Hlnterhaltungsblalt des vorwärts Nr. 209. Mitttvoch, den 26. Oktober. 1898 (Nachdruck verboten.) 17z Aeu- Ksrkhago. Roman von Georges Eckhoud. Bejard ist mit gesteigerter Aufmerksamkeit um Gina bemüht. „So sind Sie denn also mit meinem Glück aufs innigste verbunden," sagte er nicht ohne Absicht.„Ich freue mich, in dieser„Gina", die niir gehört und die, wie ich nicht zweifele, ihrem Namen Ehre machen wird, ein klein wenig von Ihrer Person wieder zil finden. Die Engländer, unsere großen Lehrmeister in allen Handclsdingen, haben den Schiffen die Auszeichnung zu thcil werden lassen, sie mit den Frauen in Perbindung zu bringen. Für sie haben alle Dinge ohne Unterschied den sächlichen Artikel, nur die Schiffe gehören dem schönen Geschlecht an..." „Ich komme mir neben der imposanten Matrone da recht klein und unansehnlich vor." antwortete Gina lachend.„Es erscheint mir kaum glaublich, daß ich sie über das Taufbecken gehalten haben soll, es sieht wahrhaftig eher danach aus. daß sie mich in ihren Schutz nimmt. Und deshalb war ich auch vorhin so aufgeregt. Ich habe wirklich die Fassung verloren, es wurde mir schwarz vor den Augen---" Herr Dobouziez, der ob des Erfolges seines Töchterchens in freigebigster Laune ist und der im übrigen stets darauf bedacht ist. sich dem Brauche anzubequemen und sich vor der Oeffentlichkeit nicht knauserig zu zeigen, hatte den Auf- scher der Arbeitskolonne rufen laffcn und überreichte ihm fünf Louisdor mit den Worten:„Hier haben Sie ein kleines Tauf- geschenk. Vcrtheilen Sie das Geld unter Ihren Leuten und legen Sie es in Getränken an!" „Na, so was!" knurrte Saint-Fardier dem neben ihm stehenden Bejard ins Ohr.„Die Kerle können sich so schon kaum noch auf den Beinen halten. Ich würde ihnen ein anderes Trinkgeld geben! Sie sollten mal sehen, wie ich Montags meine Arbeiter nüchtern zu machen pflege I" Nachdem die„Gina" einige Drehungen und Manöver ausgcfiihrt hatte, um sich den Kennern und Neugierigen, die hier versammelt waren, im vortheilhaftcstcn Lichte zu zeigen, wendete sie und dampfte dem Hafen zu. Dort machte sie am Quai an dem für sie bestimmten Platz fest, um ihre Aus- rüstung zu vollenden, ihre Besatzung, die Ladung und die Passagiere an Bord zu nehmen. Der Verabredung zwischen Rheder und Kapitän ensprechcnd sollte das neue Schiff in acht Tagen seine erste Ausreise antreten. Dupoissy, den der mäßige Erfolg seiner Verse arg ver- schnupft hatte, war mit dem gefüllten Champagnerglas an das Wasser herangetreten und sah die Umstehenden mit dem Auf- merksamkeit heischenden Blick eines Artisten an, der sich an- schickt, einen neuen Trick auszuführen. Aller Augen wandten sich ihm zu. Der Mann aus Sedan hatte die Zeit dazu benutzt, Glas auf Glas hinunter- zustürzen und sich einen kleinen Schwips anzutrinken und er- innerte sich plötzlich der Eheschließung des Dogen mit dem Adriatischen Meer und der althcidnischen Opferspenden, die man dem Ozean darbrachte, um sich Neptun und Amphitrite geneigt zu niachen. „Möge dieser Bacchustrank, den ich dem Beherrscher der Wogen spende, unserer herrlichen„Gina" der Elemente Huld erkaufen."' Er sprach's, neigte sich, erhob sich in edler Pose auf eineni Bein und schüttete den Inhalt des Glases in den Fluß. Dabei wäre der dicke Mann aber um ein Haar mit ins Wasser gefallen, wenn ihn Bcrgmans nicht noch im letzten Augen- blicke am Rockschoß zu packen gekriegt hätte. Die Zuschauer gaben durch Beifallklatschen und fröhliches Lachen ihrer Freude über den vergnüglichen Zwischenfall lauten Ausdruck. „Unser Barde scheint wahrhaftig die Absicht zu haben, in der Scheide ein Bad zu nehmen." scherzte Frau Vanderling. „Nehmen Sie sich in acht, Herr Dupoissy, die alten Götter der Scheide»vollen augenscheinlich von Ihrer Parodie ihrer Opfcrbräuchc nichts wissen." bemerkte Bcrgmans spöttisch. „Freilich, freilich, ich bin ja ein profaner Eindringling, ein Fremder! Was?" gab der angebliche Tuchfabrikant spitz statt jeden Dankes seinem Retter zur Antwort.„Es ist ja wohl nur dem reinblütigen Antwerpener erlaubt, die altüberlieferten Bräuche wieder ins Leben zu rufen?" „Wenn Sie's so verstehen wollen, meinetwegen!" er« widerte Bergmans lächelnd. Die Herrschaften rüsteten sich zum Aufbruch und bestiegeil die Wagen, die sie nach der Stadt zurückbrachten. Für den Nachmittag war für das Arbeiterpersonal ein Ball auf dem Werftplatz in Aussicht genommen. „Gnädiges Fräulein werden doch gewiß auch an der Belustigung der braven Leute theilnehnien?" wandte sich Bergmans schüchtern an Regina. Sie zog verächtlich das Mäulchen schief und antwortete: „Pfui, das werde ich hübsch bleiben lassen l Für Volksbeglücker Ihrer Art schickt sich das, nicht aber für mich. Für Sie wäre Laurent just der rechte Mann I" „Wer ist das?" „Ein sehr entfeniter Vetter von mir— entfernt im eigentlichen und bildlichen Sinne des Wortes, denn er be- findet sich zur Zeit ein paar Hundert Meilen von hier in einer Erziehungsanstalt— der, wie Sie, dem gemeinen Volk besondere Aufmerksamkeit schenkt. Nur kann er weder wie Ihr Freund Marbol die Entschuldigung geltend machen, das Gesindel zu malen und sich dafür Geld bezahlen zu lassen, noch hat er wie Sic die Aussicht, eininal Präsident der Re- publik und freien Stadt Antwerpen zu werden!" Mit aller Absichtlichkeit hatte sie Paridael zum Vergleiche herangezogen. um Bergmans mit dem Schüler in eine Parallele zu stellen, die in ihren Augen wenigstens eine arg verletzende Bedeutung hatte. Sie trug es Bergmans nach, daß er sich während der ganzen Feierlichkeit so gut wie gar nicht um sie bekümmert und sie die ganze Zeit mit Bojard allein gelassen hatte. „Zwischen unseren Anschauungen und Gefühlen bestehen nun einmal Gegensätze, die uns wie ein Abgrund trennen," dachte Door.