Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 203. Dienstag, den 18. Oktober. 1898 (Nachdruck verboten.) iiz Roman von Georges Eekhond. „Gnädiges Fräulein sehen dort den Rtlmpf auf der Helling," sagte Bejard gerade in diesem Augenblick zu der in Laurent's Nähe stehenden Gina, indem er mit der Hand auf die auf dem rechten Flußufer gelegene Schiffswerft wies. „Ach, Verzeihung für den tenninus technicus, der mir da entschlüpfte! Ich meine das Gerippe des im Bau befindlichen Schiffes, das das Anfangsstadium eines stattlichen Fahrzeuges von viertausend Registertons darstellt. Es ist bestimmt, die Perle unserer Handelsflotte zil werden, und soll auf den Namen„Regina" getauft werden, wenn Sie uns die Ehre erweisen, die Pathcnschaft zil übernehnien, fügte Herr Bejard als galanter Mann mit tiefer Verneigung hinzu. „Da hat's ja noch gute Zeit, und wir werden noch reich- lich Gelegenheit haben, darüber zu sprechen, Herr Bejard I Und nieincn Sie nicht, daß es für mich schwaches Ding ein gewagtes Unternehmen ist, ein Püppchen von der Korpulenz - Ihres Schiffes über das Taufbecken zu halten? Denken Sie doch, ein Schiff von viertausend Rcgistertons I Und ich selbst wiege nicht das kleinste Tönnchen I Ich habe mich nämlich gerade erst in der Fabrik wie ein ganz gewöhn- liches Stearinfaß wiegen lassen. Und dann, bedenken Sie doch auch, wenn meinem Pathcnkind etwas passire» sollte I" „Darüber dürfen Sie ganz unbesorgt sein," erwiderte Bejard mit dem vergnüglichen Kichern eines seiner Sache sicheren Spielers,„den Schiffen des Südkrcuzes" paffirt niemals etwas... die sind alle unter einem guten Stem geboren... Und dann sind sie ja auch versichert..." „Ganz gleich!" war Ginas Antwort.„Man hat doch als Pathin auch seinen Ehrgeiz. Mich wenigstens würden alle Versicherungen der Welt nicht für den Kummer cnt- schädigen, den ich bei dem Gedanken empfände, meinen Täufling auf dem Grunde des Meeres, im Reiche der Hexaktinien zu wissen. Verzeihung für das böse Wort, Sie sehen, ich zahle für Ihre Helling mit gleicher Münze heim I" Mit lustigem Lachen Ivandte sie sich einer benachbarten Gruppe zu, in der ihre Freundinnen, die kleinen Vanderling's, das große Wort führten. Beim Klange von Gina's heller Stimme hatte sich Laurent umgedreht und den Besitzer der Jacht einer aufmerksamen Betrachtung unterzogen. Außer dem hochfahrenden, sich seines Werthes bewußten Wesen wohlwollender Gönnerschaft, das er mit der Mehrzahl der Großkanflente Antwerpens theiltc, war Bejard ein ausweichender Jiäthselblick und eine charakter- und farblose Stimme zu eigen. Fünfundvierzig Jahre alt, von Mittelgröße und gedrungener stämmiger Gestalt, ein gelber, ungesunder Teint, Hakennase, langer rother Bart, platt zurückgestrichene braune Haare, schmale Lippen, graue Augen, eine massive stark ge- ivölbte Stirn und verkrüppelte Ohrmuscheln: so Präsentitte sich der Mann, in dessen Art und Physiognomie sich die vorsichtige Verschmitztheit eines in einer dunklen Gasse des Frankfurter Judcnviertel oder einer Amsterdamer„Laan" operirenden Schacherjuden nnt der Verwegenheit des Aben- teurers paarte, der alle Meere durchquert und in weltfernen Ländern ein rreignißvolles Leben geführt hat. Aber diese Mischung von großsprecherischer Windbeutelei und zuckersüßer Unterwürfigkeit beleidigte fast durch ihre unvermittelten Gegen- sütze. DaS Charakterbild des Mannes bildete eben ein Gemisch der widersprechendsten Züge; wenn die ausdruckslosen Augen hier das hochtrabende Wort Lügen zu strafenschienen, so stand dortwic- der heuchlerischer Biedernmnnston der gefühlvollen Sprache in unüberbrückbarem Widerspruch zu dem harten, höhnischen Ausdruck der grauen Augen. Im übrigen war Bejard das Muster eines korrekten Kavaliers mit untadeligen Umgangs- formen, einem angenehmen Plandcrtalent und einer königlichen Gastfreundschaft. In der Gesellschaft war er durchaus nicht beliebt, oblvohl jeder nach Kräften bemüht war, sich seiner Gunst zu ver- sichern, man fürchtete ihn und>var auch wieder geneigt, ihm, wo es ging, ein Bein zu stellen. Durch sein Vermögen, seine geschäftliche Tüchtigkeit und überlegene Lebens- klugheit hatte er einen überwiegenden Einfluß ge- Wonnen, der sich keineswegs auf die Handelskreise allein beschränkte, nein,'Bejard war im besten Zuge, eine Rolle in der Politik zu spielen und war bei allem dabei, was mit dem künstlerischen und literarischen Leben Antwerpens in Zusammenhang stand. Er befleißigte sich bei alledem einer seltenen Toleranz, warf sich zum Lobredner aller weitaus- schauenden Pläne auf, spielte sich auf den Weltbürger, Frei- Händler und Utilitarier hinaus, schwor auf Cobden und Guizot und trug im Geschäft das Wesen des Jankees zur Schau, während er im Privatleben Haltung und Gebahren des englischen Gentleman kopirte. Seine Herkunft und die Umstände, unter denen er sein Vermögen erworben hatte, standen übrigens in argem Miß- Verhältnis; zu der glänzenden Stellung, die