Interhaltungsblat Nr. 207. Soniltag. den 23. Oktober. 1898 (Nachdruck verböte».) Meu"Vsekszolgo. Roman von Georges Eekhoud. Der alte Daelmans- Deynze, dieses Muster eines Antwerpeners von altem Schrot und Korn, hatte Gefallen an dem geweckten Burschen gefunden und ihm das noth- wendige Kapital zur Vergrößerung seines Geschäfts zur Ver- fügung gestellt. Nachdem Bergmans eine kurze Zeit die Schule seines wohlwollenden Gönners genossen, gab er den Fischhandel auf, um sich fortan dem Großhandel, vorzugsweise dem Produktengeschäft zu widmen. Er wurde dabei reich, ohne daß sein wachsender Wohlstand seiner Volksthnmlichkeit Eintrag gethan hätte. Er blieb nach wie vor das Idol der Kleinen, wußte sich dabei aber auch bei den maßgebenden Protzen zur Geltung zu bringen und verhandelte mit den stolzesten Häuptern der Handelsoligarchie auf dem Fnße der Gleichberechtigung. Bergmans war der anerkannte Führer der demokratischen Nationalpartei. Wenn er auch bisher noch nicht in der Kammer saß, so vertrat er in Wahrheit eine stärkere Macht, als die Abgeordneten, die von einer beschränkten Zahl gewählt waren. So war er alles in allem ein Mann, für den seine Partei- gänger, mit anderen Worten, die Mehrheit der seßhaften, altantwerpener Bevölkerung durch's Feuer gegangen wäre. In Rücksicht auf seine Ehrlichkeit, seinen hellen Blick, seine vernünftige Anschauungsweise und persönliche Liebenswürdig- feit mußte ihm eine halbwegs feinfühligere Natur seine kleinen Schwächen, beispielsweise seine Windbeutelei und Ueber- treibungssucht, seine Voreingenommenheit für Glanz und Flitter und ein gewisses Sichgehenlassen in der Sprache gern verzeihen. Der leidenschaftliche Volksredner, der nie ein Blatt Vörden Mund nahm, wandelte sich im Salon zum vollendeten Meister gesellschaftlicher Plauderei. Er sprach das Französisch mit ausgesprochenem Akzent, zerrte und dehnte die Silben über Gebühr und bereicherte die Sprache um eine Fülle von Bildern, die seiner Rede ein ganz eigenes Kolorit gaben. Den Frauen drückte er seine Bewunderung- oft genug in recht kräftigen Worten aus, was diesen mit banalen Höflichkeits- Phrasen überfütterten Modepuppen nicht übel gefiel,»venu sie auch äußerlich des guten Tones wegen die gekränkte Unschuld spielten. Ans dem Balle bei Dobonziez strafte der liebens- würdige Schiverenöther den schmeichelhaften Ruf, der ihm voranging, nicht Lügen. Es versteht sich, daß seine Auf- merksamkeit in erster Linie Gina galt. Er sah sie zum ersten Mal, aber er hatte ohne weiteres erkannt, daß sich hinter dieser stolzen Schönheit, die seinem Schönheitssinn und seinem Ge- schinack für gesunde Kraft und edele Form schmeichelte, ein originellerer und interessanterer Geist barg als hinter der glatten Alltngslarve der anderen. Gina hatte ihrerseits nicht ver- fehlt, ihm einen der vielbegehrtcn Tänze zu reserviren. Berg- maus freimnthiges, gesundes Wesen und die gefällige Un- gezwniigenheit seiner Bewegungen hatten Eindruck auf das junge Mädchen gemacht, daß zum ersten Male einem jungen Mann begegnete, der ihre Aufmerksamkeit zu fesseln würdig war. Abgesehen von der mustergiltigen, mit der Mode stets Schritt haltenden Korrektheit der Toilette hatte Gina an den beiden Saint-Fardier's nichts Schätzenswerthes zu entdecken vermocht. Deshalb kam es ihr auch nicht einen Augenblick in den Sinn, ihren lieben Freundinnen Angela und Cora einen ihrer An- beter abspenstig zu machen. Fräulein Dobouziez benutzte die Tanzpause, um mit Berg- maus eines jener geistreichen Wortgeplänkel zu beginnen, die ihre besondere Stärke waren. Diesmal hatte sie indessen ihren Meister gefunden. Bergmans parirte die Hiebe mit ebenso viel Geschicklichkeit wie vornehmer Höflichkeit, und wenn er hier und da die Ausfälle erwiderte, so geschah es mit solch schonender Rücksicht, daß man ohne weiteres erkannte, er hege den Wunsch, seiner stürmischen Gegnerin gegenüber überlegene Großmnth walten zu lassen. Man sah das Paar im Verlaufe des Balles öfter bei einander stehen. Selbst wenn Gina mit anderen Herren tanzte, fand sie Gelegenheit, sich der Gruppe. in der Bergmans stand, zu nähern und sich mit ein paar Worten an der Unterhaltung zu betheiligen. IN das Interesse, das sie dem Manne entgegenbrachte, mischte sich freilich auch ein klein wenig verdrießlicher Unwille über diesen Eindringling, der sich erdreistete, die mächtigen Fürsten der Handelswelt körperlich und geistig zu überragen. Statt ihm für die Mäßigung, mit der er sich gegen ihre sattrischen Spitzen vertheidigtc. Dank zu wissen, fühlte sie sich gedemüthigt, von ihm, dessen geistige Ueberlegenheit sie beim ersten Worte erkannt hatte, mit solch' schonender Herablassung behandelt zu werden. Die ganze Art der Abwehr, zu der sich der junge Mann fast widerwillig bequemte, trug das Gepräge galanter Respektsbezengnng. Der Widerstreit der Gefühle, die Gina beseelten, machte ihr selbst ein klares Unterscheiden unmöglich. War das Gefühl der Bewunderung