Interhaltuttgsblatt des Jorwärts Nr. 20ß. Freitag, den 21. Oktober. 18W 14] (Nachdruck verboten.) Roman von Georges Eekhoud. Sie alle aber sind sammt und sonders Wohl erfahren in allen Künsten des Handwerks, sie verstehen sich meisterlich auf die Kniffe und Schwindelmanöver-, die das Geld der Anderen in ihre eigenen Geldschränke hinüberleiten. Sie alle be- fleißigen sich des Betruges und des Diebstahls, soweit sich die Sache im Rahmen des Gesetzes machen läßt, und demzufolge sind sie auch alle untrügliche Meister in der Kunst, dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen und sich mit geriebenen Gaunerschlichen durch die Maschen des Strafgesetzbuches zu winden. Reich sind sie alle genug. aber in ihrer unersättlichen Geldgier möchten sie gern noch immer ve eher werden. Die jungen Erben tragen schon die müde I.bgespanntheit zur Schau, die das Ergebniß vorzeitiger Sorge und Aufregung ist. Sie haben schon die Greisenstirn stumpfsinniger Lebemänner, die in Genußsucht und verwickelter Rechenarbeit ein Uebriges gethan haben. Obgleich sie sich im Gesellschaftssalon bewegen, beobachten sie einander trotzdem mit aufmerksamen Blicken, als ob es sich für jeden darum handelte, den anderen zu überlisten und hineinzulegen. � Und wie bei den Männern, so trifft man auch bei den Frauen dieselbe Gleichförmigkeit und berufsmäßige Aehnlichkeit. Nur die Verschiedenheit des bunffcheckigen Toilettenfirlefanz verdeckt und verkleidet das allen gemeinsame Wesen. Dicke Mama's schwitzen in ihren enggeschnürten Korsetts, gallsüchtige alte Weiber scheinen eine anstrengende Fastenzeit durchgemacht zu haben, obschon der Preis der blitzenden Edelsteine, die auf ihren Fetzen funkeln und flimmern, ausreichen würde, ein halbes Hundert armer Familien zwei Jahre lang zu nähren. Was die jungen Mädchen anbetrifft, so begegnet man langen, mageren, friihrcffen, naiven, schlanken, drallen, blonden, brünetten, sentimentalen, lachlustigen und verzierten Mode- puppen. Ihre Sinne sind wohl verfeinert, aber ihr Gefühlsleben begrenzt der engste Horizont. Um ihren Freundinnen den Rang abzulaufen, befleißigen sie sich in ihren gesellschaftlichen Beziehungen derselben Raffinirtheit, die ihre Väter, Brüder und Männer bethätigen, wenn es sich darum handelt, einem Konkurrenten ein Bein zu stellen. Und ihre Unterhaltrmg? Sie bewegt sich in den ausgefahrenen Geleifen banalsten Zeitungstratsches. Die Gesellschaft hat sich inzwischen vollzählig eingefunden, und Regina, die Schneiderin, Kammerzofe, Friseuerjn und Felicitas mit allen Reizen geschmückt haben, durchschreitet am Arm ihres Vaters die menschenerfüllten Salons. Unter all den ernsten Herren, die sich mit ihm in gleicher Stellung be- finden, scheint Herr Dobouziez der jüngste und wenigst ver- dricßlichste, wenigstens heute Abend, wo der Widerschein des Vaterglücfs die sonst von sorgender Arbeit verdüsterten Züge sonnig erhellt. Trotzdem hindert ihn diese freudige Erregung nicht, bei der Vorstellung seiner Tochter auf die gcsellschaft- liche Rangordnung schuldige Rüchicht zu nehmen. Bei Gina's Erscheinen geht ein Raunen und Murmeln beifälliger Bewunderung durch die Menge. Laurent würde sich vor Entzücken nicht zu lassen wissen, wenn er die Kousine heute sehen könnte! Irr dem aus Mousseline und weißer Florseide zusammengesetzten Kleid, das eine Unzahl glitzernder Silberpünktchen übersät, Haar und Brustausschnitt mit Mai- glöckchen und Vergißmeinnichtsträußchen geschmückt, erscheint ihre regelmäßige Schönheit mit den untadeligen Linien als das Idealbild der Vollendung, dessen harmonisches Ebenmaß einen Bildhauer um Sinn und Verstand bringen könnte. Diese großen schwarzen Augen, diese rothcn feuchffchimmernden Lippen, dieses edelgeschnittene Gesicht, das an eine antike Gemme gemahnt und von dem rebellischen Gelock des üppigen Haares umrahmt wird. finden in den schwellmwen Formen des Nackens und der Schultern sinngefälligste Ergänzung. Die kleinen koketten Bleistifte, die so hurtig über den satinirten Elfenbeinkarton der Ballkarten eilen, haben inzwischen ihre Arbeit beendet. Die Schönen zeigen einander tuschelnd die Liste ihrer Tanzverpflichtungen, ärgern sich heimlich, den- selben Namen zu finden und trösten sich nur wieder bei der Wahrnehmung, daß dieser Name auf der Karte der lieben Freundin weniger oft vertreten ist wie ans der eigenen. Die jungen Herren Saint-Fardicr sind sehr begehrt. Sie dntzen alle Herren und sind in alle jungen Mädchen verschossen. Aber in erster Linie sind es doch die kleinen Vanderlings. die es ihnen besonders angethan haben. Die weit ausgeschnittene Weste dieser Salonlöwen ist so wenig zugeknöpft wie ihr Mund, der von witzigen Bemerkungen überfließt. Sie amüsiren sich augenscheinlich aufs beste und geruhen, ihr Urtheil über den Abend in die Worte zusammenzufaffen,„daß es fast ebenso schön wie auf dem letzten Balle beim Grafen