusainmenhalt mit dem Volksbewiißtsein, mit der Volkstradition kennt. Pflegt nach anarchischer Willkürlichkeit zu entscheiden. Was auf die Straße, an die Oeffentlichkeit dringt, ist mindestens spärlich; und meist steht es in Diensten eines Ideals, das mit der Gegenwart und ihrem innersten Verlangen nichts mehr zu schaffen hat. Es sind tobte, unbercdte Monunicnte. Mitunter leuchtet in den Gassen allgemeine künstlerische Freudigkeit auf; das Pflegen dann wieder bei uns dekorative Spiele zu sein, und im Grunde läuft es auf papienie Kunst hinaus. So war es mit dem Schmuck der Straßen, als König Humbert von Italien in Berlin einzog und als Herr Hoff- acker, der auch die treibende Kraft für das neue Künstlerheün wurde, die Oberleitung über all' das Dekorative hatte. Zudem äuffert sich solckie Kunst dann bei Anlässen, die gewist nicht die gesammten Volkskreise in Bewegung setzen. Für die weitaus gröhere Mehrheit bleibt derlei ein Spiel ohne verinnerlichte Bedeutung. So verwächst denn auch das Künstlerische bei uns nicht mit dem Volkskvrper, und die besonderen Künstlerfeste finden im gegenwärtigen Berlin keinen anderen Widerhall, als irgend eine Feier einer abgeschlossenen, ge- sonderten Berufsgruppe. Und was hatte man sich nicht vom Berliner Künstlerhaus versprochen I Wie schwer bangte man darum und wieviel Hoffnung knüpfte man daran I Die mächttge deutsche Reichshauptstadt und das Aschenbrödel von Wnftlerschaft! Das gab einen Kontrast. Im „modernen Sparta", wie das Schlagwort für Berlin hiest, mustte die Künstlerschaft flüchtig von Ort zu Ott wandern. Zuletzt hatte man im Architcktenhaus für die ständigen Ausstellungen des Vereins Berliner Küifftler kümmerlich Unterkunft gefunden. Projekt entstand um Projekt. Es waren Luftschlösser. Vor etlichen Jahren hiest es einmal, das Kroll'sche Etablissement im Thiergatten sollte zum Künstlerhaus umgewandelt werden. Es gab Schwarmgeister damals, die derlei glaubten I Nun ist das Kroll'sche Haus eine Geschäftsfiliale unserer Hos- theatcr geworden, und demnächst tritt der vielgerühmte mimische Artist Frcgoli dann auf. In profitablen Dingen ist man eben nicht sehr peinlich. Nun ist das Kiinstlerhaus endlich doch zur Wirklichkeit geworden uird das annseligste Nomadenthum ist vorüber. Unsere Künstler haben eine feste Stätte. Sie wird mit Ruhmes-Toasten eingeweiht werden, und in den Zeitungen wird die hochttabende Phrase Tnumphe feiern. Und doch ist die neue Kunststätte nicht, was sie unter günstigeren, allgemeinen Vorbedingungen sein könnte: Ein wirklicher geistiger Mittelpunkt, auf den man mit allgemeiner Theilnahnre blicken könnte, die Erfüllung eilies allgemeinen Wunsches und nicht die einer einzelnen Interessengruppe.— �lptra. Nlcines Feuillekon. Anständig und Unanständig. Der„Franks. Ztg." wird geschtteben: Heinttch der 72. von Reuh-Lobenstein. dessen Abdankung vor 5V Jahren erfolgte, zeigte eine besondere Force in Veröffent- lichungen von Proklamationen. Ein solcher Erlast befindet sich in der„Geraischen Zeittmg" und zeigt, dast der zeitweilige Beschützer einer Lola Montez bei seinen Untetthanen sehr auf Anstand hielt. Der Erlast lautet: A.) Alle„anständigen" Fremden können während meines Aufenthaltes hier zu jeder Tagesstunde das Schlost und seine Umgebung besuchen. Wollen Genannte das Innere sehen, so melden fie sich beim Thorwärter.