stärker als das des Aergers? Was sie für diesen Mann empfand, konnte ebenso gut als Widerwille wie als Zuneigung gedeutet werden. Als sie im Laufe der Streiterei einmal besonders hart ins Gedränge gerieth und nicht mehr ein noch aus wußte, rief sie Herrn Bejard zur Hilfe herbei, der sich in seinen Kreisen als Meister der Disputirkunst gewaltigen Ansehens erfreute. Gina bot Bergmans dadurch Gelegenheit, sich einmal mit einein der Leute zu messen, den er sür den moralischen Niedergang seiner Vaterstadt ver- antwortlich machte. Bergmans machte seinem Herzen in bitteren Worten Lnft und haiidhabte seine scharfe Klinge mft gewohntem Geschick, gleichwohl blieb er seiner Kavalierspflicht eingedenk, er achtete die Neiitralität des Salons, in dem er als Gast weilte und legte sich mn so größere Mäßigung auf. als ihm viel daran lag, sich Regina's Achtung zu er- werben. Aber gerade diese Nähe des Gegners brachte Böjard in Harnisch und ließihn ungeschickt und grob werden. Jeder derbeiden Männerhütctesich indessen augenscheinlich, dieDinge zu berühren, die ihnen zumeist am Herzen lagen. Sie maßen ihre Kräfte, suchten gegenseitig ihre schwache Stellungen auszukundschaften und sprachen ihrenHaß, ihre unvereinbaren Gegensätze und wider- strebenden Instinkte in halbversteckten Andeutungen und bild- lichen Anspielungen ans. Böjard ließ sich von dem Takt und dem versöhnenden Geist, der aus den Worten seines Gegners herausklang, keinen Augenblick über dessen wahre Gesinnung täuschen. Er empfand sehr wohl, daß er sich hier einer Macht, einein Talent, einem Charakter gegenüber sah, der mit ganz anderen Maßstäben gemessen sein wollte, als das Durchschnittsvolk, das er bisher in den öffentlichen Ver- sammlungen kenneil gelernt hatte. Böjard vermochte nicht recht einzusehen, daß dieser Liebling des Volkes, dieser Fanatiker der nationalen Idee, an diesen frivolen Gesellschaften und diesen faden Unterhaltungen,, die ihn in seinem Fühlen und Denken oft genug verletzen mußten, das Vergnügen finden sollte, das sich die anderen einzureden suchten. Dafür war er sich aber um so klarer über die unfreundlichen Ge- fühle, die Bergmans für ihn und seinesgleichen hegte, obwohl dieser immer' lustiger und liebenswürdiger wurde, je mehr sich der andere in die Wuth hineinredete. Als Böjard schließlich sah, daß er den Kürzeren zog, gab er die Sache auf und räumte das Feld zum nicht geringen Mißvergnügen von Gina, die es nicht verwinden konnte, daß Bergmans, dieses Orakel des Pöbels, gegen einen Bonzen, auf den selbst Herr Dobouziez große Stücke hielt, recht be- halten sollte.... Regina traf Bcrgman Währends des Winters zu wieder- holten Malen in der Gesellschaft. Sie fuhr fort, ihm etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als ihren anderen Verehrern, und behandelte ihn als Kameraden, ohne daß er hätte aus ihrem Benehmen schließen können, daß sie ihm den Vorzug gab. Den kleinen Vanderling's» die sie wegen ihrer Tändelei mit dem„Umsturzmann" neckten, antwortete sie gleichmüthig:„Was Ihr nicht alles wißt l Ich unterhalte mich gut mit ihm, das ist alles I" Uebrigcns fiel es auch niemandem ein, diesem kameradschaftlichen Verhältnitz besondere Bedeutung beizumessen. Bergmans, den Gina's Reize ganz in Fessel geschlagen hatten, mußte sich förmlich Zwang anthun, uin ihr nichts von seinen Gefühlen zu gestehen. Die gemeinsamen Standes- interessen und die Uebereinstimmung der Anschauungen und Lebensabsichten, die Böjard mit Gina's Eltern verbanden»« nahmen ihm jede Hoffnung, das Mädchen für sich zu ge- Winnen. Trotzdem stand er mehrere Male schon im Begriff, ihr einen Heirathsantrag zu machen. Gina ihrerseits stürzte sich mit wahrer Leidenschaft in den Vergnügungstaumel und bethätigte dabei einen solch' rastlosen Eifer, daß sie Herr Dobouziez himmelhoch beschwor, sich ein wenig Ruhe zu gönnen und ihre Gesundheit mehr zu schonen. Sie war die gefeierffte, umschmeicheltste und ausdauerndste Königin der Gesellschaftssaison. Wo immer sie einander begegneten, immer und überall behandelten sich Bergmans und Gina mit einer nicht von Herzen kommenden Vertraulichkeit, durch die sie einander über ihr geheimes Denken und Fühlen zu täuschen versuchten. Und beide zürnten einander auch wieder wegen dieser vor der Welt zur Schau getragenen Paradefreundschaft und der frivolen Liebeskomödie, die das wahre und echte Gefühl, das in ihnen lebte, verbergen sollte. „Ich zähle in ihren Augen ja gar nicht I" sagte sich Door Bergnians, der sich so klein wie Herkules zu Omphales Füßen vorkam.