d'Hamberclina ist". Ihr würdiger Erzeuger, der sich in seinen Gesellschafts- anzug nicht sonderlich behaglich fühlt, fchwadronirt und fuchtelt mit den Armen herum, als wenn er es mit feinen Fabrik- arbeitern zu thun hätte. Angela und Cora tragen mit kecker, jungenhafter Un- genirtheit die auffallenden, auf die effektvolle Blendwirkung berechneten Toiletten, die der Kombinationsgabe ihrer Mutter ihr Entstehen verdanken. Frau Vanderling, die Tochter eines rcichgelvordencn Kunsttischlers aus dem Faubourg Saint-Antoine in Paris, sieht auf die Kaufleute und NichtPariser mit hochmüthiger Mißachtung herab. Nur Gaston und Athanase Saint- Fardier de la Bellone, die doch wenigstens in Paris erzogen worden waren, finden noch Gnade vor den Augen der Pariserin, wie Frau Vanderling gemeinhin genannt wird. Kaum hatte sie bemerkt, daß die beiden Stutzer ihre Töchter mit Ans- Zeichnung behandelten, als sie es sich auch angelegen sein ließ, Angela und Cora zu entschlossenem Vorgehen anzuhalten. Die kleinen, herausfordernden Fräuleins sind nicht umsonst bei ihrer Mutter in die Schicke gegangen, die sich auf solche fein eingefädelte Licbcsintriguen wie eine gewerbsmäßige Kupplerin versteht, und lassen ihren schmachtenden Sekadons so wenig Ruhe, daß es fast so aussieht, als ob das Wild den Jäger verfolgt. Ihr Vater, der be- rühmte Vanderling, eine Zierde der Antwerpener Juristenschaft, überläßt seiner lieben Frau gern die Sorge, die Töchter an den Mann zu bringen, er hat sich in das kleine Spiel- zimMer zurückgezogen und berichtet seinen aufhorchenden Zu- Hörern zwischen zwei Whistparticn ausführlich über die neueste Liebestragödie, deren Helden er demnächst vertheidigen soll. „Eine ganz ungeheuerliche Geschichte im Genre Lord Byron, so etwas wie Lara oder der Korsar in die nackte Wirklichkeit übertragen!" bemerkt er. während er mit der Rechten feinen langwallenden Apostelbart liebkosend streichelt, eine Gebärde, die er einem alten französischen Advokaten, der als Ber- bannter des Kaiserreichs nach Antwerpen gekommen war, ab- geguckt hat. Da ist auch Herr Freddy Bejard in Begleitung des unvenneid- lichen Dupoissy, seines Schattens und Strohmannes, wie ihn die bösen Lästerzungen zu nennen belieben. Herr Dupoissy ist der Planet, der seine Wärme und sein Licht von der Sonne ööjard empfängt. Alles, was ist, verdankt er dem allmächtigen Rheder. Die Geschäftsfreunde würden in nicht geringe Ber- legenheit gerathen, wenn sie klipp und klar die„Branche" be- zeichnen sollten, in der Elvi Dupoissy eigentlich thätig ist. „Macht" er in Getreide, Kaffee oder Zucker? Je mm, er „macht" in allem und in keinem. Wenn man ihn allein trifft und ein Gespräch mit ihm anknüpft, wird er sich un- wcigerlich nach zwei Minuten mit besorgter Miene nach dem Verbleib seines Herrn und Meisters Bejard erkundigen. Im Kiel- Wasser seines Gönners segelnd, ist es ihm geglückt, sich überall Eintritt zu verschaffen. Dieser Handlanger schreckt vor keinem Auftrag zurück, mit dem ihn der allmächtige Rheder betraut. Wenn der spcichelleckerische Biedermann und aalglatte Schleicher den Mund aufmacht, muß man unwillkürlich an einen sanges- wüthigen Karpfen denken, der sich in Positur setzt, um ein Beranger'sches Lied anzustimmen. Dupoissy stammt aus Seda» und will dort Tuchfabrikant gewesen sein. Zur weiteren Charakteristik des Mannes sei noch erwähnt, daß er von dem kleinen Lande, das ihm Gastfreundschaft gewährt, in jenem nachsichtigen Gönnerton spricht, der im Munde der Vertreter der„großen Nation" so verletzend klingt. Er glaubt sich im eigenen Haus, wie Tarülffe bei Orgon, mischt sich in alles. macht in Lokalpattiotismus, wettert gegen die böse moderne Literatur und verbricht hier und da einen Journalartikel. Dupoissy tanzt nicht, sondern rühmt, während sein Be- schützer schneidig das Tanzbein schwingt und mit Regina - — 8i hernmspringt, vor den Zuschauern die Zauberinacht Terpsichore's und ergeht sich mit dem lüsternen Schnalzen eines feisten Schwunges in schlüpfrigen Jugenderiunerungen. Dann spricht er mit geziemender Ehrfurcht von dem schönen Paar, das Herr Bsjard und Fräulein Regina bilden, das erweckt in ihm allerlei allegorische Bilder und läßt ihn an die Schönheit denken, die den: Aufschwung des Genius ihren Beistand leiht. Derartige poetische Anstrengungen machen begreiflicher Weise warm und wirken stark anregend auf den Appetit, es ist des- halb ganz natürlich, daß der begeisterte Lobredner die Ab- Wesenheit des Herrn beuützt, um sich am Büffet reichlich durch Speise und Trank zu stärken. Die Stimmung der Gesellschaft wird von Tanz zu Tanz lebhafter. Die drei Konimis, die einigen Töchtern mit Glücks- gütern nicht gesegneter Beamten, gegen die die Dobouziez Verpflichtungen haben, vorgestellt worden sind, entledigen sich gewissenhaft ihrer Anstaudspflicht, und da diese jungen Mäd- chen nicht minder hübsch, aber ein gut