„Ich will gewiß das Unmöglichste versuchen, ihn zu überbrücken.... Sie ist doch verständig genug, und ich zweifle auch nicht, daß es ihr im Grunde nicht an Ehr- lichkeit und gerechter Urtheilskraft fehlt, und wenn sie nnch liebte, würde es mir unschwer gelingen, sie für meine Lebens- arbeit und mein Lebensziel zu interessiren. Ich würde sie f[ewiß zu einer treuen Bundesgenossin erziehen. Ja, wenn ie mich nur liebte! Denn trotz all ihrem närrischen Hoch- muth, ihrer dünkelhaften Protzigkeit und ihren Vorurtheils- schrullen bin ich der Meinung, daß sie in diese Gesellschaft nicht hineinpaßt. Sie ist mehr Werth als ihre Eltern, oder hat wenigstens das Zeug, sich zu höherer Vollkommenheit zu entwickeln. Schade, daß ich unfähig bin, mit den gcld- mächtigen Bewerben! zu konkurrircn, die ihr beständig den Hof machen!" X. Wieder war ein Jahr ins Land gegangen. Laurent er- hielt endlich die Erlaubniß, für einige Wochen in die Heimath zurückzukehren. Dobouziez unterwarf ihn einem summarischen Examen, aus dem unweigerlich hervorging, daß der Junge es sich mehr als je hatte angelegen sein lassen, gerade die Gegenstände zu bevorzugen, auf die der Vormund am aller- wenigsten Werth legte, oder sie in einer Weise zu pflegen, die den Ansichten des praktischen Kaufmanns schnurstracks entgegenlief. So hatte er beispielsweise statt sich mit neueren Sprachen zu beschästigen, deren Kenntniß für einen Handels- korrespondenten ein unbedingtes Erforderniß ist, über allerlei albernen literarischen Hirngespinsten gebrütet. „Herr, du meine Güte," polterte Vetter Guillaume,„als wenn nicht schon gerade genug dummes Zeug in französischer Sprache geschrieben würde!" Laurent war ein hochaufgeschoffener, stämmiger Bursche geworden mit rothen Pausbacken und glatt zurückgestrichenem Haar, der sich einer geradezu pöbelhaften Gesundheit erfreute. Aber diese robuste Gestalt, diese plumpe und urwüchsige Physiognomie war die trügerische Außcnform, die ein viel- gestaltetes, überaus eindrucksfähiges Innenleben verbarg. Ein überquellendes Liebesbedürsniß, eine blühende Einbildungs- kraft, ein leidenschaftliches Temperament und ein Herz, das laut für Gerechtigkeit und Wahrheit schlug, das waren die Grundelcinente seiner Wesensart. Seine nach außen zur Schau getragene Gleichgiltigkeit, die in einer uniiberhmidlichcn Schüchternheit und einer langsamen und schwerfälligen Sprech- und Ausdrucksweise ihre Ergänzung fand, stand in argem Miß- Verhältnis; zu dem fast krankhaft gesteigerten Sinnenleben und der nervösen überempfindlichen Sensibilität. Es war ein wahrer Lavastrom heißer Begierden und schwcrmüthiger Regungen, der unter der erstarrten Oberfläche brodelte. Schon von der frühesten Kindheit an waren in Laurent's Charakter seltsame und widerspruchsvolle Züge hervorgetreten, die die Eltern mit Sorge für die Zukunft erfüllt hatten. Die Vorahnung der Prüfungen, die ihm das Schicksal vorbehielt, machte den Eltern den Spätgeborenen nur noch theuerer. Aber außer den geliebten Angehörigen, denen Blutsgemein- schaft und Nachcmpfindungsvermögen die verborgenen Schätze in der Seele des Kindes enthüllten, war kaum einer, der Laurent nach Verdienst gewürdigt hätte. Es ließ sich nicht leugnen, daß auch die schärfste Beobachtungsgabe an dem Jungen zu schänden werden mußte, der jeder Annäherung auswich und durch sein Aeußeres wahrlich nicht für sich einnahm. Entweder hinderten hn falsche Scham und Schüchternheit, den Ueberschwang seiner Gedanken und Gefühle überhaupt laut werden zu lassen, oder wenn er es ja that, so geschah es in Worten, deren über- triebene Heftigkeit weit über das Ziel hinausging, das Her- Ommen und Brauch gesetzt haben. So konnte es gar nicht fehlen, daß Laurent stets falsch oder gar nicht verstanden wurde. Die Besten und Hell- äugigsten täuschten sich bei der Beurthcilung seines Charakters oder nahmen an der zügellosen Begeisterung und der bis zum Aeußersten gehenden Schroffheit seiner Ausführungen Aergerniß. Solch maßlosen Wallungen überschäumender Heftigkeit folgte dann unvermittelt der Rückschlag seelischer Niedergeschlagenheit. Kein Wunder, daß Laurent unter seinen Mitschülern keinen Freund fand. Er wäre gewiß der Prügeljunge der Anstalt geworden, wenn seine hage- büchenen Fäuste die rauflustigen