Anlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 204. Mittwoch, de» 19. Oktober. 1898 (Nachdruck verboten.) 12J Vo»t- Mavkhsgo. Die Antwerpener Kaufmannschaft sah in all diesen Ge- schichten nur Ammenmärchen, die der Phantasie von Neidern und politischen Gegnern Bojard's ihr Entstehen verdankten. Selbst Herr Dobouziez, der sich für Bejard so wenig de- geisterte wie für irgend einen anderen, wollte nicht zugeben, daß man den weitblickenden, unternehmungslustigen Rheder für ein Vergehen, oder richtiger gesagt, für ein bedauerliches Vorkonnnniß verantworlich machte, das sein Vater wahrhaftig hart genug gebüßt hatte. Saint-Fardier seinerseits empfand für den unerschrockenen Draufgänger ein Gefiihl aufrichtiger Hochschätzung, das seinem nachfühlenden Verständniß ent- sprang. Es hätte seinem sehnlichsten Wunsche entsprochen, ihm als ergebener Gehilse Dienste zu leisten, denn der „Pascha" hatte etwas von jenen Bluthunden, die die Pflanzer auf die Spur ihrer flüchttgen Sklaven hetzen. Dieser Bejard wäre der rechte Sozius für ihn gewesen, statt dieses korrekten Dobouziez, dessen lächerliche Gewissensbcdenken ihm ein Grund beständigen Aergernisses waren. Laurent hatte diesen Bejard nie vorher gesehen und hatte ebenso wenig etwas von dem gehört, was man über ihn sprach, aber trotzdem konnte er vom ersten Augenblick an das Gefühl einer unüberwindlichen Abneigung in Gegenwart des Mannes nicht los werden. Es überkam ihn wie eine schmerzliche Vor- ahnung, sein Herz krampste sich zusammen, und als er seme Blicke wieder auf die Landschaft richtete, schien ihm die Gegend >mc in einem Trauerschleier gehüllt. Gerade als die Fulton'sche Werft hinter einer Flußbiegung verschwand, siel sein Blick noch einmal auf das hochragende Gerüst, das den in Bau befindlichen Schiffsrumpf umkleidete. Das diel der- schlungcne Stangen- und Sparrcnwcrk bot das Bild eines Riesenskeletts, an dein hier und da Fleisch- fetzen und verkohlte Klciderreste hingen. Das düstere Bild war nach einer Sekunde wieder verschwunden, neue landschaftliche Reize fesselten Laurent's Aufmerksamkeit, und die gute Laune, die ihn einen Augenblick hatte verlassen wollen, War bald wieder zurückgekehrt. Man hatte es nicht der Mühe für Werth gehalten, den jungen Paridael dem Besitzer der Dacht vorzustellen. Bejard hatte des öfteren einen scharfen, mißtrauischen Blick auf den Burschen geworfen, dem es in seinen neuen Kleidern nicht recht zu behagen schien, und der, abseits von der übrigen Gesellschaft! hartnäckig die wenig abwechselungsreiche flämische Landschaft betrachtete, deren Reizen das ge- werbsmäßige Touristenvolk keinen Geschmack abzugewinnen weiß. Der Rheder hatte schließlich Erkundigungen über den Eindringling eingezogen und bezeigte nicht übel Lust, stoppen und ihn ans Land setzen zu lasten. «Lasten Sie ihn nur in Gottes Namen!" sagten die eleganten jungen Herren Saint-Fardier.„Es ist ein anner Verwandter der Dobouziez's... Er- soll morgen nach einen, ausländischen Erzichungsinstitut besördcrt, Verden. Da muß man ihm schon seine Schweigsamkeit zu gute halten!" „Versteht sich!" bemerkte Bejard, der sich, nachdem er über die belanglose Persönlichkeit unterrichtet worden, um den Jungen nicht weiter kümmerte. Wie sollte auch der mächttgc Krösus dazu kommen, dem unscheinbaren Passagier des Hinterdecks Bcachttmg zu schenken. Wenn er freilich hätte ahnen können, welch' bedeutsame Rolle diese belanglose Persönlichkeit dereinst in seinem Leben zu spielen ausersehen War!-- Die übrigen Theilnehmer der Lustfahrt nahmen kanin Notiz' von Laurent's Anwesenheit, der, weit entfernt, diese Vernachlässigung übel zu nehmen, froh war, sich un- gestört mit seinen Gedanken beschäftigen zu dürfen. Kousine Lydia m immergrüner, mit Epheuranken besetzter Robe, die ihr das Ansehen eines wandelnden Fasses gaben, war im Schweiße ihres Angesichts beständig hinter der Dienerschaft her, die die mit Eß- und Trinkwaarcn wohl- gefüllten Körbe in ihrer Obhut hatte. Vetter Guillaume be- sprach mit Bejard, Saint-Fardier und dem Advokaten Vander- ling geschäftliche Angelegenheiten. Wenn diese ernsten Männer die Schelde eines Blickes würdigten, so geschah es nur in Hinsicht der Vorthcile, die ein Finanzkonsorttum bei Anlage einer Zündholzfabrik oder eines Guanolagers aus der Wasser- kraft ziehen konnte. Regina, in theerosenfarbiger Mousselinerobe, das hoch- frisirte Haar von einem breiikrempigen Strohhut a la Lamballe bedeckt, bildete den Mittelpunkt und die Seele emer Schaar- junger Mädchen, die sie durch ihre boshaften Bemerkungen über die um die Brüder Saint-Fardier versammelten jungen Leute aufs beste unterhielt. Die beiden letzteren traten ab und zu an die lachende Mädchenschaar heran, um ihr mit irgend einer faden Schmeichelei eine klägliche Huldigung dar- zubringen. Die kleinen Vauderling's, zwei dralle Blondinen mit rundlichen Formen und