Theil liebenswürdiger als die unnahbaren Erbinnen sind, so erachten sich die Feder- Helden ebenso glücklich wie die Bejards, Saint Fardiers und Konsorten. Die auffällige Aufmerksamkeit, mit der Bsjard sich uni Fräulein Dobouziez beniüht, verfehlt nicht die Mütter zu beunruhigen, die auf den Rheder für ihre Töchter oder auf die Tochter des Industriellen für ihre Söhne speku- liren. Allgemeine Uebcrraschung erregt es auch, daß der von Gina besonders ausgezeichnete Tänzer kein anderer ist, als der Getreidehändler Theodor Bergmans oderDoor den Berg, wie ihn seine Freunde vertraulich nennen. Door Bergmans nimmt auf diesem Markt von Egoisten und Rückschrittlern durch sein geistiges Uebergewicht und die Weite seines Gesichtskreises eine ausgesprochene Sonderstellung ein. Er ist noch jung, kaum fünfundzwanzig Jahre alt, die man ihm obendrein noch nicht ansieht. Rassig, kraftstrotzend und vollblütig, eine hohe, achtunggebietende Figur, die die größten der hier anwesenden Männer um mindestens Haupteslänge überragt; flachsblonde, leicht gelvellte Haare, die sich über der breiten Stirn dicht und stark aufrichten; die tiefliegenden Augen, deren Blick sich sanft und forschend zugleich auf Menschen und Dinge richtet, haben tiefblaue fast violette Pupillen, die im Wechsel der Gedanken tiefere oder hellere Farbtöne annehmen, wie ein Wasserspiegel unter dem Spiel der Wolken; die Nase ist stark entwickelt und unmerklich gebogen, den feingeschnittenen Mund mit dem leichten spöttischen Zug beschattet ein schneidiger Schnurbart, während einer jener Zwickelbärte, wie wir sie auf Frans Hals Porträts sehen, das Kinn schmückt, und die klare, volltönende Stimme durch- zittert jener eindringliche Herzcnston, der faszinircnd auf die Menge wirkt und der mit dem ersten Wort der Rede die Seele der Hörer gefangen nimmt. Es ist eine jener Stimmen, denen eine zwingende Zaubermacht innewohnt und deren musikalischer Reiz Sinn und Inhalt der Rede erst in zweiter Reihe in betracht kommen läßt. Bergmans ist der Sohn eines kleinen Fischhändlers aus dem Krabbengäßchen, der mehr Aale als Häringe und andere Seefische verkaufte. Ter ständige Aufenthalt in dem nüt Fischvorräthcn gefüllten Keller und das Leben in der mit Jod und Brom ge- schwängerten Luft hat gewiß sein Theil dazu beigetragen, ihm die frische, naturwüchsige Gesundheit zu geben, die eine bc- rechtigte Eigenthümlichkeit der Schiffer und Fischer ist. In der Bürgerschule, die ihm die Eltern auf den Rath der Kunden, denen der geweckte Sinn des klugen Jungen auffiel, besuchen ließen, befleißigte er sich eines jammervollen Bc- tragens, dafür brachte er aber alle Preise mit nach Haus. Er zeichnete sich vor allen durch ein untriigliches Gedächtniß aus, machte die besten Aufsätze und deklamirte wie ein Schau- spielcr. Als er einmal das flänrische Theater besucht hatte, war er von Stund' an ein begeisterter Anhänger der niederländischen Sprache, der wahren Mundart seines Volkes. Mit fünfzehn Jahren ließ er ein Theater- stück eigener Mache aufführen. in einem inr Tunnel der alten„Flcischhalle" aufgeschlagenen Kasperl-Thcater, das sich des Besuchs des jungen Volkes der in dem Stadtviertel wohnenden Schiffsbauer und Muschelhändler zu erfreuen hatte. Nachdem er die Bürgerschule durchgemacht hatte, hing er das Studium' anZdcn Nagel, in der Ueberzeugnng, sich ohne Lehrer weiterbilden zu können. Er trat ins väterliche Ge- schäft ein, und seinem liebenswürdigen Wesen, seinem schlag- fertigen Witz und seiner verständigen Art, die Leute zn nehme», gelang es unschwer, den Kundenkreis wesentlich zu vergrößern. Im Kleiubürgerthum stand damals, wie heute, Vereinsnieierei in üppigster Blüthe, politische und musikalische Gesellschaften, Vereine der Taubenfreunde und Gott Iveiß von was sonst noch schössen wie Pilze aus der Erde. Bergmans, der schon auf der Schule auf seine Mitschüler unwiderstehlichen Einfluß ausgeübt hatte, brauchte nur einem dieser Vereine als Mitglied beizutreten, um nach kurzer Zeit schon auf einhelligen Beschluß zum Vorsitzenden ernannt zn werden. Seit damals zog ihn die Politik mehr und mehr in ihren Bannkreis. Es war eine weitansschauende Politik, die er vertrat, eine Politik, die sich auf die Bedürfnisse des Volkes gründete und die sich in erster Linie dem Charakter, den Sitten und Lebensgewohnheiten der heimischen Rasse an- paßte. Die Bewegung, die die Wiedererweckung des nationalen Gedankens im Auge hatte, war durch seine Initiative ins Leben gerufen worden und sicherte ihm die Heerfolge der ge- sammten flämischen Jugend. Aber über den weitgesteckten Zielen vergaß er auch die Sorge für seine materielle Zukunft nicht. Das Glück war ihm dabei überaus günstig. sFortsetzung folgt.) (Nachdruck veriotm.)