er derzeit ein- nahm. Die wahren Geschichten und die seltsamen Gerüchte, die über ihn in Umlauf waren, bildeten eine etwas frag- würdige und wenig erbauliche Heiligenlegende. Mit seltenem Phlegma und übel angebrachter Heitcrkrcit hatte er eben erst Gina's Aufmerksamkeit ans die Fulton'sche Schiffswerft gelenkt, obwohl gerade dieser Ort als Schauplatz höchst Pein- licher Ereignisse ihm nicht eben die angenehmsten Erinnerungen ins Gedächtniß zurückrufen konnte. Vor langen Jahren, als Bejard's Vater Direktor dieser Werft war, hatte die Entdeckung unerhörter Mißbräuche und Scheußlichkeiten, die hier in aller Stille begangen wurden. die öffentliche Meinung lauge und nachhaltig beschäftigt. Unter dem Einfluß einer entarteten Phantasie, wie man sie in den Volkskreisen selten genug findet, hatten sich die Werft- arbeiter daran ergötzt, ihre Lehrlinge nach allen Regeln einer raffinirtcn Foltertechnik zu quälen; die fürchterlichsten Strafandrohungen hatten die Opfer dieser sträflichen Verirrung genugsam eingeschüchtert und ihnen den Mnth benommen, von den Praktiken in der Ocffentlichkeit etwas verlauten zu lassen. Die arinen terrorisirten Prügeljungcn sahen kein anderes Mittel, der Qual zu entgehen, als ihren Peinigern den Haupt- theil ihres Wochcnlohnes zu überlassen. Die Dinge gingen so lange ihren heinüichen Gang, bis die unsauberen Machen- schaften eines Tages offenkundig wurde». Die Sache hatte damals nicht wenig Staub aufgewirbelt. Die Gesellschaft der modernen Folterkuechtesnnißte auf der Anklagebank platznehmen, und ein außergeivöhnliches Aufgebot von Gendarmen und Soldaten hatte während der Dauer der Gerichtsverhandlung seine Roth, die Angeklagten vor der Volkswuth zu schützen. Wenn das Gericht auch nicht angenommen hatte, daß die Schandthaten mit Wissen des Direktors begangen wurden, so ließ doch die Verhandlung keinen Zlveifel darüber bestehen, daß sich Bejard's Vater gröblicher Fahrlässigkeit und Pflichtvernachlässignng schuldig gemacht hatte. Der Auf- sichtsrath der Schiffsbaugescllschnft hatte den Direktor ans grnnd dieser Vorfälle wohl seiner einträglichen Stellung enthoben, aber die öffentliche Meinung hatte sich mit dieser Sühne noch nicht befriedigt erklärt und es durch- gesetzt, daß der Mann, den sie mit den zu Zuchthausstrafen vernrtheiltcn Uebelthätern anfi eine Stufe stellte, die Stadt verlassen mußte. Ein besonderer Umstand, den die Zeugen- aussagen ans Licht gebracht hatten, wurde ein Grund nichr, über den Direktor ein Scherbengericht abzuhalten. Der Sohn des verabschiedeten Werftdirektors, der damals ein fünfzehnjähriger Schüler war, hatte nämlich nach der Aussage der Angeschuldigten des öfteren die Leitung der jammervollen Veranstaltungen übernommen und seiner Freude über die eigenartige Lustbarkeit unverhohlenen Ausdruck gegeben. Wäre es nach dem Willen des Auditoriums gegangen, man hätte danials den scheinheiligen Schlingel, der sich wohl gehütet hatte, seinen Vater von den Vorgängen in Kenntniß zu setzen, hinter Schloß und Riegel gesetzt. Nach fünfundzwanzig Jahren erfuhr man eines Tages, daß der jüngere Bejard in seine Vaterstadt zurückgekehrt war. Sein Vater war in Texas ein reicher Mann geworden und hatte ihm ansehnliche Zucker- und Neisplantngcn hinterlassen, Ländereien, die so groß wie ein kleines Kömgreich waren und von einem Heer von Schwarzen bestellt wurden. Am Vor- abend des Sezessionskrieges hatte Freddy Bejard einen Theil seiner Liegenschaften zu Gelde gemacht und den Erlös in ver- schiedencn Banken Europa's deponirt. Er selbst blieb gleich- Wohl bei UuSbmch des Krieges in Amerika, nicht etwa aus Anhänglichkeit für die Sache seiner die Sklaverei ver- theidigenden Partei, sondern zum Zwecke der besseren Wahr- nehmung seiner Interessen, und focht sogar als Freischärler gegen die Bundestruppen. Trotz empfiiwlicher Verluste war ihm nach dem Friedensschlüsse noch immer ein Vermögen von niehreren Millionen geblieben, mit dem. er nach Antwerpen zurückkehrte, in der Erwartung, daß die Vergangenheit vergessen war, und daß es ihm gelingen würde, seinen Namen wieder zu Ehren zu bringen. So weit war man über den Mann und seine Anfänge durchaus im Klaren, und Bejard selbst nahm, wenn er gerade bei Laune war, keinen Anstand, des langen und breiten über diese Dinge zu sprechen. Seine Nabobstellung und die großen Unternehmungen, durch die er sein Theil dazu beitrug, das geschäftliche Gedeihen seiner Vaterstadt zu fördern, öffneten ihm alle Thüren, zum wenigsten die der recht gemischten Ge- sellschaft der Handelswelt, denn die Aristokratie und das Patrizierthum der heimischen Bourgeoisie ließen ihm so wenig Beachtung zu theil werden, wie das eigentliche Volk. Und wenn sich auch die Lobhudler des Er- folges, die Bewunderer der Schlauköpfe und Glückspilze, und das geschäftshungrige Spekulantcnheer tief vor der Million, »inbekümmert uni ihre Herkunft, verneigten und die Vergessen- heit vergessen und begraben