sinngefälligen Reizen, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten, hatten es den jungen Herren besonders angethan. Die Dacht war in glatter Wendung bei der Landungs- brücke von Hemixem vor Anker gegangen. Nach geschehener Landung nahm das Vergnügungsprogramm seinen vorgesehenen Verlauf. Die Ausflügler erkundigten sich unterwegs in erster Linie nach dem Namen der Eigcnthümcr der vor- schiedenen Landhäuser und Schlösser. Die Herren schätzten die Pferdebestände der Ställe ab, während die Damen ihre Freude über die schönen weißen Schwäne und die nicht minder schönen rothen Rosen lebhasten Ausdruck gaben. Und als die Gesellschaft vor dem vergoldeten, die baumbesetztc Zufahrtsstraße abschließenden Partthor, durch dessen Gitter man jenseits des wohlgepflegten englischen Wiesenplanes das Kleinod eines Renaistanceschlößchens erblickte, respettvoll Halt machte, bemerkte Bejard, der mit seinem unzertrennlichen Ad- latus Dupuoisiy nähergetteten war:„Ja. hübsch ist das Ding, das muß man sagen.— Es gehört dem Baron von Wacr- bant.— In der That, sehr chic und gefällig, schade nur, daß es zu drei Vierteln überschuldet ist... Man könnte die Baracke für fünfzigtausend Frank haben, un- gerechnet freilich die Hypothekenschuld, die gut und gern hundert- tausend Frank betragen dürfte, was der Beachtung etwaiger Kauflustiger empfohlen sei." „Ein Junker, der sein Leben lang nichts anderes that als lumpen und liedern, hat die Straft ehrlich verdient," setzte Dupoisty in dem näselnden Tone eines Grabgesänge plärrenden Kirchensängers hinzu. Die eben gehörten Ziffern kühlten die Bewunderung der wohlerzogenen Leute, die sich ausnahnislos in geordneten wirthschastlichen Verhältnissen befanden, merklich ab. Sie zogen verdrießlich ihre Straße weiter und empfanden so etwas tvie Scham, daß sie ihre Aufiuerksamkeit überhaupt diesem Grundstück zugewandt hatten. Fast niachte es den Eindruck, als fürchteten sie, der ruinirte Besitzer könnte aus irgend eurem Seiten- psad hervorbrechen, um bei ihnen einen Pump aufzunehmen. Nach emstündiger Wandcrnng unter der blauen Himmels- ttrppel, zu der der Flug jubilirender Lerchen emporstieg, quer über die Wiesenflächen, deren hochgethürmten Heuschobern ein starker Wohlgeruch entströmte, beherrschte alle das gleiche, un- ausgesprochene Gefühl, daß man nun von dem Grün, von dem Blau, den verschlossenen Wirthschaftsgebäuden und den Gutshöfen, deren Besitzer man nicht kannte, übergenug hatte. Man machte in einem Tannengehölz Halt, einer armseligen, mit vieler Mühe geschaffenen Baumanlage, die der glückliche Besitzer, der erste Kommis des Hauses Dobouziez, als eifriger Naturschwärmer und Verehrer ländlicher Picknicks hier ins Leben gerufen hatte. Die Sonnenschirme der Damen verstärkten als will- kommene Schattenspender den Schutz, den die Zweige des Nadelholzes gegen die zudringlichen Strahlen der Sonne gewährten. Man packte die Proviantköroe aus, aß kalt und trank warm, da der sinnreich konstrnirte Champagner- Kühl- apparat jeden Dienst versagte, wie das mit der Mehrzahl aller sinnreich konstruirten Apparate der Fall zu sein pflegt. Das Dejeuner nahm gleichwohl einen recht anregenden Verlauf, dank dem verteufelten, Wider- spcnstigcn Apparat und der entsetzlichen Hitze fehtte es ja auch nicht an interessantem Gesprächsstoff. Die Raupen und Käfer, die auf die Teller fielen und den aufkreischenden Damen in den Hals krochen, verschafften Gaston und Athanase Saint- Fardier die willkommene Gelegenheit, bei Angela und Cora Vanderling als Raupcnbefteier gewissenhaft ihres Amtes zu walten. Sie gingen den beiden Damen gar nicht mehr von der Seite, deren kokette Mätzchen ihre Wivknng allem Anschein nach nicht verfehlt hatten. Ein Trupp bon Landleuten schritt, bon der Kirche Heini- kehrend, eilig dem Dorfe zu. Mißtrauisch und verlegen blieben die Leute zunächst in ziemlicher Entfernung stehen, che sie nach getroffener Vereinbarung ndt tölpelhafter Unent schlossenheit das Wagniß unternahmen, sich den Stadtleuten zu nähern. Den Herrschaften machte es nicht geringes Vergnügen, in die Schürzen der Pntcrrothcn Weiber und die Jackentaschen der verblüfften Männer die Reste der Fleisch- Pasteten, belegten Butterbrote, schlecht abgenagten Knochen und Geflügclreste zu stopfen, und als sich die also Beschenkten wieder mif den Weg machten, rief man sie noch einmal zurück, um jedem Einzelnen noch eine halbgeleerte Flasche Wein unter den Arm zu schieben. Der ergötzliche Zwischenfall unterhielt die Ausflügler auf's beste, bis die Stunde herangekommen war, die im Programm für die Besichtigung der Dobouziez'schen Besitzung angesetzt war. Vetter Guillaume wollte als guter Fußgänger auf einem Umweg zurückkehren, seine Gäste wünschten indessen zunächst Auskunst darüber zu erhalten,' ob man dort auf mehr Schatten zu rechnen hätte und ob man etwas anderes als Bäume und Wiesen zu sehen