_ Nftnuzen» mcldjc dieI�d nnsuben. (Schluß.) In»Deutschland besitzt die Venus- Fliegeufalle eine Verwandte, die gleich ihr den Jnseltcufaug betreibt und auch in derselben Weise. Es ist dies die �lärovauäia, ein zartes, frei schwimmendes Wasserpflänzchen, dessen Wohnsitz kleine Teiche und Tümpel bilden. Die Fangmcthode der AWrovandia ist fast die gleiche wie die der Dionaea. nur ist letztere ein Land- und jene ein Wasser- räuber. Ihre Beute besteht aus kleinen Wasserthierchcn, hauptsächlich Süßwasser- Krebschcn niedlichen Genres, um die die beiden Blatthälsten, sobald sie dieselben nur im geringsten berühren, unbcrziiglich zusammenklappen, lieber die Art der Verdauung bei der-Akirovauclia sind wir noch nicht genau unter- richtet, ja es steht noch nicht einmal fest, ob überhaupt die Auf- nähme eines Vcrdanungsstoffes stattfindet. Das portugiesische Thaublatt(vrosopbz'IIum) gleicht in seinem Jagdverfahren dem Sonnenthan, und auch das gemeine Fettkraut(Pinguicula vulgaris) sondert aus seinen Drüsen einen klebrigen Schleim ab, mittelst dessen es sich seiner Opfer versichert, worauf sich der Rand des zungcn- förmigen Blattes um das gefangene Thier hcrumrollt. Noch immer erscheint es nicht völlig klar, wie die dem Zivecke des Thierfangcs dienenden Bewegungen der eben geschilderten Pflanzen zn stände kommen. Zweifellos sind es Reizbewegnngcn, die durch ge- wisse Einflüsse— die Berührung eben der Insekten— ansgclvst werden. Vcrmnthlich spielt hierbei die durch den Reiz hervorgerufene Veränderung im Zellinhalt der Gewebe der Pflanze, der Wechsel der Spannung, eine Rolle, es läßt sich aber auch annehmen, daß bei der Fortpflanzung des Reizes elektrische Ströme im Spiele sind, als deren Träger— da Nerven und Muskeln bei der Drosera fehlen— lediglich das lebende Protoplasma der Zellen anzusehen ist. Ein bloßer mechanischer Reiz genügt durchaus nicht, um alle geschilderten Erscheinungen hervorzurufen. Wind und Platzregen bringen durchaus keine Einwirkung auf die Tentakeln des Sonnenthaus hervor, und betrügt man die Pflanzen mit einem festen Körperchen. etwa einein Glassplitterchen, so ivird der Gegenstand ivohl zunächst von den Fangtverkzeugen eingeschlossen, aber bald und ohne, daß auch nur ein Vcrdaunngsprozeß versucht worden ist, wieder frei- gegeben. Bei den bloßen„Trappern" und„Fallenstellern" koinmen solche selbständige Belvcgnngen der Blätter nicht vor. Die Mittel, deren sie sich bedienen, ihre Beute zn erlange», bestehen lediglich in der Auslegung von Fallen, in denen sich Insekten und andere kleine Thiere zu fangen vermögen. Als solche Fallen erscheinen uns besondere, dem Jnscktenfang dienende Organe der Pflanze, deren seltsame Einrichtung eS den begehrten Thicren ivohl ermöglicht. hinein-, aber nicht wieder herauszukriechen. Wie alle„Fallensteller" bedürfen die Pflanzentrapper oder Trappcrpflanzen eines Lockmittels, um ihre Opfer anzulocken. Dazu dient ihnen in vielen Fällen die schöne Farbe oder auffällige Form des Fangorgans oder auch die Ausscheidung eines süßschmcckenden Saftes, nach dein viele Insekten besonders lüstern sind. Letzteres ist der Fall bei Sarracenia Drummondii, der die hohlen, schlauch- oder trichterförmigen Blattstiele als Fangapparate dienen. Das kleine Blatt sitzt auf den Blattstielen, den Trichtern, gctvissermaßen als Deckel auf und schlitzt die Schläuche vor dem Hineindringen des Regens. Die prächtige Färbung des oberen ThcileS der Schläuche, die denselben fast als eine schöne Blüthe erscheine» läßt, wirkt ebenso verlockend auf die umherfliegenden Insekten, ivie die an der Mü»- &img des Trichters ausschwitzenden Honigtropfen, die beständig in den Grund des Schlauchs hinabsinken. Gelangen nun Insekten auf die schlüpfrigen Stellen, Ivo der Honig zur Ausscheidung gelangt, dann rutschen sie in das Innere der Röhre hinab, die sie, wenn einmal darin, nicht wieder verlassen können, da das Innere mit zahlreichen nach abwärts gerichteten Haaren besetzt ist, so daß die Gefangenen Ivie bei einer in derselben Weise konstruirtcn Mausefalle die Mäuse, wohl hinein, aber nicht wieder heraus können, da sie von den Spitzen der Haare zurückgehalten werden. Die reichlich zur Ausscheidung gelangende Verdauungsflüssigkeit macht ihrem Leben bald ein Ende, sie iverden bis auf die harten Chitintheile zersetzt und aufgesaugt. Bei einer verwandten Art sLarraoorüi» xurxuroa) breiten sich die kanuenförmigen Blätter auf dem Boden aus, um kriechendes Gethier aufnehmen zu können, auch halten ihre Trichter das Regenwasser nicht ab, sondern fangen es im Gegentheil auf; die Schläuche sind zum thcil damit angefüllt und das Ende der gefangenen Insekten tritt durch Ertrinken ein. Die Jagdbeute der Sarraceuien ist oft eine so überaus reiche, daß die Vögel bei ihnen zu Gaste gehen und sich einen Theil der Ge- faugenen ohne Dank und Bescheidenheit aneignen. Die Schläuche der varlinZtoni» o-üikormen sind schwach gekrümmt und halten die Oefsnung nach unten gerichtet, wes- halb ebenfalls kein Regen eindringen kann. Der Wasserschlauch (Utrieularin vulgaris) treibt seinen Sport im Wasser, indem er frei umherschwimmt. Seine Fangapparate bestehen in an den Blättern sitzenden, die Forin niederer Süßwasscrkrcbse täuschend nach- ahmenden Bläschen, die mit einer Art Mundöffnung versehen sind, die wiederum eine Ober- und Unterlippe aufweist und die von borstigen Haaren umgeben ist. Die Oberlippe bildet eine elastische, gleichsam vor der Oeffuung ausgespannte iilappe. Mit Leichtigkeit schiebt sich diese zurück, sobald ein Insekt dagegen stösst, nach außen öffnet sie sich dagegen nicht, und was einmal in die Blase gelangt ist. bleibt darin gefangen, bis es zu Grunde geht. Oftmals vergehen 3—6 Tage, ehe die armen Opfer durch Hunger und Erstickung den Tod gefunden haben und nun für die Pflanze ausgesaugt und nutzbar gemacht werden. Im Besitz der auffälligsten und eigeuthümlichsten Faugapparatc befinden sich aber die in den Ländern des Indischen Ozeans heimischen berühmten Kauneupflanzen fNepenthes). Die ansehnlichen Blätter der eigcnthümlichcn Kletterpflanze laufen an der Spitze in lange, um Baumzweige geschlungene Rauken aus, von denen das Fang- organ, ein großes hohles Gebilde von krug- oder kanncnähnlichcr Gestalt, senkrecht herabhängt. Die außen vielfach schön gezeichneten Gesäße sind nüt einem Anhängsel versehen, das einen förmlichen Deckel bildet, der indessen einen Verschluß der Kannen nicht herbei- zuführen vermag. Das Lockmittel tilden auch hier der schöngefärbte Rand des Gefäßes und ein süß schmeckender Honigsaft: im Begriffe, sich des Nektars zu bemächtigen, gleiten die Thicrc vom Rande der Kanne ab und ertrinken, ebenfalls durch einen Kranz von Haaren mit abwärts gerichteten Spitzen am Wieder- herauskommen verhindert, in der Flüssigkeit, die die Kanne enthält und die von den im unteren Thcilc befindlichen Digestionsdrüscn in großer Menge ausgeschieden wird. Die Füllung besitzt aber nicht die Fähigkeit, zu verdauen, erst durch den Reiz des hineinfallenden Insektes wird die Ausscheidung des die Verdauung vermittelnden Sekrets herbeigeführt. Bemerkt sei noch, daß es sich bei den Kannen der Nepeuthespflanzcn zum thcil um recht ansehnliche Gefäße handelt, die selbst ein Besucher des Münchener Hofbräuhauscs nicht vcr- achten würde. Ecrrcichcn doch manche eine Länge von mehr als 30 Ccntimetcr bei einem Durchmesser von 6—7 Centimeter, so daß selbst Vögel in die oft mehr als zur Hälfte gefüllten Kannen hinein- gcralhcn und in der Flüssigkeit ihren Tod finden. Zum Schluß noch einige Worte über die Bedeutung der In- scktcnnahrung für die„die Jagd ausübenden" Pflanze». Durch zahl- reiche angestellte Versuche ist der Nachweis geliefert, daß die aninialische Nahrung für die Jnsektenfänger nicht, wie man früher annahm, ein unabweisbares Bedürfniß ist. Solveit zu übersehen. vermögen sie auch ohne Fleischnahrung recht gut zu bestehen; doch verleiht die Aufnahme von Jnscktcunahrung den Exemplaren, die hierzu Gelegenheit haben, ein nicht unbeträchtliches Ucbcrgcivicht über die am Faust verhinderten Individuen. Nach den V-rfuchcn von Francis Darwin, des Sohnes dcS berühmten Naturforschers, entwickelten sich mit Fleischnahrung versehene Droscrapflanzcn iveit kräftiger als die ohne solche gelassenen. Einige Juscktivorcn ivaren übrigens schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, der Ämerikancr Ellis erwähnte sie bereits in einem Briefe an Liimo, die allgemeine Aufmerksamkeit wurde jedoch erst durch Darlvin'S Werk über die insektenfressenden Pflanzen auf den interessanten Gegenstand gelenkt.— H. Röme r. TUoinrs Feuilloko»» —o— Herr oder Meister? Der alte Maler erzählte: Ich befand mich damals in jeuer seligen Bräutigamsstimmung, in der man jede Thorheit für etwas Bedeutungsvolles, Sinnreiches hält. Und das hat auch etwas für sich.... Na, ich lvollte meiner Frau den Gefallen thun, die Hochzeit so feierlich wie möglich zu machen. Ich ging also zum ersten Pastor der kleinen Stadt, in der meine Braut wohnte und in der ich meine Maleriverkstatt und Anstreicherei einrichten lvollte und verlangte eine Trauung. Ich muß sagen, der Pastor war ein gcmiithlichcr alter Herr. Er kam in seinem Hausrock in das Amtszimmer und redete mich immer„lieber Sohn" an. Auch recht lcbensklug war er. Er warnte mich, die Hochzeit gar zu üppig zu machen. Das wäre nur Prahlerei und widerspreche der christlichen Einfachheit, lieber- dies sollte ich mein Geld nur recht zusammenhalten. Junge An- fänger müßten sehr vorsichtig mit ihrem Gut umgehen! Auch wäre es keine Schande, seine Verhältnisse ehrlich zu bekennen. Und demüthige Arme wären der Kirche lieber, als protzige, trotzige Reiche.„Denn es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Himmelreich komnic." Ich freute mich, so einen vernünftigen Pastor getroffen zu haben, der mir nicht die theuerste Trauung aufdrängelte. Als ich nun meine Spesen erlege, fragt er mich so obenhin:„Soll ich Sie Herr oder Meister anreden?" „Natürlich Herr," autivorte ich ohne Hintergedanken. „Dann müssen Sie drei Mark mehr zahlen!" meint er salbungsvoll. „Ja, dann lväre ich ja ein Reicher!" sag' ich drauf.