Kameraden nicht in Schach gehalten hätten. Der vorzeitige Tod der Seinigen hatte zwar nicht dazu beigetragen, ihm das Leben zu verleiden, wohl aber hatte er seitdem gekernt, es nach seiner Weise aufzufassen. Er war immer schweigsamer und verschlossener geworden. Wie er jeder Zumuthung, die man an seine opferfreudige Hingabe und an sein Zartgefühl stellte, gern und willig Folge"leistete, so war er auch für jedwede schwärmerische Idee leicht Feuer und Flamme und würde unter gewissen Umständen dem Laster ein Fürsprecher geworden sein und das Verbrechen verherrlicht haben. Je nach den Umständen konnte er ein Märtyrer oder ein Mörder, vielleicht auch beides zugleich werden. (Fortsetzung folgt.) Die Ausstellung der Ueo-Impresfionisteu ist in dem neuen Kunstsalon von Keller und Reiner*) am Sonnabend eröffnet tvorden. Damit ist zum ersten Male in Berlin eine moderne Richtung der Malerei in ihren ursprünglichen Ver- treter» zu sehen, die den Anspruch erhebt, durch ihre Technik über jede frühere Richtung hinausgekommen zu sein. Eine solche Aus- stellung erfordert eine andere Betrachtungstvcise als die üblichen. Sie will historisch beurtheilt sein, und es kommt darauf an, ihren Platz in den, Entwickelungsgang der modenien Malerei festzustellen. Das Ziel, das zu erreichen die modernen Maler unablässig gerungen haben, ist: den unmittelbaren Eindruck, den wir von der Natur empfangen, auch im Bilde wiederzugeben. Bor allem galt eS, die perspektivische Vertiefung, in der uns die Dinge in der Wirklichkeit erscheinen, so darzustellen, daß man vor einem Ausschnitt aus der Natur, in dem der Blick durch den Rahmen lvic durch ein Fenster in weite Fernen geht, und nicht vor einer bemalten Lein- wand zu stehen meint. Das wesentliche Mittel für den modernen Maler, diesem Ziel näher zu kommen, war von vornherein die Farbe. Durch scharfe Beobachtung und Betonung der Nebcnwerthe, der unendlich feinen Variirungen, welche die Lokaltöne durch das Spiel der Lust und des Lichts erfahren, gelang es, den gesuchten Eindruck in immer gesteigertem Maße zu erzielen. Eine Schwierigkeit aber stellte sich diesem Streben entgegen: die Leuchtkraft und der Glanz der Farben, also das Schönste, was der Malerei zu Gebote steht, schwand in demselben Maße, als die einzelnen Farbentöne reicher nuancirt wurden. Man kam schließlich dahin, daß ein eintöniges Grau die Grundfarbe in allen Bildern wurde. Ganz abgesehen davon, daß ein solches Bild der Natur keineswegs mehr entsprach, da deren Farben unter dem Lichte der Sonne eine außerordentlich viel höhere Leucht- lraft besitzen als die der Palette, die Freude des Malers an den *) Potsdaincrstr. 122. Die Ausstellung ist auch am Sonntag von il— 3 Uhr geöffnet. Eintrittspreis 50 Pf. vollen Farben ließ sich nicht auf die Dauer in dieser Weise unter- drücken. Die letzten Jahre brachten eine entschiedene Reaktton gegen das Grau, die vielfach auf Kosten der mühsam errungenen Natur- Wahrheit mit kräftigen leuchtenden Farben arbeitete. In diesen Zusammenhang ist die neue Richtung, der Reo- Jnipressionismus, einzuordnen. Was er ersttebt, ist die höchste Steige-. rung von Licht und Farbe. Er will sie erreichen durch eine prismatische Farbenzcrlegung. Mit einer wissenschaftlich durchgebildeten Theorie tritt die neue Richtung auf, die sich auf die Thatsachen der Physik und Physiologie stützt. Paul Signac, einer der Besten unter diesen Malern, hat sie in dem kürzlich erschienenen Heft des„Pan" auseinandergesetzt. Die Neo-Jnipressionisten bringen nicht den fertigen, gemischten Farbenton auf die Leinwand, sondern sie analysiren ihn und setzen die einzelnen Elemente, aus denen er sich zusammensetzt, Lokalsarbe, Beleuchwngsfarbe, Reflexfarbe u. s. w., getrennt auf die Lein- wand. In der Nähe betrachtet, weisen ihre Bilder nichts als scheinbar wirre Haufen von Facbenflecken auf. Es bleibt der Netzhaut des Auges überlassen, diese Einzelfarben zu einem�Gesammtbilde zusammenzusetzen. Sie nützen die physiologische Thatsache aus, daß auf der Netzhaut kein optischer Eindruck in seiner Wirkung auf den Raum beschränkt bleibt, den seine Lichtivellen gerade treffen, sondern daß er auch auf die benachbarten Theile übergreift und die in diesen gerade vorhandenen Farbenempfindungen modifizirt. Natürlich ein- pfängt diese Stelle auch eine Rückwirkung, und so werden bei räumlich so eng begrenzten optischen Eindrücken wie den Farbenflecken Mischungsprozesse hervorgerufen, deren Resultat eine einheit- lich farbliche Empfindung ist. Dieser Prozeß tritt um so deutlicher in die Erscheinung, je kleiner jeder auf der Netzhaut getroffene Fleck ist. Sicht man ein solches Bild ganz aus der Nähe, so erscheint jeder einzelne Pinsclstrich in seiner Besonderheit, da die Stelle, die die von ihm hervorgerufenen Lichtwellen auf der Netzhaut bedecken, relativ groß ist; tritt man zurück, so werden die Bilder der einzelnen Stellen auf der Netzhaut kleiner und kleiner und der Mischuiigs- Prozeß vollzieht sich»mmer vollständiger. Mit dieser physiologischen