bekommen würde. Da sich aber Herr Dobouziez trotz allem 5topfzerbrechens keiner anderen Sehenswürdigkeit als einer Brennerei und des Waffendepots von Saint-Bernard auf dem von ihm vorgeschlagenen Wege zu erinneren vermochte, zog die Mehrheit der Gesellschaft vor, den kürzesten Weg, auf dem sie hergekommen, auch für den Rückmarsch zu wählen, selbst auf die Gefahr hin, dem geldbedürftigen Baron in die Anne zu laufen. Nach der Ankunft zogen sich die Damen in ihre Gemächer zurück, um vor dem Diner Toilette zu machen, während die Herren die Besitzung in Augenschein nahmen. Beim Diner, das ganz geeignet war. die Herrschaften für die Unzulänglichkeit des frugalen Picknicks schadlos zu halten, lobte man einstimmig das Waldfrühstück und pries die Vor- theile der Bewegung in der frischen Luft, deren appetit- erregende Wirkung man an sich selbst erprobt hatte. Der Kaffee wurde auf der Parkterrasse eingenommen. Bejard führte Gina zum Klavier und bat sie, etwas zu singen. Der herrliche Sommerabend lockte Laurent hinunter in den Park, zu dem die Scheide eine stische Brise heraus- schickte, den der Wohlgeruch der Blumen erfüllte und dessen sinnbethörendes Schweigen nur das Gezirp der Grillen und das leise, sammetweiche Schwirren kreuz und quer fliegender Fledennäuse unterbrach, die die ungewohnte Anwesenheit der Herrschaften aus ihrer Ruhe gescheucht. Laurent stand in der Mitte des englischen Rasens und lauschte Gina's Stimme. deren klarer. hellklingender Ton an sein Ohr drang. Sie sang den Walzer aus Gounod's„Romeo und Julia" mit so vollendetem Vortrag, daß man über der meisterlichen Wiedergabe die seichte Werth- losigkeit des Stückes vergessen konnte. Die Hörer, Bejard und die beiden Saint Fardies allen voran, klatschten begeisterten Beifall und verlangten eine Wiederholung. Laurent seinerseits bahnte sich einen Weg durch das Gedränge, um zu der schönen Sängerin zu ge- langen und Abschied von ihr zu nehmen, denn er sollte morgen in aller Frühe mit dem ersten Zuge seine Reise antreten. Er hatte der Kousine so viel zu sagen. Vor allem drängte es ihn, ihr für die Güte, die sie ihm die letzten Tage er- wiesen, zu danken und sie zu bitten, ab und zu einmal seiner zu gedenken. Es war ihm indessen nicht möglich, mehr als ein einfaches Lebewohl zu stammeln. Gina reichte ihm nachlässig die Fingerspitzen, sie hielt es nicht einmal der Mühe Werth, sich nach ihm umzusehen, sondern setzte ihr kokettes Plänkelspiel mit Herrn Bejard fort. Laurent verzweifelte schon, von ihr noch ein gutes Wort zum Abschied zu erhalten, als sie sich plötzlich ihm zuwandte und nnt frostigem Tone sagte:„Gute Nacht, Laurent, trachten Sie, sich brav zu halten und etwas Tüchtiges zu lernen l" Das war alles! Herr Dobouziez in eigener Person hätte sich nicht besser ausdrücken können!(Fortsetzung folgt.) Ein kibekanifchlev Das seltsamste Heilmittel sah ich im Orte Kutzia anwenden. Ich hatte ein tibetanisches Lager von einigen zwanzig oder dreißig Zelten betreten, als ineine Ansmerksamkcit durch eine erregte Menge gefesselt wurde, die sich um einen alten Mann, dein man die Kleider -j Aus dein soeben im Berlage von F. A. Brockhaus in Leipzig erschienenen Btiche:„A u f v e r b o t e n e n W e g e N." Reisen und Alwntciier in Twet. Bon Henry S. Laudor. ausgezogen, versammelt hatte. Er war mit Stricken festgebunden. und aus seinem Gesicht spiegelte sich Todesangst wider. Neben dem Leidenden kniete ein großer langhaariger Mann mit rotheni Rock und schweren Stiefeln und betete inbrünstig, indem er sein Gebetsrad, das er in der rechten Hand hielt, herumdrehte. Da meine Neugier erregt war. näherte ich mich der Bersamm- lung, worauf drei öder vier Tibetaner sich erhoben und mir Zeichen machten, wegzugehen. Ich that, als ob ich sie nicht verstände, und nach einer hitzigen Erörterung»vurde mir gestattet, zu bleiben. Augenscheinlich wurde von einem tibetanischen Medizinmann eine Operativ» vorgenommen, und die Spannung der um den Kranken versammelten Menge war groß. Der Doktor war emsig beschäftigt, Zünder herzustellen, die er sorgfältig in Seidenpapier einwickelte.� In der Mitte durchgeschnitten, bildeten sie zwei Kegel, jeder mit einem zusammengedrehten Papierschopfe an der Spitze. Als er sechs oder acht fertig hatte, ließ er seinen Patienten oder vielmehr sein Opfer eine sitzende Stellung annehmen. Ich ftagte, was dem Kranken fehle. Räch dem, was sie mir sagten, und nach einer auf eigene Hand aitgeslelltcn Untersuchung war ich überzeugt, daß der Mann an Hexenschuß litt. Die Kur intercssirte mich jedoch mehr vls die Krankheit selbst, und als der Doktor sah. tvie lehr mich seine Ver- richtunge» fesselten, forderte er mich auf, mich neben ihn z« setzen. Zuerst rief der Mann nach Feuer: eine Frau reichte ihm von einem nahen Feuer einen lodernden Brand. Er schwang ihn in der Lust hin und her und sprach dabei Bcschlvönutgsformeln. Danach wurde der Patient einer griindllchen Untersuchung unterworfen, bei der er jedesmal, wenn die langen knochigen Finger des Arztes seine Seiten berührten, ein durchdringendes Geheul ausstieß, worauf der Mann der Wissenschaft seine mit offenem Munde dasitzenden Zuschauer belehrte, daß der Schmerz dort säße. Jetzt setzte der Doktor eine ungeheure große Brille auf, und nachdem er zuerst die Nabclgcgend des Kranken mit der flachen Hand gerieben hatte, maß er mit dem gebogenen Daumen zwei Zoll jeder Seite und unterhalb des Nabels ab. Zur Bezeichnung dieicr Abstände be- nutzte er das brennende Holzstiick, das er an diese« Stellen auf das Fleisch drückte. „Murr, murr!"