(Es ist stets ein Thorwärter da.) Bei dem Thorwärtcr erfahren die Fremden das Nöthige. Da Ich hier von anständigen Fremden rede, so nehme Ich an,' dast sie nichts Unan- ständiges begehen: Z- B. keine schweren Stocke, Hunde, keine schmutzigen Stiefeln, Motte, Lieder zc., Narrenhände jc. Wünscht jemand in den Anlagen herumgeführt zu werden, so kann er bei dem Hofgärtner darum bitten. Doch kann und soll Niemand„Anständiges" m dem Besuch der Anlagen gehindert sein. B) Hiesiges anständiges Publikum wie» Jungfrauen; Kinder und „Diensten" sollen zu Hause gelassen werden. Nur Hamburger Bier, kein Wein ist erlaubt. Die Verordnung betont noch ganz besonders. daß beim Tanz sich jeder„züchtig und ehrbarlich" benähme und sich deS„unfleddigen und unzüchtigen Küfselns und umbdreienS" ent- halte. Um 12 Uhr ist Schluß der Festlichkeit für Gäste und SpieUeut«. Den letzteren ist bei Gefängnißstrafe verboten,„bcergeld"(Trink- gcld) zu nehmen. Sie dürfen auch keine Ueberbleibsel vom Fest, be- sonders„keen Licht" nach Hause mitnehmen. Sogar die Geschenke, die Braut und Bräutigam austauschten, sind festgesetzt. Die Braut soll dem Bräutigam nicht mehr geben, als ein„Brüdigamshemde" ohne Gold, Perlen oder»uthbündig neiwerk", femer zwei„Näsedöker" (Taschentücher), beides höchstens imWerihe von 15 M.; der Bräutigam dars der Braut einen Sammetkragen schenken, oder»was sonst in den chezartern"sEheverträgen) bedingt wird. Wie ausführlich dieseVorschristen sind, daZ zeigen auch die Bestinimungen über dieMitgist. Sosollz.B.dic Braut nicht mehr als 6 Unterröcke mitbekonnnen, undzwarsollkeinUnter- rock von Seide gemacht werden. Die bestreisten Röcke»für'S Beste" sollen nur niit 4, die anderen mit 3 Streifen verziert tverden, und jeder höchstens'/« Hamburger Elle breit sein. Sogar der Preis für Kissen, Schüsseltücher, Bezüge zc. ist vorgeschrieben. Auch der„übemiäßig- keit" der„unteren" Klassen suchte der Hamburger Rath Einhalt zu thun. Den»mägden, ammen und diensten" warnur eine Abendhochzeit erlaubt. 15 Personen durften dazu eingeladen tverden. Das Mahl sollte ganz einfach sein, und»butter, käse, oder sonstiger unrath"(Nachtisch) war streng verboten. Im Allgemeinen scheinen alle diese Vorschriften nicht viel gefruchtet zu haben, denn schon in? Jahre 1535 wurde diese Verordnung in verschärfter Form lviederholt. Es wird darin den „Weddeherren" ausdrücklich eingeschärft, auf»exekutioi? dieser ordemmg" zu sehen. Im Jahre 1609 wird wieder eine allgemeine „HochzeitSordnung" erlassen. Jin Laufe des 17. Jahrhunderts folgen dann derartige Verordnungeil unterbrochen auf einander; sie ver- lieren sich erst in? 18. Jahrhundert.-» Gesundheitspflege. t Aether gegen Nerven- und Kopfschmerzen. Seit einigen Jahren ist verschiedentlich ein Versuch gemacht worden, Nervenschmerzen, Rheumatismus und ähnliches in der Weise zu be- handeln, daß man ein schmerzstillendes Mittel allf der Haut zer- stäubt. Dabei sind verschiedene Stoffe geprüft Ivorden, die sich thcilS nicht sehr bewährt haben, theils wegen eines zu hohen Preises sich zu einer allgemeineren Verwendung sich eigne». Nun ver- öffentlicht Dr. Hamm auS Vraunschiveig in dem soeben