sein ließen, so hatte doch die eigentliche seßhafte Bevölkerung, die Antwerpener von altem Schrot und Korn, die ehemalige Skandalaffäre noch in zu gutem Gedächtniß und gaben ihrer Verachtung und ihrer ein- gewurzelten Abneigung Herrn Freddy Bejard gegenüber un- zweideutigen Ausdruck. Dazu kam noch, daß die Nachrichten, die über den Ozean gedrungen waren, von Dingen berichteten, die sich der ehren- rührigeil Angelegenheit der Fulton'schen Werft würdig an- reihten. Danach hatte Freddy Bejard, wüthend über den Sieg der Union, der sein Vermögen bedrohte, seine Sklaven nach dem Friedensschlüsse nicht freigelassen, sondern an einen Sklavenhändler von den Antillen weiter verkauft; und dieser Verstoß gegen die hierüber erlassene Verfügung des Siegers sollte auch der Grund gewesen sein, der ihn nöthigte, seinem zweiten Vatcrlande den Rücken zu kehren. Nach einer anderen Version hätte er gar seine Schivarzen bis auf den letzten Mann abschlachten lassen, um sich den Bestimmungen des Freilassirngsdekrets nicht unterwerfen zu müssen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verVoten.) Dio SttkwÄN'evunns-Anlagen dov Stoldk Verlin. Nachdem im Frühjahr des Jahres 18SS die ersten Anlagen zur Wasserversorgung für die Stadt Berlin in Betrieb gesetzt waren, wurde die Frage der zweckmäßigen Beseitigung des Schinutzwassers besonders lebhast erörtert, da die Verunreinigung der Flnßläufe zu Uebelständen der schlimmste» Art geführt hatte. Da die Städte London, Paris und Hamburg Anlagen zur Entwässerung bereits besaßen, so beaufttagte die preußische Regierung den Ober-Baurath Wiebe mit dem Zivilingenieur Veiwicycr und dem Baumeister Hobrecht, diese Systeme der Kanalisation zu untersuchen und dar- über Bettcht zu erstatten. Der von dieser Kommission vorgeschlagene Entwnsscnmgsplan ging dahin, ein Leitungsnetz zur Fortführung des Wassers— mit einer Ausmiindungsstelle in die Spree unterhalb Charlottcnburgs— zu bauen, dessen Wasserspiegel tiefer als der des Flusses liegen sollte. Man kam aber rechtzeitig zu der Erkenntniß, daß die unreinen Wassermengen die Spree bald so verschmutzen würden, daß da- durch ungesunde Begleiterscheinungen nothwendig sich benierkbar machen müßten, und sah von der Ausführung dieser Entwäfferungs- anlage ab. Die städtische Verwalttnigsabtheilung, die in den folgenden Jahren die einschlägigen Fragen gründlich bcricth, ließ umfassende Untersuchungen und Versuche anstellen. Während im Jahre 1872 Pro- fessor Virchow den Bericht über die Thätigkeit der städtischen gemischten Deputation gab, schlug der Baurath Hobrccht das dann zur Ausführung gekommene sogenannte„Nadialsystem" zur Beseitigung der Abwässer vor. Die Stadt hatte danach Pumpstationen für jeden Bezirk zu erbauen, um die Wassermengen durch zu legende Rohrleitungen zu heben und fortzubefördern. Im folgenden Jahre wurde dieses System der Kanalisation zunächst für den Südwesten Verlins zur Aussührung gebracht, indem die nöthigen Arbeiten im Thiergartenvicrtcl, in der Friedrichstadt und in der Dorotheenstadt, sowie' im Stadtthcil Alt-Kölln in Angriff genommen wurden. Die Ablvässer werden landwirthschaftlick vcrwerthct, indem sie zur Ve- rieselung von Grundstücken— Rieselfeldern— benutzt werden, wodurch auch das Wasser einem Klänmgsprozeß unterzogen wird. Das Gebiet der Stadt Berlin ist in 12 Radialsysteme getheilt, von denen fünf— I, II III, IV und VII— am linken Ufer der Spree liegen, während die übttgen sieben Radialsysteme sich auf Ländersttecken des rechten Ufers'der Spree vertheilen. Ein Stadt- bezirk von Charlottenburg und von Schvneberg wurde an die Kanalisation des Radialsyst'ems VII angeschlossen, nachdem vorher enffprechende Berttäge mit den betteffeuden Gemeinden geschlossen waren. Bei der Berechnung der Rohrleitungen wurde angenommen, daß nur der dritte Theil des Regenwassers fortzuschaffen sei, da der größere Theil verdunstet und versickett, und daß durchschnittlich in einer Stunde etwa 23 Millimeter Regenfall zu berücksichttgen sei. Das aus den Häusern zufließende Wasser wurde fiir jeden Ein- »vohner auf etwa 64 Liter in 9 Stunden und etlva 128 Liter in 24 Stunden veranschlagt. Die Leitungen aus starken Thonrohren wurden zu beiden Seiten der Straße verlegt und mit einander verbunden, um so leichter Reparaturen ausführen zu können. Die großen ge- mauerten Kanalisattonskanäle mit eiförmigem Querschnitt erhielten Einsteigeschächte in entsprechenden Entfernungen von einander. Die Thonrohrleittmgen erhielte» als kleinsten Durchmesser 21 Zentt- meter. während die größten dieser Leitungen einen Durchmesser von 48 Zentimetern haben. Die Höhe der gemauerten Kanäle schwankt von 90 Zentimetern bis zu 2 Metern in Abstufungen von 10 Zenti- Nietern. Bei den größten Kanälen bettägt die größte Breiten- abmessung der Eiform 1,333 Meter, bei 1,2 Meter Höhe dagegen nur noch 0.80 Meter. Da nun bei außergewöhnlich großen Negcnfällen die Rohrleitungen und Kanäle nicht