(Butter, Butter) war das, was er zunächst ver- langte, und so wurde Butter gebracht. Er rieb ein bischen davon auf jeden Brandfleck. Dann wurde auf jeden derselben ein Kegel gesetzt und so lange gedrückt, bis er mit der Spitze nach oben festsaß. Indem er zuerst die Kugeln eines Rosenkranzes schob, dann die Gebets- »naschine drehte und Gebete murmelte, arbeitete sich der Mcdiziimrann in einen Zustand vollkommener Raserei hinein. Er starrte die Sonne am Himmel an, erhob seine Stimme von schwachem Geflüster zu einem donnernden Bariton, und seine ganze Zuhörerschaft schien von dieser Vorstellung so ergriffen, daß sie alle bebten und zitterten und in ihrem Schrecken beteten. Jetzt faßte er des brennende Holz Iviedcr nervös mit einer Hand und brachte, indem er mit der ganzen Kraft seiner Lungen darauf blies, eine Flamme hervor. Die Aufregung der Menge wuchs aufs höchste: den Kopf zur Erde geneigt, betete jeder inbrünstig. Der Doktor schwenkte das brennende tolz drei- oder viermal in der Lust und führte die lamme dann an die Papicrzipfcl der Kegel. Allem Anscheine nach hatte man zur Herstellung derselben Salpeter und Schwefel gemischt: sie brannten schnell und machten dabei ein Geräusch wie eine breimende Zündschnur. Die Aufregung der Zuschaner war aber in diesem Moment nicht mit der Aufregung des Patienten zu vergleichen, der die Wirkung dieses primitiven Heilmittels zu fühlen begann. DaS Feuer sprühte ihm auf die nackte Haut. Das Mittel wirkte! Schaum kam dem unglücklichen Manne aus dem Munde, seine Augen traten aus ihren Höhlen. Er klagte und stöhnte jämmerlich und machte verzlveifclte Anstrengungen, die Bande zu lösen, die seine Hände auf dem Rücken festhieiten Zwei kräftige Männer sprangen vor und hielten ihn. während der Medizinmann und alle anwesen- den Frauen über die ausgestreckte Gestalt gebeugt mit aller Macht auf die Reste der drei rauchenden Kegel bliesen, die sich tiefer in das Fleisch des unglücklichen Opfers einbrannten. Der Schmerz, über den der Mann geklagt hatte, schien nmd um die Hüsten zu gehen: deshalb begann der sonderbar« Arzt, nachdem er die Arme seines Patienten vom Rücke» los- und vorn wieder fest- gebunden hatte, seine Messungen von neuem, diesmal vom Rückgrat ausgehend. �„Tsehik. ni, sum!"(eins, zwei, drei) rief er aus. während er die drei Stellen wie vorher bezeichnete, sie mit Butter beschmierte und die Kegel auf ihnen befestigte. Nun folgte eine Wiederholung der vor- herigen Aufregung, Gebete, Todesqual und Berrenkuugen.' Aber der Patient war noch nicht gänzlich geheilt, und folglich wurden trotz meines ProtestircnS und Bittens noch iveitcre Kegel' auf seinen beiden Seiten angezündet. Der arme Bursche hatte jetzt einen Kreis schwerer Brandlvuudcn rings um den Körper. Es ist tvohl kaum nöthig zu sagen, daß als die Operation nach zwei Stunden vorüber lvar, ans dem Lkrankcn ein Sterbender gc- tvorden ivar. An der Absicht, von diesem hervorragenden Arzte(er stand bei den Tibetanern in großem Ansehen) einige Winke über Heilkunde zu erhalten, sandte ich ihm ein kleines Geschenk und forderte ihn auf. mich zu besuchen. Er war sehr geschmeichelt und trug kein Ver« langen, seine Methode geheim zu halte», ja, er forderte mich sogar dringend auf, eiuigc seiner unvergleichlichen Heilmittel zu ver- suchen. — 81 Nach seiner Meinung sollte das Feuer die meisten Kraillbeiten heilen; was Feuer nicht heilen könnte, würde Wasser heile». Trotzdem hatte er einige kleine Pallete mit verschieden gefärbten Pulvern, denen er auherordentliche Kräfte zuschrieb. „Ich fürchte. Dein Patient wird sterben," bemerkte ich. „Das mag sein." war die Antwort,„aber daran wird der Patient schuld sein, nicht die Kur. Außerdem, was kommt es darauf an, ob nian heute oder morgen stirbt?" Und mit diesem bcnifswidrigen Diktum verließ er mich.