„Sie betrachtet mich als Spaßmacher, der etwas plaisirlicher als die andern ist. Das ist alles! Ob sie wohl eine Ahnung von der Zaubermacht hat, die sie auf mich aus- übt? Schwerlich! Schade, daß ich nicht reicher bin, oder daß sie nicht ärmer und in anderen Lebensverhältnissen auf- gewachsen ist l Ich hätte sonst längst schon um ihre Hand angehalten." Regina litt unter diesen unklaren Verhältnissen nicht minder. Sie hatte sich endlich zu dem Selbstgeständniß be- quemen müssen, daß sie diesen„Menschen" liebte, sie die wohlerzogene Tochter und Erbin des Namens der Dobouziez'. Um nichts in der Welt hätte sie es gewagt, ihrem Vater das Geständniß dieser Liebe abzulegen. Aber übel nahm sie es Bergmans doch, daß er nicht ahnte, was in ihrem Innern vorging. (Fortsetzung folgt.) SannkAgsplÄUÄevci. Errafft, verspielt, aus dem Leben geschieden. Das ist im ge- drängten Sinne der Lebensinhatt Grünenthal's, an dessen Person sich vor einem halben Jahre n so romantische Ideen knüpften. Man hat ihn in der Beleuchtung eines großen Abenteurers sehen wollen. In keckem Griff erhascht er ungezählte Tausendmarkscheine; er wirst mit Gold um sich wie ein Grandseignenr. Er lebt in Saus und Braus, wie die mächtigen Räuber der Legende. Es fehlen auch die sentimentalen Zuthaten nicht. Da ist einnial die Geliebte. Dann der Friedhofstein, an dem ein Theil des geraubten Gutes begraben liegt, und das Grab des eigenen Kindes.' Jetzt ist das Drama Grnnenthal zu Ende. Man weiß, daß man es nicht mit einem Abenteurer von kühnem Wurf zu thun hatte; daß die phantastischen Neigungen sich an dem Gedanken er- aötzten, was hätte ein abenteuernder Gesell von großem Zug geschafft, hätte er aus der Quelle zu schöpfen Gelegenheit gehabt, aus der Grünenthal, der Wunderliche, schöpfte. Er war kein Mensch der impulsiven, raschen Enffchlnffe. Selbst in den Tod ging er nicht, wie ein toller va banque- Spieler. Er wartete und wartete. Pc- danttsch ängstlich harrte er, ob man ihm jede gestohlene Note nachweisen könnte, und erst als er einsah, daß ihm von der Dieberei keinerlei heimlicher Profit bleiben und daß seine Buße länger dauern werde, als er im voraus an- nahm, schied er freiwillig aus dein Leben. Vor seiner That ein un- interessanter, höchst korrekter Mann und Hausvater. blieb er im Grunde auch nachher wenig intereffant. Das Geld brennt nicht in seinen Händen. Es entfeffelt keine Leidenschaften. es lockt ihn nicht zu ausschweifenden Plänen. Er liebte eS schon stüher, kleinen Mädchen nachzugucken. Das war seine einzige unreglcmentmäßige Aufführung, voti der seine Ehegattin zu berichten weiß. Nun lvird sein Gelüste Wirklichkeit; und an eine von den vielen Hunderten armer Mädchen, die„beim Theater" ihr Glück machen möchten, schmiegt er sich bedächtig als väterlicher Be- schützer an. Dann lebt er mit ihr, inr ganzen wie ein stillvergnügter, nur gutsituirter Kleinbürgersmann. Selbst der Gedanke, daß seine Geliebte wirklich zum Theater gehen könnte, ist ihm zuwider und er wird ihr in aller gctteu phi- lffttösen Rengstlichkeit die hrmdertfachen Gefahren der Bühne genau vorgemalt haben. Nein, nein, der bescheidene Grünenthaler war von keiner besonderen Gaunerrasse. Ihn hat die Gelegenheit einmal verführt und aus dem Gleichgewicht gebracht. Sein Leben ist dahin, seine That wird die Phantasie nicht weiter beschäftigen. Sie ist durch den Ort interessant geivorden, an dem sie geschehen konnte, nicht durch sich selbst und nicht durch ihre Nachwirkungen auf den Thäter. Die abgelaufene Woche hat uns rasch in alles winterliche Un- behagen mit rauhen Stürmen und frostiger Nässe gebracht. Im spaten Sommer dieses Jahres haben wir etliche Tage erlebt, die zu den heißesten des Jahrhunderts gerechnet iverden mußten. Nun haben wir eine Serie von Tagen hinter uns, wie sie um die Mitte des Oktobers von 1843 bis heute noch nie beobachtet wurden. Und fast scheint es, als sollten wir auch ferner um jede Schönhett unseres Herbstes gebracht werden. Einförmig trübe verhängt bleibt der Himmel, kalte neblige Dünste lagern in den Abendstunden über den Straßen. Es ist nicht die frische Kraft des Winters und von den melancholischen Herbstreizen bleibt auch nichts übrig. Vor der Zeit in die Stube gebannt sind tausende von Kindern, die ohnedies in Berlin so hunderffach im nothwendigen spielerischen Trieb, im Drang nach steier Bewegung beengt sind. Und welche Stubenlust müssen sie meist athmeii, vermengt mit Dünsten enger Arbettsstätten und der Küche zugleich I Neulich will ein Beurtheiler Berlins die Beobachtung gemacht haben, daß das Berliner Kind in der Oeffentlichkeit und im Spiel wider Kindesart ruhig erscheine. als wäre seine Fröhlichkett von vornherein gebrochen, als wären seine Aeußerungen stets von scheuer, gedrückter Empfindung begleitet. Es kommt immer darauf an, auf welchem Beobachtungsposten man etwa steht. Gewiß ist es, daß eine ganze Anzahl von Kindern in Berlin der Drill ganz gehörig beherrscht. Ihren Gesichtern ist dann nicht jene Frühreife aufgeprägt, wie sie aus der täglichen Roth entspringen kann. Wenn man ihnen im Thiergarten oder sonst wo auf bevorzugteren Plätzen begegnet, so scheinen sie altklug in ihrer relattven Gemessenheit sagen zu wollen: Wir wissen schon, was sich stir wohldresfirte, manchmal puppenhast kokett ausgeschmückte kleine Leute schickt. Sie spielen„Gesellschaft", auch