zur Fortschaffung der großen Wasser- mengen genügen, so sind Nothauslässe vorgesehen, durch welche ein Abfluß des Wassers in die Flußläufe ermöglicht wird. Die Ausführung der Kanalisationsanlagen begann mit der Herstellung der Tiefbautcn der Pumpstationen. Diese Arbeiten be- trafen zunächst die Mauerung des Sandfangcs; dieser ist ein gemauerter Behälter von 10 oder 12 Metern Durchmesicr, in dessen unteren Theil die Sammelkanäle münden. Während sich nun schwere Schmutzmasscn auf dem Boden des SandfangeS ablagern, schtvimmen viele leichte Gegenstände in diesem Behälter herum, ivelche tvohl die Sangeköpfe der in das Schmutzwasier hineinragenden Saugelcitnngcn der Punipstationen verstopfen tvürden, lvcnn nicht durch zweckmäßige Anordnung eines Gitters der schwimmende llnrath— Stroh, Zeug, Papier zc.— zurückgehalten würde. Der Straßeminrath sammelt sich an den Bordschtvellen und gelangt durch die in Entfermiiigen von etwa 60 Metern von einander angeordneten sogenannten„Gnllics", das sind gemauerte Schächte mit den bekannten eisenicn Abdeckungen in Form des Einfallsrostes, in die Leitungen. Zur Entlüftung der Stammleitmigen und zur bequemen Reinigung derselben dienen die Eiiistcigschächte; dieses sind runde, gemauerte Oeffnuiigen, welche mit durchbrochenen gußeiseriien Deckeln abgedeckt sind und sich in Entfernungen von 60 bis 80 Metern vorfinden. Die größte Leistung sninmtlicher Dampfmaschinen je einer Radial- Maschincnanlage schwankt ztvischen 247, 500 und 880 Pfcrdckräftcn; die größte Leistung einer Pumpe bei normaleii Betriebsverhältnissen schwankt zwischen 65, 75 und 103 Litern pro Sekunde. Bei größter An- strengung bettägt die Leistung sämmtlichcr Pumpen einer Radialstation mindestens etlva 15 Kubikmeter pro Minute(Rndialsysiein X), die größte Leistung dagegen beträgt 60 Kubikmeter pro Minute(Radial- system IV und V). Die Zahl der Kessel für eine Pumpstation schwankt ztvischen 3, 6 und 8. Die Schornsteine für die Dampfkessel« Anlagen haben eine Höhe von je ca. 40 Metern. Die Pumpstationen dienen zur Weiterbeförderung des Waffers nach den Rieselfeldern und hatten im Jahre 1896 fast 72 Kilometer Druckrohrleitungen von einem Meter Durchmesser und fast 38 Kilo- inetcr Leitungen von 75 Zentimetern Durchmesser. Der Anschluß der Häuser und Grundstücke in Berlin ist im Jahre 1874 durch Anordnungen der Behörden geregelt. Während das Abwasser durch Hauptleituugsrohre ür die Straßcnleitnng gelangt, ist die Zuführung fester Abfälle auf diesem Wege mit vollem Recht verboten. Wenngleich es eigentlich selbst- verstündlich sein sollte, daß diese Ztvcckmäßigkeit- Vorschrift nicht. überttetcn ivird, müsscn doch fast in allen Häusern in kürzeren oder längeren Ztvischenräumc» Reparaturen der Rohr- lcitnngcn vorgenommen werden, weil die Leitungen durch feste Stoffe— Asche, Stoffrestchen, Streichhölzer, Kartoffclrcste und Speise- abfülle, Nadeln und was sonst noch für Sachen bei derartigen Reparaturen ans den Leitmigen entfernt werden— verstopft sind. Abgesehen von den Ilnannehnilichkeitcn, welche nun die Reparaturen der Rohrleitungen verursachen, haben die Betvohncr die höchst un- angenehmen Ausdünstungen derartig verschmutzter Leitungen zu er- tragen. Durch die Anlage der Wafferkloscts und die dadurch bewirkte Fortführung der menschlichen Exkremente ist ziveifellos eine Ein- richtnng von größter hygienischer Bedeutung geschaffen, Nachdem das Radialsystem III am Ende des Jahres 1875 seinem ?weck übergeben lvar, tvnrden vier Jahre später die Radialsysteme I! und IV, im Jahre 1881 das Radialsystem V und 1885 die Radialsysteme VI und VII in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1800 konnten sodann Rndialsystemc VIII und X und drei Jahre später auch IX und XII ihre Thätigkeit aufnehmen. Am 1. April 1895 hatten die Entwässerungsleitnngen der Straßen eine Länge von 776 Kilomeiern. Die Niidialst, steine hatten einen Flächeninhalt von zirka 66 Hektaren. Außer den 14 802 Gnllies waren noch 11 537 Revisionsbrunnen vorhanden. Von den 24 047 angeschlossenen Grundstücken entfielen 23 400 auf Verlin, die übrigen Grundstücke auf Charlottenburger-, Schönebcrgcr- und Lichtenberger Gebiet. Während die gesmnmten Betriebskosten im Jahre 1893/94 für alle Radialsysteme 934 933,37 M. betrugen, stellten sie sich ini Betriebs- jähre 1894/96 sogar auf 1 004 774,33 M. Die in diesen beiden Jahren geförderten Abwassermengen— K loset-, Wirthschafts- und Regen- Wasser— beliefen sich ans 33 564 192 Kubikmeter und auf 66 313 483 Kubikmeter, mithin wurden pro Kopf und Tag im Jahre 1893/94 106 Liter und im Jahre 1894/95 107 Liter Abwasser befördert. In letzterem Jahre wurden aber von den städtischen Wasserwerken pro Tag und Kopf nur 66,56 Liter ent- nommen, so daß die unreinen Wasserniengen die reinen um 40,44 Liter übersteigen. Die größte Jahresleistung betrug 1894-95 für ein Radialsystcm(IV) fast 13,8 Millionen Kubikmeter Abwasser. Die Verunreinigungen durch