— Vleines Feuilleton —■w— Der Unfall. So, das war wieder nichts gewesen! Der große Konfektionär konnte nur solche Hausdiciicr gebrauchen, die schon im Fache gearbeitet hatten. Ja, so hatte der lebhafte, elegant gekleidete Mann geschäftsmäßig zu ihm gesagt. Nun, für heute war es also nichts mehr. Die große Ilhr drüben über dem Ilhrenladen zeigte schon auf halb drei. Das war die Zeit, wo die Chefs zu Tisch gingen. Er bog in die Leipzigcn'traßc ein. Zwischen Damen mit Pällchen und zum Geschäft eilenden Verkäuferinnen schritten würdevoll, mit dem Ausdruck kaufmännischer Liebenswürdigkeit, mehrere Geschäfts- besitzet'. Einige, denen aus ihrem tadellosen Anzug, der fest- geknüpften Kravatte und den neuen Glaces die übertriebene Solidität, die Pedanterie der Zahlenmenschc» guckte, hatten ihren Regenschirm geöffnet. Doch schützte der sie nicht vor der Fcuchtig- keit, die in ganz feinen, init bloßem Auge nicht erkennbaren Tropfen. die Lust durchzitterte. Vorsichtig setzten sie ihre Füße. DaS Pflaster war glitschig. Auf dem Straßcndamm lag ein zäher Vrei, daß die Wagen schleuderten und die elektrische Bahn unaufhörlich ihr grelles Klingen ertönen lassen mußte. Die Pferde dampfte» und keuchten. Bedrückender Dunst legte sich über die Menschen und die Wagen. Die Geschäftsleute ginge» zu Tisch... Ihn erivarteten wieder fragende Gesichter. Und Essen? Gesteni Abend hatten sie die letzten Brotreste in Wasser aufgelveicht. Ha! Wie glatt dnS hier ist! Beinah' wäre er hingeschlagen. Die Stiefelabsätze, die sind fast ganz runter. Wenn die gerade wären, dann würde er wohl nicht rutschen. Und dann war es auch gerade eine Einfahrt mit großen Steine», die von den viele» tausend Fußgängern, die über sie hinwcggcschritten. blankgescheuert worden. Da mußte ja jeder ausrutschen. Na. da»väre er auch aus- gerutscht, wenn die Absätze grade gewesen wären. Wie das wohl ausgesehen haben mag. als er mit den Händen in der Luft herumfuchtelte, uin sich auf den Füßen zu halten? Lächerlich, recht lächerlich. Er ficht sich flüchtig um. Die Vorübergehenden kümmern ihn alle nicht. Was die dcule». ist ihm gleich. Aber die junge Dame, die schräg hinter ihm geht! Das ,st ihm peinlich, daß sie seine kölnischen Verrenkungen gesehen hat. lind er betrachtet sie heimlich, indem er scheinbar in die Läden sieht, an denen sie vorübergehen. Sic hat gar nichts Auffallendes oder Prahlerisches in der Kleidung. lind doch sieht sie nach besonderem aus: Graues Kleid mit schwärz- lichem Pelz. Aber das Gesicht hat so etlvas Vcrsläiidiiihvolles, Leidendes. Ihm frieren die Hände. Er steckt sie in die Taschen. Jetzt kommt wieder eine Einfahrt mit großen Steinen. Sie ist noch ab- fchüssiger und glatter wie die vorige. Ihm wallt der Ucbcrmuch hoch. Er will stolz, aufgerichtet darüberhin balanziren. Aber in der Mitte wird er plötzlich unsicher. Er glaubt, die junge Dame beobachte ihn, ob er nicht wieder so komische Seiltänzerstüllchen machen werde. Da rutscht er auch schon... Im Thorweg kommt er wieder zu sich. Er lehnt an der Mauer. Zwei Männer halten ihn. lieber seinem Auge sticht es. Mit dem Handrücken drückt er zitternd drauf. ES ist feucht, tvarm; er blutet. Hm, also gestürzt! Mehr vor Schreck als vor Ungeschicklichkeit. Und dann die Schwäche. Seit gestern dem unablässig wie eine Maschine arbeitenden Magen keinen Stoff zum Verarbeite!« gegeben! Und er schließt nochmals die Augen. Er hört, wie die ihn umdrängenden Menschen flüstern und rufen:„Er wird wieder bewußtlos I" Er sieht auf. Neugierige, entsetzte Augen starren ihn an. In manchen liegt auch etwas Ekel. Er sieht an sich herunter; von oben bis unten ist er voll Straßenschmutz. Ganz mechanisch streicht er schwerfällig über die kleine Wunde auf der Stirn. Sie blutet iveiter. Aber sie schmerzt fast garnicht. Nur ein bischen Brennen. Er würde weiter gehen, wenn er sich nicht so schwach fühlte. Das Geräusch der Straße summt ihm in den Ohren. Da dringt eine scharfe Stimuli an sein Ohr:„Der Mann muß nach der Unfall- station! Sofort! Wer weiß, was ihm passirt ist!" Er erkennt den großen 5tonfcktionär. Wie mitleidig das Ge- schäftsgesicht verzerrt ist! Warum hat er ihm keine Arbeit gegeben? Dann hätte ihn die Schwäche nicht so übermannt. Und als alle auf ihn einreden:„Räch der Unfallstation I Nach der Unfallstation I" richtet er sich trotzig auf und drängt sich durch:„Das werden wir nicht machen, und es wird auch gehen!" Die Mitleidigen sind verletzt, entrüstet. Ein Herr, der einen Schutzmann geholt hatte, entschuldigt sich bei diesem, daß der Ver- unglückte den Hohn hört. Nur die junge Dame sieht ihn freundlich, aufinunternd an. Er will gar keine Hilfe. Wenn man ihn verhungern läßt. warum denn nicht auch verunglücken? Und er geht vor der jungen o— Dame her. unsicher, weil er sich von ihr beobachtet glaubt. Regel- mäßig wischt er das Blut ab.-- Kunst. — hl. Eine deutsche Plakat-Ausstellung ist in den Räuinen des ersten Stocks Leipzigerstr. 