wenn sie untereinander sind. Wenn ihre ungezwungene Kind- lichkeit, die sich bei energischeren Temperamenten nicht völlig nieder- halten läßt, einmal doch losbricht und in einen Gassenbuvenstreich ausartet, so thut das Kerlchen so, wie ein bewußter Missethäter, als fühlte es, das harte Polizeiauge„des Fräuleins" ruhe auf ihm. Solche Art von Wohlerzogenheit kann leicht den Eindruck ge- dämpfter Scheu hinterlassen, selbst dort, wo die Kinder truppweise auftteten. Sonst aber wird man sich kaum über daS ruhige Berliner Kind, das den Mund kaum aufzuthun wagt, sich verwundern können. Wer an die Mehrheit von Kindern denkt, denen schmale Gassenstteifen nur oder enge Höfe zu Tummelplätzen angewiesen sind, der wird zu anderen Anschauungen über das Berliner Kind kommen. Auch hier in dieser Enge fehlt das voll-naive Behagen, das eine unbeobachtete Kinderwelt- auszeichnet, selbst wenn sie im Freien bei größtem Tumult Räuber- und Gendarinenspiele aufführt oder feurige Schlachten kärnpft. Wo hinter dem Kind kein Schulmeister lauert, da erst wird das kind- liche Spiel zur Bethätigung steier kindlicher Kraft. Es ist einer der schönsten, vielbeobachtetcn Züge der Pariser Bevölkerung, daß man spielende Kinder nicht stört, ihnen gerne ausweicht, ihnen ein unbenommenes Asylrecht in der Gasse gewährt, auch wenn man in verkehrsreicher Gegend davon selbst ein wenig geuirt wird. In Berlin macht das spielende Kind so häufig den Eindruck eines Frei- gelassenen, nicht eines Friiicn. Es tollt dann gern wie ein Frei- gelassener, in lärmend forcirter Lustigkeit. Da werden sie aus dem Hof gedrängt; schreiend stieben sie auseinander. Ost stehen sie mitten im Fabrikslärm; für Kinder-Tumnielplätzc in größerer An- läge ist ja so blutwenig in unseren Großstädten gcthan. Sie müssen das kindliche Organ überreizen, überanstrcugcn, um sich gegenseitig verständlich zu machen. Daiiu� klingt ihre Sprache Ivie ein gellender Diskant, sie überschlägt sich und übennüdet bald, wird augcheisert oder dumpstönig. Auf der Straße selbst werden die Unbequemen oft angefahren, angeschnauzt, aus- einander getrieben: jedenfalls lvissc» sie ewige Schulmeffterei und schutznläninsche Aufsicht hinter sich. Die naive Unbefangenheit lvird stir sie zerstört. Ost genug kann man zusehen, wie sie verscheucht auseinander streben; respektlos, wie sie doch nun einmal sind, rotten sie sich im Nu wieder zusammen und rächen sich stir die Unterbrechung durch erneutes, erhöhtes Geheul. Dann nennt man sie„rüde Jungen", und zwischen diesen Jungen und den ganz ordnungs- liebenden Passanten bildet sich eine richtige natürliche Feind- schaft aus. Es ist dem Kindesbedürstiiß eben zu vielerlei entrückt und vor- enthalten, als daß sich jene spielerische Arnrnth enttvickeln könnte, wie sie in natürlicher Freiheit sich entwickeln darf. Es gicbt bei uns arbeitbelastetc Kinder, die nichts mehr vom kapriziösen, halb tän« delnden, halb hüpfenden Gang der Kinder übrig haben. Sie sind verdrossene Schleicher geworden. Der Berliner Schusterjunge mit dem geflügelten Witz ist längst eine Mythe aus Vorväterzeit geworden. Ab und zu regt sich's auch in dem beladeueu Kind, es mochte auch einmal aufspringen, aufjauchzen. Aber auch seine Lustempfiudung hat etwas jäh Gewaltsames, sie drückt sich schneidend- scharf aus und unvermittelt fällt das Kind wieder in seinen geradlinigen, gleichförmigen Trott zurück. Von den ganz Aus« gestoßenen, deren Lustgefühl sich manchmal nur in einer Art von Schadcnsteude äußert, in einem Tritt wider einen Zughund, in einem boshaften Spaß, ist hier gar nicht die Rede. Sie sind die jungen, verbitterten Zeugen und Ankläger einer Gesellschaft, die sie der Ver- kommenheit überläßt. Ob sie Knaben, ob Mädchen seien, das ttefste Unglück hat ihnen eine Physiognomie verliehen. Ob sie sich zu jugendlichen Banden vereinen und rn Taschendiebercicn ihre ersten Gehversuche im Leben machen, ob die Mädchen unter allerhand Formen nächtlichen Straßenbettel treiben oder zu vagsten ansagen, gemeinsam bleibt ihnen der rmkindliche, tief mißtrauische Blia, der rund in der Welt gfeinbe wittert. Ein seltsam gemischter Blick. Zur Halste haw der- üngstet und scheu und wiederum so lauernd und jener Frechheit voll, die zu sagen scheint: Vor uns giebt es nichts Verschleiertes mehr, auch in Kinderjahren nicht. Wir sind aus alles gefaßt!— Alpha. Nleines Jfcutttefoii. —' 1.