feste Rückstände, fliim Beispiel Sand, Lappen, Kaffeegrund, die herausgenommen und abgefahren wurden, betrugen im Jahre 1894/95 für alle Radialfystenic 12 583 Kubikmeter, mithin 1 Kubikmeter festen Rückstand auf 4091 Kubikmeter Abwasser. Es kommen demnach auf den Kopf der Bevölkerung pro Jahr 7,30 Liter KanalisationSunrath für die nur zeitweilig arbeitenden Radialsysteme IX und XII war der feste Unrath allerdings bedeutend größer, so daß im Radialshstem IX 15,51 Liter und im System XII sogar 30,54 Liter feste Rückstände fortzuschaffen waren. Von den anderen Nadialsystemen hatte I die geringsten festen Rückstände mit 4,88 Litern pro Jahr und Kopf und III die größte Verunreinigung mit 12,31 Litern. Die Riesclgüter der Stadt— Osdorf, Fricderikendorf, HeinerS- dorf, Kleinbeercn, Großbecrcn, Ruhlsdorf, Vorwerk Schenkcndorf, Sputcndorf, Schcnkendorf-Giitcrgotz, Wartenbcrg, Malchow, Blanken- bürg, Falkenberg und Bürkiiersfclde, Hohcn-Schönhausen, Arensfelde, Rosenthal und Blankenfelde, Möllersfelde, Lindenhof und Bauerländcrcicn von Französisch Buchholz und Hellersdorf— liegen theils im Süden, thcils ini Norden von Berlin und erhalten täglich nach den Durchschnittsleistungen aller Pumpstationen etwa 182 000 Kubikmeter uureiues Wasser. P. M. G r e m p e. LUoinos SM. Ein guter Herr. Auf dem Bnchberg liegt das prächtige Schloß des unermeßlich reichen Grnbeukönigs Baron v. Zä Läßt man vom Gipfel des Berges den Blick über das Thal schweifen, so steht man stundenweit nichts als die ragenden Essen der Erz- schmelzen und die erbärmlichen Hüllen der tausend und abertaiyend Arbeiter, denen Baron v. T.„das Brot gicbt". Die Zeiten sind schlecht. Wegen irgend eines geheimnißvollen Vorganges auf dem Weltmarkt, von dem die armen, ausgebeuteten Arbeiter nichts wissen und nichts verstehen, ist der Betrieb eingeschränkt und eine große Zahl fleißiger Menschen arbeitslos gemacht worden; dazu steigen die Brotpreise unausgesetzt, die Staats- und Gemeiudelasten drücken; Stück um Stück wandert der geringe Hausrath zum Pfandleiher— das Elend ist unerträglich. Da machen sich die„Beherztesten" von den Arbeitern auf, um den Herrn Baron über ihre Lage zu unterrichten. Als sie ans Schloßthor kommen, das die Pracht des Herrensitzes ihnen er- schließen soll, heißt es, der Herr Baron sei nicht zu Hause. Hunger macht mißtrauisch. Die Leute bestehen darauf, ins Schloß geführt zu werden; die livrirten Diener schlagen es ab. ES kommt erst zu erbitterten Worten, dann zu Thätlichkeiten, d. h. die Dienerschaft macht sich ein Vergnügen daraus, mit Hundepeitschen auf das kraftlose, verzlvcifclndc„Gesindel" losznprügcln und ihm die rochen Striemen der Schmach durch die vergrämten Gesichter zu ziehe». Knirschend vor ingrimmigem Zorne und ohnmächtiger Wuth ziehen die also Mißhandelten ali. Der Herr Baron, der von diesen Vorgängen Knude erhält, ist wüthend.„Das ist ja eine Dummheit ersten Ranges!" so schimpft er;„die witthenden Bestien können einem ja das Hans über dem Kopfe anstecken, wenn sie so gereizt werden! Der Vorfall muß unter allen Umständen wieder gutgemacht werden!"--- Und am anderen Morgen lasen die Lohnsklaven des All- gewaltigen, angeschlagen an den Häusern, folgende, vom Herrn Baron verfaßte „Bekanntmachung." Mit dem größten Bedauern, ja mit Entrüstung, habe ich von den Szenew gehört, die sich gestern Nachmittag in meiner Ablvesen- heit an dein Portale meines Schlosses Bnchberg abgespielt haben. War auch das Vorgehen der Arbeiter ohne allen Zweifel unbesonnen und tadelnswerth.(da ich auch ohne Anstoß von außen Tag und Nacht für das Wohl meiner Arbeiterschaft mich sorge und mühe), so stehe ich doch nicht an, das Verhalten meiner Diener streng zu tadeln. Dadurch, daß sie auf die friedlichen Petenten mit allerhand Echlaggeräthen einhiebcn, habe» Sie die Ehre meiner Livree be- sudelt und in den Staub gezogen. Ich werde deshalb diese Livree ändern lassen. Baron von X... Gegeben zu Schloß Bnchberg. — Zins dein Nieseitgebirge. Der„Bresl. Morg.-Ztg." wird geschrieben: Die Sennhütten auf den Gebirgskännnen, die sogenannten Sommerbauden, tverden in diesen Tagen geschlossen. Die Vorboten des anrückenden rauhen Winters haben sich mit Frost und eisiger Luft, Hagel und Schnee bereits wiederholt unangenehm bemerkbar gemacht. Tie zahlreichen Rindcrheerden, ivelche seit Pfingsten, bezw. Himmelfahrt an den Rändern des Elb-, Teufels- und Weißlvasser- grundes zwischen den Felsblöcken und im dichten Knieholzgebüsch dort nach Nahrung suchten, werden jetzt hinab ins Thal, nach Groß- Aupa, St. Peter und Spindelmühl, getrieben, um in der dortigen besseren Baude zu überwintern. Doch bevor von der in luftiger Höhe stehenden Sennhütte Abschied genommen wird, muß diese gegen die bald hereinbrechenden tollen Winterstünne gut verwahrt werden; denn ein einziges lockeres Brett oder Schindel könnte der ganzen Baude vcrhängnißvoll werden. Hat der wüthende Sturm Einlaß gefunden, dann kann sich