Grundlage ist die Theorie der Neo- Impressionisten natürlich nicht erschöpft.' Sic haben auch iin einzelnen bestimmte Anschauungen über die Farbenverhältnisse. Sie wägen die einzelnen Elemente gegen einander ab und bedienen sich des Konttastes der Komplementärfarben als des wichtigsten Ausdrucks- mittels, sie fordern— und das ist für die Farbenmischung von großer Wichtigkeit,— daß die Größe der einzelnen Farbenflccken in einein wohl abgewogenen Verhältniß zur Größe des Bildes selbst steht, so daß für jedes Bild je nach der Größe ein bestinnntcr Ab- stand der günstigste ist. Sie»vollen, daß Linie und Farbe zu« sammcnwitcken und daß beide sich zu harmonischer Wirkung im Bilde vereinen. Signac schreibt den Linien»vie den Farben Ausdrucks- fähigkeit zu: er verlangt z. B.. daß auffteigende Linien, die Freude ausdrücken. sich mit»varnien, hellen Tönen, fallende dagegen, die Trauer verkünden, mit dunklen Tönen gesellen. Man wird sich darüber klar sein müssen, daß diese Farben- anschaunng durchaus nicht etivas absolut Neues, sondern nur die konsequente Fortcntivickelung von im Keime längst vorhaudenen Tendenzen ist. Einmal ist es eine alte Erfabrung, daß die Farben um so trüber werden, je mehr der Maler sie mischt, und daß klare, leuchtende Nuancen nur durch völlig reine Farbstoffe herausgebracht werden können. Was ist es sonst anderes, das die Maler dazu treibt, mehrfaches Uebergehcn derselben Stellen auf der Lei»wa»d zu vermeiden und möglichst ä In prima henniterzumalcn! Andererfcits ist das starke Blau der Schatten schon jedem aufgefallen, der moderne Bilder gesehen hat. Sie entspringen demselben Prinzip: Da man die durchsichttgen blauen Töne der Schattenpartien nicht niit der noth- Ivendigen' Klarheit»viedergeben konnte, wenn man sie mit dett Lokaltönen gemischt darstellte, so zog man sie heraus und gab siß gesondett, steigerte sie auch»vohl in ihrer Jtensität. Die neue Richtung dehnt diese Technik nur auf alle Farben aus. Signac ist sich dessen auch durchaus beivutzt; er bemüht sich sogar, die Ber- bindung mit der früheren Entwickclung herzustellen. Eine andere Erivägung scheint dagegen einen schlvcrtviegcndcn Eintvand darzustellen. Bisher und gerade in der modernen Malerei wird ein besonderer Nachdruck daraus gelegt, daß die Technik ihren eigenen Bedingungen entspreche: das Arbeiten mit dem Pinsel erfordert eine breite, große Strichfiihrnng, und nur schlvächliche Künstler können an mühsamer spitzpinseliger Strichelei Gefallen finden. Je kühner die Pinselhiebe auf der Lciinvand„sitzen", um so beivundernsiverther scheint uns die Technik des Malers. Die Feinheit der Strichfiihrung gicbt den Bildern besondere künstlerische Qualitäten, und diese fallen bei der neuen Technik ganz fort. Hat der Maler einmal die für den Ein- druck bestimmenden Farbenelemente in der darzustellenden Natur cr- kannt, so braucht er sie nur auf die Malfläche zu übertragen. Diese rein technische Seite»väre also eine mechanische Thätigkcit und von Kühnheit, von Virtuosität der Technik nickt mehr zu reden. Selbst »venn dies stiminte— auf die künstlerische Wirkung käine es schließ- lich doch allein an; ließe sich so eine stärkere Wirkung erreichen, so würde dieses Opfer nicht zu groß fern. Eine genauere Betrachtung der Bilder zeigt aber, daß auch bei ihnen von einer rein mechanischen Thätigkcit nicht die Rede sein kann. Zunächst handelt es sich um Farbenflccken, nicht uin Punkte, und diese sind mit so mannigfachen» Wechsel in den Lagen, mit einer so feinen Bariirung in den Nuance» von Strich zu Strich hingeivorfen, daß man auch Bei dieser Technik die Arbeit des Pinsels als solche beivundern muß. Die künstlerische Wirkung der Bilder ist aber das entscheidende Kriterium für ihre Beurtheilung. Sie ist außerordentlich. Es sind Bilder unter den ausgestellten, die durch die Leuchtkraft und die Sättigung ihrer Farben alles, was die Malerei bisher hervor- gebracht, weit hinter sich lassen. Nicht alle Bilder sind natürlich von gleichem Werth. Uebrigens ist auch die Gruppe der Reo- Impressionisten in den fünf Künstlern, die Bilder gesandt haben, nicht vollständig vertreten; vor allem fehlen die Bilder des Be- gründers der Technik, Georges Senrat, und von Henry van de Velde, der sie vielleicht für seine Kollektiv- Ausftellnng zurückgehalten hat. Von den in der Ans- stellnng vertretenen Künstlern vermögen auch Petitjean und Crotz nicht besonders zu fesseln. Für die stillen Waldlvinkel und die badenden Jungfrauen, die der erstere darstellt, scheint die an- spruchsvolle Technik zu schwer; die Wirkung, die er erzielt, ließen sich sehr gut auch auf dem gewöhnlichen Wege erreichen. Zu einem intimen Bilde bringt er es in dem Porträt eines jungen Mädchens, das in zarten rothen und blauen Tönen gemalt ist. Unklar in der Raumwirkung, übertrieben und hart in den Farben sind die Land- schaften von Crotz; nur in einigen Strandszenerien sind ansprechende farbige Momente. Auch bei L u e e ist man nicht überzeugt, daß die neue Technik die