„Und ich will das doch nicht gerne sein, dieweil ich ins Himmelreich niöchte." Streich mein Geld wieder ein und mache mich davon.— Literarisches. k. Eine neue S a nr m I u u g B u d d h i st i j ch e r M a u u- s k r i p t e ist kürzlich dem asiatischen Museum der russischen Akademie der Wissenschaften durch den russischen Generalkonsul Pctroivsky in Kaschgar zugegangen. Die Manuskripte sind thcils im Sanskrit geschrieben, theils in einer bis heute unbekannten Sprache. Zwei dnti'ren aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Sie sind auf lauge Rollen geschrieben, die aus der 3lindc einer Birke geschnitten sind. Außerdem hat das Museum noch zwei alte Manuskripte mit ganz unbekannten Buchstaben von einem schwedischen Missionar in Kaschgar gekauft.— Erziehung und Unterricht. t. Einen neuen Apparat für den Blinden- Unterricht stellte Dussand der Pariser Akademie der Wissen- schaften in der ersten Oltodersitzung vor. Der Apparat soll Blind- geborenen die Möglichkeit geben, sich eine Vorstellung vou den Bc- wegungcn der belebten und unbelebten Wesen in der Außcmvelt anzueignen, z. B. über den Flug der Vögel, über das Branden der Meereswogen, das Auf- und Niederscknvankcn von Baumzweigen u. f.! w. Der Apparat besteht aus einer Anzahl Reliefs, die einen beweglichen Gegenstand in seinen verschiedene» auseinander folgenden Stellungen abbilden, diese sind alle von gleichen« Durchmesser und werden ähnlich den Anschütz'schen Augenblicksphotographicn hintereinander auf einem Streifen befestigt, der unterhalb einer der Größe der Reliefs entsprechenden Ocffnung vorübcrbelvcgt wird. Der Blinde soll nun, indem er die Spitzen seiner Finger auf diese Oeffuung legt, die Bewegung des vcrsinn- bildlichten Gegenstandes kennen lernen, da er die Empfindung empfängt, als ob ein einziger Gegenstand fortschreitend unter seiner Hand vorübcrlicfe.— Kulturgeschichtliches. gk. U e b e r die Koralle i in A l t e r t h u m macht Salomon Rcinach einige interessante Mittheilungen. Die Koralle ist schon seit dem 5. Jahrhundert vor Christi den Griechen bekannt. Bei Griechen und Römern fand sie aber nur selten Verwendung. Die östliche Gegend Galliens, besonders das Departement der Marne, ist das einzige Land, in dem man eine große Zahl von Bronzegegenständen mit Korallcnschmuck findet. Sie gehören aber einem sehr beschränkten Zeitrauni an, der etwa in das 4. Jahrhundert und den Anfang des 3. vor Christi zu fallen scheint. Später, zur Zeit Cüsnr's und der römischen und fränkischen Herrschaft in Gallien findet man keine Korallen mehr. Die Erklärung dieser Thatsache tvird schon von Plinius nahe gelegt und durch eine zeit- genössische griechische Arbeit über die Umschiffung des rothen Meeres bestätigt. Im dritten Jahrhundert begann nämlich eine so große Nachfrage nach Korallen, daß alle Korallenfischereien Galliens, be- sonders die der Hherischcn Inseln, von dem griechischen Handel aus- gebeutet wurde», der seine Produkte von Marseille nach Alcxandria, und von da nach Indien brachte. Dort tauschten die Griechen für die Korallen Perlschuüre und Spezereicn ein. Bald ivar der Korallenreichthum Galliens erschöpft, und an ihre Stelle trat das Einail.— Aus der Urzeit. — Vor etwa 40 Jahren fanden Bauern im Gouvernement Cherson ein großes fossiles Vogelei, das die Straußeneicr an Länge und Breite noch etwas übertraf. Nachdem es mehrfach den Besitzer gewechselt hatte, wurde es endlich verschiedenen wissen- schaftlichcn Anstalten Rußlands für den Preis vou 1000 Rubel zum Kauf angeboten. Professor Alexander Brandt in Charkow erhielt die Erlaubniß, einen Gipsabguß herzustellen und ver- öffcutlichte auch eine Beschreibung des Eies. Da aber der Preis zu hoch ivar, so nahm man vou den« Ai«kauf Ab- stand, und das Ei kau« wieder in die Hände seines letzten Besitzers, der es für eine geringere• Summe nicht hergeben lvollte. Er bewahrte es längere Zeit a«lf, bis eS endlich durch irgend einen Zufall in viele Stücke zerbrach. N«««« wurden wenigstens die Trümmer für die Wissenschaft gesichert; sie kamen in das Peters- burger Museun«, wo man sie. so gut es ging, wieder zusammen- setzte. W. v. Nathusius, der ein Stückchen zur«nikroskopischen Untersuchung erhalten hatte, fand, daß der Bau der Schale sich nicht von dem der Eier des aftikanischen Straußes(Ltrutdio camelus) unterschied>nd schloß daraus, daß das Ei von einem zur Gattung Struthio gehLrigen Vogel herstammen müsse. Brandt hatte jedoch wegen der Grös;e des Eies schon einen neuen Gattungsnamen eingeführt und das unbekannte Thier LtmUnolHIms chersonensis genannt. Vor kurzem ist nun von einem Chinesen in einem kleinem Dorfe Nordchina's ein zweites in Gröhe