das Dach und vielleicht auch die ganze Baude auf eine Luftreise nach dem tiefen Abgrunde gefaßt machen. Das ganze Gebäude. Dachranm, Stall und Stuben, wird mit Heu vollgestopft. Feste Fensterläden schließen Licht- und Luftzutritt ab. Run können Menschen und Bich, Haus- und Küchcngcräth die Reise nach dem Winterquartier antreten. Aber die verlassene Sommerbaude bekommt gar bald, wenn nur der„Herr der Berge" einen Schneemantel iiber die Kämme und Bergabhänge gelegt hat, öfteren Besuch. Das Heu muß hernbgeschafft werden. Eigenartige Gestalten sieht man dann den Abhang hinanfklettern. Die bereisten Männer können in dem lockeren Schnee de» Hörnerschlittcn nicht ziehen, darum trage» sie ihn und legen ihn so auf den Rücken, daß die Horner des Schlittens weit nach vorn vorragen, sodaß das Ganze einer vorgeschicht- lichcn Mammnthgestalt nicht ganz unähnlich ist. Auf den von der gräflichen Grnndhcrrschaft gepachteten Kammwiesen ist gar viel Heu geerntet worden, denn jede Baude bewirthschaftet einige hundert Morgen. Obwohl bei dem dies- jährigen sckiönen Herbstwetter viel von diesem Heu, dem Höhnigen- gras, auf Radwcni nach dem Thale gebracht tverden konnte, muhten trotzdem tviederum zahlreiche Heuschober auf den Kammtviefen auf- gestellt tverden. Die mit Stangen gegen die Stürme gesicherten Heuschober tverden zuerst und dann die Hcuvorräthc aus der Sommerbaude herabgeschafft. Dann kann man die hochbeladenen Hörnerschlittcn in langen Reihen blitzschnell die steilen Bergabhänge hinabgleiten sehen. Auch noch andere Vorbereitungen sind bereits für den Winter getroffen worden. Ilm bei dickem Nebel auf endlosen Schneefelderu den Weg nicht zu verfehlen, sind dieKnmmwege durch jetzt aufgestellte hohe Stangen gekennzeichnet worden.— Theater. Im Residenz-Theater wollte man uns in diesem Jährt literarisch kommen. So Ivenigstens versicherte Herr Lantenburg, als er die Direktion des Residenz-Thcaters anfs neue übernahm. Wo- her- nur die viele Literatur kommen soll? Zunächst macht sich Direktor Lantenlmrg keine Sorgen darum und„wurstelt" nach der alten Schablone lvcitcr. ES ist ein undankbares Geschäft, sich mit der nen-panser Schablonen« poffe beschäftigen zu müsse». Bald sind alle Spuren von freiem Witz dahin, und die rein arithmetische Aufgabe bleibt übrig: Wie steigert man die Dutzende von Wirrwarr-Zufällcn in der Vcrwechs- lungskomödic um einen neuen Fall? Um das gleiche Durcheinander handelt cS sich in dem Henuequin'sche» Schwank vom„Herrn Sekretär". Neulich war au dieser Stelle darauf hingewiesen worden, wie häufig der Deputirte in der modernen Literatur ein Ziel des Spottes wird. Hcnnegnin hat in seiner neuesten Komödie hierin den „Siekord behauptet". Sein Deputirter ist die reinste Fratze, der vollendetste Idiotismus. Das ist nicht mehr Satire. Jede Schadenfreude hört auf und das Mitleid beginnt. Der unselige Deputirte nun muß sich einen Sekretär halten, der ihm für 400 Franks Monatsgehalt seinen Geist einhaucht. Wie dieser luftige Sekretär von einem Polizcibeainten für den Deputirte» selbst ge- halten tvird, ivie daraus dann Verwechslung um Verwechslung entspringt, wie der Sekretär immer dreister und unverschämter lügt, daS bildet den Inhalt der Komödie. Auf Lcbcnswahrscheinlichkeit in irgend einer Form leistet der Schlvank völlig Verzicht. Den Sekretär gab Herr A l e x a n d e r mit einer Komik, die heute den Besuchern des Resideuz-Thenters auf jeden Strich genau vertraut ist. Ganz schwachmnthig kam uns am selben Sonnabend Alexander B i s s o n mit einer einaktigen Komödie.„Der tvilde Hase" könnte ebenso gut als„Humoreske" eines genügsamen deutschen NntcrhaltungSblattes passiren. Ein schüchterner Jüngling, das Häschen genannt, wird wider alle Natnranschaunng mit einem Mal bockig, als ein Nebenbuhler ihm sein Vräutchen rauben will. De» wildgewordenen Hasen spielte Herr Georg in sklavisch treuer Alexandermanier.—— ff. Erziehung und Unterricht. — Der neugewählte Rektor der Berliner llniversität, Professor W a l d e y e r, sprach in seiner Antrittsrede über die Zu- l a s s u n g der Frauen z u m ll n i v e r s i t ä t s st» d i u m. Er fei früher Gegner der Frauenbewegung gewesen, und zwar um der Frauen selbst willen, in der Ueberzeugung, daß der natürliche Beruf der Frau die Hebung der Pflichten der Hausfrau sei. Er habe aber erkannt, daß die Francnbewegung nicht etwas künstlich ge- machtes oder erhaltenes ist. Die wirthschaftlichen Verhältnisse drängen die Frau, sich neue Erwerdszweige zn schaffen. Er erachte es jetzt für billig, daß die Frauen zu den Universitätsvarlesungen zugelassen lverden: die Frage sei nur, in welchem Maße und auf welchem Wege. Die jetzigen Einrichtungen sind nur vorläufig. Richtig ist, daß kein Dozent gezwungen werden darf, Frauen zu seinen Vorlesungen anzunehmen. Am meisten berührt die Frage die Lehrer der Heilkunde. Es liegt nicht in einem jeden Lehrer, einen medizinischen Gegenstand bestimmter Art vor einer