einzige für ihn mögliche Ausdrncksweise ist. obgleich er sie, stark gemildert, für die mannigfachsten Motive anivendet, für Straßenszenen und Landschafte» wie für Interieurs. Eine schöne Farbigkeit in sonst auch gekannter Art ist ihr Vorzug. Dagegen erheben sich zwei der Neo-Jmpressiomsten weit über das geivohnte Mittelmatz, Paul Signae, der schon erwähnte Theoretiker der Gnippe, und v a n öl y 1 s e l b e r g h e. Es ist nicht möglich, die Schönheit der Landschaften Signae's auch nur annähernd mit Worten deutlich zu machen. Sie liegt in dem herrlichen Kolorit. das bei ihnr eine Leuchtkraft und eine Differenziiruilg erreicht hat, die mit der leisesten Nnaneirung unendlich viel auszudrücken iveiß. Es sind einfachste Motive: Hafeuseenerieu in Abendbeleuchtnng, ein mächtiger Baum, der gegen den purpurn schimmernden Abendhimmel steht, ein Gebäude im Schneetreiben, das ist alles. Und diese Bilder wirken wie Farbenträume. Wie der Abendhinmiel alle Schattirungen vom Goldgelb zu lichtem Grün durchläuft, wie die leichten Wolken in rosiger Glnth strahlend dahin- ziehen, wie das alles flirrt und flimmert, während auf den Ufer- bergen drüben schon die blauen Schatten des Abends liegen, wie das ganze Bild in den» leise bewegten Wasser verklärt, eine Nuance tiefer wiederkehrt, das ist von einer unendlichen Feinheit und einen» überivältigenden Reichthum. Und ans dem Bilde des Schneetreibens ist alles in einem köstlichen Blaugrau, nur hie und da leuchtet ein wenig Rothgrau auf— ein Bild voll tiefer Schivermuth. Wieder ein anderes ist ein Bild der Kraft: Tiefblaue Wolken ballen sich am Himmel, über das Wasser fährt ein erster scharfer Riß und giebt den kurzen Wellen einen stahlfarbeuen Schimmer, und ans der Mitte heraus leuchtet die noch von der Sonne getroffene gelbe Häuserreihe am Ufer. Das alles ist rein durch die jjarbe gegeben, es fehlt den Bildern die Erdenfestigkeit: sie wirke» wie glänzende Traumbilder der Wirklichkeit, nicht wie die Wirklichkeit selbst. Van Rysielberghe ist fester, ivohl auch ettvas kühler und raffi- nirter. Seine Bilder wirken schneller, stärker, geschlossener, und eins von ihnen bedeutet geiviß einen erreichten Höhepunkt»noderner Kunst. In jedem Bilde erscheint er anders. Er hat es auch allein vermocht, diese Technik für Jnterienrbilder überzeugend anzuwenden, in dem großen Bilde einer Geigerin und in dem kleineren eines Mädchens in olivgrünen» Kleide. Es ist wunderbar, wie aus den Farbenflecken in einiger Entfernung das Bild eines Ge- ficht» von zarter Farbe, belebt durch ein feines Spiel von Reflex- lichter», entlieht. Ein geradezu verblüffendes Bild ist das des Malers Signae. der in seinem Segelboot ain Steuer sipt. Nur das nittere Eckchen des Segels ist noch zu sehen, aber mau fühlt, tvie es zieht; und auf dem Wasser, das man nur in dem kleinen Raum zwischen Grvsbaum und Bootrand sieht, tanzen tausend glitzernde Sonnentupfen. Etlvas von der überschäumenden Lust, die das Spiel der Lichter auf dem bewegten Waßer an einem klaren Sonnnertage in uns her- vorruft, ist in das Bild übergegangen. Iliid dann malt Nysselberghe wieder eine Strandlandschaft, ganz in den zarten, ruhigen Tönen des Abends, lvenu die Sonne hinnbgetancht ist und nur noch ein schlvacher Abglanz am Himmel steht. Sein größtes Bild aber, auf das ivir schon hindeuteten, stellt badende Frauen an» Strande einer Meeresbucht dar. Wieder ist Abendbeleuchtnng. Die Sonne wirft rosige Glntheu über die Szene. Frauen, halb oder ganz entkleidet, lagern in wohliger Ruhe auf dein Strande, eine steigt aus dem Meere, andere tummeln sich noch im Bade. Wieder schimmert der Wasserspiegel in bezaubernde» Farbe». Wie diese schönen Körper unter den Strahlen der Sonne roth glühen, ivie sich die warmen Töne mit den kalten blauen Schatten mischen, das ist von einer nie zuvor erreichten Lebendigkeit. Mau fühlt die Llift, die diese Gestalten umschwebt.— Oskar Kühl. Vleines.Xcuillekou. Der Sieg der Kleinen.(Nachdruck verboten.) Der große Niesenbazar an der Ecke des Marktplätze» und der Breiten Straße war eröffnet. Ganz Lämmerstadt hatte sich satt gegafft und viel gekauft. Die kleinen Gewerbetreibenden waren verzweifelt. Selbst der„Lämmerstädter Anzeiger", der während der letzten Wochen seine neutrale Haltung unter den schwierigsten Verhältnissen durchgeführt hatte, mußte den großen Erfolg zugeben. Nach einigen Wochen jedoch begann der Zulauf im Bazar nach- zulassen. Die Krämer schöpften ivieder Mnth. Nur zwei, ivelche die beiden Nachbarlädeu des Bazars innegehabt hatten, verkauften ihre Geschäfte an zivei junge Leute aus der Residenzstadt, und zwar zu sehr günstigen Bedingungen. Die beiden Anfänger brachten ivieder Leben m den Karpfenteich. Täglich ließen sie eine seitenlange Annonce im„Anzeiger" los, die ihre Spitze hauptsächlich gegen den Riesenbazar richtete. Dieser antivortete mit einem zwei- seitigen Inserat. Der Besitzer des„Anzeigers" rieb sich die Hände. Die Lämmerstädter spitzten die Ohren und stürmten die beiden kleinen Kaufläden, in denen mit beivimdenlsiverther Rührigkeit stets die Arsikel, die der Bazar brachte, um 1l) und 20 pCt. billiger verkauft wurden. Die Pleite des Bazars Ivar nur noch eine Frage der Zeit. Und richtig, ein halbes Jahr später, konnte der„Anzeiger" die für niemand mehr überraschende Meldung bringen, daß der Riesenbazar mit dem gestrigen Tage in den Besitz der beiden jungen Anfänger über- gegangen sei, und daß sie in den alten nnd»eile» Ränmen ihre reellen iind bewährten Geschäftsprinzipien Iveiter zur Geltung bringen würden.