— Die erste Stelle. Es war ihre erste Stelle. Bis jetzt war sie noch niemals aus ihrem Heimathsdorfe herausgekommen. Alles, was fie zu sehen bekam, war stir sie etwas Neues: Die Pferdebahn, die Telephondrähte. die feingeputzten Menschen und die himmelhohen, vierstöckigen Häuser, die sogar den Kirchthurm ihres Heimathdorfes überragten, und in denen manchmal mehr Menschen wohnten, als in dem ganzen Orte, ans dem sie gc- kommen war. Alle Menschen waren eigentlich recht freundlich zu ihr: vom Hausherrn an, der fie immer so schelmisch anschmunzelte, wenn sie das Essen ans den Tisch trug, daß sie ganz roth wurde, bis zum Lkolonialwaarenhändler. welcher ihr stets vertraulich auf die drallen Arme tätschelte, wenn fie Salz oder Mehl von ihm holte. Nur die Hausfrau und das Fräulein Tochter, von der die Leute im Hause erzählten, daß sie mit ihren nemitlnd zwanzig Jahren wohl den„Anschluß versäumt� habe, waren immer mürrisch und niemals mit ihr zufrieden! Wie oft hatte sie bereits in den paar Wochen, welche sie erst im Dienst war, die kärglich zugemessenen Mahlzeiten unter Thränen herunterwürgen mnsienl Was konnte sie dafür, daß sie erst sechzehn Jahre alt war und mit einem paar fröhlicher Augen in die Welt guckte? Alle Tage war ein neuer Aerger; so auch gestern. Sie hatte die Untertaffe, die bereits einen Sprung hatte, unversehens fallen lassen. Wie ivaren die beiden Hausdrachen über sie hergefahren! Zur Strafe bekam sie kein Abendbrot. Die beiden Damen fuhr«» dann ins Theater: nur der Herr blieb zu Hause, er wollte sie nach Schluß des Theaters abholen. Nachdem sie das Abendbrot abgeräumt hatte, rief er fie noch ber- schicdene Male herein und fragte sie nach diesem und jenem, bis er immer vertraulicher und zudringlicher wurde. Schließlich wußte sie sich nicht mehr anders vor ihm zu retten, als aus der Wohnnng zu flüchten. In einer duntleu Nische des Hausflurcs verbarg sie sich. Dort horte sie, wie er sie rief, erst leise und mit zitternder nervöser Stimme, die fast zärtlich klang, dann immer lauter, bcsiimmter, rauher. Schließlich fiel die Korridorthür ins Schloß; sie hörte, wie er den Schlüssel zweimal herumdrehte, dann kam er langsam und schwerfällig die Treppe herunter, an ihr vorbei, die mit angstvoll zitternden Gliedern sich tiefer in den Schatten ihren Versteckes drückte. Er ging, seine Damen aus dem Theater abzuholen, und hatte sie Nim ausgeschlossen. Frierend hockte sie in der naßkalten Hcrbstnacht auf einer Treppenstufe. Sie war todlmüdc. Gegen Mitternacht kamen die Herrschaften. Der Mann schien seiner Frau bereits alles erzählt zu haben, denn niemand sprach ein Wort. Mit gebücktem Haupte schlich sie in ihr Bett oben auf dem Hängeboden, nachdem sie vorher die Thür vorsichtig abgeriegelt hatte. Am nächsten Morgen bekam sie die Kündigung und ihr Buch. Der Miethschaler wurde ihr vom Lohne abgezogen.„Sie könnte gleich gehen, denn Dirnen, die verheiratheten Männern nachstellen, würden in diesem Hanse nicht geduldet!' Jede Brtthcidignngsrede wurde ihr kurz abgeschnitten. Run stand sie auf der Sttaße. Ein fröstelnder Regen rieselte unaufhaltsam. Die großen, vierstöckigen Häuser glotzten und stierten sie unheimlich an. Erst drei Wochen im Dienst und schon gekündigt, noch dazu mit einem solchen Zeugniß l Wohin nun?-- Musik. Theater des Westens. Freitag, 21. Ostober. 1. Gastspiel des kgl. Kammersängers Emil Götze:„Martha oder der Markt zu Richmond.' Romantisch-komische Oper. Musik von Fr. v. F l o t o>v.— Wenn jetzt, nachdem neue dramatische Welten über die Bühne gezogen sind, die alte» vormärzlichen Opern mit Hilfe der neuen Einsichten in der Aufsührungskunst zu enicm zweiten, echten Leben»erweckt würden, so würde dies wohl überraschende künstlerische Wirstmgen geben. Auf die derzeitigen Ncileiustudirungen in jenem Theater bezieht sich dies nicht: am wenigsten vielleicht auf diese„Martha'-Vorsiellmig. Muß denn von den vier Seiten der Bühne gerade die, auf welcher sich darstellerisch nichts befindet, die vordere, fast einzig angesungen und angcspiest werden? Muß beim der Chor immer so stiusilich und steif als möglich aufgestellt und abgerichtet sein? An diesen Punkten hätte die Regie zu beginnen, sobald fie dazu beitragen will, die Geschäftsbühne in die Kunstbühne zu verwandeln, als die ivir sie anfangs begrüßen zu können hofften.— Frau S ch u st e r- W i rth bot in der Hauptrolle eine sympathische Erschciiuing und tüchtige Leistung: wenn ihre Stimme nicht mild genug klang, so war vcrmuthlich nicht sie allein daran schuld. Ihr Partner, der Gast, goß sein Stimnnnaterial, daS im Piano doch so erfreulich klingt, zu unbändig aus, als daß daneben eine feinere Knifft gedeihen konnte. Trotzdem oder vielleicht eben deswegen fand der vielgenannte Sänger mit seinen.sihßen" Tönen von„Glick" u. s. w. den reichlichen Beifall— leider bis zu Hervortritt auf offener Szene— den solche Darbietungen zu finden pflegen. Die dankenswerthen Leistungen der übrigen Betheiligten, besonders Frl. Bracke n ha mmer's, wären einer besseren Gesaimntdarstcllnng würdig gewesen: ohne eine sorgfältigere Ein- studirung des Zusammentreffens lvird sich das Theater nachgerade eine Sympathie nach der anderen verscherzen: elende Textbücher an der Kasse tragen das ihrige ebenfalls dazu bei. Konzerte. Herrn Weingartner's Streichquartett in ll-mott, op. 24, das am 16. d. M. in dem dazu trefflich passenden Konzertsaal des Schansinelhanses von den Herren Halir und Genossen aus dem Manuskript zum ersten Mal gespielt wurde, ist ein Muster