und Gestalt mit dem in Rußland gefundenen fast völlig übereinstimmendes Ei ausgegraben worden. Der Finder brachte es dem ihm bekannten anierikanischen Missionar Sprague in Kalgang (etwa 2ö Meilen nordwestlich von Peking), und dieser liest es nach Amerika bringen, wo es augenblicklich im Museum für vergleichende Zoologie zu Cambridge, Mass., aufbewahrt wird. Nach einer von Herrn C. R. Eastman ausgeführten Messung ist die Längsachse des Eies 13 Ztin., die Querachse 14,75 Ztm., der Rauminhalt 1897 Kubik- zentimeter. Bei dem russischen Ei von LtrutinditKus sind die entsprechenden Zahlen 18 Ztm., 15 Ztm., 2075 Kubikztm., beim Ei des afrikanischen Straustes 16,4 Ztm., 13,40 Ztm., 1424 Kubikztm. Bei- läufig sei erwähnt, dast die 8rrut.hic>Iithu8- Eier noch lange nicht die grösttcn Vogeleier darstellen, die, natürlich fossil, aufgefunden worden sind; die neuseeländischen Moa- Eier haben mehr als das doppelte, und die Eier der Rieseuvögcl Madagaskars(Aepyornis) zum theil sogar mehr als das fünffache ihres Rauminhaltes. Die Schichten, aus denen das chinesische Struthiolithus- Ei stammt, sind zweifellos diluvialen Alters. Für die viel behandelte Frage nach der Abstammung und Verwandtschaft des afrikanischen und des amerikanischen Straustes(klbeo.), die einander sehr ähnlich sind, ist der Fund nach Eastman's Ansicht von Bedeutung, da er in der Kette von Fundorten fossiler Strautzenreste sSamos, Indien, Neu- Mexiko) zwischen den heutigen Gebieten von Ltrutäto und Ubea ein weiteres Glied bildet.—(„Voss. Ztg.") Nns der Pflanzenwelt. — Ms ein für unkultivirtes Moor sehr brauchbarer Baum wird der Lebensbaum, Thuja occidentalis, empfohlen. In„Bodenkultur und Wasserwirthschaft" wird über denselben folgendes mit- gctheilt: In ihrer Heimath Ostamerika liebt die Thuja kalte sumpfige Lagen an Flustufcrn, sie erreicht unter günstigen Verhältnissen 1,4 Meter Durchmesier und 30 Meter Höhe. Das Holz ist tveich und leicht, der Kern gelblich gefärbt, austcrordentlich dauerhaft, frost- hart und besonders gut geeignet für Schwellen, Zaunpfosten, Hopfen- stangen, Obst- und Rebpfähle u. f. w. Sie ist ziemlich raschwüchsig und wenig empfindlich gegen bedeutende Beschattung. Für forstliche wecke ist die Thuja auch bei uns als Schutzholzart(Vorbau) bei ufforstung sumpfiger Wiesen und Oedflächen zu empfehlen, da sie groste Nässe, Trocknist, Kälte und Hitze gut erträgt. Auch als Unter- Bauholzart sowie als Haupt-Holzart mit Erlen und Birken an sumpfigen Stellen und als Pionirholz auf Moorboden, wo sie in kleineren Versuchen selbst ohne Vorbereitung des Bodens durch Düngung und Entwässerung freudig wächst, während Birken ver- kümmern, ist sie sehr brauchbar. Die Thuja must jedoch vor Rehen geschützt werden. Technisches. b. Der älteste Automat. Die nawrwisscnschaftlich- technische Zeitschrift„Mutter Erde" bringt eine Abbildung des ältesten Verkaufsautomaten, der, wie die Meisten wohl zu ihrer lieber- raschung vernehmen werden, bereits 2000 Jahre alt ist. Sein Ver- fertiger ist der berühmte Mathematiker und Physiker Heran, der um 100 v. Chr. in Aexandria wirfte. Sein Automat ist den heute benutzten überraschend ähnlich. Er hat die Form einer geschlossenen Vase, in deren Deckel sich eine Einwurfsöffnung für ein Geldstück (5 Drachmen etwa gleich 3 Mark) befindet. Sowie das Geldstück hinunter fällt, belastet es die eine Seite eines Hebels, dessen anderer Arm infolge dessen etwas gehoben wird, und dadurch eine Ausflust- öffnung für Wasser frei giebt. Das Wasser fliestt nun eine kurze Zeit hindurch aus, bis das Geldstück von dem schräg stehenden Hebel- arm herunter geglitten ist, alsdann sinkt der andere Hebelarm wieder und verschliestt dem Wasser den Weg. Heron bestimmte den geistvoll ersonnenen und in seiner Ein- fachhcit von grostcr Genialität des Erfinders zeugenden Apparat dazu, in der Vorhalle eines Tempels aufgestellt zu werden; dort konnten die Gläubigen gegen das zum besten der Götter und ihrer lieben Diener, der Priester geleistete Opfer von 5 Drachmen Wasser zur symbolischen Händewaschung erhalten, um das Gotteshaus als „Reine" zu betreten. Arme Leute konnten sich diese Ausgabe fteilich nicht leisten, und daraus ist es wohl mit zu erklären, dast dieser älteste Vorläufer unserer modernen Verkaufs-Automaten so voll- ständig in Vergessenheit gerathcn konnte.