erschienenen Hefte der»Therapeutischen Monatshefte" eine Mittheilling über ein Verfahren, daS außerordentliche Billigkeit und Einfachheit der An- ivendling mit überaus günstigen Ergebnissen verbindet. Er benutzt einfachen Schwcfeläther, Ivie er in jeder Apotheke oder Droguen- Handlung zu haben ist, und als Apparat emcn gewöhnlichen Zer- stäuber, wie ihn wohl jeder Arzt zur Hand hat und tvie er sich auch in deir meiste?? Haushaltungen bereis vorfinden dürfte. Dr. Ha???m erwähnt verschiedene Fälle, in denen er den Erfolg dieses Verfahrens hat nachweisen können; eS handelte sich dabei?m? heftige Stirnkopffchmerzen unbekannter Ur- fache, lim Schmerzen des drcigetheilten Nerven(Trigenimus), um Influenza-Kopfschmerzen, um einseitige Ischias und um Gichtschnicrzen. In den sechs erwähnten Fällen erzielte die Netherbetäubung einen vollständige!? Erfolg. Der Arzt er- klärt, daß er in einer ziemlich große?? Zahl von Versuchen überhaupt nur ein einziges Mal voi? diesem Mittel im Stiche gelassen wurde und zwar bei Schinerzen des dreitheilige?? Nerven bei einer alten Frau, wo ivenigstens n?lr eine vorübergehende Besserling zu erziele» war. Meistens war sogar eine einmalige An- Wendung bereits genügend. Der Aether wurde so lange aufgestäubt, bis sich eine dünne Eisschicht auf der Haut bildete. Niemals wurden schädliche Folgen beobachtet, ohne daß ein Schutz der um- gebende» Theile nöthig getvesen lväre. Der Aether hat auch in den niccistcn Fällen eine sofortige und dauenidc Beisernng herbei- geführt, woandere Mittel wie Chinin, Antiphrin, Phänaeetin erfolglos ivaren.— A«S dem Thierlebe«. � Die Frage, ob der afrikailische Elephant gezähmt tverden kann, ist längst bejahend beantwortet ivorden; in unseren zoologischen Gärten befinden sich mehrere gezähmte Exemplare. Jetzt ist es auch gelungen, von einem afrikanischen Elephanten eine ge» wisse Arbeitsleistung z?? erziele??. Es giebt nämlich, wie in der »Politique Coloniale" geschrieben wird, seit einem Jahre in der Mission von Ferr?an-Vaz, im französischen Kongo, einen gezährnte?? afrikanischen Elephanten, der regelmäßig z?? kolonisatorischen Arbeiten benutzt wird. Dieses Thier wllrde von Gaho?linS an den Ufern deS SeeS von R'Komis gefangen, von dem Missionar R. P. Bichel ge« kauft und ohne die Unterstützmlg von auS Asten inlportirten Ele- phanten gezähmt. Er ist noch tlicht vier Jahre alt??nd macht bereits achtmal am Tage den Weg(3 Lkilometer) von der Mission nach dem Walde, von wo er jedesmal die Last von 13 Männern mitbringt. Er zieht ei??e?? Wagen u??d trägt mit Leichtigkeit Stücke von 800 bi? 1000 Kilogramn?. Er sucht selbst seine Nahrung,_ Ivelche aus Zlveigen, Wurzeln, Früchten u. s. tv. besteht, und weiß wohl die Felder zu untcncheidcn, deren Betreten er vermeidet. Ztvei Kinder genügen, um ihn zu lenken.