von Bornehniheit, die nichts will, als tadellos„klassisch" sei». Kein Ständchen befleckt dieses Kostüm aus alter Zeit, nicht ein sündhafter eigener Gedanke stört diese bewnndcrnswcrth geschickte Leistung, nicht ein Neberschwang diese regelrechten Cantilenen und ihre Berarbeitimg. Soll aus dem streng einheitlichen Werk etwas hervorgehoben sein, so sei's daS melodiöse Trio des dritten Satzes. Der Komponist, mit Beifall reich beschenkt, verdiente sich einen solchen noch- mals durch seinen Vortrag des Beethoven'schen„Geistertrios". Auch hier die höchste Vornehmheit: nichts schroffes, trotz scharf markirtcn Ausdrucks: ein bescheidenes Zurückhalten, ein musterhaft zarter, seelenvoll singender Anschlag, von dem zu lernen jedem gerathen sein mag: nur von der geisterhaften Mystik dieses op. 70 war nicht viel zu spüren. Der berühmte und am 20. d. M. von einem zahlreichen Piiblitum lebhaft begrüßte Klavierspieler„Ehouard" Risler bewährt ähnliche gute Qualitäten. Sein Anschlag ist auch beim stärksten Loslegen weich, sein Spiel sehr deutlich, seine Darstellung eines Mozart und Beethoven so„klassisch" als möglich. Wenn neben jener sinulich-technischen Sette und diesen negativen Vorzügen mich ebenso viel positives m der Ansdrncksweise vorhanden märe, so würden ivir einen allergrößte» Künstler vor mis haben. Aber s o sehr aus Gliederung und Nüancirung verzichten sivcnngleich manchmal wieder unnöthig drein gefahren lvird), ist doch, gelinde gesagt, auf die Dauer langweilig. Wir hörten eine Mozart-Sonate?-äur und Beethovens„Mondschein- Sonate'; dir späteren Stücke ent- gingen uns. Herr Weingartiier brachte uns noch eme fremde Novität: Tschaikowsty's„Manfred. Symphonie in 4 Tonbilden« nach dem dramatischen Gedicht von Byron, op. 68", und zwar am 18. d. M. im 2. Symphonic-Abend der königl. Kapelle, dessen öffent- sich« Hauptprobe wir hörten, liebet eine derartige Schöpfimg kritisch im heilen, hieße zugleich, die Frage der Programm-MusÜ überhaupt aufrollen. Diesmal gicbt es sympathische einfache Motive, wenn auch nicht„Melodien", wie sie neulich bei Rimsky-Korsakow waren; ein Fneinanderarbciteii, wo jener nfft dem Nebeneinander wirkte: Gestalten hier, wo Figuren dort; endlich eine ähnlich reich- haltige, doch wohl weniger gezierte Verweutmng des Orchesters. Be- sonders gefiel das zweite Bild, die Erscheinung der Alpenfee, das so wirksam mit getheiltcn Streicherstimmen schließt: am schönsten ist vielleicht das dritte,„Hirteugesang".— Schuberts tl-ckar-Symphonie, die dieser Neuigkeit folgte, wurde durch sie keineswegs gedrückt und hatte an den« stark besetzten Orchester einen besonders geeigneten Träger ihrer gctvalrigeu Größe. Aehulich mächtig wirkte der Ehor der Singakademie, als sie. am 2t., die erste ihrer diesjährigen Nnffühnmgen von lyrischen GesaounNverken gab: Händcl's„Judas Martha bäus'. Wie ein Fernrohr dringt uns diese mächtige Musik jene imS sonst schon so stnie alt-testamentarische Welt näher, und ebenso that es gegenüber den ans auch schon fernliegenden Bestandthcilen dieser musikalischen Welt die Wiedergabe, solveit wir sie hörten. Die vier Künstler, die sich den Einzelgesänge» widmeten, verdienen weit mehr Dmlk, als so vielen„Künstlcrabendcn' gebührt. Frl. M e ta Geyer lSoprmii und Frau Luise Geller- Wolter(Alt) sangen die Klagelieder mit überzeugendem Ausdruck: Herrn Arthur van E weht's Baßbarytö» bot in der Partie deS Trösters Simon (Baß) eine Leistung ernstester Art, und Herr Kaimnersängcr Carl Dierich suchte seiire weiche Stimme den Anforderungen der heroischen Tttclpartie«Tenors bestmöglich anzupassen. Der Besuch der späteren Sinqakademic-Abcnde oder ihrer öffentlichen Proben sie dem Freund einer über Unterhaltung und persönliche Interessen hinansliegeirden Kuust dringend empfohlen. Unter den emzclue» Konzertgebern dieser Woche sei noch zu« nächst Herr Ludwig Schrauff erwähnt, der am 16. ein reiches Programm sang. Er schwelgt in der Fülle seines sehr weichen und auch in der Höbe milden, dabei vollen, dicken Tones: der Klang seiner Vokale fluthet gleichsam über die Konsonauteu hinweg, wie Lichtfluthen über die Ränder von Gegenständen. Zwei Sängcriiuien» Lilly Oncken-Dan»Häuser(am 19.) und Carlotta C a nr b i a t i(am 18.), boten manches Hübsche, jene besonders im Ausdruck des Zarten, diese in hoher Koloratur: mehr wüßten wir allerdings nicht zu rühmen. Die Klavierkollegin der letzteren, Lena G r u i h n, verdirbt durch die Härte ihres forte, in welchem sie sich zu gerne übernimmt, den sonst guten Eindruck ihres Spiels. Der Violinkollege der erstereu, Kammervirtuos Felix Meyer, und der Konzerigeber vom 15. in der Singakademie. Violinvirtuos Arno Hilf aus Leipzig, boten in den von uns gehörten, großen- theils recht leeren Paradcstücke» sehr gutes; wenn unS Herr Hilf sein großes Können weniger merken ließe, würde es wohl noch werchvoller sein.