— — Das Fuhrwerk der amerikanischen Land- wirthschaft. Die amerikanischen Ackerwagen unterscheiden sich in augenfälliger Weise von den unsrigen. Nach Fr. Oetken tragen diese während des gröstten Theiles des Jahres etwa zwei Futz tiefe, geräumige Kasten, die durch hinzugefügte Bretter leicht noch vergröhert werden köimen. Vorn auf dem Kasten befindet sich gewöhnlich ein auf Federn ruhender, bequemer Kutschersitz. Die Kasten dienen auch zum Transport von Dünger. Ist die Erntezeit gekommen, so werden die Kasten ohne Mühe durch ein hebelarttges Instrument von dem Fahr- gestell abgehoben und an ihre Stelle groste, breite Gestelle aufgebracht; diese find vorn und an den Seiten mit hohen Pfosten besetzt, fassen oft mit großen Fliigeln bezw. Bogenstücken weit über die Ränder und er- möglichen so die Aufnahme einer sehr starken Ladung. Die Wagen sind meistens ohne Federn, nur die für besonders schlvere Lasten bestimmte» mit Federn gebaut. Zum Erdcfahren werden meist zweirädrige Karren verwandt, die beim Abladen irach hinten umgekippt werden. Neben diesen direkt im landwirthschaftlicheu Betriebe zur Verwendung gelangenden Fahrzeugen findet mau auf jeder grösteren Farm auch einen sog. Vcrgniigungs- oder Geschästswagen, der zu Reisen und Ver- gnügungsfahrtcn benutzt wird. Zu den ammeisten verbreiteteten Arten ge» hört einmal der Springwagcn(Federwagen) und der bedeutend leichter gebaute Buggy. ein auf vier hohen Rädern ruhende? Gefährt. Die Amerikaner verstehen es wie kein anderes Volk, das Eisen in leichten, elastischen Stahl zu verarbeiten und ihr Hickory-, Eschen-, Ulmen« und Eichenholz so zu behandeln, dast es in geradezu unglaublich dünnen Stücken sowohl im Wagen- wie auch im Maschinenbau Ver- Wendung finden kann. Die Folge davon ist nicht nur die gröstte Lcichttgkeit, sondern auch bedeutende Ausdauer und hohe Tragfähig- keit der Gefährte.— Humoristisches. — Durch die B l u in e. Der geizige Rentner Huber fitzt gewöhnlich stundenlang bei einem einzigen Glase Bier. Das ärgert die fesche Kellnerin, und sie bringt ihm eines Abends zugleich mit dem bestellten Schoppen einen Estlöffel. „Ja," fragt Huber erstaunt,„zu was brauch' ich denn eine» Löffel. Rcsi' „Ich Hab' halt glaubt," versetzte diese,„der Doktor hätf dem Herrn einen Ehlöffel Bier alle Sttind' verschrieben, weil er schon die ganze Woche jeden Abend bei mir einem Srügel Bier dasitzt."— — Wie Du mir, so ich Dir.„Pstli, Ella, mir meinen Kasimir abspenstig machen zu wollen!" „Nun, hast Du mir'S nicht so mit Wladimir gemacht? So wie Du Wladi mir, so ich Kasi d i r I'— — Das letzte Mal. Frau X.:„O, Adolar. erinnerst Du Dich noch an den Abend, wo Du um meine Hand anhieltest? Er- innerst Du Dich, wie ich dastand und vergebens nach Worten suchte?" Herr 3L:„Ob ich daran denke I Es war ja das letzte Mal, dast ich Dich s o sah."— („Mcggendorf. hum. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Vom Wetter laufen aus vielen Gegenden Nachrichten ein. In O st- und Westpreutzen, Posen und Pommern herrschte in den letzten Tagen scharfer Frost und an- haltendes Schneetreiben. Auch in Westdeutschland ist bereits Schnee gefallen. In Wien, in Trieft. Krain und Steiermark, ebenso in Paris und an der französischen West- küste gingen heftige Gewitter st ürme nieder. Die englischen Meteorologen erwarten für England einen besonders kalten Winter. Einer prophezeit, dast die Themse und wahr- scheiiilich auch die Seine im Januar und Februar zufrieren, und Schneestürme über das Land fegen werden. Die kalte Welle werde sich von Aufaug Januar bis Mitte Februar über Westeuropa ergiestcn.— — In Schleust bei Lüderitz sind zwei allein gelaffene Kinder im Alter von einem und drei Jahren erstickt. Die Mutter hatte, bevor sie zur Arbeit ging, Wäsche zum Trocknen auf den geheizten Ofen gehängt. Als sie nach Hause kam, war die Wäsche völlig verkohlt, und' die Kinder waren ein Opfer de» Qualms und Rauchs geworden.— — Jn Lipine(Schlesien) drohte ein Bergmann, seine Frau mit der Axt zu erschlagen. Ein Mann wollte ihn zurückholten und erhielt einen Schlag mit der Axt auf den Kopf, der ihn die Hirn« schale zertrümmerte.— — An der holländischen Grenze wird seit Jahren ein um- fangreicher Handel mit Honig getrieben. Infolge des un- günstigen Ausfalles der Houigernte in Deutschland und der billigen Preise in Holland treffen jetzt täglich ganze. Wagenladungen mit Honig beziehungsweise mit lebenden Völkern auf den Stationen Salzbergen, Meppen und Lingen ein.— — In M ü h l h e i m fand eine schwere Gasexplosion statt, wobei das gesummte Mobiliar eines mehrstöckigen Hauses ver« nichtet wurde. Die Innenwände wurden zertrümmert; mehrere Personen wurden verletzt, darunter zwei schwer.— — Aus Eifersucht erschost in Augsburg ein Schuhmacher seine Braut und verletzte sich darauf selbst durch mehrere Messer- stiche lebensgefährlich.— — Der H o a n gh o yat wieder seine Deiche durchbrochen und die Gegend nördlich vom Gebirge von A n s ch a n weithin über- schwemmt. Die Mandarinen sind der dadurch hervorgerufenen allgemeinen Roth gegenüber machtlos.— — Bei N u l l a g i n e im Nordwesten der Kolonie West- a n st r a l i e n, sollen reiche Diamantenfunde gemacht worden sein. Nullagine liegt im Pilbarra-Goldfelder-Distrikt.— Die nächste Nummer des Untcrhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 23. Ottober. Verantivortlicher Redakteur: August Jncobey in Berlin. Dnick und Verlag von Max Babing in Berlin.