aus weib- kichen und männlichen Swdircnden bestehenden Hörerschaft darzulegen. Zweckmäßig wären anatomische Präparirkurse eigens für weibliche Medizinstndirende. Auch sonst sei es nicht un- bedenklich, junge Mädchen und Jünglinge gemeinsam zu unter- richten. Es komme darauf an, die Psyche eines jeden der beiden Geschlechter sich selbständig entwickeln zu lassen. Vieles spricht für die Errichtung von F r a u e n- ll n i v c r s i t ä t e n. Frauen lernen anders als die Männer. Frauen erfassen das Gedächtnißmäßigc leichter und haben eine stärkere Phantasie. Der Mann dagegen denkt strenger und faßt das Ganze ins Auge. Wenn Frauen und Männer zusammen unterwiesen werden, wird der Unterricht leicht dem Bedürsiusse der Frauen angepaßt und er verflacht. Lebhast trat Wnldeyer auch für die V o l k s t h ii in l i ch e n H o ch s ch u l- kurs e ein.— Kunstgewerbe. ßk Die Holzschnitzerei i n O e st e r r e i ch ist der Gegenstand einer Arbeit, die im neuesten Heft der„Blätter für Kunstgewerbe" veröffentlicht wird. Als man in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts auch in Oesterreich das Kunstgewerbe neu zu beleben versuchte, nahm man auch die Holzschnitzerei wieder auf, die sich in einzelne» Gegenden, vor allem in einer Tiroler Schule noch erhalten hatte. Zunächst lehnte man sich freilich an italienische Muster an und fand hier in mancher Beziehung irreführende Bor- bildcr. In der plastischen Kunst Italiens hatte das Holz als Bild- stoff bei weitem nicht dieselbe Bedeutung gehabt wie in Deutschland und den Niederlanden. Die Frührenaissance bevorzugte denMarmor und den Bronzeguß, und erst als das Bcdürfniß nach plastischem Schmuck all- gemeiner wurde, ging man daran, billigere Stoffe, wieHolz und nameut- sich Thon, zn verarbeiten, um den Anforderungen weniger Bemittelter zu genügen. Schnitzarbeiten an Altären und Einzelstatucn, ansnnhms- weise auch Büsten in Holz, finden sich in den holzreichen Gegenden Italiens vorwiegend an den Abhängen der Alpen. Aber alle diese Werke waren unter dem übermächtigen Einfluß der Steinplastik ent- standen i mit außergewöhnlicher Geschicklichkeit haben es die Italiener verstanden, durch raffinirte Kunstmittcl die Schwierigkeiten zu überwinden, die das Holz dem entgegensetzt, um den Eindruck der Stein- Plastiken zn erzielen. Die österreichischen Holzschnitzer folgten ihnen zunächst auf diesem Wege. Sie arbeiteten wie die Bildhauer. Sie puuktirten den Holzklotz wie man den Steinklotz pnnftirt, und das Schwergewicht der Arbcft lag auf dem Modell, nicht ans der frischen' und feinen Durchführung der Formen. Dan» aber erkannte man. daß dieser Weg nicht zu einer gesunden Technik führen komitc, und man erinnerte sich der alten Tiroler Meister, bei denen sich die„alte Technik" vererbt hatte. An der Kunstgewerbeschnle wurde eine Klaffe für Holzschnitzerei ein- gerichtet und der Unterricht einem Holzschnitzer ans der Tiroler Schule, Prof. Hermann Klotz, übertragen. Die Technik, die der Eigenart des Holzes entspricht, kouimt mit den einfachsten Mitteln ans. Die Werkzeuge, deren sich heute der Holzschnitzer bedient, weichen im wesentlichen nicht ab von denen, die im Alterthnm im Gebrauch waren. Sie beschränken sich auf eine kleine Zahl von Eisen in hölzerneu Griffen, mit denen der Schnitzer entweder in drückender oder stoßender Bewegung aus freier Hand Theilc des vorgerichteten Holzstockes entfernt oder deren er sich meißelartig unter Zuhilse- nähme eines Holzschlägels bedient. Dem Messer fällt nur eine nebensächliche Rolle zu; von Raspeln und Feilen wird der ver- ständige'Schnitzcr nur maßvoll Gebranch machen, er wird sich viel- mehr bemühen, die Arbeit gleich mit dem Eisen zu vollenden, niit den« er den Formen jene Klarheit und Schärfe geben kann, in denen die Natur des Schnitzstoffes zum Ausdruck kommt. Diese natürlichen Eigeiischnften der Hölzer führen dabei von selbst zu mannigfachen Besonderheiten. Dem festen Eichenholz mit seinen groben Poren an den Rändern der Jahresringe kann der Schnitzer fast jede Form zu- muthen und durch ein wechsclvolles Relief mit Unterschueidnng oder gar Durchbrechung den nachthciligen Folgen des Sichwcrfcns, zn dem dieses Holz neigt, entgegenwirken. Bei der feineren Textur des Nußholzes muß er auf zartere Einzelheiten bedacht sein; und das harte und gleichförmig dichte, aber spröde Ebenholz verlangt eine medaillenartige Behandlung, die Nenneidung von Unterschneidungen und Durchbrechungen. Auch die Vergoldung und Staffirnng wurde in den Lehrplan der Kunstgewerbeschnle anfgenonunen, ebenso die polychrome Behandlung des Holzes, für die Klotz ein eigenes System der Beizung erfand.