128 veranstaltet ivorden. Der erste Eindruck, den man von ihr empfängt, läßt schon den starken Einfluß erkennen, den die in allen deutschen Kunstzentren in den Vorjahren veranstalteten Ausstellungen von modernen Plakaten des Auslandes auf die deutschen Künstler ausgeübt haben. Die Prix- zipien des Plakatstils, die in den Arbeiten eines Cherct, Lantrec- Toulouse, in den englischen und amerikanischen Plakaten zum Aus- druck kamen, haben sich auch bei den deutschen Künstlern durch- gesetzt: eine flächcnhafte Behandlung mit einfachen, klaren Kon- turen- und eine ebenso klare, auf wenigen starken Gegensätzen be- ruhende Farbengcbung, so daß ans diesen beiden Elementen ein Bild entsteht, das auch für den flüchtigen Blick aus der Entfernung sofort erkennbar ist und sich einprägt. Da für den Druck eines jeden Farbcntons eine besondere Platte uöthig ist, so konnncn diese Forde- rungen auch den Bedingungen der Technik entgegen; je weniger Platten gebraucht werden, um so besser. Aber andererseits er- fordert gerade diese Einfachheit der Technik ein großes künstlerisches Vermögen, ein feines Gefühl für Linien- und Farbenkomposition. ein gewisses Etwas, das man gemeinhin„Geschmack" nennt und das ebenso wenig zu definireu als zu erarbeiten ist. Gerade dieses letztere war es, ivas an den Plakaten der Franzosen und Amerikaner so sehr gefiel, und— dies ist es auch, woran es den deutschen Plakaten noch so vielfach fehlt. Sehen wir von vorn herein von den in der gegenwärtigen Ausstellung auch noch zahlreich vertretciicn Plakatbildchcn„niedlichsten" Genres ab; auch unter den stilisirenden Plakatentwürfen kommen ganz groteske Arbeiten vor. die um so hilfloser erscheinen, als das Vorbild bei ihnen gar zu deutlich durch- schinrmert. Besonders die Umrandung der Konturen durch eine weiße Linie, die Bradley bei seinen oft einfarbigen Entwürfen anwendete, durch die er die entzückende Grazie seiner Linien so fein zu steigen« irnißtc, hat es vielen angethan. Nur fehlt eben ihren Linien die Grazie; dafür haben aber sie statt der einen woniöglich drei Kontur- liuien in verschiedenen Farben. Ein anderer Amerikaner, Woodbury, hatte prachwoll stilisirte Bäume cntlvorfen, unter denen eine Frau mit ihrem Kinde lustwandelte; hier kehren die Bäume in derselben Art wieder, und an dem einen Ast hängt sinnig— ein Pneumatik, zu dessen Ruhme das Plakat dienen soll. Ueberhaupt finden sich ganz groteske„Ideen". Sicherlich liegt es inr Wesen des Plakats, daß die Idee einem sofort einleuchten, sogar verblüffen muß— damit sie inr Gedächtniß haftet. Aber daß»ran, um eine Zigarette anzupreisen, auf einem riesig hohen Plakat einen Ritter in voller Rüstung zu Pferde auf einen schroff vorspringenden Felsen klettern läßt, um dort Pferd und Reiter den Duft einer Zigarette, die unten brennend liegt, mit allen Zeichen der Begeisterung einathinen zu lassen,— das ist eine jener Ungeheuerlichkeiten, vor denen ein guter Geschmack den Künstler bewahren würde. Dabei ist dieses Plakat von G. Brandt i» seiner künstlerischen Durchführung sehr werthvoll. UebrigenS scheinen sich die Veranstalter der Ausstellung über den Werth der— ohne Jury aufgenommenen— Arbeiten durchaus klar gelvesen zu sein. In dem vordere» Raum ist ziemlich Alles zusammengebracht, lvas ernsthaft in betracht kommt. Es ist nicht allzuviel, aber es sind gute Leistungen darunter. Eins scheint charakteristisch. Die besten Ärbeitei» haben nichts gemein mit jener Leichtigkeit, die an den Franzosen so gefiel, mit der sprüheird lebendigen Kunst der Eheret und Forain; es sind vielmehr ernste, gediegene Werke von einer bedeutend stärker betonten Bild Wirkung. So ist ei» Plakat des Müiichencrs Fritz R c h mv e r t h, von Cisarz. Schmidhammer und N ö s l in München, von Neuen dorn(Düsseldorf) und von den Berlinern Halle, Baluschek, Edel, Brandenburg, von V a n s e l o w u. a. sind beachtenswerthe Arbeiten ausgestellt. Gegenüber diesen meist als Bild gearbeiteten Plakaten fallt die stark stilisirende Art Albert K n a b' s(Berlin) sehr günstig auf, der entweder nur dekorative Linien und Flächen giebt oder etwa aus einer Landschaft die Silhouette einer hochstchciidcn Windmühle nimmt und sie in einen kräftigen Farbenkontrast zu denr Hinter- gründe setzt.— Volkskunde. kg. D i e Macht der Klänge im Volksglanben. In der Zeitschrift„Melusine" wird eine Reihe von interessanten Beispielen dafür zusammengestellt, daß im Volksglauben den Klängen zu alle» Zeiten faszinircnde und mystische Wirkungen zugeschrieben wurden. Im klassischen Alterthum war allgemein die Anschauung verbreitet, daß der Klang, der durch den Schlag auf Eisen- oder Vronzegegenftände hervorgebracht wird, die Kraft hat, jeden Schand- fleck zu entfernen. Nach Apöllodor wurden derartige Klänge aus diesem Grunde bei jeder Art von Sühnnngs- und Heiligungszeremonien ver- wendet. Der Hekate, der mystischen Gottheit des Spuk- und Zauber- Wesens, wurden Hunde geopfert; Sophron sucht dies damit zu crklarcu, das; durch das Bellen der Hunde ebenso wie durch das Schlage» auf Bronze die Gespenster verscheucht würde». Bckauiil ist aus dein Alten Testament die Szene, wie Davids Harfe den bösen Geist in Saul beschwichtigt. Ebenso suchten die Gallier