— sz, Erziehung und Unterricht. — Die„Lehrerverciiiigung für die Pflege der kimstlevischen Bildung" in Hamburg hat, von Professor L i ch t w a r k unter- stützt, in der Hamburger Knnsthalle eine Ausstellung von freien Kinderzeichnungen veranstaltet. Eine Sammlung von Zeichnungen, die in einer Jndianerschule im Westen Amcrika's ohne Zuthun des Lehrers angefertigt Umrden, zeigt deutlich, daß die Kinder bei Naturvölkern viel schärfer beobachten und vor allem Be- wegnngen von Menschen und Thieren charakteristischer, wenn auch nicht weniger naiv als die Kinder bei uns darstellen. Es läßt sich eine nnt den Jahren fortschreitende Entlvickelung im freien Zeichnen beobachten. Das Baby, so entnehmen wir der„Köln. Ztg.", das mit Roth und Mühe gelernt hat, die Mama zu verstehen und den Blei- stift in den kleinen Händchen zu halten, ist ein unverbesserlicher Sym- bolist. Es kritzelt darauf los und nennt das tvüste Gekritzel: Mama, Papa oder Baby. Allinälig nnterscheidet es in dem Chaos von Strichen ohne Unterschied der Lage einzelne Partien und nennt sie Kopf, Hals, Bein u. s. w. Erst ciNmälig lösen sich einzelne Striche ans dem Gewirr heraus, die Arm und Bein bedeuten sollen. Als Punkte und Striche werden Angen, Mund und Nase, meist direkt an die Beine und Arme angeschlossen. Erst allinälig kommt Proportion in die Figuren. Die Nase freilich bleibt gelvöhnlich ungeheuerlich. Das Kind lernt schließlich zählen und nnterscheidet gewissenhaft die fünf Finger an den Händen. Das Schlnßglied diese» Entivicklnng bildet gelvöhnlich die Bekleidung des früher meist nackt gezeichneten Körpers. Mit der Darstellung von Thieren geht es ganz ähnlich. Interessant ist die Beobachtung, daß die Kinder gern die Gegen- stände und Geschöpfe durchsichtig zeichnen, daß sie in den Häusern die Einrichtungen und die Personen darstellen, daß sie dem silhonettirtcn Reiter stets zwei Beine auf dem Pferde geben. Kurz, die Kinder sind ihrer Anlage nach mehr Verstandsmenschen als Be- obachter, mehr Denker als Künstler. Sie stellen die Welt dar, wie sie sich logisch in ihrem Gehirnchen gliedert. Sie schaffen sie aber nicht dem letzten Sinneseindruck folgend nach.— Kulturhistorisches. dg. U e b er das Berliner Fe ri erlösch Wesen in, 17. Jahrhundert giebt eine Fcuerordnnng von 1672 interessante Aufschlüsse. Zu Anfang beschäftigt sie sich mit den Vorbengenntteln. Es sollte danach kein„Hausvater" und keine„Hausmutter" sich unterstehen,„bei Nacht zu lvaschcn" oder um Mitternacht Feuer unter die Waschkessel zu inachen. Die Knechte dursten bei Strafe nicht „Tobak" in den Ställen rauchen, anch war das Werfen von„Raketlein" und das Schießen in Städten und Vorstädten bei„Thurmstrafe" ver- boten. Mehr als zwei Haufen Kiefernholz durste keiner im Hanse halten. Wo aus dem Schornstein Funken flogen, hatte der Besitzer 2 Thlr., wo die offene Flamme herausschlug 4 Thlr. Strafe zu zahlen. Wer gar keinen Schornstein hatte und den Ranch durch das Dach abziehen ließ, dem wurde„Ofen und Herd" ver- boten, bis er den Schornstein„ziehen" ließ. Kam trotz aller Vor- ficht doch ein Brand ans, so hatten Hausvater und Hausmutter sofort „ein groß Geschrei" zu erheben, ivorauf dann die Hanptwache„den Trommelschlag" ergehen ließ und auch das„Bnrgcrspiel" gerührt Ivnrde. Auf den Trommelschlag hatte sich jeder Bürger mit seinen Löschgcfäßen am Rathhause einzufinden, von wo die einzelnen dann weiter dirigirt wurden. Am Tage gab eine auf den Thürmen auf- gezogene Fahne, in der Nacht eine Laterne die Richtung der ge- fährdetc» Stelle an. Den Nachtwächtern war streng anbefohlen, auf jeden bemerkbaren Ranch Jagd zu machen; wo sie solchen bemerkten, dursten sie in die Häuser dringen und nach dem Feuer suchen. Bei jedem Brunnen mußte eine gute«Schlitte mit Wasserkiibcln" stehen, ebenso ivaren bei allen Hauptivachen, ans den Rathhänsern, bei den Zünften und von jedem„eximirten" Bürger Handleitern, lederne Handspritzen und ähnliche Löschgeräthe bereit zu halten. Um vor Wassern, angcl zu schützen, mußten die Böttcher und„Tüffen- macher" stets zlvei Handzober mit Wasser bereit halten. Mit einem hatten sie dem, der die Spritze führte, zur Hand zu gehen, der andere mußte für ein etwaiges zweites Feuer reservirt werden. Sämnttliche Pferdebcsitzer waren verpflichtet, sich mit ihrem Material bei den Brunnen einzufinden, um die Wasserkübel zum Feuer„zu rücken". Anch„des Rathes Stadtpferde" wurden hierzu ver- wandt. Von den Bürgermeistern mußten die„regierenden" auf dem Rathhause sein und Obacht geben,„wie und Ivo jeder seine Gebürniß abzulegen habe". Die„nicht regierenden" hatten das gleiche ans dem Brandplatz selbst zu thun,„wofern sie nicht ihr Alter oder ihre Schwachheit davon abhielt". Ebenso hatten sich auf ergangenen Glockenschlag alle Maurer und Zimmerleute, Meister und Gesellen, mit ihren, Handiverkszeug beim Feuer einzufinden, um abzubrechen, was nöthig lvar.