— Aus dem Pflanzenleben. — Licht und Pflanzenleben. Um zu entscheide??, ob daS zerstreute Tageslicht nicht vielleicht bei etivaS längerer Dauer diesclbei? Wirkungen aus die Pflanzen ausübt, wie direktes Som?en- licht, tvählte John Clahton zwölf?nöglichst gleich vorgeschrittene Bohnerrpflanzen derselben Art und pflanzte sie so'nebeneinander, daß sechs volles Som?enlicht????d sechs??ur Tageslicht empfangen ko??nten. Im Oktober tvurden die Hülsen geenrtct,?lnd da? Gewicht der unbesonnten Bohne?? z?? bei? besonr?ten verhielt sich tvie 29: 99, das der getrockneten Bohnen tvie 1: 3. Dieses Ergebniß war voraus- zusehen, nicht aber, daß die Bohnen der beschatteten Hälfte auch im nächsten Jahre, tvo alle Pfla??zen im vollen Lichte gehalten wurden, nur die halbe Ernte und im vierten Jahre n?tr noch Blüthen ohne Früchte geben würden. Die Sonnenentziehung während de? eine?? Sommers hatte die Nachkommen so geschwächt, daß die Raffe nach vier Jahren erlosch.—(„Prom.") Humoristisches. — I n? m e r zerstreut. Professor(nach de?n Mittagessen zonng seinen Teller betrachtend):»Da haben wir ja he??te schon wieder Spinat mit Ei gehabt... Du weißt doch, Amalie, daß ich das nicht essen kannl"-� — AuS dem Theaterzettel einer Schmiere. ... DaS kunstliebende Publik?nn mache ich noch besonders darauf aufmertfam, daß die Hirschk??h der Genoveva diesmal durch die auf der letzten Thierfchau prämiirte Ziege des Herrn Ge?neu?de- Vorstandes Kümmelmann dargestellt wird.— — Druckfehler. Arthur warf der Gräfin noch einen Hand- käS zu und verschwand...—(»Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. y. Der in O st Preußen geborene Artillerie- J>?str??kte?lr H a n S S ch n e tz ist im M?? s?? s a n f o r t bei Nanking d?irch das Erplobircn einer Kartusche beim Laden deZ Geschützes gctödtet worden.— — Ein sehr Helles Nordlicht, daS zwanzig Minuten andauerte, w?lrde a?n Dienstag 8lbe??b im Fichtelgebirge beobachtet.— — In Krain wurde bei H a b b a ch von einem Jagdaufseher eine gestreifte Hyäne erlegt. Sie war einer Schaub?lde ent- spr????gcn?l??d hatte sich schon eine,? Monat lang i>? den Wäldern?«th Schluchten jener Gegend heru???gettieben, oh??e??rdeß großen Schade?? anzlirichten.— — Die russisch-polnische Stadt B i a l h st o ck, die in der Nähe der preußischen Grenze a?l der Ha??ptlinie der Bahn St. Petersb??rg-Warscha?? liegt, entwickelt sich auffallend rasch zu einen? bede??te??de?? J??d?istrie-??i?d VerkehrSzentru?n. F?? ihrem Bezirk giebt es jetzt??. a. 21 Fabriken, in denen mit Dampfbetrieb Woll?vaarei? mittels mechanischer Stühle verarbeitet lverden, nnb 250 Etablissements???it Handstühlen. Sieben Fabriken mit 213« Arbeitern fabrizirei? Zigarren. Die größten Fabriken sind in deutschen Händen.— — In Warschau wurde ein Schriftsteller, der aus Eifersticht a»f seine Frau und einen sie begleitenden Rechtshörer sechs Schüsse abgefeuert und beide Verivundet hatte, nach eii?cr geheim durchgeführten Verhandlung freigesprochen.— — Bei einein Wettbewerb ftir nattonale Musik und National- tänz« in S k i e i?(Norwegen) erhielt de» ersten Preis ein achtzigjähriger Greis auö Seljord, der sich als H a l l i n>- t ä n z e r rniszeichnete.— — Im P etro l cu m h a fr n ii? Astrachan entstaiid durch die Explosion des Kessels einer Dampfpumpe eine große F e n e r s b r u ii st, welche 2 Daii?pfpumpeii. 7 Barken und 300 00s Pud Naphtarückstäiide vernichtete. Drei Menschen sollen Hingekommen sein, mehrere find verletzt.— — Ein?v eiblicher Jockey machte in E a r s» n C i t tz (Nevada) an? letzten Renntag fünf Reimen mit, d»n denen er zwei gewann.—_ Beraiitwortlicher Redakte»?: Zliigiist Jacobetz in Berlin. Druck imd Verlag von Max Badti?g in Berlin.