durch den Klang und die Melodie der Instrumente der Eimvirkuug der Dämonen zu begegnen. Die größte Bedeutung haben in dieser Beziehung jedoch die Glocken oder glockenähnliche» Instrumente. Den römischen Kindern wurden häufig kleine Bcrloques aus Metall um den Hals gehängt, zwei in einem Ring, so daß sie leicht ancinanderklangcn. Sic hießen crepundra, das heißt Gegenstände, die ein Geräusch erregen sollen. In Pompeji, in Ungarn, an vielen Orten Rußlands, bei den Letten hat man Halskette» und andere Schmucksachen mit solchen erepuuära gefunden. Im ctruskischcn Saal deS Loubre werden Ohrringe und kleine Glocken aufbewahrt, von denen viele Inschriften tragen wie:„Ich wende den bösen Blick ab" oder„Ich zerstöre den Neid". Beim Triumph deS FuriuS Camillus wurden Glöckchen den zum Tode Geführten umgehängt, damit ihr Anblick den Leuten, die sie sahen, nicht schade. Welche Bedeutung das Glockenamnlett schon früh in der christlichen Kirche hatte, beweist die Thatsachc, daß der Kirchenvater Chrysostomns sich gegen ihren Mißbrauch ivandte. Bon den Hexen heißt es, daß, wenn eine Glocke ertönt, während sie von ihren Dämonen vom Hercnsnbbath zurückgetragen werden, die Träger ihre Last zur Erde ivcrfcn und von Schrecken gepackt fliehen. Auch andere Geräusche schützen gegen Hexen. In manchen Theile» Deutschlands versammeln sich an, Walpurgis-Abend die Männer auf einer Anhöhe, besonders an einen, Kreuzweg, und lasse» i», Tafte Peitschen knallen. In der Oberpfalz läßt der Schäfer in, Frühling, wenn das Bieh auf die Weide kommt, im Namen der Dreieinigkeit seine Peitsche ftiallcn. Soweit der Schall reicht, haben dann die Hexen keine Macht. Oder der Schäfer bläst ins Horn, und dann können während eines ganzen Jahres die Hexen nicht i» den Bezirk komme», den der Klang ausgefüllt hat. In Groß-Rußland hütet n,an Pferde vor dem bösen Blick, indem man kleine Glöckchen in ihren, Zaumzeug anbringt. Auch in China sind die Glocken der gewöhnlichste Talisman; man opfert ihnen sogar Ziegen. Oft tragen die Chinesen aber statt der Glocken selbst unr ihr Bild gemalt oder gestickt auf ihrer Kleidung.— Physiologisches. — Bevölkern» gs Verhältnisse. Die Ergebnisse der Forschungen des Wiener Physiologen Schenk über die Beeinflussung deS Geschlechtes der Nachkommen, die Vor einiger Zeit so großes Aufsehen in der ganzen Welt erregten, habe» vor der„ächte, neu Kritik sich nicht als stichhaltig erlviesen, und hcnte ist kaum mehr die Rede davon. In der Erörterung ftir und wider ist aber merk- würdigerweise eine Thatsache nicht nach Gebühr hervorgehoben worden, ja, vielfach völlig unbeachtet geblieben, welche die einzige sichere ist, die in der ganzen Frage zur Zeit festgestellt werden konnte. Es ist die Beziehung des Alters der Eltern zum Geschlecht der Nachkommen. Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert hat Professor Hofacker in den„Annales d'Hygisne" die Ergebnisse einer statistischen Untersuchung mitgethcilt, von der nur zu bedauern ist, daß sie seitdem nicht in erweiterten, Maße fortgeführt wurde, umso mehr, als Sadler in seinen, Werk über das„Gesetz der Bevölkerung" zu Ergebnissen kain, die dannt vollkon, n,c» übereinstimme». Hiernach ist bei gleichem Alter der Eltern oder wenn der Batcr jünger als die Mütter ist, die Zahl der nlännlichen Geburten um nahezu ein Zehntel geringer als die der weiblichen. Ist der Vater älter als die Mutter, so überwiegt die Zahl der männlichen Geburten die der weiblichen in dem Maße, als das Alter des Vaters das Alter der M, Itter übertrifft. Bei einem um zehn Jahre größeren Alter des Baters konmien auf lOO weibliche Kinder durchschnittlich 123 Knaben. bei einen, um zwanzig Jahre größeren Alter deS Vaters fast 150 und in den Fällen eines noch größeren Altersunterschiedes sogar 200 Knaben. Die fernere statistische Untersuchung ergab, daß bei einem Alter der Väter zwischen 2i und 36 Fahren und einem Alter der Mütter von 36 bis 46 Jahren auf 100 weibliche Kinder nur 63 männliche entfielen, daß dagegen bei einem Alter der Väter zwischen 33 und 48 Jahren und jugendlichem Alter der Mütter(also unter 30 Jahren) die männlichen Geburten 177 pCt. der weiblichen betrugen, bei mittlerem Alter der Mütter dieses Bcr- hältniß ans 114 pEt' und bei noch größerem Alter der Mütter auf 109 pCt. herabging. Das gleiche Berhältniß zeigte sich auch in den Fällen, tvo das Alter der Väter zwischen 48 und 60 Jahren betrug, nämlich ISO pCt. Knaben, deren Mütter zwischen 30 und 40 Jahren, und 164 pCt. Knaben, deren Mütter über 40 Jahre alt waren. Hiernach ist nicht daran zu zweifeln, daß die Altersverhältmffe der Eltern in bezug auf das Verhältniß der männlichen zu den weib- lichen Geburten eine große Rolle spielen.