„Eins ist damit jedenfalls bewiesen", schloß der Anzeiger, „daß der intelligente und strebsame Kleinhändler den sogenannten „Kaufhäusern", die nur auf ihr Kapital pochen, noch immer gewaltig überlegen ist". Die Lämmerstädter theilten diese Ansicht durchweg und drängten sich seitdem begeistert nnd ohne weitere Gewissensbisse Tag ei»,' Tag aus in den weiten Räinnen des Riescnbazars. Die Hälfte der Kleinhändler schloß ihre Läden. Der bisherige Besitzer des Bazars packte gleich nach der Geschäftsübergabe seine sieben Sache». Es hieß, daß er in einer anderen Kreisstadt, ganz am Ende der Provinz, einen neuen Bazar eröffuen ivolle. Er that es auch, hatte aber wieder Pech, da kurz darauf zivei schneidige, junge Kaufleute aus der Residenz sich in den Nachbarläden festsetzten. So erging es ihm noch viernial. Da setzte er sich zur Ruhe nnd lebte einen schönen Tag. den er sich als that- sächlicher Eigenthünier von sechs gut gehenden Provinzbazaren nun ivohl leisten' konnte. Franz Kahler. Musik. — Zwei Konzerte verdienen est» Bormisgreifei» vor unseren Wochenbericht. Am Montag wurde Bruckner's Symphonie Rr. 2 L-ckur von den P hi l h arm o ni t eru unter Nikifch als Neuheit aufgeführt und errang einen großen Erfolg, mag dieser auch noch keinem Hineinhören des Publiklmis in diese ungewohnte Kompositions- iveise entsprungen sein. Bruckner's Musik will ohne Anspruch auf Melodien, auf tanzähnliche Rythmen, auf Figurationen und auf klare Einheitlichkeit gehört sein nnd verlangt ein gespanntes Ver- folgen der zahlreichen, in allerlei Wendlingen mit einander ver- siochteneu Motive soivie ein Herausfühlen der reichen Kombinationen von Stininningen. zumal der Verbindung„gelehrter" Schul- »leisterei nnt naiver 5iindlichkeit und hellem Humor. Die Philharmoniker brachten das auf einen ganz besonders prägnanten Vortrag ailgewiesene Werk und namentlich die ge- ivaltige bis zum Eintritt eines zweiten(Blech-) Orchesters geführte Steigerung des Schlusses wirkungsvoll heraus. Sie vollführten damit wieder ein Stück„Rettung" eines angeblich verkannten und in der That lange verkannt gewesenen Genius, für de» jedoch seit 1 bis 2 Jahrzehnten iir einer Weise Lärm geschlagen wird, daß einem derart ungerechten Parteitreiben entschieden entgegengetreten werden»uiß. Herr Nikifch kann ganz ivohl wissen,>vaö unseren Konzertprogrammen außerdem noch fehlt.— An jene Novität schloß sich der Vortrag von Beethoven's Violinkonzert durch Herr» B u r- m est er. Unsere Freude insbesondere über den idealisirten Ton, mit dem der Künstler spielte(wir hörten nur den 1. Satz) sagt bei seiner Beliebtheit wohl nichts Neues. Eine Streichquartett- Gesellschaft, die Amsterdamer Pro- fessoren, führte sich am 22. Oktober im Saal Bechstein neu ein. Sie spielen, wie es jetzt überhaupt Mode zu iverden scheint, mit so zarter Zurückhaltung nnd so„klassischer" Keuschheit, daß die Plastik nnd manchmal selbst die Deutlichkeit leidet; namentlich gilt dies vom ersten Geiger, Herrn C r a vi e r, der doch Ivahrlich mehr loLlegen kvuute. Mit dieser Einschränkung aber konnten wir uns über das meisterhafte Zusammenspiel, über den vollendet schönen 5ilang der Streicher und zuletzt über Herrn R i s l e r, der— nach Haydn v-äur und Beethoven b'-moU— in Schumann's Klavierquintett den Klavier- Part mit kräftigem, in diese m Verhältuiß wohl z u kräftigem Ans- druck spielte, nur auf's lebhafteste freuen.— sz. Archäologisches. üg. Von sehr beiiierkenSiverthen archäologischen Funden in N o r d a f r i k a machte Gauckler in der �.eackomi« ckss In- soriptions zu Paris Mittheilung. An verschiedeneu Stelleu sind dort große römische Mosaiken gefunden worden, die in da» Museum von Bardo(in Tunis) übergeführt wurden. Die wichtigste derselben wurde in einer römischen Stadt in Tunis, in Medeina entdeckt. Es ist eine Art von sigürlichem Katalog für die Meer- und Flußschiff- fahrt etwa in der Mitte des zlveiten Jahrhunderts u. Chr., dar- gestellt auf einem mächtigen Mosaikpfläster in der Form eines Kreuzes. An den einander gegenüberliegenden Enden des Kreuzes entsprechen sich einmal die Darstellungen eines Meer- und eine» liegenden Flnßgottes, das andere Mal zwei Küstenland- schaftcn. In der Mittc aber sind ans den fischreichen Flnthc» eines azurblauen Meeres ftinfundzwaiizig Schiffe dargestellt, alle von ver- schiedcnen Typen, Jedes von ihnen ist mit seinem lateinischen Namen bezeichnet; daneben steht der entsprechende griechische und ein Zitat auö einem lateinischen