— Aus dem Thierlcben. Iv. Wechselnde Farben bei Schmetterlings- puppen. Vor der Entomologischen Gesellschaft in London hielt in der ersten Ottobersitzung F. Mcrrifield einen Vortrag über seine neuesten Erfahrungen in der Schmetterlingszucht. Er wollte bei seinen Versuchen feststellen, ob verschiedenfarbiges Licht einen Einfluß auf das Lleutzere der Schmetterlingspuppen besäße. Er setzte dazu die Larven zweierbekannter Schinetterlingsarten, des Hecken- odcrRübiaativcißlings l und des Schwalbenschwanzes in Käfige, deren Wände aus ver- 1 schiedenfavbigen Glasen, bestanden. So wurden die Larven des Heckenweißlings z.B. so eingesetzt, daß sie von der einen Sette orangefarbenes Licht erhielten, während das Licht auf der anderen Seite durch schwarzes Glas ganz abgehalten wurde. Sämmtliche Puppen bis auf vier wurden auf der den, orangefarbenen Lichte zugewandten Hälfte des Käfigs grün mit sehr kleinen schwarzen Flecken gesprenkelt, die Puppen auf der schwarzen Seite erhielten eine beinschwarze Farbe mit dunkelbraunen Flecken. Merrifield betrachtet diese Erscheinung als eine zum Zwecke des Schutzes einttetende Anpassung an die Farbe der Um- gebung Der bekannte Entomologe Professor Poulton zeigte darauf eine ähnliche Reihe von Schmetterlingspuppen vor und fügte hinzu, daß nach seinen Untersuchungen die gelben Strahlen des Spektrums den größten Einfluß auf die Farbe derselben besäßen, während die Wirkung gegen das rothe sowohl wie gegen das violette Ende des Spektrums abnahm. Er hält danach die Wirkung nicht für ein Er- gebniß der Schntzfärbung, sondern für einen diretten Einfluß der ver- schiedenfarbigen Lichtstrahlen.— — Osmasdon berichtete kürzlich in„Nature" über eine an« ziehende Beobachtung an den Braunheherlingen(Orateropus canoruni) Indiens. Ein junger abgerichteter Habicht(Astur badius) wurde auf eine Gruppe dieser an der Erde Futter suchenden Vögel losgelassen und ergriff nach kurzer Jagd einen derselben. Aber die anderen verließen ihn nicht, sondern kamen ihm, sobald sie sein Geschrei hörten, zu Hilfe, indem sie den Habicht mit Schnäbeln und Krallen gemeinsam angriffen und ihn zwangen, seine Beute fahren zu lassen. Dasselbe tritt jedesmal ein, wenn ein Bramr- heherling in Gefahr geräth, und Genossen in der Nähe sind.— („Pro»,.') Hmnoristisches. — Schöne A n s si ch t.„Sic, Bader, warnm laffen Sie denn die Tische und Stühle hinaustragen?" „Ja, Ivisscn Sie, hier will einer einen Zahn gezogen haben, und da darf mir nichts im Wege st e h' n I"— — Schön gesprochen. Arzt(zur Wärterin):.... Mso nicht ivahr: den Eisbeutel binde ich Ihnen auf die Seele und den Prieß»itz-U», schlag lege ich Ihnen ans Herz— auch das Fußbad, bitte ich Sie, i», Kopfe zu behalten I"— — Ein Pechvogel.„... O, meine Gnädige, ich habe in n, einen, Leben dreimal unglücklich geliebt!" „Was Sie nicht sagen, Herr Kanzleirath! Wie ging denn das zu?" „Nun, das ist ganz einfach I Meine erste Geliebte ging ins Kloster, meine zweite hat einen Anderen geheirathet I" „Und Ihre dritte?" „Meine dritte? Nun, die ist jetzt— meine Frau!"— („Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Im Dorfe U f h o v e n bei Langensalza fand man in, Haifle eines ZimmermeisterS die Leichen eines vier Wochen und eines ein Jahr alten Kindes; die erstere war im Kleiderschrank versteckt, die andere im Keller vergraben. Der Ziminenneister, dessen Frau sich seit Jahren in einer Anstalt befindet, und seine Haushälterin wurden verhaftet.— — In H a v e k o st(bei Lübeck) legte ein vierzehnjähriger Schul« knabe Feuer an. Bei den, herrschende» Sturm wurde» vier Gebäude völlig eingeäschert.— — In W i e s b a d.e„.fiel beim Arbeiten an der Telephon« I e i t u n g ein Draht auf die Leitung der elektrischen Straßenbahn herab.?ln der Berührnngsstelle schlugen die Flammen empor. Die Feuerwehr, mußte die Drähte zerschneiden. Aus dem. Telephonanit fielen infolge der Berührung fast sämmtliche 700 Klappen herab.— — Im Frühjahr entstand plötzlich unter den Hunden in Stuttgart eine größere Sterblichkeit; es herrschte zuerst die Ansicht, daß von bösivilliger Hand den Thieren Gift gegeben wurde. Inzwischen hat jedoch die Sterblichkeit noch zugenommen, und es hat sich nach Stuttgarter Blättern herausgestellt, daß die Thiere einer Seuche zum Opfer gefallen, die in ihrer äußern Erscheinung große Aehnlichkeit mit der beim Rindvieh vorkommenden Maul- und Klauenseuche hat.— — In M ö n ch b e r g(Württemberg) hat ein Bauer seinen beide» Kinden, im Alter von zwei und drei Jahren, weil sie„etwas laut" waren, einen Steinkrng auf den Köpfen zerschlagen, sodaß sie schiver verletzt darnieder liegen.— — Im A g r a m e r National-Theater verwundete ein Schau« stiel er seinen Partner schiver im Gesicht, da das Gewehr, womit er ihn an, Schlüsse des Stückes zu erschießen hatte, g e« laden war.— — Im Hafen von Fiume erstickte ein Taucher bei der Arbeit in einer MeereStiefc von 17 Metern.— — Durch das Platze» von Kesselröhren wurden auf einem amerikanischen Torpedoboote vier Mann getödtet und drei verwundet.— Berantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.