—(Köln. Ztg.) Technisches. t. Eine Riefe im hr wird mit Beginn des kommenden Jahres in Philadelphia ,n Gang gesetzt werden. Ihr Durchmeffer wird 23 Fuß bettagen, der große Zeiger einen Raun, von über einen Fuß in jeder Minnte durchlaufen und über 200 Pfund wiegen. Diese Uhr wird ihren Platz an den, Thurmc des neuen Stadt- h«uses in Philadelphia, 360 Fuß über dem Sttaßcnpflaster. er- halte». vier Zifferblätter besitzen und 120000 Mark kosten' sie wird gegenwärtig in einer großen IlhrciUvcrkstatt in Millvnnkee gebaut. Die Uhr hat kein eigenes Werk, sondern wird pneumatisch durch eine astronomische Uhr in Betrieb erhalten, die so genau als möglich verfertigt werden muß. Diese Haupttihr darf nicht der geringsten Erschütterung ausgesetzt sein, so daß sie nicht im Thunne selbst untergebracht werden kann. Es ivird vielmehr dafür ein besonderer Pfeiler in dem Gebäude erbaut. Ilm sie gegen die Einflüsse von Temperaturschwankungen zu schützen, wird sie in eine große Glasglocke eingeschlossen und mit einer Vor- richtung versehen,' die die Temperatur bis auf 2 Grad unverändert erhält. Die riesigen Zifferblätter am Thurmc werden auS Glas verfertigt und bei der Dimkelhcit von innen erleuchtet. Dies geschieht durch 130 Glühlampen für jedes Zifferblatt, ihre Strahlen werden durch Spiegel verstärkt. An der großen Uhr wird jedoch zweierlei fehlen, was man sonst an Thurmnhren als noth- wendig voraussetzt. Einmal lvird sie nicht die Stunden durch Glockenschläge anzeige», lvahrscheinlich weil man in Amerika neuer- dings sehr gegen die Vermehrung aller Straßcngcräusche eifert, zweitens werden die Zifferblätter keine Zahlen erhalten, sondern die Stunden und Minuten werden nur durch schwarze Flächen bezeichnet. Die Sftmdenzcichcn werden durch 2 Fuß lange und 5/4 Fuß breite schwarze Flecken angegeben, die Minuten durch solche von 1 Quadrat- fuß Fläche.— Humoristisches. — Der deutsche Ehemann.„Warum thust Du, wenn wir spazieren gehen, immer so unnahbar würdevoll, Edgar? Zu Hause kannst Du doch so nett und zärtlich sein." „Aber, beste Ada. kannst Du� denn nicht begreifen: zu Hanse bin ich Dein Männchen, auf der Straße bin ich der Manu!"— („Simplic.") — Unbewußte Selbstkritik...... Laß Dich nicht auslache» Kathi, so die Beleidigte zu spielen, weil Dich imsere Gevatterin einen„Schwaimnerling" geheißen hat l Das ist doch was ganz Gcmnthliches I" „Ich dank' I Schön gemiithlich! Wenn die mich einen Schtvanunerling heißt, dann meint sie gewiß einen g i f t i g e n I"— — W i e' s kommen kann. Richter:„Sie sind wegen Schneklgchcns angeNagk: auch sollen Sie kein Licht gehabt haben.— Bier Kilometer die Stunde und ohne Licht, das ist ja eine kolossale Rücksichtslosigkeit gegen die Radfahrer!" Angeklagter:„Allerdings ging ich ohne Licht, das Ocl war mir ansgegangen, aber ich versäumte nicht, Glockenzeichen zu geben!" Richter:„DaS genügt nicht. Erst kürzlich verunglückte ein Radfahrer durch ein Kind, das ihm ohne Licht in rasende», Tempo unter's Rad lief. Wir müssen Unsere Radfahrer schützen.— 300 M. oder 4 Wochen Haft!"— Vermischtes vom Tage. — Während in anderen Gegenden Deutschlands die Trappen innncr seltener werden, ja incislcnthcits gänzlich verschwunden sind, nimmt, wie die„Voss. Z." berichtet, an, Westrand des Spree- Waldes, namentlich im Dorfe Ragow, dieser große Bogel an Verbreitung innner mehr zu.— — Sonntag Nacht sank bei Rossitten auf dem k n r i s ch e n Haff bei einen, Sturm ein Kahn, wobei vier Personen, zwei Männer und zwei Franc», ertranken.— — Auf der O st see bei Neustrand kenterte, ivie ans Stolp gemeldet wird, ein Fischerboot. Die Insassen, drei Frauen lind e i n M a n n, ertranken.— — Ein Breslau er M n s i k a l i e n v e r l a g kündigt in seinen Anzeigen als besonders einpfehlenswerthe Neuheit einen „Karte n s a m ,n l e r- M a r s ch" a».— — Ein starker Schneefall, ivie er seit Jahren nicht im, diese Zeit vorgekommen ist, wttd ans den bayerischen Alpen gemeldet.— — Die drei Kinder einer Familie in Nagh-Mihaly (Ungarn) erkrankten gleichzeitig unter V e r g i f t n n g s erscheimmgen: zwei sind bereits gestorben, während das dritte noch auf den Tod darnicdcrlicgt.— — lieber den Untergang des Dampfers„Mohegan" lauten die Meldungen noch immer widersprechend. Nach den, einen Bericht waren 130 Personen an Bord, nach den» anderen 133; ge- rettet sind bisher 40 Personen. Gegen den Kapitän werden neuerdings Anklage» laut: eö heißt, er wäre betrunken und der Schiffskurs absolut unerklärlich gewesen.— — Eine 03 Jahre alte Frau bei Dnnn, ow in England radelt noch. Häufig unternimmt sie von ihren, Dorfe aus Fahrten auf ihrem Zweirad, um Einkäufe zu mache».— — Der amerikanische Wettfahrer Edwards hatte sicb verpflichtet, ein Jahr lang täglich 130 Kilometer auf den, Rade zurückzulegen. An, 232. Tage verspürte er die ersten Schmerzen, den Anfang eines Typhnsfiebers, er setzte aber dock, seine Fahrt fort, bis er jetzt, nach 243 Tagen,' zusammenbrach und starb.—__ Vercmtwortlicher A-daktenr: Augnst Jacobe» in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.