Dichter als Kominentar. Von den stebe» vollständigen Hexametern, die hier gefunden wurden, sind vier überhaupt»och nicht bekannt, drei stammen aus Ennius, Lucinius und Cicero, Dieses Verzcicbnisz der Schiffe ist für das Studium der antiken Schifffahrt von außerordentlicher Bedeutung; es bietet uns die Bilder von nicht weniger als 15 römischen Schiffstypen, die bisher nicht einmal dem Namen nach bekannt� waren, und von vielen der übrigen erhalten wir eine deutliche Vorstellung, Ivo wir bisher nicht viel mehr als die Namen hatten. Zwei andere Mosaiken mit Darstellungen aus dem Leben sind in Karthago entdeckt worden. Sie fallen in die Zeit des Konstantin sgeff, 337 n. Chr.). Die eine zeigt verschiedene Episoden aus einer Jagd, besonders die Gefangennahme eines Löwen und die Darbringuug eines Opfers für Apollo und Diana; im Schutz des Tempels, vor dem diese Zeremonie stattfindet, stehen die Statuen der beiden Gottheiten aus Gold und Elfenbein. Die andere Mosaik hat zum Gegenstand eine Szene bei einem Gastmahl; 25 Personen sind im ganzen dabei betheiligt, Tischgenossen, Mund- schenken, verschiedene Diener, ein ganzes Orchester und Tänzerinnen, die mit einer Art Klappern ausgerüstet sind. Ein Umstand ist in dem Bilde sehr bemerkenswerth: Während die Römer bei Tisch doch gewöhnlich aus Ruhebetten lagen, hocken sie hier in türkischer Manier auf breiten Polsterbänken mit Rücklehncn, die ihnen zugleich als Sitz und als Tisch dienen, und deren Modell sich bis heute in den Kaffee- Häusern in Tmns erhalten hat.— Aus dem Pflanzenlebe»». t. Blättertragende Ob st fr ü cht c. Im borigen Jahre wurde in der Umgebung der französischen Stadt Nimcs eine auffallende Erscheinung an Obstbäumen beobachtet, die dem Botaniker Cabanss Veranlassung zu einer genauen Untersuchung und daraufhin zu einem Berichte in dein Bullethi der dortigen Naturforschendcn Gesellschaft gab. Infolge der außerordentlichen Milde des Herbstes blühte eine große Zahl von Pflanzen und besonders von Bäumen im vorigen Jahre zum zweiten Male, und diese zweite Blüthe trug sogar vielfach ihre Frucht. Man könnte diese Erscheinung daraus erklären, daß nach der ersten Fruchtenite eine Zeit' außerordentlicher Trockenheit und damit eine Zeit der Ruhe für die Pflanzen eiMrat, während deren sie ihr Laub abwarfen. Als nun im Herbst bei noch immer hoher Temperatur Regen niederkam, trieben die Bäume neue Blätter, als ob sie gleichsam in» Hochsommer eine Ueberwinterung durchgemacht hätten. Dieses neue Auffprosien trat unter den gc- wöhnlichcn Erscheinungen ein: die Zweige verlängerten sich, es cnt- wickelten sich Blatt- und Blüchenknoipen. beide entfalteten sich, und der Blüthe folgte die Frucht. So bildeten sich vielfach Kirschen, Aepfcl, Birnen und anderes Obst. Aber diese Früchte waren nicht ganz normal, und besonders die Birnen boten Beispiele einer bc- merkcnswerthen Umgestaltung. Das Außergewöhnliche be- stand darin, daß ans den Früchten kleine Blätter saßen, kleiner als die gewöhnlichen, aber doch nocki ziemlich umfang- reich, 3—4 Zentimeter lang, vollkommen entwickelt. am Rande und am Stiele durchaus den gewöhnlichen Blättern gleich. Sie saßen zuiveilen am Grunde der Frucht, dort, wo sie an ihrem Stengel haftet, oft aber auch auf der Frucht selbst, auf ihrem fleischigen Theile, endlich auch zwischen den Theilen des überbleibenden Kelches ani Ende der Frucht. Ein einziger Baum trug tv—lä Früchte zweiter Ernte� und sämmtlich boten sie dieselbe Eigenthümlichkeit. An sich ist die Thaffachc dem Botaniker nicht so ganz unerwartet, denn die Wissenschaft vertritt die Annahme, daß die Frucht sich überhaupt aus Blättern entwickelt hat, so daß das Vorhandensein dcnclbcn gewisser- maßen einen Rückschlag in eine frühere Zeit oder in einen früheren Zustand der EntWickelung bedeutet. Andererseits muß zugegeben werden, daß es ganz räthsclhast bleibt, ans lvclchcm Grunde der Obstbau diesen Rückschlag in seinen Früchten erlitt. Man kann die Veranlassung nur in den ungewöhnlichen klimatischen Verhältnissen sehen, unter welchen diese Früchte entstanden, also in dem Mangel an Sonnenlicht und an Sonnenwärme. Warum aus dieser un- günstigen klimatischen Beeinflussung gerade diese eigenthümlichcn Früchte hervorgehen, bleibt ebenso unverständlich, jedoch ist die That- fache durch eine große Zahl von Beispielen festgestellt worden. Der französische Botaniker weist darauf hin, daß ein geschickter Gärtner solche Früchte sehr wohl auch künstlich erzeugen könnte, wenn er einen ftühtragcnden Obstbaum nach der Entwickelnng der ersten Früchte willkürlich in eine» Zustand der Ruhe, gewissermaßen in einen vorzeitigen Herbst brächte und denselben dann zu einer zweiten Blüthe und Frucht zu treiben versuchte. Ein solches Experiment würde für die Wissenschaft von Interesse sein.— A»ts de»»» Gebiete der Chc»ilie. 