— Asfronomisches. — Erfolgreiche Beobachtungen über die Höhen und die Bahngeschwindigkeit von Feuerkugeln und Stern- schnuppen hat, wie' die„Voss. Ztg." berichtet, W. F. Denning in Bristol sEngland) im Verein mit' einigen anderen Beobachtern während des jüngsten Pcrseidenfalls angestellt, lieber die Höhen, in denen die Meteore in der Atmosphäre aufleuchten und ver- schlvinden, und über die Geschwindigkeit, mit der sie die Lufthülle der Erde durcheilen, sind bisher mir spärliche Beobachtungen bekannt geworden, so daß die neuesten Ergebnisse der englischen Beobachter während des Laurentiusstromes ein besonderes Interesse darbieten. Zur Bestimmung der Höhen und Ge- schwindigkeit mußten dieselben Meteore an verschiedenen Stationen beobachtet werden, und es sind von Denning die hellsten Erscheinungen, über deren Identität bei den verschiedenen Beobachtern kein Zweifel bestehen kann, berechnet worden. Einige erscheinen heller als die Venns oder beinahe so hell wie Jupiter, andere hatten die Helligkeit der Sterne erster, zweiter, dritter und vierter Größe. Die den Perseiden angehörigcn Meteore sind in der Zeit vom 30. Juli bis zum 11. August gefallen. Die Höhen über der Erde, in denen sie aufleuchteten, liegen zwischen 64 und 92 eng- lischen Meilen; ihr Verschlvinden fand in Höhen von 46 bis 68 eng- lischen Meilen statt. Die Länge der beobachteten Bahn bei den ver- schiedenen Meteoren schankt zwischen 21 und ö9 englischen Meilen. Die Geschwindigkeit, mit der die Meteore die Atmosphäre durcheilten, betrug für die verschiedenen Erscheinungen zwischen 31 und 58 engl. Meilen in der Sekunde. Für zehn helle Meteore der Perseiden, die am 19. und 11. August fielen, betrug durchschnittlich die Höhe ihres Aufleuchtens 89, die ihres Verschwindcns 56 engl. Meilen. Die Länge ihrer leuchtenden Bahn war im Durchschnitt 37'/? engl. Meilen. Außerdem sind zwei sehr helle Feuerkugeln am 26. Juli und 7. August beobachtet und berechnet worden; sie gehören nicht zu den Perseiden. Bei ihnen betrug das leuchtende Bahnstück 191 und 196 engl. Meilen, ihre Geschwindigkeit war verhältnißmäßig gering, bei der am 7. August beobachteten betnig sie nur 22 engl. Meilen in der Sekunde.— Humoristisches. — Der gefährlich st e Verführer.„Sind Sie mit Ihrem Befinden zufrieden, Herr Wamperl?" „Wenn ich mich recht halte, dann schon— leider aber habe ich mich am Sonntag wieder verleiten lassen, mehr Vier zu trinken, als ich trinken soll!" „Ja, wer hat Sie denn dazn verleitet?" „Ich mich selber!"— — In einem sächsischen P o st lv a g e n.„Erlauben Sie gietigst, wie is Ihr werther Name?" „Werner." „Nee aber so was, da Heeßen Se doch beinah' wie ich; ich hecße Se nämlich Schlammbach!"— — Der gezähmte Wilde.„Also Dein Gatte, der Ab- geordnete, gehört im Parlament zu den Wilden?" „Ja, dafür ist er aber daheim desto zahmer."— Vermischtes vom Tage. — In einem Hotel zu Altona begingen ein verheirathcter Mann und eine Schauspielerin gemeinsam Selbstmord.— — In den M o o r d i st r i k t e n bei Giffhorn ist die Ein- bürgcrnng des schottischen M o o r h n h n s geglückt.— — Eine Diebesbande von siebzehn Personen erschien in B o ch u m in einem Klcidergeschäft und raubte die an den Ständern hängenden Sachen. Die im Laden anwesende Frau des Inhabers' wurde während dessen von zwei Männern fest- gehalten.— —'In Solingen schnitt ein junger Mann, um ein Hühnerauge zu entfernen, so tief in die Zehe, daß sie blutete. Nach kurzer Zeit trat Blutvergiftung ein, welcher der Mmm erlag.— — Seit Jahren kommen von verschiedenen Plätzen und auch von W i e n und Budapest viele f n l s ch e N o t c u der Bank von England zu fünf und zehn Pftind Sterling in den Geld- verkehr. Jetzt hat man in T r o p p a u einen Mann verhaftet, der gefälschte englische Noten bei einer Bank anbringen wollte. Ein Telegramm, das er nach B n d n p c st aufgeben wollte, führte auch dort auf die Spur eines Fälschers, in dessen Wohnung eine voll- kommen eingerichtete Notenfabrik und 299 Pfund Sterling in falschen Noten gefnnden wurden.— — Auf dem Gutshof B a t n r h a in der Nähe von P u l t a w a wurden ein Großgrundbesitzer, seine Frau und seine zwei Kinder im Schlafe mit Axthiebcu ermordet und 399999 Rubel geraubt.— — Der deutsche Dampfer„Leipzig" überrannte vor E d d y st o n e nachts in voller Fahrt einen kleinen Segler. Zwei Matrosen und ein Schiffsjunge ertranken.— — In London drohte ein Mann schriftlich einer großen An- zahl Frauen, welche ein Gcheinimittel eines Quacksalbers gekaust hatten, mit Veröffentlichung, falls sie ihm nicht zwei Gnineen schickten. Die Polizei erfuhr davon, belegte das Bureau des Brief- schrcibcrs mit Beschlag und fand ü b e r 2999 Briefe und Telegramme von Frauen, die über 199999 Mark enthielten oder anwiesen.— — Eine neue Modethorheit der Amerikanerinnen besteht darin, daß sie sich in Egypten als„Mumie" photo- araphiren lassen. Ein unternehmender Photograph in Kairo hat sich für diesen speziellen Zweck einen Mumiensarg verschafft, der in vertikaler Stellung die betreffende Person aufnimmt und dann bis ans den zur Reproduktion der Gesichtszüge benöthigten Raum geschlossen wird.—_ Verantwortlicher Redakteur: Anglist Jacobey m Berlin. Drück und Verlag von Aiax Babing in Berlin.