'SS' Ein neuer ch e m i s ch e r K ö r p e r, der für die Industrie von großer Bedeutung werden kann, ist von Henri Moissan entdeckt worden und wurde von ihm Calcium-Azotür benannt. Er ist eine Verbindung des metallischen Calcium mit Stickstoff(Azotenm). Zu »einer Entdeckung führten die Experimente des berühmten �Pariicr Chemikers zur Herstellung von reinem Calcium, die diesem Forscher Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Bei zum ersten Male gelang. Das Calcium hat die Eigenschaft, mtt Stickstoff bei der Teinperatur dunkler Rothgluth sehr lebhaft in Ver- bindung zu gehen, es verbrennt dann zu einer dunkclkastanien- braunen Masse, die kleine Krystalle bildet und auf Chlor, Jod, Brom. Sauerstoff, Schwefel und Phosphor sehr encrgffch reagirt. DaS Calcium- Azotür hat die Eigenschaft, daß Bor aus seinen Verbindungen zu lösen, wird aber seinerseits bei sehr hohen Temperaturen, wie sie im elektrischen Ofen erzeugt werden, von Kohle zersetzt. Von größter Wichtigkeit ist der Umstand, daß der neue Körper sich unter heftigen explosiven Er- schcinungen in kaltem Wasser zersetzt, indem Ammoniak und ge- löschtcr Kalk entstehen. Die Bedeutung dieser Eigenschaft liegt darin, daß sie ernröglicht, den Stickstoff der Atmosphäre in beliebiger Menge in Ammoniak zu verwandeln. Vorausgesetzt, daß die Er- zeugung des neuen Körpers in großen Mengen geschehen kann, wird man also aus dem Stickstoffgehalt der Lust Ammoniak und alle Stickstoffverbindungen, wie Salpeter u. s. lv. gewinnen können, und wen» dies durch ein billiges Verfahren wird geschehen können, so muß die Erfindung auf die Herstellung von künstlichem Dünger von größtem Einfluß sein. Es muß kurz daran erinnert werden, daß der englische Physiker William Crookes erst kürzlich darauf hingewiesen hat. daß die natürlichen Vorräthe an Stickstoffvcrbindungen ihrer gänzlichen Aufzehrung entgegen- gehen, und daß dann die Landwirlhschast in eine arge Verlegenheit käme, wenn man nicht bis dahin gelernt hätte, den Stickstoff der Luft zu benutzen. Hierzu würde die Entdeckung von Moiffan die beste Handhabe bieten. Dieselbe füllt außerdem eine Lücke in der chemischen Kcnntniß aus, da die entsprechenden Stickstoffvcrbindungen von Strontium und Barnim bereits vor einigen Jahren aufgcsimdcn wurden, so daß eine gleiche Verbindung des zu derselben Gruppe von Elementen gehörigen Calcmm zu erwarten stand.— Humoristisches. — Seren issimu s gelangt gelegentlich einer Spazierfahrt über die Grenzen seines Gebietes in das benachbarte Ländchen und gewahrt einen Menschenauflauf, als dessen Ursache ihm der Dieb- stahl eines Velocipedcs bezeichnet wird, welches der Besitzer vor einem Hause hatte stehen lassen. Stolz fagt Serenisfimus zu seiner Umgebung:«Dieses Land sollte sich cui Beispiel a» meiner Gesetz- gebüng nehmen; bei mir ist der Diebstahl von Rädern verboten."— — Beim Rechtsanwalt. ,,Ja, mein Lieber, wenn Ihr den Thatbcstand nicht beschwören könnt, wird das die Gegenpartei thun und dann verlieren wir." ,.Da brauchas loa Angst, Herr Afikat, dö sau von unfern Dorf; da schwört niamand, weil'S ganz Dorf Ehrverlust hat."— — B u r c a n I r a t i s ch e S.„Ich möchte Herrn Aintsvorsiand ganz crgcbenst um Beförderung bitten; ich bin in so schwierigen Verhältnissen und habe soeben auch noch Familicuzuwachs be- kommen!"— „Ja, was ist das! Tie wollen also nach jedem Kind befördert werden. Famos lalkulirt.... Da können Sie eS ja mit Fleiß und Ausdauer noch bis zum Amtsvorstand bringen!"— („SimplicissimuS".) Vermischtes tio»» Tage. y. In Wandsbeck setzte sich eine K atze auf das G e s i ch't eines 8 Monate alten Kindes, das in seinem Wagen ohne Aussicht gelassen war; das Kind erstickte.— — Vier Kinder einer Wittwe in D ü b e»(Prob. Sachsen) erkrankten unter Bcrgiftungs symptoinen. Ein Mädchen im Alter von 13 Jahren ist bereits gestorben.— — Nach dem„Kladderadatsch" hat kürzlich in einer Leipziger Zeitung folgende merkwürdige Notiz gestanden:„Paris, 1t). Okt. Heute Bonnittaa herrschte überall Ruhe. Die Zahl der Arbeiter, die die Arbeit fortsetzen, ist dieselbe wie am Sonnabend. Nur ei» Trupp Ausständiger versuchte auf einem Bauplatze vvvvvvvv ---WWWWnationalil bffptz eniatx iat eniatt rdgo dgovdgov thätigc Arbeiter zum Niederlegen der Arbeit zu verleiten."— — 8000 Zentner M e e r r c t t i g wurden, wie die„Boss. tg." berichtet, am Freitag und Sonnabend der letzten Woche in ü b b e n a u umgesetzt.— — In der Gemeinde B i o st a n a(Serbien) wurde der Ge- mcindevorstchcr nachts von Verbrechern überfallen und ihm der Kopf abgeschnitten.— c. e. Der schwedische Forscher Rordenskjöld. der Entdecker der nordöstlichen Durchfahrt, will eine Polarexpcdition zur Er- reichung des Nordpols untcmehmcn.— c.'e. Geschworenengerichte sollen vom nächsten Jahr an auch in Sibirien eingeführt werden.— — In Sin-le- Noble(bei Lille) erdrosselte die Frau eines Bergmannes ihre drei kleinen Kinder und schnitt sich dann mit einem Rasirmesser die Kehle durch.— — Vom K o n g o wird gemeldet, daß ein M i s s i o n a r und der ihn begleitende'Kn a b c von den Negern am llbangiflusse er- mordet und verzehrt worden sind.—____ in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.